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Full text of "Die Verebung des ländlichen Grundbesitzes im Königreich Preussen"

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Die Vererbung des ländlichen Grundbesitzes 



im 



Königreich Preussen. 



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Die Vererbung 



des 



ländlichen Grundbesitzes 



im 



Königreich Preussen. 

Im Auftrage des 

Kgl. Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten 

herausgegeben von 

Prof. Dr. M. Sering. 




Erster Band: 

Oberlandesgerichtsbezirke Köln, Frankfurt a. M., Cassel, 

bearbeitet von 

Dr. W. Wygodzinski, Dr. R. Hirsch u. Reg.-Eat Holzapfel. 

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Mit7Karten. Q 
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BERLIN. 
Verlagsbuchhandlung Paul Parey. 

Verlag für Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwesen. 

SW., Hedemannstrasse 10. 

1899. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Vorwort, 



Das zunächst in Einzeldarstellungen erscheinende Werk über die Ver- 
erbung des ländlichen Grundbesitzes im Königreich Preufsen umschliefst 
das Ergebnis einer amtlichen Erhebung, welche durch die nachfolgenden 
Ministerial-Erlasse verfügt worden ist: 

Berlin, den 15. Mai 1894. 
An die sämtlichen Herren Oberpräsidenten. 

Zu den gesetzgeberischen Mafsnahmen behufs Hebung des ländlichen 
Grundbesitzes, für welche die Yorarbeiten in meinem Ministerium in An- 
griff genommen sind, gehört auch eine Änderung des geltenden Erbrechts, 
soweit dieses die wirtschaftliche Selbständigkeit des ländlichen Grundbesitzes 
gefährdet und der im Yolke herrschenden Rechtsanschauung widerspricht. 
Die letztere zu schonen und Bestimmungen zu vermeiden, welche sich mit 
dem Rechtsgefühle der Bevölkerung nicht decken, ist als erster Grundsatz 
für das weitere Yorgehen auf erbrechtlichem Gebiete zu betrachten. Dieses 
Rechtsbewufstsein aber findet bekanntlich keineswegs überall in dem gelten- 
den Intestaterbrechte seinen Ausdruck ; es äufsert sich vielmehr in der Art 
und Weise, wie sich die Vererbung thatsächlich vollzieht. Danach ist es 
für die geplante Reform von grundlegender Bedeutung, die thatsächlich vor- 
kommenden Vererbungsarten des ländlichen Grundbesitzes nach Form und 
Inhalt für die verschiedenen Teile der Monarchie mit Genauigkeit zu er- 
mitteln. 

Zu diesem Zwecke wollen Eure Excellenz die Landräte der Provinz 
gefälligst anweisen, unter thunlichster Mitteilung tatsächlichen Materiales 
eingehend über die Frage zu berichten, ob bei Vererbung des ländlichen 
Grundbesitzes, und zwar des gröfseren wie des kleineren, regelmäßig das 
geltende Intestaterbrecht zur Anwendung gelangt, oder ob der Gutseigentümer, 
von seiner Verfügungs-Freiheit Gebrauch machend, testamentarisch oder durch 
Erbvertrag über seinen Grundbesitz zu bestimmen oder denselben durch 
Hofesübergabevertrag etc. bereits bei Lebzeiten auj seinen oder seine Nach- 
folger zu übertragen vflegt. In denjenigen Fällen, in welchen das- Intestat- 



| V Vorwort. 

erbrecht durch Verfügungen des Gutseigentümers aufser Gebrauch gesetzt 
wird, lege ich darauf Gewicht, den regelmäfsigen Inhalt dieser Verfügungen 
kennen zu lernen; insbesondere kommt es darauf an, festzustellen, ob und 
in welchem Umfang in denjenigen Gebietsteilen, wo gesetzlich eine gleiche 
Teilung des Nachlasses unter die gleichberechtigten Miterben stattfindet, 
durch Verfügungen unter Lebenden oder von Todeswegen auf die Erhaltung 
des Grundbesitzes in der Hand eines leistungsfähigen Übernehmers hin- 
gewirkt wird. 

Indem ich schliefslich ergebenst bemerke, dafs ich den Herrn Justiz- 
minister um Anhörung der Amts- und Landgerichte über denselben Gegen- 
stand ersucht habe, und zur gefälligen Erwägung verstelle, ob den Land- 
räten anheimzugeben ist, sich behufs sorgfältiger Ermittelung der in Betracht 
kommenden Verhältnisse mit den Amtsgerichten ihres Bezirks in Verbindimg 
zu setzen, ersuche ich Eure Excellenz ergebenst, mir die betreffenden Be- 
richte zugleich mit Ihrer Äufserung gefälligst binnen 4 Monaten vorzulegen. 
Der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten 
gez. v. Heyden. 



Berlin, den 31. Mai 1894. 
An den Herrn Präsidenten des Königl. Oberlandesgerichts und den 
Königlichen Herrn Oberstaatsanwalt zu ... . 

Es ist für mich von Interesse festzustellen, in welcher Art und Weise 
sich die Vererbung des ländlichen Grundbesitzes thatsächlich vollzieht. 

Eure Hochwohlgeboren wollen daher die Amtsgerichte Ihres Bezirks 
veranlassen, sich gutachtlich eingehend darüber zu äufsern, ob bei Ver- 
erbung des ländlichen Grundbesitzes, und zwar des gröfseren, wie des kleineren, 
regelmäfsig das geltende Intestaterbrecht zur Anwendung gelangt, oder ob 
der Gutseigentümer, von seiner Verfügungsfreiheit Gebrauch machend, 
testamentarisch oder durch Erb vertrag über seinen Grundbesitz zu bestimmen 
oder denselben durch Hofesübergabe vertrag etc. bereits bei Lebzeiten auf 
seinen oder seine Nachfolger zu übertragen pflegt. Bezüglich derjenigen 
Fälle, in welchen das Intestaterbrecht durch Verfügungen des Gutseigen- 
tümers aufser Gebrauch gesetzt wird, ist es für mich von Interesse, den 
regelmäfsigen Inhalt dieser Verfügungen kennen zu lernen; insbesondere 
kommt es darauf an, festzustellen, ob und in welchem umfange in den- 
jenigen Gebietsteilen, wo gesetzlich eine gleiche Teilung des Nachlasses 
unter die gleichberechtigten Miterben stattfindet, durch Verfügungen unter 
Lebenden oder von Todes wegen auf die Erhaltung des Grundbesitzes in der 
Hand Eines leistungsfähigen Unternehmers hingewirkt wird. 



Vorwort. V 

Die Berichte haben sich auch auf solche vorstehend nicht angedeuteten 
Punkte zu erstrecken, welche für die Beurteilung der angeregten Fragen von 
Bedeutung sind; sie sind thunlichst mit thatsächlichem Material zu versehen, 
demnächst bei den Landgerichten zusammenzustellen, von diesen mit den 
etwa erforderlich erscheinenden ergänzenden Äufserungen zu versehen und 
mir sodann durch Eurer Hochwohlgeboren Vermittelung bis zum 15. Ok- 
tober d. Js. einzureichen. 

Der Justizminister 
gez. von Schelling. 

Durch Erlafs des Herrn Ministers für Landwirtschaft, Domänen und 
Forsten Freiherrn von Hammerstein-Loxten vom 25. September 1895 wurde 
der Unterzeichnete beauftragt, die inzwischen vollständig eingegangenen Be- 
richte der Verwaltungs- und Gerichts-Behörden unter seiner Leitung und 
Verantwortlichkeit von Mitgliedern des Staats wissenschaftlichen Seminars der 
Friedrich- Wilhelms-Universität und der Landwirtschaftlichen Hochschule be- 
arbeiten zu lassen. Im ganzen haben sich 14 Herren an diesem Werke in 
dankenswerter Weise beteiligt. Einer von ihnen, der Verfasser der Abhand- 
lung über den Oberlandesgerichtsbezirk Cassel, hat keine Beziehungen zum 
Seminare. Die Mehrheit der anderen hat demselben bei Übernahme der 
Arbeit, die Minderheit in früherer Zeit angehört. Alle Mitarbeiter kennen die 
Agrarverhältnisse ihres Berichtsgebietes aus eigner Anschauung, die meisten 
haben auf besonderen Studienreisen ergänzende Forschungen angestellt. 

Die Darstellung der Vererbungsgewohnheiten fand in dem zur Ver- 
fügung gestellten amtlichen Material eine breite und verläfsliche Grundlage. 
Denn die eingeforderten Berichte enthalten die Beobachtungen von etwa 
1700 Richtern und Landräten, deren Amtsthätigkeit reiche Gelegenheit giebt, 
die Landbevölkerung, ihre Sitten und Rechtsanschauungen kennen zu lernen. 
Nicht selten wurden auch Notare und andere Sachverständige zur Erteilung 
von Auskünften herangezogen. Die Angaben der Berichte sind durch Aus- 
züge aus den Grundbüchern und Vormundschafts -Akten, durch Abschriften 
von Üb ergäbe vertragen und anderen Dokumenten ausreichend belegt; in 
vielen Bezirken haben statistische Ermittelungen über die Häufigkeit der 
Intestaterbfolge, der Hofübergaben und letztwilligen Verfügungen stattgefunden. 
Je nach der längeren oder kürzeren Erfahrung der Berichterstatter und nach 
dem Mals des Interesses, welches sie den zu behandelnden Verhältnissen 
entgegenbrachten, erwiesen sich ihre Mitteilungen freilich als verschieden er- 
giebig. Die vorhandenen Lücken wurden durch schriftliche Rückfragen und 
persönliche Erkundigungen namentlich auch bei den Gemeindevorstehern 



Y l Vorwort. 

möglichst ausgefüllt, etwaige Widersprüche unter den berichtenden Behörden 
entsprechend aufgeklärt. Obwohl es nicht gelingen konnte, jeden Zweifel 
auszuschliefsen, darf doch angenommen werden, dafs das so gewonnene Bild 
die typischen Züge der Vererbungsvorgänge für jede einzelne Landschaft in 
bisher unerreichter Genauigkeit wiedergiebt. 

Der Wunsch, zur allseitigen Klärung des Erbrechtsproblems beizutragen, 
führte zu dem Entschlufs, mit der Darstellung dieser Vorgänge eine Reihe 
wissenschaftlicher Untersuchungen zu verknüpfen. Nach dem mit den Ver- 
tretern des Ministeriums vereinbarten Arbeitsplan sollte der Versuch gemacht 
werden, die Entstehung der Erbgewohnheiten, ihren Zusammenhang mit der 
Rechts-Entwickelung und Wirtschaf tsverfassung, ihre ökonomischen und so- 
zialen Folgen insoweit festzustellen, als es die vorhandene Litteratur und 
Statistik, die Bemerkungen und Urteile der Berichterstatter sowie die eigenen 
Beobachtungen und Erkundigungen der Bearbeiter gestatteten. 

Die Aufdeckung jener Kausalzusammenhänge begegnete grofsen 
Schwierigkeiten, weil es sich hier um höchst komplizierte Erscheinungen 
handelt, für grofse Gebietsteile brauchbare Vorarbeiten ganz fehlen und nur 
wenige Berichterstatter auf die bezeichneten Fragen näher eingegangen sind. 
Trotz des höchst dankenswerten Entgegenkommens des Königlichen Stati- 
stischen Bureaus machte sich auch der Mangel einer ausreichenden Grund- 
eigentums- und Verschuldungsstatistik stark fühlbar. Eine wichtige Er- 
gänzung fanden die vorliegenden Nachrichten über die Wirkungen der 
Vererbungsgewohnheiten durch eine Erhebung über die Berufsstellung und 
das Ergehen der Abfindlinge, welche der Herr Minister für Landwirtschaft, 
Domänen und Forsten unterm 14. September 1897 für einzelne Bezirke der 
Anerbensitte angeordnet hat. 

In der Art und Weise der Behandlung des Stoffes war dem Heraus- 
geber und seinen Mitarbeitern volle Freiheit gelassen. Sie sind deshalb für 
die Darstellung und die von ihnen vertretene Auffassung allein verantwortlich. 
Sie hatten kein anderes Ziel vor Augen, als in streng wissenschaftlicher 
Arbeit der Wahrheit zu dienen. Amtlichen Charakters sind nur die als 
solche überall kenntlich gemachten Mitteilungen aus den Berichten. 

Berlin, im Januar 1899. 

M. Sering. 



Inhalt. 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. g ei t e 

Einleitung 1 

Das Recht der rheinischen Ritterschaft 1 

Das Erbrecht des code civil 6 

I. Die thatsächliche Erbfolge 10 

Grenze zwischen den Gebieten des geschlossenen Hofüberganges und der 

Realteilung 10 

A. Gebiet des geschlossenen Hofüberganges 11 

Kreise: Cleve S. 12, Geldern S. 12, Kempen S. 12, Mors S. 13, Crefeld 
S. 15, Viersen (Amtsgerichtsbezirk des Kreises Gladbach) S. 19. 
Auswahl und Stellung des Gutsübernehmers S. 19. — Die Abständer S. 23. 

B. Übergangsgebiet 26 

Kreise: Neufs S. 26, Düsseldorf S. 27, Mettmann S. 29, Elberfeld und 
Barmen S. 36, Lennep S. 36, Wipperfürth S. 38, Solingen S. 39, Greven- 
broich S. 40, Gladbach S. 41. 

C. Gebiet der Realteilung 42 

Rechtsrheinischer Teil des Regierungsbezirks Köln : Kreise : Mülheim a. Rh. 
S. 42, Gummersbach S. 44, Waldbroil S. 45, Siegburg S. 45. — Regierungs- 
bezirk Aachen: Kreise Heinsberg S. 49, Montjoie S. 51, Aachen S. 51, 
Geilenkirchen S. 53, Eupen S. 53. — Linksrheinischer Teil des Regierungs- 
bezirks Köln: Kreise Köln Ö. 56, Bonn S. 56, Rheinbach S. 56, Bergheim 
S. 56, Euskirchen S. 57. — Regierungsbezirk Koblenz: Kreise Ahrweiler 
S. 57, Adenau S. 57, Mayen S. 57, St. Goar S. 58, Cochem S. 60, ZeU 
S. 62, Simmern S. 63, Kreuznach S. 64, Meisenheim S. 66. — Regierungs- 
bezirk Trier: Kreise Prüm S. 67, Bitburg S. 68, Wittlich S. 69, Bern- 
kastei S. 70, Trier S. 71, Saarburg S. 71, Merzig S. 72, Saarlouis S. 74, 
Saarbrücken S. 77, Ottweüer S. 77, St. Wendel S. 78. 
Zeitpunkt des Übergangs S. 78. Vorbehalt S. 78. Auseinandersetzungen 
unter den Erben S r 79. 

II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes 80 

A. Das bäuerliche Erbrecht im Rheinland vor Einführung des Code 80 

in dem schon früher preufsischen Norden der Provinz S. 81, in Kurköln 
S. 82, in Jülich-Berg S. 83, in der Westeifel und dem westlichen Huns- 
rück (Stockgüter) S. 89, in der Grafschaft Sponheim S. 94, in Mander- 
scheid-Blankenheim S. 94. 

Die Frage der Entstehung geschlossener Vererbung im Rheinland S. 95. — 
Die Lücken in der Geschichte des rheinischen bäuerlichen Erbrechts S. 98. 

B. Wirtschaftliche und soziale Wirkungen des Code 99 

1. Die Boden -Zersplitterung und die Verkleinerung der landwirtschaftlichen 

Betriebe S. 99. — Die Einwirkung des Protokollhandels S. 107. — Die 



yjjj Inhalt. 

Seite 

Einwirkung des ehelichen Güterrechtes S. 108. — Die durchschnittliche 
Betriebsgröße S. 109. — Die technisch-wirtschaftlichen Folgen des gelten- 
den Erbrechts a) im Gebiet der Weidewirtschaft am Niederrkein S. 113. 
— b) im Gebiet des überwiegenden Körnerbaus S. 114. — c) im Gebiet 
der Industrie und der landwirtschaftlichen Spezialkulturen S. 114. — d) in 
den Gebirgsgegenden S. 116. 

2. Die Beschränkung der Kinderzahl als Folge des Erbrechts 116 

3. Die Erwirkung des französischen Erbrechts auf die Grundstückspreise 117 
und auf die Verschuldung S. 120. 

4. Die Bildung von Grofsgruudbesitz a) im Gebiet der überwiegenden Hof- 
besiedelung S. 125. — b) im Gebiete vorwiegenden Körnerbaus und realer 
Teilung S. 126. — c) im Gebiet der Industrie und der Spezialkulturen 
S. 127. — d) im Gebirge S. 127. 

5. Ausdehnung der Pachtungen 131 

6. Die Bevölkerungsbewegung S. 136, insbesondere a) in den Industriegegen- 
den S. 137, b) im Gebiet der geschlossenen Höfe S. 139, c) im Gebiet 
des überwiegenden Körnerbaus S. 140, d) in den Gebirgsgegenden S. 140. 

Schlufebetrachtungen. 

Bewegung des Grundeigentums im Rheinland im ganzen 140 

"Widerstand gegen eine Änderung des Intestaterbrechts 142 

Bisherige Versuche und Vorschläge zu einer Änderung 145 

Die Aussichten einer Reform 

a) im Gebiete des geschlossenen Hofüberganges 147 

b) im Gebiete der Realteilung 151 

Anlagen. 

I. Übergabevertrag aus dem Kreise Crefeld 155 

II. Notarieller Verkauf eines kleinen Anwesens durch die Miterben aus dem 

Kreise Mettmann 158 

III. Übergabevertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Zell 160 

IV. Abstandsvertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Kreuznach .... 162 
V. Schenkungs- und Teilungsurkunde über ein Anwesen im Kreise Kreuznach . 166 

VI. Übergabevertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Kreuznach . . . . 171 
VII. Schenkungsweise Verteilung eines Anwesens im Kreise Ottweiler an vier 

Kinder 174 

VIII. Urkunde über Schenkung und Verteilung eines Anwesens im Kreise Ottweiler 

an zwei Kinder bei Vorbehalt des Niefsbrauchs an bestimmten Parzellen . 175 
IX. Schenkungs weise Verteilung eines Anwesens im Kreise Ottweiler an sieben 

Kinder bei Vorbehalt des Niefsbrauchs an bestimmten Parzellen . . . . 177 

X. Pachtvertrag über einen mittelgrofsen Bauernhof 179 

XL Berufsgliederung und Grundbesitz Verteilung im Rheinland 184 

XH. Denkschrift über die Einführung einer Minimalparzelle in der Rheinprovinz 189 

Tabellen im Text: 

Verteilung der Wirtschaftsfläche der Landwirtschaftsbetriebe in der Rheinprovinz 

nach der Berufszählung vom 5. Juni 1882 110 

Anzahl der Wirtschaften mit Landwirtschaftsbetrieb in der Rheinprovinz nach 

der Berufszählung vom 5. Juni 1882 111 

Die Ausdehnung des Pachtverhältnisses im Bezirk des Oberlandesgerichtes Köln 

nach den Ergebnissen der Beruf szählung vom 5. Juni 1882 134 

Bevölkerungsbewegung der Rheinprovinz in den Jahren 1872 bis 1895 . . . 136 
Absolute und relative Einwohnerzahl der Kreise der Rheinprovinz nach dem 

vorläufigen Ergebnis der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 138 



Inhalt. IX 

Seite 

Übersichts-Karten. 

■ Die Vererbung des selbständigen bäuerlichen Grundbesitzes im Bezirk des Ober- 
landesgerichts Köln. 

Anteil der Kleinbetriebe (bis 10 ha) an der Gesamtwirtschaftsfläche in der 
Rheinprovinz. 

Anteil des Pachtlandes an der "Wirtschaf tsf lache in der Rheinprovinz. 

Bevölkerungsbewegung in der Rheinproviuz 1872 bis 1895. 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

unter Ausschlufs der Hohenzollernschen Lande. 

Einleitung 3 

Das Land S. 3. — Die Rechtsgrundlagen des Erbgangs S. 4. 
I. Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes . 6 

Einteilung des Gebietes S. 6. — Die Berufsgliederung der Bevölkerung 
1882 und 1895 S. 10. — Die Grundbesitzverteilung 1882 und 1878 ß. 11. 
— Das Pachtland S. 15. — Der Gemeinde- und sonstige Korporations- 
besitz S. 17. — Der Fideikommifsbesitz S. 19. 
II. Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung 20 

Die Bodenzersplitterung 20 

Versuche zur Einführung des Güterschlusses 25 

Zur Agrargeschichte des Herzogtums Nassau S. 25. — Die Landrechte 
S. 25. — Die Erbleihegüter S. 26. — Das Retraktrecht S. 27. — 
Nassauische Verordnungen und gesetzgeberische Versuche aus dem 18. Jahr- 
hundert S. 27. 
Beschränkung der Teilbarkeit und Konsolidation der Gründstücke 30 
Einführung des Parzellenminimum S. 30. — Nassauische Konsolidations- 
gesetzgebung S. 31. — Preufsisch.es Zusammenlegungsverfahren S. 32. 

III. Das Erbrecht und die Erbsitte 34 

Das Prinzip und die Ausnahmen S. 34. 

A. Die Rechtsformen des Erbübergangs im allgemeinen .... 37 

Die Rechtsformen und die Häufigkeit ihrer Verwendung S. 37. — Das 
Testament, der Erbvertrag, der Verpflegungs vertrag S. 40. — Der Kauf- 
vertrag, Intestaterbfolge und Vermögensübergabe vertrag S. 41. 

B. Die Intestaterbfolge 44 

C. Die Vermögensübergabe (Der Losgabevertrag) 45 

1. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Gutsübergabe S. 45. — 2. Art 
und "Weise der Aufnahme und des Abschlusses des Vertrages, Organisation 
der freiwilligen Gerichtsbarkeit S. 46. — 3. Die Übergeber, Alter der- 
selben S. 49. — 4. Inhalt des Vertrages a) Die Verlosung der Grundstücke 
S. 50. — b) Die Übernahme des Hauses S. 50. — c) Die Regulierung 
der Schulden S. 53. — d) Das Altenteil S. 55. — ej Die Versorgung der 
Geschwister des Hausübernehmers. Die Versteigerung der Grundstücke 
S. 59. — Die Vermögensübergabe an einen Erben S. 60. 

IV. Die Folgen der Realteilung 61 

A. Die Verkleinerung der Grundbesitzeinheiten 61 

Ergebnisse der Berufszählungen S. 61. — Häufigkeit der Teilungen im 
Amtsgerichtsbezirk Höchst S. 62. — Betriebsgröfsen in 8 Frankfurter 
• Dorfschaften im Mittelalter S. 62. — Abnahme des Umfanges der Besitz- 
einheiten in diesem Jahrhundert in 3 Westerwalddörfern S. 63, in 3 Taunus- 
gemeinden S. 65. 



Inhalt. 

Seite 

B. Gegentendenzen 66 

a) Die Wanderungen S. 66. — b) Die Koinmunhausung S. 69. — c) Die 
Beschränkung der Kinderzahl S. 70. 

C. Betriebstechnische Wirkungen der Besitz- Verkleinerung . . 70 
Veränderungen in der Tierhaltung S. 71. 

D. Die Zunahme der Parzellierung 74. 

im ehemaligen Herzogtum Nassau S. 74. — im Regierungsbezirk Koblenz 
S. 75. 

E. Bodenpreise und Besitzwechsel 76 

Boden-Preise S. 76. — Besitzwechsel S. 77. 

F. Die Verschuldung der Grundbesitzer 79 

Stand der Hypothekenschulden in vier Amtsgerichtsbezirken 1883 S. 79. 

— Hypothekenbewegung im Oberlandesgerichtsbezirke 1886/87—1894/95 
S. 79, in den einzelnen Amtsgerichtsbezirken 1886/87—1893/94 S. 80. 

— Schuldenstand und Hypothekenbewegung in den Gemeinden Horressen 
und Mensfelden S. 83. — Nähere Untersuchung der Verschuldungs- und 

Wohlstands- Verhältnisse in vier Westerwalddörfern : Schuldenstand S. 88, 
Verschuldungsursachen S. 94, Hypothekenbewegung 1818 — 1895 S. 98. 

G. Die Wohnungsverhältnisse der Kleinbauern 101 

Nassauische Enquete S. 101. — Berichte der Geistlichen S. 102. 

Schlufsb etr achtung . 

Die Wirkungen der Erbsitte im Maingebiet S. 103, im Lahngau und den 
günstigeren Teilen des Taunus S. 103, im Rheingau S. 105, im Wester- 
wald und den ungünstigeren Teilen des Taunus S. 106. 
Bestrebungen zur Reform des Erbrechtes S. 110, die Aussichten derselben 
S. 112. 

Anlagen. 

I. Bestimmungen der „Neuen Kontrakten- und Hypotheken-Ordnung für die Graf- 
schaft Hachenburg u vom 28. März 1808 über die Vermögensübergaben . . 113 
n. Vermögensübergabe aus einer gutsituierten Gemeinde des Amtsgerichtsbezirks 

Idstein, Untertaunuskreis 115 

Hl. Vermögensübergabe und Aushaltskontrakt vom Jahre 1777 aus dem Bezirke 

des heutigen Amtsgerichtes Rennerod (Kreis Westerburg) 117 

IV. Bestimmungen eines Vermögensübergabevertrages über Aushalts- und In sitz- 
recht einer vermögenden Witwe aus dem Amtsgerichtsbezirk Langenschwal- 

bach, Untertaunuskreis 119 

V. Ebensolche Bestimmungen eines Vermögensübergabevertrages aus dem Amts- 
gerichtsbezirke Marienberg, Oberwesterwaldkreis 119 

VI. Nachlafsverzeichnis eines wohlhabenden Aushälters aus den Akten des Amts- 
gerichtes Rennerod (1863) ...'.. 121 

VII. Trockener Aushalt aus derselben Gemeinde (1860) . . . 121 

VIU. Absolute und relative Einwohnerzahl der Kreise der Landgerichtsbezirke 
Frankfurt a. M. 7 Wiesbaden, Limburg, Neuwied nach dem Ergebnis der Volks- 
zählung vom 2. Dezember 1895 122 

IX. Bevölkerungsbewegung in den Kreisen der Landgerichtsbezirke Frankfurt a. M., 

Wiesbaden, Limburg, Neuwied von 1872 bis 1895 123 

Allgemeine Tabellen im Text: 

Verhältnis von Intestaterbfolge, Vermögensübergabevertrag und Letztwilliger Ver- 
fügung in den Amtsgerichtsbezirken 38 

Veränderungen in der Tierhaltung 1821 bis 1892 73 

Die Resultate der Hypothekenbewegung während der Jahre 1886/87 bis 1893/94 

nach Amtsgerichtsbezirken . 81 



Inhalt. XI 

Seite 

Nachtrag 122 

Berichtigung zur Statistik der Hypotheken-Bewegung (S. 81) 123 

Übersichtskarten (vgl. Inhaltsverzeichnis S. XV am Schlufs.) 



III. Die Hohenzollernschen Lande, 

Einleitung . 3 

Das Land S. 3. — Die Rechtsgrundlagen des Erbgangs S. 4. 

I. Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes . . 7 

Anbaustatistik von 1893 S. 7. — Das herrschende Betriebssystem S. 7. 
— Allmendland und öffentlicher Grundbesitz S. 8. — Fideikommifsbesitz 
S. 9. — Die Berufsgliederung der Bevölkerung 1882 und 1895 S. 9. — 
Fabrik- und Hausindustrie S. 9. -- Soziale Gliederung der landwirtschaft- 
lichen Bevölkerung und Grundbesitzverteilung S. 10. — Besiedelungsformen 
S. 14. — Parzellenminimum und Zusammenlegungsgesetzgebung S. 15. 

II. Historische Entwickelung 17 

Die Entwickelung der Agrarverfassung in Süddeutschland 8. 17, — in 
Württemberg und Baden S. 18, — in Hohenzollern S. 21. — Der Lehens- 
verband im 19. Jahrhundert S. 24. — Das Losungsrecht S. 25. — Hechinger 
und Sigmaringer Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts über Inhalt und Auf- 
nahme des Gutsübergabevertrages S. 26. 

HL Die heutige Erbsitte 29 

Begrenzung der Gebiete der Realteilung und der Einxelerbfolge 29 

A. Das Gebiet der Realteilung 31 

1. Das Prinzip S. 31. — 2. Die Formen des Besitzwechsels im Erbgange 
S. 33. — a) Das Testament S. 33. — b) Die Intestaterbfolge S. 34. — 
c) Der Gutsübergabevertrag: Übertragung von Heiratsgut S. 34. — Die 
Realteilung S. 35. — d) Die Bedingungen der Realteilung: Die Gebäude 
S. 35, — die Feldgrundstücke S. 36, — die Taxe S. 36. — Der Haus- 
• übernehmer S. 36. — Die Vorbehalte der Übergeber S. 37. 

B. Das Gebiet der Einxelerbfolge 38 

a) Die beerbte Ehe 38 

1. Das Prinzip S. 38. — 2. Der Übernehmer S. 41. — 3. Die Formen 

des Besitzwechsels im Erbgange S. 41. — 4. Der Gutsübergabe vertrag: 
a) Seine Form S. 42. — b) Sein Inhalt: a) Die ehe- und erbrechtlichen 
Bestimmungen S. 43. — ß) Gegenstand der Gutsübergabe S. 43. — y) Der 
kindliche Anschlag S. 43. — S) Die Vorbehalte der Übergeber S. 48. — 
s) Die Abfindungen der Geschwister S. 51. 

b) Die unbeerbte Ehe 52 

Das Prinzip S. 52. — Die Formen des Besitz wechseis im Erbgange S. 52. 

IV. Ursachen und Folgen der heutigen Erbsitten 54 

Die Entstehung der verschiedenen Erbsitten S. 54. — Ihr Einflufs auf 
Grundbesitzverteilung und Parzellierung S. 56, — Ausdehnung des Pacht- 
landes S. 58, — uneheliche Geburten S. 58, — Lage der weichenden Ge- 
schwister S. 60, — Bevölkerungs- und Bodenbewegung S. 61, — Ver- 
schuldung der Grundbesitzer S. 67. 



Xn Inhalt. 

Seite 
Schlufsbetrachtung. 

Die Veränderung der Erbsitten in den letzten Jahrzehnten unter dem 
Einflufs des geltenden Rechts S. 75. — Reform desselben im Gebiete der 
Eiuzelerbfofge S. 78. — Das Bürgerliche Gesetzbuch S. 82. — Die Reform 
im Realteilungsgebiete S. 83. 

Anlagen. 

I. Übergabevertrag über ein aus eigentümlichen und Erblehengrundstücken zu- 
sammengesetztes Bauerngut von 1797 mit den sich daran anschliefsenden 

Verhandlungen aus dem Amtsgerichtsbezirk Sigmaringen 84 

IL Verlassenschafts Verhandlung imd Neu Verleihung eines Schupf lehengutes aus 
der dem Deutschen Ritterorden gehörigen Herrschaft Hohenfels (Amts- 
gerichtsbezirk Wald) von 1802 86 

IQ. Übergabevertrag und Erbvergleich über einen Schupflehenhof aus der Herr- 
schaft Hohenfels (Amtsgerichtsbezirk Wald) von 1805 87 

IV. Übergabevertrag über ein Schupflehengut und Teilung des allodialen Ver- 
mögens aus dem Oberamtsbezirke Ostrach (Amtsgerichtsbezirk Wald) von 

1841 87 

V. Das im Amtsgerichtsbezirk Gammertingen bei gerichtlicher Einreichung des 

Gutsübergabevertrages zur Anwendung kommende Formular (Formular Ebbecke) 89 
VI. Das im Amtsgerichtsbezirk Hechingen zur Anwendung kommende Formular 

(Formular Hodler) 90 

VII. Übergabevertrag (Übertragung von Heiratsgut und elterliche Realteilung) vom 

Jahre 1890 nebst Auflassungen aus dem Amtsgerichtsbezirk Hechingen . . 91 
VIII. Übergabevertrag (elterliche Realteilung) vom Jahre 1860 mit den nach dem 
Tode des vor Vollziehung gestorbenen Übergebers anschliefsenden Verhand- 
lungen aus dem Amtsgerichtsbezirk Hechingen 93 

IX. Grundbesitzverteilung in der ehemaligen Herrschaft Kloster Wald 1825 und 

1897 mit Ausnahme des Korporations- und Fideikommifsbesitzes .... 97 
X. Ehe- und Einkindschaf tsvertrag vom Jahre 1858 aus dem Amtsgerichtsbezirk 

Wald 98 

XI. Ehe- und Übergabevertrag vom Jahre 1874 aus dem Amtsgerichtsbezirk Wald 99 
XH. Typische Beispiele für den kindlichen Anschlag bei Gutsübergaben in den 

Oberamtsbezirken GammertiDgen und Sigmaringen 100 

XIII. Übergabevertrag vom Jahre 1893 aus dem Amtsgerichtsbezirk Wald . . . 103 

XIV. Übergabe vertrag vom Jahre 1896 aus dem Amtsgerichtsbezirk Sigmaringen . 104 
XV. Typische Bestandteile von Vorbehalten der Übergeber aus dem ehemaligen 

Amte Ostrach (Oberamtsbezirk Sigmaringen) 105 

XVI. Bevölkerungsbewegung in Hohenzollern 1871—1895 107 

Allgemeine Tabellen im Text: 

Statistik der landwirtschaftlichen Betriebe im Regierungsbezirk Sigmaringen 1895 11 

Statistik der landwirtschaftlichen Betriebe in den Oberamtsbezirken 1895 . . 12 

Die Ausdehnung des Pachtlandes in den Oberamtsbezirken 1882 58 

Die landwirtschaftlichen Betriebe in den Oberamtsbezirken 1882 und 1895 . . 63 
Die landwirtschaftlich benutzte Fläche in den Oberamtsbezirken 1882 und 1895 64 
Die Resultate der Hypothekenbewegung in den ländlichen Bezirken der Amts- 
gerichte in den Jahren 1886/87—1894/95 70 

Berichtigung 106 

Übersichts-Karte : 

Die Vererbungsweise des selbständigen bäuerlichen Grundbesitzes in den Hohen- 
zollernschen Landen. 



Inhalt. XIII 

Seite 

IY. Oberlandesgerichtsbezirk Cassel 

ausschliefslich des Fürstentums Waldeck 1 ), unter Einschlufs des Kreises Schmalkalden . 

Einleitung 3 

Abgrenzung des Berichtsgebietes S. 3. — Topographisches und Agro- 
nomisches 8. 3. — Agrarstatistisches S. 4 — Bedeutung der Landwirt- 
schaft im Berichtsgebiet S. 9. 

I. Das geltende Erbrecht und eheliche Güterrecht 11 

1. Das geltende Erbrecht 11 

Fideikommisse S. 11. — Das gemeine (römische) Erbrecht S. 12. — 
Bürgerliches Gesetzbuch S. 13. 

2. Das geltende eheliche Güterrecht 14 

Römisches Dotalrecht S. 14. — Allgemeine Gütergemeinschaft S. 14. — 
Partikuläre Gütergemeinschaft S. 15. — Bürgerliches Gesetzbuch S. 17. 

IL Die bestehenden Erbgewohnheiten 18 

1. Gegensatz zwischen grofsem, mittlerem und kleinem Besitz 18 

Nichtbäuerlicher Grofsbesitz S. 18. — Mittlerer Besitz S. 19. — Kleiner, 
nicht spannfähiger Besitz S. 19. 

2. Das Anerbensystem 19 

a) Die rechtsgeschäftlichen Mittel des Anerbensystems 19 

Gutsübergabe vertrag S. 20. — Letztwillige Verfügung S. 21. — Erb- 
teilungsvertrag S. 21. 

b) Gegenstand der Gutsübergabe und Wahl des Gutsnachfolgers 23 

Bewegliches Vermögen S. 23. — Unbewegliches Vermögen (das Gut) 
S. 23. — Person des Gutsnachfolgers S. 24. 

c) Übernahmepreis 26 

Anrechnung der Schulden auf den Übernahmepreis S. 26. — Heraus- 
zahlungen an die Übergeber und an die Geschwister S. 26. — Bemessung 
des Übernahmepreises S. 27. — Höhe des Übernahmepreises nach objek- 
tiven Merkmalen S. 29. 

d) Leistungen an die Übergeber, insbesondere der Altenteil 30 

Herauszahlungen an die Übergeber S. 31. — Einsitz S. 31. — Auszug 
S. 31. — Erleichterung der Auszugslast S. 32. — Vorbehalt der Herr- 
schaft S. 33. 

e) Abfindung der Geschwister 34 

Erbgelder S. 34. — Wohnung und Unterhalt S. 35. — Ausstattung der 
Geschwister S. 36. — Gegenleistungen der Geschwister S. 36. 

f) Räumliche Ausdehnung der Anerbensitte 37 

Örtliche Begrenzung des Anerbengebietes S. 37. — Örtliche Ab- 
schwächungen der Sitte S. 40. — Verhalten des kleinen Besitzes 
S. 41. 

3. Das System der Naturalteilung 41 

Hauptarten der Verteilung S. 41. — Rechtsgeschäftliche Mittel S. 42. — 
Das Verfahren bei der Teilung S. 42. — Herauszahlungen, Einsitz- und 
Auszugslasten S. 43. — Vorbehalt der (Haus-) Herrschaft S. 44. — 
Räumliche Ausdehnung des Systems S. 44. 



l ) vgl. Abhandlung VI (Hannover), Anhang H (S. 233). 



XIV Inhalt. 

Seite 

LH. Zur Frage der Entstehung der Erbgewohnheiten 46 

1. Stamm esangehörigkeit der Beivohner unseres Gebietsabschnittes • . 47 

Chatten S. 47. — Römische und keltische Elemente S. 48. — Alemannen 
S. 48. — Thüringer S. 48. — Sachsen S. 48. — Kongruenz des chattischen 
Gebietes mit dem der geschlossenen Vererbung S. 49. — Der Diemel- 
distrikt S. 51. — Hugenotten S. 51. 

2. Die Enkvickelung im Mittelalter 52 

Erbfolge zur Zeit der Gründung des fränkischen Reichs (5. Jahrh.). 
Die Freien S. 52. — Die grofsen Grundherrschaften S. 53. — Die 
hofrechtliche Leihe S. 55. — Die Leihe zu Landsiedelrecht und zu 
Waldrecht S. 55. — Meiergüter S. 57. — Einflute der Hörigkeit S. 58. 

— Schlechte Leihen S. 58. — Umwandlung der Landsiedelleihe in Erb- 
leihe (Erbzinsrecht) S. 59. — Teilung der Erbzinsgüter, besonders im 
Hanauischen und im Diemeldistrikt S. 60. 

3. Die Entwickelung in der neueren Zeit, insbesondere die sog. Hufenedikte . . 61 

Der Güterschlufs S. 61. — Seine Ausbildung zum Anerbenrecht S. 62. 
Der Güterschlufs im Hanauischen S. 63, im Fürstbistum Fulda S. 63, in 
Althessen S. 64. — Zwangsanerbenrecht nach der althessischen Verord- 
nung vom 19. Nov. 1773 S. 64. — Aufhebung des Zwangsanerben rechts 
durch die Verordnung vom 21. April 1786 S. 65. — Aufhebung des 
Güterschlusses im 19. Jahrh. S. 66. — Welche Güter waren unteilbar? 
Begriff der Hufenguter S. 68. — Einflufs der Hufenedikte auf die Erb- 
sitte S. 70. 

IV. Neuere Entwickelungstendenzen der Erbsitte und des Erbrechts ... 73 

1. Wandelungen der Erbsitte 73 

Festhalten der bäuerlichen Bevölkerung an ihrer Erbgewohnheit S. 73. 

— Neueinführung der Anerbensitte in einzelnen Gegenden S. 74. — 
Einflufs der römischen Erbteilung S. 74. 

2. Die jüngsten Reformbestrebungen auf dem Gebiete des bäuerlichen Erbrechts . 76 

Der Antrag des Frhr. v. Schorlemer-Alst im hessischen Kommunallandtag 
1888 S. 76. — Der Entwurf der Landgüterordnung im hessen-nassauischen 
Provinziallandtage 1886 S. 78. — Die Landgüterordnung v. 1. Juli 1887 
S. 80. — Vorschläge zur weiteren gesetzgeberischen Regelung des bäuer- 
lichen Erbrechts S. 81. 

V. Wirtschaftliehe und soziale Bedeutung der Erbgewohnheiten 84 

1. Beivegung der Landbevölkerung 84 

2. Sittlichkeitsverhältnisse . . . . 86 

Zweikindersystem im Realteilungsgebiet S. 86. — Uneheliche Geburten 
S. 86. 

3. Verteilung des Grundbesitzes 88 

Abnahme des spannfähigen Besitzes im Realteilungsgebiet S. 88. 

4. Parzellierung und Gemengelage . 90 

Parzellierung als Folge der Erbteilung S. 90. — Gemengelage desgl. 
S. 91. — Die Verkuppelung im Verhältnis zur Erbsitte S. 92. 

5. Landeskultur 92 

Intensive Kultur im Realteilungsgebiet S 92. — Die Voraussetzungen 
einer intensiven Kultur sind nicht überall vorhanden S. 93. — Land- 
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Anerbenbauern S. 93. 



Inhalt. XV 

Seite 

6. Mobilisierung des Grundbesitxes . 94 

7. Eigenart des Bauernstandes 95 

Der Anerbenbauer S. 95. — Der Realteilungsbauer S. 96. — Bedeutung 
der Erbgewohnheiten für die Sefshaftmachung kleiner Leute S. 97. 

8. Wohlstandsverhältnisse 98 

Bedeutung der Erbgewohnheiten für die Wohlstandsverhältnisse im allge- 
meinen S. 98. — Bedürfnis der Teilungsbauern nach Nebenverdienst 
S. 98. — Nebenbeschäftigung durch die Waldwirtschaft S. 98, durch 
Industrie und Baugewerbe S. 98, durch Hausierhandel S. 99. — West- 
falengängerei S. 99. — Hausindustrie S. 100. — Die wirtschaftlichen 
Verhältnisse der Landstädte S. 101. — Armut der Gebirgsgegenden 
S. 102. — Einflufs der Höhe der Ansatzpreise auf den Wohlstand der 
Anerbenbauern S. 102. — Wohlhabenheit der Anerbenbauern im allge- 
meinen S. 102. 

9. Ver schuldung s- Statistik 104 

Anlagen. 

I. Ansatzpreise für bäuerliche Besitzungen in 3 Anerbendörfern des Amts- 
gerichtsbezirks Oberkaufungen 106 

H. Übergabepreise in 60 Ansatzverträgen aus dem Amtsgerichtsbezirk Sontra . 108 

III. Auszugsleistungen in einer Reihe von Ansatzverträgen aus dem Amtsgerichts- 
bezirk Sontra 126 

IV. Bevölkerungsbewegung im Oberlandesgerichtsbezirk Cassel, einschl. Schmal- 
kalden von 1871—1895 . . . , 129 

V. Bevölkerungsbewegung in Nassau 1885 — 1895 130 

VI. Veränderung der Grundbesitzverteilung im Reg. -Bez. Cassel nach den landw. 

Betriebszählungen v. 5. Juni 1882 und 14. Juni 1895 131 

VH. Grund buchmäl'sige Verschuldung 1896 ... 133 

• 
Tabellen im Text. 

I. Landwirtschaftliche Betriebe nach der Zählung v. 5. Juni 1882 5 

H. Landwirtschaftliche Hauptbetriebe nach der Zählung v. 5. Juni 1882 ... 6 
HI. Pachtland der landwirtschaftlichen Betriebe nach der Zählung v. 5. Juni 

1882 . 7 

IV. Pachtland der landwirtschaftlichen Hauptbetriebe nach der Zählung vom 

5. Juni 1882 7 

V. Die ländlichen Privatbesitzungen nach Grundsteuer - Reinertrags - Klassen 

i. J. 1878 8 

VI. Gröfsenklassen der Fideikommisse 11 

VH. Tabellarische Nachweisung des Anerbengebietes 37 

VHI. Bevölkerungsbewegung in einigen Realteilungs- und Anerbenkreisen 1871 — 95 85 

IX. Zahl der unehelichen Geburten in den einzelnen Kreisen ....... 86 

X. Durchschnittliche Gröfse der landwirtschaftlichen Betriebe nach der Zählung 

v. 14. Juni 1895 . 88 

XL Durchschnittliche Gröfse der zur Grundsteuer eingeschätzten Parzellen . 90, 91 

Übersichts-Karten. 

Vererbungsweise des selbständigen bäuerlichen Grundbesitzes in den Ober- 
landesgerichtsbezirken Frankfurt und Cassel. 
Bevölkerungsbewegung daselbst 1886—1895. 



I. 
Oberlandesgerichtsbezirk Köln, 

bearbeitet 

von 

Dr. W. Wygodzinski 

in Bonn. 



Einleitung. 



Der Oberlandesgerichtsbezirk Köln umfafst den ganzen linksrheinischen 
Teil der Rheinprovinz sowie den rechtsrheinischen Teil der Regierungsbezirke 
Köln und Düsseldorf mit Ausnahme der Kreise Rees, Ruhrort, Duisburg, 
Mülheim a. Ruhr und Essen. Der Übergang des ländlichen Grundbesitzes 
regelt sich im ganzen Oberlandesgerichtsbezirk nach den Bestimmungen des 
Code civil und des Gesetzes betreffend das Teilungsverfahren und den ge- 
richtlichen Verkauf von Immobilien im Geltungsbereich des Rheiiiischen 
Rechts vom 22. Mai 1887. Nach den Einführungsgesetzen vom 21. März 
1804 (Art. 7) und 12. November 1809 (Art. 3) derogiert der Code allen früheren 
allgemeinen und örtlichen Gesetz- und Gewohnheitsrechten. 

Das Recht der rheinischen Ritterschaft. 

Ausgeschlossen ist die Geltung des Code Civil nur für die fidei- 
kommissarisch gebundenen und die der autonomischen Successionsbefugnis 
der rheinischen Ritterschaft unterworfenen Güter. Diese Befugnis ist aus- 
gesprochen durch eine Verordnung vom 21. Januar 1837. 1 ) 

Der Kampf der rheinischen Ritterschaft gegen den Code civil begann 
frühzeitig unter Führung des Freiherrn Johann Wilhelm von Mirbach zu 
Harff. Seinen schon 1816 begonnenen Bemühungen war es wohl zuzu- 
schreiben, wenn dem ersten Landtage die königliche Proposition vorgelegt 
wurde, „dafs die französischen Gesetze abgeschafft und das preufsische Land- 
recht bis zum Jahre 1828 in den hiesigen Provinzen eingeführt werden 
sollte". Obgleich die durch den dritten und vierten Stand gebildete Majorität 
der Stände „in äufserster Erbitterung" die Proposition verwarf, wurde eine 
Kommission zur Wiederaufnahme der früheren Provinzialgesetze gebildet, 
in die Freiherr von Mirbach von dem ersten und zweiten Stande gewählt 
wurde. Die Kommision trat am 23. April 1827 zusammen; ihr Verlauf war 
resultatlos. Aber die Ritterschaft wagte einen neuen Yorstofs. Wollten die 
Stände das französische Gesetzbuch beibehalten, so konnten sie es doch nicht 



*) Die folgenden Ausführungen beruhen auf der Druckschrift: „Genossenschaft des 
rheinischen Ritterb artigen Adels. Grundlegende Akten und gesetzliche Bestimmungen. Zu- 
sammengestellt durch den Ritterrat. Gedruckt bei L. Schwann in Düsseldorf 1891", die 
von dem Verfasser, Herrn Regierungsrat Dr. Freiherr von Salis-Soglio gütigst zur Ver- 
fügung gestellt wurde. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes I. Köln. 1 



p I. Oberlandesgeriahtsbezirk Köln. 

wehren, glaubte man, dafs einzelne Bestimmungen für den Adel aufser Kraft 
gesetzt würden. Insbesondere waren es das eheliche Güterrecht und die 
Erbfolge, gegen welche sich die Angriffe der Ritterschaft richteten. Aller- 
dings war schon durch die Kabinetsordre vom 25. Februar 1826 die Er- 
richtung von Familien -Fideikommissen in den Rheinlanden gestattet und 
für diesen Fall das französische Recht auch bereits aufser Anwendung erklärt 
worden, allein die Fideikommifserrichtung erforderte einen hohen Stempel- 
betrag; zudem fürchtete der Adel, dafs seinen unter der Herrschaft des 
französischen Rechts geborenen Kindern das nach diesem Gesetz zu berechnende 
väterliche Erbteil nicht vorenthalten werden könne, das Substrat des Fidei- 
kommisses in den meisten Fällen also ganz unbedeutend sein würde. Die 
Ritterschaft beschlofs daher im Juli 1828, Se. Majestät um Änderung dieser 
gesetzlichen Bestimmung zu bitten. Der König teilte dieses Gesuch in seiner 
Proposition dem zweiten Landtage 1828 zur Begutachtung mit, Aber auch 
dieser Vorschlag fand vor den Ständen keine Gnade, weil er „mit den Haupt- 
grundsätzen aller Naturrechte nicht übereinstimme". Dessenungeachtet ver- 
kündete der Landtagsabschied vom 15. Juli 1829: „Wegen der Befugnis der 
Eltern vom Stande der Ritterschaft, durch Ehe- und Erbverträge die Erbfolge 
unter ihren Kindern festzustellen, ist zunächst eine genaue Ermittelung für 
notwendig erachtet worden, inwiefern vor dem Eintritt der fremdherrlichen 
Gesetzgebung die zur Vertretung im zweiten Stande befähigten Güter als 
unteilbares Ganzes und als Stammgut einzelner Familien betrachtet worden 
sind, indem das Staatsministerium nur insoweit als dieses früher der Fall 
gewesen, eine Abweichung von der gemeinrechtlichen Erbfolge befürworten 
zu können glaubt." Im dritten Landtag wurde die Frage wieder aufgegriffen 
(12. Juni 1830), und der Versuch des Adels, sich als Stand in die Gesetz- 
gebung einzuführen, in scharfer Form zurückgewiesen. Gegen die Majorate 
wurde „die schädliche Wirkung auf den allgemeinen Kredit, der Verlust des 
nationalen Reichtums wegen minder intensiven Betriebs, die durch Vinku- 
lierungen hervorgerufenen Verwickelungen im täglichen Verkehr, insbesondere 
aber hervorgehoben, dafs durch diese künstlichen Kraftmittel die Familien 
nur so lange fortbestehen könnten, als physische und moralische Kraft nicht 
von ihnen gewichen, als nicht nur Namen und Stand der Vorfahren, sondern 
auch bürgerliche Tugend in ihnen fortlebe. Wo aber die Verderbtheit in 
Mark und Blut, in Leib und Seele übergegangen wäre, da erhalte sich keine 
Familie und sei es im Staatsinteresse, dafs ein verschwenderischer entarteter 
Majoratsherr sich wieder in der Menge verliere." 

Unterdessen hatte Freiherr von Mirbach rastlos Testamente, Erbverzichte, 
Erbverträge und Ehepakten des rheinischen Adeis gesammelt, um sie dem 
Justizminister von Kamptz als Beweis dafür vorzulegen, dafs der Adel ent- 
gegen den gesetzlichen Bestimmungen stets autonom verfügt habe. 1 ) Am 

') Sowohl nach kölnischem wie nach bergischem Eecht sind auch hei adligen Gütern 
die Söhne alle gleichberechtigt. Dem ältesten Sohne fällt das Stammhaus (adeliger Sitz) zu, 
falls nur eines vorhanden ist; doch hat dies nobile praeeipuum keine wirtschaftliche Be- 
deutung — der adelige Sitz war unter Umständen eine verfallene Burg oder der Schornstein 



Einleitung. 3 

12. Juni 1835 träten alsdann dreifsig der angesehensten rheinischen Adels- 
geschlechter zusammen, schlössen mit einander einen Bund und vereinigten 
sich zu den in dem sogenannten Vereinigungsakte niedergelegten Grund- 
sätzen. Nicht blofs das materielle Wohl sollte dieser Bund fördern, sondern 
auch die adelige Gesinnung pflegen, wie sie in zwölf Artikeln als „heutiger 
Beruf des Adels" dargethan wurde. Diese Grundsätze sind jetzt noch mafs- 
gebend. In der Einleitung des Vereinigungsaktes wurde u. a. auseinander- 
gesetzt, wie der Rechtszustand betreffend die Teilung des Vermögens im 
Erbfalle den Adel hinsichtlich seines Vermögens nicht allein, sondern auch 
hinsichtlich seines Geistes und seiner Gesinnung zu zerstören drohe. „Der 
in seinen Dispositionen gehemmte Vater mufs oft mit Schmerz bei seinen 
Lebzeiten in einem Teile seiner Kinder die Vereitler seiner Absichten, die 
einstigen Anfechter seiner Bestimmungen ahnen. Für den Erstgeborenen 
spricht die elterliche Absicht, altes Standesherkommen und die zur ferneren 
Erhaltung seines Geschlechts unerläfsliche Bedingung. Für die jüngeren 
sprechen die aus der Revolution hervorgegangenen Gesetze und die Vorteile 
des Gewinnes. Die Berufung auf diese beiden in sich so kontrastierenden 
Prinzipien erzeugt Erbitterung und Leidenschaft und trennt die seit Jahr- 
hunderten in ihren Grundsätzen einigen und innig verbundenen Familien, 
wie einen modernen Staat, in eine aristokratische und demokratische Ab- 
teilung, wovon die letztere auf einem naturgemäfsen Wege sich immer mehr 
zu dem System hingezogen fühlt, dem sie solche Vorteile verdankt." 

Nachdem weiter Freiherr von Loe- Allner unter dem 12. Dezember 
1835 eine Denkschrift über die Autonomie des ritterbürtigen Adels in den 
Herzogtümern Jülich und Berg eingereicht und auch Professor Mauren- 
brecher im Auftrage des Justizministers eine Abhandlung über den früheren 
Umfang der Autonomie ausgearbeitet hatte, erklärten die Königlichen Ordres 
vom 16. Januar 1836 den geforderten Nachweis der freien Dispositions- 
befugnis der Ritterschaft vor der fremden Gesetzgebung als erbracht. Die 
Befugnis wurde wieder hergestellt, nachdem die Mitglieder der rheinischen 
Ritterschaft für diesen Fall eine besondere Stiftung zum Besten und im In- 
teresse der von der Succession in das Grundeigentum ausgeschlossenen Söhne 
und Töchter ihrer Familien zu errichten beschlossen hatten. Das Grund- 
gesetz der Genossenschaft ist die „ Verordnung, die autonomische Successions- 
befugnis der Rheinischen Ritterschaft und das darüber stattfindende schieds- 
richterliche Verfahren betreffend, vom 21. Januar 1837" Die autonomische 
Dispositionsbefugnis besteht nach § 6 der Verordnung in dem Recht des 



auf dem Platz, wo sie gestanden — sondern sicherte nur dem adeligen Besitzer die Land- 
tagsfähigkeit (event. auch Steuerfreiheit), wie v. Below wenigstens für Jülich-Berg und Cleve 
jetzt überzeugend nachgewiesen hat. (G. v. Below, Zur Entstehung der Rittergüter. Jahr- 
bücher für Nationalökonomie und Statistik. 3. Folge, 9. Band, Heft 4 und 6. Jena 1895. 
S. 531, 538 ff, 847 ff.) Nach Kap. 93 des jülich-bergischen Landrechts unterliegen jedoch 
Lehen-, Sattel-,' Schatz- und Dienstgüter nicht dem Landrecht. In Jülich sind nach Reding- 
hovens Repertorium die Rittersitze fast sämtlich Lehengüter, in Berg der 6. Teil. (Below, 
a. a. 0, S. 538). 

1* 



4 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Familienvaters, insofern Verträge, Fideikommisse oder andere beschränkende 
Familienanordnungen nicht entgegenstehen, mit Abweichung vom gemeinen 
oder Pro vinzi airecht und insonderheit ohne durch einen Pflichtteil beschränkt 
zu sein, nach seinem freien Gutbefinden die Erbfolge in seinen Nachlafs 
unter seinen Kindern, oder wenn diese vor ihm verstorben sind, deren 
Kindern, die Bevorzugung eines derselben vor den andern, und die Ab- 
findung und Aussteuer der letzteren, sowie das Wittum, die Abfindimg und 
die übrigen Vermögensverhältnisse des überlebenden Ehegatten und der dem- 
selben von dem Vermögen der Kinder etwa zustehenden Nutzniefsung und 
überhaupt alles, was auf die Erbfolge in seinem Nachlafs Bezug hat, fest- 
zusetzen und anzuordnen. Den zu dieser Dispositionsbefugnis berechtigten 
Eltern steht sie auch bei Fideikommifsstiftungen zu. (§ 8.) Diejenigen, welche 
davon Gebrauch machen, sind jedoch verpflichtet, für die standesgemäfse Er- 
ziehimg und Abfindung oder Aussteuer ihrer sämtlichen übrigen Kinder, so- 
wie für die standesmäfsige Erhaltung des überlebenden Ehegatten, mit Rück- 
sicht auf das frühere Familienherkommen, die Zahl der Kinder und die Ver- 
hältnisse des Vermögens Sorge zu tragen. (§ 9.) Derjenige, welcher sich 
durch die elterliche Disposition verletzt hält, mufs sich an das ebenbürtige 
Schiedsgericht wenden. Dieses entscheidet unter gänzlichem Ausschlufs der 
ordentlichen Gerichtshöfe ; Beschwerden über das schiedsrichterliche Ver- 
fahren können nur beim Justizministerium angebracht werden. (§§ 10, 11, 24.) 
Die Schiedsrichter sind in Eid und Pflicht zu nehmen, „dafs sie nach genauer 
Prüfung der Verhältnisse der Sache und des in der betreffenden Familie 
früher üblichen Herkommens und der gegenwärtigen Verhältnisse derselben, 
als gewissenhafte, wohlbedächtige und um das Wohl des Standes, der Familie 
und der Kinder gleich besorgte Familienväter nach ihrem besten Gewissen 
und Einsehen unparteiisch so urteilen werden, als wenn sie selbst wie 
Familienväter die in Frage gestellten Verhältnisse zu ordnen hätten". (§ 15.) 
Zur Ausübung der autonomischen Dispositionsbefugnis sind diejenigen 
Familien des rheinischen Ritterstandes berechtigt, die sie vor der Einführung 
der fremden Gesetzgebung ausgeübt haben. Es können aber nur diejenigen 
Mitglieder der gedachten Familien davon Gebrauch machen, Avelche 1. ein 
landtagsfähiges Rittergut in der Rheinprovinz allein oder gemeinschaftlich 
mit anderen besitzen, und 2. an der erwähnten Stiftimg teil haben. (§§ 1, 2.) 
Das von den dreifsig Gründern unterschriebene und durch Kabinets- 
ordre vom 13. Mai 1837 bestätigte „Statut der Genossenschaft des Rheinischen 
ritterbürtigen Adels" enthält die Voraussetzungen zur Aufnahme in die Ge- 
nossenschaft und damit zur event. Dispositionsbefugnis. Zugleich wurde 
darin die Stiftung für die abgefundenen Kinder begründet, nämlich: 1. eine 
Stiftung zu Präbenden für unverheiratete Töchter, und, wenn die Verhältnisse 
es gestatten würden, zur Gründung eines Fräuleinstifts, und 2. eine Stiftung 
zur Erziehungsanstalt für Söhne. Von dem bis dahin vorhandenen Fonds 
wurde die Summe von 30000 Rthlr. Kourant für die erste, und die Summe 
von 66 500 Rthlr. Kourant für die zweite Stiftung bestimmt; fernere Zu- 
wendungen zu dem gleichen Zweck behielt die Genossenschaft sich vor. 



Einleitung. 5 

Als Stiftung für die Söhne wurde die Rheinische Ritter- Akademie zu Bed- 
burg begründet, die nach dem Promemoria vom 8. April 1840 eine Er- 
ziehungs- Anstalt sein sollte „die nicht blofs den wissenschaftlichen Teil, 
sondern den ganzen Menschen für seine Bestimmung umfafst und daher der 
Jugend eine Erziehung giebt, die aufser einer gründlichen wissenschaftlichen 
und moralischen Bildung im allgemeinen auch die besondern und eigen- 
tümlichen Anforderungen, welche an den Stand des Adels gemacht werden, 
berücksichtigt und ihnen entspricht." Infolge der für höhere Schulen neu 
geltenden Verordnungen und Gesetze wurde das Reglement am 30. August 
1884 revidiert; die Königliche Genehmigung erfolgte am 18. August 1886. 
Nach dem revidierten Reglement unterscheidet sich die Akademie nicht 
mehr wesentlich von einem katholischen Gymnasium. Es können auch Söhne 
aus anderen als den stiftenden Familien aufgenommen werden; auch kann 
eine Aufnahme von Schülern lediglich in das Externat (Gymnasium) erfolgen. 
Das Reglement für das Fräuleinstift wurde am 3. Juni 1842 genehmigt. 

In der Rheinprovinz erregte die Bildung der Genossenschaft grofses 
Aufsehen. — „Von dem heiseren Jakobinerschrei des „Schaff ab", womit der 
Adel begrüfst wurde, bis zu den Stimmen der einsichtsvollsten Männer, 
schwirrte und tönte es gegen die dreifsig Gründer, die bitterer Holm mit 
den dreifsig Tyrannen Athens verglich. Auf den, wenige Monate nach der 
Kabinetsordre vom Januar 1837 zusammentretenden 4. Landtage beschuldigte 
ein Elberf eider Abgeordneter die Ritterschaft sogar direkt, dafs sie dem 
Justizminister unrichtiges Material vorgelegt und die Kabinetsordre erschlichen 
habe. Ein Mitglied aus patrizischem Adelsgeschlecht verlangte daraufhin er- 
neute Prüfung und Suspension der legislatorischen Bestimmungen, wogegen 
auf Seiten der Genossenschaft Freiherr von Loe mit geistiger Gewandtheit den 
Sieg erfocht." l ) 

Nach dem Stande vom 4. April 1891 gehörten der Genossenschaft des 
Rheinischen ritterbürtigen Adels an: A. Für die Gesamtstiftung: Die gräflichen 
Familien Beissel von Gymnich, Droste zu Vischering, v. Nesselrode -Reichen- 
stein, von und zu Eltz, v. Hatzfel dt -Wildenburg, von und zu Hoensbroech- 
Haag, von und zu Hoensbroech-Türnich, von und zu Hoensbroech- Kellen- 
berg, v. Loe- Wissen, v. Schaesberg,. v. Spee-Heltorf, v. Spee-Ahrenthal, 
v. Spee-Godenhaus, v. Spee-Linnep, v. Spee -Maubach, Wolff-Metternich zur 
Gracht, Wolff-Metternich -Gymnich; die freiherrlichen Familien Dalwigk- 
Lichtenfels (Linie Boisdorf), v. Dorth, v. Eltz -Rübenach, v. Fürstenberg- 
Borbeck, v. Fürstenberg- Obsinnig, v. Fürstenberg -Heiligenhoven, Geyr 
v. Schweppenburg, v. Loe-Pesch, v. Loe-Allner (zum Teil), v. Nagel-Doornick, 
Raitz v. Frentz-Garrath, Raitz v. Frentz - Schlenderhan (zum Teil), v. Rols- 
hausen, v. Salis-Soglio (Casa Antonio), v. Spies-Büllesheim (Hall), v. Spies- 
Büllesheim (früher Maubach), v. Vittinghoff-Schell, Waldbott von Bassenheim- 
Bornheim. B. Nur für das Fräuleinstift: Gräfl. Familie von dem Bussche- 



1 ) Die Citate sind sämtlich der S. 1, Anm. 1 erwähnten Schrift „Genossenschaft des 
Rheinischen ritterbürtigen Adels" entnommen. 



(J I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Ippenburg gen. von Kesseil, freiherrl. Familie v. Plettenberg-Mehmm. 
C. Im Mannesstamm erloschene bezw. ausgeschiedene Familien: Die gräflichen 
Familien Boos- Waldeck, Gisbert von Fürstenberg -Stammheim, von Goltstein, 
von Mirbach-Harff (Freiherrl. v. Gudenau), von Nesselrode-Ehreshoven, Rudolf 
von Schaesberg; fürstliche Familie von Hatzfeldt- Wildenburg; die freiherrlichen 
Familien von Bongart, von Fürstenberg-Muffendorf, von Loe- Wissen, Walter 
von Loe-Allner, Ferdinand Raitz von Frentz-Schlenderhan Raitz von Frentz- 
Kellenberg, von Warsberg, von Wendt-Crassenstein-Holtfeldt, von Wenge. 
Nach brieflicher Mitteilung des Herrn Freiherrn von Salis-Soglio war 
im Jahre 1887 der gesamte in der Rheinprovinz liegende Grundbesitz der 
betreffenden Familien so grofs, dafs insgesamt 118078 Jl Grundsteuer dafür 
gezahlt werden. Einige Familien haben allerdings aufserdem ihren Besitz 
durch fideikommissarische Bestimmung vinkuliert. Dadurch, dafs sie Mit- 
glieder der Genossenschaft sind, können sie aber auch über das Allod, ohne 
an den Pflichtteil gebunden zu sein, letztwillig verfügen. Fast bei jedem 
Sterbefalle wird von der autonomischen Befugnis des Erblassers Gebrauch 
gemacht. Da jedoch eine Zerstückelung des Gutes wie ein freier Verkauf 
jederzeit gestattet ist, so sind bereits mehrere der Rittergüter aus dem ge- 
nossenschaftlichen Verbände ausgeschieden. 

Der gröfsere Grundbesitz ist in der Rheinprovinz verhältnismäfsig ge- 
ring vertreten. Die Fideikommisse umfassen nach der neuesten Erhebung 
2,67% der Gesamtfläche. 1 ) Soweit die gröfseren Güter nicht in dieser Weise 
gebunden sind oder autonom vererbt worden, hat sich eine eigentliche Regel 
nach den vorliegenden Berichten nicht herausgebildet. Ob Einzelübernahme 
oder Teilung wird in jedem einzelnen Falle nach den Verhältnissen entschieden. 

Das Erbrecht des code civil. 

Von den Bestimmungen des Code sind für die Gestaltung der Erb- 
folge in den ländlichen Grundbesitz folgende von besonderer Wichtigkeit: 

Art. 732. Das Gesetz berücksichtigt bei der Bestimmung der Erbfolge 
weder Art noch Ursprung der Güter. 

Art. 815. Niemand kann gezwungen werden, in ungeteilter Gemein- 
schaft zu bleiben, und es kann jederzeit auf Teilung angetragen werden, 
ungeachtet aller entgegenstehenden Verbote und Vereinbarungen. — Man 
kann indessen vereinbaren, auf bestimmte Zeit die Teilung auszusetzen; diese 
Vereinbarung ist nicht über fünf Jahre hinaus verbindlich; sie kann jedoch 
erneuert werden. 

Art. 826. Jeder Miterbe kann seinen Anteil an Fahrnis und Liegen- 
schaft der Erbschaft in Natur verlangen; sind jedoch Gläubiger vorhanden, 
welche eine Pfändung angelegt oder Einspruch erhoben haben, oder hält 
die Mehrzahl der Miterben den Verkauf für nötig, um die Schulden und 
Lasten der Erbschaft zu tilgen, so wird die Fahrnis öffentlich in der ge- 
wöhnlichen Form verkauft. 

l ) VergL die näheren Angaben im Anhang I. 



Einleitung. 7 

Das Gesetz vom 22. Mai 1887 betr. das Teilungsverfahren und den 
gerichtlichen Verkauf von Immobilien im Geltungsbereich des rheinischen 
Rechts bestimmt in § 9. 

„Die gemeinschaftlichen Gegenstände sind in Natur, erforderlichenfalls 
durch Verlosung der gebildeten Teile, zu verteilen, soweit dies füglich ge- 
schehen kann; jedoch ist die Zerteilung einzelner Grundstücke möglichst zu 
vermeiden. 

Die Naturalteilung ist ausgeschlossen, wenn ein Beteiligter widerspricht 
und ein wichtiger, nach den Umständen des Falles den Widerspruch recht- 
fertigender Grund vorliegt. Der Widerspruch ist insbesondere als begründet 
anzusehen: 

1. soweit die Veräufserung der Gegenstände zur Tilgung gemein- 
schaftlicher Schulden erforderlich ist, 

2. wenn die zu bildenden Teile nach der Art oder dem Werte der 
einzelnen Gegenstände ungleich und die Widersprechenden an der Gemein- 
schaft zu mehr als der Hälfte beteiligt sind." 

Insoweit nach den bestehenden Bestimmungen der freiwillige Verkauf 
von Immobilien gerichtlich stattfindet, erfolgt er geinäfs § 25 des Gesetzes 
im Wege der öffentlichen Versteigerung durch einen hierzu bezeichneten Notar. 

Der Code bestimmt ferner: 

Art. 913. Freigebigkeiten, sei es durch Rechtsgeschäft unter Lebenden 
oder durch Testament, dürfen nicht übersteigen: die Hälfte des Vermögens 
des Verfügenden, wenn derselbe bei seinem Absterben nur ein eheliches 
Kind hinterläfst; ein Drittel, wenn er zwei Kinder hinterläfst; ein Viertel, 
wenn er deren drei oder mehr hinterläfst. 

Art. 915. Freigebigkeiten durch Rechtsgeschäft unter Lebenden oder 
Testament dürfen nicht die Hälfte des Vermögens übersteigen, wenn der 
Verstorbene in Ermangelung von Kindern einen oder mehrere Aszendenten 
in beiden Linien, der väterlichen und der mütterlichen hinterläfst, und nicht 
drei Vierteile, wenn er nur Aszendenten in einer Linie hinterläfst. — Das 
auf diese Weise zum Vorteile der Aszendenten vorbehaltene Vermögen er- 
halten dieselben in der Ordnung, in welcher das Gesetz sie zur Erbschaft 
beruft; sie haben allein ein Recht auf diesen Vorbehalt in allen Fällen, in 
welchen eine Teilung mit Seitenverwandten ihnen den Vermögensvorteil 
nicht verschaffen Avürde, auf welchen der Vorbehalt festgesetzt ist. 

Art. 916. In Ermangelung von Aszendenten und Nachkommen können 
die Freigebigkeiten durch Rechtsgeschäfte unter Lebenden oder mittels Testa- 
ments das ganze Vermögen erschöpfen. 

Art. 919. Der verfügbare Vermögensteil kann ganz oder zum Teil 
sowohl durch Rechtsgeschäft unter Lebenden als durch Testament an die 
Kinder des Schenkers oder an die anderen Erbberechtigten vergeben werden, 
ohne dafs er dem Rückbringen seitens des zur Erbschaft kommenden Schenk- 
nehmers oder Vermächtnisnehmers unterliegt, vorausgesetzt nur, dafs die 
Verfügung ausdrücklich als Vorempfang oder aufser dem Erbteile gemacht 
ist. — Die Erklärung, dafs die Schenkung oder das Vermächtnis . als Vor- 



3 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

empfang oder aufser dem Erbteile erfolge, kann abgegeben werden sowohl 
in der Urkunde, welche die Verfügung enthält, als auch späterhin in der 
Form der Verfügungen unter Lebenden oder mittels Testaments. 

Art. 1075. Eltern und andere Aszendenten können die Teilung ihres 
Vermögens unter ihren Kindern und Nachkommen vornehmen. 

Art. 1076. Diese Teilungen können vorgenommen werden durch Rechts- 
geschäft unter Lebenden oder mittels Testaments, unter Beobachtung der für 
die Schenkungen unter Lebenden und für die Testamente vorgeschriebenen 
Förmlichkeiten, Bedingungen und Kegeln. Teilungen, welche durch Rechts- 
geschäft unter Lebenden erfolgen, können nur das gegenwärtige Vermögen 
zum Gegenstande haben. 

Art. 1077. Wenn nicht alle Güter, welche der Aszendent an seinem 
Sterbetage hinterläfst, in der Teilung einbegriffen waren, so werden die 
Güter, welche nicht darin begriffen waren, dem Gesetz gemäfs verteilt. 

Art. 1078. Ist die Teilung nicht unter allen Kindern, die zur Zeit 
des Sterbefalls am Leben sind, und den Nachkommen der vorher verstorbenen 
vorgenommen, so ist die Teilung in Ansehen des Ganzen nichtig. Eine 
neue Teilung in der gesetzlichen Form kann sowohl von denjenigen Kindern 
und Nachkommen betrieben werden, welche keinen Teil angewiesen erhalten 
haben, als selbst von denjenigen, unter welchen die Teilung vorgenommen 
worden war. 

Art. 1079. Die von einem Aszendenten gemachte Teilung kann wegen 
Verletzung um mehr als ein Viertel angefochten werden; sie kann auch in 
dem Falle angefochten werden, wenn zufolge der Teilung und der als Vor- 
empfang getroffenen Verfügungen einer der Teilnehmer einen gröfseren 
Vorteil, als das Gesetz erlaubt, erhalten würde. 

Betreffs der minderjährigen Miterben verordnete Art. 817: Die Teilungs- 
klage kann in Ansehung minderjähriger oder entmündigter Miterben von 
ihren Vormündern angestellt werden, nachdem sie hierzu durch einen 
Familienrat besonders ermächtigt sind. 

Dieser Artikel ist durch die Preussische Vormundschaftsord?iung vom 
5. Juli 1875, §§ 43, 86 ersetzt. In Betracht kommen ferner 

Art. 838. Sind nicht alle Miterben gegenwärtig oder befinden sich 
unter ihnen Entmündigte oder Minderjährige, wenn auch emanzipierte, so 
mufs die Teilung nach Mafsgabe der in dem Artikel 819 und den folgenden 
bis zu dem vorstehenden Artikel einschliefslich aufgestellten Kegeln ge- 
richtlich erfolgen. Sind mehrere Minderjährige vorhanden, die bei der Teilung 
entgegengesetztes Interesse haben, so mufs einem jeden derselben hierzu ein 
eigener und besonderer Vormund bestellt werden. 

Art. 839. Hat in dem Falle des vorstehenden Artikels eine Ver- 
steigerung stattzufinden, so kann dieselbe nur gerichtlich unter Beobachtung 
der zur Veräufserung der Güter der Minderjährigen vorgeschriebenen Förmlich- 
keiten erfolgen. 

Art. 840. Eine Teilung, welche den oben vorgeschriebenen Regeln 
gemäfs entweder von Vormündern mit Ermächtigung eines Familienrates 



Einleitung. 9 

oder von emanzipierten Minderjährigen unter dem Beistande ihrer Pfleger 
oder im Namen von Abwesenden oder nicht gegenwärtigen erfolgt ist, ist 
eine endgiltige; sie ist nur eine einstweilige, wenn die vorgeschriebenen 
Regeln nicht beobachtet worden sind. 

Diese Artikel, die bereits unter der Herrschaft des Teilungsgesetzes 
vom 18. April 1855 nicht mehr in Geltung waren, 1 ) sind durch § 70 des 
Gesetzes vom 22. Mai 1887 direkt aufgehoben worden. 

Der Code verlangt also keineswegs die durchaus gleiche Behandlung 
aller Kinder; die Eltern können vielmehr, je nach der Zahl der Kinder, 
einem davon ein Voraus von ein Yiertel bis ein Drittel testamentarisch oder 
durch Verfügung unter Lebenden zuwenden. Dagegen begünstigt der Code 
die Naturalteilung sehr stark. 

Für das eheliche Güterrecht kommen die Bestimmungen des Code in 
Betracht, welche die gesetzliche Gütergemeinschaft betreffen: 

Art. 1401. Zu dem Aktivbestand der Gütergemeinschaft gehören: 1. Alle 
beweglichen Güter, welche die Ehegatten an dem Tage der Abschliefsung 
der Ehe besafsen, sowie alles Mobiliarvennögen , welches denselben während 
der Ehe durch Erbschaft oder selbst durch Schenkung anerfällt, wenn der 
Schenker nicht das Gegenteil ausdrücklich bestimmt hat; — 2. alle während 
der Ehe erfallenen oder bezogenen Früchte, Einkünfte, Zinsen und Gefälle 
jeder Art, welche von den, den Ehegatten bei Abschliefsung der Ehe zu- 
gehörenden, oder von den ihnen während der Ehe aus irgend einem Rechts- 
grunde angefallenen Gütern herrühren, — 3. alle während der Ehe erworbenen 
Liegenschaften. 

Art. 1402. Jede Liegenschaft wird als Erwerb der Gütergemeinschaft 
betrachtet, wenn nicht bewiesen wird, dafs einer der Ehegatten schon vor 
der Ehe das Eigentum oder den rechtmäfsigen Besitz derselben hatte, oder 
dafs sie demselben während der Ehe durch Erbschaft oder Schenkung an- 
gefallen ist. 

Art. 1404. Die Liegenschaften, welche die Ehegatten an dem Tage der 
Abschliefsung der Ehe schon besitzen, oder die ihnen während derselben 
durch Erbschaft anfallen, fallen nicht in die Gütergemeinschaft. 

Die Eheleute können die gesetzliche Gütergemeinschaft vertragsmäfsig, 
aber nur innerhalb der Grenzen der Vorschriften des Code, abändern oder 
auch das Dotalsystem annehmen. 



*) Cretschmar, Das Rheinische Civilrecht in seiner heutigen Geltung. 3. Auflage. 
Düsseldorf 1892, S. 140. 



I. Die «tatsächliche Erbfolge. 

Von der Möglichkeit, ein Kind zu bevorzugen, wird im ganzen Rheinland 
absichtlich und formell verhältnismäfsig selten Gebrauch gemacht, während 
die Naturalteilung entgegen der klaren Tendenz des Gesetzes in einem 
grofsen Teile des Landes vermieden wird. Der geschlossene Übergang der 
Höfe findet durchgängig in den Gegenden der Hofbesiedelung statt, d. h. im 
bergischen Laude und in den Viehzucht treibenden Distrikten des Nieder- 
rheins. In der Mitte und im Süden der Provinz herrscht dagegen die 
Naturalteilung, gleichmäfsig im Kreis Geilenkirchen mit dem höchsten wie 
im Kreise Prüm mit dem niedrigsten Grundsteuerreinertrag. Ausnahmen 
finden sich in beiden Gebieten; insbesondere bildet der auf Weidewirtschaft 
angewiesene Kreis Eupen eine Enklave der geschlossenen Yererbung im 
Teilungsgebiete. 

Die Grenze läfst sich auf Grund des vorhandenen Materials nicht ge- 
nau bestimmen. Auch die kleinsten Berichtsbezirke, die der Amtsgerichte, 
sind dazu zu grofs. Die Scheidung vollzieht sich aufserdem nicht durchweg 
nach historisch-politischen, sondern nach wirtschaftsgeographischen Gebieten. 
Namentlich bilden die Flufsthäler, in denen sich die Industrie anzusiedeln 
liebt, und die Umgebung der grofsen Städte Einbruchsstellen der Natural- 
teilung. 

Nach Meitzen *) läuft die Südgrenze der ursprünglichen Hofbesiedelung 
von der Maas die Schwelm aufwärts über Weyberg, Dahlen, Odenkirchen, 
Grefrath und Neufs nach Gellep zum Rhein, den sie bei Kaiserswerth kreuzt. 
Dann folgt sie rheinaufwärts den steilen Hängen der schmalen rechtsseitigen 
Rheinaue über Düsseldorf, Benrath, Opladen, Gladbach und Siegburg bis 
zum Siebengebirge und erreicht von diesem aus in südlichem Bogen Wied 
bei Altenkirchen und längs der Nister und der Sieg über Scheuerfeld den 
Giebelwald westlich Siegen. Die Südgrenze der Einzelhöfe fällt, wenigstens 
auf der linken Rheinseite, nicht zusammen mit der Nordgrenze der Dörfer. 
An der alten Nordgrenze der Ubier ist vielmehr ein Grenzland von etwa 
einer Meile Ausdehnung, dessen Ansiedlungen meist dem späten Mittelalter 
und der Neuzeit angehören. 2 ) Diese Thatsache hat im Yerein mit der weiteren 
wirtschaftlichen Entwickelung dahin geführt, dafs jetzt, wenigstens auf Grund 

2 ) Siedelung und Agrarwesen der "Westgermanen und Ostgermanen u. s. w. Band I. 
Berlin 1895. S. 517. 

2 ) Meitzen, a. ä. 0., Band III, S. 237. 



I. Die thatsäcbliche Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hof Überganges. H 

des vorliegenden Materials, eine scharfe Grenze der Besiedelungsformen und 
damit auch der Erbsitten sich nicht feststellen läfst. 

Für die folgende Darstellung mufste deshalb neben dem Gebiet des 
geschlossenen Hofüberganges und der Naturalteilung ein Übergangsgebiet 
ausgeschieden werden. 

A. Gebiet des geschlossenen Hofüberganges. 

Das Gebiet des geschlossenen Hofüberganges umfafst den gesamten 
linksrheinischen Teil des Kegierimgsbezirks Düsseldorf mit Ausnahme der 
Kreise Gladbach, Grevenbroich und Neufs. Kennzeichnend für die Art des 
Landwirtschaftsbetriebes im Begierungsbezirk: Düsseldorf ist die grofse Aus- 
dehnung der Weidewirtschaft. Nach der Anbaustatistik vom Jahre 1893 
betrug das Weideland in Prozent der Gesamtfläche 

im Regierungsbezirk Düsseldorf . 9,4 % 

„ Koblenz . . 3,4% 

Köln . . . 1,6% 

Trier . . . 6,1% 

„ „ Aachen . .11,5% 

im Königreich Preufsen .... 6,3% 

in Deutschland 5,3% 

Im Regierungsbezirk Aachen ist allerdings der Anteil des Weidelandes 
an der Gesamtfläche noch gröfser als im Regierungsbezirk Düsseldorf; aber 
abgesehen von der Gegend um Eupen überwiegen daselbst geringe Gebirgs- 
weiclen und Hutungen, die z. T. nicht viel besser als Ödland sind. Das 
richtige Bild ergiebt sich erst aus den folgenden Zahlen, die den Anteil der 
reichen Weiden (Fettweiden) an der Gesamtfläche darstellen: 
Regierungsbezirk Düsseldorf . . 5,5% 
Koblenz . . . 0,2% 
Köln .... 0,4 % 
Trier .... 0,6 % 
„ Aachen .... 2,1% 

Königreich Preufsen 1>7% 

Deutschland 1,4% 

Die wirtschaftlichen und natürlichen Verhältnisse in den Niederungen 
des Rheins erzwingen beinahe das Geschlossenbleiben der Höfe. Nur da, 
wo die Industrie für ihre Fabrik- und Heimarbeiter Land verlangt, und wo die 
grofsen Städte den Landwirten der Gegend durch die denkbar günstigste Ab- 
satzgelegenheit die intensivste Milchwirtschaft und Spatenkultur ermöglichen, 
ist die Zersplitterung des Grund und Bodens ebenso erklärlich wie berechtigt. 
Allerdings wirken stellenweise historische, im einzelnen noch nicht genügend 
aufgeklärte Ursachen sowie ethische und psychologische Motive verschiedener 
Art dahin, die rein wirtschaftlichen Erwägungen in ihrem Einflufs auf die 
Verteilung von Grund und Boden an Bedeutung zurücktreten zu lassen. 

Der Übergang des Grundbesitzes erfolgt im Gebiet der geschlossenen 
Höfe in der Regel durch Vertrag unter Lebenden; doch ist auch letztwillige 



X2 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Verfügung nicht selten, während die Intestaterbfolge zurücktritt. Der Landrat 
von Cleve berichtet: „Es gelangen die Grundstücke nach dem Tode der 
Eltern hauptsächlich nur dann zur Versteigerung, wenn die Erben sich 
darüber nicht einigen können, wer von ihnen gegen Zahlung einer ent- 
sprechenden Abfindungssumme an die übrigen Geschwister die Grundstücke 
zum alleinigen Eigentum übernehmen soll. Seltener noch tritt der Fall ein, 
dafs der Grundbesitz nicht im ganzen, sondern in einzelnen Parzellen ver- 
steigert wird. Dies geschieht fast nur dann, wenn die Grundstücke zu Bau- 
stellen oder zu industriellen Anlagen sich eignen und durch die Parzellierung 
ein höherer Kaufpreis erzielt werden kann. Das vorerwähnte Verfahren bildet 
die Ausnahme, da die Vorstellung von der Unteilbarkeit des elterlichen 
Grundbesitzes, welcher, wenn eben möglich, in den Händen der Familie sich 
erhalten soll, zu tief in das Bewufstsein der Bevölkerung eingedrungen ist. 
Daher werden Mittel und Wege ausfindig gemacht, dafs, wenn auch nicht 
geradezu durch Verletzung oder Umgehung, so doch durch Modifizierung 
des geltenden Intestaterbrechtes, der elterliche Grundbesitz ungeteilt im 
Eigentum der Familie verbleibe. Zu dem Zwecke wird noch zu Lebzeiten 
der Eltern und mit Zustimmung der übrigen Geschwister einem der Kinder 
der Hof gegen eine mäßige Taxe übertragen, so dafs der Übernehmer des 
Gutes auch nach Abfindung seiner Miterben existenzfähig bleiben kann." Das 
Gleiche sagt der Bericht des Amtsgerichtes zu Cleve: „Hat der Gutsherr 
Kinder, so überträgt derselbe fast ausnahmslos seinen Grundbesitz bereits bei 
Lebzeiten auf eines seiner Kinder in freier Wahl, ohne Kücksicht auf das 
Alter unter Bevorzugung der Söhne und unter diesen meist des tüchtigsten 
und rüstigsten durch einen sogenannten Übertragsakt. Es geschieht dies 
weniger in der Absicht, den Nachfolger zu bevorteilen, als das Gut in der 
Hand eines Einzelnen und zwar des Tauglichsten zu belassen. . . . Derartige 
Übertragsverträge werden, wenn die Thätigung in gesunden Tagen verabsäumt 
war, nicht selten noch auf dem Sterbebette gemacht, ferner häufig auch dann, 
wenn eines der Kinder und zwar eine Tochter zur Ehe schreiten will, damit 
nicht der in die Familie eintretende Schwiegersohn die Übertragung er- 
schwere. Hat der Gutseigentümer keine Vorbehaltserben, dann wird das 
Intestaterbrecht stets umgangen und das Gut und zwar auch um es in seiner 
Integrität zu erhalten, nach freier Wahl irgend einem Verwandten oder 
Nichtverwandten noch bei Lebzeiten übertragen, während die Intestaterben 
mit einem geringfügigen Legat oder auch gar nicht abgefunden werden." 
Im Amtsgerichtsbezirke Goch kommt Naturalteilung kaum vor; die Guts- 
übertragung auf einen Deszendenten ist die Regel. 

Die gleichen Verhältnisse wie in Cleve herrschen im Kreise Geldern. 

Im Kreise Kempen „kommt eine Naturalteilung höchst selten vor, wie 
sich dieses auch durch den Bestand der kleineren und gröfseren Ackerhöfe 
in glücklicher Verteilung des Besitzes am ganzen Niederrhein zeigt. Kommt 
eine Einigung nicht zu stände, so wird meistens das Gut teilungshalber im 
ganzen oder parzelliert, je nach Lage der Verhältnisse, verkauft. Häufig tritt 
dies ein bei schlechten Vermögensverhältnissen der Familie oder bei einer 



I. Die tatsächliche Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hofüberganges. 13 

Lage des Gutes in der Nähe von Städten und Ortschaften, wenn der Wert 
des Grund und Bodens mit dem rein landwirtschaftlichen Kaufwert nicht 
im Einklang steht. 1 ' (Landrat von Kempen) Der Amtsrichter von Kempen 
bestätigt, dafs die Einzel Übernahme die Kegel ist, während in den beiden 
anderen Amtsgerichtsbezirken zwischen gröfserem imd mittlerem Grundbesitz 
und Ackerbaugegend einerseits und kleinerem Grundbesitz und Indastrie- 
bezirk andererseits unterschieden wird. „Naturalteilungen von Ackergütern 
erfolgen fast nie. Bei kleinerem und mittlerem Grundbesitz ist der öffent- 
liche Yerkauf nicht selten, besonders dann, wenn durch das Vorhandensein 
zahlreicher Descendenten die Übernahme durch einen Einzelnen aus- 
geschlossen oder erschwert ist, oder wenn der Grundbesitz verschuldet ist. 
Diese letzteren Erscheinungen werden um so häufiger, je mehr sich der 
Grundbesitz dem Industriebezirk nähert." (Amtsgericht D Ulken) Die Über- 
nahme erfolgt dabei gewöhnlich nicht infolge Übergabevertrags, sondern 
durch Teilungsakt mit den Geschwistern. Die für den Zeitraum von 3 Jahren 
durch den Dülkener Notar angestellten Erhebungen darüber ergaben eine 
Gesamtzahl von 204 beurkundeten entsprechenden Kechtsgeschäften ; hievon 
entfielen 130 Akte auf Teilungen der Erben, 50 auf öffentliche Versteigerungen, 
24 auf Übertragungen der Eltern an die Kinder. Der Amtsrichter von 
Lobberich teilt mit, dafs in den Gemeinden Brei) eil und Kaldenlärchen, wo 
die Ackergüter nur selten die Gröfse von 10 Morgen übersteigen, nach der 
Eltern Tode regelmäfsig auf Anstehen der Kinder eine notarielle Ver- 
steigerung des gesamten Grundbesitzes zum Zwecke der Teilung und Aus- 
einandersetzung stattzufinden pflege. In den übrigen Gemeinden Hinsbeck, 
Leuthj Lobberich und Grefrath mache sich eine verschiedene Art der Ver- 
erbung des Grundbesitzes bemerkbar, je nachdem es sich um den gröfseren 
oder kleineren Bauernstand handele. Die in den genannten Gemeinden sehr 
häufig vorkommenden, ein Areal von 40 bis 50 Morgen haltenden arrondierten 
Hofgüter übertragen die Eltern zumeist zu ihren Lebzeiten an eines ihrer 
Kinder, während die kleinen Güter wie in Breyell und Kaldenkirchen ge- 
teilt werden. 

Im Kreise Mors beginnt angeblich eine recht merkwürdige, weil 
schwer erklärliche Entwickelung zur Naturalteilung. Bis vor einigen Jahr- 
zehnten ging durchgängig das Gut auf eines der Kinder über; so berichtet 
noch die „Statistische Darstellung des Kreises Mors" von 1863. (S. 58.) Das 
ist auch noch die Regel im nördlichen und südlichen Teil des Kreises, den 
Amtsgerichtsbezirken Xanten und Mors; in dem mittleren Amtsgerichts- 
bezirke Rheiiiberg dagegen vollzieht sich nach der, von dem Amtsrichter 
bestätigten Darstellung des Notars der Übergang des Grundeigentums in der 
Regel durch Intestaterbfolge. „Es herrschte wohl vor einigen Jahrzehnten 
noch der Brauch, dafs die Eltern durch Rechtsgeschäfte unter Lebenden 
einem ihrer Kinder den Ackerhof oder die Kathstelle übertrugen und zu- 
gleich einerseits für ihre übrigen Kinder Abfindungen festsetzten und anderer- 
seits für sich selbst den lebenslänglichen Unterhalt ausbedangen. Die Ge- 
schwister des Unternehmers begnügten sich damals mit sehr bescheidenen 



14 L Oberlandesgerichtsfoezirk Köln. 

Abfindungen und machten es dem Übernehmer dadurch möglich, sich auf 
dem elterlichen Besitztum zu behaupten, selbst dann, wenn mehrere Ge- 
schwister vorhanden waren oder Schulden auf dem Besitztum lasteten. Auch 
nach dem Tode eines der Eltern übertrugen der überlebende Vater oder die 
überlebende Mutter das gemeinschaftliche Grundeigentum an eines der Kinder 
unter Zustimmung und Mitwirkung seiner Geschwister. Diese Art des Eigen- 
tum-Überganges wird aber imitier seltener, da die Geschwister des Über- 
nehmers ihre Gleichberechtigung geltend machen und Herausgaben verlangen, 
die dein Werte des zu übertragenden Besitztums vollständig entsprechen. 
Unter diesen Umständen wird dem Einzelnen die Übernahme des elter- 
lichen Gutes nicht leicht möglich, besonders dann nicht, wenn er mehrere 
Geschwister abzufinden hat, oder wenn das Gut sehr belastet ist. Deshalb 
finden derartige Gutsüberträge jetzt nur noch ausnahmsweise statt. Erklärt 
sich kein Miterbe zur Übernahme des Besitztums bereit, so entschliefst man 
sich im Falle der Einigkeit zum Verkaufe; herrscht aber Zwietracht unter 
den Beteiligten oder liegt irgend ein anderes Hindernis vor, so wird das 
gerichtliche Teilungsverfahren beantragt. Durch Testament erfolgt der Eigen- 
tumsübergang nur sehr selten, besonders dann, wenn der Erblasser keine 
Vorbehalts-Erben hinterläfst, oder wenn er einen der Intestaterben ganz be- 
sonders bevorzugen will". Der von dem Landratstellvertreter in Moers er- 
stattete Bericht wiederholt diese Äufserungen des Kheinberger Notars fast 
wörtlich; eine Generalisierung dieser Beobachtungen für den ganzen Kreis 
scheint jedoch unzulässig; sowohl private, dem Referenten gemachte Mit- 
teilungen, wie namentlich die Berichte der beiden anderen Amtsgerichte 
widersprechen dem. „Der Amtsgerichtsbezirk Xanten umfafst grösstenteils 
ländlichen Grundbesitz, welcher, abgesehen von den Gemeinden Wardt, 
Labbeck und Winnenthal, die einige gröfsere Güter aufweisen, sich nur aus 
mittleren und kleineren Bauernhöfen und kleinen Kathstellen zusammensetzt. 
Nach den bei der Anlegung und Fortführung des Grundbuchs gemachten 
Erfahrungen gilt für die Vererbung des Grundbesitzes als Regel, dafs der 
Gutseigentümer zu Lebzeiten seinen Grundbesitz an eines seiner Kinder oder 
Erben überträgt. ... In der Regel wird also darauf hingewirkt, dafs der 
Grundbesitz in der Hand eines Übernehmers erhalten werde, und dies ge- 
schieht auch in den Fällen, wo der Eigentümer durch besondere Umstände 
bei Lebzeiten an einer Verfügung gelrindert wurde und daher Intestaterbrecht 
zur Anwendung gelangte, dadurch, dafs die Erben durch Teilungsvertrag 
einem Miterben den Grundbesitz gegen Zahlung entsprechender Erbteilungs- 
herausgaben übertragen. Nur in Fällen gröfserer Überschuldung des Grund- 
besitzes wird zur öffentlichen Versteigerung geschritten. Abgesehen von 
dieser die Regel bildenden Art der Übertragungs-, bezw. Teilungsverträge 
geschieht die Vererbung des ländlichen Grundbesitzes durch a) Intestat- 
erbfolge, in welchem Falle die Erben gemeinschaftlich den Grundbesitz über- 
nehmen und bewirtschaften oder in natura teilen; b) gewöhnlich Verkauf 
an fremde Personen; c) durch öffentliche Versteigerung im ganzen oder in 
einzelnen Teilen. Letztere Art kommt mehrfach in der stark parzellierten, 



I. Die thatsächliche Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hofüberganges. 15 

zumeist von Gärtnern bewohnten Gemeinde Büderich vor." Entsprechend 
vom Amtsgerichtsbezirk Mors: „Abgesehen von zwei gröfseren Gütern 
existieren im hiesigen Amtsgerichtsbezirk nur Hofgüter von 40 bis 50 und 
Kathstellen bis zu 6 ha. Bezüglich dieses Besitzes kommt das Intestat- 
erbrecht nur in geringem Mafse zur Anwendung, ebensowenig eine testa- 
mentarische Verfügung; der Grundbesitz wird vielmehr fast ausschliefslich 
von den Eltern, bezw. dem überlebenden Teile, in Gemeinschaft mit den 
anderen Kindern und Schwiegerkindern durch sogenannte Kauf- und Ali- 
mentations vertrage einem, seltener mehreren der Deszendenten, eigentümlich 
übertragen. Eine derartige Verfügung wird fast nur in dem Falle der 
hypothekarischen Überbelastung unterlassen, ein Fall, der bei den verhältnis- 
mäfsig gesunden ländlichen Verhältnissen zu den Ausnahmen gehört." 

Der Amtsgerichtsbezirk Rheinberg ist wesentlich landwirtschaftlich, 
Mors dagegen grenzt hart an die industriellen Bezirke Crefeld und Duisburg 
an. Wenn trotzdem in Rheinberg die Naturalteilung Fortschritte macht, so 
ist man geneigt, historische Gründe zu suchen. Es hat in der That in der 
Mitte des vorigen Jahrhunderts in Bheinberg, auf der Bönninghardt und in 
deren Nähe, eine Einwanderung fränkischer Kolonisten vom Main stattge- 
funden. Aber in Pfalzdorf und Louisendorf (Kreis Cleve) haben sich die 
fränkischen Ansiedler der Landessitte gefügt; auch kann man nicht gut ein 
Ereignis des vorigen Jahrhunderts zur Erklärung für eine ganz junge Er- 
scheinung heranziehen. Die Religionsgrenze (der Norden ist katholisch, 
der Süden evangelisch) geht mitten durch das fragliche Gebiet. Herr 
Winterschuldirektor Couetin in Mors, der durch seinen Beruf Land 
und Leute genau kennt, teilt auf Anfrage freundlichst mit, dafs seinen Er- 
kundigungen zufolge im Gerichtsbezirke Rheinberg dieselben Erbgebräuche 
herrschen wie in dem von Mors, so zwar, dafs die Höfe ungeteilt übergehen 
und zwar nach Vereinbarung. Die Geschwister, welche nicht auf dem Hofe 
bleiben, bezw. den Hof nicht bekommen, werden zu gleichen Teilen abgefunden. 
Vielfach bleibt ihr Vermögen in dem Gute stecken und wird vom Besitzer 
verzinst. Die Abgefundenen bleiben — so wird hier meistens abgemacht — 
als sog. Leibzüchter auf dem Hofe und bekommen, bezw. können beanspruchen 
freie Verköstigung und Wohnung. Wenn sie regelmäfsige Arbeit verrichten, 
können sie auch in Dienstverhältnis zum Bruder treten. Herrscht bei der 
Erbteilung Uneinigkeit, so kann die Teilungsklage erhoben werden; jedoch 
ist das hier sehr selten. 

Nach alledem mufs angenommen werden, dafs die Berichterstatter von 
Rheinberg sich insoweit geirrt haben, als sie ihre Beobachtungen aus der 
Nähe der Stadt für den ganzen Bezirk verallgemeinert haben. 

In dem angrenzenden, industriell hoch entwickelten Kreise Crefeld hat 
die Naturalteilung keinen Eingang gefunden. Die Höfe haben ettwa 50 bis 
300 Morgen Umfang und werden höchst intensiv bewirtschaftet. „Bei der 
Vererbung des ländlichen Grundbesitzes" — so sagt der Landrat von Crefeld 
— „gelangt fast regelmäfsig das Intestaterbrecht zur Anwendung. Die Be- 
völkerung ist von der unbedingten Gleichheit sämtlicher Kinder fest durch- 



IQ I. Obeiiandesgerichtsbezirk Köln. 

drangen. Es ist mir ein Fall bekannt geworden, wo ein Sohn seinen Yatei 
zur Errichtung eines ihm besonders günstigen Testamentes bestimmt hat. Die 
Geschwister gerieten in Zerwürfnisse und Prozesse, und allgemein war die 
Entrüstung über dies Gebahren, in welchem man eine Betrügerei erblickte. 
Gleicluvohl ist das Bestreben, den Hof oder Grundbesitz zu erhalten und 
einer Zerstückelung vorzubeugen, offenbar. Teilungen der Höfe in natura 
kommen gar nicht vor; gerichtlicher Yerkauf des Grundbesitzes behufs Teilung 
gehört zu den äufsersten Seltenheiten. Die Teilung erfolgt regelmäfsig in 
der Weise, clafs der Sohn, welchen der Yater für qualifiziert erachtet, den 
Hof zu übernehmen, denselben erhält und die Geschwister gleichmäfsig ab- 
gefunden werden. Der Hof wird milde taxiert und der denselben Über- 
nehmende mufs an die Geschwister herauszahlen. Die Forderungen werden 
hypothekarisch eingetragen und waren regelmäfsig zu 4% verzinslich. Neuer- 
dings macht man ausgiebigen Gebrauch von dem vorteilhaften Kredit der 
Landesbank, 3 1 / 2 °/ Zinsen und 1 / 2 — 2°/ Amortisation. Zwar nimmt man 
an, dafs derjenige, der den Hof bekommen hat, am besten bei der Teilung 
davon gekommen ist. Aber die Differenz der Begünstigung — und dies 
ist regelmäfsig eine freiwillige — ist nicht so grofs, dafs die übrigen Ge- 
schwister über Übervorteilung klagen können. Meist erfolgt die Übergabe 
des Hofes zu Lebzeiten des Vaters; er sorgt dafür, dafs der Übernehme!' 
das Gut zu einem Betrage erhält, mit welchem er bestehen kann und findet 
keinen Widerspruch. Bei der Auswahl kommt nicht nur die persönliche 
Qualifikation, sondern auch der Umstand in Betracht, welcher Sohn durch 
eine angemessene Heirat so viel zu erwarten hat, dafs er mit dem Über- 
nahmepreis bestehen kann. Da das Erbrecht ein gleichmäfsiges ist, so haben 
die Bauerntöchter auch Vermögen, und Heiraten zwischen einem Bauern- 
sohne und eiuem armen Mädchen kommen als nicht standesgemäfs nicht 
vor. Wenn ein Kind allein den Hof nicht übernehmen kann, so erhalten 
denselben zwei oder drei, die gemeinschaftlich wirtschaften. Der Familien- 
sinn ist so grofs, dafs nur ein Kind, das längste und gesundeste, heiratet. 
Die übrigen bleiben auf dem Hofe und vertragen sich. Dieses Verhältnis 
tritt auch ein, wenn der Übernehmer des Guts zu schwach fundiert ist, 
also keine vermögende Frau und viele Geschwister hat, deren Erbteil zu 
mäfsigem Zinsfufs lange Jahre unkündbar auf dem Gute eingetragen ist. 
Auf 4 neben einander liegenden Höfen in der Gemeinde Willich giebt es 
einen alten Oheim, welcher bei der Familie des Bruders wohnt, mitarbeitet 
und mit unterhalten wird. Er besorgt in der Begel kleinere Arbeiten, den 
Gartenbau, und nimmt es mit der regelmäfsigen Zinszahlung nicht genau. 
Ohne ihn hätte der Bruder nicht bestehen können. Dafür wird er aber 
auch für seine Aufopferung durch besondere Aufmerksamkeit belohnt; er hat 
es im Hause, wo er geboren ist, besser, als wenn er bei fremden Leuten 
Unterkommen gefunden hätte. In der Bürgermeisterei Bockum sind in den 
letzten Jahren in 10 Fällen Höfe zu Lebzeiten des Vaters an ein oder 
mehrere Kinder übertragen worden. In 12 Fällen erfolgte die Gutsübernahme 
nach dem Tode des Vaters gleichfalls auf der vorangegebenen Basis, ohne 



I. Die thatsiichliche Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hofüberganges. 17 

dafs Schwierigkeiten entstanden sind. In der Mehrzahl der Fälle hatte jedoch 
der Täter schon bei Lebzeiten seine Wünsche angegeben und den Über- 
nahmepreis mit Ausschlufs des Inventars mit den Kindern vereinbart. Die 
blutsverwandten Geschwister waren mit einer mäfsigen Taxe einverstanden. 
Torübergehende Schwierigkeiten sind entstanden, wenn Schwäger vorhanden 
waren, welche für die Erhaltung des Hofes in der Familie und die Über- 
tragung desselben an einen Sohn des Taters zu einem annehmbaren Preise 
wenig Terständnis zeigten. Also als Regel steht fest, dafs wenn auch nicht 
realiter, so doch thatsächlich die Hinterlassenschaft der Eltern gleichmäfsig 
nach dem Werte geteilt wird und dafs den Übernehmern des Hofes häufiger 
ein kleiner Torteil gewährt wird, gegen dessen Einräumung die übrigen Ge- 
schwister nichts einwenden." — In gleichem Sinne äufsert sich der Amtsrichter 
von Grefeld. Er hebt ebenfalls hervor, dafs gleichzeitig die Tendenz besteht, 
den Grundbesitz in einer Hand zu erhalten und den Übernehmer nicht 
zu sehr zu belasten, ohne dabei die Abständer zu benachteiligen. Nach 
ihm vollzieht sich der Übergang des Grundbesitzes in 4 Formen: 1. Durch 
Übertragung des Hofes seitens beider Eltern als Gutseigentümer bei deren 
Lebzeiten an eines ihrer Kinder unter Zustimmung der übrigen gegen eine 
an diese zu zahlende Abfindung (divisio parentum inter liberos). Der Hof 
wird dem Übemekmer regelmäßig unter dein Durchschnittswerte ange- 
rechnet; die Eltern vermachen ihm die disponible Quote. 2. Durch Tertrag 
zwischen dem überlebenden Elternteil und den Kindern übernimmt ein Kind 
unter den üblichen Terpflichtungen den Hof. „Diese Übereinkunft wird 
nicht immer sofort nach eröffneter Erbfolge nach dem verstorbenen Eltern- 
teil getroffen; vielmehr bewirtschaftet der Überlebende häufig mit den Kindern 
das Gut weiter, und die Übertragung findet dann erst statt, wenn durch 
Heirat oder einen anderen gewichtigen Umstand die Aufhebung der communio 
geboten erscheint. Dabei tritt — wiederum ein Beweis für das Streben der 
ländlichen Bevölkerung, eine Zerstückelung des Grundbesitzes zu verhindern 
— die Erscheinimg zu Tage, dafs in denjenigen Fällen, in welchen beim 
Torhandensein von vielen Geschwistern zwei oder drei derselben das Gut 
übernehmen, die Gutsübernehmer durch gegenseitige Testamente möglichst dafür 
zu sorgen suchen, dafs der Anteil des Tersterbenden auf die oder den Über- 
lebenden von ihnen übergeht und so das Gut ungeteilt bleibt." 3. Durch 
Übereinkunft unter den Erben, in den Fällen, in welchen die ab intestato 
verstorbenen Eltern oder sonstigen Erblasser bis zu ihrem Lebensende Guts- 
eigentümer geblieben sind, übernimmt ein Erbe den Hof, in der Regel zu 
mäfsigem Anschlage, unter den üblichen Bedingungen. Übernehmen mehrere 
Kinder den Hof, so verheiratet sich nicht selten nur eines der Geschiuister, 
dem die andern im voraus ihre Anteile testamentarisch vermachen; ebenso 
häufig sind Testamente zu gunsten des Überlebenden. Der Übernehmer 
wird in jeder Weise unterstützt. 4. Durch öffentliche Tersteigerung in 
aufserge wohnlichem oder gerichtlichem Teilungsverfahren. „Diese kommt 
regelmäfsig nur bei kleinerem und mittlerem Grundbesitz und nur dann vor, 
wenn entweder die Interessenten sich über den Wert nicht einigen oder 

Vereibung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. <- 



\q I. Oberlandesgerichtsbezirk Kölu. 

wenn durch das Vorhandensein zahlreicher Deszendenten (Erben) die Über- 
nahme durch einen Einzelnen ausgeschlossen oder besonders erschwert, oder 
endlich wenn der Grundbesitz überschuldet ist. In der Regel ersteht dann 
einer der Interessenten das Gut in seiner Gesamtheit." „Was nun das 
numerische Verhältnis dieser verschiedenen Arten des Überganges resp. Zji- 
sammenhaltens des ländlichen Grundbesitzes anbelangt, so erf allen im Geschäfts- 
bereiche des ältesten hiesigen Notars in dem gleichen Zeitraum auf die 
Fälle sub 1: 4%, sub 2: 34%, sub 3: 49%, sub 4: 13%." „Die zwischen 
Landleuten abgeschlossenen Eheverträge enthalten durchweg die Stipulation 
der allgemeinen Gütergemeinschaft mit gleichzeitiger Zuwendung der dispo- 
niblen Nachlafsquote zu gunsten des Längstlebenden der Ehegatten. Auch 
diese Zuwendungen streben das Ziel an, dem Längstlebenden eine möglichst 
kräftige Handhabe zur Erhaltung des Grundbesitzes zu verleihen. Ebenso 
verhält es sich mit den Testamenten von Eheleuten. In denselben wendet 
der Testierende fast ausnahmslos den verfügbaren Vermögensteil entweder 
dem überlebenden Ehegatten oder dem als späteren Gutsübernehmer in 
Aussicht genommenen Erben zum voraus zu. Bei Verteilung dieser letzt- 
willigen Verfügungen auf denselben Zeitraum und Bezirk wie bei den oben 
sub 1., 2., 3., 4. angezogenen Rechtsgeschäften stellt sich das Verhältnis auf 
ungefähr 40% für Testamente und 60% für Eheverträge." — Der Amtsrichter 
von Verdingen schliefst sich genau den Ausführungen des dortigen Notars 
an. Nach diesem ,,teilt sich der Amtsgerichtsbezirk Uerdingen bezüglich der 
angeregten Frage in zwei Gebiete: A. die sog. Grafschaft, d. h. die zum 
Amtsgerichtsbezirke gehörige Bürgermeisterei Friemersheim, in der mit ge- 
ringen Ausnahmen die Eltern das Gut, Gütchen, oder selbst die kleine 
Kathstelle einschließlich des Inventars (Vieh, Ackergeräte, Hausmobilar) an 
eines ihrer Kinder übertragen. Annehmer ist nicht notwendig der Älteste, 
meistens der, mit dem sich die Eltern gut verstehen, vielfach auch eine 
Tochter, für deren Heirat die Guts üb ertragung Vorbedingung ist. Die Tendenz 
das Gut in einer Hand zu behalten, ist so rege, dafs die Akte, wo ledige 
Personen ihr Gut an einen ihrer Verwandten, den sie bei Lebzeiten zu sich 
nehmen, übertragen, durchaus nicht selten sind. Ja selbst dann, wenn 
Eltern die Regelung ihrer Angelegenheiten zu Lebzeiten verabsäumt haben, 
so treten nach ihrem Tode vielfach die Kinder zusammen und überlassen 
das Ganze dem Ältesten oder dem infolge Heirats am meisten Kaufkräftigsten. 
In allen diesen Fällen vollzieht sich der Eigentumsübergang ausschliefslich 
durch Akte unter Lebenden, sog. Gutsübertragung, niemals durch Testament . . . 
Diese Verträge sichern zunächst den Eltern für ihr Alter eine Existenz, was 
bei kleinen Leuten noch mehr ins Gewicht fiel zur Zeit, als die Alters- und 
Invaliditätsversicherung noch nicht bestand. Vor allen Dingen erhalten sie 
aber <hn Kamen de/- Familie, der auch, wenn ein Sehivicgersohn einsieht, 
(hin Hofe erhalle ii bleibt durch Schaffung von Doppelnamen; %. B. Grofs- 
terliudcn (Schwiegersohn) genannt Berns (alter Name des Hofes), Höhen 
genannt Wiukclser, Wiukelser genannt Schroers u. s. w. a B. Ganz anders 
gestaltet sich die Vererbung in dem übrigen Teile des Amtsgerichtsbezirkes, 



I. Die thatsäclilicke Erbfolge. A. Gebiet des geseklossenen Hof Überganges. 19 

den Bürgermeistereien Lank, Linn, Bochum und Osterath. Hier gilt als 
allgemeine Regel die freie Vererbung und Parzellierung und als Folge davon 
gewöhnlich behufs Ermöglichung der Teilung Verkauf des Gutes. Aber auch 
hier macht sich schon vielfach eine konservative Tendenz geltend; man findet 
nämlich auch hier zuweilen die Übertragung des Gutes an Einen wie in 
der Grafschaft. Mehr noch äufsert sich diese Tendenz aber dahin, dafs 
mehrere Kinder zusammen den Hof annehmen. Es macht sich da folgender 
Grundgedanke geltend: als einzig gerechtfertigt erscheint den Leuten die 
gleiche Beteiligung aller Kinder, aber um das Gut und die vielleicht sonst 
gefährdete Existenz des Einzelnen zu erhalten, sagen sich die Kinder: wir 
müssen uns zusammenthun, wer heiratet, mufs, wenn die anderen nicht zu- 
stimmen, aus der Gemeinschaft austreten. Die zurückbleibenden Ledigen 
halten durch Testieren auf den Längstlebenden das Gut möglichst lange in 
der Gemeinschaft fest, bis es später dann doch den Kindern oder Enkeln 
der verheirateten Geschwister oder anderen Verwandten einmal zufällt. Bei 
clesfallsigen Akten erhalten Abständer genau ihren Anteil, wie wenn derselbe 
durch Verkauf ermittelt wäre. Die Eltern erhalten ihre Verpflegung. Die 
zwischen den Annehmern des Hofes gebildete Gemeinschaft wird vielfach 
durch folgende Vereinbarung geregelt: 

„Wir Annehmer schliefsen, soweit dies gesetzlich zulässig, für unsere 
Gemeinschaft ein Recht des Einzelnen, auf Teilung zu klagen, aus. Der, 
der heiratet, mufs ausscheiden, falls die übrigen Teilnehmer nicht aus- 
nahmslos mit seinem ferneren Verbleiben in der Gemeinschaft einver- 
standen sind; gleiches gilt von dem, der definitiv den Hof verläfst. Die 
Abfindung des Ausscheidenden findet in folgender Weise statt: a) Er er- 
hält zunächst in Bar die Abstandssumme, welche die abgefundenen Ge- 
schwister ausweis des Aktes zu erhalten haben oder bereits bekommen 
haben: b) ferner erhält er seinen Anteil an dem von der Gemeinschaft 
erzielten Gewinne, bezw. partizipiert anderem Verluste. Um hierfür eine 
Grundlage zu gewinnen, wird alljährlich im Mai Bilanz gemacht, und 
werden etwaige Gewinne, falls sie nicht zum Erwerb von Grundstücken 
verwandt werden, in Sparkassen zinsbringend angelegt." 

Da bei solchen Gemeinschaften viele fleifsige Hände thätig sind und da der 
Fleifs vielfach noch übertroffen wird durch eine aufserord entliche Mäfsigkeit 
und Sparsamkeit, so ist an Verluste von gröfserer Bedeutung nicht zu denken. 
Die Auszahlungen erfolgen ohne Zinsen ein halbes Jahr nach dem Ausscheiden, 
von dem vorher möglichst rechtzeitig Mitteilung zu machen ist. Gegen die 
Zahlung verpflichtet sich jeder Austretende zur notariellen oder gerichtlichen 
Übertragung seiner Anteile am Hofe auf die übrige Gemeinschaft." 

In dem an den Kreis Crefeld angrenzenden, schon zum Kreis Gladbach 
gehörigen Amtsgerichtsbezirk Viersen sind nach dem Bericht des Amts- 
richters die Verhältnisse genau die gleichen wie in Crefeld. 

Für die Ausivahl des Gutsuber nehmers haben sich feste Regeln an- 
scheinend nirgends gebildet. Der Tauglichste, der Fähigste, derjenige der 



20 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

am meisten Interesse für die Landwirtschaft hat, so heifst es in den meisten 
Berichten. Die Heirat eines reichen Mädchens dürfte mehr die Folge als 
die Voraussetzung der Gutsübernahme sein. Im nördlichsten Teil der Provinz 
scheint eine Bevorzugung der Söhne stattzufinden. 

Verhältnismäfsig noch häufig ist gemeinschaftlicher Haushalt der G.e- 
sch trister auf dem Hofe, und zwar sowohl in der Form, dafs auch der Be- 
sitz gemeinschaftlich ist oder dafs die nichtübernehmenden Geschwister auf 
dem Hofe bleiben und ihren Anteil als Hypothek stehen lassen. Nach der 
Heirat des zweiten Geschwisters erfolgt gewöhnlich die Abschichtung. Über- 
raschend ist es, wie stark nach dem Zeugnis vieler Berichte noch der Familien- 
sinn in bäuerlichen Kreisen ist: die auf dem Hofe bleibenden Abstäuder 
heiraten nicht oder die in Gemeinschaft hausenden Geschwister testieren zu 
gunsten des Längstlebenden. Das Amtsgericht Crefeld teilt mit: „Befinden 
sich unter den mehreren Gutsübernehmern neben einem übernehmendem 
Sohne unverheiratete Töchter der verlebten Eltern, so wird beinahe regel- 
mäfsig bestimmt, dafs diese im Falle der Verheiratung von dem Gute ab- 
ziehen müssen und alsdann ihre Geldabfindung erhalten. Auch hierbei liegt 
immer der Gedanke zu Grunde, das Gut möglichst in einer Hand zu er- 
halten." Bedenken irgend welcher Art bezüglich der gemeinschaftlichen 
Hausung werden nicht geltend gemacht. Nur der Uerdinger Notar bemerkt 
am Schlufs seiner sehr instruktiven Darlegungen über die „Gemeinschaften" 
jener Gegend: „In dieser Erscheinung liegt insoweit zweifellos ein ungesundes 
Moment, als Viele — es handelt sich natürlich um besser situierte Leute — ■ 
so vom Heiraten gewissermafsen abgehalten werden." 

Die aufserordentlich wichtige Frage, ob der G utsüber nehmer vor seinen 
Geschwistern pekuniär bevorzugt wird oder in welchem Mafse das der Fall 
ist, läfst sich nach den vorliegenden Berichten nicht immer ganz genau be- 
antworten. Die Zuwendung einer gröfseren Quote oder gar Verletzung des 
Pflichtteils der Abfindlinge scheint so gut wie gar nicht vorzukommen. Von 
dem Rechte der Verfügung über den disponiblen Vermögensteil wird auch 
in Übergabeverträgen nur subsidiär Gebrauch gemacht, wenn die anderen 
Erben nachträglich den Vertrag angreifen sollten. In der überwiegenden 
Zahl der Fälle sind sich aber die Eltern oder die Miterben wohl bewufst, 
dafs eine mechanische Gleichstellung des Übernehmers mit den Abfindungen 
thatsächlich eine arge Ungerechtigkeit ist, da er dann unbezahlter Verwalter 
des Vermögens der Miterben tvircl. Der Übernehmer wird nun insofern 
erleichtert, als ihm der Hof nicht zu hoch, sondern, um einen bezeichnenden 
wenn auch in den Berichten nicht angewendeten Ausdruck zu gebrauchen, 
zu dem Werte augerechnet ivird, den er „unter Brüdern" hat. Geschenkt 
wird ihm nichts; vereinzelt wird sogar die Klage laut, dafs die Ansprüche 
der Abfindlinge immer mehr und über das Erträgliche hinaussteigen. Zu 
beachten ist, dafs der Anerbe oft recht bedeutende Verpflichtungen gegen- 
über den abstehenden Eltern oder einem Elternteil übernimmt, die ihn, 
wenn die Eltern lange leben, sehr schwer belasten können. Um so erfreu- 
licher ist es, dafs Klagen über ein schlechtes Verhältnis zwischen den ab- 



I. Die thatsäctiliche Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hof Überganges. 21 

stehenden Eltern und den Kindern nirgends in den Berichten laut werden. 
Eine Erleichterung erfährt der Übernehmer meist noch dadurch, dafs die 
Verzinsung und Abzahlung der Abstandssummen ihm möglichst bequem ge- 
macht wird. 

In mehreren Berichten ist ausdrücklich gesagt, dafs dem Übernehmer 
der Verkaufs-, nicht der Ertragswert angerechnet wird. Trotzdem ist der 
Übernehmer z. T. gerade in diesen Bezirken verhältnismäfsig gut gestellt. 
Dieser scheinbare Widerspruch veranlagst einen der Berichterstatter zu folgen- 
den Ausführungen: „Man kann nun einwenden, dafs es nicht möglich sei, 
dafs ein Sohn, welcher annähernd nach dem Verkehrswert ein Gut über- 
nimmt, bestehen könne, da der Ertrag- oder Rentenwert erheblich geringer 
sei. Ich halte diese Unterscheidung nicht für zutreffend. Der Verkehrswert 
giebt den richtigen Anhalt, der Ertragswert ist eine Fiktion Der Verkehrs- 
wert steht mit dem Ertrage, welcher erzielt werden kann und soll, in Be- 
ziehung, denn sonst würden die Landwirte die Güter, die sie kaufen, nicht 
so hoch bezahlen. Der gröfste Grundbesitzer des Kreises, welcher noch in 
anderen Kreisen und Ländern Grundbesitz hat, erzählte mir, dafs er aus 
seinem Grundbesitz durch Verpachtung ca. 3 x / 2 % Netto erziele. Er hat 
also unzweifelhaft im Grundbesitze eine gute Kapitalanlage. Verschiedene 
zuverlässige, tüchtige, fleifsige und sparsame Landwirte haben mir erzählt, 
dafs sie aus ihren Höfen bei milder Berechnung eine 4prozentige und bei 
ganz strenger Berechnung neben den Kosten des Unterhalts wohl eine 
3 1 / 2 prozentige Verzinsung annehmen könnten. Hierbei wird jedoch die 
Grundrente und die Verzinsung des Betriebskapitals nicht auseinander ge- 
halten. Der Verkehrswert der Güter beträgt im allgemeinen das 50 fache 
des Grundsteuerreinertrages. x ) Wenn man das 2 1 / 2 fache des Grundsteuer- 
reinertrages als wirklichen Ertrag annimmt, was regelmäfsig der Fall ist, so 
ergiebt sich eine 5 prozentige Verzinsung des Verkehrswertes. Es kommen 
ja Fälle vor, wo Grundbesitz zu 60 — 70 fächern Grundsteuerreinertrage ver- 
kauft wird. Aber da werden stets besondere Umstände in Betracht kommen. 
— Es ist daher richtig, wenn bei Erbteilungen der Verkehrswert zu Grunde 
gelegt wird." 

Die thatsächlichen Voraussetzungen dieser Rentabilitätsberechnung haben 
sich leider seitdem — der Bericht ist von August 1894 — geändert; auch 
in jenem, einem der reichsten Kreise der Rheinprovinz, hat die langdauernde 
Krisis die Erträgnisse aus der Landwirtschaft herabgedrückt. Aber die Aus- 



*) In der bekannten Verschuldungsstatistik von 1882 teilt Meitzen kurz die Ergebnisse 
einer von dem Finanzministerium einige Jahre vorher veranlagten Ermittelung der für selb- 
ständige landwirtschaftliche Besitzungen gezahlten Kaufpreise mit. (Landwirtschaftliche Jahr- 
bücher. Bd. XIII. Supplement 1. 1884. S. 77 ff). Die in der Eheinprovinz gezahlten 
Preise sind gleich dem 00,7 fachen des Grundsteuerreinertrags (gegen das 63,3 fache im ganzen 
Staat). Das Ergebnis für die Rheinprovinz ist der Durchschnitt von 1192 Verkäufen. Die 
verkauften Besitzungen umfafsten 30323 ha, die einzelne Besitzung also durchschnittlich 
26,3 ha. Es mufs sich demnach überwiegend um Besitzungen handeln, die nach rheinischen 
Verhältnissen grofs sind. 



22 I- Öberlandesgerichtsbezirk Köln. 

führungen deuten des Rätsels Lösung an. Sie scheint darin zu liegen, dafs 
im wesentlichen in den Gebieten der geschlossenen Erbfolge dank der alten 
Tradition der Verkehr sweri immernoch dem Ertragswert entspricht oder sich 
ihm doch nähert. Es ist bekannt, dafs in Gegenden mit Anerbenrecht die 
Grundstückpreise — natürlich nur unter sonst gleichen Umständen — nied- 
riger sind als in Naturalteilungsgebieten, wie auch der geschlossene Hof ver- 
bal tnismäfsig stets billiger ist als die Einzelparzelle. x ) Wenn also auch Avirk- 
lich am Mederrhein dem Gutsübernehmer der „volle Wert", der „wahre 
Wert", der „Verkehrswert" angerechnet wird, so ist dieser doch etwas anderes 
als bei dem Parzellenbesitz des Mittelrheins, wo der Grund und Boden viel- 
fach thatsächlich den Charakter einer vielbegehrten Handelsware angenom- 
men hat. 

Nur unter dieser Voraussetzung erklären sich sonst unerklärliche zahl- 
reiche Widersprüche in den Berichten. So sagt z. B., wie bereits erwähnt, 
der Landrat von Cleve, der Hof werde einem der Kinder gegen eine mäfsige 
Taxe übertragen, so dafs der Übernehmer des Gutes auch nach Abfindung 
der Miterben noch existenzfähig bleiben könne. Das entspricht auch der 
thatsächlichen Lage. Nichtsdestoweniger sagt der Amtsrichter desselben Orts: 
„Die sämtlichen Kinder sollen gleiche Teile erhalten. Deshalb wird das 
Gut vor dem Übertragsakt entweder durch einen Unbeteiligten abgeschätzt 
oder sein Wert durch Ratschlagung und Vereinbarung zwischen den Eltern 
und den Kindern bestimmt." Noch bestimmter der Amtsrichter von Goch: 
„Die Übertragung geschieht alsdann in der Regel in der Weise, dafs das 
Gut vorab seinem wahren Werte entsprechend abgeschätzt und unter Zu- 
grundelegung dieser Schätzung einem der Deszendenten mit der Auflage 
übertragen wird". 

Meist heifst es betreffs der Taxierung des Gutes, sie sei milde (z. B. 
Kreis Crefeld), es werde darauf gesehen, dafs der Übernehmer leistungsfähig 
bleibe, nicht über seine Kräfte hinaus belastet werde (Kreis Geldern, Amts- 
gericht Kempen); das Gut werde „zwischen Kauf- und Nutzungswert" an- 
geschlagen (Amtsgericht D ulken). Eine wirkliche Überlastung des Anerben 
durch mechanische Gleichstellung der Miterben scheint nur in den Kreisen 
Lermep und namentlich Wipperfürth, die schon zum Übergangsgebiet ge- 
hören, vorzukommen. Fast durchgängig ist die Taxe höher, tuenn die Ge- 
schwister sich erst nach dem Tode der Eltern einigen, eds wenn die Über- 
tragung zu Lebzeiten der Eltern stattgefunden hat. Besonders erwähnt 
wird mehrmals die milde Schätzung des Inventars (Kreis Geldern, Kreis 
Mettmann). 

„In der Regel werden die sämtlichen Kinder zu dem Übertragsakte 
zugezogen, was vornehmlich aus dem Grunde geschieht, dafs sie später den 



x ) Es ist unbegreiflich, dafs ein so scharfsinniger und mit den erbrechtlichen Problemen 
so vertrauter Autor wie Brentano dieses Verhältnis gerade umkehren konnte. („Über An- 
erbenrecht und Grundeigentum." Separatabdruck. Berlin 1895. S. 52.) Diese angebliche 
preissteigernde Wirkung des Anerbenrechts benutzt er noch dazu als Argument gegen dessen 
Einführung. 



I. Die thatsächliohe Erbfolge. A. Gebiet des geschlossenen Hof Überganges. 23 

Akt nicht wegen zu niedrig bemessenen Übertragspreises anfechten können. 
Wo die sämtlichen Kinder nicht zugezogen werden, wird in der Regel von 
den Eltern im Akte gesagt, dafs sie dem Übernehmer des Gutes zum voraus 
'and ohne Anrechnung auf seinen künftigen Erbteil dasjenige schenken, was 
das Gut mehr wert ist, als der vereinbarte Preis betrügt. Natürlich hat 
dies nur insoweit Wirkung, als die Eltern damit nicht den Betrag ihres 
Vermögens überschreiten, über das sie verfügen können. Aber auch, wo 
solche Verfügungen nicht getroffen sind, kommen spätere Anfechtungen 
seitens der Geschwister gar nicht oder in den allerseltensten Fällen vor. 
Es hat sich eben diese Art der Immobilarvererbung in hiesiger Gegend ein- 
gebürgert, Die Geschwister sind gewohnt, den einen als den Herrn des 
elterlichen Gutes und sich als den Inhaber einer Herausgabeforderung gegen 
jenen zu betrachten." (Landrat von Lennep.) Auch in den Amtsgerichten 
Dülken und Kempen wird bemerkt, dafs die Eltern von der ihnen gesetzlich 
zustehenden Befugnis Gebrauch machen, einem Kinde den verfügbaren Teil 
des Nachlasses zum voraus zu vermachen. ,,Es darf hierbei aber nicht 
unerwähnt bleiben, dafs diese einseitigen Festsetzungen des Kaufpreises — 
ohne Mitwirkung der übrigen Kinder — nach dem Tode der Eltern öfter 
Veranlassung zu Prozessen zwischen den Kindern geben, indem dieselben 
behaupten, die Festsetzung des Kaufpreises sei zu niedrig bemessen und ent- 
halte eine Verletzung der disponiblen Quote" (Amtsgericht Dülken). Meist 
gelingt es, die Zustimmung der Kinder vorher zu erhalten. 

Wird der Hof zu Lebzeiten beider Eltern oder eines Elternteiles über- 
tragen, so hat der Übernehmer aufser den auf dem Hofe ruhenden Lasten 
auch Verpflichtungen gegenüber den Abständern. „Die Elternteile behalten 
sich freie standesgemäfse Wohnung nach Wahl und Bedürfnis vor. Der 
Gutsübernehmer hat ihnen unentgeltliche Verpflegung und Wartung in ge- 
sunden und kranken Tagen zukommen zu lassen, sowie die Kosten der ärzt- 
lichen Behandlung zu übernehmen. Er rnufs den Eltern genügende Kleidung 
und Wäsche stellen, die Wohnung ausstatten und in ordnungsmäfsigem Zu- 
stande erhalten, Licht und Heizung liefern und alle Steuern und Lasten 
tragen. In vielen Fällen übernimmt der Erwerber auch die Kosten des Be- 
gräbnisses und die Zahlung eines sog. Tuchtgeldes, welches die Eltern nach 
Belieben einziehen können. Was beim Tode des Letztverstorbenen an 
Tuchtgeld nicht eingezogen ist, verbleibt dem Übernehmer zum Eigentum. 
Sodann behalten sich die Eltern das Hecht vor, zu jeder Zeit ohne Angabe 
von Gründen von dem Gute fortzuziehen; für solche Fälle wird ein be- 
stimmtes Jahres-, Kost- und Wohnungsgeld stipuKert oder ein einmaliges 
Abstandsgeld festgesetzt. Was nach dem Tode des Zuletztversterbenden übrig 
ist, vererbt sich nach den Regeln der Intestaterbfolge. Die Eltern behalten 
sich bei gröfseren Höfen meistens auch freie Verfügung über den Kutsch- 
wagen vor, Benutzung der Fremdenzimmer bei Besuchen, alleinige Benutzung 
eines bestimmten Gartens, Haltung eines Pferdes, Milchkuh, Hundes etc." 
(Amtsgericht Mors.) Einige Übertragsakte enthält Anlage I. 

Ähnlich sind die Alimentationsverpflichtungen der Übernehmer fast 



24 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

immer; nur kommt es häufig vor, dafs der Üb ergäbe vertrag die nach 
rheinischem Kochte eigentlich allein nur zulässige Form des Kaufvertrages 
hat und die Eltern sich dann nur die Zinsen des Kaufpreises vorbehalten, 
die sie aber zumeist bei dem Gutsübernehmer verzehren. Nicht selten er- 
folgt die Übertragung des Gutes auf den Übernehmer überhaupt noch nicht 
sofort, sondern erst später nach freiwilligem Verzicht der Eltern auf die 
„Meisterschaft" oder nach ihrem Tode. Auch dafs das Bargeld ganz oder 
zum Teil vorbehalten wird, ist die Kegel. 

Eigentümlich und ohne Seitenstück in anderen Berichten aus dem 
Norden der Provinz ist folgende Mitteilung des Amtsgerichtes Goch: „Die 
Gutsübertragungen geschehen sowohl bei Vorhandensein als bei Nicht- 
vorhandensein von Deszendenten regelmäfsig nur dann, wenn die wirtschaft- 
liche Lage der mehr oder minder arbeitsunfähig gewordenen Eigentümer 
auf Unterstützung dritter bei der Bewirtschaftung anweist. Bei derartigen 
Übertragungen wird nicht sowohl die wirtschaftliche Selbständigkeit des 
Übernehmenden und die Erhaltung des Grundbesitzes in der Hand eines 
leistungsfähigen Nachfolgers als vielmehr möglichst sorgenfreies Weiterleben 
des Übertragenden bezweckt. Bei Übertragung auf Deszendenten wirkt 
zwar auch der Wunsch, das Gut in der Familie zu erhalten, mit, nicht 
minder aber auch die Aussicht, von diesem bessere Behandlung und Ver- 
pflegung zu geniefsen als von Fremden." 

Die Auszahlung der Abfindungssummen erfolgt gewöhnlich beim Tode 
des Vaters oder des Längstlebenden der Eltern oder zur Hälfte nach dem 
Tode je eines Elternteils oder auch wohl ein Jahr nach dem Tode der 
Eltern; in allen diesen Fällen tritt nur dann Verzinsung ein, wenn das 
Kapital über diesen Zeitpunkt hinaus stehen bleibt: Im Bezirk des Amts- 
gericht Dülken wird die Abfindung bei der Verheiratung ausgezahlt. Das 
ist auch thatsächlich sonst vielfach der Fall. Meist, aber nicht immer werden 
die Abfindungen hypothekarisch eingetragen. Der Zinsfufs ist gewöhnlich 
geringer als der landesübliche, die Abzahlung wird auf jede Weise erleichtert. 
Aus den Kreisen Crefeld und Lennep wird berichtet, dafs in gröfserem Um- 
fange von dem billigen amortisablen Kredit der Landesbank der Rhein- 
provinz Gebrauch gemacht wird. 

Aufser den geldlichen haben ' die Übernehmer noch andere Ver- 
pflichtungen gegen die Abgefundenen. „Aufserdem wird vielfach für die 
noch unverheirateten Geschwister eine Aussteuer ausbedungen, oder auch 
dafs sie in Krankheitsfällen oder in der Fichterzeit, das heifst in der 
Zeit, wo sie ohne Stellung sind, 6 Wochen lang von dem Gutsübernehmer 
unentgeltlich aufgenommen werden müssen. ." (Amtsgericht Geldern.) „Die 
Geschwister (sog. Abständer) des Gutsübernehmers behalten, solange sie 
minderjährig sind, und die Schwestern, solange sie ledig bleiben, freie Wohnung 
und Verpflegung. Bei Übernahme von Kathstellen wird für die ledigen Ge- 
schwister, die in fremde Dienste treten, das Kecht vorbehalten, im Falle der 
Erkrankung oder Dienstlosigkeit für die Dauer von 6 Wochen alljährlich 
freie Wohnung zu beanspruchen. In Krankheitsfällen erhalten sie freien 



I. Die thatsächliche Erbfolge. A. GeMet des geschlossenen Hofüberganges. 25 

Unterhalt, im Falle der Dienstlosigkeit nur gegen Arbeitsleistung. Bei 
gröfseren Anwesen behalten die ledigen Abständer regelmäfsig freie Wohnung 
und Unterhalt, wobei stillschweigend vorausgesetzt wird, dafs sie sich auf 
dem Hofe beschäftigen. Diese Naturalprästationen und Vorbehalte der Alt- 
sitzer und Abstand er werden je nach dem Alter und der Anzahl der Ab- 
ständer stanclesgemäfs auf einen jährlichen Wert oder eine Gesamtsumme 
abgeschätzt. Diese Summe normiert die Höhe der Gutsbelastung und kommt 
auf den Anschlagspreis des Gutes in Abrechnung. Der Gutsübernehmer 
übernimmt ferner die sämtlichen Hypotheken und Schulden der Eltern und 
hat bei schuldenfreiem Anwesen, oder wenn nach Abzug der Belastungen 
und Schulden noch Vermögen erübrigt, den Abständern eine gewisse Summe 
als Erbteil herauszuzahlen und zwar den verheirateten Geschwistern meistens 
in Terminzahlungen mit oder ohne Zinsen, den ledigen Geschwistern, sobald 
sie ihr Wohnungsrecht aufgeben oder heiraten oder anderweitiges Unter- 
kommen gefunden haben, nach halbjähriger Kündigungsfrist. Solange sie 
auf dem Hofe wohnen, bleibt der Erbteil zinslos in Händen des Guts- 
üb ernehm ers. Die Herauszahlung geschieht niemals vor erlangter Grofs- 
jährigkeit der Abständer. Für die Schwestern wird vielfach noch Zahlung 
einer Aussteuer von 300—900 M aufser der Abfindungsquote für den Fall 
der Verheiratung stipuliert. Ein Resiliationsrecht wird nicht vorbehalten." 
(Amtsgericht Mors.) 

Über die Abfindungen geben auch die Üb ergäbe vertrage in Anhang I 
Auskunft. Zur Ergänzung sei in Anhang IT ein Auseinandersetzungsvertrag 
zwischen Miterben mitgeteilt. 

Mit dem Schicksale der Abständer beschäftigen sich die Berichte auf- 
fallend wenig; wohl ein Zeichen dafür, dafs sich besondere Mifsverhältnisse 
nicht ergeben haben. „Letztere" (die Gutsübernahmeverträge) — sagt der 
Amtsrichter von Geldern — „haben sich in hiesiger Gegend wohl auch aus 
dem Grunde sehr eingebürgert, weil meines Erachtens die Neigung zum 
Heiraten hier weniger grofs ist als anderswo; es sind hier Ackergüter, auf 
denen fünf, sechs, ja selbst elf unverheiratete Geschwister zusammen wirt- 
schaften, sei es, dafs sie das Gut noch gemeinschaftlich als Übernehmer be- 
sitzen, sei es, dafs nur Einer Eigentümer ist und die anderen Geschwister, 
nachdem sie vom elterlichen Vermögen abgestanden haben, bei dem Über- 
nehmer wohnen bleiben. In beiden Fällen ist das Verhältnis unter den Ge- 
schwistern ein durchweg gutes und von einer Abhängigkeit der Abständer 
von dem Gutseigentümer ist um so weniger die Rede, als letzterer grofses 
Interesse daran hat, dafs die Geschwister bei ihm bleiben, da er in diesem 
Falle die Abfindung nicht zu zahlen und meist sogar nicht einmal zu ver- 
zinsen braucht. In beiden Fällen treffen die Geschwister in der Regel unter 
einander letztwillige Verfügungen, wonach der Längstlebende Universalerbe 
aller anderen wird." Direkt befafst mit den Abständern hat sich nur der 
Notar F. in. Uerdingen: „Wo aber, ist man geneigt zu fragen, bleiben die 
Abständer? Diese Frage findet ihre Antwort zum Teil sohon in den obigen 
Ausführungen: solange sie unverheiratet sind, behalten sie so immer ein 



26 L Ober] andesgerichts bezirk Köln. 

Heim; heiraten sie, so finden die kleinen Leute als Fabrikarbeiter, Tage- 
löhner etc. ihr Fortkommen. Von den besseren Ökonomen-Familien heiratet 
der eine oder andere Abständer wieder eine Annehmerin von einem anderen 
Hofe oder er studiert. Kurz, eine besondere Unzufriedenheit habe ich in 
meiner Praxis auch bei diesen vielfach weniger gut wegkommenden i Ab- 
ständern nicht gefunden." 

Noch einmal die Sachlage im Gebiet der Hofbesiedelung kurz zu- 
sammengefafst: Der Hof bleibt, wenn irgend möglich, ungeteilt; der Über- 
nehmer wird meist durch milde Werttaxierung des Hofes, bisweilen auch 
durch Eventualzuweisung des dem Pflichtteil nicht angehörigen Vermögens- 
teils in wirtschaftlich durchaus berechtigter Weise unterstützt. Immerhin 
ist, wenigstens an einzelnen Orten, die Tendenz nicht zu verkennen, den 
Übernehmer den anderen Erben genau gleich zo stellen. Abgeschwächt 
wird diese Tendenz in ihrer Wirkung dadurch, dafs die Grundstückpreise 
im Gebiet der Hofbesiedelung sich dem Ertragswert noch immer ziemlich 
anpassen. 

B. Das Übergangsgebiet. 

Die Ausscheidung eines Übergangsgebiets ist nicht leicht. Zwar auf 
der linken Rheinseite sind die Kreise, in denen beide Vererbungsformen 
neben einander vorkommen, allenfalls mit einiger Sicherheit zn bezeichnen; 
es sind dies die Kreise München -Gladbach, Grevenbroich und Neufs. Auf 
der rechten Rheinseite charakterisieren sich die Kreise Düsseldorf und 
Solingen ebenfalls als echte Übergangsgebiete, in denen die Vererbungs- 
formen sich weniger örtlich als nach jeweiliger Lage der Dinge scheiden; 
die Herrschaft der Sitte, die auch den zu Recht oder Unrecht Widerstrebenden 
in ihren Bann zwingt, ist gebrochen, und maßgebend ist im aligemeinen das 
wirtschaftliche Bedürfnis. Von den an Westfalen angrenzenden Kreisen 
bis Wipperfürth herab läfst sich das Gleiche nicht sagen. In der Mehrzahl 
der Fälle übernimmt dort nur ein Sohn das Gütchen. Das Gütchen, nicht 
das Gut; denn es ist zumeist so klein, dafs die Teilung einfach unmöglich 
ist. Trotzdem kann man auch dort von einem Fortleben der alten bergischen 
Erbsitte reden; im Süden der Provinz übernimmt auch in diesem Falle nicht 
ein Kind den Hof, sondern er wird in Parzellen versteigert. Da jedoch 
immerhin die alten Höfe durch Teilung vielfach zu Grunde gegangen sind 
— wann, darüber später — so schien die Verweisung auch dieser Kreise 
in das Übergangsgebiet richtig. 

Der Kreis Neufs scheint augenblicklich der Platz zu sein, wo die 
beiden Erbfolgesysteme den härtesten Kampf ausfechten. Der Landrat sagt, 
dafs ihm keine Fälle bekannt seien, in denen ein Gutsbesitzer testamentarisch 
oder durch Erbvertrag, bezw. durch Hof esübergabev ertrag das Gut einem 
Deszendenten unter Benachteiligung der übrigen Kinder zugewendet habe. 
Es werde unter allen Umständen daran festgehalten, dafs Grundbesitz, wie 
sonstiges Vermögen, den sämtlichen Deszendenten zu gleichen Teilen zu- 



I. Die' -thatsächliche Erbfolge. B. Das Üborgangsgebiet. 27 

komme. Wenn dem ungeachtet unter den Besitzern des grösseren Grund- 
eigentums sich das Bestreben erhalten habe, die Höfe ungeteilt in eine Hand 
zu vererben, so werde dabei die Gleichberechtigung der anderen Kinder 
strengstens gewahrt. Infolgedessen werde auch von der in den Art. 913 ff. 
des Code vorgesehenen Befugnis nur insoweit Gebrauch gemacht, als es sich 
um Zuwendungen an sonst nicht erbberechtigte Yerwandte oder zu Zwecken 
milder Stiftungen handelt, Ein Ehrenbürgermeister aus dem Neufser Kreise 
teilt mit: „Thatsächlich vollzieht sich die Vererbung im Bauernstande nicht 
häufig auf Grund des Intestaterbrechtes, vielfach durch Testament, manchmal 
durch Vertrag unter Lebenden, letzteres in der Form, clafs der Besitzer zu 
Lebzeiten sein Immobiliarvermögen verteilt oder für seinen Todesfall einem 
Erben gegen Herauszahlung der anderen übergiebt. Bei der Intestaterbfolge 
sowohl wie bei den Testamenten und Erbverträgen läfst sich das Bestreben 

konstatieren, doch einen lebensfähigen Hof in einer Hand zu erhalten 

Bei ganz unbedeutendem Grundbesitz mit kleiner Wohnung findet meines 
Wissens meist Intestaterbfolge statt. Wenn Intestaterbfolge eintritt, so einigen 
sich bei geringer Schuldenlast die Besitzer vielfach und Einer übernimmt 
den Grundbesitz, belastet sich aber mit bedeutenden Schulden." Der Amts- 
richter ist der Meinung, dafs nur bei dem gröfseren, nur selten bei dem 
mittleren Grundbesitz Sorge für das Zusammenbleiben des Grundbesitzes in 
der Hand eines Erben getragen, kleiner Besitz dagegen stets in natura ge- 
teilt oder nur im äufsersten Notfalle im Falle der Unteilbarkeit verkauft werde. 
Hinsichtlich des mittleren Grundbesitzes sei jedoch der meistbeschäftigte 
Notar des Bezirkes, in Gegensatz zu den anderen Notaren und dem Kataster- 
kontrolleur, der Ansicht, dafs durch Vertrag unter den Erben jetzt mehr 
als früher auf Konservierung des Grundbesitzes in einer Hand hingewirkt 
werde. 

Ähnliche Übergangsverhältnisse herrschen im Kreise Düsseldorf; der 
dortige Landrat zählt in seinem Bericht ziemlich alle möglichen Formen der 
Übertragung des Grundeigentums auf die Erben als gleich häufig auf. Kegel 
ist nur, dafs kleinere Güter, weil ein leistungsfähiger Übernehmer selten 
vorhanden ist, öffentlich verkauft werden und der Erlös unter die Erben 
verteilt wird, sowie dafs testamentarische Übertragung des Gutes an einen 
Anerben nur in sehr vereinzelten Fällen vorkommt. Neu gegenüber den 
bisher erwähnten Arten, den Grundbesitz in die Hand eines der Erben zu 
bringen ist die, „dafs, falls eine Teilung zu Lebzeiten nicht stattgefunden 
hat, die Kinder mittelst Bildung von Losen den Grundbesitz zunächst teilen; 
der sog. Hof, d. h. die Gebäulichkeiten mit umliegendem Garten und Acker- 
ländereien wird noch besonders einem Erben gegen eine bestimmte Summe 
übertragen, und dieser letztere strebt dann dahin, die den Geschwistern durch 
das Los zugefallenen Ländereien mit der Zeit zu erwerben." Geographisch 
scheinen sich — den Berichten der Amtsrichter und Notare zufolge — die 
Erbsitten so zu verteilen, dafs in der Nähe der gröfseren Städte die Natural- 
teilung überwiegt, weiter im Lande aber der Zusammenhalt der Grund- 
stücke. Das erstere ist der Fall in den Amtsgerichts- und Notariatsbezirken 



28 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

von Düsseldorf, Kaiscrswerth, Gerresheim, das letztere in Ratingen. In 
dem Ratinger Bericht wird als Regel des Übergangs die divisio parentnm 
inter liberos (Art. 1075 des Code) hingestellt, eingekleidet in die Form eines 
Kaufgeschäftes. „Die Eltern oder der in Betracht kommende Elternteil ver- 
kaufen einem von den Kindern das Gut zum wahren Werte; gleichzeitig wird 
die Kaufpreissumme abzüglich der Schulden, die von dem Gutsübernehmer 
mitübernommen werden, nach Köpfen, bezw. Stämmen geteilt und in An- 
rechnung auf das künftige Erbteil überwiesen, jedoch meist mit der Mafs- 
gabe, dafs der bezw. die Abständer sich den Zinsgenufs auf Lebenszeit vor- 
behalten. Es kommt auch vor, dafs der bezw. die Abständer sich in Ali- 
mentation bei den Gutsübernehmern begeben; alsdann wird je nach der 
Verschiedenheit des Falles stipuliert, entweder, dafs der Kaufpreis zum 
Vorteile des Letzteren bis zum Tode des bezw. der Abständer zinslos stehen 
bleiben soll, oder dafs ihm ein dem Werte der Alimentation entsprechender 
Nachlafs am Kaufpreise gewährt werden soll. Die Auswahl desjenigen 
Kindes, welches das Gut übernimmt, geschieht im allseitigen Einverständnisse 
der Eltern und der Kinder. Nicht der Gesichtspunkt der gröfseren oder 
geringeren Leistungsfähigkeit des einen oder des anderen Kindes, sondern 
andere Gesichtspunkte sind hierbei ausschlaggebend. Der Grundgedanke 
bei dieser antecipierten Erbfolge ist stets der, dafs jedes Kind oder Kindes- 
kind an Wert dasjenige, ivas ihm nach Intestaterbrecht gebührt, erhalten 
soll und nicht weniger. In der Zuweisung des ganzen Gutes an Einen liegt 
keine Bevorzugung und soll auch keine Bevorzugung liegen; es ist in der- 
selben nicht etwa der Ausdruck eines bäuerlichen Standes- und Familien- 
gefühls zu erblicken, sondern vielmehr der Ausdruck der Befürchtung, dafs 
bei Zerteilung oder Versteigerung des Gutes der zu verteilende Wert sich 
niedriger stellen möchte. 1 ) Die Idee, dafs ein Kind sich im Interesse der 
Erhaltung des Familienbesitzes in der Hand eines leistungsfähigen Erben 
eine Kürzung seines Erbteils sollte gefallen lassen müssen, ist der hiesigen 
bäuerlichen Bevölkerung ganz fremd. Aufser dieser Art der Erbteilung 
kommt auch wohl die testamentarische Erbfolge vor, indessen nach Auskunft 
des hiesigen Notars nur äufserst selten. Gerichtsseitig ist nur ein einziger 
Fall bekannt, und hier handelte es sich um einen Erblasser, der weder 
Aszendenten noch Deszendenten, sondern nur Seitenverwandte der ent- 
fernteren Grade hatte. Findet die reine Intestaterbfolge statt, so bleibt auch 
hier, zumal bei gröfserem Besitze, der Regel nach das Gut in einer Hand, da 
dasselbe meist von einem Miterben auf Grund gütlicher Einigung zum wahren 
Werte übernommen wird. Bei kleinerem Besitze kommt es jedoch nicht selten 
zu Mifshelligkeiten unter den Erben und infolgedessen zum öffentlichen 
Verkauf. In solchem Falle ist es gebräuchlich, dafs um einen möglichst 
hohen Preis zu erzielen, zuerst die einzelnen Parzellen und dann das Ganze 
zusammen zum Kaufe ausgeboten wird; der Erfolg ist in der Regel, dafs 



*) Diese Behauptung ist sehr unwahrscheinlich, da sie zu allen von anderer Seite 
mitgeteilten Thatsachen in Widerspruch steht. 



I. Die 'thatsäcMiche Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 29 

das Gut im ganzen zugeschlagen wird, und zwar in der Mehrzahl der Fälle 
an einen Miterben, häufig aber auch an einen Fremden. Die Naturalteilung 
bäüerUchen Grundbesitzes ist äu/serst selten, zumal bei besseren Bauern- 
gütern. Vereinzelte Fälle derselben sind beobachtet worden bezüglich 
kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe, in denen wegen der Nähe der 
Industriecentren Düsseldorf und Duisburg der extensive Körnerbau dem inten- 
siven Gemüsebau Platz gemacht hat." 

Der zwischen dem Kreise Düsseldorf und der westfälischen Grenze be- 
legene Kreis Mettmann hat an dem bergischen Erbrecht zäh festgehalten 1 ). 
Der Amtsrichter von Mettmann giebt eine anschauliche, für den gröfsten 
Teil des bergischen Landes zutreffende Schilderung der herkömmlichen Zu- 
stände: „Dem Amtsgerichtsbezirk, wie dem bergischen Lande überhaupt ist 
im allgemeinen das System geschlossener Dorfschaften nicht bekannt. Wo 
einzelne dorfartige Gebilde vorhanden sind, erscheinen dieselben mehr als 
eine Vereinigung gewerblicher Niederlassungen denn als ein Zusammenschlufs 
der Bebauer ländlichen Grundbesitzes. Bei letzterem ist das Prinzip ge- 
schlossener Güter in allgemeiner Geltung. Der ländliche Grundbesitzer wohnt 
für sich allein auf seinem Hofe. Sein der übermäfsigen Parzellierung nocli 
nicht verfallener Grundbesitz umgiebt in grofsen Flächen den Wolmplatz. 
Zuweilen, namentlich bei gröfseren Gütern, befinden sich um den Hof kleinere 
Wohnungen, teils im Eigentum des Hofbesitzers, zum Teil im Eigentum 
ihrer Bewohner, die in der Hausindustrie oder als landwirtschaftliche Tage- 
löhner ihre Beschäftigung finden. Einen charakteristischen Ausdruck findet 
die Geschlossenheit und Selbständigkeit des Hofes in der Thatsache, dafs fast 
jeder derselben seinen eigenen Namen trägt. Eine bald gröfsere bald kleinere 
Zahl solcher geschlossener Niederlassungen und Landgüter wird unter dem 
Begriffe der Honschaft mit besonderem Namen zusammengefaßt Diese Hon- 
schaften bilden zwar teilweise, wie in der Bürgermeisterei Wülfrath, eigene 
Katastergemeinden, haben indes nicht die Stellung und Bedeutung besonderer 
politischer Gemeinden, sind vielmehr zu mehreren mit der Landschaft, um 

die sie sich gruppieren, zu einer Gemeindeverwaltung verbunden Hat 

somit der Bezirk einen eigentlichen Grofsgrundbesitz nicht aufzuweisen, so 
ist doch eine erhebliche Verschiedenheit in der Gröfse der Güter vorhanden. 
Läfst man denjenigen Grundbesitz aufser Betracht, der keine selbständige 
wirtschaftliche Existenz mehr bietet und nur nebenbei in einem gewerblichen 
oder sonstigen Hauptberufe von seinem Besitzer bewirtschaftet wird, so sind 
doch geschlossene Güter von über 10 ha in beträchtlicher Zahl vorhanden, 
während nicht wenige die Gröfse von 30, 40, 50 ha übersteigen, einige sogar 



*) Der Kreis Mettmann, in dem der fabrikmäfsige Grofs betrieb eine verhältnismäfsig 
bescheidene Bolle gegenüber der Hausindustrie spielt, gehört eigentlich in das Gebiet der 
ungeteilten Hofübergabe. Aber da er im Westen und Süden von ausgesprochenen Über- 
gangskreisen umgeben ist (im Osten ist die westfälische Grenze), da ferner die Güter, 
wie der Bericht des Amtsrichters von Velbert ergiebt, vielfach eine Teilung ohne Änderung 
des herrschenden Wirtschaftssystems überhaupt nicht mehr zulassen, schien es geboten, den 
Kreis in der Darstellung dem Übergangsgebiet anzureihen. 



30 I. Oberlandesgerichtsbeziri Köln. 

noch darüber nicht unerheblich hinausgehen. Überall, mag der Besitz ein 
greiserer oder von geringerem Umfange sein, ist es herkömmlich, die ge- 
schlossenen, ein wirtschaftliches Ganze bildenden Güter ungeteilt an andere 
zu übertragen. Diese Macht des Herkommens erweist sich fortdauernd so 
stark, dafs nicht ein einziger Fall einer Realteilung sich hat ermitteln fassen. 
Nur wenn sich, was indessen selten vorkommt, mehrere Güter im Besitz 
einer Familie durch Erbgang oder Kauf befunden haben, ist eine Verteilung 
der einzelnen, übrigens wirtschaftlich durchaus selbständigen Güter vor- 
gekommen. Zu dieser offenbar auf Jahrhunderte altem Herkommen be- 
ruhenden mächtigen Verkehrsgewohnheit, in der sich eine auf genauer 
Kenntnis aller bedeutsamen Umstände und Bedürfnisse gegründete allgemeine 
wirtschaftliche Überzeugung, wie auch ein Rest alten deutschen, insbesondere 
dem sächsischen Stamme eigentümlichen Grundbesitzrechtes auszuprägen 
scheint, bildet naturgemäfs das geltende bürgerliche Recht einen schroffen 
Gegensatz. Dasselbe, geboren in den Stürmen des französischen Revolutions- 
zeitalters, bringt bei all seiner sonstigen Vortrefflichkeit in seinem Familien- 
und Erbrecht jene atomisierenden Tendenzen zum Ausdruck, die auf eine 
Vernichtung besonderer Berufs-, Standes-, Landschaftseigentümlichkeiten im 
Rechte abzielten und deshalb den Grandbesitz in besonderem Mafse zu be- 
einflussen geeignet und bestimmt waren. Indem es den Grundbesitz wesent- 
lich den gleichen Grundsätzen wie den mobilen Besitz unterwirft, läfst es 
die Eigentümlichkeiten und Bedürfnisse des ersteren unberücksichtigt. Bei 
dem geschilderten Widerstreit des Rechtes und des Herkommens hiesiger 
Gegend haben sich nun, um dem letzteren seinen Einflufs thuniichst zu 
sichern, in Bezug auf die Übertragung und den Übergang des Grundbesitzes 
eigenartige Verhältnisse herausgebildet. Der Grundsatz der freien Teilbarkeit 
und gleichmäfsigen Vererbung des Grundbesitzes ruufste prinzipiell aufge- 
nommen werden, da die Rechte der Vorbehaltserben der Testierfreiheit uu- 
überwindbare Schranken entgegensetzten. Auch aus einem gewissen Ge- 
rechtigkeitsgefühle heraus erfreut sich das gleiche Erbrecht, wie das Recht 
der Vorbehaltserben allgemeiner Billigung. Allein man wufste doch zu ver- 
hindern, dafs dadurch die Geschlossenheit der Güter angetastet wurde. Man 
suchte und fand gewisse Rechtsformen, durch die Gewohnheit und Gesetz 
sich haben versöhnen lassen. Es ist die Form des Kaufgeschäftes, die im 
wesentlichen dem Güterwechsel unter Lebenden auch innerhalb der Familie 
zu Grunde liegt. Dieselbe läfst sich den verschiedenartigen Familien- und 
Vermögensverhältnissen oline Schwierigkeit anpassen. Indessen ist die kauf- 
Aveise Überlassung eines Gutes an einen Deszendenten wenigstens von Seiten 
des Vaters nicht häufig. Bei weitem öfter dagegen kommt dieselbe vor, 
wenn eine verwitwete Mutter ihren Grundbesitz übertragen will. Hier geben 
zumeist wirtschaftliche Gründe, die keiner besonderen Erläuterung bedürfen, 
den Ausschlag. Solche Kaufverträge ZAvischen Aszendenten und Deszendenten, 
die ausschliefslich nur beim Vorhandensein einer Mehrzahl der letzteren 
vorkommen, bestimmen nun in der Regel nach Festsetzung des Kaufpreises, 
dafs dem Erwerber der v erhalten smäfsige Teil des Kaufpreises in Anrechnung 



I. Dio tatsächliche Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 31 

auf seinen Erbteil geschenkt und der Empfänger gleichzeitig verpflichtet 
wird, den übrigen Teil des Kaufpreises dem Veräufserer neben Gewährung 
von Wohnung und anderen Nutzungsrechten in üblicher Weise zu verzinsen, 
nach seinem Tode aber an seine (des Erwerbers) Geschwister herauszuzahlen, 
die sich das Empfangene gleichfalls auf ihr Erbteil verrechnen zu lassen 
haben. In seltenen Fällen kommt es auch vor, dafs der Kestkaufpreis schon 
bei Lebzeiten des Yeräufserers ganz oder teilweise an dessen übrige Des- 
zendenz herauszuzahlen ist. Nur in den seltenen Fällen, wo Deszendenten 
nicht vorhanden sind, werden andere Formen der Gutsübertragung beliebt. 
Entweder wird in diesem Falle der überlebende Ehegatte oder ein dem Be- 
sitzer besonders nahestehender Verwandter testamentarisch zum Erben des 
Gutes eingesetzt, oder es wird einem solchen Verwandten durch Schenkungen 
unter Lebenden der Besitz des Gutes zugewandt, gegen Übernahme gewisser 
Verpflichtungen, die dem Erwerber gegenüber dem Übertragenden oder 
anderen Angehörigen desselben auferlegt werden. Im Wege von Alimentations- 
verträgen sind Gutsübertragungen nur bei kleinerem unter 10 ha betragenden 
Grundbesitz und fast ausschliefslich nur dann festgestellt worden, wenn das 
Gut so belastet ist, dafs nach Übernahme der Schulden für die Geschwister 
des Übernehmers wenig oder gar nichts übrig geblieben ist. Man darf 
somit sagen, dafs testamentarische Zuwendungen wie Übertragungen unter 
Lebenden beim Grundbesitz hiesiger Gegend nicht häufig und fast nur unter 
besonderen Verhältnissen vorkommen. Unter diesen spielt eine nicht un- 
bedeutende Rolle der Fall, wenn der Erwerber ein vermögendes Mädchen 
heiratet, das, da sein Vermögen zur Befriedigung der Geschwister oder zur Ver- 
besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Gutes verwendet wird, Wert 
darauf legt, Miteigentümerin des Grundbesitzes zu werden. Überhaupt wird, 
wenn der auf das Gut heiratende Teil erhebliches Vermögen mitbringt, zumeist 
vertragsmäfsig allgemeine Gütergemeinschaft festgesetzt. Weitaus in den meisten 
Fällen tritt im Bezirke eine Intestaterbfolge ein, die nur dadurch modifiziert 
wird, dafs ein Ehevertrag, der in der überwiegenden Zahl von Fallen gesetz- 
liche Gütergemeinschaft stipuliert, dem überlebenden Ehegatten das verfügbare 
Vermögen vermacht. Die Intestaterbfolge führt demnächst zu einer Aus- 
einandersetzung meist erst dann, wenn von den Geschwistern eines oder 
mehrere sich wirtschaftlich selbständig machen wollen. Auch eine solche 
Teilung führt in Bezug auf den zum Nachlafs gehörenden Grundbesitz zu 
einem Kaufgeschäft, indem einer der Miterben denselben käuflich übernimmt. 
Dieses Kaufgeschäft wird in einem Akte gethätigt, indem sich die Erben 
gleichzeitig über den gesamten Nachlafs auseinandersetzen. In ganz seltenen 
Fällen wird auch die Form des Erbschaftskaufes zur Anwendung gebracht. 
Mag nun das über den Grundbesitz abgeschlossene Kaufgeschäft zwischen 
Aszendenten und Deszendenten oder unter Miterben vor sich gehen, so wird 
bei der Bestimmung des Kaufpreises naturgemäfs dem Übernehmer eine 
kleine Ermäßigung gewährt, wenn auch dieselbe weniger häufig auf den 
ei gm Hielten Grundbesitz als auf cleis stets gleichzeitig übernommene Guts- 
iueeutar und Hausmobilar sieh erstreckt. Die Preisbestimmung vollzieht 



32 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



sich im gegebenen Falle unter Berücksichtigung der gesamten wirtschaft- 
lichen Verhältnisse im allgemeinen wie des fraglichen Gutes und der be- 
sitzenden Familie im besonderen. Zuweilen insbesondere wenn nur einer 
der Miterben verheiratet ist, bleiben diese sämtlich in ungeteilter Gemein- 
schaff und es verfügen regelmäßig die Nichtverheirateten letztwillig zu 
gunsten der Verheirateten oder ihrer Kinder." 

Eine gute Ergänzung zu dieser Schilderung bietet der sehr ausführliche 
und sorgfältige Bericht des Amtsrichters in dem benachbarten Bezirk Velbert, 
in dem ebenfalls das für das nordbergische Land charakteristische Verhältnis 
der innigen Mischung von Landwirtschaft und Industrie in den Siedelungs- 
verhältnissen zum Ausdruck kommt. Die Verteilung und der Übergang des 
Grundbesitzes kommt in den folgenden, aus den Grundbuchakten zusammen- 
gestellten Tabellen zum Ausdruck. 



Tabelle 

der Verteilung des Grundbesitzes im Amtsgerichtsbezirk Velbert. 



a 


b 


c 


d 


e f 


g 


h 


i 


k 










Gröfse 






Lfde. 

Nr. 


Gemeinde 


unter 
0,75 

ha 


0,75—2 
ha 


2-5 
ha 


5-20 
ha 


20—50 
ha 


50-100 
ha 


PI CD 

B 3 

CD <+ 


Summe 
d-h 


1 


Leubeck 1 ) . . . 


138 1 ) 


11 


11 


7 


14 1 


182 


44 


2 


Hasselbeck . . . 


38 


15 


IG 


20 


12 


— 


101 


G3 


3 


Öfte 


— 


1 


— 


— 


1 


I 2 ) 


3 


3 


4 


Hetterscheidt . . 


49 


15 


19 


13 


6 


— 


102 


53 


5 


Isenbügel . . . 


25 


22 


19 


13 


5 


— 


84 


59 


6 


Tuschen .... 


9 


3 


10 


5 


4 


— 


31 


22 


7 


Krehwiukel . . . 


43 


18 


27 


16 


7 


1 


112 


69 


8 


Velbert 3 ) . . . 


422 3 ) 


12 


28 


35 


5 


— 


502 


80 


9 


Bürgermeisterei . 


724 4 ) 


97 


130 109 


54 3 


1117 


393 




(Amtsgerichtsbezirk) 


(64,8%) 


(8,7%) 


(11,6%) 


(9,8%) 


(4,8%) 


(0,3%) 




(35,2<y 



*) Enthält das Industriedorf Heiligenhans. 2 ) Rittergut (Fideikommiß) von 481,5 ha. 

3 ) Für Velbert (Stadt) und Velbert (Honschaft) ist das Grundbuch gemeinschaftlich angelegt. 

4 ) Grösstenteils nur Hof räum und Hausgarten. 

(Siehe Tabelle S. 38). 
Der Berichterstatter bemerkt dazu, dafs die Grundlage eine nicht ganz 
sichere ist. Zunächst hat ein Teil der Anlegungskommissare, sobald mehr 
als zehnjähriger Eigentumsbesitz vorlag, den Erwerbstitel nur in ganz all- 
gemeiner Weise festgestellt; z. B. „vor langer Zeit gekauft'', „vor mehr als 
10 Jahren erworben". Ob hier unter dem „Kauf" und „Erwerb" ein solcher 
von fremden Vorbesitzern oder eine Gutsübernahme von den Eltern oder 
Miterben zu verstehen sei, bleibt ungewifs. Andererseits findet sich oft nur 
der Vermerk „vor mehr als zehn Jahren geerbt", ob der Artikelinhaber als 
Alleinerbe oder kraft Abfindung der Miterben in den Besitz gekommen ist, 
wird nicht erörtert. Auch für die Klassifikation des Grundbesitzes war die 



I. Die- thatsächliehe Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 



33 



Tabelle 

der Vererbung im Verhältnis zum Verkauf des ländlichen Grund- 
besitzes im Amtsgerichtsbezirk Velbert. 



a 


b 


c 


d 


e 


f 


g 


h 


Lfde. 
Nr. 


Art des Eigentums-Erwerbs 


0,75—2 
ha 


2—5 

ha 


Gröfse 

5-20 
ha 


20-50 
ha 


50-100 
ha 


Summa 

c— g 


1 


Kauf 1 ) 


51 
16 

18 
12 


49 
27 
41 
13 


45 
16 
28 
20 


18 
4 

22 
10 


l 3 ) 

1 

1 


163 


2 
3 

4 


Erbgang 2 ) 

Einteilung 4 ) 

Gutsübernahme von den Eltern 5 ) 


64 
110 

56 ' 


5 


Zusammen : 


97 


130 


109 


54 


3 


393 


6 

7 
8 


davon Kauf 

Vererbung i. w. S 

letztere in Prozenten der Sum- 
men Kol. 5: 


51 

46 

47,7 


49 

81 

62,3 


45 
64 

58,7 


18 
36 

m,6 


3 

100 


163 
230 

58,5 



*) In dieser Tabelle sind die Besitzgröfsen unter 0,75 ha nicht beachtet; sie sind 
weit überwiegend durch Kauf i. e. S. erworben. 2 ) Hierunter ist verstanden: a) gesetzlicher 
Anfall an den einzigen Erben, b) gesetzlicher Anfall an Miterben, die noch zu Miteigentum 
besitzen. 3 ) Rittergut von 481,5 ha: Fideikommiß. 4 ) Die Übernahme des Gutes durch 
einen von mehreren Miterben ist inbegriffen. 5 ) oder von einem Elternteil, der zu Sonder- 
gut besafs. 

Grundlage insofern unsicher, als der Berichterstatter nur durch eine Ver- 
gleichung, zu der er keine Zeit mehr fand, hätte feststellen können, ob nicht 
Artikel aus verschiedenen Gemeinden dieses und der benachbarten Amts- 
gerichtsbezirke einen einheitlichen Grundbesitz-Komplex bildeten und daher 
nur einmal zu zählen waren. Ebenso ist die gemeinschaftliche Bewirt- 
schaftung von Sondergut und Gemeinschaftsgut, deren jedes einen eigenen 
Artikel hat, nicht mehr kontrolliert worden. Meist handelt es sich in diesen 
beiden Fällen um kleinere Parzellengruppen, die zu einem Hauptgut zu- 
gekauft worden sind. Die Wirkung der bezeichneten Fehlerquellen wird 
sein, dafs in der Tabelle 1. die Zahl der kleineren ländlichen Besitzungen 
im Verhältnis zu der der grofsen, 2. die Zahl der reinen Kauffälle im Ver- 
hältnis zu der der Vererbungsfälle höher erscheint als sie wirklich ist. „Der 
Amtsgerichtsbezirk Velbert, welcher mit der Bürgermeisterei Velbert zusammen- 
fällt, enthält aufser zwei industriellen Orten, der eigentlichen Stadt Velbert 
und dem Dorfe Heiligenhaus, acht frühere ländliche Gemeinden, die sog. 
Honschaf ten Leubeck, Hasselbeck, Oefte, Isenbügel, Hetterscheidt, Tuschen, 
Krehwinkel und Land Velbert. Die Honschaften (Hundertschaften) 1 ), früher 
Bezirke bäuerlicher Selbstverwaltung unter den Honnen, haben jetzt nur 



l ) Die Erklärung der Honschaften als Hundertschaften ist nicht über jeden Zweifel 
erhaben. Die Honnen sind von Haus aus die Gemeindevorsteher (villarum rectores). Vgl. 
v. Below, a. a. 0, S. 548. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. o 



;54 I. Oberlandesgericktsbezirk Köln. 

noch Bedeutung als geographischer Begriff, sowie für die Einteilung der 
Grund- und Steuerbücher. Unter ihnen nimmt die Honschaft Oefte eine 
Sonderstellung ein: mit Ausnahme eines gröfseren Bauerngutes (zwischen 
20 und 50 Hektaren) besteht sie nämlich nur aus dem Fideikommifs- und 
Allodialgut des Grafen v. d. Schulenburg, das zum grofsen Teil aufgeforstet, 
zum Teil an Pächter ausgethan ist. In den übrigen Honschaften herrscht 
der mittlere bäuerliche Grundbesitz entschieden vor; mit geringen Aus- 
nahmen bewirtschaften die Eigentümer ihre Güter selbst. Die Besiedelung 
ist, wie überhaupt im Bergischen, nicht dorfartig, sondern hofweise erfolgt; 
zu jedem Bauernhof pflegen eine oder mehrere sog. Kothen zu gehören, 
die an Tagelöhner oder kleinere Bauern verpachtet sind. Indessen ist, bei 
dem starken Triebe, sich sefshaft zu machen, der im bergischen Yolke herrscht, 
eine grofse Anzahl solcher Kothen mit dem entsprechenden Lande im Eigen- 
tum ihrer Bewohner. Bisweilen bedienen sich diese Eigentümer eines sog. 
Bau marines, eines Ackerers, der ihnen die Feldbestellung im Accord oder 
Tagelohn besorgt. Die Zahl dieser kleinen Eigentümer scheint zuzunehmen. 
Einerseits hängt das mit der Art der Industrie zusammen, die im Bezirk 
betrieben wird. Diese Industrie, fast ausschliefslich Schlofsindustrie mit ihren 
Nebengewerben (Eisen- und Gelbgiefserei, Schleiferei etc.) ist zwar im Ober- 
gang vom Haus- zum Fabrikbetrieb begriffen; ersterer giebt ihr aber immer 
noch das Gepräge und ermöglicht einem Teil der Schlosser, auf dem Lande 
zu wohnen, Landwirtschaft als Nebengewerbe zu betreiben oder durch ihre 
Angehörigen betreiben zu lassen. Andererseits beginnen frühere Bergleute 
aus dem nahen Ruhrgebiet sich hier anzusiedeln; mau findet daher unter 
den Grundeigentümern schon ab und %u polnische Namen. Dafs gerade 
der kleinste ländliche Grundbesitz von der Mehrzahl der jetzigen Eigentümer 
nicht durch Vererbung oder Übernahme von den Eltern und Miterben, 
sondern durch Kauf von Fremden erworben worden ist, wie die zweite 
Tabelle zeigt, mag hiermit zusammenhängen. Aber auch bei dem mittleren 
bäuerlichen Grundbesitz bis zu 20 ha und dem gröfseren bis zu 50 ha 
ist die Zahl der Kauffälle gegenüber den Fällen der Vererbung ziemlich 
grofs, 30—40% der Gesamtsumme. Dies dürfte auf folgende Umstände zu- 
rückzuführen sein. Zunächst brachte in den letzten Jahrzehnten bis zu An- 
fang der 80 er Jahre das Zusammentreffen steigender Grundstückpreise und 
fallenden Ertrages der Ackerwirtschaft und das Mifs Verhältnis zwischen dem 
Verkaufswert und dem Nutzungswert der Güter, welches hierdurch hervor- 
gerufen wurde, zahlreiche Landwirte aus altangesessenen Familien dazu, ihr 
Gut zu verkaufen und nach Velbert oder in rheinische Städte zu ziehen. 
Die Hypotheken, die auf den mittleren Bauerngütern lasten, sind nicht 
selten für Gläubiger eingetragen, deren Name mit dem des belasteten Hofes 
gleichlautet, während der jetzige Eigentümer ein Zugewanderter ist. Sodann 
haben seit den 80 er Jahren Unternehmer aus den benachbarten Gebieten 
der Großindustrie, namentlich die Rheinisch -Westfälischen Kalkwerke zu 
Dornap, eine Reihe von Bauerngütern bei schon fallendem Bodenwerte für 
Industriezwecke angekauft. Demnach kommt nur ein Bruchteil des länd- 



I. Die thatsächliche Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 35 

liehen Grundbesitzes noeh für die Frage nach der Art der Vererbung in 
Betracht. Auch bei diesem Teile hatte indessen häufig schon der nächste 
Rechtsvorgänger des jetzigen Eigentümers nicht geerbt, sondern von Fremden 
gekauft. Yon einer festen Vererbungstradition kann also auch hier nicht 
die Rede sein. Dennoch läfst eine Durchsicht der Erwerbsurkunden, die zu 
den Grundakten und Vormundschaftsakten gelangt sind, deutlich erkennen, 
wie die bäuerliche Bevölkerung bemüht ist, dafür zu sorgen, dafs der Grund- 
besitz auch nach dem Erbanfall im bisherigen Umfange einheitlich weiter 
bearbeitet werden kann. Das deutet darauf hin, dafs die Aufteilung des 
Bodens für den selbständigen landwirtschaftlichen Betrieb an die Grenze 
gelangt ist, welche die Bodengestaltung und, Bodenbeschaffenheit sowie die 
durch die geographische Lage gebotene Wirtschaftsart ihm setzen mufs. 
Letztere erfährt gegenwärtig eine merkbare Verschiebung. Wenn nämlich 
auch alljährlich noch neugerodete Parzellen unter den Pflug kommen, so 
nimmt doch der Körnerbau ab im Verhältnis zur Weidewirtschaft, namentlich 
der Milchwirtschaft, die bei Nähe der grofsen Industriestädte bessere Erträge 
abwirft. Ein charakteristisches Zeichen hierfür ist, dafs infolge der neuer- 
lichen Revision der Gebäudesteuerrolle eine grofse Anzahl von Backhäusern 
und Scheunen im Grundbuch der ländlichen Gemeinden als abgebrochen zu 
löschen war, denen keine entsprechenden Neubauten gegenüberstanden. Die 
Eintragungen neuer Gebäude beziehen sich überwiegend auf Werkstätten 
und Wohnhäuser, bezeichnen also die Ausbreitung der Industrie; für diese 
ist denn auch allein eine weitergehende Parzellierung Bedürfnis. — Der 
Zweck, den Grundbesitz in der Hand eines leistungsfähigen Erben zu er- 
halten, wird, wie aus der Tabelle hervorgeht, von dem grösseren bäuerlichen 
Grundbesitz mit mehr Nachdruck und Voraussicht verfolgt, als von dem 
kleineren. Erreicht wird er im Kampfe gegen die anders gerichteten Ten- 
denzen des rheinischen Erbrechts auf verschiedenen Wegen." 

Diese Wege sind folgende: 1. Hofübergabe zu Lebzeiten beider Eltern 
an einen Sohn oder eine Tochter unter Abfindung der übrigen Erben und 
Zurückziehung der Eltern auf Altenteil (Leibzucht). „Auf einzelnen größeren 
Höfen befinden sich noch sog. LeibzuchtJiäuschen, tvas auf eine feste alte 
Tradition aus der Zeit vor Einführung des französischen Rechts schliefsen 
läfst/' 2. Hofübergabe zu Lebzeiten des überlebenden Elternteils, nachdem 
vom Tode des ersten Elternteils an die Wirtschaft von den Erben mit dem 
Überlebenden in Gemeinschaft fortgesetzt worden ist; die Miterben verlangen 
dann die Zinsen ihres Anteils, soweit er bereits anerfallen ist, für sich. „In 
einem Falle, wo der Hof Sondergut des verstorbenen Vaters war, ist es mir 
begegnet, dafs ein Reprisenanspruch von genügender Höhe für die Mutter 
konstruiert wurde, nur damit dessen Zinsen ihr Altenteil darstellen konnten." 
3. Fordert dagegen nur eines der grofsjährigen Kinder sein väterliches oder 
mütterliches Erbteil, so wird es bisweilen allein abgefunden und die übrigen 
setzen die Gütergemeinschaft fort. 4. „Sind beide Eltern verstorben, ehe 
eine Gutsübergabe zu stände kam, so dauert die Fortsetzung der Erben- 
gemeinschaft selten lange; es sei denn, dafs die Geschwister sämtlich oder 



36 I- Oberlandesgeriohtsbezirk Köln. 

bis auf eines ledig bleiben und zusammen weiter wirtschaften. Immer noch, 
wenn auch nicht so oft wie früher bei den steigenden Grundpreisen und 
unter der Herrschaft des Teilungsgesetzes vom 18. April 1855 mit seinen 
strengen Vorschriften zum Schutze der Minderjährigen, kommt es zur nota- 
riellen Versteigerung, bei welcher die Erben sich auf das Gut überbieten. 
Hier ist eine starke Belastung des Gutes mit Herausgabesummen und ein 
baldiger weiterer Eigentumswechsel als Folge festzustellen. Die Übernahme 
des Gutes durch einen Miterben wird daher auch meistens auf gütlichem 
Wege zu leidlichen Bedingungen bewirkt. . . . Die Naturalteilung des länd- 
lichen Grundbesitzes unter die Erben habe ich aus den Grundbuchakten nur 
selten feststellen können. . . . Haben die Eltern während der Ehe mehrere 
selbständig zu bewirtschaftende Güter zusammengebracht, so findet auch eine 
Teilung des Grundbesitzes in natura statt, doch richtet sich hier die Anzahl 
der Teile nicht nach der Zahl der Erben, sondern der Güter. Die Los- 
bildung im Sinne des Art. 832 B. G. B. scheint obsolet geworden zu sein." 
Der Notar S. in Velbert hat in der Zeit vom 20. April 1891 bis zum 31. Juli 
1894 40 Verträge beurkundet, welche die Übertragung von Ackergütern be- 
treffen. Davon sind 23 Kaufverträge unter Geschwistern, von denen eines 
das Gut übernimmt, in 13 Fällen verkauften die Eltern einem Kinde den 
Hof, die letzten 4 Verträge betreffen Immobiliarversteigerungen. Im Amts- 
gerichtsbezirk Langenberg hat der Notar in der Zeit vom 1. Mai 1891 bis 
1. September 1894 im ganzen 73 Kaufverträge über ländliche Grundstücke 
des Bezirks aufgenommen, die sich fast ausschliefslich auf die Übertragung 
ganzer Güter beziehen. 15 davon betrafen Gutsiibertragungen von dem 
hinterlassenen Ehegatten und den Erben, bezw. von den Erben allein an 
einen Mitbeteiligten oder an Dritte, 28 eine Guts üb ertragung von den lebenden 
Eltern an einen Sohn. Die Eltern erklärten in diesen Verträgen, „da/s, falls 
der angesetzte Verkaufspreis dem wahren Werte des Gutes nicht entsprechen 
sollte, sie den Mehriuert dem betreffenden Sohne schenkten!''' Es liege bei 
der Landbevölkerung das Bestreben vor, schon zu Lebzeiten das zu erreichen, 
was durch das gesetzliche Erbrecht nicht gewährt wird und auf dem Wege 
der testamentarischen Verfügung nur unter ganz besonderen Verhältnissen 
erreicht werden kann, nämlich dafs der zur Bewirtschaftung des Gutes ge- 
eignetste Sohn letzteres zu einem Preise erhält, der ihm seine Fortexistenz 
auf dem Gute auch zu der späteren Zeit sichert, wenn er den Kaufpreisteil, 
welcher seinen Geschwistern zusteht, auszuzahlen hat. 

Die Berichte der Amtsrichter in den Stadtkreisen Eiber f cid und Bannen 
bieten naturgemäfs für die Frage der Vererbung ländlicher Grundstücke 
wenig Material, da in der Umgebung dieser Städte die Landwirtschaft durch- 
weg nur Nebengewerbe ist. Der Übergang des Grundeigentums vollzieht sich 
fast immer in Form eines Kaufvertrages zwischen den Eltern und einem Kinde. 

Mit dem Kreise Lennep 1 ) beginnt das Gebiet des vorwiegenden klein- 
bäuerlichen Besitzes. „Durchgängig schliefsen die Eltern bei Lebzeiten sog. 



J ) Vergl. auch S. 23. 



I. Dio tatsächliche Erbfolge. B. Das Übergangsgebiot. 37 

Übertragsakte mit einem ihrer Kinder ab, durch welche sie diesem Kinde 
ihr gesamtes Immobilar zu einem nicht zu hohen Preise übertragen. Meist 
erhält der älteste Sohn das Gut oder, falls dieser sich ausnahmsweise nicht 
zum Landwirt eignen sollte, derjenige, welcher am besten dazu qualifiziert 
erscheint und welcher bereits von Jugend auf vom Vater in dessen Wirt- 
schaft unterwiesen ist. . . . Eine Teilung des Gutes in natura in Form der 
freiwilligen Teilung, sei es zu Lebzeiten der Eltern oder nach dem Tode 
derselben, findet nur noch in den seltensten Fällen und da nur statt, wo es 
sicli um gröfsere Güter handelt, die auch nach der Teilung noch die er- 
forderlichen Haus- und Wirtschaftsräume und so viel Grundbesitz für jedes 
der Teilgüter übrig lassen, um den betreffenden Besitzern die Existenz zu 
sichern. Die überwiegende Zahl der Güter ist bereits infolge Erbteilung in 
den vorhergegangenen Generationen auf einen Umfang eingeschränkt, welcher 
eben hinreicht, dem Besitzer und seiner Familie die Existenz auf dem mit 
eigenen Arbeits-Kräften zu bearbeitenden Gute zu ermöglichen. ... Ja, wo 
ausnahmsweise eine Übertragung des Gutes bei Lebzeiten der Eltern nicht 
stattgefunden hat, wird das Gut öffentlich parzellenweise und im Ganzen 
von den Erben zum Verkauf ausgestellt und den Meistbietenden zugeschlagen. 
Sind die sämtlichen Kinder grofsjährig und über den Wert des Gutes einig, 
so lassen sie auch wohl das Los entscheiden, welchem von ihnen das Gut 
zufallen soll. Testamentarische Vererbungen von Immobiliarvermögen kommen 
hier kaum vor." Zu denselben Ergebnissen wie im vorstehenden der Land- 
rat von Lennep kommen die Amtsrichter von Le?mep und Wermelskirchen. 
Etwas anders sind die Verhältnisse im Amtsgerichtsbezirk Remscheid ge- 
staltet. „Der hiesige Amtsgerichtsbezirk umfafst sozusagen gar keinen rein 
ländlichen Grundbesitz; nur wenige als „Ackerer" bezeichnete Grundbesitzer 
treiben ohne Nebenbeschäftigung Landwirtschaft, welche, abgesehen von etwas 
Kartoffel- und Futtergewächsanbau lediglich auf Viehzucht, verbunden mit 
Verwertung der Milch, gerichtet ist Die überwiegende Mehrzahl - der länd- 
lichen Grundbesitzer haben noch ein anderes Gewerbe (Fuhrwerk, Schmiede, 
Handel oder gar gröfseren Fabrik- und Handelsbetrieb), welches ihnen die 
Haupteinnahme gewährt. Bei der Vererbung solchen Grundbesitzes, welcher 
aber wegen des starken Bevölkerungszuwachses sich dauernd verringert und 
mit Gebäuden besetzt wird, kommt regelmäfsig das Intestaterbrecht in An- 
wendung. Nur in den ivohlhabenderen Kreisen pflegt, jedoch mit besonderer 
Rücksicht auf den Fortbetrieb der Fabrik- und Handelsgeschäfte, dem über- 
lebenden Fhegatten die disponible Quote vermacht zu werden, oder es tvird 
\ /(weilen Anordnung getroffen, iv eiche Kinder die einzelnen Geschäftsziveige 
iveiter betreibeyi sollen. Letzteres wird in der Regel jedoch durch Kaufvertrag 
unter Lebenden schon vorgenommen, und der Grundbesitz bleibt in der Regel 
mit den Fabriken, Gebäuden und dergl. vereinigt. Letztwillige Verfügungen, 
durch welche der Grundbesitz einem Intestaterben gegen Abfindung der übrigen 
zugewiesen wird, sind gar nicht in Übung, wohl aber kommen vereinzelt Kauf- 
verträge zwischen Eltern und einem oder mehreren Kindern vor, wonach ein 
Kaufpreisanteil den übrigen Intestaterben ein oder mehrere Jahre nach dem 



38 I. Oberlandcsgerichtsbezirk Köln. 

Tode des Längstlebenden der Eltern auszuzahlen ist. Das Bestreben, den Grund- 
besitz,, besonders den Meineren, zusammen Inhalten, ist sehr rege trotz der 
gleichen Teilung des Nachlasses unter die gleichberechtigten Miterben; es 
wird meist so verwirklicht, dafs einer oder einige Miterben, welche sich durch 
eigene Thätigkeit oder Heirat schon Yennögen erworben haben, entweder 
Erbschaftskäufe mit den übrigen schliefsen oder in der Teilung den Grund- 
besitz ganz übernehmen; dies bildet die Regel bei Teilung zwischen den 
überlebenden Ehegatten und den Intestaterben." 

Die Berichte aus dem Kreise Wipperfürth stimmen sämtlich darin 
überein, dafs eine Teilung der Güter nicht eintritt. Im Osten, längs der 
westfälischen Grenze, erfolgt die Übertragung durch Kaufvertrag zwischen 
den Eltern und dem Übernehmer, in den übrigen Teilen des Kreises durch 
Yertrag unter den Miterben. 

Der Amtsrichter von Lindlar hat die Urkunden des einzigen dortigen 
Notars, die sich auf die Zeit vom 15. Juli 1892 bis 15. Juli 1894 beziehen, 
für den Zweck der vorliegenden Untersuchung durchgesehen. ,,Das all- 
gemeine Bild dieser Prüfung liefs erkennen, dafs die Testamente durchweg 
für die Beantwortung der gestellten Fragen nicht in Betracht kommen können. 
Jene enthalten fast niemals eine Abweichung vom Intestaterbrecht %u gunsten 
einzelner Kinder, sondern begnügen sich damit, zier mehreren Förderung 
des Seelenheils des Erblassers in fast übermclfsigem Umfange Stiftungen 
zu kirchlichen Zwecken anzuordnen. Allerdings kommt es hin und wieder 
vor, dafs, auch bei beerbter Ehe, ein Ehegatte dem anderen testamentarisch 
den verfügbaren Vermögensteil vermacht; doch wird diese Zuwendung meist 
schon in den Eheverträgen oder in wechselseitigen Schenkungen während 
der Ehe angeordnet, welche vorzugsweise diesen Inhalt haben. Eine be- 
sondere Verfügung über die Art der Vererbung speziell des Grundbesitzes 
in Testamenten oder Eheverträgen ist, abgesehen von einem Falle der Ver- 
erbung altadeligen Grundbesitzes, nicht vorgekommen. Der Bezirk des hiesigen 
Amtsgerichtes kann als ein solcher mit rein ländlichem Grundbesitz an- 
gesehen werden. Er enthält keine gröfseren Orte, und die industriellen 
Betriebe sind, abgesehen von geringen Ausnahmen, wie umfänglich un- 
bedeutend, so auch an Zahl ziemlich verschwindend. Andererseits ist der 
die weite Überzahl bildende ländliche Kleinbesitz au fser ordentlich verschtddet. 
Die Verteilung des Grundbesitzes infolge Erbganges kommt lediglich zum 
Ausdruck in den Erbteilungen bez. anteeipierten Auseinandersetzungen 
zwischen einem oder beiden Elternteilen und den Kindern aus ihrer Ehe. 
Solcher Fälle wurden während des angegebenen zweijährigen Zeitraums 43 
ermittelt und zur Untersuchung gezogen. Gemeinsam ist sozusagen sämt- 
lichen dieser Auseinandersetzungen, dafs das Familiengut an mehrere oder 
einen einzigen der meist zahlreichen Miterben übertragen wird, welcher 
dann die übrigen in Geld abfindet. Zu diesem Zweck ist er durchweg ge- 
nötigt, ein unverhältnismäfsig grofses Kapital aufzunehmen, dessen Verzinsung 
ihm dann schwer fällt. Das Gut ist meist nicht so grofs, dafs es eine 
Naturalteilung vertrüge. . . . Dafs beide Eltern schon bei Lebzeiten sich des 



I. Die-thatsächlicke Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 39 

Gutes zum Vorteil eines einzelnen der Kinder entäufserten, kam in 5 von 
den untersuchten 43 Fällen vor. Hierbei erhielt dreimal der älteste Sohn, 
einmal der einzige Sohn, ein anderes Mal die jüngste Tochter das Gut. Ab- 
gesehen von den Fällen, in denen sich die Teilung zwischen den Kindern 
allein nach dem Tode beider Eltern vollzog, war der Abschichtende in 
9 Fällen der überlebende Vater, in 12 Fällen die überlebende Mutter. In 
18 Fällen überhaupt erhielt das Gut der älteste Sohn, in ferneren 11 erhielt 
dasselbe ein anderer einzelner Miterbe, in 6 endlich blieben mehrere der 
Miterben (2 oder 3) noch ferner in ungeteilter Gemeinschaft, während die 
übrigen in Geld abgefunden wurden. Die Teilung des Familiengutes in 
mehrere Lose fand verhältnismäfsig selten statt. In zwei Lose geteilt wurde 
viermal, in 3 Lose einmal und in 4 Lose zweimal. Es handelte sich hier 
um die wenigen Güter, welche eine Naturalteilung zuliefsen, ohne dadurch 
zu klein zur Einzelbewirtschaftung zu werden. Die Fälle der Naturalteilung 
beschränkten sich auf Güter in der Gröfse von 60 bis 200 preufs. Morgen. 
Die kleineren Güter, bei welchen eine Übertragung an einen oder mehrere 
Beteiligten stattfand, hatten durchschnittlich einen Höchstwert von 5000 bis 
10000 M. Nur vereinzelt kommen Werte bis zu 30000 M hierbei in Be- 
tracht, während die höher bewerteten Güter, die übrigens nicht zu häufig ge- 
funden werden, in der Regel in mehrere kleine zerlegt wurden, die iviederum 
zum Teil in ungetrenntem Mitbesitz Mehrerer betvirtschaftet wurden" 

Der Landrat von Solingen schildert die infolge konsequent geübter 
Naturalteilung eingetretene Zersplitterung des Grundbesitzes als so weit fort- 
geschritten, „dafs die meisten gröfseren ländlichen Güter verschwunden sind 
und sich nur äufserst wenige in ungeteiltem Familienbesitz erhalten haben 
und fortleben. In den mehr ländlichen Gegenden ist vielfach die Zer- 
splitterung des Grundbesitzes schon so grofs, dafs häufig die Vererbung 
des Grund und Bodens nicht mehr durch Naturalteilung möglich ist, sondern 
das Erbe an einen Miterben oder öfter noch an einen Fremden ungeteilt 
übertragen oder verkauft wird. Die Übertragung des ländlichen Besitzes 
auf Fremde, die im Interesse der Erhaltung und Hebung eines ansässigen 
bäuerlichen Standes wenig erwünscht ist, läfst sich oft deshalb nicht vermeiden, 
weil es bei Innehaltung der Grundsätze der völlig gleichen Berechtigung 
aller Erben, namentlich in den industriellen Gegenden, wo Grund und Boden 
zumeist mit hohen Preisen bezahlt wird, wegen Mangels an verfügbaren Mitteln 
häufig kaum möglich ist, dafs einer der Erben den ganzen Besitz übernimmt 
und die übrigen Miterben durch Geld abfindet. Da der Grundbesitz in den 
meisten Fällen stark mit Hypotheken belastet ist, so würde durch Über- 
nahme des gesamten Besitzes der betreffende Übernehmer noch weit mehr 
belastet werden, so dafs seine Leistungsfähigkeit sehr beschränkt und die 
dauernde Beibehaltung des Besitzes häufig schon von vornherein in Frage 
gestellt werden würde." Immerhin kommen nach Mitteilung des Solinger 
Amtsrichters Fälle von Übertragung des Gutes an einen Erben durch die 
Eltern oder Miterben noch vor. 

Auf der linken Rheinseite sind die zum Regierungsbezirk Düsseldorf 



40 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

gehörigen Kreise Gladbach und Grevenbroich noch Übergangsgebiete. Während 
die Meinen Besitzungen durchwegs naturaliter geteilt iverden, bleiben die 
gröfscren nicht selten geschlossen. „In dem Notariatsbezirk Jüchen (der den 
Kreis Grevenbroich gut repräsentiert) wurden in der Zeit vom 1. August 1888 
bis 10. Juli 1894 insgesamt 236 letztwillige eröffnete Verfügungen auf- 
genommen, nämlich 144 Testamente, 52 Eheschenkungen und 40 eine letzt- 
willige Verfügung enthaltende Eheverträge. Diese enthalten teils einzeln, 
teils zu mehreren vereint, 

in 159 Fällen Verfügungen zu gunsten von Ehegatten, 
,, 14 „ „ „ „ ehelicher Deszendenten, 

„ 70 „ „ „ „ von Seitenverwandten oder Fremden, 

„ 6 „ „ „ „ anerkannter unehelicher Kinder, 

„28 „ „ ,, „ frommer Stiftungen. 

Unter den 14 Verfügungen zu gunsten ehelicher Deszendenten be- 
finden sich 6, die lediglich den Zweck haben, die Kollationsansprüche zu 
regeln. Die übrigen 8 enthalten Bevorzugungen einzelner, nämlich 2 Be- 
stimmungen zu gunsten Kinder zweiter Ehe, 4 Belohnungen für Pflege und 
Geschäftsführung und 2 Dispositionen zur Erhaltung des Geschäfts. Die 
70 Verfügungen zu gunsten von Seitenverwandten oder Fremden rührten 
sämtlich von kinderlosen Erblassern (verheiratet, verwitwet oder ledig) her. 
Diese Verfügungen zeigen eine freiere Disposition über den Nachlafs als die 
elterlichen Testamente und bezwecken teils die Geldabfindung entfernterer 
oder entfernt wohnender Verwandten, teils Bevorzugung von Hausgenossen 
und dergleichen. 21 sind wechselseitige Erbeinsetzungen zusammenwohnender 
unverheirateter Geschwister. Der Zweck, den ländlichen Grundbesitz zu- 
sammenzuhalten, ist auch hier nirgendwo ausgesprochen und ist im all- 
gemeinen wenigstens eine thunlichste Anlehnung an das bestehende Intestat- 
erbrecht auch in der Art gesucht, dafs jeder eingesetzte Erbe auch seinen 
Anteil an den Ländereien erhält. Von anderen Dispositionen sind noch die 
Alimentationsverträge zu erwähnen, die regelmäfsig nur das verfolgen, was 
der Name sagt, und die Schenkteilungen des überlebenden Ehegatten zu 
gunsten der Kinder. In diesen wird zur Vermeidung des Verkaufes des 
elterlichen Wohnerbes dieses regelmäfsig unter Vorbehalt des Wohnungs- 
rechtes einem oder mehreren Kindern gegen eine mäfsige aber doch an- 
gemessene Herausgabe überwiesen, das Land jedoch nach gleichen Teilen 
verteilt. Dispositionen über gröfsere Güter sind nicht vorgekommen und 
bezieht sich alles Vorstehende auf den hier üblichen Kleinbesitz. Jedoch 
auch beim Grofsgrundbesitz lehnen sich alle letztwilligen Verfügungen an 
das Intestaterbrecht an. u (Bericht des Lokalabteilungsdirektors des land- 
wirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen, dem Berichte des Landrats bei- 
gefügt.) „Falls keine Bestimmungen über die Teilung des Grundbesitzes 
vom Erblasser getroffen worden waren, so entsprach es der Regel bei grofsem 
Grundbesitze, dafs das Hofgut mit den dazu gehörigen Ackerländereien an 
einen oder mehrere Erben oder auch an dritte Personen öffentlich oder unter 
der Hand verkauft wurde. Bei mindergrofsem Grundbesitze kam es nicht 



I. Die tatsächliche Erbfolge. B. Das Übergangsgebiet. 41 

selten vor, wenn ein Verkauf in der angegebenen Weise nicht angezeigt er- 
schien, dafs die zum Hofgute gehörigen Ländereien in natura geteilt und 
unter die Erben verlost wurden, während das Hof- oder Binnengut in natura 
nicht teilbar an einen oder mehrere der Erben durch Kaufvertrag über- 
tragen wurde und die an dem Hofgut nicht beteiligten Erben die an sie 
anerfallenen Ackerparzellen an den Besitzer des Hofgutes entweder ver- 
pachteten oder veräufserten. Hierbei wurde das Hofgut %u einem äufserst 
billigen Preise berechnet, wenn es nicht in der Nähe einer Ortschaft ge- 
legen und eine Yeräufserung an dritte Personen nicht thunlich war." (Amts- 
richter von Grevenbroich). 

Landrat und Amtsrichter von München- Gladbach erklären, dafs Einzel- 
erbfolge nur selten vorkomme und dann unter Anrechnung des Gutes zu 
seinem vollen Werte. Dem Amtsrichter von Odenkirchen sind nur 3 Fälle 
bekannt geworden, in denen ein Gut auf eine Person bei Konkurrenz anderer 
Personen vererbt worden ist. „In dem einen Falle wurde ein Gut von 7 ha 
dem einen Sohn hinterlassen; der zweite Sohn war aber Kaufmann und 
hatte bereits zu Lebzeiten einen dem Werte des Gutes entsprechenden Baar- 
betrag zur Begründung seines Geschäftes erhalten. Das dritte Kind, eine 
Tochter, erhielt die vorhandenen Kapitalien, und für den Rest ihres An- 
spruches erhielt dieselbe Anweisimg auf eine Herausgabe des ersteren Bruders. 
In dem zweiten Falle wurde das Gut — 15 ha — der Tochter, deren Ehe- 
mann Landwirt war, übertragen, während die übrigen Kinder, die mit Kauf- 
leuten verheiratet waren, mit Geld, welches die erstgenannte Tochter heraus- 
zugeben hatte, abgefunden wurden. Nur in dem dritten Falle war allein 
die Absicht vorhanden, das Gut in einer Hand zu halten. Erblasser war 
aber ein kinderloses Ehepaar ohne nahe Verwandte. Wenn sonach die Ab- 
sicht, den ländlichen Grundbesitz zusammenzuhalten, regelmäfsig nicht zu 
Tage tritt, so erklärt sich dies insbesondere daraus, clafs nur wenige gröfsere 
Güter vorhanden sind und es sich meist um Parzellenbesitz handelt. Dieser 
Parzellenbesitz befindet sich aber in dem industriellen Teile des Bezirkes 
meist in der Hand von Personen — Fabrikarbeiter, kleine Geschäftleute — 
die die Landwirtschaft nur im Nebenberufe treiben. In dem landwirtschaft- 
lichen Teile ist der Ackerer in der Lage, den auf ihn fallenden Teil des 
Parzellenbesitzes der Eltern durch Anpachtung von Land, welches sich in 
der Hand des nicht selbst wirtschaftenden Kapitalisten befindet, selbständig 
zu bewirtschaften." Der Amtsrichter von Rheydt sagt: „Ein ländlicher Grund- 
besitz in dem Sinne, dafs die Bewirtschaftung desselben die alleinige oder 
auch nur Hauptthätigkeit des Eigentümers bildet, ist in dem hiesigen, aus 
den Städten Rheydt und Rheindahlen bestehenden Amtsgerichtsbezirk nur in 
verschwindend geringem Mafse vorhanden, gröfsere Güter oder Höfe fehlen 
ganz. Beide Städte bestehen aus einem gröfseren Kern, um welchen sich 
zum Teil in ziemlichem Abstand eine Anzahl mehr oder minder umfangreicher, 
mit besonderem Namen bezeichneter Häusergruppen herumlegt, und der 
äufserst zersplitterte und zum Teil gartenartig angebaute Boden dient dazu, 
den in der Industrie als Arbeiter den Hauptverdienst findenden Besitzern 



42 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Garten- und Feldfrüchte zum eigenen Bedarf oder zur Veräufserung im 
Kleinhandel zu liefern. Die Yererbung dieses Besitzes vollzieht sich durch- 
weg auf Grund des Intestaterbrechtes, nur in den allerseltensten Fällen zu- 
folge letztwilliger Verfügung. Wohl kommt es, wenn auch nur vereinzelt, 
vor, dafs der Eigentümer zu Lebzeiten einem der Erben mit oder ohne. Zu- 
stimmung der übrigen den Besitz überträgt gegen Übernahme der Alimen- 
tationspflicht. Soweit es angeht, pflegen weiterhin die Erben die Natural- 
teilung durchzuführen; in den allermeisten Fällen ist indessen der Grund- 
besitz infolge der früheren Teilungen und des durch die intensive Bearbeitung 
verhältnismäfsig hohen Wertes zu klein, um solches zu ermöglichen, und es 
wird dann regelmäfsig zum öffentlichen Verkaufe geschritten. Infolge des 
Umstandes, dafs die meisten dieser Grundbesitzer industrielle Arbeiter sind, 
welche in den Stunden nach Schlufs der Fabriken ihr Eigentum bearbeiten, 
treten die sonst mit einer solchen weitgehenden Zersplitterung des Bodens 
verbundenen Übelstände kaum hervor; vielmehr ermöglicht dieser Umstand 
es einem grofsen Teile der fleifsigen Arbeiter, auf eigener, wenn auch kleiner 
Scholle, statt in Mietskasernen zu wohnen, was auf die sittlichen und gesund- 
heitlichen Verhältnisse sich von günstigem Einflüsse erweist, und es ist wohl 
hierauf in der Hauptsache zurückzuführen, dafs sich ein zuverlässiger, sefs- 
hafter Arbeiterstand erhalten hat und dafs bisher die Bestrebungen der 
Sozialdemokratie bei der hiesigen Bevölkerung keinen Eingang gefunden 
haben." 

Im Amtsgerichtsbezirk Viersen überwiegt, wie erwähnt, die Einzel- 
erbfolge. 

C. Gebiet der Realteilung. 

Das Gebiet der Realteilung weist die allerverschiedensten wirtschaft- 
lichen und natürlichen Zustände auf. Gartenland und öde Heide, Ackerbau 
und Viehzucht, Handelsgewächs- und Weinbau und Schiffelwirtschaft, höchst- 
entwickelte Industrie mit dichtester Besiedelung des Landes und ungestörtes 
ländliches Stillleben, alles das kommt vor und oft sogar räumlich nicht weit 
getrennt. Gemeinsam ist den Freiteilungsbezirken nur eins: Gemengelage 
der Grundstücke. Selbstverständlich ist diese auch am Niederrhein nicht 
ausgeschlossen; aber charakteristisch für diesen ist doch das Überwiegen der 
geschlossenen Höfe, während geschlossener Besitz am Mittelrhein Ausnahme 
und meist neueren Ursprungs ist. 

Zum Gebiet der Realteilung gehören zunächst die noch übrigen rechts- 
rheinischen Kreise des Regierungsbezirks Köln. Für den Kreis Mül- 
heim a. Rh. liegen aufser dem Berichte des Landrat, der das Überwiegen 
der Naturalteilung konstatiert, noch solche der Amtsrichter zu Mülheim 
und Bensberg und mehrerer Notare vor. Da diese im wesentlichen alle 
gleichen Inhalts sind, genügt es den des einen, seit dem 1. April 1891 
in Bensberg fungierenden Notars anzuführen; „Im allgemeinen und in 
der Kegel kommt bei der Vererbung des ländlichen Grundbesitzes — es 
handelt sich im hiesigen Bezirk lediglich um kleineren und mittleren 



I. Die thatsäcMiohe Erbfolge. C. Gebiet der Realteilimg. 43 

Grundbesitz — das Intestaterbrecht zur Anwendung. Testamentarische Ver- 
fügungen, durch welche der Gutseigentümer in jenes gesetzliche Erbrecht 
eingreift, um bei Lebzeiten den Übergang eines Gutes auf einen oder 
mehrere Deszendenten oder andere Erben zu sichern, sind während meiner 
hiesigen Thätigkeit gänzlich unbekannt, indem keine einzige derartige Ver- 
fügung zu Protokoll gegeben worden. Die Formen, durch welche jener 
Gutsübertrag bei Lebzeiten der Gutseigentümer an Kinder und Erben be- 
werkstelligt zu werden pflegt, sind: a) Verpflegungsvertrag, b) elterliche 
Schenkung mit Immobiliarverteilung unter Kindern und c) Verkaufsakt. In 
8 Fällen wurde durch Verpflegungs vertrag seitens Eitern das elterliche Gut an 
eines der Kinder übertragen, welches letztere unter Übernahme etwaiger Hypo- 
theken die lebenslängliche Alimentation der Eltern, event. auch etwaige 
Herauszahlungen an die Geschwister übernahm. Erfahrungsgemäfs handelte 
es sich indes hier nur um ganz kleine Bauerngütchen und war der Grund 
zu dieser Art der Gutsübertragung regelmäfsig zu suchen in der zu grofsen 
Überschuldung und der Unmöglichkeit auf Seiten der älteren, arbeitsunfähigen 
Eltern, das Gut noch länger zu halten. Seltener auch wird damit die Ent- 
erbung anderer entarteter oder etwa gut situierter Kinder beabsichtigt und 
erreicht. Weniger dem Zweck der Erhaltung des Grundbesitzes in einer 
Hand als der Vorbeugung des späteren Öffentlichen Verkaufs und der Vor- 
beugung von Erbstreitigkeiten dienend ist die Form der elterlichen Schenkung 
in Verbindung mit der Verteilung des elterlichen Grundbesitzes zu gleichen 
Teilen unter die Kinder. Diese Form kann indessen nur da Platz greifen, 
wo es sich schon um gröfseren Besitz handelt, der es ermöglicht, jedem 
Kinde eine Wohnung und einen geivissen Grundkomplex zu überweisen, 
wodurch, wenn nicht eine völlige Existenz-Möglichkeit, so doch eine wesent- 
liche Grundlage dazu geschaffen wird. In der Natur der Sache liegt es, 
wenn solche Schenkung und Teilung zu den seltenen Fällen zählt. Ich 
hatte nur viermal Auftrag zur Beurkundung solcher, welche neben anderem 
den Vorteil birgt, dafs durch die persönliche Mitwirkung der erbberechtigten 
Kinder jede spätere Streitigkeit ausgeschlossen wird. Andererseits wird die 
Zersplitterung des Grundbesitzes dadurch nur teilweise verhindert. Der 
Kaufakt dagegen bezweckt die Übertragung des elterlichen Gutes ausschliefs- 
lich Inventars an eines — seltener an zwei — der Kinder, und zwar an 
dasjenige, welches durch seinen Fleifs und wirtschaftliche Thätigkeit das 
elterliche Vertrauen vorzugsweise verdient und zur Fortführung der elter- 
lichen Gutswirtschaft am besten befähigt erscheint. Der Kaufakt in dieser 
Form schliefst durchweg auch eine innerhalb der gesetzlichen Verfügungs- 
freiheit liegende Schenkung in sich durch Festsetzung eines Kaufpreises, 
welcher hinter dem thaisächlichen Wert um 10°/ , ja um 20 und 25°l und 
mehr zurückbleibt. Zur Vermeidung späterer Differenzen über die Höhe 
des Kaufpreises wird deshalb auf Anregung des Notars der Urkunde die 
Klausel beigefügt, dafs Verkäufer den vereinbarten Kaufpreis dem thatsäch- 
lichen Wert entsprechend erachten, dafs sie aber den etwaigen Mehrwert 
durch Schenkung unter Lebenden dem solches acceptierenden ankaufenden 



44 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Kinde sofort unwiderruflich übertragen. Der Kaufpreis wird nach Über- 
nahme etwaiger Hvpothekenschulden gewöhnlich 1 oder 2 oder mehrere 
Jahre nach dem Ableben des Längstlebenden der beiden Verkäufer zahlbar 
gestellt und ist an die miterbberechtigten Kinder zu entrichten. Yon dieser 
Form der Erhaltung des Grundbesitzes in der geeigneteren tüchtigeren Hand, 
welche bezüglich der Yerstempelung als Teilung zu behandeln ist und auch 
sonst die geringsten Kosten verursacht, vom wirtschaftlichen Standpunkt 
nicht genug zu begrüfsen, wird entgegen meinem früheren Amtsbezirk hier 
bedauerlicherweise nur zu wenig Gebrauch gemacht. Während meiner hiesigen 
Thätigkeit habe ich nur 12 derartige Verträge beurkundet, denen für die- 
selbe Zeit 68 'öffentliche Immobiliarv er Steigerungen gegenüberstehen, durch 
welche entsprechend der gesetzlichen Erbfolge das elterliche Gut auf An- 
stehen der beteiligten Kinder versteigert und zersplittert wurde. Hierbei 
mag Erwähnung finden, dafs bei Anwendung des gesetzlichen Intestaterbrechts 
nur in seltenen Fällen — mein Repertorium weist deren 9 auf — eine Erb- 
einigung dahin erzielt wird, dafs das elterliche Gut zu einem bestimmten 
Übernahmepreis einem Miterben übertragen wird. Diese Art der Einigung 
ist indes mehr zufällig, und wenn auch fürs erste den Besitz in einer Hand 
erhaltend, für die Dauer von wenig praktischem Wert. Erfahrungsgemäfs 
sind die Übernahmepreise zu hoch und so bemessen, dafs sie hinter ander- 
weitigem und öffentlichem Verkaufswert nicht nur nicht zurückbleiben, sondern 
solchen sogar übersteigen, was zur Folge hat, dafs der neue Eigentümer die 
Herauszahlungen oder die Zinsen von solchen an die Geschwister zu decken 
nicht in der Lage und bald weiter zu veräufsern gezwungen ist." 

Eigentümlich ist die Entwickelung im Kreise Gummersbach, ivo die 
Ausdehnung der Industrie zum Zusammenhalt der Güter führt. Zwar der 
Landrat (und ähnlich der Amtsrichter zu Wiehl) stellt die Teilung als die 
Regel dar: „Von sachverständigen Nachbarn werden so viele annähernd 
gleichwertige Teile gemacht als Erben vorhanden sind und losen sodann die 
letzteren um die einzelnen Portionen. Hier und da kommt es vor, dafs der 
Eigentümer durch Hofesübergabevertrag bei Lebzeiten seinen Grundbesitz 
auf seine Kinder überträgt. Meist wird die Sache dann so gemacht, dafs 
die Kinder das Gut gemeinschaftlich bewirtschaften, solange das angeht 
und dafs schliefslich der eine oder der andere Erbe seinen Anteil an einen 
der Miterben verkauft." Dagegen sagt der Amtsrichter von Gummersbach 
(aus eigener Erfahrung während einer zehnjährigen Amtstätigkeit bei dem 
dortigen Amtsgerichte und auf Grund von Angaben der beiden seit 25 und 
15 Jahren im Bezirke thätigen Notare): „Bis vor wenigen Jahrzehnten gab 
es im Amtsgerichtsbezirke Gummersbach und in der Umgebung nur wenige 
unbedeutende gewerblichen Anlagen, kleine Hammerwerke. Die Bevölkerung 
betrieb fast ausschliefslich Landwirtschaft. Aufser zwei, adeligen Familien 
gehörenden gröfseren Gütern gab es früher und giebt es auch jetzt keine 
grofsen Güter, keine solchen „Höfe", wie es deren in der linksrheinischen 
Ebene allenthalben giebt. Der Grundbesitz war und ist in kleinere Acker- 
güter verteilt. Der kleine Landwirt bestellt sein Besitztum meist ohne fremde 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Kealteilung. 45 

Hilfe nur mit seinen Kindern. Nach seinem Tode hinterläfst er sein An- 
wesen seinen Kindern zu gleichen Teilen: entweder stellt er es schon bei 
Lebzeiten in der Form der Teilung zwischen Eltern und Kindern in eine 
der Kopfzahl seiner Kinder entsprechende Anzahl von möglichst gleichen 
und gleichwertigen Losen und teilt jedem Kinde eines durch das Los zu, 
oder die Kinder teilen in derselben Weise nach dem Tode der Eltern. Bei 
dieser Vererb ungs- und Verteilungsart beharrt man in den Teilen des Amts- 
gerichtsbezirkes, in welchen die Industrie wenig Eingang gefunden hat, d. i. 
in den Bürgermeistereien Gimborn, Marienheide, Liebenhausen auch noch. 
In den anderen Teilen des Bezirks jedoch, 1 ) in welchen seit einigen Jahr- 
zehnten die Kunstwollindustrie, später auch Steinbrüche aufgekommen sind, 
wurden viele Arbeitskräfte der Landwirtschaft entzogen; der Landwirt sieht 
sich jetzt vielfach auf die Hilfe nur des einen oder anderen seiner Kinder 
angewiesen. Es hat dieser Umstand dazu geführt, clafs sich bei manchen, 
jetzt so gestellten Landwirten die Neigung herausbildete, ihr Gut dem- oder 
denjenigen ihrer Kinder zu übertragen, die bei ihm geblieben sind und mit 
ihm gearbeitet haben. Andererseits auch haben die übrigen Kinder, welche 
zu anderen Berufsarten übergegangen sind, kein Interesse mehr, ihren An- 
teil an dem elterlichen Immobilien- Nachlasse in natura zugeteilt zu erhalten. 
Des Öfteren verkauft deshalb jetzt in dem industriellen Teile des Amtsgerichts- 
bezirkes der Grundbesitzer im vorgerückten Alter sein bewegliches und un- 
bewegliches Vermögen demjenigen seiner Kinder, welches ihm zur Seite 
gestanden. Immer aber geschieht dieses zu einem, dem reellen Werte ent- 
sprechenden Preise. Der Verkäufer behält sich für die Zeit seines Lebens 
den Zinsgenufs der Kaufsumme vor und hinterläfst seinen sämtlichen Kindern 
den Kaufpreis als ihr Erbteil zur Verteilung nach Köpfen. Begelmäfsig er- 
folgt die Vererbung nicht in dieser Weise; vielfach wird auch im Industrie- 
bezirk noch der Grundbesitz in natura geteilt. Jedenfalls herrscht das Be- 
streben vor, den Nachlafs gerecht und gleichmäfsig, wenn auch nicht in 
natura den Kindern zu vererben; nicht neigt man dahin, im Interesse des 
Zusammenhaltens des Ackergutes und der Existenzfähigkeit des Übernehmers 
den übrigen Kindern ihr Erbteil zu schmälern." 

In den Kreisen Siegburg und Waldbröl herrscht nach den Berichten 
der Landräte die Naturalteilung fast unbedingt vor; häufig erfolgt die Ver- 
teilung bereits zu Lebzeiten der Eltern unter Vorbehalt der Nutzniefsung 
verschiedener Grundstücke, die aber bereits mitverteilt sind. 

Wie der Amtsrichter von Waldbröl mitteilt, erstreckt sich die Natural- 
teilung häufig selbst auf die Wohngebäude, in der Art, dafs aus dem Wohn- 
haus zwei Teile gebildet werden, die durch eine im Inneren befindliche 
Wand, die nicht einmal bis unter das Dach sich zu erheben braucht, von 
einander getrennt werden. 

Im Amtsgerichtsbezirk Königswinter liegt zu einer die Zusammenhaltung 



*) Der Kreis Gummersbach hatte im Jahre 1855 29620, im Jahre 1885 32538, im 
Jahre 1890 36377, im Jahre 1895 38833 Einwohner. 



46 I« Oberlaudesgerichtsbezirk Köln. 

des Grundbesitzes bezweckenden Mafsregel keine Veranlassung vor, da der 
Grundbesitz durchweg sehr zersplittert und gering ist, das Eigentum der 
Grundbesitzer sich vielmehr in der Regel aus einer gröfseren Anzahl einzelner 
kleiner Parzellen zusammensetzt, die räumlich getrennt selten einen zusammen- 
hängenden Komplex von der Gröfse eines Hektars ausmachen. „Die wenigen 
äufserlich auch als ein Ganzes erscheinenden Güter des hiesigen Bezirks 
müssen aufser Betracht bleiben, da deren Eigentümer Kaufleute und Rentner 
sind, die sich wohl ausnahmslos im hiesigen Bezirke wegen der Natur- 
schönheiten des Siebengebirges angekauft haben und sich fortwährend zu 
„arrondieren" bestreben, nicht aber die Landwirtschaft als ihren Beruf be- 
treiben. Zudem besteht der gröfste Teil dieser Besitzungen aus Waldparzellen 
und ist erst seit den letzten Jahrzehnten zusammengekauft worden. Abge- 
sehen von diesen Gütern ist im hiesigen Bezirke die ausgebildetste Parzellen- 
wirtschaft die Regel. Die Vererbung des Grundbesitzes geht regelmäfsig in 
der Weise vor sich, dafs entweder der Gesamtbesitz des Erblassers für ge- 
meinschaftliche Rechnung durch Notar Öffentlich versteigert und der Erlös 
geteilt wird, oder aber, und dies ist der seltenere Fall, dafs die Erben den 
Nachlafs in natura unter sich teilen. Der Umstand, dafs die öffentliche 
Versteigerung durch Notar die Regel bildet, mufs auf verschiedene Ursachen 
zurückgeführt werden. Zunächst ist es bei der zersplitterten Parzellenwirt- 
schaft und bei der verschiedenen Güte des Bodens meistens schwierig, eine 
reale Teilung, welche sämtliche Erben zufrieden stellen mufs, durchzuführen. 
Letztere ziehen vielmehr vor, aus der Nachlafsmasse diejenigen Grundstücke 
anzusteigern, welche ihnen ihrer Beschaffenheit nach am besten passen oder 
ihrer Belegenheit am geeignetsten erscheinen. Sodann bildet auch häufig 
die Thatsache den Grund zur öffentlichen Versteigerung, dafs in der hiesigen 
Landbevölkerung ein starker Zug nach der Industriegegend sich geltend 
macht, die Eigentümer deshalb an der Zusammenhaltung des Grundbesitzes 
kein Interesse haben, vielmehr ihren Besitz verkaufen und durch möglichst 
starke Zersplitterung der Parzellen deren Wert für die Angrenzenden zu 
erhöhen suchen. Vor allem aber mufs die öffentliche Versteigerung von 
dem Gesichtspunkte der fast immer mit ihr verbundenen Cession des Steig- 
preises aus beurteilt werden und gewissermafsen als eine Folge derselben 
angesehen werden. Der Protokollhandel im hiesigen Bezirke ist der tief- 
liegende Grund für die Zersplitterung des Grundbesitzes. Seitens der Protokoll- 
händler, die gegen Abzug eines bestimmten Rabatts sofort nach der Ver- 
steigerung den ganzen Steigerlös an die Erben auszahlen und die Einziehung 
der Steigpreise selbst übernehmen, wird die Landbevölkerung nur zu oft 
bewogen, ihren Besitz versteigern zu lassen. Einen wie verderblichen Ein- 
flufs dieser Protokollhandel z. B. in der grofsen Gemeinde Honnef erreicht 
hat, dürfte aus der Thatsache hervorgehen, dafs der Kaufmann N. N. zu 
N. in den letzten 15 Jahren wohl die Hälfte sämtlicher Parzellen der Ge- 
meinde Honnef durch die früheren Eigentümer versteigern und sich hat 
den Kaufpreis cedieren lassen. Der Einflufs dieses p. N. hat thatsächlich 
bei dem Güterwechsel bereits einen derartigen Umfang angenommen, dafs 



I. Diu thatsächlicke Erbfolge. C. Gebiet der Realteil img. 47 

öffentliche Versteigerungen, in welchen N. nicht Cessionar ist, durch schlechte 
Kauflust der Ansteigerer sehr zu leiden haben." 

In den Amtsgerichtsbezirken Eitorf und Hennef ist die Naturalteilung 
ebenfalls die Regel; die wenigen Ausnahmen erklären sich durch Zufällig- 
keiten. Der Amtsrichter von Hennef bemerkt: „In neuester Zeit soll unter 
dem Einflufs der agrarischen Strömungen auch in den hiesigen Gegenden 
eine gewisse Geneigtheit unter den Landwirten angeblich zu Tage treten, 
eine seitens der Gesetzgebung zu bietende fakultative Einrichtung behufs 
Zuwendung des Grundbesitzes an einen leistungsfähigen Unternehmer zu 
acceptieren. Inwieweit dies richtig ist, entzieht sich meiner Beurteilung." 

Im Amtsgerichtsbezirke Siegburg weichen die Meinungen der Be- 
richterstatter einigermafsen von einander ab. Der Notar versichert, bei 
kleinerem Grundbesitze komme fast ausnahmslos das Intestaterbrecht in 
Anwendung, beim gröfseren Grundbesitze aber zeige sich nicht selten „das 
Bestreben, eine Teilung des Grundbesitzes zu vermeiden und diesen möglichst 
vollständig und unzerstückelt der Familie zu erhalten. Dieses Bestreben ge- 
langt hauptsächlich in zwei Formen zum Ausdruck, nämlich in der Form 
des Testaments und in der Form des Kaufvertrags. 1. Der Gutsinhaber ver- 
macht durch Testament einem seiner Kinder das ganze Gut mit der Auflage, 
an die übrigen Kinder bestimmte Abfindungsbeträge zu entrichten, und 
ordnet gleichzeitig an, dafs im Falle wirksamer Anfechtung dieser Verfügung 
dem Kinde, welchem er das Gut zuwenden wollte, zum voraus und aufser 
dein Erbteile die disponible Quote seines Nachlasses zufallen solle. Die 
vorgedachten Abfindungsbeiträge werden nun so niedrig angesetzt, dafs der 
Gutsüber nehmer den übrigen Kindern gegenüber als bevorzugt anzusehen 
ist. Diese Bevorzugung verfolgt aber lediglich den Zweck, es dem Guts- 
übernehmer leichter zu machen, die Abfindungsansprüche seiner Geschwister 
im Laufe der Zeit zu tilgen und so das Gut unvermindert der Familie zu 
erhalten. Die eventuelle Zuwendung der disponiblen Quote soll einmal die 
Vollziehung des Testamentes sichern, dann aber auch soll dieselbe in zweiter 
Linie, falls die prinzipale Disposition nicht zur Durchführung gelangt, das 
mit der disponiblen Quote bedachte Kind leistungsfähiger machen und hier- 
durch in die Lage versetzen, bei der demnächstigem Auseinandersetzung 
das Gut event. zu übernehmen, bezw. zu erstehen. 2. Die zweite Form, in 
welcher das erwähnte Bestreben zum Ausdrucke kommt, ist die des Kauf- 
vertrags, durch welchen einem Kinde das Gut zu einem bestimmten Kauf- 
preise übertragen wird. Dieser Kaufvertrag wird abgeschlossen von dem 
Gutsübernehmer als Ankäufer, entweder a) mit seinen beiden Eltern, oder 
b) mit einem Elternteil und seinen Geschwistern, oder c) mit seinen Ge- 
schwistern als Verkäufern, je nachdem beide Eltern noch leben oder ein 
Elternteil oder beide Eltern gestorben sind. Der Kaufpreis wird dann so 
normiert, dafs er um ein Erhebliches hinter dem Werte des Gutes zurück- 
bleibt. Man- will es eben durch die Festsetzung eines geringen Kaufpreises 
dem Käufer ermöglichen, die Gutswirtschaft in der bisherigen Weise fort- 
zuführen und mit der Zeit die von ihm übernommene Kaufpreisschuld ab- 



48 t. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. » 

zutragen oder doch erheblich zu verringern. Berücksichtigt wird ferner bei 
der Kaufpreisnormierung der Umstand, dafs alle Familienglieder auch nach 
stattgehabter Auseinandersefauny das elterliche Gut noch immer als ihre 
Heimat zu betrachten pflegen und dort sich mit den Ihrigen zu gewissen 
Zeiten auf mehr oder minder kurze Zeit einzufinden pflegen, wodurch .dem 
Gutsübernehmer oft erhebliche finanzielle Opfer erwachsen. Wird der Guts- 
verkauf zu Lebzeiten der Eltern oder auch nur eines Elternteils abgeschlossen, 
so pflegt den Eltern bezw. dem Überlebenden derselben die lebenslängliche 
Nutzniefsung des Gutes eingeräumt zu werden; der Kaufpreis dagegen wird 
dem Ankäufer und dessen Geschwistern in Anrechnung auf deren zukünftige 
Erbteile gleichmäfsig überwiesen, mit der Mafsgabe, dafs der Ankäufer die 
an seine Geschwister zu entrichtenden Kaufpreisteile erst nach dem Tode 
des längstlebenden Elternteils in langjährigen Terminen zu entrichten und 
von diesem Tage an zu verzinsen hat. Der Zinsfufs pflegt 4% nicht zu 
übersteigen. Meist macht der Ankäufer von der ihm gewährten Stundung des 
Preises keinen Gebrauch, indem er bei einem Kreditinstitute (namentlich 
bei der Landesbank der Kheinprovinz in Düsseldorf) ein Amortisationsdar- 
lehen aufnimmt, wodurch er sich beispielsweise bei einer Amortisation von 
1 i/g °/ pro Jahr und einer Verzinsung von 3y 2 °/o pro Jahr (Zinsfufs der 
erwähnten Landesbank), also durch jährliche Zahlung von 5% des Kapitals 
in 36 bis 37 Jahren von seiner ganzen Schuld zu befreien vermag. Findet 
die Gutsübertragung ohne Zuziehung der Geschwister des Gutsübernehmers 
statt, so wird zur Sicherung der Intention der Yertragschliefsenden regel- 
mässig eine Bestimmung folgenden Inhalts in den Vertrag aufgenommen: 
„Verkäufer erklärt, dafs er dem Ankäufer hiermit unter Lebenden den allen- 
fallsigen Mehrwert der Kaufobjekte über den stipiäiertcn Kaufpreis hinaus 
%um voraus und aufser dem Erbteile schenke, welche Schenkung Ankäufer 
anzunehmen erklärt." 

„Die vorerwähnten Fälle, in welchen im Interesse der Erhaltung des 
Grundbesitzes das Intestaterbrecht nicht zur Anwendung kommt, bilden jedoch 
keineswegs die Regel. Allerdings je gröfser der Grundbesitz ist, desto mehr 
lassen sich die Bestrebungen, denselben der Familie zu erhalten und hierbei 
das Intestaterbrecht zu umgehen, wahrnehmen. Jedoch kommen auch bei 
unserem gröfseren Grundbesitze ebenso häufig, wenn nicht häufiger, die 
Fälle vor, in welchen nach den Grundsätzen des Intestaterbrechts sich 
die Teilung vollzieht, indem der zum Nachlasse des Gutsinhabers gehörige 
Grundbesitz durch öffentliche Versteigerung, durch Naturalteilung oder frei- 
händige Übertragung desselben an einen Miterben oder Fremden in der 
"Weise zur Verwertung gelangt, dals den Erben der volle Wert des Grund- 
besitzes in gleicher Weise zu gute kommt. Immerhin aber ergiebt sich aus 
dem Gesagten, dafs trotz der neunzigjährigen Geltung des die gleichmäfsige 
Teilung begünstigenden code civil der Überzeugung unseres Volkes die 
Idee einer auf anderer Grundlage basierenden Vererbung des ländlichen 
Grundbesitzes nicht fremd geworden ist." 

Der Amtsrichter stellt auf Grund seiner fünfzehnjährigen Erfahrung 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 49 

die Naturalteilung ebenfalls als die Regel, die Fälle des Gutszusammenhalts 
aber als ganz vereinzelt hin. Nach den auch an Ort und Stelle ein- 
gezogenen Erkundigungen des Verfassers ist die Anzahl der geschlossenen 
Höfe im Kreise Siegburg gering, und ihr Vorkommen beschränkt sich auf 
die bergigen Teile. — 

Im Regierungsbezirk Aachen mit Ausnahme des Kreises Eupen, ist 
die Naturalteilung bei weitem überwiegend, und zwar sowohl in den rein 
landwirtschaftlichen wie in den industriellen Gegenden. Die Ausnahmen 
sind die üblichen: Erbeinsetzung des Gatten, Verkauf des Gutes durch die 
Erben bei starker Verschuldung, Übertragung an einen einzigen Erben bei 
kinderloser Ehe, Übernahme des Gutes durch eines der Geschwister, wenn 
die anderen nicht Landwirte sind. Vielfach werden noch die einzelnen 
Parzellen geteilt: „Es wird so zäh am geltenden Recht festgehalten, dafs es 
oft schwer fällt, eine geradezu unvernünftige Zersplitterung durch die gesetz- 
liche Erbfolge zu verhindern." (Landrat von Jülich.) 

Ein anschauliches Bild entwirft ein Notar in Heinsberg auf Grund 
seiner Erfahrungen von elf Jahren: „Bei Vererbung des ländlichen Grund- 
besitzes und zwar des gröfseren wie des kleineren gelangt regelmäfsig das 
geltende Intestaterbrecht zur Anwendung. Ich habe während meiner Praxis 
nicht einen einzigen Fall konstatiert — abgesehen von einzelnen gröfseren 
Gütern, welche sich in den Händen einiger in- und ausländischer Groß- 
grundbesitzer befinden — in welchen durch Verfügung unter Lebenden 
oder von Todes wegen unter gleichberechtigten Miterben ausgesprochener- 
mafsen auf die Erhaltung des Grundbesitzes in der Hand eines leistungs- 
fähigen Mitbeteiligten hingewirkt wurde. Im Gegenteil wird bei der Teilung 
des Grundbesitzes von dem Intestaterbrechte im ausgiebigsten Mafse, sehr 
oft in einer Weise Gebrauch gemacht, durch welche eine sehr nachteilige 
Zersplitterung der Grundstücke stattfindet, obschon eine solche, wie aus den 
unten angeführten Beispielen hervorgeht, in hohem Mafse bereits vorhanden 
ist. Nicht nur bei gröfserem, sondern auch bei ganz kleinem Grundbesitz 
wird bei der Teilung seitens der Mitbeteiligten darauf hingewirkt, dafs jedem 
ein Teil der Grundstücke besserer, mittlerer und schlechterer Qualität oder 
ein Teil der Grundstücke in günstiger und ungünstiger Lage, was die Ent- 
fernung von der betreffenden Ortschaft betrifft, zugeteilt wird. So geschieht 
es z. B. recht häufig, dafs Erbbeteiligte, welche etwa 30 a Ackerland in 
guter Lage, 60 a mittlerer Qualität und 1 ha schlechterer Qualität zu Dreien 
zu teilen haben, jede der 3 Parzellen in 3 Teile zersplittern, infolgedessen, 
abgesehen von den nicht unerheblichen Vermessungskosten, namentlich be- 
züglich der kleineren Parzellen eine grofse Wertminderung herbeigeführt 
wird. Während der Zeit vom 1. Juli 1885 bis zum 1. Juli 1893 wurden 
meinerseits 201 Teilimgsakte von Nachlafs- Immobilien aufgenommen. Die 
Anzahl der Beteiligten betrug 817, die Gesamtheit der zu teilenden Immo- 
biliarparzellen 4754, welche einen Flächeninhalt von 821 ha 55 a 6 qm reprä- 
sentierten. Jeder der Beteiligten erhielt also durchschnittlich ein Hektar, 
während vorher in ein und derselben Masse 4 ha vereinigt waren. Unter 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 4 



50 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

diesen Teilungsakten befand sich eine gröfsere Anzahl, bei welchen die Zer- 
splitterung der Grundstücke in besonders auffallender Weise hervortrat. 
Z. B. in dem Akte Rep.: Nr. 2673 teilten 5 Erbbeteiligte 23 Parzellen mit 
einem Gesamtflächenmars von 2 ha 98 a 61 qm; aus diesen 23 Parzellen 
wurden 38 gebildet, sodafs jede Parzelle ein Flächenmais von 7 a 86« qm 
repräsentierte. Im Akte Rep.: Nr. 3278 hatten 2 Erbbeteiligte 29 Parzellen 
mit einem Gesamtflächenmafse von 7 ha 18 a 49 qm zu teilen; aus diesen 
29 Parzellen wurden zum Zwecke der Teilung 37 Parzellen gebildet. Im 
Akte Rep.: Nr. 3287 hatten 6 Beteiligte 29 Parzellen mit einem Gesamt- 
flächenmars von 24 ha 28 a 42 qm zu teilen; aus diesen 29 Parzellen wurden 
39 gebildet. Im Akte Rep.: Nr. 1386 hatten 4 Beteiligte eine einzige Par- 
zelle in Gesamtgröfse von 77 a 86 qm zu teilen; diese Parzelle wurde in 
4 Teile zerlegt. Im Akte Rep.: Nr. 854 teilten 3 Beteiligte 24 a 80 qm in 
3 Teile. Im Akte Rep.: Nr. 881 teilten 4 Beteiligte 54 a 1 qm in 5 Parzellen. 
Im Akte Rep.: Nr. 1411 teilten 2 Beteiligte 15 a 9 qm in 5 Parzellen. Im 
Akte Rep.: Nr. 1885 teilten 7 Beteiligte 63 a 72 qm in 10 Parzellen. Im 
Akte Rep.: Nr. 1967 teilten 4 Beteiligte 82 a 17 qm in 6 Parzellen. Im 
Akte Rep.: Nr. 2689 teilten 16 Beteiligte 2 ha 75 a in 12 Parzellen. 

Im Akte Rep.: Nr. 2863 teilten 12 Beteiligte 2 ha 4 a — qm in 14 Parzellen. 

35 „ 95 „ 73 „ „115 



11 


ii 


2829 


ii 


7 


n 


11 


ii 


3220 


ii 


5 


ii 


11 


ii 


3441 


ii 


2 


ii 


11 


ii 


3447 


ii 


5 


ii 


ii 


ii 


1561 


ii 


4 


V 


ii 


ii 


4298 


ii 


9 


ii 



11 

V 

11 
11 

10 „ 59 „ 50 „ „ 38 l 



7 „ 73 „ 14 „ „ 49 

18 „71 „ 78 „ „114 

10 „ 45 „ 31 „ „ 37 

30 „ 50 „ 55 „ „119 



Aus den angeführten Beispielen dürfte klar hervorgehen, dafs sowohl 
bei Teilung des nach hiesigen Yerhäitnissen gröfseren wie kleinsten Grund- 
besitzes das Intestaterbrecht in vollstem Mafse Anwendung findet und viel- 
fach eine durchaus nachteilige Zersplitterung der Grundstücke vorgenommen 
wird. Auch in den Fällen, in welchen der überlebende Elternteil sein Ver- 
mögen an die Kinder schenkt und die Schenkobjekte in Verbindung mit 
dem Nachlasse des verlebten Elternteils gleichzeitig zur Teilung gelangen oder 
in welchen beide Eltern den Kindern ihr Vermögen abtreten und gleich- 
zeitig die Teilung vorgenommen wird, findet letztere ausnahmslos nach den 
Regeln der Intestaterbfolge statt. In keinem einzigen Falle wurde die 
Wahrnehmung gemacht, dafs die Eltern oder der überlebende Elternteil das 
Intestaterbrecht aufser Anwendung zu setzen beabsichtigt hätten oder auch 
nur auf ein Vereinigthalten gröfserer Komplexe oder gar Zusammenlegen 
von solchen, was in vielen Fällen sehr wohl hätte geschehen können und 
sicherlich im Interesse eines rationellen Wirtschaftsbetriebes gelegen hätte, 
Bedacht genommen worden wäre. Während der obengenannten Zeit wurden 
89 Akte dieser Art aufgenommen. Es fand Schenkung bezw. Teilung eines 
Gesamtkomplexes von 586 ha 70 a in 3105 Parzellen statt; die Anzahl der 
Beteiligten betrug 413; durchschnittlich wurde jedem 1 ha 40 a zugeteilt. 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteil uog. 51 

Im allgemeinen war auch in diesen Fällen die Teilung entsprechend den 
Teilungen von reinen Nachlafsmassen. 



kte R< 


Bp.: Nr 


. 1530 1 


;eilte: 


Q 9 


Beteiligt 


e 1 ha 


48 a 


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qm 


in 


11 Parzellen 


11 


ii 


2529 


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6 


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11 


ii 


4981 


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6 


ii 


1 


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98 „ 


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77 


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14 


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ii 


1149 


)) 


5 


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14 


77 


37 „ 


— 


77 


77 


70 


77 


ii 


ii 


1612 


77 


8 


77 


13 


77 


86 „ 


— 


77 


77 


72 


77 


ii 


ii 


2490 


77 


4 


77 


12 


77 


94 „ 


— 


77 


77 


62 


77 


ii 


ii 


2923 


11 


8 


77 


18 


77 


47 „ 


— 


77 


77 


96 


77 


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ii 


3544 


11 


5 


77 


9 


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30 „ 


— 


77 


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70 


77 


ii 


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4656 


57 


3 


77 


13 


77 


74 


— 


77 


77 


59 


77 


ii 


ii 


4341 


11 


5 


77 


7 


77 


77 „ 


— 


77 


77 


64 


77 


ii 


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5302 


11 


8 


77 


9 


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34 „ 


— 


77 


77 


66 


77 


ii 


ii 


5781 


11 


4 


77 


11 


77 


40 „ 


— 


77 


77 


67 


77 


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ii 


5880 


11 


8 


77 


18 


17 


99 „ 


— 


77 


77 


58 


77 


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i" 


6621 


11 


3 


77 


22 


77 


19 „ 


— 


77 


77 


86 


77 



Im Akte Rep.: Nr. 3406 teilten 5 Beteiligte 19 Parzellen mit einem 
Flächeninhalt von 2 ha 91 a; aus diesen 19 Parzellen wurden vor der 
Schenkung 29 gebildet. Im Akte Rep.: Nr. 6395 teilten 7 Beteiligte 1 ha 
56 a 68 qm in 19 Parzellen, nachdem vor der Schenkung aus 14 Parzellen 
diese 19 gebildet worden. Eine direkte Erbteilung durch Testament wurde 
während der mehrgenannten Zeit zweimal vorgenommen; in diesen Fällen 
wurde seitens des Testators die Teilung so vorgenommen, wie solche auch 
bei der späteren Teilung des Nachlasses würde stattgefunden haben, und 
wurden diese Testamente nur errichtet, um späteren Streitigkeiten unter den 
Erben vorzubeugen. Eine Teilung durch direkte Schenkung an die Be- 
teiligten fand in 3 Fällen statt. Auch diese wurden streng nach den Regeln 
des Intestaterbrechtes vorgenommen; in einem Falle wurden 6 ha 23 a unter 
5 Beteiligte geteilt, nachdem vorher aus 16 Parzellen 23 gebildet worden 
waren." 

Ähnlich berichtet der Amtsrichter von Montjoie: „Dieser Grundsatz 
der Teilung in natura ist so sehr in das Rechtsbewufstsein des Volkes über- 
gegangen, dafs falls nicht genug Parzellen vorhanden sind, um jedem Erben 
die gleiche Anzahl zuzuteilen, einzelne Parzellen, selbst auf die Gefahr des 
Minderwertes hin, zerstückelt werden. Ein Erbe erhält das Haus, und dies 
in der Regel eines der jüngeren Kinder, da die älteren nach ihrer Ver- 
heiratung schon meistens sefshaft geworden sind. Da das Haus fast immer 
der wertvollste Besitz ist, so werden die von dem Übernehmer desselben 
an die übrigen Erben zu leistenden Herausgaben als Hypothek gegen ihn 
eingetragen und bleiben, da eine Abtragung der Schuld kaum möglich, das 
ganze Leben hindurch fortbestehen." 

Im Bezirke des Amtsgerichts Aachen sind nur wenige Bauerngüter 
vorhanden, und auch diese werden nur zum geringeren Teile von den Eigen- 
tümern bewirtschaftet. „Die bedeutende Industrie der Städte Aachen, Burt- 



52 I. Oberlandesgeriohtsbezirk Köln. 

scheid und Stolberg hat einen grofsen Teil der Landbevölkerung in ihren 
Dienst gestellt, während die Einwohner des Wurmreviers als Bergleute ihren 
Unterhalt finden. Die in den Fabriken beschäftigten selbständigen Personen 
des Landbezirks sowie die Bergleute sind durchweg Eigentümer eines kleinen 
Hauses nebst Garten, pachten auch wohl ein Stück Land oder eine Wiese 
zur eigenen Bewirtschaftung hinzu. Ein anderer Teil der Landbevölkerung 
ist Eigentümer von l / 2 bis 5 ha Ackerland oder Wiese, hielt Milchvieh und 
vielfach Pferdegespann. Letzteres wird, da die unbedeutende Ackerwirtschaft 
nicht genügende Beschäftigung bietet, in lohnender Weise als Lohnfuhrwerk 
verwendet, insbesondere zur Abfuhr von Kohlen, Holz, Ziegeln, Kalksteinen 
u. s. w. Die jüngeren Familienmitglieder sind fast ausnahmslos in den 
Fabriken beschäftigt, die billige Fahrgelegenheit auf den Eisenbahnen er- 
möglicht auch den Einwohnern der entfernter gelegenen Dörfer, Arbeit in 
der Stadt zu übernehmen. Gehöfte von 8 ha und darüber sind fast durch- 
weg im Eigenhtme von Industriellen, Kapitalisten und Korporationen. Die 
Bewirtschaftung erfolgt ausschliefslich durch Pächter. Die Dörfer Forst und 
Eilendorf mit 4800 bezw. 6300 Einwohnern weisen nur 4 bezw. 8 Besitzer 
auf, welche als Eigentümer Grundbesitz von mehr als 8 ha bewirtschaften; 
aber auch diese sind in der Mehrzahl Industrielle als Ziegelei-Kalkbrennerei- 
besitzer, Holzhändler. Dagegen giebt es in den Gemeinden Laurensberg, 
Bichterich, Merkstein mehrfach Gehöfte bis zu 10 ha, welche von den Eigen- 
tümern bewirtschaftet werden. Bei der Vererbung des ländlichen Grund- 
besitzes sowohl des gröfseren wie des kleineren gelangt, soweit Kinder vor- 
handen sind, regelmäfsig das geltende Intestaterbrecht zur Anwendung. Es 
dürfte kaum vorkommen, dafs die Eltern, von ihrem Verfügungsrecht Gebrauch 
machend, testamentarisch über ihren Grundbesitz bestimmen, oder denselben 
durch Hofesübergabe bereits zu Lebzeiten auf ihren Nachfolger übertragen. . . . 
Was nun die Auseinandersetzung unter den Erben betrifft, so ist dieselbe 
je nach der Gröfse und der Lage des Grundbesitzes verschieden. Das An- 
wesen des Fabrik- und Bergarbeiters läfst meistens eine Teilung nicht mehr 
zu; dasselbe wird von den Erben entweder Öffentlich verkauft oder von 
einem der Erben zu einem angemessenen Preise übernommen. Der Grund- 
besitz bis zu 8 ha wird vielfach auf Anstehen der Erben öffentlich verkauft, 
vielfach auch in natura geteilt; die bestehende Parzellenwirtschaft erleichtert 
die Zuweisung an die einzelnen Erben; Parzellen, welche als Bauterrain 
höheren Wert haben, werden gewöhnlich versteigert. Ein Teil der Kinder 
hat sich in der Stadt angesiedelt oder ist auswärts verheiratet: diese über- 
lassen ihre Anteile den übrigen Geschwistern zu angemessenen Preisen, so 
dafs die Zersplitterung nicht nach der Zahl der Kinder wächst. Die tvenigen 
Bauernhöfe iverden seltener geteilt. Ist die Zahl der Kinder nicht grofs, so 
ist das eine oder andere Kind infolge günstiger Heirat in der Lage, den 
Hof unter der Hand von den Geschwistern zu übernehmen oder in öffent- 
licher Versteigerung anzukaufen. Einzelne Parzellen werden alsdann häufig 
von den angrenzenden Besitzern erstanden. Geht der Hof nicht auf eines 
der Kinder über, so wird derselbe durchweg von Grofsindustriellen oder von 



I. Die tkatsäeliliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 53 

Pächtern gröfserer Güter, welche ein Kind unterbringen wollen, angekauft. 
Soweit Güter im Besitz von Kapitalisten oder Industriellen sind, fällt das 
Gut regelmäfsig einem der Erben in Anrechnung auf den Erbteil zu. Die 
Teilung des Grundbesitzes erweist sich meines Erachtens in der Umgebung 
grösserer Städte volkswirtschaftlich als wohlthätig, indem die Arbeiter als 
Eigentümer eines kleinen Anwesens den Verlockungen der sozialdemo- 
kratischen Agenten wenig zugängig sind und die Nebenarbeit im Garten 
manche Ersparung für den Haushalt herbeiführt und vom Wirtshausbesuch 
abhält. Weiterhin bewirkt die Teilbarkeit des Grundbesitzes eine intensive 
Bewirtschaftung und hohe landwirtschaftliche Kultur." 

Bemerkenswert ist das sporadische Vorkommen des Gutszusammenhalts, 
meist durch Kommunhausimg ^ im Kreise Geilenkirchen. „Die Übernahme 
gröfserer Güter durch einen Erben erfolgt allgemein durch Einigung der 
sämtlichen Erben oder im Wege des Verkaufes durch Ankauf seitens eines 
Erben." (Landrat von Geilenkirchen.) „Nach Auflösung der Ehe durch den 
Tod eines der Ehegatten setzt in der Regel der Überlebende mit den Kindern 
die Gemeinschaft fort; die Kinder teilen nach dem Tode des letzteren die 
elterlichen Nachlassenschaften zu gleichen Teilen. Auch dann noch wird 
die Teilung vielfach hinausgeschoben bis zur Grofsjährigkeit resp. Grofs- 
jährigkeitserklärung des letzten Mündels. Ja selbst die Grofsjährigen setzen 
zuweilen die Gemeinschaft noch fort, bis infolge einer Heirat oder einer 
sonstigen Veranlassung die Teilung herbeigeführt wird. Vereinzelt habe ich 
den Fall beobachtet, in welchem die grofsjährigen unverheirateten Geschwister 
gegenseitig testierten und so wieder das bereits geteilte Vermögen in der 
Hand des Längstlebenden sammelten." (Amtsrichter von Geilenkirchen.) 
Es wird jedoch die Gleichberechtigung der Kinder streng gewahrt: „Nach 
der Mitteilung eines Notars hat derselbe mehrere Male bei Teilungen mit 
deren Vornahme und Beurkundungen er betraut war, beobachtet, dafs Des- 
zendenten, welche testamentarisch von ihren Aszendenten begünstigt waren, 
freiwillig und ohne jede Anregung auf diese Vorteile verzichteten und auf 
gleicher Teilung unter alle Erben bestanden. Die gleiche Intestat-Erbfolge 
ist so sehr in das Rechtsbewufstsein der hiesigen Bevölkerung übergegangen, 
dafs nicht nur von den Gekürzten die Ausführung eines die disponible 
Quote verfügenden Testaments als Ungerechtigkeit empfunden wird, sondern 
dafs selbst die Bedachten aus gleichem Grunde von der Ausführung Abstand 
nehmen. Noch jüngsthin hat eine mit einem Prälegate von einem Seiten- 
verwandten Bedachte mit nur einem Teile desselben sich zufrieden erklärt, 
weil eben die Bevölkerung gleiche Teilung will und eine Bevorzugung nicht." 

Im Kreise Eupen bleibt nach dem Bericht des Amtsrichters der gröfsere 
Grundbesitz, falls mehrere Intestaterben vorhanden sind, solange wie irgend 
möglich in Gemeinschaft; bei mittleren Gütern findet manchmal Naturalteilung 
statt, bei kleinen und belasteten Übertragung an einen Miterben und Ab- 
findung der übrigen oder Öffentlicher Verkauf und Teilung des Erlöses. 
„Der Gedanke, durch Verfügungen unter Lebenden oder von Todes wegen 
auf die Erhaltung des Grundbesitzes in der Hand eines leistungsfähigen 



54 I. OberlandeSgerichtsbezirk Köln. 

Unternehmers hinzuwirken, ist der hiesigen Bevölkerung so fremd und 
widerstrebend, dafs in einem Falle, in welchem ein Raerener Grofsgrund- 
besitzer den Versuch machte, durch letztwillige Verfügung den Grundbesitz 
auf einen Deszendenten zu übertragen, das Testament von allen Deszendenten 
ignoriert wurde und noch heute alle Deszendenten den Immobiliarnachlafs 
in ungeteilter Gemeinschaft besitzen." Der Landrat geht in seinem Bericht 
auf die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse etwas näher ein: „Die 
Vererbung des ländlichen Grundbesitzes vollzieht sich in denjenigen Fällen, 
in welchen eheliche Kinder zur Erbschaft gelangen, regelmäfsig nach dem 
geltenden Intestaterbrecht. Eine Übertragung des Grundbesitzes durch Testa- 
ment oder Erbvertrag findet fast nur statt beim Ableben von Personen, 
welche in keiner oder einer kinderlosen Ehe gelebt haben. Der hiesige 
Grundbesitz ist durchweg arrondiert und würde eine Teilung desselben bei 
dem geringen Umfange der einzelnen Güter zur Beschäftigung und Ernährung 
einer Familie nicht mehr ausreichen. Eine Folge dieses Systems der kleinen 
Wiesengüter ist die Thatsache, dafs eine Teilung der Güter auch dann nicht 
stattfindet, wenn einer der Erbberechtigten nicht in der Lage ist, das ganze 
Gut zu übernehmen, sondern dafs in diesem Falle eine gemeinschaftliche 
Wirtschaft durch die Beteiligten eintritt, wenn nicht der ungeteilte Verkauf 
in fremde Hände gewählt wird. Letztere Art der Auseinandersetzung hat 
in dem Mafse bereits unter den Erben den Vorzug erhalten, dafs sich der 
hiesige Grundbesitz vorzugsiueise in Händen städtischer Besitzer, In- 
dustriellen und Kapitalisten befindet und die Zahl der kleinbäuerlichen 
Eigentümer sich von Jahr zu Jahr verringert. Fast über drei Viertel des 
Grundbesitzes in hiesigem Kreise wird von Pächtern bewirtschaftet, die es 
vorgezogen haben, ihren Grundbesitz zu veräufsern, statt unter Übernahme 
von Hypotheken Eigentümer zu bleiben. Daher erklärt sich auch die ver- 
hältnismäfsig geringe hypothekarische Belastung des ländlichen Grundbesitzes 
im hiesigen Kreise. Eine Änderung der Gesetzgebung wird an dieser That- 
sache nichts mehr ändern können, obschon es im Interesse der Selbständig- 
keit und Leistungsfähigkeit des Bauernstandes zu beklagen ist, dafs derselbe 
unter Aufgabe des Eigentums nunmehr zum gröfsten Teil in ein abhängiges 
Pachtverhältnis getreten ist." 

Nach den „Ergebnissen der Ermittelung der landwirtschaftlichen Boden- 
benutzung im Jahre 1893" betrug die Gesamtfläche des Kreises Eupen 
17 587,9 ha. Davon entfielen auf 

Acker- und Gartenländereien . . . 501,6 ha 

Wiesen 4553,9 „ 

Weiden und Hutungen 4122,7 „ 

davon reiche Weiden 1543,5 ha 

„ geringe Weiden und Hutungen . . .2579,2 „ 

Forsten und Holzungen 7 588,2 ha 

Haus- und Hofräume 176,6 „ 

Öd- und Unland 39,1 „ 

Wegeland, Gewässer, Parkanlagen u. s w. 605,8 „ 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 



55 



Yon den Forsten sind 4172,7 ha Staatseigentum, 2057,9 ha Gemeinde- 
forsten. Das Ackerland ist verschwindend ; Wegeland und Gewässer nehmen 
1 / G mehr an Kaum ein. Yon den 501,6 ha Ackerland entfallen 117,7 auf 
Haus- und Obstgärten und gartenmäfsig angebautes Feld, 77,7 auf Kartoffeln, 
135,2 auf Hafer. Diese extremen Verhältnisse — fast alles Brotkorn mufs 
gekauft werden — sind die gleichen wie im benachbarten Limburg und 
auch auf dem Grenzgebiete der anstofsenden preufsischen Kreise. Die 
klimatischen und Bodenverhältnisse erzwingen ausgesprochene Weidewirtschaft^) 
die eine allzugrofse Zersplitterung nicht zuläfst. Unter Annahme eines Grund- 
steuerreinertrages von 54 Thalern als Merkmal für die untere Grenze der 
Selbständigkeit entfielen im Jahre 1878 auf 1154 landwirtschaftliche Privat- 
Besitzungen in Landgemeinden mit 6714,9 ha nutzbarer Fläche 754 unselb- 
ständige mit 1203,0 ha und 400 selbständige Besitzungen mit 5511,9 ha. 2 ) 
Die Verteilung der Betriebe würde also, bei anderem Erbrecht, eine aufser- 
gewöhnlich günstige Grundlage für Erhaltung eines kräftigen mittleren Bauern- 
standes geben. Wie sehr aber der Pachtbetrieb verbreitet ist, ergab schon 
die Berufszählung vom 5. Juni 1882, wie aus folgender Tabelle hervorgeht. 8 ) 





Gröfsenklassen in Hektar nach der 
Anbaufläche der Einzelwirtschaften 






unter 
1 


1 

bis 

2 


2 

bis 
10 


10 

bis 
50 


50 
bis 
100 


Summe 


I. Wirtschaften mit Landwirtschaftsbetrieb 
Davon haben 

a) kein Pachtland 

b) teilweise Pachtland , 

c) nur Pachtland 


543 

267 

50 

226 


247 

129 
63 

55 


550 

282 
109 
159 


274 

66 

35 

173 


1 
1 


1615 

744 
257 
614 


II. Wirtschaftsfläche in Hektar . , . . 
Davon ist Pachtland 


193 
62 


381 

140 


2735 
1061 


5354 

4058 


68 
68 


8731 
5389 



Yon den 825 Landwirtschaftsbetrieben, die mehr als 2 ha umfassen, 
haben 323 nur Pachtland, 144 teilweise Pachtlaud. Noch ungünstiger stellen 
sich die Zahlen für die Wirtschaftsfläche. Yon der Gesamtwirtschaf tsfläche 
von 8731 ha umfassen die Wirtschaftsbetriebe über 2 ha 8157 ha; davon 
sind nicht weniger als 5187 ha Pachtland. Zum Vergleich diene, dafs nach 
derselben Erhebung im Gesamtstaat Preufsen von 26 581 300 ha Wirtschafts- 
fläche 3 554 322 ha Pachtland war, in der Rheinprovinz von 1653 788 ha 
Wirtschaftsfläche 315 704 ha Pachtland. Wenn erst die Ergebnisse der Be- 
rufszählung vom Jahre 1895 veröffentlicht sein werden, wird sich zweifellos 
ein noch viel traurigeres Bild enthüllen. — 



J ) Dettinger, Landwirtschaftliche Verhältnisse im Kreise Eupen. (Zeitschrift des Land- 
wirtschaftlichen Vereins für Eheinpreulsen. 1895, S. 121 ff.) 

2 ) Preufsische Statistik. Heft 103. Berlin 1889, S. 177. 

3 ) Preufsische Statistik. Heft 76. Berlin 1885, S. 333. 



56 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Von den linksrheinischen Kreisen des Regierungsbezirks Köln 

(Köln, Bergheim, Euskirchen, Rheinbach, Bonn) gilt das von dem Regierungs- 
bezirk Aachen Gesagte. Aus den Berichten seien folgende Einzelheiten her- 
vorgehoben : 

Notar in Köln: „Die öffentliche Yersteigerung „teilungshalber" ist .eine 
Rechtsgewöhnung geworden, von welcher der ausgedehnteste Gebrauch ge- 
macht wird. Bei dieser Praxis spielt Voreingenommenheit für dieses oder 
jenes Landesrecht keine Rolle, die breiten Schichten wissen davon gar nichts; 
dagegen geht durch die ganze Bevölkerung die echt natürliche Anschauung, 
dafs bei richtigen Eltern die sämtlichen Kinder ohne Unterschied dem Eltern- 
herzen und der elterlichen Fürsorge gleich nahe stehen. Zu gunsten eines 
Kindes die übrigen Kinder auf den Pflichtteil zu beschränken wird als ein 
gehässiger Akt sehr gescheut." 

Der meistbeschäftigte Notar in Bonn führt aus, dafs bei Vererbung 
des ländlichen Grundbesitzes und zwar des gröfseren wie des kleineren 
regelmäfsig das geltende Intestaterbrecht zur Anwendung gelange, und dafs 
ihm nicht ein einziger Fall bekannt sei, wo ein Gutseigentümer seinen Grund- 
besitz schon zu Lebzeiten auf einen oder mehrere Nachfolger übertragen 
hätte. Sodann fährt er fort: „Dies trifft zu hinsichtlich aller gröfseren 
Güter in der Bonner Umgebung. Um nur einen bezeichnenden Fall an- 
zuführen, lenke ich die Aufmerksamkeit auf das schöne, ungefähr 100 ha 
grofse Ackergut .... hof in der Bonner Gemarkung, auf welchem, so- 
viel ich weifs, keinerlei Schulden lasten. Nach dem kürzlich erfolgten 
Tode des Besitzers haben dessen Witwe und Kinder das tote und lebende 
Inventar verkauft und sind nun im Begriffe, die Grundstücke in natura 
unter sich zu teilen. Und wie leicht wäre gerade in diesem Falle, bei den 
sonstigen guten Verhältnissen des Besitzers, die Übernahme des Ganzen 
durch einen oder mehrere seiner Ackerbau treibenden Söhne zu bewerk- 
stelligen gewesen, allein das Gefühl der gesetzlichen Gleichberechtigung der 
Erben läfst den Gedanken daran nicht aufkommen." 

Amtsrichter von Rheinbach: „Nicht selten kommt es vor, dafs zu- 
sammenlebende ledige Oeschtvister zum Zwecke der ungeteilten Erhaltung 
des Grundeigentums in der Hand des Überlebenden sich gegenseitig zu 
Universalerben einsetzen unter Ausschlufs aller verheirateten Verwandten 
und deren Nachkommen." 

Landrat von Bergheim: „Häufig geschieht es, dafs die Intestaterben bei 
Teilung unter Geschwistern dem einen oder anderen der Miterben den 
Haus- oder Hofbesitz gegen eine gewisse Herausgabe an die Beteiligten 
käuflich überlassen und denselben die ihnen bei der Teilung zugefallenen 
Parzellen verpachten. Hierin liegt häufig eine Anerkennung für diejenigen 
Kinder, welche bei den Eltern bis zu ihrem Tode wohnhaft gewesen sind 
und sie gepflegt haben, während andere Kinder infolge Heirat das Eltern- 
haus früher verlassen und einen eigenen Hausstand gegründet haben." 

Gleiches wie aus Rheinberg und Bergheim wird auch aus Köln und 
Euskirchen gemeldet. 



I. Die tatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Eealteilung. 57 

Die Neigung, allen Erben gleiche Teile zukommen zu lassen, ist nach 
dem Bericht des Amtsrichters von Euskirchen beim Kleingrundbesitz so 
stark ausgeprägt, „dafs man nicht selten durch testamentarische Bestim- 
mungen ein zweiteheliches Kind den erstehelichen im Yermögen gleich- 
zustellen sucht, wenn das Yermögen der verschiedenen Elternteile ver- 
schieden ist und damit bei der Intestaterbfolge ungleiche Vermögensteile 
für die Halbgeschwister sich ergeben müssen." — 

Im Regierungsbezirk Coblenz ist von einem Zusammenhalt der Grund- 
stücke nirgends die Rede. Realteilung durch die Eltern bei deren Lebzeiten, 
Realteilung nach deren Tode, Versteigerung der Grundstücke und Teilung 
des Erlöses scheinen ungefähr gleich häufig zu sein. Das Wohnhaus geht 
ungeteilt an einen Erben über; das „Mitteln" des Hauses, wie es im be- 
nachbarten Nassau und im bergischen Lande vorkommt, scheint nicht üblich 
zu sein. Aus den einzelnen Berichten ist folgendes hervorzuheben: 

Landrat von Ahrweiler: „Die Yererbung vollzieht sich in der Weise, 
dafs nach dem Tode des Grundeigentümers das Besitztum des Letzteren zu 
gleichen Teilen an die Erbberechtigten übergeht. Um dies zu ermöglichen, 
wird meistens der ganze Nachlafs einem öffentlichen Yerkaufe ausgesetzt 
und der aus demselben fliefsende bare Erlös an die Interessenten gleich- 
mäfsig verteilt. Dabei bleibt es den letzteren überlassen, ihrerseits wiederum 
von dem Ankaufsrechte unter Wahrung der den Miterben zustehenden Rechte 
Gebrauch zu machen." 

Amtsgericht Sinzig: „Zuweilen kommt es auch vor, dafs Eltern an 
eines ihrer Kinder schon bei Lebzeiten das Haus nebst Zubehör unter Vor- 
behalt der Nutzniefsung abtreten mit der Bestimmung, dafs die übrigen Kinder 
in Geld abgefunden werden. Das geschieht jedoch nicht zum Zwecke der 
Erhaltung des Grundbesitzes in der Hand eines leistungsfähigen Unter- 
nehmers, sondern lediglich zu dem Zweck, für den Fall des Todes des 
einen oder anderen der Eltern einer Teilung durch die Kinder vorzubeugen 
und dadurch den Eltern die Nutzniefsung an den Gebäulichkeiten, welche 
alsdann stets vorbehalten bleibt, zu sichern." 

Amtsgericht Adenau: „Das Vermögen der Testatoren besteht hier fast 
nur aus Grundbesitz; die letztwilligen Verfügungen vererben diesen regel- 
mäfsig auf die Intestaterben, wobei freilich regelmäfsig Bestimmungen zu 
gunsten der toten Hand und zwar im Verhältnis zum Werte des ganzen 
Vermögens unverhältnismäfsig hohe Verfügungen getroffen werden." 

Landrat von Mayen: „Gröfserer Grundbesitz ist im hiesigen Kreise 
nur vereinzelt zu finden, nämlich auf einigen Teilen des Maifeldes und in 
der sog. Pellenz. In den Eifelgegenden des Kreises ist derselbe überhaupt 
nicht vertreten. Mittlerer Grundbesitz ist auf dem Maifelde und auch in 
der Pellenz noch in gröfserer Zahl vorhanden, während in den Eifelorten 
der Kleingrundbesitz bei weitem überwiegt. Sowohl der mittlere wie der 
Kleingrundbesitz ist in vielen Gegenden, vor allem aber in der Eifel, aufser- 
ordentlich zersplittert. Das Vermögen — sehr oft selbst der wohlhabendsten 
Grundbesitzer — besteht, abgesehen von den Gebäulichkeiten, aus einer 



58 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Reihe von einzelnen — manchmal von mehreren hundert — räumlich meist 
durch die ganze Gemeinde und durch die benachbarten Gemeinden zer- 
streuten Parzellen, deren Ausdehnung selten die Gröfse eines Hektars er- 
reicht, häufig aber wenige Quadratmeter umfafst. Diese Zersplitterung ist 
ei)ie Folge des liier zur Anwendung gelangenden Erbrechts. Die dem An- 
erbenrecht zu Grunde liegende Anschauung, dafs das bäuerliche Gut, der 
Hof, der Familie gehört und als solcher der Familie erhalten werden mufs, 
ist der hiesigen Landbevölkerung völlig fremd." 

Landrat von St. Goar: „Diese Teilung findet bei den Ländereien 
vielfach, in manchen Gegenden durchgängig schon bei Lebzeiten der Aszen- 
denten statt. Letztere behalten sich alsdann einen Teil der Grundstücke 
zu lebenslänglicher Nutzniefsung (sog. Ausbehalt) vor, wobei einer der Erben 
verpflichtet wird, den Schenkgebern die Aushaltungslänclereien unentgeltlich 
zu bebauen, zu düngen und zu besäen, sowie ihnen die Früchte davon frei 
in Keller und Speicher zu liefern. Erfolgt der Eigentumsübergang nach 
dem Tode des einen oder der beiden Aszendenten, so wird das teilbare 
Grundeigentum, von welchem der überlebende Aszendent den ihm zuge- 
hörigen Anteil sowie sein Sondergut durch Schenkung unter Lebenden ab- 
tritt, nach den Regeln der Intestaterbfolge in Lose mit Taxwert gebracht 
und alsdann verlost mit Beurkundung der Loseziehung in Gemäfsheit des 
Gesetzes vom 20. Mai 1885; die früher im hiesigen Bezirk üblichen Los- 
zettel sowie auch die vielfach hier vorkommenden Privatakte über Grund- 
eigentum sind seit Erlafs jenes Gesetzes nicht mehr anwendbar. Die aus- 
wärts wohnenden Erben schreiten alsdann in den meisten Fällen zur Ver- 
steigerung des ihnen zugefallenen Grundeigentums oder verkaufen dasselbe 
auch einem der Beteiligten. Die Gebäulichkeiten werden fast immer bei 
Lebzeiten der Aszendenten durch Schenkung unter Lebenden gegen einen 
vereinbarten Anschlagspreis einem der Kinder zum besseren Fortkommen 
in Eigentum übertragen, oft mit Konkurrenz und Zustimmung der übrigen 
Kinder zwecks definitiver Rechtskraft der Urkunde, sehr oft aber ohne diese 
Konkurrenz und Genehmigung, so dafs der Eigentumsübergang wegen 
etwaiger Verletzung des Pflichtteils anfechtbar bleibt. Der betreffende Ge- 
schenknehmer übernimmt die etwa auf den Gebäulichkeiten haftenden Hypo- 
theken nebst Verzinsung als eigene Schuld, bringt vom Rest des An- 
schlagspreises seine eigene Beteiligung in Abzug und zahlt den Überschufs 
an seine Geschwister oder deren gesetzliche Erben nach den in der Ur- 
kunde vereinbarten Bedingungen aus; der Anschlagspreis wird unter Be- 
rücksichtigung der vom Geschenknehmer übernommenen, oft sehr lange 
dauernden Lasten gering angesetzt und giebt manchmal Veranlassung zum 
Prozefs, wenn die das Eigentum übertragende Urkunde nicht die Genehmi- 
gung aller Beteiligten gefunden hat. Die Geschenkgeber (Aszendenten) be- 
halten das Recht, die übertragenen Gebäulichkeiten nebst Hofraum lebens- 
länglich unentgeltlich mitzubewohnen und mit zu benutzen und zwar meistens 
mit Vorzug vor dem Geschenknehmer und dessen Familie oder auch mit An- 
weisung auf bestimmte Räume. In den meisten Fällen wird der Geschenk- 



I. Die thätsäcMiche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 59 

nehmer auch verpflichtet, seine Eltern, die Geschenkgeber, lebenslänglich zu 
alimentieren. Die ledigen Geschwister des Geschenknehmers erhalten eben- 
falls das Recht, die Gebäulichkeiten nebst Hofraum unentgeltlich mitzube- 
wohnen und mitzubenutzen, solange sie ledig bleiben oder sich nicht ander- 
weitig niederlassen; auch wird meistens ausbedungen, dafs die für die Ge- 
schwister stipulierte Herausgabe zu gunsten des Geschenknehmers als ver- 
wohnt erachtet werden soll, wenn diese Geschwister im Wohnhause als ledige 
Leute sterben sollten. Haben nun die Aszendenten die Gebäulichkeiten 
bis zu ihrem Todestage behalten, so werden dieselben nach letzterem in den 
meisten Fällen öffentlich oder unter der Hand versteigert, oder die sämt- 
lichen Beteiligten spielen, wie es hier heifst, aus gegen einem vorher fest- 
gesetzten Anschlagspreis, worauf alsdann die Beurkundung des Eigentums- 
üb erganges erfolgt." Gleich hiermit lautet das Gutachten des Notars zu 
Boppard, dem sich der Amtsrichter anschliefst. 

Der Amtsrichter von St. Goar und der dortige Notar erstatten Berichte, 
die im Thatsächlichen die Yererbungsvorgänge ebenso schildern: „Der dies- 
seitige, mit Einschlufs der drei kleineren Städte St. Goar, Oberwesel und 
Bacharach 52 Gemeinden, wozu 7 Gehöfte gehören, umfassende Gerichts- 
bezirk mit rund nahezu 21000 Einwohnern enthält nur kleinen und kleinsten, 
sehr zersplitterten Grundbesitz, welcher einem überraschend schnellen Besitz- 
wechsel unterworfen ist und auf der Höhe des Hunsrücks ausschliefslich 
aus Ackerland, Wiesen, Weiden und Holzung besteht, wozu in den Rhein- 
ortschaften und denen der Seitenthäler des Rheins Weinberge kommen. Bei 
der Vererbung der Grundstücke wird an der geltenden Intestaterbfolge mit 

Zähigkeit festgehalten An einer gewissen Altersgrenze angelangt — je 

nach den Verhältnissen meist zwischen 50 — 60 Jahren — geben die Eltern 
ihre liegenden Güter an ihre Kinder ab ... . Bemerkenswert ist es, dafs es die 
Kinder als eine Art von Recht ansehen, bereits zu Lebzeiten in den Besitz 
des Grundvermögens ihrer Eltern gesetzt zu werden, ein Begehren, dem sich 
die letzteren nur in seltenen Fällen entziehen. Die Eltern betrachten es 
als ihre Pflicht, den Kindern, wenn sie herangewachsen sind, zu einer 
wirtschaftlichen Selbständigkeit zu verhelfen, und da ihnen andere Mittel 
nicht zu Gebote stehen, so sorgen sie dafür durch Abtretung ihres Grund- 
besitzes. Von den Kindern lassen die nach auswärts verzogenen ihre Güter- 
lose öffentlich versteigern, um sich, wenn sie Landwirte sind, für den Erlös 
an ihrem neuen Wohnort sogleich wieder anzukaufen In etwas ver- 
schiedener Weise wie bei Abgabe des Ackerbaues wird bei Übergabe des 
Wohnhauses verfahren. Hier haben die Eltern freiere Hand, sowohl was 
die Wahl des Nachfolgers im Hause als auch was die Bedingungen der 
Übertragung anbelangt. Diese Bedingungen — Verteilung des Preises an 
sämtliche Kinder bezw. Übernahme der elterlichen Schulden, Verpflegung 
der Eltern und Bau ihres Ausbehaltes, Einräumung von Wohnrechten an 
Eltern und Geschwister — sind überall die gleichen. Da durchwegs der 
Preis erheblich unter dem Verkauf sAverte liegt, die übrigen Lasten aber durch 
gewisse Vorteile, — Mitarbeit der vielfach noch rüstigen Eltern im Haus- 



(30 I. Oberlandesgeriehtsbezirk Köln. 

halt, Mitgenuls deren Aushaltsgüter — zum gröfsten Teile aufgewogen 
werden, so darf der Nachfolger im Hause als bevorzugt unter den Kindern 
gelten. Immerhin ist diese Bevorzugung als sehr bedeutend nicht anzu- 
sehen, besonders wenn man die aleatorische Natur des Hausübertrages mit 
in Betracht zieht. Der obige Grundsatz der gleichen Teilung wird auch in 
den seltenen Fällen beobachtet, in denen von Todes wegen über den Grund- 
besitz verfügt wird, obgleich hier der Eigentümer, ohne das Mifsf allen der 
Erben ertragen zu müssen, anders zu bestimmen in der Lage wäre." 

Amtsrichter von Cochem: „Die ländliche Bevölkerung lebt hier, der 
fränkischen Sitte gemäfs, durchgängig in Dörfern zusammen; jeder Landwirt 
besitzt eine Reihe verschiedenartiger, oft, ja meist zerstreut liegender Ländereien. 
Die zerstreute Lage ergiebt sich zum Teil aus der natürlichen Beschaffenheit 
und Lage der verschiedenen Arten der landwirtschaftlichen Grundstücke von 
selbst (Weinberge, Äcker, Wiesen, Wälder). Es fehlt hier jeder Zusammcn- 
hang sowohl dieser einzelnen Ländereien unter einander als mit dem Hause, 
denn jedes von jenen Grundstücken läfst sich ebensowohl von jedem anderen 
als von diesem Hause aus bewirtschaften. Es liegt auf der Hand, dafs letzterer 
Umstand wesentlich mit dazu beigetragen hat, den früher immerhin vielleicht 
in höherem Mafse vorhanden gewesenen örtlichen Zusammenhang der Grund- 
stücke eines Besitzers im Laufe der Zeit mehr und mehr aufzuheben und 
den Besitzstand des Einzelnen zu zerstreuen. Das im Begriff des Hofgutes 
Wesentliche, der das Vorhandensein eines einheitlichen Ganzen bedingende 
örtliche Zusammenhang von Haus und Land liegt nach dem Gesagten hier 
nicht vor. Demzufolge wird auch bei der Vererbung Haus und Land nicht 
als Einheit, als ein zusammengehöriges Ganzes, behandelt, sondern die Erb- 
masse besteht aus dem Hause und aus einer Reihe weder mit diesem noch 
untereinander zusammenhängender, verschiedenartiger und zerstreut liegender 
Ländereien. Ebendamit ist auch die Anwendbarkeit verschiedenartiger Grund- 
sätze bezüglich der Vererbung des Hauses und der Ländereien gegeben. 
Die Ländereien werden unter die Miterben (Kinder) regelmäfsig zu gleichen 
Teilen im Wege der Loseziehung (Teilzettel) verteilt, sei es, dafs nur eine 
Teilung nach dem Tode der Eltern erfolgt, wie solches an der Mosel die 
Regel bildet, sei es, dafs die Eltern schon bei Lebzeiten einen oft bedeutenden 
Teil ihrer Ländereien, gewöhnlich unter Zurückbehaltung der besten Grund- 
stücke, ihren Kindern schenkungsweise übertragen, wie es in Eifel und 
Hunsrück Gebrauch ist. Bei Bildung der Lose wird möglichst Gleichwertig- 
keit derselben und Vermeidung von Herausgaben in Bar erstrebt. Die 
grofse Anzahl der Parzellen ermöglicht durchgängig eine bequeme Bildung 
solcher Teillose. Vielfach indes werden behufs Bildung gleichartiger oder 
gleichwertiger Lose Besitzstücke in zuweilen wenig wirtschaftlicher Weise 
zerstückelt, ja manchmal geschieht dies ohne jeden anderen Grund als das 
Bestreben der mehreren Erben, von den betreffenden durch ihre Erblasser 
ihnen überkommenen Grundstücken einen reellen Anteil zu erhalten. Das 
Gefühl der hiesigen Landbevölkerung für die völlige Gleichberechtigung 
der Wittiben untereinander überwindet da jede trirtschaftliclic Büchsicht, 



I. Die tatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 61 

und es hält sehr schwer, auf Grund der letzteren dieser Auffassung mit 
Erfolg entgegenzuarbeiten. Eine Versteigerung der Nachlafsländereien, aufser 
zur Schuldentilgung oder weil die sämtlichen Erben auswärts wohnen oder 
etwa anderen Berufsarten angehören, ist selten und wird thunlichst schon 
deswegen vermieden, weil die Beteiligten dann Gefahr laufen würden, von 
Dritten überboten zu werden, und auf solche Weise gegen ihren Willen statt 
Landes Geld zu erhalten. Eine etwa erfolgende Versteigerung geschieht 
nach Einzelparzellen. Letzteres gilt auch bei Versteigerung des Loses eines 
auswärts wohnenden Erben; seltener wird solches durch freihändigen Ver- 
kauf an einen oder mehrere ortsansässige Miterben oder andere Dorfbewohner 
übertragen; bei Übertragung an einen Miterben wird in der Kegel eine 
ntiifsige Taxe zu Grunde gelegt, insbesondere wenn die Übertragung noch 
zu Lebzeiten der Eltern geschieht. Das Haus anbelangend, so bildet dies- 
bezüglich infolge der Unteilbarkeit desselben und mit Rücksicht darauf, dafs 
eine Abfindung der Geschwister zum vollen Werte des Hauses den Über- 
nehmer zu sehr belasten würde, ein dem Anerbenrecht ähnliches Verfahren 
die Regel. Vielfach, auf dem Hunsrück fast immer, wird nämlich das Haus 
noch zu Lebzeiten der Eltern einem durch das Alter, durchs Los oder auf 
andere Weise bestimmten Kinde übertragen und zwar zu einem Preise, der, 
selbst unter Berücksichtigung der üblichen Nebenleistungen des Übernehmers, 
bestehend in Pflege der Eltern — unter Umständen auch voller Unterhalts- 
leistung für dieselben, — Wohnungs- und Wirtschaftsrecht der Eltern und 
der ledigen Geschwister, durchgehends ein mäfsiger ist. Falls bei Lebzeiten 
der Eltern kein solcher Vertrag geschlossen worden ist, so wird das Haus 
gewöhnlich einem durch das Los oder durch Vereinbarung bestimmten Mit- 
erben zu einem meist mäfsigen Preise freihändig übertragen oder unter den 
Erben, oder endlich öffentlich versteigert. Die an die Geschwister zu zahlen- 
den Abfindungen erfallen regelmäfsig in 3 — 5 alsbald nach dem Tode der 
Eltern, bezw. nach dem jeweiligen Auszuge der Geschwister beginnenden 
Jahresrenten. Vielfach erfolgt deren Deckung aus aufgenommenen Darlehen, 
die dann das Haus wie das übrige Grundeigentum des Übernehmers bis zu 
der erst nach langen Jahren erfolgenden Rückzahlung belasten. Die in 
hiesiger Gegend selten vorkommenden Hofgüter werden hinsichtlich der 
Vererbung in einer der vorstehenden Darstellung bezüglich der Häuser ent- 
sprechenden Weise behandelt. Liegen die Höfe weit von den Dörfern ent- 
fernt, so ergiebt sich ein billiger Übernahmepreis von selbst, indem der aus- 
wärts wohnende oder aus anderen Gründen zur Abtretung seines Anteils 
veranlafste Miterbe einen fremden Käufer nicht leicht findet. Die vorhandenen 
Schulden anlangend, so werden dieselben, im Falle die Eltern selbst einem 
Kinde das Haus übertragen, durch Übernahme in Anrechnung auf den Preis 
unter Befreiung der Verkäufer, falls dagegen erst nach dem Tode der Eltern 
Auseinandersetzung erfolgt, durch Veräufserung und zwar regelmäfsig zu- 
nächst des Hauses (nach Umständen auch hier unter Übernahme in An- 
rechnung auf den Preis), dann des Mobilars, zuletzt der Ländereien bezw. 
des erforderlichen Teils derselben gedeckt. Abänderungen bezüglich der 



Q2 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

gleichen Teilung zwischen den Miterben, durch Verfügungen unter Lebenden 
oder von Todes wegen, kommen, abgesehen von dem aus dem Obigen sich 
Ergebenden bei Deszendenten nur ganz vereinzelt, bei Seitenverwandten 
öfters vor, aber auch dann nicht etwa aus wirtschaftlichen Gründen zum 
Zweck der Erhaltung des Grundbesitzes in der Hand eines „Anerben", sondern 
in der Absicht der Belohnung des Bevorzugten bezw. Bestrafung der Ent- 
erbten bezw. Zurückgesetzten, wobei nicht selten ungerechte Vorurteile, 
Intriguen und erbschleicherische Einwirkungen eine verhängnisvolle Rolle 
spielen. Manchmal kommt es auch vor, dafs, wenn ein Kind in den Ordens- 
stand tritt oder aus sonstigen Gründen ein Interesse an Gleichstellung mit 
den Miterben in Bezug auf das Vermögen nicht hat, dasselbe mit seinem 
Einverständnis zu gunsten des das gesamte vorhandene Grundvermögen über- 
nehmenden Bruders pp. mit einem geringen Betrage abgefunden wird." 

Einen Hausverkauf- und Gutsüberlassungsvertrag teilt der Landrat von 
Zell mit (Anlage HI), in dessen Bezirk im übrigen die Verhältnisse denen 
in Cochem gleichen. Der Vertrag ist vor dem Erlasse des Gesetzes über 
die Veräufserung und hypothekarische Belastung von Grundstücken im 
Geltungsbereich des rheinischen Rechts vom 20. Mai 1885 abgeschlossen; 
seitdem werden Verträge in demselben Sinne vor dem Notar geschlossen. 
Aus dem Bericht des Amtsrichters von Zell ist hervorzuheben, dafs dieser 
die starke Parzellierung und Gemengelage der Grundstücke nicht allein auf 
das Erbrecht und die mittelmäfsigen Vermögensverhältnisse der Eingesessenen 
zurückführt, sondern auch auf die stark hervortretende Neigung der besser 
Gestellten, ihre Ersparnisse nicht in ländlichen Grundstücken — abgesehen 
von Weinbergen — anzulegen, sondern sie auf Zins auszuleihen. Die Ab- 
tretung der Grundstücke an die Kinder, sobald diese erwachsen sind, sei 
insbesondere in den Hunsrückgemeinden eine zwingende Gewohnheit ge- 
worden. „Haben die Ehegatten keine Deszendenz, so ist der regelmäfsige 
Fall, dafs dem überlebenden Teile und zwar ohne thatsächliche Berück- 
sichtigung des Aszendentenvorbehaltes durch ein eigenhändiges Testament 
alles vermacht wird, worüber die Gesetze zu verfügen gestatten. In diesen 
Fällen tritt somit das Intestaterbrecht fast nie ein, wahrend in selteneren 
Fällen nur die lebenslängliche Nutzniefsung dem überlebenden Ehegatten 
vermacht wird. Etwa vorhandene Vorbehaltserben verzichten auch vielfach 
auf diesen ihnen zustehenden Vorbehalt in der fast sicheren Erwartung, dafs 
der überlebende Ehegatte selbst wiederum testamentarisch über sein ihm 
zugefallenes Vermögen verfügt und zwar zu gunsten der sonstigen Intestat- 
erben des Verstorbenen. Das Vermächtnis des Mefsbrauches allein tritt meist 
dann ein, wenn der Testator Geschwister oder deren Deszendenz hinterläfst. 
Ist der Grundbesitzer nicht verheiratet gewesen, so tritt ebenfalls das Intestat- 
erbrecht nicht ein; derselbe macht vielmehr fast in allen Fällen ein eigen- 
händiges Testament, in welchem er zwar die gesetzlichen Erbfolgerechte meist 
berücksichtigt, in welchem er aber seinen Verpfleger oder seinen Pathen 
bevorzugt. Gerade in solchen Fällen macht sich bei der Erbfolge der Ge- 
schwisterkinder das Bestreben geltend, nicht nach Stämmen, sondern nach 



I. Die thatsäcliliclio Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 63 

Köpfen die Grundstücke zur Verteilung zu bringen, wodurch wiederum eine 
Yergröfserung der Parzellierung eintritt." 

In dem ganz im Hunsrück gelegenen Kreise Simmern wird die gleiche 
Zuteilung an alle Kinder auf das peinlichste durchgeführt. „Es wird selbst 
in den kleinsten Verhältnissen und wenn auch nur 2 Kinder vorhanden 
sind und das eine gar nicht daran denkt, seinen Anteil an den Ländereien 
selbst in Wirklichkeit zu übernehmen, vielmehr von vornherein feststeht, dafs 
dieses Kind seinen Anteil an den Bruder oder die Schwester, wenn auch 
vorbehaltlich der Einigung über den Preis, verkauft, dennoch immer unter den 
Mitbeteiligten zunächst in natura abgeteilt und dann erst die Vereinbarung 
über den Verkauf des abgeteilten Anteiles getroffen." (Bürgermeister von 
Castellaun, bestätigt vom Landrat von Simmern.) „Die Vererbung des länd- 
lichen Grundbesitzes erfolgt durchgehends nach dem hier geltenden Intestat- 
erbrecht, wonach die Kinder zu gleichen Teilen berechtigt sind; hierbei 
werden die unehelichen Kinder bezw. Enkel, welchen an sich nach dem 
Gesetze nur ein beschränktes oder gar kein Erbrecht gegen die Eltern bezw. 
Grofseltern zusteht, den ehelichen Kindern bezw. Enkeln gleichgestellt und 

teilen mit letzteren Wenn eben möglich, wird es bei Bildung der Lose 

vermieden, dafs ein Kind an das andere schon im Teilzettel festgesetzte 
Herausgaben zu zahlen hat; vielmehr wird immer darauf gesehen, dafs die 
Lose völlig gleichwertig sind und Zahlungen von Herausgaben nicht zu er- 
folgen haben. Es geht dies soweit, dafs die Beteiligten mehrfach auch sogar 
sehr kleine Parzellen in verschiedene Teile teilen lassen und jedem einen 
Teil zuteilen, nur um zu verhüten, dafs die Lose ungleich werden. Allerdings 
spricht hierbei auch immer etwas die Art der Bewirtschaftung mit und die 
damit verbundene Einteilung der ganzen Flur einer Ortschaft in 3 Teile: 
Kornflur, Haferflur und Brachflur, da jedes Kind aus jedem Teile der Flur 
eine bestimmte gleiche Anzahl Äcker haben mufs, um eine rationelle Wirt- 
schaft für die hiesigen Verhältnisse betreiben zu können Nur sehr selten 

tritt es ein, dafs mehrere mitbeteiligte Kinder, von denen einige am Orte, 
wo die Grundstücke gelegen sind, andere aber auswärts wohnen, die sämt- 
lichen ererbten Grundstücke gemeinschaftlich versteigern lassen, wobei dann 
die am Orte wohnenden Kinder nach ihrem Belieben Grundstücke für ihren 
Anteil an der Erbschaft ansteigern. Es geschieht dies in Fällen, in welchen 
Realteilung völlig ein Ding der Unmöglichkeit ist, während im allgemeinen, 
selbst wenn die Kealteilung schon grofse Schwierigkeiten macht und nur 
bei sehr grofser Parzellierung der an sich schon kleinen Parzellen durch- 
zuführen ist, die Einheimischen auf Realteilung bestehen und ihren Anteil 
in natura zugeteilt zu erhalten verlangen. Was sodann die Wohnhäuser 

betrifft, so gehen diese meist von den Eltern an eines der Kinder über 

Die übrigen Kinder sind dann gezwungen, sich auf andere Weise bei Eintritt 
ihrer Selbständigkeit, namentlich bei ihrer Verheiratung, ein Haus zu ver- 
schaffen; dieselben übernehmen dann entweder das elterliche Haus des 
anderen Ehegatten, oder aber sie kaufen ein gerade freiwerdendes Haus, eines 
Dritten, oder endlich sie müssen einen Neubau errichten. Zu letzterem 



64 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Zwecke behalten die Eltern bei Übertragung des Hauses, falls hierbei sich 
noch ein Platz befindet, der sich als Bauplatz für ein Haus eignet, den 
übrigen Kindern bei dem Übernehmer des Hauses das Kecht vor, falls sie 
des Bauplatzes bedürfen, denselben zu einem vorher fest bestimmten Preise 
zu erwerben." (Amtsrichter von Castellaun.) 

„Der Übernahmepreis des Hauses wird," wie der Amtsrichter von 
Simmern sagt, „regelmäfsig niedrig angesetzt; meist ist das Geschäft wegen 
der Unsicherheit des Mafses der Leistungen an Eltern und Geschwister ein 
gewagtes. Höchstens in diesem niedrigen Ansetzen der Werte der Häuser 
und vielleicht des lebenden und toten Inventars könnte man eine Bevor- 
zugung eines Kindes erblicken, sonst findet eine solche nirgendwo statt; auch 
dort ist sie übrigens regelmäfsig unbedeutend." Der Amtsrichter von Kirch- 
bcrg erwähnt, dafs mit dem Wohnhaus und seinen Nebengebäuden nebst 
den zugehörigen Garten auch eine beim Hause gelegene Wiese — Bitze — 
übertragen werde. 

Auch im Kreise Kreuznach sind abweichende Verhältnisse nicht bemerkt. 
Im Amtsgerichtsbezirk Stromberg ist die Parzellierung mit der Yermehrung 
der Bevölkerung so weit fortgeschritten, dafs es scJwn zahlreiche selb- 
ständige Katasterparzellen giebt, welche einen Flächeninhalt von unter einem 
Ar besitzen. „Der Gutseigentümer oder richtiger gesagt der Eigentümer 
von mehreren von einander durch Nachbargrundstücke getrennten Acker- und 
Wiesenländereien und Weinbergen pflegt von seinem Rechte, durch letztwillige 
Verfügung oder bei Lebzeiten einem der Erbberechtigten seine Liegenschaften 

zu übertragen, überhaupt nicht Gebrauch zu machen Bei der Losbildung 

kommt es nicht darauf an, dafs jedes Los möglich diejenigen Grundstücke zu- 
gewiesen erhält, welche nebeneinander grenzen; es wird vielmehr lediglich da- 
rauf Gewicht gelegt, dafs die Lose im Werte möglichst mit einander überein- 
stimmen. Läfst sich dies nicht mit den vorhandenen Katasterparzellen erreichen, 
so wird die Vermessung und Teilung einzelner Grundstücke, namentlich wenn 
sie noch eine Gröfse von über 1 Morgen haben, durch das Katasteramt ver- 
anlafst. Bei den Weinbergen erfolgt diese Teilung nach sog. Zeilen, womit 
die fortlaufende Reihe von Weinstöcken bezeichnet wird, und zwar der- 
gestalt, dafs jeder Miterbe 3, 4 bis 10 Zeilen je nach der Gröfse und Güte 
des Weinbergs zugewiesen erhält. Bei jedem Lose werden einzelne Grund- 
stücke den Eltern oder dem noch lebenden zum lebenslänglichen Mefsbrauch 
— Aushalt — überwiesen, wenn nicht, wie dies auch, aber selten, geschieht, 
der Vater oder die Mutter — in diesen Fällen pflegt einer der Ehegatten 
bereits verstorben zu sein — ein Los zum Eigentum überwiesen erhält. 
Diese Aushalts- — Altenteils- — Grundstücke werden nach dem Tode der 

Eltern wiederum gleichmäfsig unter die Kinder, bezw. Erben verteilt 

Durch Testament oder Erbvertrag wird die Teilung niemals errichtet, nach 
Auskunft der hiesigen Notare sind die Beteiligten hierzu nicht zu bewegen. 
Ist die Teilung vollzogen, so pflegen die Kinder, welche sich nach einem 
anderen Orte verheiraten, die ihnen zugefallenen Grundstücke versteigern 
zu lassen, wodurch ein oder mehrere Lose gleich nach Teilung in fremde 



I. Die thatsäcklicke Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 65 

Hände und zwar vereinzelt übergehen Sind Kinder aus verschiedenen 

Ehen vorhanden und sind dadurch die Erbrechtsverhältnisse verwickelter 
Natur geworden, so ziehen die Beteiligten die Versteigerung der Grund- 
stücke der Natural-Teilung vor. Der Erlös dient in diesem Falle als Teilungs- 
masse. Diese fortwährenden Teilungen und Versteigerungen haben zur not- 
wendigen Folge gehabt, dafs im ganzen Bezirk die Zwergwirtschaft vor- 
herrscht und dafs in einer Gemeinde die Parzellierung einen so grofsen 
Umfang angenommen hat, dafs in der Katasterkarte eine Flurabteilung in 
dei)) Mafsstabe von 1 : 312 1 / 2 der natürlichen Länge hat gezeichnet iverden 
müssen, um die Übersichtlichkeit nicht zu beeinträchtigen. Bei zahlreichen 
anderen Fluren ist der im allgemeinen gewählte Mafsstab von 1 : 1250 oder 
von 1 : 1000 bereits zu klein." Dem Berichte sind zwei Abstandsverträge 
und ein Teilungsvertrag beigefügt. (Anhang IV — VI.) 

Im Amtsgerichtsbezirk Sobernheim geht die Teilung so weit, „dafs Par- 
zellen von ein paar Quadratmetern oder sogar einem einzigen Quadratmeter 
nicht zu den Seltenheiten gehören" Das Haus wird von einem Kinde über- 
nommen. „Den Eltern bezw. den unverheirateten Geschwistern bleiben dabei 
„der Sitz im Hause," d. h. Wohnungs- und Nutzungsrechte an bestimmten 
Zimmern und Gartenstücken vorbehalten. Die Geschwister bekommen ,ihr 
Hausgeld erst dann, wenn sie sich verheiraten oder ihren Sitz im Hause 
aufgeben. So bleibt allerdings das elterliche Haus der Mittelpunkt der 
Familie; sogar ausgewanderte Kinder haben meist noch ihr Zimmer daselbst. 
Im übrigen ist aber das Streben, den Grundbesitz der Familie oder in der 
Hand eines leistungsfähigen Übernehmers zu erhalten, liier unbekannt: Das 
Grundeigentum hat, was Veräufserlichkeit und Umschlag anbelangt, ganz 
den Charakter des Mobiliars; ein Unterschied zwischen ererbten und nicht 
ererbten Besitz wird dabei nicht gemacht. In sehr seltenen Fällen kauft ein 
Kind einem seiner Geschwister das ganze Los ab, z. B. wenn ein Bruder aus- 
wandert oder eine Schwester sich nach auswärts verheiratet. Es wird aber 
alsdann der volle Verkaufswert für das Los bezahlt. Unter hundert Fällen 
tvird kaum einmal darauf Geivicht gelegt, dafs der Erwerber von Grund- 
stücken ohne Schwierigkeiten den Kaufpreis bezahlen und das „Gut" behalten 
kann." 

Im Amtsgerichtsbezirke Kim stuft sich der ländliche Grundbesitz von 
recht ansehnlichen Wirtschaften bis zu ganz kleinen Betrieben allmählich 
ab. Der Übergang des Grundeigentums ist jedoch durchgängig der im Kreis 
gebräuchliche. „Welches Kind das Haus bekommt, hängt ganz von den be- 
sonderen Familienverhältnissen ab. Eine bestimmte Regel besteht dafür 
nicht. Wenn auch im allgemeinen der erste sich verheiratende Sohn den 
Vorzug hat, so sind die Fälle, dafs einer Tochter das Haus übertragen wird, 
nicht selten, besonders wenn die Eltern das Bedürfnis zur Abgabe der Wirt- 
schaft fühlen, ehe ein Sohn zur Übernahme geeignet ist oder wenn die 
Söhne günstige Verheiratungen in ein anderes Haus oder eine andere Ort- 
schaft in Aussicht haben. Die Übertragung des Hauses geschieht meistens 
in der Form von Kaufverträgen, öfters gelegentlich des Abschlusses von Ehe- 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. O 



(5(3 I. Oberlandesgericktsbezirk Köln. 

vertragen, selten in der Form von Schenkungen. Vielfach wirkt die Braut 
oder der Bräutigam des erwerbenden Teiles mit, um Miteigentümer zu 
werden Der Preis der übertragenen Gegenstände tvlrd sehr niedrig be- 
messen, in der Regel die Hälfte des wahren Wertes. Ton der Schwere der 
sonstigen oben erwähnten Lasten hängt es in erster Linie ab, ob der Er- 
werber bestehen kann. Dieselben sind, wenn sie von den Berechtigten ganz 
ausgenutzt werden, oft sehr drückende. Bei gutem Einvernehmen zwischen 
den Eltern und dem erwerbenden Kinde sind aber andererseits recht er- 
hebliche Vorteile damit verbunden, indem, wenn die Eltern, was alsdann 
die Regel, in die Haushaltung des Kindes eintreten, die Erträgnisse der 
zurückbehaltenen Ländereien in diese Haushaltung fliefsen und aufserdem 
die Arbeitskräfte der Eltern derselben zu gute kommen. Im allgemeinen 
wird deshalb auch das Kind, welches das Hans bekommt, als das begünstigte 
angesehen. Trotzdem kommen Anfechtungen solcher Verträge, auch wenn 
sie nicht aussichtslos erscheinen, verhältnismäfsig selten vor, während Be- 
günstigung einzelner Kinder bei der Verteilung des übrigen Grundbesitzes, 
selbst wenn sie in unanfechtbarer Weise stattgefunden hat, von den übrigen 
stets schwer empfunden wird und zu den heftigsten Familienfeind schaffen 

Anlafs giebt Einen Teil der Lose behalten sich die Eltern als sog. 

Aufsenhalt vor, dessen rechtliche Bedeutung früher, als die Übertragung lediglich 
mittelst privater Loszettel erfolgte, sehr zweifelhaft war, da die Beteiligten 
sich gar keine Rechenschaft darüber gaben, ob die Eltern über die Aufsen- 
haltsgrundstücke fernerhin und der eine Elternteil nach dem Tode des 
anderen auch über dessen darunter befindliche Sondergutsgrundstücke frei 
zu verfügen — insbesondere, wie der gebräuchliche Ausdruck ist, „sie zu 
verleben" — berechtigt sein oder nur die Nutzniefsung an denselben haben 
sollten, während jetzt in den notariellen Verträgen der Aushalt als lebens- 
längliche Nutzniefsung begründet wird Wenn ein Teil der Geschwister 

weit entfernt, besonders im Ausland wohnt, wird, besonders wenn nur 

wenige Kinder vorhanden sind, den im Orte verbleibenden der ganze Grund- 
besitz gegen eine dann meist niedrig bemessene Herauszahlung an die Aus- 
wärtigen übertragen, oder es wird der elterliche Grundbesitz (wenn möglich 
mit Ausnahme des Hauses, welches, wie oben angegeben, übertragen wird) 
versteigert und den am Orte verbleibenden Kindern überlassen, nach Kräften 
in der Versteigerung für sich zu erwerben. Die Liebhaber unter den Kindern 
w erden hierbei vielfach dadurch begünstigt, dafs die anderen Liebhaber im 
Interesse des betreffenden Kindes nicht weiter mitbieten." 

Auch im Kreis Meisenheim ist die Erbsitte die gleiche. „Bisher war 
es üblich, dafs der Vater bei Lebzeiten beider Eltern die Verteilung der 
einzelnen Parzellen sowie namentlich den Teil des Ausbehaltes durch notariellen 
Akt festsetzte. Nach Ansicht des Justizrats K, der mehr als dreifsig Jahre 
als Notar im hiesigen Kreise thätig gewesen ist, dürfte sich die Bevölkerung 
durch die Einführung des Grundbuchs von solchen notariellen Festsetzungen 
mehr abhalten lassen, weil die Kosten der Grundbuchübertragung hinzu 
kommen. Die Verteilung durch notariellen Üb ergäbe vertrag geschieht fast 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 67 

ohne Ausnahme zu gleichen Teilen und zwar meistens derart, dafs die schon 
vorhandenen kleinen Parzellen nochmals sämtlich in so viel Teile zer- 
schnitten werden als Erbberechtigte vorhanden sind. Gröfsere Güter sind 
im Kreise nicht vorhanden. Einen Hof von 37 ha, der zu den gröfsten 
Betrieben des Kreises gehörte, hat der Vater bis auf 5 ha Wald durch 
Testament, kurz vor seinem Tode errichtet, seinen beiden noch unverheirateten 
Söhnen hinterlassen. Die übrigen 6 Kinder oder deren Erben sind aus dem 
vorhandenen Kapitalvermögen und mit der testamentarisch festgestellten 
Summe abgefunden worden, welche die im Besitz gebliebenen Söhne in be- 
stimmten Raten zu zahlen verpflichtet worden sind. Im Grundbuch ist jedem 
der beiden Söhne die Hälfte des Hauses und nahezu 16 ha Acker und 
Wiesen zugeschrieben worden, während der Wald als gemeinschaftlicher 
Besitz den Erben ungeteilt verblieben ist. Es ist dieser Hof indessen so 
belegen, dafs eine Parzellierung desselben für keinen Erbberechtigten Vorteil 
gehabt hätte." (Landrat von Meisenheim.) — 

Der Regierungsbezirk Trier weist keinerlei Abweichungen von der 
Vererb ungssitte des rheinischen Gebirgslandes auf; nur im Westen kommt 
noch gemeinsame Wirtschaft der Geschwister vor. 

Von den einzelnen Kreisen ist zu bemerken: 

Trüb sieht es im Kreise Prüm aus. Der Landrat teilt als Resultat 
seiner Erkundigungen mit, es habe sich nur bestätigt, was allgemein be- 
kannt sei, nämlich „dafs Verfügungen unter Lebenden und von Todes 
wegen, durch die die Intestaterbfolge zu gunsten der Erhaltung eines 
leistungsfähigen Grundbesitzes abgeändert wird, schlechterdings überhaupt 
nicht vorkommen. Bei der ausgeprägt individualistischen, dem Gemein- 
sinn in allen Formen und Graden entgegengesetzten Auffassungs- und 
Empfindung siv eise der hiesigen bäuerlichen Bevölkerung überwiegt in jedem 
einzelnen Falle die Rücksicht auf die persönlichen Interessen der einzelnen 
Erbanwärter jede andere weitaus. Der hiesige Bauer, bei dem infolge der 
allgemeinen Dürftigkeit und Unzulänglichkeit der Verhältnisse die gewöhn- 
liche kleinbäuerliche Kleinlichkeit und eigensüchtige Beschränktheit der Auf- 
fassungsweise auf einen charakteristisch hohen Grad gesteigert ist, besitzt 
nicht thatkräftigen Standes- oder Familiensinn genug, um irgendwelche Opfer 
eines oder mehrerer Erbbeteiligten zu gunsten eines Anerben als gerecht- 
fertigt oder notwendig zu begreifen. Man beklagt wohl die Folgen der 
Grundbesitzzersplitterung, hält diese aber für etwas um der notwendigen 
Gerechtigkeit und Billigkeit willen Unvermeidliches und ergiebt sich mit 
gewohnter Passivität in dieselben. Die ihrem Umfange nach nicht sehr be- 
langreichen Gegenwirkungen gegen das Fortschreiten der Zersplitterung liegen 
aufserhalb des Bereiches der Erbfolge. Die umfangreichste ist die durch 
Beirat hervorgerufene; daneben kommt Aufkauf durch den das Haus über- 
nehmenden Bruder in Betracht. Endlich findet sich auch hier und da der 
Gebrauch, dafs mehrere Geschivister nach vorgenommener realer Teilung in 
einem Hause zusammen bleiben und gemeinsam wirtschaften. Gewöhnlich 
ist dann nur ein Bruder verheiratet und das Erbe der anderen Geschwister 



(33 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

fällt wieder an dessen Kinder." Die übrigen Berichte ans dem Kreise ent- 
halten nichts Abweichendes. Wenn ein kinderloser alter Mann, der bisher 
die Ackerwirtschaft allein führte, sie an einen jungen Mann — Bruderssohn 
oder irgend einen Fremden — mit der Auflage des lebenslänglichen Unter- 
halts im mitveräufserten Haus verschenkt oder verkauft, so sagt man:. „Der 
alte Mann setzt sich zu dem Jungen", „er macht Beisatz" (Notar in Wax- 
iceilcr). Der Amtsrichter von Dann weist darauf hin, dafs die herrschende 
Drei- oder Vierfeld er Wirtschaft die Berücksichtigung der einzelnen Flur- 
abteilungen bei Verteilung der Massegrund stücke auf die einzelnen Lose 
erheische. Bei der Hausübertragung entspreche der Kaufpreis und die 
sonstigen vom Verkäufer übernommenen Lasten dem Werte des Kaufobjekts; 
doch sei der Erwerber des Hauses insofern vor den anderen Erben 
begünstigt, als die letzteren erst die Gelegenheit zum Erwerb der erforder- 
lichen Gebäulichkeiten abwarten müfsten und hierdurch verhindert seien, 
einen selbständigen landwirtschaftlichen Betrieb zu unternehmen. Im Amts- 
gerichtsbezirk Hillcsheim kommt nach Aussage des Notars das Intestaterbrecht 
nur in den seltensten Fällen zur Anwendung. Das Grundeigentum wird 
— vom Haus abgesehen — stets von den Eltern zu ihren Lebzeiten unter 
die Kinder mit Vorbehalt des Niefsbrauchs verteilt; kinderlose Grundbesitzer 
setzen in der Regel eines ihrer Geschwister, in dessen Haushalt sie Wohnung 
und Beköstigung finden, zum Universalerben ein. 

Eine Übertragung des Vermögens an die Kinder unter Lebenden findet 
im Kreise Bitburg nach Bericht des Landrats in vielen Fällen, wenn nicht 
in der Regel, nur dann statt, wenn die Eltern der Schulden nicht mehr 
Herr zu werden vermögen und durch die Teilung die Aktiva und Passiva 
auf die Kinder übertragen werden. „Im hiesigen Gerichtsbezirk (Amtsgericht 
Bitburg) befindet sich der Grundbesitz mit geringen Ausnahmen in den 
Händen der Bauern. Grofsgrundbesitze sind nur wenige vorhanden; sie 
erreichen alle keinen erheblichen Umfang und sind dem Kleingrundbesitz 
insofern gleich, als die Zersplitterung der einzelnen Grundstücke im Verhältnis 
zu anderen Bezirken eine aufsergewöhnlich starke ist." Beim kleinen Grund- 
besitz erfolgt stets Realteilung jeder einzelnen Parzelle. „Dieser Standpunkt, 
der in gewissem Mafse auf das Gefühl der Eifersucht der einzelnen Inter- 
essenten gegen einander zurückzuführen ist und dann wegen der grofsen wirt- 
schaftlichen Nachteile, die er im Gefolge hat, entschieden verwerflich er- 
scheint gegenüber der Möglichkeit, durcli Austausch der einzelnen Grund- 
stücke dem Werte nach diese in ihrem bisherigen Umfange zu bewahren, 
hat seinen Grund vermutlich darin, dafs wegen der wenig guten Beschaffen- 
heit des Bodens die Bewirtschaftung desselben durchweg nach den Grund- 
sätzen der Dreifelderwirtschaft erfolgt und jeder Teilende deshalb in jeder Flur 
der Gemarkung eine Anzahl Grundstücke besitzen mufs, um wirtschaften zu 
können." Beim Grofsgrundbesitz wird das Gut an. Einen verkauft, der dann ver- 
pflichtet ist, den Geschwistern ihre Anteile in Geld auszukehren. Eine Be- 
vorzugung des Übernehmers findet nicht statt. Ist letzterer nicht aus sich selbst, 
z. B. durch Heirat, leistungsfähig, so tritt Naturalteilung ein. Umgekehrt konstatiert 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. (39 

der Amtsrichter von Neuerburg ; es komme vor, dafs kleinere Leute ihr 
Besitztum an eines der Kinder gegen die Verpflichtung verkaufen, sie lebens- 
länglich zu alimentieren und nach ihrem Tode an jedes der übrigen Kinder 
einen bestimmten Geldbetrag zu zahlen. Ebenso ist die Hausübergabe häufig. 
„Die Obergabe der Gebäulichkeiten mit Bering erfolgt in den in Rede 
stellenden Fällen unter derartigen Bedingungen, dafs sie sich kaum noch 
als Begünstigung des betreffenden Kindes darstellt. Besonders zu bemerken 
ist hier noch, dafs die Eltern es sehr häufig vorziehen, eine Tochter in ihr 
Haus einzuheiraten und auf diese und ihren Bräutigam oder ihren Mann 
die Gebäulichkeiten zu übertragen. Der Grund ist der, dafs erfahrungsmäfsig 
die Eltern, insbesondere die Mutter, mit der Tochter und ihrem Manne 
besser zurecht kommt, der häusliche Friede dann besser gewahrt ist als 

wenn ein Sohn einheiratet In sehr vielen Fällen, ich glaube behaupten 

zu dürfen, in der Regel, treten die Eltern ihr ganzes Vermögen an ihre 
sämtlichen Kinder unter Lebenden nur dann ab, wenn sie sehr verschuldet, 
so verschuldet sind, dafs sie sich nicht mehr zu helfen wissen, aber hoffen, 
dafs die Kinder, welche die Schulden dann als persönliche Schulden über- 
nehmen, derselben, jeder zu seinem Teil, werden Herr werden." 

Im Kreise Wittlieh tvird ebenfalls jede Parzelle geteilt. „Hierdurch 
wird die grofse Zersplitterung des Grundbesitzes hervorgerufen, welche wie 
ein Krebsschaden der gedeihlichen Entwickelung der Verhältnisse des kleineren 
Grundbesitzes anhaftet. In wenigen Gemeinden macht sich insofern wenig- 
stens ein kleiner Fortschritt zum Besseren bemerkbar, als der gesamte 
hinterlassene Grundbesitz nach der Bonität unter die Erben verteilt wird, 
ohne dafs eine Teilung der einzelnen Trennstücke vorgenommen wird. Die- 
jenigen Erben, welche nicht zugleich auch im Besitze eines eignen Wohn- 
hauses mit Okonomiegebäude sind (etwa durch Verheiratung), lassen ge- 
ivöhnlich den ihnen zufallenden Grundbesitz im Wege des Meistgebotes 
versteigern. In einzelnen Gemeinden, z. B. in Bengel, Sehlem, soll es vor- 
kommen, dafs die mit einem derartigen die Ernährung einer Familie nicht 
gewährleistenden Grundbesitze bedachten Erben zunächst in die Industrie- 
gegenden ziehen und nach etwa zehn Jahren von dort zurückkehren, um 
sich von dem ersparten Gelde ein Haus zu erwerben und ihren Grund- 
besitz bei sich bietender Gelegenheit, d. h. bei Versteigerungen, zu ver- 
gröfsern. Vielfach werden auch durch Verheiratung kleinere Erbteile zu 
einem leistungsfähigeren Besitze vereinigt. Der zur gemeinschaftlichen Erb- 
schaft gehörige Gebäudebesitz wird zwar in einzelnen Fällen einem Erben 
auf sein Erbteil angerechnet, gelangt jedoch meist ebenso wie der Land- 
besitz zur Versteigerung. Es soll freilich auch vorkommen, dafs von den 
Miterben zunächst der Versuch gemacht wird, ob sich einer der Erben mit 
dem Hause und dem ihm zugewiesenen bezw. von den anderen Erben ge- 
pachteten Grundbesitze auf der Stelle halten kann, und erst dann, wenn dies 
nicht gelingt, zur Versteigerung geschritten wird. Seltener sind die Fälle, 
dafs Geschwister einem verheirateten Bruder die Bewirtschaftung des ganzen 
zur Erbschaft gehörigen Grundbesitzes übertragen, in der Wirtschaft mit- 



70 I. Oberlandesgeriehtsbezirk Köln. 

arbeiten und mit Rücksicht auf die Erhaltung des Besitzes ledig bleiben. 
Das Bestreben, die Hinterlassenschaft in natura zu teilen, ist so tief in der 
Bevölkerung eingewurzelt, dafs man sogar, wenn dies irgend möglich, auch 
die Gebäude in 2 Hälften teilt. Der hiesige, seit 25 Jahren hier ansässige 
Notar versichert mir, dafs er sich nur dreier Fälle entsinne, in denen eine 
Aufteilung nicht stattgefunden hat und der Grundbesitz bei mehreren gleich- 
berechtigten Erben geschlossen in einer Hand bezw. unter einer einheit- 
lichen Bewirtschaftung geblieben ist. In zwei Fällen handelt es sich um 
nach hiesigen Verhältnissen gröfsere Besitzungen (die Güter Kirchhof und 
Dierfeld); im dritten Falle wurde der Besitz (Gut Haardt) nur deshalb von 
einem Erben übernommen, weil sich keine geeigneten Käufer gefunden 
hatten. ... Es soll vorkommen, dafs Kinder mit Einwilligung der Altsitzer 
die ihnen zufallende Altenteil squote schon bei deren Lebzeiten versteigern 
lassen und statt dessen eine Rente mit dem Altsitzer vereinbaren." (Land- 
rat in Wittlich.) 

Seit dem 1. Juli 1885 hat der eine der beiden Notare zu Bernkastei 
(die Praxis des zweiten Notars weicht nach Umfang und Inhalt nicht wesent- 
lich hiervon ab) aufgenommen: 62 Alimentationsakte, bei denen Immobilien 
gegen Alimentation hingegeben wurden; 355 notarielle und 122 eigen- 
händige Testamente; 2363 Immobiliar-Kauf- und Tauschverträge ; 971 Im- 
mobiliar-Yersteigerungen ; 193 Immobiliar-Schenkungen; 632 Immobiliar- 
Teilungen bezw. Teilungsverträge: 27 Erbschafts-Kaufverträge; 23 Eheverträge. 
Die letztwilligen Verfügungen enthalten nutzniefsliche Zuwendungen an den 
überlebenden Ehegatten, bei Uneinigkeit in der Familie die Verfügung über 
die disponible Quote, beim Mangel eigener Deszendenz und von Vorbehalts- 
erben die Ausschliefsung ausgewanderter oder mifsliebiger Seitenverwandten 
oder endlich die Teilung unter die Kinder für den Todesfall. „Die so aufser- 
ordentlich zahlreichen Immobiliarverkäufe und Versteigerungen, deren Zahl 
in Wirklichkeit die angegebene Ziffer noch übersteigt, weil der einzelne 
Akt vielfach mehrere Kaufgeschäfte enthält, beweisen, dafs der Eigentümer 
von Qrund und Boden in hiesiger Gegend flicht so sehr an der Scholle 
klebt oder in familiärer Rücksicht durchaus nicht so fest an seinem Grund- 
besitze hält, dafs er nur im Falle der Verschuldung oder einem anderen 
unvermeidlichen Zwange zu dessen Veräufserung zu schreiten sich ent- 
schliefsen könnte. Er geht im allgemeinen unschwer zur Veräufserung über. 
Haben z. B. die Eltern ihre Immobilien in Natur unter ihre Kinder ver- 
teilt und wohnen von letzterem bereits einige auswärts oder verziehen solche 
nach der Teilung, so versteigern und veräufsern sie sofort ihre Lose-Im- 
mobilien und die Eltern sind darüber nicht bekümmert. Kann eine Teilung 
füglich nicht in Natur bewirkt werden, so schreitet man zur Versteigerung, 
ohne dafs der Regel nach dadurch ein Beteiligter wehmütig gestimmt 
würde." (Amtsrichter von Bernkastei.) 

Im Amtsgerichtsbezirk Neumagen „pflegen Kinder, die an der Selbst- 
wirtschaft, z. B. durch Abwesenheit verhindert sind, ihr Los durch öffent- 
liche Versteigerung oder in neuerer Zeit auch, weil der Ertrag gröfser, 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 71 

durch freihändigen Verkauf an die Geschwister zu veräufsern." (Amts- 
richter von Neumagen.) In neuerer Zeit — seit wann ist nicht gesagt — 
soll es nach dem Notar in den Hunsrückdörfem auch vorkommen, dafs ein 
Kind, das sein Los nicht selbst bewirtschaften will oder kann, direkt mit 
Geld abgefunden wird. 

Der Landrat des Kreises Trier berichtet: „Die Gleichheit ist der erste 
Grundsatz und jeder Yerstofs dagegen würde als Ungerechtigkeit empfunden 
werden. Dieses starre und einseitige Gerechtigkeitsgefühl äufsert sich auch 
in der Art der Verteilung; auch die kleinsten Parzellen werden noch wieder 
in sich geteilt, nur damit der Grund und Boden, den der eine bekommt, 
sich möglichst wenig in der Güte von dem des anderen unterscheide." 

„Bei 80%) kann man wohl annehmen, aller Eigentumsübergänge von 
den Eltern auf die Kinder wird beim mittleren Grundbesitz das Grund- 
vermögen durch Schenkungs- und Teilungsvertrag übertragen. Den Anstofs 
zu diesen Verträgen giebt gewöhnlich die Heirat eines Kindes; denn bei 
der hiesigen Landbevölkerung kommt nicht leicht eine Ehe zu stände, wenn 
nicht jeder der Ehegatten ein dem Grundbesitze des anderen gleichwertiges 
Grundvermögen in die Ehe mitbringt. Seltener schon haben solche Teilungen 
ihren Grund darin, dafs die Eltern wegen hohen Alters oder wegen Krank- 
heit ihre Liegenschaften nicht mehr selbst bewirtschaften können 

Kleine Grundstücke, zumal wenn sie in der Nähe von Ortschaften liegen 
und sich zum Gemüsebau eignen, werden bis zur Gröfse von einem Ar und 

darunter parzelliert Die Eltern schenken zwar auch das Wohnhaus 

ihren gesamten Kindern und behalten sich bald an einigen bestimmt be- 
zeichneten Räumen des Hauses, bald an dem Hause schlechthin nach Orts- 
gebrauch ein Wohnungs- und Mitgebrauchsrecht vor. Die Kinder aber ver- 
kaufen ihre unabgeteilten Anteile an dem gemeinschaftlichen Hause an eines 
aus ihrer Mitte gegen eine nach dem Werte ihrer Anteile zu bemessende 
Entschädigung, wobei wiederum an dem Prinzip der Gleichberechtigung 
der Teilenden nach Mafsgabe der gesetzlichen Bestimmungen festgehalten 
wird." (Amtsrichter in Hermeskeil) 

Über die Erbsitte im Kreise Saarburg äufsert sich der Landrat: „Bei 
mit Kindern gesegneten Ehegatten gilt die volle Naturalteilung des Land- 
besitzes als selbstverständlich. Zur Ausführung derselben dient die Zer- 
stückelung der besseren, die Überweisung der geringwertigeren Parzellen, 
bei gröfserem Besitz auch die besondere Zuteilung der auf Nachbarbännen 
gelegenen Stücke. . . . Wohl ist es hierorts eine nicht zu verkennende Er- 
scheinung, dafs öfters Personen, um einem ihrer Gesehivister größere Wohl- 
habenheit, ausgedehnteren Grundbesitz und mehr wirtschaftliche Stärke zu 
verschaffen, zu diesem ausgesprochenen Zivecke ledig bleiben. Übrigens ist 
im Kreise Saarburg der Umsatz von Grundstücken ein so reger und in den 
meisten Distrikten bei mittelgünstigen Jahren der bessere landwirtschaftliche 
Betrieb noch ein so lohnender, dafs trotz stattgehabter Naturalteilung des 
elterlichen Vermögens die verheirateten Kinder durch Errungenschaft die 
Gröfse des elterlichen Besitzes meist wieder erreichen." Auch der Amts- 



72 I. Oberlandesgerichtsbesärk Köln. 

richter stellt fest, dafs vielfach die unverheirateten Geschwister, solange sie 
beim Hauserwerber wohnen, ihre Arbeitskraft und die Erträgnisse der ihnen 
bei der Naturalteilung zugefallenen, im übrigen mit denen des Hausbesitzers 
einheitlich bewirtschafteten Ackerparzellen letzteren gegen Empfang des 
Unterhaltes zur Verfügung stellen und dieses Verhältnis unter Verzicht auf 
die Ehe mitunter lebenslänglich fortsetzen. „Hierzu tritt, dafs die ver- 
heirateten Geschwister, welche ihrerseits anderwärts in ähnlicher Weise in 
ein Haus „eingeheiratet" haben, ihre Abfindungssumme häufig jahrelang dem 
betreffenden Geschwisterteil unverzinslich belassen. Hierdurch, teilweise auch 
durch spätes Heiraten oder Unverheiratetbleiben und Zusammenwohnen sämt- 
licher Geschwister, durch einfache Lebensweise sowie durch die Anteilnahme 
an den Nutzungen gemeinschaftlicher Holzungen, der sog. Gehöfersclutfts- 
ivaldungen, oder doch durch die Möglichkeit des Nebenverdienstes mittelst 
Tagelohnarbeiten in Wald und Weinberg wird der als Folge der gleichen 
Teilungen unter anderen Umständen eintretenden Verarmung vielfach ent- 
gegengewirkt." 

Aus dem Bericht des Amtsrichters zu Merzig, welch letzterer eine An- 
zahl Grundbesitzer aus den verschiedenen Gemeinden bei Gelegenheit der 
Vereidigung der Schiedsmänner befragt hat, ist hervorzuheben : „ . . . Selbst 
unter Ehegatten gilt es, von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen, als das 
Äufserste, wenn ein Ehegatte dem anderen die lebenslängliche Nutzniefsung 
am Nachlasse, soweit dies überhaupt gesetzlich zulässig ist, vermacht. Hin- 
zugefügt wird höchstens ein Anteil am Wohnhause, damit, wenn der Über- 
lebende hieran nicht mitbeteiligt ist, das Haus nicht ohne Mitwirkung des 
letzteren veräufsert werden kann. Jede weitergehende oder anderweitige 
Verfügung von Todes wegen gilt durchweg als ein Unrecht. So erklärte 
mir der Schiedsmann von Menningen, ein älterer, wohlhabender, unver- 
heirateter Ackerer auf Befragen, er würde nie ein Testament machen, durch 
Testamente werde nur Unheil gestiftet; sein Vermögen gehöre nach seinem 
Tode seinen beiden Brüdern und, wenn diese vor ihm verstürben, deren 
Kindern oder seinen sonstigen Verwandten. ... In den wohlhabenderen und 
rein ländlichen Gemeinden links der Saar wird durchgängig in natura ge- 
teilt. In den mehr oder minder von Bergleuten und Fabrikarbeitern be- 
wohnten Gemeinden rechts der Saar wird meist versteigert, auch von solchen, 
deren Eltern noch blofse Ackerer waren, da von den Kindern durchgängig 
der eine oder andere doch Fabrikarbeiter oder Bergmann geworden, bezw. 
einen solchen geheiratet hat. Ist in natura geteilt worden und will oder 
kann einer der Erben seinen Anteil nicht behalten, so läfst auch dieser ihn 
regelmäfsig versteigern. Den Miterben insbesondere Geschwistern bleibt es 
dabei überlassen, event. die ihnen passenden Grundstücke anzusteigern. 
Eine direkte Übertragung etwa durch Kauf oder Tausch an einen oder 
mehrere Miterben findet verhältnismäfsig selten statt. Eine solche wäre aber 
auch, wenn nicht gerade ein Tausch möglich ist, vielfach unpraktisch, weil 
dadurch der den Erbanteil des anderen übernehmende Erbe meist eine zu 
grofse Schuldenlast auf sich laden, auch bei der starken Parzellierung des 



I. Die ilmtsäcklieke Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 73 

Bezirkes vielfach Parzellen mitübernehmen müfste, welche für ihn und seine 
Wirtschaft nicht passen. Im übrigen habe ich 3 Fälle feststellen können, 
wo der elterliche Grundbesitz durch nachträglichen Tausch wieder zusammen- 
gebracht worden ist. In jedem Falle hatten zwei Geschwister aus einer Ge- 
meinde zwei Geschwister aus der andern geheiratet. Weitere Kinder waren 
nicht vorhanden. Ein Ehepaar übernahm dann den gesamten Grundbesitz 
in der einen, das andere übernahm ihn in der anderen Gemeinde. . . . Bei 
der Übertragung des Hauses behalten sich die überlebenden Eltern bezw. 
der überlebende Elternteil regelmäfsig das lebenslängliche „Mitbewohnungs- 
und Mitbenutzungsrecht" an dem ganzen Hause nebst Hausgarten, sowie „die 
Oberherrschaft im Hause" vor. Bestimmte Räume werden nur selten zur 
ausschliefslichen Benutzung bestimmt, meist ist dies auch wegen der Be- 
schränktheit der Zahl dei Räume überhaupt nicht möglich. . . . Anlangend 
die Art der Teilung im einzelnen, so ist hervorzuheben, dafs man in den 
rein ländlichen und wohlhabenderen Gemeinden links der Saar in den letzten 
Jahren die wirtschaftlichen Nachteile einer weitergehenden Parzellierung 
einsehen gelernt hat. Wie die Schiedsmänner von Mondorf, Silvingen und 
Wellingen mir ausdrücklich bestätigt haben, besteht hier zur Zeit das gegen- 
teilige Streben allgemein. In dieser Gegend sind deshalb jetzt schon die 
einzelnen Grundstücke durchgängig nicht kleiner als 17 bis 18 a, viele sind 
aber bedeutend gröfser, wenn sie vielleicht zur Zeit auch noch katastermäfsig 
aus mehreren Parzellen bestehen. In den Gemeinden rechts der Saar mit 
mehr oder minder industrieller Bevölkerung geht bezüglich der in der Nähe 
der Gemeinden liegenden Grundstücke die Parzellierung weiter. Die Berg- 
leute und Fabrikarbeiter steigern zu verhältnismäfsig hohen Preisen kleinere 
Parzellen nahe beim Dorfe, welche die Familie durch Anbau von Kartoffeln, 
Futter und Gemüse leicht ausnutzen kann. Die weiter abgelegenen Grund- 
stücke sind, wie sich namentlich in Vormundschaftssachen feststellen läfst, 
mangels genügender Nachfrage zur Zeit überhaupt nur schwer und jeden- 
falls nur für einen verhältnismäfsig geringen Preis zu veräufsern." 

Im Amtsgerichtsbezirk Wadern sind im Jahre 1892, das als einen 
richtigen Mafsstab bietend anzusehen sei, durch den dortigen Notar unter 
insgesamt 746 Urkunden 29 Testamente aufgenommen und 6 eigenhändige 
zu Depot genommen, 28 Schenkungsverträge, 16 Ehe- und 7 Alimentations- 
verträge, 17 Erbteilungen beurkundet und 20 Versteigerungen zwecks Teilung 
durchgeführt worden. Yon den Schenkungen und Teilungen wurden je 6 
gleichzeitig in demselben Akte beurkundet; diese Schenkungen betrafen den 
Grundbesitz des überlebenden Elternteils. Durch Testament wurde in 22 
Fällen zu gunsten des Ehegatten; in 6 Fällen zu gunsten von Seitenver- 
wandten und Taufpathen, in 1 Falle zu gunsten eines Stiefsohns, in 1 Falle 
zu gunsten der Kinder mit Bezug auf Grundstücke verfügt. Durch Schenkungs- 
vertrag wurde in 8 Fällen durch beide, in 6 Fällen durch den überlebenden 
der Elternteile die Schenkung des Grundvermögens an die Kinder bewirkt, 
in 1 Falle ein Kind im voraus bedacht und in 11 Fällen der Ehegatte, 
darunter in 7 Fällen auf den Todesfall. Alle Eheverträge enthalten Zu- 



74 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Wendungen an den Ehegatten, in 7 Fällen im Falle, dafs keine Kinder vor- 
handen sind. Die Zuwendungen an den Ehegatten beziehen sich in 27 Fällen 
auf Eigentum oder Nutzniefsung am Hause, in 18 Fällen auf den Freiteil 
des Yermögens, in 4 Fällen auf die Nutzniefsung an diesem. In 4 Fällen 
hat Mobiliarisierung des Hauses stattgefunden. Die Alimentationsverträge 
haben in 5 Fällen ein Haus zum Gegenstande. Alle Teilungsurkunden 
schaffen gleiche Lose für alle Beteiligten." Von Feststellung der Fälle der 
Hausverkäufe wurde abgesehen, weil es sich dabei nicht eigentlich um Ver- 
erbung von Grundbesitz handelt. 

Der Amtsgerichtsbezirk Saarlouis hat eine eingehende Schilderung 
durch den mit den Grundbuchangelegenheiten beschäftigten Amtsrichter und 
durch einen Notar erfahren. Beide teilen interessante Einzelheiten mit, ohne 
dafs sich das allgemeine, bereits vorstehend gezeichnete Bild veränderte. 
Aus dem Bericht des Amtsrichters sei erwähnt: „Der ländliche Grundbesitz 
im hiesigen Bezirke befindet sich, abgesehen von den fiskalischen und den 
Gemeindewaldungen und von wenigen grofsen Gütern hauptsächlich in den 
Händen einer zahlreichen Arbeiterbevölkerung (Berg-, Hütten- und Fabrik- 
arbeiter) und zahlreicher kleiner Bauern und zeichnet sich durch eine un- 
gewöhnlich weitgehende Zersplitterung aus. Auch in den Gegenden mit vor- 
wiegend ackerbautreibender Bevölkerung gelten Besitzungen von 10 ha als 
recht ansehnliche und müssen solche von 20 bis höchstens 25 ha zu sehr 
vereinzelten Erscheinungen gerechnet werden. Der Flächeninhalt des Be- 
zirks beträgt etwa 27 381 ha, welche Fläche in etwa 23 700 Artikel und 
158300 Parzellen zerfällt, so dafs auf den Artikel etwa 6 Parzellen und 
1,13 ha Fläche zu rechnen sind. Die Zersplitterung des kleinen Grund- 
besitzes wird noch augenfälliger, wenn von der Gesamtfläche die auf wenige 
Artikel verteilten grofsen Güter oder Waldungen (letztere umfassen im ganzen 
Kreise mit Lebach 1 ) über 9 500 ha) in Abzug gebracht werden Kinder- 
lose Eheleute vermachen sich gegenseitig ihren Nachlafs mitunter zum Eigen- 
tum, häufiger jedoch nur, anscheinend aus einer gewissen Scheu, das Intestat- 
erbrecht abzuändern, zum Niefsbrauch Auch wird in Befolgung des 

bezeichneten Grundsatzes nicht eine weitere Zert'eilung der vorhandenen, 
schon sehr Meinen Parzellen gescheut. So entstehen nicht selten manche 
Parzellchen, besonders von Wiesen oder Gärten, in einer Gröfse von weniger 

€>nn QQA 

als einem Ar. Z. B. Griesborn: Flur 1 Nr. — — — — , 16, 12, 12 bezw. 5 qm. 

Flur 2 Nr. ' . , 18, 39, 87, 84 bezw. 11 qm. Flur 3 Nr. — , 

™ u na at 989 , 991 . AO 1527 1528 . 1529 „■. 

79, bezw. 78 qm. Nr. — und _ je 48 qm. w , w und —, 71, 

424 425 315 

56 bezw. 68 qm. Flur 7 Nr. — -, — und — , 83, 83 bezw. 52 qm. Beders- 

1 ^ -m o at 868 U - 869 • on 766 A 767 ei u 70 

dorf Flur 2 Nr. — je 89 qm. ^ und — ^, 81 bezw. 79 qm. 



l ) dem anderen Amtsgerich tsbezirke des Kreises, 



I. Die tatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 75 

1201 u. 1202 n _ _•■ ßn 1093 u. 1094 K _ _ _ Q 1097 
— 96 bezw. 69 qm. — 57 bezw. 58 qm. -jgg-, 

-^ — 44, 23 bezw. 68 qm Es haben Urkunden vorgelegen, 

4:1)0 

in denen ein Grundbesitz von nicht ganz 3 ha unter 6, bezw. ein solcher 
von 1 y 2 ha unter 5 Erben geteilt wird. In einem Falle wurde die Teilung 
einer einzigen Parzelle unter noch mehr Erben beabsichtigt, deren Wert auf 
etwa 50 M geschätzt wurde. Vollkommen läfst sich die Teilung naturgemäfs 
nur durchführen bezüglich der Ländereien, während sie bezüglich der Ge- 
bäude in der Regel ausgeschlossen erscheint, es müfste denn sein, dafs die 
Gebäude durch isolierte Lage und besondere Bauart die selbständige Ver- 
wertung für mehrere Wirtschaften zuliefsen, und dafs die Zahl der Erben 
eine kleine sei. Es sind demnach auch nur verschwindend wenige Teilungen 
bekannt geworden, bei denen eine nahezu gleichmäfsige Verteilung der Ge- 
bäude verlangt wird Bei den ganz kleinen, im wesentlichen nur aus 

einem Hause nebst Zubehör bestehenden Besitzungen der Bergleute oder Fabrik- 
arbeiter verbietet sich die Naturalteilung naturgemäfs von selbst. Hier pflegt 
bei hohem Alter der Eltern oder nach dem Tode derselben Verkauf oder Ver- 
steigerung stattzufinden. . . . Gleichwohl findet die fortschreitende Zersplitterung 
thatsächlich ihre Grenzen. Zwar kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs 
die beständigen Teilungen die Auflösung der vielen aus früherer Zeit stammen- 
den grofseren geschlossenen Höfe, von deren einstigem Bestehen nur noch 
die Namen und Teile grofser Wirtschaftsgebäude Zeugen sind, wesentlich 
erleichtert hat. Andere Ursachen wirtschaftlicher und politischer Art haben 
aber einen nicht minder grofsen Anteil an dieser Erscheinung. So sind 
viele alte französische Familien nach Frankreich zurückgewandert und haben 
das persönliche Interesse für ihre hiesigen Besitzungen verloren. Noch dieser 
Tage kommen die Reste eines einst grofseren Gutes, dessen Eigentümer in 
Frankreich wohnen, zur öffentlichen Versteigerung. Die wenig günstigen 
Verhältnisse, unter denen die Landwirtschaft seit längerer Zeit mehr oder 
minder zu leiden hat, haben manchen Landwirt zurückgebracht und den im 
hiesigen Bezirke bis vo*r einigen Jahren sehr schwunghaften Handel mit 
Grundstücken gefördert. Ferner drängt die Zunahme der Bevölkerung und 
der Haushaltungen naturgemäfs ebenfalls auf eine Vermehrung der Be- 
sitzungen und damit auf eine Verkleinerung der einzelnen Besitzungen hin. 
Nach vorliegenden statistischen Nachweisen bestand die ländliche Bevölkerung 
im ganzen Kreise (mit Lebach) im Jahre 1861 aus 53876 Seelen, die länd- 
lichen Haushaltungen beliefen sich auf 11505. Im Jahre 1890 betrugen die 
entsprechenden Zahlen 68657 bezw. 13404. Auch seitens der Erben ist 
unverkennbar das Streben zu bemerken, nach durchgeführter Teilung ihren 
Grundbesitz zu vermehren. Bei diesem Bestreben finden sie durch ver- 
schiedene Umstände erhebliche Unterstützung. So bieten die Versteigerungen, 
welche zur Verwertung der Lose ausgewanderter oder sonst dem Ackerbau 
entfremdeter Miterben oder zum Zwecke der Teilung kleiner Erbschaften 
oder aus anderen Gründen in aufs erordentlich grofser Zahl vorgenommen 



76 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

werden, günstige Gelegenheit, den Grandbesitz abzurunden und zu erweitern. 
Namentlich pflegt der Erbe die nur zwecks gleichmäfsiger Losbildung ab- 
getrennten Teilparzellen seiner Miterben zu seinen Teilen wieder hinzuzu- 
erwerben, was ihm verhältnismäfsig leicht fällt, da solche Parzellen häufig 
wirtschaftlich mit seinen Teilen zusammengehören und für Dritte geringen 
Wert haben. Das Erbgut der Ehefrau wird zu dem Besitze des Mannes 
geschlagen oder, falls es auf entferntem Banne liegt, versteigert, um den 
Erlös zum Ankaufe günstig gelegener Parzellen zu verwenden. Man trifft 
deshalb selbst unter der Arbeiterbevölkerung Leute mit ansehnlichem Besitz- 
stände und sieht gelegentlich ansehnliche Besitzungen von neuem entstehen. 
Bei der ausschliefslich auf die Ackerwirtschaft angewiesenen Bevölkerung 
wirkt ferner besonders der beachtenswerte Umstand auf die Wiedervereinigung 
der geteilten Parzellen in einer Hand hin, dafs auffallend viel Leute ledig 
bleiben. Von 4 und mehr Geschwistern entschliefst sich häufig nur eines 
zur Eingehung einer Ehe, während unter der Arbeiterbevölkerung ledige 
heiratsfähige Personen wohl wenig zu finden sind. Ich glaube zwar nicht, 
dafs diese Erscheinung in einem bewufsten Streben, die Grundstücke in 
einer Hand oder doch in der Familie zusammenzuhalten, seinen Grund hat. 
Es wird vielmehr die wohl nicht unbegründete Besorgnis wirksam sein, dafs 
ein zu kleines Gut nicht ausreicht, einer gröfseren Familie einen sorgen- 
freien Lebensunterhalt zu verschaffen. Thatsächlich kommt auf diese Weise 
das geteilte Gut nach Ableben der Geschwister in die Hand des verheirateten 
Bruders oder der Schwester bezw. deren Erben schon im Wege der Intestat- 
erbfolge tvieder zusammen. Häufig wird dies Ergebnis durch Testamente, 
Schenkungen unter Lebenden oder Alimentationsverträge noch absichtlich 
vorbereitet oder beschleunigt. Aber auch derartige Verfügungen wollen in 
der Regel Abänderungen des Intestaterbrechts nicht bewirken. Häufig wird 
den ledigen Kindern, wie bereits gesagt, das Haus nebst Wirtschaftsgebäuden 
zusammen vermacht, und fuhren dieselben alsdann zusammen auch bezüg- 
lich der geteilten Grundstücke eine gemeinschaftliche Wirtschaft. Dafs die 
Landwirtschaft unter dem durch die Teilungen herbeigeführten Zustande 
besonders zu leiden habe, läfst sich im allgemeinen nicht sagen. Die Be- 
sitzer der kleinen Höfe sind in der.Lage, denselben fast ausschliefslich allein 
oder mit Hilfe ihrer Angehörigen zu bestellen und finden dabei ihr be- 
scheidenes Auskommen, während die Rentabilität gröfserer Höfe, deren Be- 
wirtschaftung ständige Verwendung fremder teurer Arbeitskräfte erfordert, 
leicht in Frage gestellt w r ircl. Auch läfst sich zur Zeit der durch keine 
Abfindung belastete kleine Grundbesitz eher lastenfrei erhalten. In der 
That ist die Belastung durch Hypotheken besonders in den Gegenden mit 
ackerbautreibender Bevölkerung durchweg eine verhältnismäfsig unbedeutende. 
Gegen die Eigentümer in der Gemeinde Fremmersdorf (715 ha oder nach 
Abzug des Gutes 357 ha in etwa 290 Artikeln) sind z. B. bei Anlegung des 
Grundbuchs nicht mehr als 87 Hypotheken (meistens Kaufpreisprivilegien) 
in Höhe von zusammen 53 000 M festgestellt. Seitens des Hypothekenamtes 
waren 250 ermittelt. Für die Gemeinde Düren (256 ha, 198 Artikel) sind 



I. Die tatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 77 

dort nu/r 77 Hypotheken ermittelt. Von denselben werden kaum noch 30 
existieren und demnächst in das Grundbuch aufzunehmen sein. Die Ge- 
meinde Eimersdorf, 317 ha grofs mit etwa 240 Artikeln, ist mit 38 Hypo- 
theken im Gesamtwert von 40000 M belastet. Eine der Hypotheken beträgt 
13000 M." „Wenn ein einzelnes Kind aus der Gegend ausgewandert ist, 
wenn ein Kind ins Kloster geht, wenn ein einzelnes Kind einen Beruf er- 
wählt hat, bei dem die Ausübung der Landwirtschaft ausgeschlossen ist, 
so würde es sicherlich nahe liegen, dafs die Eltern unter die übrigen Kinder 
das Land verteilen und dieselben zu einer Zahlung an jenes Kind veran- 
lafsten. Dies geschieht aber nicht, sondern auch jenes Kind erhält sein Los 
in Natur. Durch Akt vom 6. August 1892 Nr. 3430 Rep. verteilt ein Grund- 
besitzer seinen 24 ha grofsen Besitz, 118 Parzellen in 3 Losen an seine 
Kinder; ein Sohn, der Regierungssekretär in Elsafs ist, erhält sein Los in 
Natur. Durch Akt vom 20. Juli 1894 Nr. 5613 Rep. verteilt ein Grund- 
besitzer seinen 11 ha grofsen Besitz, 117 Parzellen, in 6 Losen unter seine 
Kinder; ein Sohn in Amerika und eine im Kloster befindliche Tochter er- 
halten jede ihr Los in Natur. Die Verwertung des Loses bleibt dem be- 
treffenden Kinde selbst überlassen 

Durch Akt vom 17./7. 1892 Nr. 3369 werden 23 ha (66 Parz.) in 4 Losen 
„ „ 16./12. 1892 „ 3797 ,. 

„ „ „ 7./11. 1892 „ . 3672 ,, 

„ „ „ 13./9. 1891 „ 2555 „ 
„ „ 27./3. 1894 „ 5243 „ 

„ „ „ 7./8. 1892 „ 3439 „ 
verteilt. 11. Weiter führt der Notar, dessen Bericht die vorstehenden Mit- 
teilungen entnommen sind, aus, dafs der Besitz der Berg- und Fabrikarbeiter 
bei der Erbteilung versteigert werde, weil er zur Naturalteilung zu klein 
sei. Immerhin brächten es fleifsige Leute unter diesen zu einem ansehn- 
lichen Eigentum. Z. B. teilen durch Akt vom 17. Mai 1893 Rep. Nr. 4298 
Kinder eines Bergmannes in Hostenbach 4 ha Land (30 Parzellen) in 5 Lose. 
Ebenso führt er Beispiele für die gemeinsame Übernahme eines Gutes durch 
ledige Geschtuister an, die dann durch letztwillige Verfügungen unter Lebenden 
Alimentations vertrage und dergleichen den Besitz in die Hand des ver- 
heirateten Bruders oder der verheirateten Schwester überleiten. 

Auch der Landrat von Saarbrüchen hat beobachtet, dafs von den 
erbenden Geschwistern nur der eine Bruder heiratet, die anderen aber sich 
in dessen Haushalt aufnehmen und verpflegen lassen, indem sie als Gegen- 
leistung dem Verheirateten ihren Anteil an den Länclereien überlassen und 
bei der Bewirtschaftung mitarbeiten. Der Amtsrichter macht darauf auf- 
merksam, dafs die durch die hügelige Bodengestaltung und aufserordentliche 
Verschiedenheit der Bodenqualität, wobei der Wert pro Hektar von 5 bis 
5000 M wechsele, bedingte Art des Landwirtschaftsbetriebs eine fast un- 
begrenzte Teilung des Bodens ohne Erschwerung oder Verteuerung der Be- 
wirtschaftung ermögliche. 

Der Landrat von Ottweiler hat versucht, festzustellen, wie häufig der 



15 „ (150 


,, ) 


11 


5 


13 „ (80 


„ ) 


11 


8 


8 „ (00 


„ ) 


11 


2 


4 „ (25 


„ ) 


11 


7 


IVi » (9 


» ) 


11 


5 



78 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

sogenannte Altanteil der gleichmäfsigen Verteilung des Grund und Bodens 
unter die Kinder vorangeht. Innerhalb der letzten 10 Jahre waren zu ver- 
zeichnen 

in den Gemeinden Intestaterbfälle Anteilsvorbehalte 

Bubach Calmesweiler ... 14 13 

Fürth 13 13 

Wellesweiler 6 5 

Hirzweiler 5 5 

Drei Verträge, durch welche solche Altanteile vorbehalten zu werden 
pflegen und der Eigentums üb ergang des Grund und Bodens auf die Kinder 
sich vollzieht, sind beigefügt. (Anhang VII — IX.) Im Amtsgerichtsbezirk 
Tholey sind nur 2 Fälle bekannt, in denen die Naturalteilung nicht ein- 
getreten ist: „1. das von BusEGG'sche Gut bei Calmersweiler. Dasselbe ge- 
hört einer pfälzischen Familie und hat sich bis jetzt geschlossen fortgeerbt. 
Nähere Einzelheiten sind nicht bekannt geworden. 2. Der etwa 100 ha 
grofse Schaumbergerhof auf der Höhe des Schaumberges. Derselbe be- 
findet sich seit der Säkularisation im Besitz der Familie Scheid. Durch 
Testamente, Verträge und Verzichte sind bis jetzt Zerstückelungen vermieden 
worden. Der Hof befindet sich augenblicklich ungeteilt im Besitze zweier 
Familien bezw. Stämme, den Nachkommen des ersten Besitzers/' 

Aus dem Kreise St. Wendel ist Besonderes nicht zu bemerken. 

Überblickt man die Berichte aus dem Gebiete der Realteilung, so er- 
giebt sich zunächst nur, dafs sich der Übergang des Grundeigentums im 
Erbfalle keineswegs in einheitlicher Weise vollzieht. 

Die gröfsten Verschiedenheiten — und zwar ohne dafs sich eine ört- 
liche Gleichheit oder meist auch nur ein Grund entdecken liefse — zeigen 
sich bereits in Bezug auf den Zeitpunkt des Übergangs. Es wäre von 
grofsem Interesse, festzustellen, wann und wo der Tod beider Eltern, der 
Tod des Vaters, die Altersschwäche der Eltern, das Sei bstäncligw erden eines 
Kindes (etwa durch Heirat) oder irgend ein anderes Ereignis ausschlag- 
gebend für den Zeitpunkt des Übergangs ist. Unser Material befähigt uns 
dazu nicht; doch scheint es, als ob der Wille des Einzelnen in dieser Be- 
ziehung noch oder schon gänzlich unbeeinflufst von der Sitte wäre. Viel- 
leicht schon und noch; die alte Sitte ist geschwunden, die neue noch nicht 
da. Die Revolution der Siedelungs- und Wirtschafts Verhältnisse, die die 
Entwickelung der Industrie und der Verkehrsmittel notwendig zur Folge 
hatte, ist noch nicht zum Abschlufs gekommen, die Bevölkerung fluktuiert 
noch so stark, die Erwerbsgelegenheiten sind für den Einzelnen noch so 
sehr von Zufälligkeiten bedingt, dafs eine feste Sitte hemmend wirken würde. 

Wenn die Eltern oder der überlebende Elternteil ihr Gut abgeben, 
müssen sie einen Vorbehalt zu ihren Gunsten machen. Die Art dieses Vor- 
behalts ist ebenfalls äufserst verschieden. Geld oder Verpflegung, ein Los 
oder Anteil an allen Losen, das Haus und die daran grenzenden Wiesen- 
stücke, das alles kommt vor, auch in Kombination. 



I. Die thatsächliche Erbfolge. C. Gebiet der Realteilung. 79 

Die Auseinandersetzung unter den Erben selbst zeigt vier Haupt- 
formen : 

1. Naturalteilung ab intestato, 

2. Naturalteilung bei Lebzeiten der Eltern, 

3. Versteigerungen der Grundstücke und Verteilung des Erlöses, 

4. Vermeidung oder Herausschiebung der Teilung durch Fortsetzung 
gemeinsamer Hausung und Wirtschaft oder Überlassung der Parzellen an 
den Übernehmer des Hauses. 

Die beiden ersten Formen, die eigentlich allein den Grundgedanken 
des rheinischen Erbrechts zum Ausdruck bringen, kommen überall vor. 
Ihnen kann man als gleichwertig noch den Fall zur Seite setzen, wo durch 
Testament der Eltern ein Kind, dem dafür die Last oder Unterhaltung der 
Eltern und evt. auch noch der Abfindung der Miterben aufliegt, das Häuschen 
erhält, im übrigen aber gleichmäfsig geteilt wird. Die Kommunhausimg 
tritt fast ausschliefslich in den westlichen Gebirgskreisen der Eifel und des 
Hunsrücks auf. Sie charakterisiert sich deutlich als Kompromifs zwischen 
dem ehemals landesüblichen Stockerbenrecht und dem Erbrecht des Code, 
worüber näheres im nächsten Abschnitt. 

Die letzte Form endlich, die Versteigerung der Grundstücke und die 
Verteilung des Erlöses, findet sich einmal in den Gegenden mit hohem 
Grundstückswert, also in den Fabrikdistrikten, in der Nähe grofser Städte, 
in den Gegenden intensiver Kultur, dann aber auch in armen Gebieten mit 
starker Abwanderung, weil infolge der Vorliebe der Rheinländer für Ver- 
steigerungen, die durch die Bestimmungen des Code genährt ist, durch Ver- 
steigerung durchschnittlich höhere Preise zu erzielen sind als durch frei- 
händigen Verkauf. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erb- 
rechtes. 

Es ist im vorstehenden versucht worden, im wesentlichen auf Grund 
der von den Gerichts- und Verwaltungsbehörden erstatteten Berichte dar- 
zustellen, wie sich der Übergang des ländlichen Grundeigentums von einer 
Generation auf die andere im Gebiet des Code civil thatsächlich vollzieht. 
Die Erhebungen haben darüber hinreichende, wenn auch nicht in allen 
Punkten erschöpfende Auskunft gegeben. Die Nutzbarmachung dieser Er- 
gebnisse für die Zwecke der Gesetzgebung und Verwaltung stöfst jedoch 
auf erhebliche Schwierigkeiten. Zunächst deshalb, weil eine einwandfreie 
Feststellung, wie das Erbrecht eigentlich in wirtschaftlicher und — noch 
wichtiger — in sozialer Hinsicht gewirkt hat, kaum möglich ist. Die Be- 
richte selbst berühren diesen Punkt nur zum kleineren Teile und zumeist 
nur flüchtig, andere Quellen sind, wie weiterhin auszuführen sein wird, in 
ausreichendem Mafse nicht vorhanden. Die Lage der Landwirtschaft und 
der Landwirte wird gewifs vom Erbrecht sehr stark beeinflufst, zumal von 
einem so strengen wie dem des Code; aber auf Grundbesitzverteilung und 
Verschuldung wirken nicht minder das Schuldrecht und die allgemeine Lage 
der Landwirtschaft ein, wie sie in den Preisen der landwirtschaftlichen 
Produkte zum Ausdruck kommt, von allen Ursachen zweiter Ordnung ab- 
gesehen. Es sind denn auch die Meinungen darüber, ob das Erbrecht des 
Code ein Glück oder ein Unglück für die rheinische Landwirtschaft sei oder 
ganz bedeutungslos, heut noch so geteilt wie zu Anfang dieses Jahrhunderts. 
Dementsprechend wird auch die Frage, ob etwas daran zu ändern sei, mit 
guten und schlechten oder auch gar keinen Gründen ebenso eindringlich be- 
jaht wie verneint. Der Keferent kann deshalb, soweit er eine eigene Meinung 
äufsert, dies angesichts der geringen Vorarbeiten und der kurzen ihm zur 
Verfügung stehenden Zeit nur mit allem Vorbehalt thun. Die folgenden An- 
deutungen sollen eine eingehendere Behandlung des Gegenstandes nicht er- 
setzen, vielmehr deren Notwendigkeit erweisen. 

Schon die Beantwortung der Vorfrage, wie weit der Code eigentlich 
neue Grundsätze gegenüber den vorher geltenden aufgestellt hat, ist sehr 
schwer. Einmal ist die neuere rheinische Agrargeschichte trotz der Arbeiten 
vieler Gelehrten wie namentlich v. Below's, 1 ) durchaus nicht genügend auf- 



1 ) Vergl. jetzt auch Gotheins „Agrarpolitische Wanderungen im Rheinland" in der 
„Festgabe für Karl Knies", bei deren Abfassung das dieser Arbeit zu Grunde liegende Material 
zum Teil benutzt worden ist. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 81 

gehellt; dann weicht wie kaum auf einem zweiten Gebiete gerade bei der 
Yererbung ländlichen Grundeigentums die Sitte vom Recht ab, während wir 
gewöhnlich nur über das letztere unterrichtet sind. Modifizierend greifen 
dazu noch Rechts- und Yerwaltungspraxis ein. Die Rechtszersplitterung war 
bekanntlich bis zur Einführung des französischen Rechts in der heutigen Rhein- 
pro vinz ungewöhnlich grofs ; dabei sind nicht einmal alle Landrechte in brauch- 
baren Ausgaben herausgegeben. Die Bauerngüter unterliegen auch nur zum 
Teil dem Landrecht; zum Teil sind Polizeiordnungen, zum Teil Hofrecht, zum 
Teil besondere Bestimmungen für sie mafsgebend. Ist das öffentliche Recht 
nun territorial verschieden (es gab auch Gemeinden, die drei Herren gehörten), 
so sitzen andererseits die Bauern am gleichen Ort zu sehr verschiedenen 
privaten Rechten. Es finden sich etwa 15 bis 20 Bezeichnungen — von 
Dialektverschiedenheiten abgesehen — für den Besitz vom vollfreien Eigen 
bis zur blofsen Zeitpacht. Der einzelne Bauer konnte Grundstücke zu ver- 
schiedenen Rechten besitzen. Persönlich scheinen die rheinischen Bauern 
mit geringen Ausnahmen frei gewesen zu sein; in Jüiich-Berg wird die 
Hörigkeit schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgehoben. In 
welchem Umfang ganz freies und belastetes Eigentum vorkam, was bei der 
Yererbung Regel oder Ausnahme war, läfst sich ohne Quellenuntersuchung 
nicht feststellen. Die hier gemachten historischen Angaben beanspruchen 
also zum Teil nur einen Wahrscheinlichkeitswert. 

In dem schon früher preußischen Norden der Provinz, wo jetzt noch 
die Geschlossenheit des Hofes durch Erbsitte gewahrt ist, war in bedeuten- 
den Maise wie auch sonst im Rheinland die in sehr alte Zeit hinaufreichende 
hofrechtliche Yerfassung herrschend. Die mit höchst mäfsigen Leistungen 
belasteten Güter standen der Regel nach im erblichen Eigentum des Hof- 
besitzers und galten als rechtlich unteilbar. 1 ) Noch eine königliche Ver- 
ordnung vom 8. November 1773 bestimmte zum Zweck der Erhaltung der 
Prästationsfähigkeit der Bauerngüter, dafs die Eltern und abgehenden 
Pächter sich eine übermäfsige Leibzucht von dem zur neuen Pacht zuge- 
lassenen Sohne oder nachfolgenden Colonen nicht ausbedingen durften und 
dafs hierzu sowohl, als auch bei Festsetzung der Brautschätze und Aus- 
rüstungen für die übrigen Kinder die Einwilligung des Gutsherrn erforder- 
lich sei. Die Mitwirkung der Obrigkeit bei Regulierung der Erbschaft in 
Beziehung auf die landesherrlichen Höfe ist in dem klevisch-märkischen 
Edikt vom 24. November 1604 angeordnet; sie wird in der preufsischen 
Zeit rücksichtlich aller schätzbaren Güter erneuert vorgeschrieben in der 
zum Consolidationsedikt vom 22. November 1709 erlassenen Deklaration 



*) Yergl. F. F. J. Sommer, Handbuch über die älteren und neueren bäuerlichen Rechts- 
verhältnisse in Rheinland und Westfahlen, Hamm 1830. Auch Lette und v. Rönne (Die 
Landeskulturgesetzgebung des preufsischen Staats, Berlin 1853, Bd. I, S. LXVIII, LXIX) be- 
zeugen, dafs die Devastation und Zersplitterung der Bauerngüter im Hof verbände, die unter 
mannigfachen Namen (hof hörige, Hobs-, Behandigungs-, Koes-, Laten- u. s. w. Güter) in 
■Cleve, Mark, Moers, Essen, "Werden vorkamen, verpönt war. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 6 



82 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

vom 5. Marx, 1723. 1 ) Wahrscheinlich galt für Cleve auch die Polizeiordnung 
des Herxogs Wilhelm von Jülich -Berg von 15 54. 2 ) 

In Kurköln scheint ein Teilungsverbot nicht bestanden zu haben. 
Nichtsdestoweniger wird darauf hingewirkt, dafs das Gut in der Familie 
erhalten werde. 3Iat:rexbkecher bezeichnet die Tendenz auf Zusammenhalt 
in der Familie einmal als die in Franken herrschende Rücksicht in Guts- 
und Erbverhältnissen, im Gegensatz zu Sachsen, wo das Zusammenhalten 
beim Hauptgut Prinzip ist. Als Mittel zum Zweck dient das Retraktrecht. 
Die hurkölnische Rechtsordnung von 1663 verordnet in Titel XY, § 1: 
„Wann ein liegendes Gut, oder liegendem Gut anklebende Gerechtigkeit, 
wie auch unlöfsbare Zinsen oder Renten verkauft werden, sollen die nächste 
Blutsverwandte aus dem väter- und mütterlichen Stammen, wo ermeldte 
Güter herkommen, bis in das zehend Glied (so weit nämlich die Erbfolgung 
vermög des obrigen fünften Tituls statt hat) des Einstands berechtiget seyn, 
und sich des Kaufs innerhalb 6 Monat, von Zeit solcher bey dem Gericht 
verkündet, gegen Erstattung der ausgegebenen Kaufgelder, und anderer not- 
wendiger und redlicher Unkosten, nähern mögen." Zum Einstand befugt 
sind nur diejenigen Anverwandten, die aus dem Stamme des ersten Erwerbers 
des Guts entsprossen sind. „Wer zu dem Einstand befugt ist, soll sich dessen 
anderer Gestalt nicht, als ihm selbst zum Besten und das Gut für sich zu 
behalten, und keinem andern zu Gefallen oder Xutzen, oder in Meinung 
solches etwan bald um eines Übergewinnes willen wieder zu verkaufen, ge- 
brauchen, dessen dann er, dafs nemlich in solchem allem kein heimlicher 
Yerstand noch Gefehrde unterlaufe, wo es begehrt wird, einen Eyd schweren 
soll." 3 ) Aufser dem Familienret rakt kennt das Kölnische Recht noch zwei^or- 
tikular rechtliche Formen des Retrakts. Der eine ist in dem Amortisations- 
gesetze vom 1. Marx 1728 statuiert. Danach haben die "Verwandten desjenigen, 
der liegende Güter an die tote Hand veräufsert, das Recht, diese zu retrahieren. 
Wenn sie die Verjährungsfrist haben verstreichen lassen, so erhält jeder 
andere dasselbe Recht. Die Retraktsklage wird zur actio popularis erhoben. 
Der andere ist in den Judenedikten enthalten. Darnach sollen Juden keine 
unbeweglichen Güter erwerben können, und jeder Christ hat binnen 2 Jahren 
die Retraktklage. Nachher, wenn keiner Klage angestellt hat, werden die 
Güter öffentlich verkauft. 4 ) 

Durch die Amortisationsedikte wird von allen rheinischen Landesherren 
ein ebenso hartnäckiger wie erfolgloser Kampf gegen die Anhäufung von 
Gütern in der toten Hand geführt. In Zusammenhang damit steht die be- 
schränkte Erb- und Testierfähigkeit der Geistlichen. So sind in Kurköln die 



x ) Der Gesetzentwurf über die Vererbung der Landgüter in der Provinz ^Vestfalen 
und in den rheinischen Kreisen Rees, Essen, Duisburg und Mülheim a. d. Ruhr mit Be- 
ziehung auf die Verhältnisse des Kreises Rees, begutachtet durch, die landwirtschaftlichen 
Lokalabteilungen des Kreises Rees. ^Vesel 1880. S. 5, 7. 

2 ) 1. c. S. 6. 

3 ) 3Iaure>*brecher, die Rheinpreufsischen Landrechte. Band I. Bonn 1830, S. 451 ff. 

4 ) AlArREXBRECHER 1, a. a. 0. S. 460 f. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 83 

Ordensgeistlichen von der allgemeinen Testierfreiheit, die schon Kurfürst 
Wichold (1297 — 1303) eingeführt hat, ganz ausgeschlossen, Weltgeistliche und 
Stiftsdamen nur bedingt zugelassen. 1 ) Noch wichtiger für das bäuerliche 
Erbrecht ist die im Jülich- Bergischen Recht ausgesprochene vollständige Suc- 
cessionsunfähigJceit der Klostergeistlichen; die Weltgeistlichen waren zwar 
von der Erbschaft in Immobilien nicht ausgeschlossen, aber das Eigentum 
fiel an ihre nächsten Yerwandten. 2 ) 

Der Familienretrakt wurde erst durch das Gesetz des Kurfürsten Max 
Franz von Köln vom 5. August 1789 auf Lehngüter, Unterherrschaften, 
Kittersitze und adlige Höfe, sie seien allodial oder lehenpflichtig, ein- 
geschränkt. 3 ) 

Einen direkten Versuch, die Geschlossenheit der Höfe zu begünstigen, 
machte Kurfürst Maximilian Heinrich von Köln (1662 — 1669) durch ein 
Steuerregulierungsedikt: in einer Art umgekehrter Progression wurden die 
Höfe von 50 Morgen Ackerland („ein silberner Pflug") um 1 / 3 geringer be- 
steuert als die übrigen parzellierten Bauernländereien. 4 ) 

Energischer war die Landeskulturpolitik in Jülich-Berg. 5 ) Zwar nach 
Landrecht erben die Kinder zu gleichen Teilen. Lanclrecht gilt jedoch nur 
für Alhcl, nicht für Lehngüter und nicht für die sehr zahlreichen Sattel-, 
Schatz- und Dienstgüter oder für Güter im Hofverband. Die zunächst in 
Betracht kommende Veranlassung ist bekannt: „Ein Weistum (aus dem 
15. Jahrhundert) untersagt die Zerteilung eines Guts, damit der Landesherr 
wisse, wo er seinen Schatz, und der Hofherr, wo er seine Kurmede erheben 
solle." 6 ) Kurmede ist gleich Laudemium. 

Für die Sattel-, Schatz- und Dienstgüter ist der Titel der Polizeiordnung 
von 1554 „Von Vertheilung, Verspleifsung, ungebührlicher Verbringung der 
Saddel-, Schatz- und Dienstgüter und wie es damit zu halten, so mehr als 
ein Kindt und Erb dazu vorhanden" mafsgebend. Der Titel lautet: „In dem 
aber zu einigem der Güter mehr dan ein Kindt und Erb wären, dafs als- 
dan Vatter und Mutter bey ihrem Leben die Kinder vertragen, und ein von 
den Bequemsten zu dem Gut verordnen, und den andern ein ziemblich Erb- 
gelt, nach Getrage des Guts machen und aufssetzen. Und wo sich begebe, 
dafs der Eltern ein oder beyd abstürben, ehe sie ihre Kinder, wie obgerührt, 
vertragen hätten, und die Kinder sich alsdan auch untereinander oder mit 
den Freunden, des Erbpfennigs, und wer von ihnen auff dem Gut verbleiben 



*) Maurenbrecher I, a. a. 0. S. 391. 

2 ) Maurenbrecher I, S. 256/7. 

3 ) Maurenbrecher I, S. 451. 

4 ) g. j. "Wolff, Statistik und Verwaltung des Kreises Rheinbach für die Jahre 1859/61. 
Köln 1863, S. 46. 

5 ) Jülich-Bergisches Landrecht von 1555, §§ 69, 70, 93. Maurenbrecher I, S. 218, 
221, 251. 

6 ) Below, Landständische Verfassung in Jülich und Berg, III 1. Düsseldorf 1890, 
S. 7. — Vgl. auch das Weistum des Elberf eider Hofes. Zeitschrift für Bergische Geschichte 
9,53 ff. — Ferner die Rolle von Hof Bransel : „men sali geyn houes gutt splittern an anderen 
gudern." Zeitschrift für berg. Geschichte 9, S. 35 ff, 

6* 



84 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

soll, nicht vergleichen Iwndten, dafs in dem Fall unsere Ambtleuth, Yögt, 
Sckiütkeisseii oder Richter, mit sambt zweyen oder dreyen von den eltesten 
und verstendigsten Scheffen, und mit vier der Kinder negsten oder be- 
quemsten Verwandten zween von des Yatters und zween von der Mutter 
Seiten, der Kinder ein verordnen, es sey Sohn oder Tochter welches dem 
Gut am besten gerahten könte, und das Nutze clarzu seyn würde, und dafs 
den andern Kindern nach Gelegenheit des Guts ein zimblich Erbgelt ge- 
macht und verordnet iverde. Im fall aber, dafs sie sich des auch nicht 
vergleichen könten, und mehr dan ein Persohn zu dem Gut bequem achten, 
also dafs zwo Personen fürgestellt würden, dafs alsclan die beyde darnmb 
lotten, welche auff dem Gut verbleiben, und der andern ihren Erbpfenning 
bezahlen soll, damit die Güter, wie obgemelt, in Ehren gehalten, und un- 

vertheilt bleiben mögen So viel aber die Seidfäll belangt, dafs diejenige, 

so gleich daran berechtigt, sich auch untereinander, oder mit den Freunden 
vertragen, welcher von ihnen das Gut behalten, und was der den andern 
heraufs geben solle." 1 ) Die Polizeiordnung wird ergänzt durch das Con- 
soUdationsrecht für Rittersitze, Lehn-, Schatz- und Sattelgüter. 2 ) Für die 
allodialm Güter gilt nur der Familienretrakt (Beschüdderecht). Das Con- 
solidationsrecht scheint sogar zur Consolidatiojisp flicht ausgedehnt worden zu 
sein. In einer Urkunde vom 15. Juni 1649 wird erwähnt, dafs Pfalzgraf 
Wolfgaxg Wilhelm seinem Rat und Fiskaladvokaten Salomon Cvriaci die 
Hofaue zu Elberfeld zu Lehen verliehen hat mit der Yerpflichtung „solch Lehen- 
stück inner 6 Jahren mit anderen guettern, so ungefehr vierthausendt Reichs- 
thaler werth, (zu) verbessern und damit consolidiren." 3 ) Nach einem Edikt 
vom 25. August 1764 sollen bei Veräufserungen von Lehn- Splissen die Lehen- 
träger zu deren Consolidation zufolg des Ediktes vom 12. August 1621 
angewiesen und bei entstehender Contradiktion diesen vor allen übrigen 
Splifs-Einhabern der Yorzug erteilt werden. 4 ) Am 21. April 1769 werden 
diejenigen Yasallen, welche wegen ihrer Lehen einen ganzen Lehnreuter 
stellen oder ihn mit 60 Reichsthaler ablösen, zur Wiedervereinigung der 
Absplisse verbunden; jedoch wird ihnen gestattet, bei vorkommenden erheb- 
lichen Ursachen pro consensu dismembrationis bei dem churfurstl. Geheim- 
Rat gehörig anzustehen. Diese Yerordnung wird am 26. Januar 1776 mit 
dem Befehle zurückgenommen, dafs wegen der Lehnverspleifsungen die 
bestehenden Lehnrechte und Edikte künftig beobachtet werden sollen. 5 ) 
Die noch allgemein in Kraft stehenden Konsolidationsedikte werden am 
24. April 1770 auf Rittersitze, Lehn-, Schatz- und Sattelgüter besclrränkt; 
rücksichtlich der steuerbaren und allodialen Güter dürfen künftig keine Con- 



1 ) Maurenbrecher I, S. 254/5. 

2 ) Matjrenbrecher I, S. 279. 

3 ) Zeitschrift für bergische Geschichte 14, S. 108. 

4 ) Scotti, Sammlung der Gesetze und Verordnungen, welche in den vormaligen Herzog- 
tümern Jülich, Cleve und Berg etc. Düsseldorf 1821, Nr. 1958. 

5 ) Scotti Nr. 2034. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 85 

solidationsklagen mehr angenommen werden. ! ) Endlich wird am 23. März 1784 
dieses Edikt dahin erläutert: „dafs die steuerbaren Ländereien, solche mögen 
viel oder wenig im Schatz geben, den Consolidations-Edikten nicht unter- 
geben, wie auch, dafs die Plätze, auf welchen Eisen-, Stahl- und Keck- 
hämmer erbaut werden können, von denselben befreit sein sollen." 2 ) Die 
letztere Begünstigung der Industrie ist leicht verständlich. Die Hämmer 
können nicht auf jedem Platze errichtet werden, sondern brauchen stets 
"Wasserkraft, die im bergischen Lande reichlich vorhanden ist. Man opfert 
also das Prinzip aus zwingenden Gründen. Die Solinger Handiverker haben 
sich schon seit längerer Zeit der gleichen Vergünstigung zu erfreuen; schon 
am 14. Februar 1735 werden die den privilegierten Handwerksgenossen zu 
Solingen gehörenden Häuser, Wohnplätze, Werkstätten, Wiesen und Äcker 
von dem gesetzlichen Consolidationsanspruch ausgenommen. 3 ) Später, vom 
25. März 1788, wird andrerseits den Solinger Fabrikanten und den mit solchen 
Fabrikaten daselbst handelnden Kaufleuten das Yernäherungsrecht auch in 
Ansehung von Häusern und Grundstücken jedesmal da gestattet, wo es ,,zu 
Vermehrung dieser Fabrik und des Commerzes lediglich erforderlich ist, 
keineswegs aber zu anderem Behuf und Yortheil oder Gemächlichkeit." 4 ) 

Während die Industrie gefördert wird, bekämpft man, wie erwähnt, den 
Besitz der toten Hand. Warum das geschieht, darüber spricht sich ein Edikt 
vom 1. Juni 1706 aus. Geistliche Güter und Zehnten sollen an Geistliche 
nicht verpachtet, die darüber bestehenden Verträge eingezogen und die 
Güter etc. dem Meistbietenden verpachtet werden, damit dem hart belästigten 
weltlichen Unterthan und Kontribuenten die Nahrung nicht entzogen werde. 5 ) 
Es mufs also eine nicht unbedeutende Menge Güter im freien Verkehr gewesen 
sein; sonst wäre eine solche Besitzanhäufung kaum möglich gewesen. Dafür 
spricht auch eine ganz modern anmutende Klage aus einem Bericht über 
das Amt Windeck schon aus dem Jahre 1532. 6 ) Man habe nämlich »in 
den boesen jaren Erfschaft und (= umb?) armoit verkouft, versat und ver- 
dain, des wir noch unse kinder .... nummermehe weder krigen moigen und 
moisten, ehe wir sulchen pennink geven moigen, daromb lantruimich werden.« 

Herr Landrat Königs in Lennep hat auf unsere Bitte hin die Güte ge- 
habt, den Einflufs des Code in seinem Bezirk zu untersuchen. Er hat 
speziell bei den Bürgermeistern der Landgemeinde Neuhückeswagen und der 
Stadtgemeinde Wermelskirchen deswegen angefragt. Neuhückeswagen ist mit 
einer Flächengröfse von 5832 ha die gröfste Landgemeinde im Kreise und 
zählt die meisten Landwirte im Kreise, die die Landwirtschaft als selbständiges 
Gewerbe ohne Beimischung von Hausindustrie betreiben. Die Stadtgemeinde 
Wermelskirchen umfafst die bei einer Ausdehnung von 3740 ha, abgesehen 



*) Scotti Nr. 2047. 

2 ) Scotti Nr. 2222. 

3 ) Scotti. Nr. 1369. 

4 ) Scotti Nr. 2275. 

5 ) Scotti No. 1008. 

6 ) Below, Landständische Verfassung HI, 2. Düsseldorf 1891, S. 249. 



86 I- Oberlandesgerichts bezirk Köln. 

von der eigentlichen geschlossenen Ortschaft, über 60 Aufsenorte, sogenannte 
Höfe, mit kleinbäuerlicher Bevölkerung, die in der Hauptsache neben der 
Landwirtschaft noch ein hausindustrielles Gewerbe wie Bandwirkerei, Plüsch- 
weberei, Schäftenäherei betreibt. Die Berichte der beiden Herren Bürger- 
meister sind sehr gute Darstellungen typischer Verhältnisse. Der Bürger- 
meister von Neiihückeswagen schreibt: »Die Naturalteilung gröfserer Güter 
kommt wenig und nur dann vor, wenn das Gut vorher aus zwei oder meh- 
reren kleineren Gütern bestanden hat, die die erforderlichen Gebäude haben 
und grofs genug sind, um selbständig bewirtschaftet zu werden. Eine Teilung 
kleinerer Güter ist gar nicht üblich. Wann die Zersplitterung der Güter 
durch Naturalteilung stattgefunden hat, läfst sich nicht genau sagen. Nach 
W. Hakless's Geschichte Hückeswagens wurden noch 1794 als freie Höfe 
unbekannter Morgenzahl genannt Bornbach, Oberlangenberg, Mederlangenberg, 
Elberhausen, Steinberg, Kleppersfeld und Pixwang, als stättefreie Güter, 
Hammersteins -Yege, Bever, Fürweg, Dierl und Berghausen. Diese Güter, 
welche, wie berichtet wird, durch Zersplitterung sehr geschmälert waren, uni- 
fafsten noch nicht den 16. Teil von Freiheit und Kirchspiel Hückeswagen. Die 
vorgenannten Güter waren meistens in den Händen bäuerlicher und bürger- 
licher Eigentümer, die in der Regel den Namen vom Gute führten. Es werden 
genannt 1587 und 1594 Daem in der Bornbick (jetzt 4 Eigentümer), Johann und 
Jakob zu (Pilges-) Langenberg (jetzt 4 Eigentümer) Christian (Kirstgen) zu 
(Tillmanns-) Langenberg (jetzt 5 Besitzer), Johann zu Elberhausen (jetzt 
3 Besitzer). Um 1775 waren in Bornbick vier Besitzer, in Oberlangenberg 2, 
Mederlangenberg 3, Elberhausen 3. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts 
befanden sich diese Güter fast sämtlich in geteiltem Besitz. In der Nach- 
weisung der kurmedigen Güter, nach der Kellerei-Rechnung von 1759 bis 
1760 u. ff. werden viele Güter aufgeführt, die jetzt mehreren Besitzern ge- 
hören und damals im Einzelbesitz standen. Allerdings stehen darin auch 
die Güter Rademachershof, Lüdorf, Dörpholz, Repslöh und Langenbach ge- 
trennt verzeichnet. Diese Güter hat aber der frühere Schöffe Buchholz zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts in seinen Besitz gebracht und später unter 
seine Kinder verteilt. Diese Teilung hat jedenfalls unter der Herrschaft des 
französischen Gesetzes stattgefunden. Nach den von mir heut eingezogenen 
Erkundigungen sind die Güter Heydt, Frohnhausen und Bergerhof zu An- 
fang dieses Jahrhunderts geteilt worden. Zu der Teilung der Güter hat 
jedenfalls die Hausindustrie beigetragen, die den Besitzern der kleineren 
Güter eine gute Existenz ermöglichte. Heute wird eine selbständige Acker- 
nahrung nur dann als vorhanden anzunehmen sein, wenn mindestens 5 bis 
6 Kühe gehalten werden können.« Das Gutachten des Wermelskirchener 
Bürgermeisters beschäftigt sich zwar mehr mit der neueren Entwickelung, ver- 
dient jedoch ebenfalls volle Wiedergabe: »Nach den Teilungsakten, welche 
mir während meiner 19 jährigen hiesigen Amtsthätigkeit von den Grundeigen- 
tümern in denjenigen Fällen vorgelegt worden sind, wo es sich um Streitig- 
keiten über Wasser- und Wegegerechtsame handelte, zu schli eisen, hat jede 
der zahlreichen Ortschaften im Aufsenteile der hiesigen Gemeinde, wie auch 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 87 

die ortsgebräuchliche Bezeichnung dieser Wohnplätze als »Hof« andeutet, 
ursprünglich einen Bauernhof gebildet, welcher später geteilt und immer 
wieder geteilt worden ist. Die Teilungsakte datieren aus dem 17., 18. und 
19. Jahrhundert und darf wohl als feststehend betrachtet werden, dafs die 
Teilung spätestens im erstgedachten Jahrhundert begonnen und gegen Ende 
der 20 er Jahre des laufenden Jahrhunderts im wesentlichen ihren Abschlufs 
gefunden hat. Auch im Grundsteuerkataster, welches gegen Mitte der 20 er 
Jahre angefertigt wurde, führt die grofse Mehrzahl der Parzellen noch die 
ursprüngliche Katasterbezeichnung; so ist also seit jener Zeit nicht weiter 
geteilt worden. Wie die Parzellen aber eine neue Nummer erhalten haben, 
ist solches wohl vielfach die Folge eines Austausches zwischen den Grund- 
eigentümern und wo noch mehr Teilnummern sind, jedenfalls durch den Ab- 
verkauf zu Baustellen entstanden. Wie weit die Teilung durchgeführt worden 
ist, ergiebt der Yiehbestand in den Landwirtschaftsbetrieben. In der Aufsen- 
stadt sind zur Zeit 353 landwirtschaftliche Betriebe mit mindestens je einer 
Kuh vorhanden. Darunter befinden sich: 

5 Betriebe mit je 10 Kühen 

9 Q 

u n ii ii ^ ii 

* ii ii ii * ii 

* ii ii ii * ii 

12 „ „ „ 6 „ 

£6 „ „ ,, 5 „ 

«J-L ji v ii ^ ii 

0i - ii n ii ° ii 

60 „ „ „ 2 „ 

-L^ ii ii ii -L ii 

Die Zahl der Pferde kommt nicht in Betracht, weil dieselben vielfach 
zu Lohnarbeiten benutzt werden. Die kleinen Betriebe bilden in der Regel 
ein Nebengewerbe solcher Leute, welche in Handel oder Industrie thätig sind. 
In der Innenstadt ist die Landwirtschaft noch viel mehr zum Nebengewerbe 
herabgesunken. Das zu ihrem Zwecke verwendete Material wird mehr und 
mehr in Baustellen, Hofräume und Gärten umgewandelt, ihr Fortbestehen er- 
scheint auf die Dauer unmöglich und ist sie deshalb oben nicht mit berück- 
sichtigt worden. Aus der Zusammenstellung ergiebt sich, dafs verhältnis- 
mäfsig nur noch wenige Ackergüter selbständig dem Eigentümer eine Exi- 
stenz bieten und der jetzt vorhandene geringe Umfang einer grofsen Anzahl 
jede weitere Teilung unmöglich macht, wenn die Landwirtschaft auch nur 
mit einer Kuh als Nebengewerbe betrieben werden soll. Bei den früheren 
Teilungen der Ackergeräte hat man vielfach das Haus mit geteilt, ja es kommt 
vor, dafs 4 bis 5 Familien jede für sich einen räumlich abgegrenzten Teil 
des nämlichen Hauses besitzen. Li neuerer Zeit besteht vielfach das Be- 
streben, diese zu weit gehende Teilung wieder zu beseitigen, indem bei Ver- 
käufen der eine oder andere Eigentümer eines Hausteils die Besitzung seines 
Nachbarn mit erwirbt imd so die vielleicht seit Jahrhunderten getrennten 
Bestandteile des nämlichen Gutes wieder vereinigte. Bei den hiesigen Ter- 



88 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

hältnissen mufs es als eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
betrachtet werden, wenn diejenigen kleinen Ackergüter, welche dem Eigen- 
tümer selbständig keine Existenz bieten, entweder mit einer anderen Be- 
sitzung vereinigt oder durch weitere Teilung in ihrem Umfange so verändert 
werden, dafs auf denselben nur 1 bis 2 Kühe gehalten werden können und 
die Landwirtschaft vom einzigen oder Hauptgewerbe zur Nebenbeschäftigung 
wird. Anscheinend wird auch künftig mehr eine Zusammenlegung als eine 
Teilung der Ackergüter erfolgen, ohne dafs jedoch dadurch etwas anderes als 
kleinbäuerlicher Besitz entsteht.« Einige der in dem Bericht erwähnten 
Teilungsakte und Kaufbriefe liegen in Abschrift vor. Sie beziehen sich auf 
allodiale »Erbgüter«, deren verhältnismäfsig frühe Teilung nicht angezweifelt 
werden kann. In welchem Umfange das geschehen ist, wäre allerdings nur 
bei einer Durchsicht sämtlicher noch vorhandener Urkunden festzustellen. Wir 
haben andrerseits auch schon frühe Zeugnisse von Verzichten zu Gunsten der 
Miterben bei allodialen Gütern. So in einer Urkunde aus dem Amt Solingen 
vom Jahre 1554. ^ Richter und Schöffen bezeugen, dafs vor ihnen erschienen 
sind »den Irbaren Jacob, Tryntchen, vn lysken alle drey Frederichs zu Stein- 
berch vn Druyden (der God genade) eluyden elyge kynder zu Steinberch, 
vnde hauen alsame guydtwillich vngedronge vnde vngetzwonge vertzich vnde 
vyfsgank gedain Thoenys zu Steinberch vn mergen seyner elyger huyssfrauwe 
jrem lieue broder vn Schwegerschen vff ire allinge kyntdeyl vnde gerechti- 
cheit an den allinge Erue vn Goeclere zu Steinberch, vnde vff dem Schyckem- 
berch myt alle Irem Erfflichen zu vn jngehoeir so wie die gedachte Frederich 
vn druyda jre vader vn moder in besydtz vnde gebruyck gehadt haue neit 
da von äff noch vytgescheide myt han(t), hahn vn munde, vnde haue sych 
vnde jre erue da von vnterfft vn vntguydt, vnde den vurgemelten Thoenys 
vnde Mergen eluyde, vn jre erue dar an geerfft vnde geguyclt zu den erff- 
liche ewygen dagen, vnde haue sych ouch alsamen zu selurn mayl myt 
bedankt goder volkoemlicher betzalung darvur.« Das eigentliche Element 
der Zersetzung war in dem rauhen bergischen Lande, das extensiveren Acker- 
bau erfordert, die Hausindustrie; in der Ebene und im fruchtbaren Jülicher 
Lande ist eine gröfsere Parzellierung auch in den rein ackerbautreibenden 
Gegenden wahrscheinlich. Wie der Neuhückeswagener Bericht beweist, sind 
die abhängigen (kurmedigen) Güter Ende des vorigen Jahrhunderts noch un- 
geteilt. Unmittelbar nach Einführung des Code beginnt' die Parzellierung in 
gröfstem Mafsstabe. »Seit die Welt besteht«, sagt Schwerz im Jahre 1836 
inbezug auf einen anderen Teil der Rheinprovinz, »ist Kauf und Verkauf 
nicht so oft vorgekommen wie seit den letzten 20 Jahren.« 

Erwähnt mag noch werden, dafs eines der Wermelskirchener Aktenstücke 
noch einen Vernäherungsfall aus dem Jahre 1785 enthält, der aber gütlich 
beigelegt wurde. 

Herr Landrat Königs erzählt, dafs den älteren Bauernfamilien, wie 
zahlreiche von ihm angestellte Erkundigungen ergeben haben, nichts mehr 



l ) Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 3, S. 376. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 89 

von einem vor Einführung des Code Napoleon bestandenen agrarischen Erb- 
recht oder einer Erbsitte bekannt sei: dasselbe ist auffallenderweise der Fall 
bei den Landwirten im westlichen Teil von Eifel und Hunsrück, obgleich 
dort ein äufserst strenges Anerbenrecht sich nachweislich bis über die Mitte 
unseres Jahrhunderts erhalten hat. Es ist dies das Recht der Stockgüter. 
Die ausführlichste Schilderung dieses eigentümlichen Rechtsinstituts findet 
sich beiJSchwerz : a ) „Prümm. Einige unbedeutende landesherrliche Maierhöfe 
ausgenommen, ist alles Übrige jetzt zwar freies Grundeigentum; dennoch hat 
sich auf den konkreten Gütern, ungeachtet der bestehenden französischen 
Gesetze, die alte Sitte über Erbteil und Auffolge erhalten. Man nennt solche 
Güter Stockgüter und findet sie häufig in den vormaligen Ämtern Prümm 
und Schönberg. Beide Ämter machten die Dotation aus, womit Karl der 
Grofse das Kloster Prümm begabte. Die bäuerlichen Verhältnisse dieser 
Ämter sind also, nach der Hartnäckigkeit zu schliefsen, mit welcher man 
noch daran hängt, wahrscheinlich die nämlichen, welche sie zu und vielleicht 
auch vor Karls Zeit waren. Wir finden hier einige Ähnlichkeit mit den 
uralten, zum Teil noch bestehenden westfälischen Koloniaten. Li diesem 
Teile der Eifel erbt das älteste Kind, es sei Sohn oder Tochter, Alles. Die 
übrigen Kinder werden so geringe entschädigt, dafs sie an kein Heiraten 
denken dürfen. Die Entschädigung beträgt für die Gesamtheit der Erben p.p. 
4 Rthlr. Preufs. Cour, für den Morgen. Die Erfahrung soll hier gelehrt 
haben, wie sehr nachteilig ein solches Herkommen auf die Moralität ein- 
wirke, wovon die Angaben mir fehlen, die Geistlichkeit aber und die Ärzte 
die beste Auskunft geben können. — Manderscheidt. Die Grafschaft be- 
steht aus 77 Häusern, welche alle Stockgüter sind. Ein solches Gut besteht 
aus 2 — 3 und mehreren hundert Morgen, wovon aber nur ein Drittel unter 
dem Pflug gehalten wird, und das Übrige als Grasweide niederliegt. Der 
Boden ist eben und trocken, die Weiden sind mit einem süfsen Grase be- 
deckt. Die Wohnungen sind grofs und von Steinen. Alles verrät den 
Wohlstand. Das Kind, welchem der Stock zukommt, das älteste, es sei Sohn 
oder Tochter, heiratet mit 16 oder 18 Jahren, wahrscheinlich um desto mehr 
dienstbare Hände zum Betriebe des Gutes zu erzeugen. Es ist daher nicht 
selten, 3 Stockväter oder ebenso viele Stockmütter in einem Hause zu finden. 
Solange die älteste dieser Personen, der einmal der Stock angehörte, noch 
lebt, es sei Grofs- oder Urvater, Grofs- oder Urmutter, so behält sie die 
Alleinherrschaft, und alle übrigen Personen sind nicht viel mehr, als dem 
Hause angehörige Knechte und Mägde. Der, welcher die Herrschaft hat, 
heifst der Mann oder die Frau, letztere auch uns (unsere) Frau, welches zu 
manchen zweideutigen Auslegungen Gelegenheit giebt. Da auf jene Art sich 
nur eines der Familienmitglieder verheiratet, so fehlt es an Oheimen und 
Muhmen in den Stockhäusern nicht. Ist der Stockerbe eine Tochter, so mufs 
ihr notwendig ein Sohn, Mchterbe, aus einem anderen Stockhause zugelegt 

J ) J. H. v. Schwerz, Beschreibung der Landwirtschaft in Westfalen und Rheinpreufsen. 
Zweiter Teil. Stuttgart 1836. S. 129 ff. Schwerz war bekanntlich ein eifriger Vertreter 
der Mobilisierung des Grundbesitzes. 



90 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

werden. Dieses setzt, wie in Westfalen, einen ordentlichen Handel ab, und 
wird kaufmännisch betrieben. Der Yater des jungen Menschen kommt 
zum Yater der Stocktochter, und fragt, wieviel er zu geben habe, wenn 
sein Sohn die Tochter heiraten würde. Forderungen und Gebote folgen 
sich, bis dafs man über ein Tausend Kronenthaler oder mehr als Kauf- 
Schilling einig und die "Ware losgeschlagen wird. Der Yater der Stock- 
tochter bedient sich dann dieses Geldes, um einen seiner eigenen Söhne mit 
einer anderen Stocktochter zu verkoppeln. Der junge Mann, der auf jene 
Art in das Haus seiner Schwiegereltern tritt, lebt nur als Meisterknecht 
darin, indem die Kegentschaft seiner Frau allein zusteht, wenn anders ihre 
Eltern und Yoreltern schon mit dem Tode abgegangen sind, denn sonst 
bleiben diese bis zu ihrem Absterben Herr vom Hause. Stirbt endlich 
die junge, wirkliche Stockfrau vor ihrem eingeheirateten Mann, so wird 
dieser Herr. Ebenso ist es mit der eingeheirateten Frau, wenn ihr wirk- 
licher Stockmann vor ihr mit Tode abgeht. Das freie Eigentumsrecht gilt 
auch für die Bezirke von Malmedy, Blankenheim, Montjoie und St. Yith. 
In letzterem steht es dem Yater zu, unter seinen Kindern das zu wählen, 
es sei Sohn oder Tochter, welches sein Auffolger werden soll. Die übrigen 
werden von ihm mit barem Gelde abgefunden. Das, was ich über den An- 
schein von Wohlstand bei Gelegenheit der Stockgüter der Grafschaft Mander- 
scheidt gesagt habe, bleibt keineswegs auf die Eifel überhaupt anwendbar. 
Obgleich hier gröfstenteils Alles Eigentum ist, so haben doch die meisten 
Grundbesitzer nichts. Mancher, der für mehrere tausend Thal er Grundeigen- 
tum hat, mufs das Geld leihen, wenn er die Steuer bezahlen soll. Da er 
weiter keine Abgaben zu entrichten hat, so überläfst er sich der Sorglosig- 
keit und dem Müfsiggange. Die Gewohnheit, dafs die eigentlichen Höfe 
unzertrennt auf den ältesten Sohn übergehen, der seine Geschwister mit ein 
paar hundert Thaler für das MoHliarv ermögen 2 ) befriedigt, trägt wohl am 
meisten zu jener Indolenz bei. 3 ) Man ist gewohnt, ein paar Hagestolze in 
jeder Bauernfamilie zu finden, die ihrerseits noch mit ihrem Wenigen knausern, 
um es später dem Stammherrn der Familie zufliefsen lassen zu können." 

Die Stockgüter stammen nach Lamprecht 1 ) aus der Zeit des Ausbaus; 
ihre Anfänge gehen nicht über das 13. Jahrhundert zurück. Sie nehmen 
diejenigen Weiler an, welche der späteren Blockflurverfassung angehören und 
ursprünglich Höfe in Wildfangbesiedelung waren. Wie weit sich die Stock- 
güter ausdehnten, ist noch unbekannt; aufser in den erwähnten Eifelkreisen 



1 ) Diese Indolenz ist übrigens heute, wo alles naturaliter geteilt wird, nicht geringer 
geworden. 

2 ) Das Anerbenrecht der Eifel glich dem Englischen : nur ein Kind hat Anspruch auf 
Grund und Boden, die anderen nur auf das Mobiliarvermögen. — Das viel gesündere Bergische 
Anerbenrecht statuierte Gleichberechtigung aller Erben; die "Weichenden wurden „nach dem 
Getrage des Gutes' 1 abgefunden. 

3 ) Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben. I, 1. S. 653. — Über die — kontroverse — 
rechtliche Stellung der Stockgüter vgl. Lamprecht; ferner Läis, Die Stock- und Vogteiguts- 
besitzer der Eifel. Trier 1830. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 91 

kommen sie nach den vorliegenden Nachrichten noch in den Kreisen Saar- 
burg, Saarlouis und Merzig vor. Ebenso wenig ist bekannt, wann sie eigent- 
lich zu Grunde gingen; nach Anfang der fünfziger Jahre werden sie mehr- 
fach erwähnt. Barsch 1 ) klagt bei Beschreibung des Kreises Daun über 
mangelnde Fortschritte im Ackerbau und führt dann fort: „Es ist aber nicht 
allein der unfruchtbare Boden und Mangel an Dünger bei geringem Yieh- 
stande, welche den Ackerbau erschweren, sondern auch das noch in vielen 
Gegenden des Kreises, wie in der Eifel überhaupt, bestehende Stock-, Schaft- 
und Yogteirecht, eine Art von Primogenitur, wo immer nur das älteste Kind, 
es sei Sohn oder Tochter, das Gut erbt und die anderen Geschwister, die 
dann meistens als Gesinde im Stockhause bleiben, mit geringen Summen ab- 
gefunden werden. Die Stockbesitzer ziehen es vor, Schulden auf Schulden 
zu häufen, ehe sie sich zur Zerschlagung und Teilung eines Stockgutes ent- 
schlief sen. Ein grofser Teil der zum Stock-Gute gehörigen Ländereien mufs 
wegen Mangel an Kräften und Mitteln unbebaut liegen bleiben und kann 
kaum zur Schafweide benutzt werden. Die zum Ackerbau bestimmten Felder 
werden geschiffelt, dann drei Jahre bebaut und bleiben hierauf wieder eine 
Keine von Jahren hindurch unbebaut liegen." Ähnlich sagt er bei Beschreib ung 
des Kreises Prüm 2 ), der besseren Betreibung des Ackerbaus sei besonders 
das Stockrecht hinderlich, welches der Eifler mit unerschütterlichem Eigen- 
sinn festhalte. Die Sachkenntnis von Barsch kann nicht angezweifelt 
werden, da er zur Zeit der Abfassung des betreffenden Bandes der Eiflia 
illustrata schon 15 Jahre Landrat von Prüm war. Vergleicht man damit den 
im vorhergehenden Abschnitte angeführten Bericht des jetzigen Landrats von 
Prüm, der von der ausgeprägt individualistischen Empfindungsweise der Be- 
völkerung spricht, so mufs man zugeben, dafs Erbsitten sich überraschend 
schnell und gründlich ändern können. Der innere Grund des Zerfalles der 
auch für die Verhältnisse der Westeifel vielfach zu grofsen und jedenfalls zu 
kapitalarmen Stockgüter ist klar. v. Lengerke, 3 ) der im Jahre 1852 im Kreise 
Bitburg die Stockgüter ihrer Hauptmasse nach noch erhalten, die Keaktion 
gegen die französische Gesetzgebung aber nur noch schwach und vereinzelt 
bemerkbar fand, spricht ihn aus: „Die alten Stockgutsbesitzer fahren fort, das 
ganze Gut dem ältesten Sohne zu übertragen (die Meisterschaft abzutreten) 
und die übrigen Kinder mit einer Kleinigkeit abzufinden. Das liefsen diese 
sich anfangs und eine Zeitlang gefallen. Als aber eine neue Generation 
mit neuen Ideen und anderen Rechtsbegriffen herangewachsen war, da 
forderten die nachgeborenen Kinder, welche man abgefunden glaubte, ihren 
wahren Erbteil heraus. Der Stockgutsbesitzer weigerte sich, in die Teilung 
oder Nachzahlung einzugehen. Nun wurde die gerichtliche Klage erhoben, 
das Teilungsverfahren eingeleitet, die Teilungspflicht gegen den Stockbesitzer 



x ) Schannat - Barsch, Eiflia Illustrata. 3. Band, 2. Abteilung, 1. Abschnitt. Aachen 
und Leipzig. 1854. S. 5 ff. 

2 ) Schannat -Barsch, a. a. 0. S. 177. 

3 ) A. v. Lengerke, Landwirtschaftliche Skizzen von Rheinpreufsen. S. 192/93. 



92 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

ausgesprochen, Experten ernannt, kostspielige Expertisen vorgenommen, da 
die erbitterten Verwandten allen Sinn für Versöhnung und eigene wohlfeile 
Verständigung über dem Prozesse eingebüfst hatten. Es entstand eine Un- 
masse von Kosten, welche der Masse zur Last fielen und beide Teile mit 
Schulden belasteten. Das grofse Gut war nun zerstückelt und geteilt, während 
des langjährigen Prozesses war es schon vernachlässigt worden, denn der 
Besitzer dachte mehr an seinen Prozefs wie an sein Gewerbe, er war herab- 
gestimmt. Der Sieg der nachgeborenen Kinder gegen den einen Stockguts- 
besitzer führte den Fall gegen Hunderte von anderen Stockgütern und deren 
Fall herbei." Auch wo kein Teilungsprozefs geführt wurde, mufste der Guts- 
übernehmer die Anteile der Miterben voll auszahlen und dazu Schulden auf- 
nehmen, die ihn erdrückten. Beschleunigt wurde der Untergang der Stock- 
güter durch die von ihren Inhabern geführten Prozesse um die Gemeinde- 
waldungen. Waldprozesse sind im Rheinland überhaupt nicht selten; es sei 
nur an den berühmten Prozefs um den grofsen Flamersheimer Wald 
erinnert, der sich durch Jahrhunderte hindurchzog. Die Stockbesitzer bildeten 
anscheinend eine Art Realgemeinde, die die ausschliefsliche Nutzung der Ge- 
meindewaldungen beanspruchten und den seit Anfang des Jahrhunderts auf- 
kommenden Hintersassen (Backesmänner) den Mitgenufs vorzuenthalten 
suchten. Es ist derselbe Kampf zwischen der bäuerlichen Aristokratie und 
den Besitzlosen, den Tagelöhnern, den Häuslern, wie er sich allenthalben, in 
anderen Ländern schon Jahrhunderte früher aufspielte. Dafs er in der Rhein- 
provinz erst verhältnismäfsig spät begonnen hat, dürfte seinen Grund wohl 
darin haben, dafs bis zur Aufhebung der feudalen Vorrechte das Waldeigen- 
tum ausschliefslich durch die Grundherren in Anspruch genommen wurde. 
„Die Prozefswut ging so weit, dafs gegen die Gemeinden, die nur aus Stock- 
bewohnern bestanden, von diesen prozessiert wurde. Die höchst bedeutenden 
Kosten mufsten aus den Waldungen beschafft werden und Stockbesitzer und 
Gemeinden worden zu Grunde gerichtet." 1 ) 

Der Amtsrichter von Neuerburg teilt eine Statistik der grofsen Güter 
im Kreise Bitburg mit. Da die grofsen Güter daselbst — nach einer mir 
freundlichst von Herrn Gutsbesitzer J. P. Lihbotjrg in Bitburg erteilten 
Auskunft — im wesentlichen identisch sind mit den früheren Stockgütern,, 
so giebt diese Statistik ein Bild von deren Zerfall. 

„Im Kreise Bitburg gab es 

1833 
Landgüter von 600 preufs. Morgen 

und mehr . . 19 

300—600 Morgen 127 

30—300 Morgen . . 991 

5_30 Morgen 1927 

unter 5 Morgen 2971 





im Jahre 






1847 


1864 


1870 


1880 


17 


13 


13 


10 


126 


109 


71 


45 


1004 


1282 


1433 


1407 


2239 


2829 


2831 


3234 


3920 


4277 


4418 


4715 



!) Schannat- Barsch, a. a. O. S. 180. — Vgl. auch das citierte Buch von LÄis. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 93 

Notable Grundbesitzer nach der alten Kreisordnung, welche eine be- 
sondere Wahlklasse bildeten, gab es 

1853 1857 1859 1865 1871 
mit 150 Mk. Grundsteuer und mehr 35 23 20 14 11 

Hierauf wurde der Grundsteuersatz für die notablen Grundbesitzer auf 
120 M heruntergesetzt. Deren gab es dann 

im Jahre 1871 1875 1878 1881 
23 18 17 14 

Hierauf sah man sich genötigt, den Grundsteuersatz für die betreffende 
Wahlklasse wieder herunter zn setzen, und zwar auf 90 M. Notable Grund- 
besitzer mit diesem Steuersatz waren dann vorhanden 

im Jahre 1882 34 
„ 1884 29. 
Seitdem ist die Bodenverteilung unzweifelhaft noch weiter vor sich ge- 
gangen. Als Folge des französischen Intestaterbrechts stellt sich somit her- 
aus, und zwar seit Ende der vierziger Jahre, dafs die Zahl der ordentlichen 
Bauernhöfe — bis zu 300 Morgen — immer mehr und mehr abnimmt von 
146 im Jahre 1833 auf 55 im Jahre 1880, dafs dagegen der meistens ge- 
radezu leistungsun fähige Kleinbesitz unter 30 Morgen mehr und mehr zu- 
genommen hat." Nach Herrn Limbourg sind jetzt nur noch etwa 10 gröfsere 
Grundbesitzer im Kreise vorhanden. 

Die einzige Nachwirkung des Stockgutverhältnisses ist das bei der 
Schilderung der geltenden Erbsitten erwähnte Zusammenbleiben der — gleich- 
berechtigten — Geschwister auf dem Hofe. Das bestätigt auch ein genauer 
Kenner der Ei fei, Herr Landrat Graf von Brühl in Coblenz (jetzt Yerwaltungs- 
gerichtsdirektor in Sigmaringen), der, wie er gütigst mitteilte, in seinem 
früheren Amtsbezirk Daun eine Keine von Fällen kennen gelernt hat, wo 
die Teilung mit Kücksicht anf das fast unteilbare Gebäudeinventar vermieden 
wurde nnd die Geschwister jetzt noch nach dem Tode der Eltern zusammen- 
bleiben. Dieses „Aufeinanderhocken" gleichberechtigter Geschwister führe 
zwar auf die Dauer wohl auch zu Unzuträglichkeiten, doch gäben anderer- 
seits gerade die Familien, ivelche bis jetzt ebenmäfsige Teilung vermeiden 
konnten, den Stamm zu den wenigen eingeborenen Beamten ab. Unter 
diesen im weiteren aufgezählten Beamten befindet sich auch einer, der weit 
über die Grenzen seines engeren Bezirkes hinaus sich einen ehrenvollen 
Namen zu verschaffen gewufst hat und um seine Heimat hochverdient ist. 

Wie es in den übrigen Territorien der Eifel und des Hunsrücks mit 
dem bäuerlichen Erbrecht stand, läfst sich ohne eingehende Spezialunter- 
suchungen nicht feststellen. Vielleicht weist das bunte Gemisch kleiner und 
kleinster Herrschafton überhaupt keine Kegel auf. Herr Graf Brühl ver- 
mutet, dafs die Ortschaften, welche schon lange zu geistlichen Gebieten ge- 
hörten, vor allem an Grundstückzers])litterung litten. Als Beispiel dafür sei 
ganz besonders Niederehe anzuführen. *) Obwohl es fast durchgehend schweren 



*) Jetzt ist übrigens in Niederehe Zusammenlegung in Aussicht genommen. 



94 I« Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Kalkboden habe und also gespannfähige Grofsbauern erfordere, herrsche der 
armseligste Kleinbetrieb vor. Anders sei anscheinend die Erbsitte bis in 
die erste Hälfte des Jahrhunderts in den sog. Grafschaften gewesen, den 
allerdings spärlichen Besten rein weltlicher Herrschaft. Dieser Ansicht dürfte 
im ganzen beizupflichten sein. 

Das Sponheimische Landrecht von 1578 (für die Grafschaft Sponheim 
im Hunsrück), dessen Grundprinzip im Erbrecht die Gleichberechtigung aller 
Kinder ist, sagt ausdrücklich (Kap. 101, § 10): „dises alles soll alleyn ver- 
standen werden von den allodial oder eygenthumblichen güttern, dann in 
lehen vnnd andern privilegirten oder abgesünderten güttern, mit welchen 
es eyn sonderbare art vnd meynung hat, sovil die Succession vnd erbung 
belangt, soll es nach jedes guts ey genschafft vnd recht, wie zuvor gebräuch- 
lich vnnd herkommen ist, gehalten werden." Nach Maurenbrecher 1 ) herrschte 
im Sponheimischen „Leibeigenschaft." Die Leibeigenen hatten meist erbliches 
Kolonatrecht; was die Succession betraf, so war bei ihnen das Majorat ein- 
geführt. Das Gleiche galt aber auch für die wenigen allodialen — also 
freien — Bauerngüter, die sog. Stockgüter. Bei den Bauerngütern wich 
auch die Succession der Ehegatten von der landrechtlichen ab; nämlich die 
Leibzucht des überlebenden Ehegatten, resp. Stockführers, dauerte, statt lebens- 
länglich zu sein, bis in sein zweiundsechzigstes Jahr. Alsdann erhielt er 
ein angemessenes Deputat, die sog. Lebsucht. 

In gleicher Weise scheidet die Manderscheid - Blankenheimische Rechts- 
ordnung von 1768 zwischen allodialen und abhängigen Gütern. Im all- 
gemeinen besteht Testierfreiheit (Titel 1, § l); 2 ) ab intestato erben alle Kinder 
zu gleichen Teilen (Titel II, § l). 3 ) Ausdrücklich von der landrechtlichen 
Erbfolge ausgenommen, wie schon in einer Verordnung von 1694, sind die 
„Hofrechte" oder sog. Churmütigen Güter (Titel 1, § 15, Titel 11, §§ 1— 4). 4 ) 
Hofrechte „mit ihren anstofsenden Gebäuen, angeschlossenen Gärten und 
Paschen, sodann andere davon entlegene Flor und wilde Felder, Peschen, 
Wiesen und Waldungen" können durch Testament oder andere letzte Willens- 
verordnung giltig nicht verteilt werden, sondern mögen bei allen solchen Ver- 
mächtnissen nur „in derselben Lage und Buthenmafs, worin sich die Hofrechten 
und anderen Gründen dermalen befinden", verlassen werden, „mafsen auf den 
Contraventionsfall die zertheilte vermacht werdende Hofrechten und Gründen 
durch die That verwirkt und confiscirt, fort zu unsere Bentämter eingezogen 
werden sollen." Befindet sich ein „Hofrecht" in einer Intestaterbmasse und 
können sich die Erben über dessen Wert und wer unter ihnen es haben 
solle, nicht einigen, so wird es durch Werkverständige abgeschätzt und das 
Los darüber gezogen. Der Gewinner hat seine Miterben abzugüten, „ohne 
dafs Einsicht zu nehmen, ob das Loos Söhnen oder Töchter, den altern oder 
den Jüngern, männlichen oder weiblichen Geschlechts Personen sothanes Hof- 



x ) Rheinpreufs. Landrechte, Band II. Bonn 1831, S. 253/54. 

2 ) Maurenbrecher II, S. 314. 

3 ) Maurenbrecher II, S. 320. 

4 ) Maurenbrecher II, S. 318, 341—344. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 95 

recht zugewiesen wird," Im Falle des Zuwiderhandelns droht § 4 das Titel XI 
Konfiskation an: „Würden aber die Erben sich unterstehen, dieser unserer 
landesherrlichen Verordnung zuwider, bei Erbtheilungen ein Hofrecht oder ein 
Grundstück zu vertheilen oder zu verspleifsen, so soll das versplissendes Gut 
durch die That verwirket und confisciret, fort zu unseren Rentämtern ein- 
gezogen werden." Die in Erbpacht ausgeliehenen Höfe, Mühlen und Güter 
dürfen ebenfalls weder im Erbgang noch sonstwie verteilt oder versplissen 
werden; ist im Erbpachtbrief über die Abfindung nichts gesagt, so soll das 
auf dem Hof oder der Mühle bleibende Kind (Sohn oder Tochter) von der 
durch Sachverständige festzusetzenden taxa den übrigen Geschwistern den 
dritten Teil auszahlen und sie auf diese Art von der Erbfolge abgüten 
(Titel II, § 7, Titel XI, § 6). 1 ) 

Erwähnt möge noch werden, dafs in dem Rheingräflichen Landrecht 
von 1754 noch jeder Gemeinds-Mann des Ortes Güter, so an Auswärtige 
verkauft sind, jedoch nicht stückweis, sondern alle zusammen einlösen kann; 2 ) 
natürlich haben gewisse Verwandte ein Vorzugsrecht. Ein Teilungsverbot 
gab es hier ebensowenig wie in Kurköln. — 

Aus dem weiterhin noch zu ergänzenden Material ergiebt sich, dafs 
die Einführung des code civil auf dem Hunsrück und der Eifel, am Nieder- 
rhein und im Bergischen einen tiefen Einschnitt in die überkommenen Rechts- 
und Besitzverhältnisse bedeutete; im übrigen aber brachte sie eine schon 
seit Jahrhunderten im Zuge befindliche Entwickelung nur zum Abschlufs. 

"Was ist nun der Grund dafür, dafs sich die geschlossene Vererbung 
der Güter am Niederrhein, im Bergischen, in der Westeifel durchgesetzt und 
erhalten hat, während im übrigen Rheinland naturaliter geteilt wurde? 

Sicher ist nach Gotheins Untersuchungen, dafs der Ausgangspunkt sowohl 
der Geschlossenheit wie der freien Teilung die Hausgemeinschaft ist. Solange 
diese noch intakt besteht, solange in den Kolonialgebieten östlich der Elbe, 
auf den Allmenden, in den wachsenden Städten Raum genug vorhanden 
ist, die überzählige Bevölkerung aufzunehmen, bleibt die Gefahr einer zu 
weitgehenden Zersplitterung latent. Bei dem Übergange von der Familien- 
erbfolge (Hausgemeinschaft) zur Einzelerbfolge (Anerbenfolge oder Teilung) 
schreibt nun die herrschende Theorie der Grundherrschaft entscheidenden 
Einflufs zu: das Anerbenrecht sei ausschliefslich im Interesse des Grund- 
herrn, um das Gut prästationsfähig zu erhalten, der hörigen Bevölkerung durch 
den Grundherrn oktroyiert worden, während die Realteilung im Erbgang als 
Attribut der Freiheit von der Grundherr schaft anzusehen sei. 

Diese Theorie versagt für das Rheinland; hörige Güter unterliegen in 
verschiedenen Gegenden einem grundsätzlich verschiedenen Erbrecht, hörige 
und freie Güter werden in der gleichen Gegend gleich vererbt. 

Die Stockgüter der Eifel waren teils frei, teils unterthänig. Im Ge- 
biet der Naturalteilung lagen überall die freien und hof hörigen Hufen mit 

*) Maukenbrecher II, S. 321, 344. 
2 ) Maurenbrecher II, S. 291. 



96 I. Oberlandesgericktsbezirk Köln. 

ihren einzelnen Parzellen im Gemenge auf derselben Dorrflur; zur Zeit der 
französischen Bevolution steht nach Gothein noch mehr als die Hälfte des 
Grund und Bodens in hofrechtlichem Verbände. 1 ) 

Andererseits ist die grundheniiche Yerfassung die gleiche im Norden 
wie im Süden der Provinz. Entscheidend ist dabei, dafs der Grundherr 
überhaupt nicht oder doch nur in sehr geringem Mafse eigene Wirtschaft 
treibt. Die Kittersitze sind verschwindend klein (vergl. S. 2, Anm. 1); die 
zu den geistlichen Fronhöfen gehörenden Salgüter waren freilich zumeist 
gröfser, aber ihre Bestellung im Eigenbau hatte bereits auf der Höhe des 
Mittelalters aufgehört. 2 ) Frondienste, welche allerdings die Erhaltung spann- 
fähiger Güter durchaus voraussetzen, hatte der persönlich meist freie Bauer 
überhaupt nicht in nennenswertem Mafse zu leisten; seine Lasten sind: 
Zins, Pacht, Kurmede. 

Der Grundherr hat demnach nur das Interesse, die finanzielle Lei- 
stungsfähigkeit des hofhörigen Gutes zu sichern und die Verzettelung der 
Pflichtigen Grundstücke zu verhüten. Dazu ist ein Weg: strenge Geschlossen- 
heit des Gutes; Übertragung an einen Anerben, sobald die alte Hausgemein- 
schaft sich aufgelöst hat. Der Anerbe tritt zunächst als Vorträger gegenüber 
dem Herrn auf. So ist die Entwickelung im Gebiet der Hofbesiedelung 3 ) 
und im Gebirge. 

Für die Bonner Umgegend hat Gothein nur einen Fall strenger 
Geschlossenheit aufzufinden vermocht, auf dem Hofe der Äbtissin von 
Essen in Godesberg. Es ist jedoch höchst wahrscheinlich, dafs hier eine 
vereinzelte Übertragung des Rechtes des westfälischen Oberhofes Essen vor- 
liegt. 4 ) Die übrigen scheinbaren Anläufe zur Konstituierung eines Anerben- 
rechtes in der Umgebung von Bonn zeigen sehr deutlich, wie die Ent- 
wickelung in ihr Gegenteil umschlägt. 

Noch im 16. Jahrhundert antworten die Ladenicher Hofleute auf die 
Frage: „ob auch einige Hofgüter verkauft, verteilt, versplissen, versetzt oder 
beschwert seien" schlechthin, „das inen noch diesmal nixt davon bewufst 
sei" ; weiterhin aber regeln sie genau die Bestellung der Fürgänger. Ähnlich 
wird für kurmedige Güter in Walberberg die „empfangende Hand" bestimmt. 
Das Weistum des Mühlheimer Hofes bei Bonn 5 ) schreibt vor: die Hufner, 
die am Jahresding nicht den vollständigen Besitz ihrer Güter nachweisen 
können, weil sie vielleicht einen Teil davon verkauft oder sonst veräufsert 
hätten, sollen in ihre frei eigenen Güter greifen und das Lehen davon voll- 
machen, damit der Hof bei seiner Gerechtigkeit und der Hofherr bei seinen 
Gütern unverletzt bleibe. Hier wird also das Eigengut des Hofmanns haft- 
bar gemacht für die Nachteile, die er durch Verkauf seinem geliehenen 



x ) Gothein, Agrarpolitisclie Wanderungen im Rheinland. Festgaben für Karl Knies. 
Berlin, 1896, S. 247. 

2 ) Gothein, a. a. 0., S. 257. 

3 ) Gothein, a. a. 0., S. 245. 

4 ) Gothein, a. a. 0., S. 250. 

5 ) Gothein, a. a. 0., S. 248. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 97 

Gute zugefügt hat. Die Teilung selbst ist nicht untersagt. Schon im 
16. Jahrhundert ist es in der ganzen Bonner Umgegend, und zwar ebenso 
im Hügelland wie in der Ebene die Regel, dafs eine blofse Anzeige auf 
dem nächsten Hofding genügte, wenn jemand Güter aus seinem Lehen ver- 
kaufte oder es ganz verteilte. 1 ) Das Interesse des Grundherrn wurde in der 
That vollständig dadurch gewahrt, dafs man — wie es in ganz Süddeutschland 
üblich war — eine „empfangende Hand", einen „Prinzipal" des Guts stellte, 
der der Herrschaft für die Einsammlung der Zinse und Pachte haftete. In 
Kessenich werden 1550 die Bauern befragt: Wenn die Güter verteilt werden 
und die Pacht dadurch vielfältig verteilt und versplissen wird, ob dann der 
■Schultheifs eine rechte empfangende Hand heischen soll, oder ob er vielmehr 
denjenigen heischen soll, dem also zugeteilt ist? Die Antwort lautet: Man 
solle auf die Güter der Teilbesitzer so lange Arrest legen, bis sie eine em- 
pfangende Hand stellen. Hie und da findet sich die Gesamthaftung aller 
Teilbesitzer. 

Oft dient der Grundherr seinem wirtschaftlichen Yorteil, wenn er die 
Naturalteilung begünstigt. Wo ein beträchtlicher Teil der Einnahmen an 
den Personen der Pflichtigen Leute und nicht an ihren Gütern haftet, ist 
es rentabler, die Anzahl der Personen zu vermehren als sie beschränkt zu 
erhalten. 2 ) 

Der Vorträger zahlt gewöhnlich die Kurmede, die Besitzänderungsab- 
gabe, allein. Nicht selten jedoch wird die ganze Kurmede auf alle Splissen 
des früheren Vollguts gelegt. 3 ) Ein von Lamprecht citiertes Weistum von 
Tholey aus dem Jahre 1787 drückt diesen Vorgang anschaulich so aus: „dho 
man viel hober und empf enger hab, do verfallen auch viel bestheupter." 

Die Kurmedebelastung geht dann sehr weit; nicht blofs jeder neue 
selbständige Haushalt oder jeder einzelne Morgen Ackerland hat sie zu 
leisten, sie soll überhaupt von jedem noch so kleinem Stückchen hinter- 
fälligen Landes erhoben werden können, sei es auch nur so grofs, um einen 
dreistengeligen Stuhl darauf zu stellen. Die Grenze tritt dort ein, wo eine 
Reihe von Zwergwirtschaften nicht so viel Kurmede aufbringen kann wie ein 
Vollgut. 

Vielfach sucht man allerdings einer übermäfsigen Mobilisierung und 
Parzellierung vorzubeugen. Die Bonner Schöffen halten darauf, dafs Lehn- 
güter bis auf den vierten Teil, aber nicht weiter zerteilt werden dürfen. In 
den benachbarten Rebgegenden ist diese Bestimmung aber schon seit dem 
14. Jahrhundert in Abgang gekommen; der Kleinkultur der Weinberge ent- 
sprechend, waren die dortigen Güter völlig verteilt. 4 ) 

Von einer Oktroyierung des Anerbenrechts ist nirgends weder im 
Norden noch im Süden eine Spur zu finden. 5 ) 

*) Gothein, a. a. 0., S. 250. 

2 ) Gothein, a. a. 0., S. 256. 

3 ) Lampeecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter. Bd. 1, S. 649 ff. 

4 ) Gothein, a. a. 0., S. 251. 

5 ) Gothein, a. a. 0., S. 255. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 7 



98 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Das endgiltige Ergebnis der einander widersprechenden Tendenzen ist 
die Geschlossenheit der Güter in der Westeifel, im Bergischen Lande und am 
Mederrhein, die Zersplitterung im Rheinthal. Die Grundherrlichkeit des Gutes 
führt beim Übergang aus der Hausgemeinschaft überall da zur Schliefsung, 
tvo es den wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht. Unter Umständen tritt 
wohl Zersplitterung grundherrlicher Güter ein, wo Geschlossenheit am Platze 
iväre, nicht aber umgekehrt. Es ist kein Verdienst der Grundherren, welches 
die geschlossenen Höfe erhalten hat, kaum ein unbewufstes in Wahrung des 
Interesses der ihnen geschuldeten Abgaben, sondern eine wirtschaftliche 
Notwendigkeit, die sich ohne Grundherrschaft ebenso durchgesetzt hätte 
und bei den freien Gütern der gleichen Gegenden thatsächlich durchgesetzt 
hat. Der nämliche Grund hat auch in unserm Jahrhundert die geschlossenen 
Hofgüter trotz der ihnen feindlichen Gesetzgebung am Mederrhein erhalten 
und macht es so beklagenswert, dafs diese Gesetzgebung sie im Gebirge 
zum Verschwinden gebracht hat. Die Ausführungen Gotheins 1 ) erscheinen 
im wesentlichen auch für die Eifel zutreffend: „Daher haben auch nicht 
die wirtschaftlichen Interessen des Herrenhofes dahin gedrängt, auf den 
Bauernhöfen eine beschränkte Erbfolge einzuführen. Diese führten nur da- 
zu, einem Übermafs der Mobilisierung, einer Zersplitterung vorzubeugen, bei 
der die einzelnen Güterstücke leicht hätten aus dem Hofesverbande geraten 
können, und deshalb halte ich auch das Anerbenrecht am Mederrhein und 
im bergischen Lande, obwohl es sich von den hofhörigen Hufen aus ver- 
breitet hat, doch nicht für eine Mafsregel, die den Unterthanen im Interesse 
der Fronhofswirtschaft aufgedrängt worden ist, sondern für eine Konsequenz 
der Besiedelung des Landes mit Einzelhöfen. Der ältere altverbreitete Zu- 
stand der Hausgemeinschaft unter einem Yorträger konnte sich ebensowohl 
zu einem Anerbenrecht verdichten, wie zu einer gleichen Erbteilung auflösen. 
Welchen Gang die Entwickelung nahm, das hing von den Bedingungen der 
Wirtscimf t des Bauern selber ab. u 

Überblickt man die vorstehend gegebenen Notizen, so ergeben sich 
allerdings drei grofse Lücken, auch abgesehen davon, dafs hier das gedruckt 
vorliegende Material an Weistümern, Gesetzen, Judikaten etc. nur mangel- 
haft ausgenutzt werden konnte. 

Zunächst wissen wir von dem Rechte grofser Teile der Rheinprovinz aus 
bekannten Gründen nichts Näheres. Diesem Mangel werden allmählich die 
Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde abhelfen. 

Dann sind wir für den weitaus gröfsten Teil der Provinz nur über das 
geschriebene Recht, nicht über die thatsächliche Erbsitte und Gerichtspraxis 
unterrichtet. Der Unterschied zwischen beiden war aber sicher stellenweise 
sehr bedeutend; so ist anzunehmen, dafs in den körnerbauenden Distrikten des 
Herzogtums Jülich, trotz der angeführten Jülich -Bergischen Bestimmungen, 
die freie Teilung bereits lange vor Einführung des Code Regel war, während 



a. a. 0. S. 259. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 99 

andrerseits im Bergischen und am Mederrhein auch die frei teilbaren Eigen- 
tumsgüter vor dem Eindringen der Hausindustrie höchst wahrscheinlich 
ebenso geschlossen vererbt worden sind, wie es noch heute der Fall ist, wo 
dieser Einflufs fehlt. Das Gleiche gilt von anderen Gegenden. 

Die dritte und wohl am schwersten auszufüllende Lücke ist der Mangel 
einer Grundeigentumsstatistik nach der rechtlichen Seite hin. Über die 
wichtige Frage, wieviel Bauerngüter allodial waren und wieviel in einem Ab- 
hängigkeitsverhältnis standen, sind wir für grofse Landesteile fast ganz auf 
Vermutungen angewiesen. E. F. Wiebeking teilt in seinen „Beiträgen zur 
Churpfälzischen Staatengeschichte" (Heidelberg und Mannheim 1793) bezüglich 
des Herzogtums Berg mit (S. 3): „In 18 Ämtern des Landes (aufser den 
beiden Unterherrschaften Hardenberg und Broich) liegen 1040 adeliche freie, 
582 geistlich freie, 798 Churmuths und 128 Sattelhöfe; 18000 steuerbare, 
und gegen 40000 Häuser." Betreffend das Herzogtum Jülich beschränkt sich 
Wiebeking sogar auf die Bemerkung (S. 7) : „Wenn die grofsen Höfe in kleinere 
verteilt würden, so würde die Agrikultur unendlich gewinnen; die Reali- 
sierung dieser Wünsche hängt aber gröfstenteils vom Adel und vorzüglich 
von der Geistlichkeit ab." 

Mit solchen Angaben ist nicht viel anzufangen. Ob die Detailforschung 
bessere Resultate erzielen kann, die eine Verallgemeinerung mit gröfserer 
Sicherheit gestatten, kann nur der Yersuch lehren. — 

Welche tvirtschaftlichen und sozialen Wirkungen hat der Code nun 
gehabt? Zunächst, abgesehen vom Mederrhein, eine aufserordentliche Zer- 
splitterung des Grund und Bodens und Verminderung des durchschnittlichen 
Umfang es der landivirtschaftlichen Betriebe. Beides — ob man es als 
Vorteil oder Nachteil betrachtet — ist natürlich nicht auf sein Konto allein 
zu setzen. Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Kultur und das Vor- 
dringen der Industrie haben zum wenigsten für weite Bezirke gleichen 
Anteil daran. Zahlen über den Umfang der Parzellierung zu geben, scheint 
nicht geboten. Eine Reihe drastischer Beispiele sind bereits angeführt 
worden. Die offizielle Statistik stellt die Thatsachen nicht ganz richtig 
dar, weil sie nur die Katasterparzellen angeben kann. In Wirklichkeit er- 
folgt z. B. oft eine Yereinigung aneinanderliegender Parzellen, die, weil die 
Beteiligten die Kosten scheuen, überhaupt nicht zum katastermäfsigen Aus- 
druck gekommen ist. 

1. Darüber, dafs die Verteil ung eines Einzelbetriebes in unzählige, räum- 
lich getrennte Fetzen Landes unwirtschaftlich ist, dafs Gemengelage und 
Flurzwang den technischen Fortschritt hindern, ist wohl kein Wort mehr 
zu verlieren. Es genügt, auf den Erlafs des Gesetzes, betreffend die ivirt- 
schaftliche Ziisam?nenlegung der Grundstücke in der Rheinprovinz vom 
24. Mai 1885 zu verweisen, das, dank der energischen Thätigkeit der 
Generalkommission in Düsseldorf, bereits gute Dienste geleistet hat. 

Immerhin möge ein Beispiel den schädlichen Einflufs der Gemengelage 
und die weitere Steigerung der Zersplitterung durch das Erbrecht zeigen. 

7* 



100 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



Li den vom Landwirtschaftsministerium veranstalteten „Ermittelungen über 
die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen" befindet sich eine ein- 
gehende Aufnahme über die ländlichen Verhältnisse der Gemeinde Nohn im 
Kreise Adenau von Friedrich Otto (Band II. Berlin 1891, S. 95—166), die 
sich auch speziell mit dieser Frage beschäftigt. Nohn ist eine typische 
Eifelgemeinde, in der stets geteilt wird; jetzt ist übrigens Zusammenlegung 
erfolgt. Otto spricht davon, dafs 1 / 3 bis 1 / 2 der Brache in Nohn mit Futter- 
pflanzen bestellt werde und fährt dann fort (S. 101): „Der weiteren Aus- 
dehnung selbst nur der verbesserten Dreifelderwirtschaft stehen die starke 
Parzellierung, die wenigen vorhandenen Wirtschaftswege und der dadurch, 
wenn auch nicht rechtlich, so doch thatsächlich vorhandene Flurzwang 
zur Zeit entgegen. Dafs das Bestreben, eine freiere Wirtschaft zu führen, 
thatsächlich vorliegt, zeigt ein Teil der an Wegen liegenden Parzellen, auf 
welchen bereits vier- und sechsfeldrige Wirtschaft durch Anbau mehrjähriger 
Futterpflanzen (Esparsette) getrieben wird. Selbst nicht direkt zugängliche 
Grundstücke werden seit den letzten acht Jahren von einzelnen Bauern einer 
freieren Fruchtfolge unterworfen. Dieses geschieht auf einer stillschweigenden 
gegenseitigen Duldung der anliegenden Besitzer, über deren Grundstücke 
gefahren werden und die Bewirtschaftung erfolgen mufs. Zum gröfsten Teil 
sind es aber die gröfseren Bauern, welche sich nicht um die bestehenden 
Verhältnisse kümmern und über die bestellten Parzellen anderer, meist kleinerer, 

von ihnen abhängiger Grundbesitzer, mit Pflug und Yieh hinüberziehen 

Im Ganzen grenzen in der Gemarkung Nohn 2141 Parzellen an einen Weg, 
sind also direkt, wenn auch nur von einer Seite, zugänglich, während 9995 
Parzellen nicht ohne über die Grundstücke anderer zu fahren für die Be- 
wirtschaftung erreichbar sind. Die hieraus hervorgehende starke Parzellierung 
des Besitzes, die zwar in Nohn nicht so weitgehend wie in den meisten 
anderen Gemeinden dortiger Gegend ist, macht den Flurzwang zu einem 
Hauptübel fortschreitender Kultur. Die Zahl der Parzellen hat zwar in den 
letzten Jahren durch Verkauf von Grundstücken wegziehender Besitzer an 
solche Bauern, die ihre Grundstücke durch Zukauf anliegender Flächen zu 
vergröfsern suchen, abgenommen, allein nachstehende Tabelle beweist doch 
noch eine weitaus zu starke Zerstückelung des Besitzes: 



Kulturart 


Größe 
ha 


Parzellenzahl im Jahre 


Gegenwärtige 
durchschnitt- 
liche Gröfse 




1878 


1888 


ha 


Äcker und Gärten 

Wiesen 

Weideland (Ödland) 

Wald 


384,5 

84,2 

110,5 

483,2 


9405 

3282 

7 

30 


9015 
3086 

7 
28 


0,043 
0,024 
16,64 
17,26 


Summa 


— 


12724 


12136 


— 



Mit der Wirklichkeit verglichen, dürften die unter Spalte 2 und 3 an- 
gegebenen Zahlen etwas zu hoch sein, weil einzelne mit verschiedenen 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 101 

Nummern versehene Parzellen aneinanderliegen und wirtschaftlich einen 
Plan bilden. Auf der anderen Seite aber sind auch Erbteilungen vorge- 
kommen, deren Fortschreibung im Kataster nicht veranlafst ist. Die gröfste 
Parzellierung weisen die Wiesen auf, welche weniger der Yeräufserung unter- 
liegen, eine grofse Nachfrage besitzen und bei einem etwaigen Yerkauf durch 
die grofse Konkurrenz einen hohen Preis erzielen. Unter diesen Verhält- 
nissen ist die weitere wünschenswerte Ausdehnung des Futterbaus und damit 
die Viehhaltung durch Übergang zu einer rationellen Fruchtwechselwirtschaft 
ohne vorherige wirtschaftliche Zusammenlegung der Grundstücke nicht mög- 
lich, wie dieses auch die Kentabilitätsberechnungen erweisen". Weiter er- 
wähnt Otto die hohen Grundstilckpreise (S. 118): „Auf die hohen Preise des 
Grund und Bodens und die dadurch hervorgerufenen ungünstigen Zustände 
hat einmal das herrschende Erbschaftssystem, wonach jeder Erbe seine Ab- 
findung in natura erhält, einen wesentlichen fördernden Einflufs, sodann aber, 
und das dürfte, wie später näher erörtert wird, mit ein Grund für das Steigen der 
Preise in den letzten Jahren sein, ist die Kreditbefriedigung durch gegründete 
Darlehnskassen eine sehr leichte und in dieser Hinsicht allzuleichte. Bei 
dem an sich schon herrschenden Kleinbesitz in Nohn wird durch die 
Naturalteilung, wie früher erwähnt, in der Kegel der Besitz für jeden Erben 
so klein, dafs, wenn derselbe in Nohn dauernd bleiben will, bei der zur 
Ernährung einer Familie notwendigen Flächengröfse unbedingt Land zu- 
erworben werden mufs. Bei den Erben der mittleren und gröfseren Besitzer 
kommt dazu ein falscher Stolz und Ehrgeiz. Dieselben schaffen sich sogar 
oft schon auf ihrem ererbten Kleinbesitz Pferde bezw. Ochsen an, obgleich 
nur Kühe als Arbeitsvieh am Platze wären, sicher rechnend, dafs demnächst 
eine Gelegenheit zum Kauf oder zur Pachtung sich bieten wird. Anschliefsend 
hieran sprechen noch andere Gründe gegen das System der Naturalteilung 
in der Eifel. Zunächst ist es besonders die vollständige Veränderung des 
bestehenden Wirtschaftssystems, welche bei einer jedesmaligen Teilung not- 
wendig wird und die für die Eifel, wo nur durch Aufzucht und Züchtung 
von Yieh eine Wirtschaft Erfolge aufweisen kann, von gröfstem Nachteil ist. 
Denn gerade die bäuerlichen Wirtschaften mit Aufzucht von Yieh müssen 
in erster Linie in ihrer Form, Grofse und Bewirtschaftung konstant bleiben. 
Nimmt man z. B. einen Bauern an, welcher Pferdezucht treibt, und dieser 
teilt sein kleines Besitztum nur in drei oder auch nur zwei Teile, so wird 
damit die Pferdezucht wie Pferdehaltung, welche ja stets erst bei einem 
mit gröfserem Grundbesitz versehenen Eigentum mit Erfolg betrieben werden 
kann, unrentabel werden. Die nunmehrigen Besitzer sind gezwungen, ent- 
weder Land zuzukaufen, wodurch bei dem gänzlichen Mangel an Betriebs- 
kapital und den hohen Bodenpreisen Schulden entstehen, welche nicht in 
Einklang mit der Bentabilität zu bringen sind, oder sie müssen sich auf 
Kindviehhaltung und Zucht legen. Diese aber erfordert gleichfalls andere 
Einrichtungen und Änderungen, beansprucht auch andere Kenntnisse, welche 
dem in der eigenen Wirtschaft ausschliefslich thätig gewesenen und nur die 
Pferdewirtschaft kennenden Bauer abgehen Leider widerstrebt die 



102 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Bevölkerung einer etwaigen Änderung des Erbrechtssystems durchaus. In 
Nohn sind etwa nur 2 Besitzer vorhanden, die einem mehr auf das Anerben- 
recht hinausgehenden System beistimmen würden. Beide gehören allerdings 
zu den tüchtigsten der Eingesessenen und treiben viehzüchterische "Wirt- 
schaft. Es ist aber keine Frage, dafs die Stimmen für die Einführung eines 
vielleicht fakultativen Anerbenrechts sich im Laufe der Jahre vermehren 
werden. Vielfach wird schon jetzt Klage öffentlich darüber geführt, dafs die 
von Nohn wegziehenden Personen, welche ihr Erbe verkaufen, hierbei zu 
willkürlich und rücksichtslos gegen ihre zurückbleibenden Miterben verfahren, 
indem sie von den teuersten Grundstücken und insbesondere den Wiesen- 
und Gartenparzellen, zwecks Erzielung eines höheren Kaufgeldes ihr Erb- 
teil verlangen. Hierdurch geht dann häufig das Hausgärtchen oder ein gutes 
Wiesenstück zum Schaden der die Ackerwirtschaft weiter treibenden Ver- 
wandten, welche einen so hohen Preis nicht zahlen können, in fremde 
Hände über." 

Selbstverständlich ist andererseits eine vollständige Arrondierung nament- 
lich für kleinere Wirtschaften in den meisten Fällen ein Ding der Unmög- 
lichkeit, auch wenn nicht mehr strenge Drei- oder Vierfelderwirtschaft herrscht. 

Von entscheidender sozialer Bedeutung ist es, dafs in Gegenden, 
welche ausreichender Gelegenheit zu industriellem Nebenerwerb entbehren, 
durch das Erbrecht die Betriebseinheit leicht auf einen Umfang herunter- 
gedrückt wird, der dem Besitzer eine selbständige Existenz nicht mehr er- 
möglicht. Die notwendige Betriebsgröfse kann unter Umständen recht gering 
sein, bei den Veilchen- und Spargelbauern in Alfter und den anderen Orten 
des Vorgebirges eine minimale. Aber die Landwirte können nicht alle 
Veilchen und Gemüse bauen; auch der Handelsgewächs- und der Wein- 
bau sind an bestimmte, nach der Ausdehnung der Verkehrsmittel und noch 
mehr nach Klima und Boden genau umgrenzte Gegenden gebunden. Eine 
Reihe der Berichte spricht sich, zum Teil mit eingehender Begründung, da- 
hin aus, dafs die Ideinsten Betriebe sich wohl bewahren. Einstimmig er- 
klären die Berichterstatter aus der Saarbrückener Gegend, dafs das geltende 
Erbrecht auch den wirtschaftlichen Interessen der Landbevölkerung durchaus 
entspreche. Wenn nämlich auch durch die stellenweis zu weit gehende Par- 
zellierung des Grundbesitzes Nachteile entstünden, so sei es doch andererseits 
— ganz abgesehen von der die Landwirtschaft im Nebenbetriebe führenden 
Arbeiterb evölkerung — unter den dortigen Verhältnissen für einen Acker- 
bauer vorteilhafter, auf einem kleinen, aber möglichst schuldenfreien Besitze 
mit eigenen Kräften zu wirtschaften, als einem gröfseren Besitz unter Be- 
lastung mit Herausgabe an Miterben zu gewinnen, da die Benutzung fremder 
Arbeitskräfte bei den durch die Industrie überaus gesteigerten Lohnsätzen 
keine Vorteile mehr ergäbe. Ein Amtsrichter meint sogar, dafs die Zer- 
splitterungszunahme den Eigentümern zum Nutzen gereiche, da die Grund- 
stücke dadurch im Werte zunehmen — ein Moment, welches jedoch nur 
vom privatwirtschaftlichen Standpunkt und für denjenigen von Bedeutung ist, 
der sein Grundstück verkaufen will. Unter dem volkswirtschaftlichen und 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 108 

sozialen Gesichtspunkte müssen zweifelsohne niedrigere Bodenpreise als vor- 
teilhafter erscheinen. Die Argumentation, dafs die Notwendigkeit, sich be- 
zahlter Arbeitskräfte zu bedienen, in den Industriegegenden die Bewirtschaf- 
tung verteuert, ist natürlich als richtig anzuerkennen; fraglich ist nur, ob 
nicht daselbst auch die Bauernwirtschaften schon vielfach zu klein geworden 
sind, um ihre Inhaber noch ausreichend zu ernähren. 

Ähnlich sagt der Landrat von Gummersbach, die Folge der fortgesetzten 
Teilungen sei natürlich das Überwiegen von Zwergwirtschaften, die jedoch 
deshalb nicht so nachteilig wirkten, weil die überflüssigen Arbeitskräfte in 
den meisten Gemeinden in der Industrie Arbeit fänden. Der Yorteil für die 
industriellen Arbeiter wird auch von dem Amtsricher in Aachen betont. 

Ausführlicher läfst sich über die Frage der Amtsrichter von Stromberg 
aus: „Der Bezirk des Amtsgerichts Stromberg enthält in politischer Bezie- 
hung eine Stadt- und vier Landbürgermeistereien und im ganzen nach der 
neuesten Volkszählung 18352 Einwohner. Der Bezirk wird im Norden und 
Westen von bewaldeten Gebirgszügen, dem Soon- und Binger -Wald, welche 
im Bezirk selbst eine Meereshöhe bis zu 653 m erreichen, im Osten vom 
Khein und im Süden von der Nahe begrenzt. Er bildet eine Hochebene, 
welche sich von den Grenzgebirgen bis zu den beiden Grenzflüssen allmählich 
abdacht und im Durchschnitt eine Meereshöhe von 300 bis 400 m besitzt. 
Zwei tief eingeschnittene Thäler, die des Gulden- und Gräfenbaches, durch- 
brechen und gliedern mit ihren Zuflüssen diese Hochebene. Aus dieser 
Bodenbeschaffenheit in Verbindung mit der Höhenlage ergeben sich in wirt- 
schaftlicher Beziehung folgende Verschiedenheiten. Während die Gebirgszüge 
mit ihren Hochthälern sich nur zur Wald- und Wiesenkultur eignen, dient 
die Hochebene selbst mit ihrem teilweise sehr fruchtbaren kalkreichen Boden 
dem Ackerbau. Der Thalboden der meistens engen und schluchtenartigen 
Thäler wird als Wiese und stellenweise zum Gemüsebau benutzt; in dem 
weiteren Thal der Nahe findet sich auch Getreidebau. Die Abhänge der 
Thäler sind, wo dies das Klima noch gestattet, mit Wein bepflanzt. Durch 
ihre Steilheit und Bodenbeschaffenheit eignen sie sich zum Weinbau ganz 
besonders. Wo dies nicht der Fall ist, sind sie mit Eichenschälwaldungen 
bestanden. Neben dem Weinbau ist die Obstzucht ein wesentlicher Erwerbs- 
zweig der Bewohner, indem auf jedem Acker Obstbäume eingepflanzt sind, 
welche in guten Jahren einen reichen Ertrag abwerfen. Neben dem Acker-, 
Wein- und Obstbau finden die Bewohner noch dadurch lohnende Arbeits- 
gelegenheit, dafs zunächst der Bezirk grofse Waldungen, welche sich fast 
ausschliefslich, abgesehen von mehreren Grofsgrundbesitzern, in Händen des 
Staates und der Gemeinden befinden, enthält, zu deren Kultur und Nutzung 
zahlreiche Arbeitskräfte erforderlich sind. Ferner haben die bedeutendsten 
industriellen Anlagen des Kreises Kreuznach, die Rheinböllerhütte, die Strom- 
berger Neuhütte und das Emaillierwerk zu Stromberg ihren Sitz im hiesigen 
Bezirk. Die Arbeiter dieser Werke sind sämtlich einheimische. Abgesehen 
hiervon gewähren noch die Staats -Eisenbahn -Verwaltung mit ihrer grofsen 
Betriebswerkstätte zu Bingerbrück, die zahlreichen Kalkbrennereien, der 



104 I« Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Bergbau auf Brauneisenstein und die Fabriken zu Bingen der arbeit- 
suchenden Bevölkerung ausreichende Gelegenheit zum lohnenden Verdienst, 
Es erwachsen infolgedessen der Bevölkerung durch diese Zwergwirtschaft 
keine wirtschaftlichen Nachteile; sie hat vielmehr den in sozialer Beziehung 
nicht zu unterschätzenden Vorteil, dafs jeder Arbeiter auf eigenem Qrund 
und Boden wohnen und sich seinen Bedarf an landwirtschaftlichen Erzeug- 
nissen wenigstens zum Teil selbst zu ziehen vermag. Infolge dieser Zwerg- 
wirtschaft giebt es — von den Waldungen abgesehen — im hiesigen Bezirk ge- 
schlossene Güter und Höfe überhaupt nicht mehr. Selbst der Besitz der wenigen 
Grofsgrundbesitzer besteht nicht mehr aus zusammenhängenden gröfseren Grund- 
stücken, sondern aus Parzellen, welche zum gröfsten Teil durch Grundstücke 
anderer Eigentümer von einander getrennt sind. Bei der lediglich ackerbau- 
treibenden Bevölkerung ist ein Besitz von 30 und mehr Morgen schon ein 
bedeutender zu nennen; die meisten Landwirte werden im Durchschnitt Eigen- 
tümer von 10 bis 20 Mor-gen sein. Der neben der Ackerwirtschaft betriebene 
Wein- und Obstbau gewährt selbst dem kleineren Bauer, der seinen Grund- 
besitz mit Hilfe seiner Familienmitglieder selbst bewirtschaftet, noch ein be- 
scheidenes Auskommen. Es läfst sich jedoch nicht verkennen, dafs die Ver- 
schuldung des Grundbesitzes stetig zunimmt und dafs das hauptsächlich für 
diejenigen Gemeinden, in welchen der Weinbau überwiegt, zutrifft. Da in 
diesen Ortschaften auch die Parzellierung am weitesten vorgeschritten zu 
sein pflegt, so läfst sich der Schlufs ziehen, dafs eine iveitere Zersplitterung 
des Grundbesitzes eine immer sich steigernde Verschuldung zur Folge haben 
ivird und dafs es Sache der Gesetzgebung sein mufs, durch Bestimmung 
einer Grenze, über die hinaus Teilungen und Parzellierung untersagt sind, 
für Abhilfe zu sorgen." 

So kommt man denn zu dem trivialen Satz, dafs die durch das Erbrecht 
des Code herbeigeführte Zersplitterung und Verkleinerung des Besitzes 
überall da in wirtschaftlicher Hinsicht nicht direkt schädigend wirkt, wo ent- 
weder der Kleinbauer eine Spezialkultur treibt oder wo er in der Fabrik, im 
Wald, in weiten Teilen der Provinz auch in der Hausindustrie einen ausreichen- 
den Nebenerwerb hat. Ist der Landwirt auf Getreidebau oder Viehzucht an- 
gewiesen und fehlt die Gelegenheit zum Nebenerwerb, so ist aus technischen 
Gründen die wirtschaftlich zulässige Betriebsgröfse auf ein bestimmtes — 
natürlich von Ort zu Ort oder Fall zu Fall wechselndes, aber ziemlich umfang- 
reiches — Mindestmafs fixiert. Zu sagen, dafs die freie Teilung den Gebirgs- 
bauern genützt habe, ist eine seltsame Selbsttäuschung oder Hohn. Man erinnere 
sich nur der Schilderung, die der Landrat von Prüm von der dortigen Bevölke- 
rimg giebt. Für die im Mittelalter einst blühende 'Ei fei besteht seit Jahren ein 
Notstandsfonds; der schlagendste Beweis dafür, dafs die Freiteilbarkeit den 
erhofften Segen dort nicht gebracht hat. Die vorjährigen Debatten im Ab- 
geordnetenhause bei Gelegenheit der Beratung des Antrages Knebel, den 
Notstandsfonds auch dem Hunsrück und den Gebirgen rechts des Kheins zu- 
gänglich zu machen, haben genügendes Material über das Elend der Klein- 
bauern in allen rheinischen Gebirgen gebracht. Wenn die Eifel der Hilfe 






II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 105 

am dringendsten bedurfte, so ist der Grund der, dafs sie von Natur besonders 
spärlich ausgestattet ist 1 ) und dafs die Not die wirtschaftliche Energie ihrer 
Bewohner — trotz gelegentlich und örtlich sich zeigender überraschender 
Intelligenz und Thatkraft — geradezu gelähmt hat. Diese Energie nun zu 
wecken, ist die dringendste Aufgabe. Wie soll das aber gelingen? Die Eifler 
Kleinbauern haben zum Leben nicht genug und zum Sterben zu viel; aus 
solchen Existenzen können keine selbständigen Charaktere erwachsen. Dabei 
ist die einst nicht unbeträchtliche Industrie in der Eifel fast ganz ver- 
schwunden. 

Aber nicht nor im Gebirge, auch anderwärts im mittleren und süd- 
lichen Teile der Provinz geht die Teilung weit über das wirtschaftlich zu- 
lässige Mals hinaus: „Versuche, die Zweckmässigkeit und Nützlichkeit des 
Zusammenhaltens des Grundbesitzes in einer Hand für die Einzelnen, für 
Familie und Gemeinwesen zum Bewufstsein und zum Empfinden zu bringen 
und darzulegen, dafs dies innerhalb gewisser Grenzen bei dem geltenden 
Recht sich ermöglichen lasse, begegneten einem Achselzucken oder voll- 
ständigem Schweigen und hatten nie den geringsten Erfolg. Die unbedingt 
gleiche Teilung auch des Grundbesitzes unter die Kinder oder Verwandten 
scheint wie ein krankhaftes Gefühl die Vorstellung zu beherrschen und tritt 
sogar bei Teilung der Gehöfte hervor, welche ausnahmslos in realiter ge- 
teiltem Besitz mehrerer Familien sind, welche ihrerseits die Teilung ihres 
Besitzes in der herkömmlichen Weise vollziehen. Die schädlichen Wirkungen 
der grofsen Zersplitterung und einer oft geradezu widersinnigen Zerteilung 
der Ländereien, namentlich der Weinberge, bei welchem selbst die einzelnen 
kleinen Zeilen der Quere nach nochmals geteilt werden, treten freilich bei 
Teilung der wohlhabenderen Leute und bei dem Bestreben der meisten Be- 
sitzer von Grundstücken, so viel als möglich zu dem ererbten oder sonst 
erhaltenen Besitz noch Land hinzu zu erwerben, nicht sonderlich hervor. 
Dagegen liegen aber nur allzu häufig die den ärmeren Leuten gehörenden 
Bodenteile kaum dürftig bestellt und oft wüst da. Das Konsolidationsverfahren 
könnte Avohl der unwirtschaftlichen Zerstreuung der den Einzelnen in einer 
Gemarkung gehörenden Grundstücke vorbeugen. Eine durchgreifende Besserung 
und richtige Ausnutzung von Grund und Boden möchte aber wohl nur durch 
die Gesetzgebung zu erreichen sein, sei es durch Änderung des Erbrechts 



*) Der Spezialkommissar Eegierungsrat Dr. Freiherr v. Salis-Soglio sagte darüber in 
einem im vorigen Jahr gehaltenen Vortrage: „An der Hand der-Einschätzungen durch unsere 
vereideten Boniteure kann ich Ihnen nachweisen, dafs der Westerwald durchgehends tief- 
gründigen, wenn auch kalten undurchlässigen Boden hat, während die Eifel hauptsächlich 
flachgründigen Boden aufweist. Wirklich gute Ackerklassen, in denen die gewöhnlichen 
Fruchtarten mit Sicherheit geerntet werden, kommen selbst in der grölsten Gemarkung der 
Eifel bei jedem Ort nur vereinzelt vor. Die kahlen schwarzen Heiden, die sich in der Eifel 
von Dorf zu Dorf hinziehen, und die vielen blinkenden Dörfer im Westerwald beweisen die 
Richtigkeit meiner Ausführung. Der Eifeler Acker ist so arm, dafs er nicht einmal das 
nötige Stroh zur Einstreu liefert, Plaggen, Waldstreu und Blätter sollen es ersetzen, können 
aber dem Acker nicht zur rechten Kraft verhelfen. Zudem ist absolut kein Nebenverdienst 
in der Eifel." (Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreussen. 1895. S. 376). 



106 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

oder durch Einschränkung der Grundstücksteilung auf ein fest bestimmtes 
Mafs, damit der Gutseigentümer Yerfüguugsfreiheit erlangt, testamentarisch 
oder durch Erbvertrag über seinen Grundbesitz zu bestimmen, was auch in 
der hiesigen Gegend voraussichtlich, jedenfalls aber bei den tüchtigeren Land- 
wirten bald als eine Wohlthat empfunden werden würde." (Amtsrichter . von 
St. Goar). 

Der Landrat von K. hält den kleinen Grundbesitz für ein Schutz- 
mittel gegen die verderblichen Lehren der Sozialdemokratie. Zwar ver- 
kenne er nicht, dafs bei sehr starker Zersplitterung auch ein Proletariat 
unter der Landbevölkerung sich ausbilden könne, das unter Umständen den 
Agitationen der Sozialdemokratie zugänglich sein würde; indessen sei ein 
Landbewohner, der überhaupt noch etwas besitzt, immer noch besser gegen 
diese Irrlehren gewappnet, als ein durch geringe und rasch verthane Geld- 
beträge abgefundener ganz besitzloser. Ersterer werde sich zwar auch in 
Fabriken oder anderweitig in den Städten seinen Erwerb suchen, aber doch 
die Anhänglichkeit an die Scholle bewahren, dadurch mit seinen Heimats- 
genossen in Verbindung bleiben und sich immerhin einen gewissen, auf die 
Achtung dieser Genossen hinzielenden konservativen Sinn bewahren. 

Ich vermag dieser, auch von anderen Berichterstattern vorgetragenen 
Argumentation nicht ganz beizupflichten. Die psychologische Thatsache, dafs 
der Bauer mit Recht nicht einzusehen wüfste, welche Yorteile dem Land- 
wirtschaftsbetrieb aus der Verstaatlichung (oder „Vergesellschaftung") der 
Produktion erwachsen sollte, diese Thatsache, die Schäffle mit dem Wort von 
antikollektivistischen Bauernschädel kurz und bündig ausgedrückt hat, be- 
steht. Aber der Grundbesitz macht nicht völlig immun gegen das Gift 
der Sozialdemokratie. Denn diese hat die Wurzeln ihrer Kraft nicht in dem 
Glauben ihrer Anhänger an die — zumeist gänzlich unverstandene — Ver- 
staatlichung der Produktion, sondern in der Hoffnung der wirtschaftlich 
Schwachen, von ihr aus dem Elend befreit zu werden. Und ob ein arm- 
seliger Zwerggütler des Gebirgslandes auf die Dauer gegen den, für seine 
Bedürfnisse vielleicht auf einen etwas anderen Ton gestimmten Sirenengesang 
von dem Zukunftsstaat besser gefeit sein würde als einer der besserbezahlten 
Arbeiter, ist doch noch zweifelhaft. 

Während das Erbrecht eigentlich schon allein die Realteilung erzwingt, 
wird sie durch das eheliche Güterrecht befördert und durch den Protokollhandel 
erleichtert. „Die Grundstücke werden regelmäfsig alle dann versteigert, wenn 
irgendwie erhebliche Schulden vorhanden sind, mögen dieselben auch nicht 
so viel betragen, dafs geradezu der gröfste Teil des Wertes der Grundstücke 
dadurch in Anspruch genommen wird. Der Erlös der Versteigerung wird 
dann, da er stets in Terminen, hier in 6 Terminen, zu zahlen ist, regelmäfsig 
an eine Kasse oder einen gewerbsmäfsigen Cessionar gegen Entrichtung eines 
hier jetzt l°/ betragenden Rabattes übertragen und wird dann nach Re- 
gulierung der Schulden durch den Cessionar der von diesem herauszuzahlende 
Überschufs verteilt." (Amtsrichter von Merzig.) Der Einflufs eines Proto- 
kollhändlers im Amtsgerichtsbezirk Königswinter ist bereits geschildert worden. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 107 

„Der Protokollhandel macht dem Landmann die Verschleuderung seines Grund- 
besitzes oder doch die Umsetzung desselben in Geld nur zu leicht. Eine 
Einschränkung oder Erschwerung des Protokollhandels mufs den Ausgangs- 
punkt bilden, um den kleinbäuerlichen Grundbesitz zusammen zu halten. Das 
gesetzliche Verbot des Protokollhandels würde in wenigen Jahren eine 
Besserung in dem angestrebten Sinne zur Folge haben. Der Landmann 
scheut es, sich persönlich der Umständlichkeit des Einziehens der Steigpreise, 
den damit verbundenen Klagen auf Zahlung der Steigpreise und Auflösung 
des Vertrages auszusetzen; meistens ist er auch nicht in der Lage, einen 
längeren Kredit — meistens 5 Jahre — zu gewähren, während anderer- 
seits der Ansteigerer diese Rentenzahlungen zur Vorbedingung des Kaufes 
macht. Lediglich eine Erschwerung des Verkaufs für den Besitzer durch 
Einschränkung des Protokollhandels kann daher einer endlosen Zersplitterung 
des Grundbesitzes wirksam vorbeugen und allmählich dazu führen, dafs der 
Landmann zu einem Festhalten seines Grundbesitzes genötigt wird. Eine 
Folge dieses gebesserten Zustandes würde auch auf die Weitervererbung des Be- 
sitzes nicht ohne Wirkung bleiben können." Sicher ist in diesen Ausführungen 
des Königswinterer Amtsrichters viel Richtiges. Ebenso wie die Hoffnung 
des Amtsrichters von Hermeskeil vielleicht berechtigt ist, dafs nach Durch- 
führung der Grundbuchgesetzgebung die erheblich höheren Kosten des 
Grundbuchverfahrens wenigstens das Gute haben würden, die vielen Ver- 
steigerungen, Teilungen und Parzellierungen des ländlichen Grundbesitzes 
mit der Zeit zum Nutzen der Landwirtschaft wesentlich einzuschränken, 
würde die Erschwerung eines bequemen Kredites die gleiche Wirkung 
haben. Aber mehr als ein Kurieren an den Symptomen ist es doch nicht. 
Solange man nicht die wirtschaftlichen oder psychologischen Ursachen der 
Teilung aufzuheben vermag, wird das Bedürfnis nach Kredit sich auch Be- 
friedigung verschaffen. Eher wäre daran zu denken, ob nicht die Landes- 
bank dieser von den rheinischen Landwirten ihren Bedürfnissen in origineller 
Weise angepafsten Kreditform sich bedienen solle, um etwa Gutsübernehmern 
das Geld zur Befriedigung der Miterben zur Verfügung zu stellen. Der 
Protokollhandel ist zur Zeit ein äufserst beliebtes Geschäft der genossen- 
schaftlichen Spar- und Darlehnskassen und auch der kommunalen Sparkassen. 
Es hat sich sogar herausgestellt, dafs die Landwirte von dem ihnen von 
kommunalen (Gemeinde- und Kreis-) Sparkassen angebotenen Amortisations- 
kredit wenig Gebrauch machten, sondern die Rückzahlung des Kapitals in 
verhältnismäfsig wenigen, womöglich beliebigen Teilraten, also die dem 
Protokollhandel zu Grunde liegende Form, vorzogen. 1 ) 

Stärker wirkt das eheliche Güterrecht des Code. Dafür liegt eine 
Reihe von Zeugnissen vor. So macht der Notar von Saarlouis darauf 
aufmerksam, dafs jede Änderung der gesetzlichen Teilungsart „in unserem 
Rechtsgebiete in die ehelichen Güterrechtsverhältnisse der Kinder tief ein- 



*) Jahresbericht des landwirtschaftlichen Vereins für Eheinpreufseu für das Jahr 1895, 
Bonn 1896. S. 11/12. 



108 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

schneidet. Das Immobilar, das ein verheirateter Deszendent erbt, fällt in sein 
Sondergalt, das Mobiliarvermögen dagegen in die gesetzliche Gütergemeinschaft, 
welche zwischen ihm und seinem Ehegatten besteht. Eine jede Erhöhung des 
Mobiliar-Erbteils unter Verringerung des Immobiliarerbanteils eines Deszen- 
denten schädigt den letzteren in seinen ehelichen Güterrechtsverhältnissen 
seinem Ehegatten gegenüber. Diese Thatsache ist neben der naturgemäfsen 
Hinneigung des Yolkes zu den uralten Kechtsgewohnheiten wesentlich mit- 
bestimmend dafür, dafs Eltern und Kinder an dem Grundsatze der gleichen 
Naturalteilung der Immobilien streng festhalten. Im beutigen Rechte nun 
sind die Kinder gegen eine bei Abschlufs des Ehevertrages nicht voraus- 
zusehende Beeinflussung ihrer ehelichen Güterverhältnisse seitens der Eltern 
dadurch geschützt, dafs der cocle civil den Eltern ohne Einwilligung der 
Kinder nur in sehr beschränktem Mafse Abänderung der gesetzlichen Teilungs- 
art gestattet. Sollten zukünftige Gesetze das Recht der Eltern in dieser 
Hinsicht erweitern, so würden meines Erachtens bezüglich des ehelichen 
Güterrechts der Kinder — jedenfalls soweit als diese Güterrechtsverhältnisse 
vor dem Inkrafttreten des neuen Rechtes bereits begründet waren — ge- 
setzliche Bestimmungen zu treffen sein, welche den Übergang einer dem 
Gesamtimmobiliarbesitz der Eltern entsprechenden Quote der auf das einzelne 
Kind gefallenen Erbschaft in das Sondergut des Kindes sichern;' Auch der 
Amtsrichter in Saarlouis führt die Realteilung in den Fällen, wo Einzelüber- 
nahme unter Abfindung der Miterben wirtschaftlich richtig wäre, auf das 
eheliche Güterrecht zurück, nach welchem die ererbten oder geschenkten 
Grundstücke dem Sondergute des betreffenden Ehegatten verbleiben, während 
etwa geleistete Abschlagszahlungen in die Gütergemeinschaft fliefsen würden. 1 ) 
Der alte deutsche Rechtsgrundsatz: das Gut fällt, woher es gekommen 
ist (paterna paternis, materna maternis), der die Unterlage oder auch die 
weitere innere Konsequenz des rheinischen Güterrechts ist, ist überhaupt 
noch ganz lebendig. „Als eine charakteristische Erscheinung mufs es offen- 
sichtlich gelten, dafs bei Eheleuten ein jeder derselben sein Nachlafsver- 
mögen seinen eigenen Intestaterben nach dem Intestaterbrecht zu erhalten 
bestrebt ist, weshalb selbst für den Fall der Kinderlosigkeit dem überleben- 
den Ehegatten fast durchgehends nur der Mefsbrauch letztwillig vermacht 
wird. Diese Erscheinung zeigt deutlich, dafs der Grundgedanke des rhei- 
nischen Erbrechts in Fleisch und Blut der Rheinländer übergegangen ist." 
Erwähnt sei hier auch, dafs der Bericht des Amtsrichters von Bernkastei, 
dem diese Mitteilung entnommen ist, noch von einem anderen eigentümlichen 
Fortleben der Tradition Kunde geben kann. Es wird nämlich „in der Praxis 
des Rechtslebens nicht selten der ernstliche Versuch gemacht, ungeachtet das 
Rheinische Recht die Einkindschaft nicht kennt, dieselbe, welche früher in 
der Rheinprovinz bestanden, nach wie vor beim Vorhandensein von Kindern 



: ) Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch setzt an Stelle der Mobiliar- und Errungen- 
schaftsgemeinschaft des Code die Verwaltung und Nutznielsung des Mannes am eingebrachten 
Gut der Frau. Damit würde das im Text erwähnte Motiv zur Vornahme von Realteilungen 
der Liegenschaften entfallen. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. . 109 

aus mehreren Ehen herbeizuführen, wozu Testament und Schenkung dienen 
müssen." 

Im Amtsgerichtsbezirke Zell wird beim Fehlen von Vorbehalts -Erben 
zuweilen durch Testament über den Grundbesitz verfügt. „Als bestimmte 
Regel läfst sich hierbei nur aufstellen, dafs die ländliche Bevölkerung das 
strenge Rechtsgefühl hat, die von einer Seite herstammenden Grundstücke 
wieder den Anverwandten dieser Seite zuzuwenden, wodurch gegenseitige 
letztwillige Yerfügungen kinderloser Ehegatten selten vorkommen." Im Be- 
zirke des Amtsgerichtes Aachen „wird es bedauert, dafs der überlebende Ehe- 
gatte beim Tode des einzigen Kindes den Nachlafs desselben in Ermangelung 
einer letztwilligen Verfügung mit den Seitenverwandten des verstorbenen 
Elternteils unbekümmert um den Ursprung der Güter teilen mufs. Es wird 
geradezu als eine Ungerechtigkeit angesehen, dafs bei dem Tode eines nicht 
testierfähigen Kindes der überlebende Ehegatte von der Errungenschaft oder 
bei weitergehender Gütergemeinschaft sogar von dem Eingebrachten an fern- 
stehende Verwandte des verstorbenen Ehemannes herausgeben mufs." 

Dem Amtsrichter von Merzig erklärte ein Ackerer aus Conen, dem 
seine erste, aus einer entfernt gelegenen anderen Gemeinde stammenden 
Ehefrau ihr Vermögen vermacht hatte, als er zum Zwecke der Grundbuch- 
anlegung den Vorbesitzer seiner Grundstücke angeben sollte, ungefragt, „er 
habe selbstredend den Verwandten seiner ersten Ehefrau das von dieser er- 
erbte Grundvermögen bezahlt, da er diese doch nicht habe ,be trugen' können." 
Das ist wohl der stärkste Ausdruck der noch immer nachwirkenden Rechts- 
überzeugung, dafs das Grundstück nicht dem Individuum, sondern der Familie 
gehöre. 

Wie hat sich nun die durchschnittliche Betriebsgröfse in den einzelnen 
Kreisen unter dem Einflüsse des Erbrechts thatsächlich gestaltet? Die Ant- 
wort auf diese Frage geben die folgenden Tabellen, die nach den Angaben 
der Berufszählung vom 5. Juni 1882 zusammengestellt und berechnet sind. 
Auch hier mufs wieder bedauert werden, dafs das Material der Zählung von 
1895 noch nicht zur Verfügung stand. Die Tabellen umschliefsen auch die 
im Rheinland sehr umfangreichen öffentlichen Ländereien der Gemeinden, 
Kirchen, des Staats etc., soweit sie landwirtschaftlich benutzt werden. (Vergl. 
Anlage XI.) 

(Siehe Tabelle S. 110—113.) 

Aufserdem ist der Versuch gemacht worden, den Anteil der kleineren 
Betriebe bis 10 ha an der Gesamtwirtschaf tsfläche x ) graphisch darzustellen. 

Im einzelnen ergiebt sich aus diesen Zahlen und den bisherigen Be- 
merkungen folgendes über die technisch-wirtschaftlichen Folgen des Erbrechts. 

a) Gebiet der Weidewirtschaft am Niederrhein. Der Betrieb der Weide- 
wirtschaft ist undenkbar ohne gröfsere und, was noch wichtiger, zusammen- 



x ) Zur Gesamtwirtschaf tsfläche im Sinne der Statistik von 1882 gehört auch der mit 
den landwirtschaftlichen Betrieben verbundene "Wald. 



110 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



Verteilung der Wirtschaftszone der Landwirtschaftsbetriebe in 
der Rheinprovinz nach der Berufszählung vom 5. Juni 1882. 



Kreis 



Von der Gesamtwirtschaftsfläche entfallen auf die Betriebe von 



unter 2 ha 
ha o /o 



2 bis 10 ha 



ha 0/, 



10 bis 50 ha 



ha % 



50 bis 100 ha 
ha I o /o 



100 und 
mehr ha 



ha 



% 



Cleve .... 

Rees 1 ). . . . 
Crefeld (Stadt) . 
Crefeld (Land) . 
Duisburg (Stadt) 1 ) 
Mülheim a. Ruhr 1 
Essen (Stadt) 1 ) . 
Essen (Land) 1 ) . 
Mors .... 
Geldern . . . 
Kempen . . . 
Düsseldorf (Stadt) 
Düsseldorf (Land) 
Elberfeld (Stadt) 
Barmen (Stadt) 
Mettmann 
Lennep . 
Solingen . 
Neufs . . 
Grevenbroich 
Gladbach . 
Wipperfürth 
Waldbröl . 
Gummersbach 
Siegkreis . 
Mühlheim a. 
Köln (Stadt) 
Köln (Land) 
Bergheim 
Euskirchen 
Rheinbach 
Bonn . . 
Koblenz . 
Sankt Goar 
Kreuznach 
Simmern 
Zell . 
Kochern 
Mayen 
Adenau 
Ahrweiler 
Neuwied x ) 
Altenkirchen x ) 
Wetzlar x ) . 



Rh 



3 058 
3 226 



8,5 

8,0 



254 17,9 



1123 



8,1 



395 25,5 

4 573 14,6 

173 85.2 

3 394 20,2 

4 273 
3 743 
3 659 12,3 

773 29,5 



9,0 



2 458 
344 
433 

2 113 

3 821 
5 185 
2 144 

2 446 

3 403 

2 385 

3 610 
5 078 

10125 
5 791 
153 
4192 
2 621 
2 537 



8,9 
19,4 
33,8 

9,5 
14,0 
23,0 

9,2 
12,5 
19,0 

8,8 
16,6 
19,6 
18,0 
20,9 
16,2 
12,9 

8,8 

8,0 



3 244 12,5 



4909 
3 731 



25,6 
25,11 



3 815 22,6 

4 103 16.4 



2 989 



8,9 



3 696 29,7 
3 720 14,8 
3 962 11,1 

2 439 13,0 

5 055 24,9 

6 733 20,9 
6146 21,1 

3 062 10,0 



5 532 

10 056 

232 

3 043 
515 

7 687 
30 

2 241 
10 347 
12 106 

10 880 
944 

4 551 
868 
629 

4 683 

15 317 

9 767 

7 811 
6145 

8 687 
14915 
14 116 
17 377 
29 469 

11 782 
190 

8 854 

8 117 

11157 

11426 

7 093 

7 694 

11665 

14 620 
20 825 

7 280 

15 279 
17 808 

12 003 
11342 
19 503 

16 172 
19 940 



15,5 
25,0 
16,3 

22,1 
33,2 
24,4 
14,8 
13,3 
21,6 
28,4 
36,6 
36,0 
16,6 
49,0 



21030 
20 418 

930 
8<oz 

566 
17 209 

9 864 

27 586 

26 600 

15 014 

746 

14152 

560 

164 

13 887 

7 848 

5 832 
7 146 

7 111 
4 658 

8 848 
3 942 

3 501 
13 712 

6 458 
153 

7 775 

9 907 
11196 

8 696 

4 196 

2 956 
1366 

5 917 
8 096 
1435 

5 824 
12 402 

4173 

3 258 

4 797 

6 600 
3 651 



58,8 
50,8 
65,8 
63,8 
36,5 
55,5 

58,7 
57,6 
62,5 
50,7 
28,4 
51,8 
31,6 
12,9 
62,3 
28,9 
25,9 
30,7 
36,4 
26,0 
32,9 
18,2 
13,5 
24,4 



5 137 
5175 

816 

76 

1552 

924 

3161 

122 

129 

158 
3 806 



53 
1651 

166 
1315 
3 446 

2 577 
662 
398 



x ) Diese Kreise liegen aufserhalb 



20,9 
56,5 
43,6 
33,5 
31,4 
48,6 
55,4 
65,2 
66,9 

52.5 13 712 24,4 1 934 

42.6 6 458 23,3 2 373 

20.1 153 16,2 

27.2 7 775 23,9 7 738 

27.3 9 907 33,3 5 458 
35,3 11196 35,4 4 080 
44,3 8 696 33,7 1 380 
36,9 4 196 21,9 1927 
51,77 2 956 19,90 278 
68,9 1366 8,1 73 

58.5 5 917 23,7 350 
61,9 8 096 24,1 972 

58.6 1 435 11,7 
60,8 5 824 23,2 308 

49.7 12 402 34.6 993 

63.8 4 173 22,2 72 

55.9 3 258 16,0 249 
60,6 4 797 14,9 480 
55,5 6 600 22,7 207 
65,5 3 651 12,4 140 

unseres Berichtsgebietes. 



14,4 
12,9 

6,0 
4,8 
4,9 

5,5 
6,6 
0,3 
0,4 
6,1 
13,8 

4,2 
7,3 
0,6 
5,8 
14,8 
13,2 
3,9 
1,5 



3,7 
8,5 

23,7 

18,4 

12,9 

5,4 

10,1 

1,87 

0,4 

1,4 

2,9 

1,2 

2,8 
0,3 
1,3 

0,7 
0,4 



971 

1292 



202 

392 
2 545 



2 451 



383 
2 751 

1278 
453 
390 



776 
1245 

450 
4 022 
3616 
2 650 
1070 
1048 

201 



755 



692 
130 
403 
679 

3 539 



2,8 
3,3 



0,6 

2,3 
5,2 



*,9 



1,7 

11,8 
6,5 
2,5 
1,4 



1,4 

4,7 

47,5 

12,3 

12,2 

8,4 

4,1 

5,5 

1,35 



2,2 



1,8 
0,7 
1,9 
2,1 

11,7 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



111 





Von der Gesamtwirtschaftsfläche entfallen auf die Betriebe von 


co r^ 

S* CD 


Kreis 


unter 2 ha 


2 bis 10 ha 


10 bis 50 ha 


50 bis 100 ha 


100 und 
mehr ha 


CO £_ 

& s 

CD ' 




ha | % 


ha 


0/ 

/o 


ha 


% 


ha 


% 


ha 


% 


ha 


Meisenheiin . . . 


869 


7,6 


7 327 


64,2 


3 207 


28,2 


— 


— 


— 


— 


11403 


Daun 


1783 


7,0 


14 701 


57,9 


8 449 


33,3 


469 


1,8 


— 


— 


25 402 


Prüm 


3672 


6,6 


22 165 


39,9 


28 129 


50,7 


1061 


1,9 


511 


0,9 


55 538 


Bitburg .... 


3123 


5,3 


14 374 


24,8 


32 288 


55,6 


7103 


12,2 


1232 


2,1 


58 120 


Wittlich .... 


3198 


11,8 


15 403 


56,9 


6 642 


24,5 


1134 


4,2 


693 


2,6 


27 070 


Bernkastei . . . 


4539 


20,0 


13 980 


61,6 


3 748 


16,5 


425 


1,9 


— 


— 


22 692 


Trier (Stadt) . . 


744 


8,9 


1879 


22,5 


313 


3,7 


294 


3,5 


5125 


61.4 


8 355 


Trier (Land) . . . 


5301 


12,5 


24 938 


58,9 


9 912 


23,4 


1603 


3,8 


594 


1,4 


42 258 


Saarburg .... 


2558 


10,8 


12 654 


53,1 


7 737 


32,5 


845 


3,6 


— 


— 


23 794 


Merzig .... 


3051 


11,8 


13 031 


50,5 


8 206 


31,7 


430 


1,7 


1113 


4,3 


25 831 


Saarlouis .... 


4602 


16,6 


13 883 


50,1 


8 173 


29,5 


262 


0,9 


823 


2,9 


27 743 


Saarbrücken . . . 


4582 


27,7 


7511 


45,3 


3 697 


22,3 


424 


2,6 


340 


2,1 


16 554 


Ottweiler .... 


3080 


17,6 


9 690 


55,6 


3 854 


22,1 


— 


— 


817 


4,7 


17 441 


Sankt Wendel . . 


2639 


7,7 


21451 


62.9 


9 452 


27,8 


264 


0,7 


313 


0,9 


34119 


Erkelenz .... 


2868 


12,1 


11314 


47,7 


8 315 


35,1 


942 


4,0 


248 


1,1 


23 687 


Heinsberg . . . 


3663 


20,0 


10 900 


59,7 


3 263 


17,9 


428 


2,4 


— 


— 


18 259 


Geilenkirchen . . 


1992 


13,9 


7 130 


49,6 


3 672 


25,6 


1281 


8,9 


282 


2,0 


14 357 


Jülich 


2328 


9,9 


9 185 


39,1 


7 814 


33,2 


3368 


14,3 


819 


3,5 


23 514 


Düren 


3639 


9,9 


12 549 


34,2 


12 137 


33,1 


4677 


12,8 


3673 


10,0 


36 675 


Aachen (Stadt) . . 


61 


4,8 


540 


43,2 


593 


47,4 


58 


4,6 


— 


— 


1252 


Aachen (Land) . . 


3153 


14,9 


7 001 


33,1 


8109 


38,5 


2337 


11,1 


504 


2,4 


21104 


Eupen 


574 


6,6 


2 735 


31,3 


5 354 


61,3 


68 


0,8 


— 


— 


8 731 


Montjoie .... 


1673 


15,7 


7 467 


70,0 


1397 


13,1 


123 


1,2 


— 


— 


10 660 


Schleiden . . . . 


3907 


9,4 


21252 


51,2 


14 869 


35,8 


1230 


2,9 


275 


0,7 


41533 


Malmedy .... 


2611 


6,8 


20 010 


52,4 


14 263 


37,3 


1336 


3,5 


— 


— 


38 220 



Anzahl der Wirtschaften mit Landwirtschaftsbetrieb in der Rhein- 
provinz nach der Berufszählung vom 5. Juni 1882. 



Kreis 



Gröfsenklassen in Hektar nach der Anbaufläche der 
Einzelwirtschaften 



unter 2 ha 
ha Wn 



2 bis 10 ha 
ha I o/ 



10 bis 50 ha 
ha I o /o 



50 bis 100 ha 
ha % 



100 und 
mehr ha 

ha o 



!o 



Cleve .... 
Rees .... 
Crefeld (Stadt) . 
Crefeld (Land) . 
Duisburg (Stadt) 
Mühlheim a. Ruhr 
Essen (Stadt) 
Essen (Land) 
Mors . . . 
Geldern . . 
Kempen . . 



4 707 

4 037 
703 

3 313 

2124 
11139 

1460 
16 471 

6 849 

5 864 
8 772 



69,6 
65,0 
89,5 
76,6 
94,4 
84,7 
99,5 
95,3 
67,5 
67,7 
78,5 



1122 

1463 

39 

590 

98 

1381 

7 

439 

2088 

1806 

1629 



16,6 
23,6 

4,9 
13,6 

4,4 
10,5 
0,5 
2,5 
20,5 
20,8 
14,6 



858 

663 

43 

407 

27 

629 



359 
1165 

996 
769 



12,7 

10,0 
5,6 
9,4 

1,2 

4,7 



75 
68 

13 

1 
16 



1,1 

1,2 

0,4 
0,1 



2,2 
11,5 
11,5 

6,9 



9 
43 

2 
1 



2 

11 



0,2 



0,1 



6 767 
6 240 
785 
4 323 
2 250 

13166 
1467 

17 280 

10156 
8 668 

11171 



112 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 





Gröfsenklassen in Hektar nach der Anbaufläche der 








Einzelwirtschaften 








CG 


Kreis 














100 und 


c 




unter 2 ha 


2 bis 10 ha 


10 bis 50 ha 


50 bis 100 ha 


mehr 


ha 


CD 




ha | o/ 


ha | o /o 


ha | 


% 


ha | 


% 


ha | 


% 




Düsseldorf (Stadt) . 


1476 


85,4 


216 


12,6 


35 


1,9 


2 


0,1 


— 


— 


1729 


Düsseldorf (Land) . 


6 278 


80,7 


883 


11,3 


558 


7,2 


56 


0,7 


8 


0,1 


7 783 


Elberfeld (Stadt) . 


1947 


92,6 


129 


6,1 


28 


1,3 


— 


— 


— 


— 


2 104 


Barmen (Stadt) . . 


4 045 


97,2 


108 


2,6 


10 


0,2 


1 


— 


— 


— 


4164 


Mettmann . . . 


9 155 


87,1 


793 


7,5 


546 


5,2 


22 


0,2 


— 


— 


10 516 


Lennep .... 


10 626 


83,7 


1767 


13,9 


297 


2,4 


2 


— 


— 


— 


12 692 


Solingen .... 


11004 


84,5 


1757 


13,5 


237 


1,9 


17 


0,1 


3 


— 


13 018 


Neufs 


3 548 


64,6 


1502 


27,4 


376 


6,8 


50 


0,9 


18 


0,3 


5 494 


Grevenbroich . . 


4 892 


75,6 


1185 


18,3 


347 


5,4 


38 


0,6 


10 


0,1 


6 472 


Gladbach .... 


8 537 


82,8 


1528 


14,8 


257 


2,4 


7 


— 


1 


— 


10 330 


Wipperfürth . . 


2 900 


58,6 


1697 


34,3 


351 


7,1 


4 


— 


1 


— 


4 953 


Waldbröl .... 


2 388 


54,2 


1863 


42,3 


158 


3,5 


— 


— 


— 


— 


4 409 


Gummersbach . . 


3 345 


58,1 


2300 


40,0 


111 


1,9 


— 


— 


— 


— 


5 756 


Siegkreis . .. . . 


10 383 


67,0 


4595 


29,5 


532 


3,4 


23 


0,1 


5 


— 


15 538 


Mühlheim a. Rhein 


6 860 


77,0 


1751 


19,6 


268 


3,0 


24 


0,3 


9 


0,1 


8 912 


Köln (Stadt) . . . 


120 


70,6 


45 


26,5 


4 


2,3 


— 


— 


1 


0,6 


170 


Köln (Land) . . . 


7 554 


77,0 


1767 


18,0 


377 


3,7 


104 


1,0 


30 


0,3 


9 832 


Bergheim. . . . 


5 049 


70,2 


1592 


22 2 


458 


6,3 


79 


1,1 


15 


0,2 


7 193 


Euskirchen . . . 


4 277 


66,1 


1646 


25,4 


481 


7,4 


51 


0,8 


17 


0,3 


6 472 


Rheinbach . . . 


3 655 


62,0 


1810 


30,8 


983 


6,8 


18 


0,3 


6 


0,1 


5 887 


Bonn 


6 541 


80,4 


1364 


16,8 


199 


2,4 


26 


0,3 


7 


0,1 


8137 


Koblenz .... 


5 688 


74,8 


1753 


23,2 


156 


2,0 


4 


— 


1 


— 


7 602 


Sankt Goar . . . 


4 315 


62,0 


2544 


36,8 


86 


1,2 


1 


— 


— 


— 


6 946 


Kreuznach . . . 


5 889 


62,2 


3205 


33,8 


375 


4,0 


1 


— 


— 


— 


9 470 


Simmern .... 


2 517 


39,0 


3568 


55,5 


366 


5,5 


4 


— 


1 


— 


6 456 


Zell 


4 399 


70,9 


1697 


27,3 


110 


1,8 


— 


— 


— 


— 


6 206 


Kochern .... 


4 373 


61,5 


2488 


35,2 


240 


3,3 


4 


— • 


— 


— 


7 105 


Mayen 


5 447 


57,3 


3371 


35,3 


703 


7,3 


14 


0,1 


2 


— 


9 537 


Adenau .... 


1932 


45,9 


2141 


49,8 


210 


4,3 


1 


— 


1 


— 


4 285 


Ahrweiler . . . 


4 578 


68,8 


1922 


28,9 


150 


2,3 


4 


— 


2 


— 


6 656 


Neuwied .... 


7 611 


65,8 


3723 


32,2 


226 


2,0 


5 


— 


2 


— 


1 1 567 


Altenkirchen . . 


6 085 


68,6 


2505 


28,3 


277 


3,1 


3 


— 


— 


— 


8 870 


Wetzlar .... 


4134 


52,0 


3615 


•45,9 


165 


2,1 


2 


— 


3 


— 


7 919 


Meisenheim . . 


1058 


41,8 


1270 


50,2 


202 


8,0 


— 


— 


— 


— 


2 530 


Dann 


1837 


36,4 


2716 


53,9 


488 


9,6 


5 


0,1 


— 


— 


5 046 


Prüm 


2 971 


48,0 


2370 


38,2 


845 


13,6 


12 


0,2 


2 


— 


6 200 


Bitburg .... 


3 647 


48,4 


2660 


35,3 


1165 


15,4 


71 


0,9 


6 


— 


7 549 


Wittlich . . . . 


3 256 


47,4 


3205 


46,6 


397 


5,8 


12 


0,2 


3 


— 


6 873 


Bernkastei . . . 


5 248 


60,2 


3259 


37,4 


208 


2,4 


2 


— 


— 


— 


8 717 


Trier (Stadt) . . 


1127 


76,2 


325 


22,1 


17 


1,2 


3 


0,2 


5 


0,3 


1477 


Trier (Land). 


5 418 


49,2 


5028 


45,7 


556 


5,0 


13 


0,1 


3 


— 


11018 


.Saarburg .... 


2 343 


46.1 


2327 


45,7 


407 


8,0 


11 


0,2 


— 


— 


5 088 


Merzig 


3 778 


57,8 


2350 


36,0 


392 


6,0 


4 


0,1 


5 


0,1 


6 529 


Saarlouis . . . . 


6 041 


63,1 


3034 


31,7 


485 


5,1 


3 


— 


4 


— 


9 567 


Saarbrücken . . . 


9 399 


83,0 


1693 


15,0 


232 


2,0 


5 


— 


2 


— 


11331 


Ottweiler . . . . 


5 487 


69,4 


2174 


27,5 


251 


3,1 


— 


— 


3 


— 


7 915 


Sankt Wendel . . 


3 016 


42,2 


3549 


49,9 


568 


7,9 


2 


— 


1 


— 


7 136 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



113 





Gröfsenklassen in Hektar nach der Anbaufläche der 










Einzelwirtschaften 








50 


Kreis 
















100 und 






unter 2 ha 


2 bis ] 


LOha 


10 bis 50 ha 


50 bis 100 ha 


mehr ha 


Q 




ha | % 


ha 


°/o 


ha 


% 


ha 


°/o 


ha 


% 




Erkelenz . . . . 


4831 


68,7 


1818 


25,8 


375 


5,3 


13 


0,2 


2 


— 


7039 


Heinsberg . . . 


4359 


64,0 


2281 


33,5 


171 


2,5 


2 


— 


— 


— 


6813 


Geilenkirchen . . 


2919 


63,5 


1458 


31,7 


200 


4,4 


18 


0,4 


2 


— 


4597 


Jülich 


4112 


64,6 


1763 


27,7 


429 


6,8 


47 


0,8 


6 


0,1 


6357 


Düren 


6238 


68,3 


2204 


24,1 


612 


6,7 


60 


0,6 


25 


0,3 


9139 


Aachen (Stadt) . . 


94 


40,3 


108 


46,4 


30 


12,9 


1 


0,4 


— 


— 


233 


Aachen (Land) . . 


7670 


80,6 


1452 


15,2 


365 


3,8 


33 


0,4 


4 


— 


9524 


Eupen 


790 


48,9 


550 


34,1 


274 


17,0 


1 


— 


— 


— 


1615 


Montjoie . . . . 


1866 


52,3 


1608 


45,1 


95 


2,6 


1 


— 


— 


— 


3570 


Schieiden . . . . 


3864 49,9 


3247 


41,9 


620 


8,0 


14 


0,2 


2 


— 


7747 


Malmedy . . . . 


1893 


35,9 


2771 


52,6 


595 


11,3 


10 


0,2 


— 


— 


5269 



hängende Grundstücke. Es ist bereits dargestellt, dafs sich im Gebiet der 
Weidewirtschaft am Mederrhein (und im Kreise Eupen, in dem gleiche Ver- 
hältnisse herrschen) Hofbesiedelung und Einzelerbfolge im grofsen und ganzen 
intakt erhalten haben. Es entfallen auf die Betriebe von mehr als 10 ha 

von der Anzahl der 

"Wirtschaften 

13,8 % 

9,8 „ 



im Kreise Cleve .... 

„ ,, Crefeld Land . 

„ „ Mors .... 12,0 

„ „ Geldern . . . 11,5 

„ „ Düsseldorf-Land 8,0 

„ „ Eupen . . . 17,0 



von der Gesamt- 
wirtschaftsfläche 

76 % 

69,8 „ 

69,4 „ 



62,8 
74,5 
62,1 



Ähnliche Yerhältniszahlen rinden sich, abgesehen von Stadtkreisen, die 
aufser Betracht bleiben, nur in einigen später zu besprechenden Kreisen der 
Westeifel. Im landrechtlichen Bezirk des Mederrheins.sind die Erscheinungen 
die gleichen. Man mufs damit einen Weinbaubezirk und einen rein land- 
wirtschaftlichen Gebirgskreis vergleichen, um die Bedeutung dieser Zahlen 
zu erkennen. Die entsprechenden Ziffern sind 

im Kreise St. Goar . . . . 1,2% 8,5% 

„ „ Waldbröl .... 3,5 „ 18,2 „ 

Die niederrheinischen Bauern haben gegen das Erbrecht des Code und 
die vom Süden her eindringenden Rechtsanschauungen einen berechtigten 
und bis jetzt noch siegreichen Kampf geführt. Ob sie ihn noch lange aus- 
halten können, ist sehr zweifelhaft, oder vielmehr es ist unzweifelhaft, dafs 
sie bald die Waffen strecken müssen. Wenn auch die Miterben die Natural- 
teilung nicht verlangen, so werden sie doch endlich von den auch im deutschen 
Bürgerlichen Gesetzbuch aufrecht erhaltenen Vorteilen den vollen Gebrauch 
machen, die sie ein Jahrhundert lang verschmähten: sie werden sich ihre 
Anteile unverkürzt auszahlen lassen. Die Anfänge der Entwicklung sind 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 8 



114 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

leider an manchen Orten schon recht deutlich vorhanden; die Übernehmer 
müssen ihr Gut unmäfsig belasten, oder sie müssen ganz oder teilweise ver- 
kaufen und die nötige Wirtschaftsfläche anpachten. 

b) Gebiet des überwiegenden Körnerbaues. Die eigentliche Kornkammer 
der Provinz ist das Land nördlich der Eifel bis an die Südgrenze der Hof- 
besiedelung. Die Parzellierung der Grundstücke ist daselbst, wahrscheinlich 
schon seit Jahrhunderten, aufserordentlich stark; über den Schaden, den da- 
durch Privat- und Volkswirtschaft erleiden, bestehen keine Meinungsverschieden- 
heiten mehr. Als Typen für die Zersplitterung des Grundbesitzes in diesen 
Kreisen kann man das verhältnismäfsig industriearme Geilenkirchen (41,6 M 
Grundsteuerreinertrag pro Hektar, gegen 22,8 M des Regierungsbezirks Aachen) 
und das industrielle Euskirchen (40 M Reinertrag gegen 26,8 des Regierungs- 
bezirks Köln) betrachten. Von der Gesamtzahl der Wirtschaften mit Land- 
wirtschaftsbetrieb entfallen auf die Gröfsenklassen 

über 100 
unter 2 ha 2 bis 10 ha 10 bis 50 ha 50 bis 100 ha Hektar 

im Kreise Geilenkirchen . . 63,5% 31,7% 4,4% 0,4% -% 

„ „ Euskirchen . . . 66,1 „ 25,4 „ 7,4 „ 0,8 „ 0,3 „ 



Yon der Gesamtwirtschaftsfläche entfallen auf die Betriebe 

unter 2 ha 2 bis 10 ha 10 bis 50 ha 50 bis 100 ha 



über 100 
Hektar 

im Kreise Geilenkirchen . . 13,9% 49,6% 25,6% 8,9% 2,0% 

„ Euskirchen ... 8,0 „ 35,3 „ 35,4 „ 12,9 „ 8,4 „ 



Die Durchschnittsgröfse eines Betriebes beträgt für die Gröfsenklasse 

über 100 
unter 2 ha 2 bis 10 ha 10 bis 50 ha 50 bis 100 ha Hektar 

im Kreise Geilenkirchen . 0,68 ha 4,8 ha 18,4 ha 71,9 ha 141 ha 

„ Euskirchen . . 0,59 ha 6,8 ha 23,3 ha 80,0 ha 156 ha 

Die an und für sich schon geringe Bedeutung der wirtschaftlich-technisch 
leistungsfähigen mittleren Betriebe wird durch den niedrigen Durchschnitt 
der Klasse von 10 bis 50 ha noch herabgedrückt. 

Die stete und wirtschaftlich nur selten gerechtfertigte Verkleinerung 
des Besitzes, worüber uns leider genaue Angaben fehlen, hat in dem Distrikt 
des Kornbaues noch ausgeprägter als im Gebiet der Weidewirtschaft zur Aus- 
dehnung der Pacht geführt. 

c) Gebiet der Industrie und der landwirtschaftlichen Spexialkulturen. 
Eine scharfe Scheidung zwischen dem Gebiet der Industrie und der land- 
wirtschaftlichen Spezi alkulturen ist nicht durchzuführen, da vielfach, nament- 
lich in der Nähe der Städte, die Industriearbeiter oder deren Frauen und 
Kinder die Träger der Spezialkultur sind. Das gilt insbesondere vom Gemüse- 
und Obstbau, obgleich auch diese im Rheinland als landwirtschaftlicher Haupt- 
beruf betrieben werden. 1 ) Beim Gemüsebau ist selbstverständlich von einer 
schädigenden Einwirkung des Erbrechts in technischer Beziehung nicht zu 



*) Vgl. die anschauliche Schilderung der Yorgebirgswirtschaft in Gotheins „Agrar- 
politischen Wanderungen". 






II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 115 

sprechen; im Gebiet der Spatenkultur ist die Lage in möglichster Nähe 
der Wohnung und die schon auf geringe Entfernungen wechselnde Boden- 
beschaffenheit bei weitem wichtiger als Arrondierung der Grundstücke. Wo 
gartenmäfsiger Anbau möglich ist, wirkt die fortschreitende Verkleinerung der 
Besitz-Einheiten als mächtiger Anreiz zu gesteigerter, wenn auch mit grofser 
Arbeitsverschwendung verbundener Intensität des Betriebes. Im gewissen 
Sinne gilt das gesagte auch vom Handelsgewächsbau und vom Weinbau. 
Namentlich in den Seitenthälern des Rheins (Mosel, Ahr u. s. w.), deren be- 
baute Hänge oft so steil sind, dafs selbst der Dünger für die Weinberge vom 
Winzer selbst ohne tierische Hilfe heraufgebracht werden mufs, sind die 
technischen Vorzüge zusammenhängender Weinbergslagen verhältnismäfsig ge- 
ring, zumal wenn die Weinbereitung, wie an der Ahr durchgängig, nicht mehr 
dem einzelnen Winzer, sondern den Winzergenossenschaften zufällt. Beispiele 
zu weit gehender Teilung sind bereits gegeben. Wie ein Blick auf die Karte 
lehrt, ist die Durchschnittsgröfse der Betriebe in den Weinbaukreisen aufser- 
ordentlich gering. 

Die landwirtschaftliche Betriebsstatistik gliedert sich nach Kreisen. 
Nun sind in den rheinischen Industriekreisen die Besiedelungsverhältnisse 
aufserordentlich verschieden. Die immer noch im weiten Umfange be- 
stehende Hausindustrie (Kleineisenindustrie, Bandweberei etc.), die alte Sitte 
der Hofansiedelung, die an den Ort gebundene Bergwerksindustrie haben 
im Bergischen Lande, im Aachener Revier, an der Saar die Industrie auf 
dem ganzen Lande heimisch gemacht, während z. B. in Köln die Fabriken 
sich im weiten Zuge um die Stadt lagern. Darum sind die Zahlen für die 
Kreise kaum vergleichbar. Immerhin kann die Vermutung ausgesprochen 
werden, dafs in der Gegend der Hofbesiedelung auch in Zukunft die Macht 
der Sitte die Landwirte stärker beeinflussen wird als das Beispiel der In- 
dustriearbeiter. Als Beweis dafür kann man, unter dem gemachten Vor- 
behalten, etwa den Stadt- und den Landkreis Düsseldorf ansehen. Von der 
Gesamtzahl der Betriebe entfielen auf die Gröfsenklassen über 10 ha in 
Düsseldorf-Stadt 2,0%: m Düsseldorf-Land 7,9 °/ . Von der Gesamtwirtschafts- 
fläche entfielen auf die Betriebe 

100 u. mehr 
unter 2 ha 2—10 ha 10—50 ha 50—100 ha Hektar 

in Düsseldorf-Stadt 29,5 % 36,0 % 28,4 % 6,1 % 

in Düsseldorf-Land 8,9 „ 16,6 „ 51,8 „ 13,8 „ 8,9 % 

Eine Fehlerquelle ist der Besitz der Industriellen selbst. Gerade von 
den gröfseren Betrieben befindet sich ein beträchtlicher Teil in der Hand 
nicht von Landwirten, sondern von Fabrikbesitzern oder auch von Kauf- 
leuten; ebenso sind die Zechen vielfach genötigt, landwirtschaftliche Be- 
sitzungen anzukaufen, die durch ihren Betrieb geschädigt oder gefährdet 
werden. 

d) Die Gebirgsgegenden. Verwüstend hat die Naturalteilung, wie er- 
wähnt, im Gebirge gewirkt. Als Beispiele seien zwei Eifel- und ein Wester- 
waldkreis angeführt. Waldbröl hat einen Grundsteuerreinertrag von 6,4 M 

8* 



11(3 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

pro Hektar, Adenau 4,8 M, Montjoie 5,2 M gegen 21,15 M der Khein- 
provinz und 12,8 M der acht alten Provinzen des preufsiscken Staates; sie 
gehören also zu den ärmsten Kreisen nicht nur der Kheinprovinz, sondern 
ganz Preufsens. Industrie ist nicht vorhanden, Spezialkulturen selbstverständ- 
lich auch nicht. Yon den Wirtschaften mit Landwirtschaftsbetrieb entfallen 
auf die Gröfsenklassen 

unter 2 ha 2—10 ha 10—50 ha 50—100 ha über 100 ha 
im Kreise Waldbröl 54,2 % 42,3 % 3,5 % 

„ Adenau 45,9 „ 49,8 „ 4,3 „ — — 

„ Montjoie 52,3 „ 45,1 „ 2,6 „ — 

Yon der Gesamtwirtschaf tsf lache entfallen auf die gleichen Gröfsenklassen 
im Kreise Waldbröl 16,6 % 65,2 % 18,2 % — — 

„ Adenau 13,0 „ 63,8 „ 22,2 „ 0,3 % 0,7 °/ 

„ Montjoie 15,7 „ 70,0 „ 13,1 „ 1,2 „ 

Eine gewinnbringende Wirtschaft bei solchen Zwergbetrieben ist fast 
ausgeschlossen, zumal wenn sie, wie es durchgängig der Fall ist, in Fetzen 
über die ganze Flur zerstreut liegen; denn in den Gebirgsgegenden ist die 
Zersplitterung noch gröfser als in der Ebene. 

Auffällig grofs sind durchschnittlich noch im Jahre 1882 die Betriebe 
der beiden Westeifelkreise Prüm und Bitburg. Das sind, wie bereits dar- 
gestellt, die letzten Folgen des alten Stockerbenrechtes; aufserdem wirkt aber 
auch die schlechte Beschaffenheit des Bodens und der Umfang des Ödlands 
mit, um den Durchschnitt zu erhöhen. 

2. Das Bewufstsein, dafs jedes Kind einen gleichen Anspruch auf das 
Grundvermögen habe, dafs aber bei immer fortgesetzter Teilung der Boden 
wertlos wird, hat in einzelnen Teilen, namentlich im Süden der Provinz, 
bereits zu einer Eeaktion geführt. Das Heilmittel ist aber ein recht uner- 
freuliches; es ist die Beschränkung der Kinder -zahl. Wie in Frankreich, 1 ) 
wie in der benachbarten Kheinpfalz, ist das Zweikindersystem eine direkte 
Folge des Erbrechts. „Nur auf das Zweikindersystem, das thatsächlich in 
einzelnen Dörfern unter den wohlhabenden Ackersleuten herrscht, ist es zu- 
rückzuführen, dafs einzelne Personen einen noch ziemlich bedeutenden Grund- 
besitz in einer Hand vereinigen." (Amtsrichter von Rhaunen.) — „Weil 
die Yererbung sich mit Kegelmäfsigkeit zu gleichen Teilen vollzieht, sind zwei 
Übelstände bemerkbar geworden: 1. die ganz aufserordentliche Zersplitterung 
des Grundbesitzes; 2. die Ausdehnung des sog. Zweikindersystems. Die Zer- 
splitterung des Grundbesitzes ist bereits eine völlig unwirtschaftliche geworden. 
Sie ist namentlich in der Bürgermeisterei Becherbach eine solche, dafs nach 
meiner unvorgreiflichen Ansicht der weiteren Zersplitterung durch Gesetz ent- 
gegengetreten werden mufs. Das Zweikindersystem macht sich besonders 
in den wohlhabenden Ortschaften an der Nahe, insbesondere in M. be- 



x ) Vgl. neuestens die vortrefflichen Notes pour servir ä une monographie du paysan 
proprietaire du Lot-et-Garonne von G. Maydieu (Revue d'Economie politique 1895, S. 159 ff.) 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 117 

merklich. Es gehört dort zu den gröfsten Seltenheiten , wenn ein wohl- 
habender Grundbesitzer mehr als zwei Kinder besitzt. Mir ist bekannt ge- 
worden, dafs ein solcher wohlhabender Grundbesitzer, der einen Sohn und 
eine Tochter hatte, in der Umgegend auf erhebliche Entfernungen Nach- 
forschungen anstellte, um einen ähnlich gutgestellten Landwirt zu ermitteln. 
Als es gelungen, wurde durch Vertrag eine Doppelheirat vereinbart. Die 
einzigen Söhne blieben im Hause ihrer Täter und übernahmen das ganze 
väterliche Besitztum, während ihre Frauen, die einzigen Töchter jener Täter, 
als Miteigentümer an dem Besitztum ihres Ehemannes anerkannt wurden. 
Auf diesem Wege findet allerdings die Erhaltung des Grundbesitzes in der 
Hand eines leistungsfähigen Übernehmers statt, die geringe Tolksvermehrung 
ist aber die notwendige Folge." (Landrat von Meisenheim.) 

3. Die Durchführung der Realteilung liefse sich trotz der ihr anhaften- 
den grofsen Nachteile rechtfertigen, wenn nun wirklich alle Erben dadurch in 
den Besitz eines Stückchens Land kämen. Das ist aber, wie aus den Be- 
richten mit Sicherheit hervorgeht, durchaus nicht überall regelmäfsig der 
Fall. Es wird in Natur geteilt, auch wenn die Erben bis auf einen ihren 
Besitz weder antreten wollen, noch können, wenn sie geistlichen Standes 
oder ausgewandert sind, wenn sie sich längst in einer anderen Gemeinde 
niedergelassen haben. 

Erfolgt die Realteilung, so steigert sie die Preise. Das gilt sowohl 
für die Fälle der Versteigerung wie für die Fälle der Übernahme durch alle 
Erben. Im Jahre 1882 erstattete der landwirtschaftliche Verein für Rhein- 
preufsen an den Minister einen Bericht über die Ergebnisse der auf dessen 
Veranlassung bewirkten Erhebungen über die bäuerlichen Besitz- und Wohl- 
standsverhältnisse, der sich auch über diese Frage ausführlich verbreitet. 1 ) 
Es heifst daselbst in einem Berichte der Lokalabteilung Schleiden: „Das 
vielfach bereits mit Schulden belastete Grundvermögen wird durch zu teueren 
Ankauf vergröfsert. In manchen Fällen ist freilich die Wirtschaft durch den 
Ankauf gehoben worden; die meisten Landwirte dagegen konnten aus dem 
Mehrertrage den Kaufpreis nicht entrichten, und mufste das Geld auf Hypo- 
thek genommen werden. Die vor dem Ankauf bereits hungrigen Äcker 
gingen, da sie nun noch schlechter gedüngt wurden, im Ertrage zurück. 
Statt durch teueren Ankauf die Quadratfläche des Grundeigentums zu ver- 
mehren, wäre den meisten Landwirten anzuraten, die schon in ihrem Be- 
sitz befindlichen Parzellen durch bessere Düngung und Verarbeitung zu 

verbessern In vielen Fällen ist das leichtsinnige Heiraten Grund der 

Verschuldung. Hat die Erbteilung des aus mehr oder weniger Parzellen be- 
stehenden Grundbesitzes stattgefunden, so möchte jedes Kind sich auf seine 



x ) Jahresbericht des landwirtschaftlichen Central-Vereins für Eheinpreufsen an das 
Königl. Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten über die Veränderungen und 
Fortschritte der Landwirtschaft im Vereinsbezirke für das Jahr 1882. Bonn 1883. S. • 6 ff., 
insbes. S. 10 ff. ■ 



118 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Selbständigkeit prüfen. Es wird geheiratet, ein Zimmer gemietet oder ein 
Hans gebaut, das nötige Geld gegen Verpfändung von Haus und Land ge- 
liehen, Kinder kommen, die Ausgaben mehren sich, die Zinsen können kaum 
gezahlt werden, und eine Verschuldung über den Wert des Besitztums hinaus 
ist die unausbleibliche Folge. Die hauptsächlich infolge von Erbteilung ent- 
stehende Zersplitterung hiesiger Fluren hat aufser den eben erwähnten noch 
andere sehr grofse Nachteile, die wesentlich mit zur Verschuldung bei- 
tragen u. s. w." 1 ) Ein anderer Bericht aus demselben Eifelbezirk charakteri- 
siert die Verhältnisse f olgendermafsen : „Es ist wohl im allgemeinen mit 
Sicherheit anzunehmen, dafs mit sehr wenigen Ausnahmen bei sämtlichen 
Haushaltungen hierorts, wo eine Teilung des elterlichen Vermögens statt- 
findet, jeder Beteiligte, der einen eigenen Hausstand gründet, mit mehr oder 
weniger Schuldemnachen anfangen mufs. Es fehlt dann fast jedem an vielem 
absolut notwendigen Mobiliar, Ackergeräten, Vieh etc. und dem erforderlichen 
Minimum an Betriebskapital; meistens ist auch dazu noch Hausablage ab- 
zutragen, ein Haus zu mieten oder anzukaufen resp. neu zu bauen. Um 
sich nun vorläufig aus der Verlegenheit zu helfen, wird dann in der Kegel 
an einer Kirche oder sonst, oft auch bei einem Juden ein Kapital auf- 
genommen, welches dann natürlich auch verzinst werden mufs. Weil nun 
hierorts in den meisten Fällen, wo eine Teilung in einer Haushaltung statt- 
findet, der einzelne Teil des bäuerlichen Besitztums, welches ohne dies nicht 
umfangreich ist, zu klein ist, um ein ordentliches kräftiges Gespann darauf 
zu halten und eine Familie darauf zu ernähren, wird dann bei jeder sich 
bietenden Gelegenheit Grundbesitz weiter angekauft. Infolgedessen mufs dann 
auch die Kaufsumme verzinst resp. ganz oder vor und nach in Terminen 
abgetragen werden. Es ist Thatsache, dafs hier in den meisten Gemeinden 
bei Verkäufen von Grundgütern letztere häufig über den doppelten Wert 
angesteigert werden, und es kann angenommen werden, dafs die Veranlassung 
hierzu darin zu suchen ist, dafs manche Eigentümer zu wenig Eigentum 
haben, um sich darauf ernähren zu können, wie ich auch vorhin erwähnt 
habe." Der damalige Präsident des landwirtschaftlichen Vereins, Herr 
von Rath, trug denn auch kein Bedenken, „die Überzeugung auszusprechen, 
dafs diese Charakteristik nicht allein für einen beschränkten Eifelbezirk, 
sondern auch für den ganzen südlichen gebirgigen Teil der Provinz zutrifft, 
wo französisches Recht besteht. Die erste Folge der unbeschrankten Natural- 
teilung ist die Ansiedlung der meisten männlichen Nachkommen in dem 
Heimatsort, die zweite eine überspannte Nachfrage nach Grund und Boden, 
infolge deren dann drittens Preise gezahlt werden, die den wirklichen Er- 
tragswert weit hinter sich lassen; daraus folgt viertens mit Notwendigkeit 
eine Vermehrung der Schulden, aber auch leider gleichzeitig eine solche des 



*) Der für die vorliegende Erhebung vom Landratsamt Schieiden erstattete Bericht 
weist die Übernahme durch einen Erben zurück, weil er durch die Herauszahlungen zu 
sehr belastet würde; in einer dem Anerben die Übernahme erleichternden Taxierung des 
Grundbesitzes würde die Bevölkerung eine „positive Verletzung des naturgemäfsen Rechtes" 
aller Kinder erblicken. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 119 

Proletariats. Diese Übelstäncle, denen sich weiter die technische Unmöglich- 
keit eines rationellen Wirtschaftsbetriebes hinzugeseilt, nehmen hauptsächlich 
in den indnstrielosen, rein landwirtschaftlichen und Weinbau-Bezirken zeit- 
weilig nach schlechten Ernten und Weinjahren eine Schärfe an, wie wir sie 
eben jetzt zu beklagen haben. Solche Kalamitäten sind schon früher dage- 
wesen und sie werden sicherlich wiederkehren, solange das Übel nicht an 
der Wurzel angefafst wird. Dies ist die unbeschränkte Naturalteilung des 
Grund und Bodens und die Herrschaft des Flurzwanges und der Dreifelder- 
wirtschaft mangels eines Konsolidationsgesetzes, welches eine rationelle Zu- 
sammenlegimg der Gnmdstücke und die Ausführung zweckentsprechender 
Meliorationen ermöglicht. — Viel glücklicher gestalten sich die Wirkungen 
gleicher Ursachen in den Industriebezirken; hier ist der Land- oder Garten- 
bau Nebengeschäft, die Industrie bietet genügende Gelegenheit zum Geld- 
verdienst; die unbeschränkte Naturalteilung kann also unter Umständen, 
nämlich überall dort, wo Nebenbeschäftigung, sei es durch Industrie oder 
andere Unternehmungen, sei es auch in der Nähe der grofsen Städte, zum 
Segen, auf der anderen Seite aber auch zum Fluch werden, weil sie in rein 
landwirtschaftlichen Distrikten den Abzug der überflüssigen Arbeitskräfte 
mehr oder weniger verhindert." 

Seit 1882 sind keine Änderungen eingetreten, die dieses Urteil im wesent- 
lichen verschieben könnten. Nur könnte man wohl schärfer hervorheben, dafs 
die Industriearbeiter oder die Parzellenbesitzer, die Nebenerwerb suchen müssen, 
die bisweilen unsinnig hohen Preise für ihr Stückchen Land selbstverständ- 
lich nicht aus dessen Erträgen, sondern aus ihrem Arbeitslohn bezahlen. 
Yon einer wirklichen Berechnung des allenfalls möglichen Ertrages ist gar keine 
Rede ; derartige Parzellenkäufe sind ein allerdings edler, aber kostbarer Luxus, 
ein Luxus der Armen, der nur deshalb nicht als solcher erkannt wird, weil es 
sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle um absolut geringfügige Werte 
handelt. In vielen Gegenden namentlich im Gebirge nimmt neuerdings die 
Bevölkerung durch Auswanderung ab, wie später näher auszuführen sein 
wird, oder sie bleibt doch annähernd stabil. Dort fällt der Anlafs zur Ver- 
kleinerung der Betriebe fort. Und dennoch, und trotz aller damit verbun- 
denen handgreiflichen Schädigungen, gelangt das geltende Erbrecht mit 
mechanischer Gleichförmigkeit zu fortgesetzter Anwendung, zertrümmert die 
mühsam zusammengebrachten Betriebs -Einheiten und zwingt die zurück- 
bleibenden Erben, die von der Wirtschaft losgerissenen Parzellen oder Er- 
satzstücke dafür langsam wieder käuflich zu erwerben. Die Bodenpreise 
sind nur in einigen echten Notstandsdistrikten durch die Auswanderung 
bis auf ihren Ertragswert herabgedrückt worden. Überall sonst hält sie der 
Landhunger der Parzellenbesitzer nach wie vor weit darüber. Die notwen- 
digen Landzukäufe führen dann zur Überschuldung oder werden aus dem 
Arbeitslohn der draufsen arbeitenden Kinder oder endlich durch äufserstes 
Darben der Landwirte und ihrer Familien aufgebracht. 

Wir besitzen keine brauchbare Verschuldungsstatistik neuesten Da- 
tums. Bekanntlich wird eine solche in Stichproben zur Zeit vorgenommen. 



120 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

So dankbar dies auch zu begrüfsen ist, volle Aufklärung kann die Statistik 
eines gegebenen Zeitpunktes nicht gewähren. Abgesehen von der Schwierig- 
keit, die Personalschulden zu erfassen, giebt sie doch eben nur den tat- 
sächlichen Schuldenstand. Wenn sich nun z. B. ergiebt, dafs der Parzellen- 
besitz durchschnittlich gering belastet ist, so läfst sich daraus zunächst gar 
kein Schlufs ziehen, da man nicht weifs, wieviel nach Deckung der Schuld- 
zinsen dem Iüeingrundbesitzer noch zum Lebensunterhalt übrig bleibt, und 
ebensowenig, aus welcher Quelle die Kaufschulden gedeckt werden. Er- 
wünscht wären deshalb monographische Untersuchungen, entweder, wie in 
der deutschen Wissenschaft üblich, von ganzen Gemeinden, oder für die vor- 
liegende Frage noch besser von einzelnen typischen Familien, nach der Me- 
thode Le Play's und seiner Schule. l ) 

Das einzige umfassende Material über Grund Verschuldung in der Khein- 
provinz, das wir haben, sind die bekannten, in der Zeitschrift des königlich 
preufsischen statistischen Bureaus seit 1886 veröffentlichten Erhebungen über 
die Hypothekenbeivegung im preufsischen Staate. Gerade für den Bezirk des 
Oberlandesgerichtes Köln sind diese Erhebungen wenig beweiskräftig; für 
die Dauer der Anlegimg des Grundbuches läfst sich in den betreffenden 
Bezirken aus der Hypothekenbewegung kein zutreffendes Bild der wirt- 
schaftlichen Entwickelung gewinnen. Zahlreiche Löschungen unterbleiben, 
weil die Mchtübernahme der Post in das Grundbuch sie ersetzt; in anderen 
Fällen wiederum vermehrt sich die Zahl der Löschungen wegen Aufhebimg 
der älteren zehnjährigen Inskriptionsverjährung durch § 9 des Gesetzes 
vom 20. Mai 1885. In dem Bericht für 1893/94 wird gesagt, es leuchte 
ein, dafs diese beiden Einwirkungen für das ganze Gebiet des Bezirkes 
im Laufe der Jahre einander wenigstens teilweise aufheben müssen. Vor- 
läufig ist dies jedoch nicht der Fall. Noch der letzte Bericht (für 1894/95) 
bemerkt, dafs die Hypothekenbewegung vorzugsweise durch die fortschreitende 
Grundbuchregiüierung mitbestimmt werde. 

Irgend welche Schlüsse lassen sich aus den Zahlen nicht ziehen. 

Genauere Untersuchungen sind namentlich auch notwendig für den Norden 
der Provinz, das Gebiet der Hof Übernahme. Von vornherein wäre anzunehmen, 
dafs im Gebiete der Hofbesiedelung die Verschuldung durch die Last der Abfin- 
dungen gröfser sein müfste als im Süden. Im grofsen und ganzen ist das 
aber kaum der Fall; der gröfsere arrondierte Besitz hat sich als widerstands- 
fähig erwiesen. Die strengen Bestimmungen des Code werden durch ver- 
hältnismäfsig geringe Taxierung des Hofes und durch das Ledigbleiben der 
Geschwister in ihrer Wirkung gemildert. Nichtsdestoweniger macht das Prin- 
zip der mechanischen Gleichheit Fortschritte, steigt die Verschuldung auch des 



l ) Solche Monographien sind zahlreich, in den beiden Sammlungen „Les Ouvriers 
europeens u und „Les Ouvriers des deux moüdes" zu finden. Die von Le Play begründete 
Societe d'Economie sociale hat eine eigene Enquete sur l'etat des familles et Fapplication des 
lois de succession unternommen. (1. Serie 1867/68, 2. Serie 1884 ff). Der dem 1. Heft der 
2. Serie vorangehende Rapport general von Focillon enthält eine vollständige Litteratur- 
üb ersieht. 



IT. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 121 

Nordens. Herr von Loe, der verstorbene Präsident des Rheinischen Bauern- 
vereins, wufste schon 1881 im Provinziallandtag aus seinen Erfahrungen als 
Landrat von Cleve zu berichten, 1 ) clafs die Besitzer der grofsen Höfe in der 
Rheinniederung in vielen Fällen vermöge der Abfindungssumme an die Ge- 
schwister und infolge des Schuldzinses schlechter ständen als die Pächter be- 
nachbarter Höfe. Er verlangte infolgedessen Testierfreiheit, auf Grund deren 
sich ein neues den Bedurfnissen der einzelnen Landesteile entsprechendes 
Gewohnheitsrecht bilden könne. Auch vereinzelte Äufserungen der Berichte 
lassen schliefsen, dafs bereits in vielen Fällen eine Überlastung des Über- 
nehmers stattfindet. 



Für das Gebiet der Naturalteilung sind wir wenigstens im Besitze 
einiger Angaben über die Verschuldung. Im allgemeinen sind auch diese 
nur mit grofser Vorsicht aufzunehmen. In den ärmeren Gebirgsgegenden ivar 
noch vor ivenigen Jahren, ist stellenweise noch jetzt, die Schivierigkeit, über- 
haupt Geld zu bekommen, sehr groß; namentlich hatte der Hypothekenkredit 
im Gebiet des französischen Hypothekenrechts eine verhältnismäfsig recht 
geringe Ausbildung erfahren. So berichtet z. B. der Direktor der Lokalabtei- 
lung Prüm des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen im Jahre 
1883 : 2 ) „Als im vergangenen Winter bei einer Zwangsversteigerung der Vor- 
steher einer Gemeinde zur Abwendung derselben unter Verbürgung seines 
beträchtlichen Grundbesitzes 33 M suchte und dieserhalb von Haus zu Haus 
ging, konnte er, der einiges Vertrauen in der Gemeinde besitzt, dieselben 
nicht auftreiben. Ich hatte mich wegen Bildung einer Darlehnskasse mit einem 
Angebot von 1000 M Kredit an einen Geistlichen, der ein sehr intelligenter 
Mann ist, gewandt und ihn gebeten, sich an die Spitze des zu gründenden 
Vereins zu stellen. Derselbe schrieb mir etwa folgendes zurück: Das ist alles 
recht schön, aber es geht nicht, denn bei den geringen Leuten ist die Unter- 
schrift nicht mehr wert als das Papier. Mit den hypothekarischen Akten, 
in denen Häuschen mit Bering als Unterpfand aufgestellt sind, steht es nicht 
besser. — Ich kann nur hinzufügen, der Mann spricht aus Erfahr ung." 

Weiter giebt derselbe Lokalabteilungsinspektor eine Statistik der hypo- 
thekarischen Verschuldung im Kreise Prüm in den vorhergehenden 11 Jahren, 
die er aus dem Hypothekenamt ausgezogen hat. 

(Siehe Tabelle S. 122.) 

Monographische Darstellungen einzelner Gemeinden existieren in den 
bereits erwähnten „Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirt- 
schaft in Preufsen"; sie sind jedoch sämtlich, mit Ausnahme der Schilderung 
des Dorfes Nohn durch Otto, in Beziehung auf die thatsächlichen Schuld- 
verhältnisse nicht exakt genug. 



x ) Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des 27. Provinziallandtages S. 475. 
2 ) Jahresbericht des landwirtschaftlichen Centralvereins für Rheinpreufsen für das 
Jahr 1883. Bonn 1884. S. 10. 



122 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 





Höhe der Neubelastung von Grundstücken 






Zahl der 




durch Hypotheken oder Privilegien und zwar 






Beschlag- 




zur Sicherheit 






nahme-Ver- 


Jahr 


a) von Immobiliar- 

Kaufpreisen 

(Kaufpreis-Privilegien) 


b) sonstiger 
Forderungen 


Erneuerung früherer 
Einschreibungen 


fügungen 
unbeweg- 
licher Güter 
zum Zwecke 
der Zwangs- 












ver- 




M Pf 


M Pf 


M 


Pf 


steigerung 


1873 


349735 


61 


412398 


89 


188312 


66 


12 


1874 


277206 


58 


240308 


14 


223 728 


60 


18 


1875 


261482 


22 


247 066 


5 


170240 


86 


8 


1876 


256747 


61 


269427 


54 


141314 


93 


14 


1877 


319222 


98 


338172 


84 


151819 


21 


13 


1878 


224402 


45 


419878 


21 


165071 


84 


16 


1879 


211409 


30 


534908 


72 


241499 


57 


10 


1880 


313315 


16 


381013 


76 


154389 


1 


8 


1881 


303514 


39 


472223 


76 


154758 


85 


14 


1882 


283134 


65 


556213 


34 


221810 


90 


17 


1883 


269974 


96 


378796 


29 


188042 


68 


28 




3070145 


91 


4250407 


54 


2000989 
4250407 
3070145 


11 

54 
91 


158 




9321542 


56 





Nach den Ermittelungen Otto 's sind die hypothekarischen Schulden in 
Nohn nur gering. Der Grund liegt jedoch nach ihm lediglich in der bis- 
herigen mangelhaften rheinisch- französischen Hypothekenverfassung, ivodurch 
der Realkredit im Rheinland gegenüber den anderen Provinzen viel zu 
wünschen übrig läfst und besonders für die Eifel ein nicht weit ausgedehn- 
ter ist und sein kann. Ergänzend treten die Personaldarlehen der drei ge- 
nossenschaftlichen Spar- und Darlehnskassen und endlich der von Kaufleuten, 
der Kirche und einigen privaten Personen gewährte Kredit ein. Nur der 
Kredit der Spar- und Darlehnskassen liefs sich genau ermitteln, von dem 
Rest nur etwa ein Viertel. Ganz genaue Angaben enthalten jedoch zwei 
dem OTTo'schen Bericht angefügte Rentabilitäts- und Haushaltsberechnungen. 
Die über die Schuld Verhältnisse der Betreffenden gemachten Angaben ent- 
stammen der Einsicht der von ihnen selbst vorgelegten Dokumente und 
Schuldurkunden, wobei Otto sich gleichzeitig auf dem Hjpothekenamt und 
bei den Darlehnskassen, bezw. durch die von diesen Instituten beschafften 
Auszüge von der Richtigkeit der Angaben überzeugte. Da sie auch die nicht 
eingetragenen Schulden wie Schuldscheine und die von Kaufleuten erhaltenen 
Rechnungen vorlegten, dürften die Zahlen absolut richtig sein. 

Der Bauer K. hat ein gröfseres Anwesen von 19,9963 ha; der Grund- 
steuerkapitalwert beträgt 18 225 M, der Gebäudesteuerkapitalwert 1125 M. 

Pachtland ist nicht vorhanden. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



123 



An Schulden sind vorhanden: 
Im Hypothekenregister eingetragen . 2100 M zu 5% ohne Abtrag zu ver- 
zinsen 
Bei der Darlehnskasse zu Wershofen 1200 „ „ 5 „ u. 1 / 2 % Abtrag) mobiiar- 

TSJohn fi^'l 5 1 f Kaufgeld 

11 v » 11 ■ Ly{JL1LL • • v<-i'J „ „ <J „ „ x „ „ j eingetr. 

Auf Handschreiben bei der Pfarrkirche 300 „ „ 5 „ ohne Abtrag 
Bei Privaten auf Handscheine . . . 950 „ „ 5 „ „ „ 

Summa 5975 M oder rund 1 / 3 des Steuerwerts. 

Sämtliche Schulden sind durch den starken Grunderwerb entstanden. 

Die jährlichen, spezifizierten Geld -Einnahmen und -Ausgaben ergeben 
einen Überschufs von 29,52 M, der selbstverständlich zur Yerzinsung und 
Tilgung der Schulden nicht ausreicht. Wie K. selbst angiebt, hat er mit 
Ausnahme des Jahres 1889 (vorteilhaft durch gute Ernte und gute Yiehpreise) 
thatsächlich in den letzten 5 Jahren 480 M zusetzen müssen. 

Der Kleingütler B. hat 2 ha 99 a 70 qm; davon entfallen auf Acker- 
land 2 ha 31 a 50 qm in 28 Parzellen mit einer Durchschnittsgröfse von 
8 a 25 qm und auf "Wiese 68 a 20 qm in 15 Parzellen mit einer Durch- 
schnittsgröfse von 4 a 54 qm. Das Grundsteuerkapital beträgt 2516 M, das 
Gebäudesteuerkapital 600 M. 

B. besitzt an Schulden: 



A. Hypothekenschidden 


Kapital 
M 


Auf- 
genommen 
im Jahre 


Zinsfufs 
% 


Jährlich 

zu 

zahlende 

Zinsen 

M 


Kathol. Pfarrkirche zu Nohn (Obligation) . . . 
Sparkasse zu Nohn (Versteigerungsprotokoll) 

Schuldsumme bei Müller 

Handelsjude in Mayen 


147,00 
36,88 

333,65 
83,45 


1874 
1885 
1885 


5 
5 

5 
5 


7,35 

2,00 

18,18 

14,17 


Summa der eingetragenen Schulden 

B. (Mobiliar-) Personal- Schulden 
Bei der Darlehnskasse zu Wershofen .... 
Nohner Kasse 


600,48 

450,97 

300,00 

58,26 

99,00 


fällige 
Reste 

1883 


5 
5 
5 
5 


31,70 

22,05 

15,00 

2,91 

4,96 


Spar- und Hilfskasse in Nohn 

Handschein der Pfarrkirche zu Nohn .... 


Summa der Personalschulden 
Hierzu Summe der Immobiliarschuiden 


908,23 

600,48 


— 


— 


44,92 
31,70 




1508,71 


— 


1 - 


76,62 



Sonstige Schulden in laufender Rechnung ohne Zinszahlung 

a).bei einer Nohner Handlung 58,26 M 

b) bei Kaufleuten in Adenau 25,00 „ 



Summa 83,26 M 



124 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Natürlich arbeitet B. mit ständigem Defizit. Der Zusammenhang zwischen 
dem wirtschaftlichem Rückgang infolge technischer Fehler und der Boden- 
zersplitterung ist in diesem Falle besonders klar. 

Diese beiden Beispiele beweisen allerdings nicht viel, einiges aber doch 
für das Verhältnis von Hypothekar- und Personalschulden. Das frühere 
rheinische Hypothekenrecht und die Zersplitterung des Grundbesitzes er- 
schwerten den Hypothekarkredit aufserordentlich. Die Folge ist denn das 
Überwiegen anderer — für eine nicht ganz eingehende Statistik schwer fafs- 
barer — Kreditformen, insbesondere der Cession der Steigpreise und des 
Personalkredits. Beide Formen gaben und geben Gelegenheit zur Auswucherung. 
Immerhin ist der Geldwucher ziemlich verschwunden, und zwar aus zwei 
Ursachen. Die erste ist die immer reichlichere Erschliefsung von anständigen 
Kreditquellen, namentlich der kommunalen und der genossenschaftlichen Spar- 
und Darlehnskassen, die zweite die energische Yerfolgung des Wuchers durch 
die Rechtsschutzvereine sowie durch den landwirtschaftlichen Verein für 
Rheinpreufsen und den rheinischen Bauernverein. Der Yiehwucher hingegen 
hat in den ärmeren Gebirgsgegenden noch grofsen Umfang. Die Schwierig- 
keiten, welche die dauernde Kapitalanlage in Form von Hypothekendarlehen 
findet — haben doch die beiden grofsen rheinischen Hypothekenbanken ihren 
Geschäftskreis notgedrungen fast ganz auf die Städte beschränkt — trägt viel- 
leicht zur Ausdehnung des Pachtwesens bei. 

Es ist nicht unmöglich, dafs es verhältnismäfsig viele schuldenfreie 
und nur mäfsig verschuldete Grundbesitzer in den Parzellierungsgebieten 
giebt. Der eiserne Fleifs, den insbesondere die kleinsten Besitzer ent- 
wickeln, kann sehr wohl eine frühzeitige Abtragung der absolut immerhin 
geringfügigen Schulden aus dem Nebenverdienst ermöglichen. Aber dies 
kann nicht über die Thatsache hinweghelfen, dafs der Grundbesitz vielfach 
weit unter das Mafs des Auskömmlichen herabgedrückt und in weiten Ge- 
bietsteilen bei mangelndem Nebenverdienst die Masse der bäuerlichen Be- 
völkerung proletarisiert ist. Wo ferner der Betrieb so grofs ist, dafs sich 
der Eigentümer mit seiner ganzen Familie der Bewirtschaftung widmen mufs, 
und nicht besonders günstige Absatzverhältnisse vorhanden sind, wird mit 
der jetzt stetigen Erleichterung der Kreditnahme und der Einführung der 
Grundbücher die Verschuldung ziemlich sicher wachsen. 

4. Die wirtschaftliche Schwächung der Landwirte und die Mobilisierung 
des Grundbesitzes durch das Erbrecht hat nun zu einer Erscheinung geführt, 
deren schwere Konsequenzen zunächst noch gar nicht absehbar sind: die 
Bildung von Grofsgrundbesitz, den Übergang des Grundeigentums in die 
Hände der Kapitalisten. Denn es ist die spezifische Eigentümlichkeit der 
neu entstehenden rheinischen Latifundien, dafs sie in ganz überwiegendem 
Mafse nicht Grofslandwirten, sondern Grofsindustriellen und Kaufleuten ge- 
hören, dafs sie zumeist überhaupt keine wirtschaftliche Einheit bilden, sondern 
Streubesitz darstellen. Genaue Auskunft darüber könnte nur eine Besitz- 
statistik geben. Die Betriebsstatistik, die mit der Berufs- und Gewerbezählung 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 125 

Yon 1882 und auch mit der des vorigen Jahres erhoben wurde, erfafst ge- 
rade diesen charakteristischen rheinischen Grofsgrundbesitz nicht. Auch die 
Statistik der ländlichen Privatbesitzungen, welche anläfslich der Gebäudesteuer- 
Kevision i. J. 1878 aufgenommen war de, ist für die rheinischen Verhältnisse 
wenig ergiebig. x ) Eine Besitzstatistik, die vielleicht schon den bei der Ver- 
anlagung zur Ergänzungssteuer gemachten Angaben sich regelmäfsig ent- 
nehmen liefse, ist das dringendste Erfordernis zur Erkenntnis rheinischer 
Agrarzustände. 

Zunächst seien die Äufserungen der Berichterstatter wiedergegeben, 
wenn sie auch erklärlicherweise nur lückenhaft sind: 

a) Im Gebiete vorwiegender Hofbesiedelung. Landrat von Neufs: Es 
ist „zuzugeben, dafs auch im Gebiete des rheinischen Kechts insbesondere 
in den Gegenden mit schlechten Boden- und Absatzverhältnissen das fran- 
zösische Erbrecht seinen nachteiligen Einflufs auf die Lage des Grundbesitzes 
bereits ausgeübt „hat. Selbst in der hiesigen, durch Güte des Bodens und 
vorzügliche Absatzverhältnisse ausgezeichneten Gegend sind zahlreiche Höfe 
infolge von Erbteilung in das Eigentum von Grofsgrundbesitzern und Kapi- 
talisten übergegangen. An die Stelle der mittleren Grundbesitzer treten auf 
diese Weise vielfach unbemittelte Pächter, und so wird auch auf dem Lande 
der in sozialer und politischer Beziehung so bedeutungsvolle Mittelstand mehr 
und mehr zurückgedrängt. In gleicher Weise nimmt die Verschuldung der 
noch vorhandenen Grundeigentümer zu. Die Auszahlung der Erbteile nötigt 
den Übernehmer des Grundeigentums zu einer Belastung desselben, die bei 
der folgenden Erbteilung notwendigerweise den Verkauf des Hofes zur Folge 
hat. Wenn trotzdem noch manche Gutsbesitzer in hiesiger Gegend sich 
eines verhältnismäfsigen Wohlstandes erfreuen, so ist dies in erster Linie 
auf die gröfsere Ertragsfähigkeit des Grundbesitzes, dann aber auch darauf 
zurückzuführen, dafs vielfach die Zahl der Kinder eine beschränkte und durch 
die Heirat wohlhabender Töchter die Gelegenheit geboten ist, Kapital zur 
Abfindung der Erben zu erhalten." Ganz ähnlich berichtet der Ehrenbürger- 
meister des im Kreise Neufs liegenden Ortes Büderich. 

Amtsgericht Mettmann: „Nicht zu verkennen ist, dafs dieser (grofsen 
Landwirten gehörige) gröfsere Grundbesitz zu verschiedenen Zeiten, weniger 
in der Gegenwart, die Tendenz hatte, durch weitere Ankäufe sich allmählich 
auszudehnen und namentlich benachbarte Güter sich anzugliedern. Ein 
weiterer beträchtlicher Teil des ländlichen Grundbesitzes befindet sich in den 
Händen von Kapitalisten benachbarter Grofsstädte, die in den verschiedenen 
Teilen des Bezirkes Güter von mannigfacher Gröfse erworben haben und durch 
Pächter bewirtschaften lassen. Zum Teil liegt der Erwerb solcher Güter 
schon geraume Zeit zurück, teilweise ist er in Zeiten mit geringem Zins- 
fufse erfolgt. Fast regelmäfsig jedoch ist die Familie des Veräufserers solcher 
Güter im Pachtverhältnis darauf verblieben. 



x ) Yergl. die Zusammenstellung der vorliegenden Ziffern, insbesondere auch hinsicht- 
sichtlich des umfangreichen öffentlichen Grundbesitzes in Anlage XI. 



126 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Landgericht Düsseldorf: „Das Streben, ein geschlossenes Gut der 
Familie zu erhalten, scheint mehrfach .... stärker zur Geltung zu kommen. 
Dieses Ziel wird indes gegenüber der gleichen Teilung nach Mafsgabe der 
vorliegenden Erfahrungen unerreichbar bleiben. Wenn ein schuldenfreies 
Gut auf eines von 6 Kindern übergeht und der Übernehmer seine ö Ge- 
schwister zum Kaufpreiswerte abfindet, so ist sein Schicksal von vornherein 
besiegelt. Angesichts des tiefen Standes der Bodenrente ist er selbst bei 
mäfsigem Zinsfufse in absehbarer Zeit aufser stände, das Gut zu halten. 
Eben hieraus erklärt sich die in den letzten Jahren vielfach wahrnehmbar 
gewesene Aufsaugung vieler Güter durch das Grofskapital oder die Grofs- 
indnstrie." 

b) Im Gebiete vorwiegenden Körnerbaues und realer Teilung. Im 
Amtsgerichtsbezirk Königsivinter bestehen, wie erwähnt, nur wenige äufser- 
lich als ein Ganzes erscheinende Güter; diese sind sämtlich Eigentum von 
Kaufleuten und Eentnern, die ihre Besitzungen fortwährend zu arrondieren 
sich bemühen. 

Landgericht Bonn: „Die Kheinprovinz ist eine von der Industrie be- 
herrschte Provinz. Die dort üblichen Anschauungen sind in die Bevölkerung 
mehr oder weniger übergegangen. Zudem hat sich seit den letzten 25 Jahren, 
in welchen wir die Yerhältnisse beobachten konnten, ein Wechsel der Güter 
aus der Hand der Landwirte in diejenigen der Kapitalisten in der Art voll- 
zogen, dafs nunmehr ivenigstens 3 / 4: des Ortmdbesitzes den Kapitalisten und 
Industriellen gehört. x ) Aus diesem Grunde besteht auch im Gegensatz zu 
anderen Bezirken in der Rheinprovinz kein Notstand. Werden die Yer- 
hältnisse schlechter, so gehen einfach die Pachtpreise herunter. Dieser Her- 
untergang ist so wenig ein Notstand als die Verkleinerung der Erträgnisse 
aus festverzinslichen Wertpapieren. Der Übergang der Güter in die Hände 
der Kapitalisten nimmt von Jahr zu Jahr zu. Mit diesen Personen kann 
der Landwirt nicht in Konkurrenz treten, weil er auf eine Verzinsung seines 
Geldes sehen mufs, die Kapitalisten und Industriellen aber von dem länd- 
lichen Besitze Ansehen erwarten und diesen Faktor bei dem Preise mit be- 
zahlen. Unter solchen Yerhältnissen ist es nicht befremdend, dafs der Land- 
wirt den Gedanken auf Erhaltung des Besitzes in der Familie aufgiebt und 
seine Nachkommen zu Gutspächtern bestimmt." ■ 

Amtsrichter in Köln: „Die gröfseren Güter der Familie zu erhalten, 
ist für den Erblasser eine äufserst schwierige Sache, es sei denn, dafs sich 
mehrere Güter oder ein grösseres Kapitalvermögen in der Erbmasse befinden. 
Selten ist ein Kind so stark oder leistungsfähig, um das meist mit Hypo- 
theken schon belastete Gut nebst einem kostspieligen Inventar zu übernehmen 
und seine Geschwister durch Barzahlung abzufinden. Findet eine solche 
Übernahme demungeachtet statt, feo hat dieselbe in vielen Fällen den Kuin 
des Übernehmers zuriFolge, der sich mit unerschwinglichen Lasten beschwert 
hat. Nach Eröffnung der Erbschaft suchen daher die Erben gröfserer Güter 



L ) Diese Angabe erscheint jedoch recht hoch gegriffen. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 127 

zunächst unter der Hand zu verkaufen, und wenn das nicht gelingt, in 
öffentlicher Versteigerung zu veräufsern, um die Auseinandersetzung zu er- 
möglichen. Solche Güter werden dann oft von Kapitalisten angekauft, welche 
die Erwerbung als eine sichere Anlage betrachten, wenn auch die Verzinsung 
eine geringe ist. Die Nachkommen der früheren Eigentümer bleiben mit- 
unter als Pächter auf dem Gute zurück und stehen sich in der Regel weit 
besser dabei, als wenn sie Eigentümer geworden wären." 

Amtsgericht Jülich: „Vor allem ist meiner Ansicht nach dahin zu 
streben, dafs die reichen Kapitalisten in den grofsen Städten nicht mehr und 
mehr dazu übergehen, ihr Geld durch Landankauf anzulegen. Zufrieden mit 
einer nur geringen Rente und mehr auf die Sicherheit der Anlage sehend, 
kaufen sie den ländlichen Boden zu einem Preise, der der Rentabilität nicht 
mehr entspricht. Die Folge hiervon ist die, dafs die bisherigen ländlichen 
Grundbesitzer — grofse sowohl wie kleine — sich ihres Grundbesitzes dann 
entledigen und das bisherige Eigentum nunmehr anpachten. Infolgedessen 
wächst natürlich die Zahl der Pächter von Jahr zu Jahr. Will man daher 
einen kräftigen unabhängigen Grundbesitz erhalten, so mufs dem von mir 
angegebenen Übel gesteuert werden. Unser ländlicher Grundbesitz krankt 
nicht an Fehlern des Erbrechts, sondern an dem Auskauf durch das Kapital." 

Die Äufserungen der Berichterstatter in Eupen und Aachen sind be- 
reits angeführt. 

c) Im Gebiete der Industrie und der Spezialhdturen. Amtsrichter 
von Neumagen: „In der Weinbau treibenden Moselgegend scheint mir das 
Bedürfnis eines rationellen Zusammenhaltens des Besitzes insofern weniger 
dringend, als die mühevolle Arbeit des — im allgemeinen auch hier nicht 
wohlhabenden — kleinen Winzers immerhin einen, wenn auch unsicheren, 
im Durchschnitt aber gröfseren Gewinn erzielt. Hier wirkt nachteilig für 
die Masse der Bevölkerung namentlich die Zusammenfassung der besten 
Weinlagen in einigen sehr kapitalkräftigen Händen und in dem die Preise 
beherrschenden Weinhandel, gegen welche Kräfte die Zusammenhaltung der 
kleineren Winzergüter auf die Dauer meines Erachtens nicht von grofser 
Bedeutung sein kann." 

Amtsrichter von Völklingen: „Der gröfsere Grundbesitz von 20 — 100 ha 
kommt nur vereinzelt vor. Diese Hofgüter sind in den Händen reicher 
Städter, bei denen die Erhaltung eines ganzen Gutes in einer Hand keine 
Schwierigkeit bietet. Meist ivird das Gut nicht von der Familie, sondern 
von Pächtern bewirtschaftet" 

d) Im Gebirge. Das Präsidium des landwirtschaftlichen Vereins für 
Rheinpreufsen richtete am 15. Juli 1894 an den damaligen Landwirtschafts- 
minister Herrn von HEYDEN-Cadow und den Landesdirektor der Rheinprovinz 
eine inzwischen publizierte Denkschrift, betreffend Erhaltung der Kleinbauern 
in der Rheinprovinz und die dieserhalb nötigen Mafsnahmen. Es wurde darin 
ausgeführt, dafs auf dem Hunsrück und in der Ei fei schon jetzt — vereinzelte 
Ausnahmen mit besonders günstigen Boden- und Betriebsverhältnissen selbst- 
redend vorbehalten — der eigentliche Ackerbau eine Rente nicht mehr abwerfe. 



128 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Den Ackerbau fortzufuhren sei nur der Kleinbauer in der Lage, welchem 
in seiner Familie die genügende Arbeitskraft zur Verfügung stehe, um 
annähernd ohne die Heranziehung bezahlter Arbeit auskommen zu können. 
Es stehe aufser jedem Zweifel, dafs die Arbeit eines solchen Kleinbauern 
und seiner Angehörigen auch bei gänzlichem Verzicht auf jede Bodenrente 
sich weniger hoch bezahlt mache als die Arbeit eines gewerblichen Arbeiters. 
Es drücke sich dies grell in dem Umstände aus, dafs die Lebenshaltung der 
besitzlosen Bergleute und Fabrikarbeiter eine ganz ungleich bessere sei als 
diejenige der Kleinbauern. Erst wenn in einer Kleinbauernfamilie über- 
schüssige Arbeitskraft vorhanden sei, beginne deren kümmerliche Lebens- 
haltung sich auf die Höhe des Fabrikarbeiters zu heben. Trotzdem habe 
bisher die Anhänglichkeit sowohl an den Besitz als den Landbau zur Folge 
gehabt, dafs die Bevölkerung ihren Boden weiter bestellt habe. Auf die 
Dauer würden diese mehr idealen Beweggründe rein wirtschaftlichen weichen 
müssen. Bekanntlich seien jetzt schon die Preise der landwirtschaftlichen 
Grundstücke in der empfindlichsten Weise zurückgegangen. „Sollte die Be- 
reitwilligkeit der Kleinbauern zum Verkauf ihrer Grundstücke noch weiter 
um sich greifen, dann wird der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo das 
reichlich vorhandene Grofskapital als Ankäufer auftritt und den erworbenen 
Grund und Boden mit Rücksicht auf den niedrigen Kaufpreis dadurch 
wieder rentabel zu gestalten in der Lage ist, dafs eine Kulturart gewählt 
wird, welche geringeren Arbeitsaufwand erfordert, also namentlich die Um- 
wandlung in Wald. Überläfst man die Agrarent Wickelung in den kleinbäuer- 
lichen Teilen der Rheinprovinz sich selbst, dann wird sie ohne Zweifel den 
zuletzt bezeichneten Verlauf nehmen. Während man also im Osten mit der 
Zerteilung des Grundbesitzes und mit der Erhaltung der Brotfrachtgewinnung, 
welche im patriotischen Interesse nicht preisgegeben werden darf, sich ab- 
müht, würde man im Westen zusehen, wie ein vorhandener Kleinbauern- 
stand der Latifundienbildung verfällt und der seit Menschengedenken zum 
Anbau der unentbehrlichsten Lebensmittel benutzte Boden zu Wald um- 
gewandelt wird und nur mehr der Henwbringung von Holz dient ! u 

Eine zweite ebenfalls veröffentlichte Denkschrift zur Ergänzung ver- 
schiedener Angaben der ersten richtete der Präsident des landwirtschaftlichen 
Vereins, Herr von Bemberg-Flamershelu am 22. Februar 1895 an den Cob- 
lenzer Regierungspräsidenten. Ein darin angeführter Bericht eines Guts- 
besitzers in Losheim (Regierungsbezirk Aachen) entwirft folgende Schilderung 
der Zustände in der Eifel: „Die Bevölkerung des Kreises Malmedy, welche 
fast ausschliefslich von Viehzucht und Ackerbau lebt, findet durch die an- 
dauernd ungünstigen Verhältnisse, in welchen sich die Landwirtschaft seit 
einer Reihe von Jahren befindet, nicht mehr ausreichende Nahrung. Zum 
. Beweise hierfür und in unmittelbarem Zusammenhange damit steht die traurige 
Thatsache, dafs sehr viele Landwirte ihre Ländereien zu Schleuderpreisen 
verkaufen und nach den Industriegegenden oder ins Ausland ziehen. Die 
Zurückbleibenden, meist ältere Männer und Frauen oder auch mit kleinen 
Kindern reich gesegnete Familien, laden dann durch die massenhaften Ver- 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 129 

kaufe und die dabei erstandenen nur scheinbar billigen Kaufobjekte sich 
fortgesetzt neue Schulden und Lasten auf. Die schlechte Rentabilität des 
Ackerbaues, verbunden mit der schweren Überschuldung verleidet sehr vielen 
Leuten die Freude am Berufe, sie betrachten ihre Scholle nur mehr als ein 
lästiges Übel und suchen sich sobald als möglich hiervon zu befreien. Yon 
den Ausgewanderten kehren nur Mittel- und Arbeitslose oder Kranke zurück, 
sie bilden dann nur mehr einen weiteren Ballast für die Einheimischen. 
Immense Flächen Landes, auch wo der Boden recht fruchtbar, liegen un- 
genützt da, der Ertrag davon wiegt nicht mehr die darauf lastende Grund- 
steuer auf. Schöne und grofse Waldkomplexe, die früher im Besitz von 
Gemeindeeingesessenen waren, sind bis auf wenige Hektare bereits veräufsert 
und in den Besitz von einigen Kapitalisten und Industriellen, die zum Teil 
noch im Auslande wohnen, übergegangen. Die Yeräufserung von Wald 
und zur Waldanlage geeigneten Grundstücken findet noch fortgesetzt in 

einer bedenklichen Weise statt Die Eingesessenen der Bürgermeisterei 

Manderfeld hatten früher einen schönen und grofsen Waldbesitz, derselbe 
ist, wie ich bereits anzuführen mir erlaubte, vor und nach, mit Ausnahme 
von einigen Hektaren, veräufsert worden. Herr Poensgen und Konsorten 
haben in der Bürgermeisterei Manderfeld ca. 1900 Morgen Waldbesitz, Herr 
Lambiotte Yigneron aus Brüssel ein ebenso grofses Areal Waldung erworben. 
Herr Poensgen sowohl als Herr Lambiotte Yigneron kaufen beständig zu 
und suchen ihren Besitz so weit als möglich zu arrondieren. Weil sie die 
einzigen Kauffähigen sind, erhalten sie die Ländereien teilweise zu Spott- 
preisen. In den letzten Jahren wurden durch allmählichen Ruiu der Eigen- 
tümer nachstehende Subhastationen in der Bürgermeisterei Manderfeld herbei- 
geführt: Ackerer D. in Almuthen mit 38 ha, Ackerer Joh. Heinr. C. in 
Manderfeld mit 25 ha, Ackerer Mcolaus D. in Manderfeld mit 15 ha. Die 
Betreffenden sind mir persönlich als fleifsige und anspruchslose Menschen 
bekannt. Bei den erwähnten Zwangs verkaufen gingen selbst die besten 
Ländereien zu wirklichen Spottpreisen weg." 

Herr von Bemberg-Flamersheim bemerkt dazu: „In der Denkschrift 
des Yereins war die Latifundienbildung und die Umwandlung von Ackerland 
in Wald nur für die Zukunft als „Befürchtung" bezeichnet. Nicht mit Un- 
recht hat aber der Abgeordnete Knebel in den Yerhandlungen des Abge- 
ordnetenhauses vom 1. d. M. schon darauf hingewiesen, dafs die Ansätze der 
Latifundienbildung sehr deutlich in der unablässigen Yergröfserung der Be- 
sitzungen des Herzogs von Arenberg in der Eifel, des Grafen von Nesselrode 
im Westerwald, der Familie Puricelli auf dem Hunsrück und an der Mosel, 
des Geheimen Kommerzienrats von Boch an der Saar sich zeigten, Es 
könnten noch die Namen Graf Kesselstadt und andere hinzugefügt werden. 
Eine ähnliche Wirkung wie die Latifundien üben übrigens auch die zahl- 
reichen Yillenbesitzer." — 

Man braucht die Latifundienbildung keineswegs einer moralischen 
Kritik zu unterwerfen; in manchen Fällen hat der Käufer dem Yerkäufer 
vielleicht geradezu eine Wohlthat erwiesen. Aber eine individuell betrachtet 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 9 



130 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

harmlose oder gar nützliche Handlungsweise kann trotzdem entschieden 
antisozial wirken. 1 ) Das sind Binsenwahrheiten, die nur leider hier wieder 
eine für die Volkswohlfahrt wenig wünschenswerte Bestätigung erfahren. 
Um Mifsverständnisse zu vermeiden, sei nochmals ausdrücklich betont, dafs 
das Schwinden des kleineren Grundbesitzes nicht allein dem Erbrechte 
zur Last gelegt werden kann; das Erbrecht oder die von ihm erzwungene 
Teilung oder übermäfsige Belastung des Grund und Bodens hat dessen Be- 
sitzer aber widerstandsunfähig gemacht und wirft immer wieder Liegenschaften 
auf den Markt, wo *der Kleinbauer mit dem Grofskapital nicht zu konkurrieren 
vermag. Die schon so lange andauernde Agrarkrisis hat in den weniger 
fruchtbaren und wesentlich körnerbauenden Distrikten auch stärkere Existenzen 
fortgerafft; wie sollen da die schwachen auf die Dauer widerstehen? 

Die Zusammenfassung in gröfsere Wirtschaftseinheiten kann technisch 
erwünscht sein. Dies gilt zunächst vom Waldbesitz. Zersplitterter Waldbesitz, 
wie er in der Rheinprovinz noch so viel vorkommt, läfst rationelle Bewirt- 
schaftung nicht zu. 2 ) Aber der Bauern- Wald gehört in den Besitz der Ge- 
meinden, nicht der Privaten, und die nach den obigen und anderen Mit- 
teilungen geübte Aufforstung von ausgesprochenem Ackerland ist jedenfalls 
sozialpolitisch verwerflich. 

Auch für den Betrieb des Weinbaus in gröfserem Mafsstabe läfst sich 
vieles anführen. Der einzelne kleine Winzer kann nicht selbst keltern. 
Aber Winzergenossenschaften können das; dafür sind ein sprechendes Bei- 
spiel die Winzervereine an der Ahr, die schon vor Jahrzehnten die Yer- 



*) Bezeichnend für die Auffassung des Volks ist eine Sage, die mir von einem sehr 
sachkundigen Bewohner einer Gegend mitgeteilt wurde, wo der Kleinbesitz in starkem Eück- 
gange begriffen ist. Es wird nämlich von einem Grundbesitzer (einem der gröfsten im 
Eheinland) erzählt, er habe bereits 99 Güter gekauft; wenn er das hundertste kaufe, müsse 
er dem Kaiser ein Eegiment Soldaten stellen. Die Gefahr der Latifundienbildung für die 
Wehrkraft des Eeichs ist in dieser modernen Sage zu drastischem Ausdruck gebracht. 

2 ) Die Zersplitterung der Wälder läfst sich im Eheinland mit fast absoluter Sicherheit 
auf den Einflufs des Code zurückführen. Der Nachweis für diese Behauptung liegt aufser- 
halb des Eahmens dieses Berichts; er wird später an anderer Stelle erbracht werden. — Eine 
eben erschienenen Schrift über „Die Bedeutung, Verwüstung und Wiederbegründung des 
Waldes mit besonderer Eücksicht auf die Verhältnisse im Bergischen u von H. Joesting 
(Lennep 1896) enthält eine vom Landratsamt aufgestellte Übersicht über die Waldverhältnisse 
im Kreise Lennep (S. 40/42). Darnach beträgt die Waldfläche des Kreises 11 988,25 ha, 
wovon 11467,35 ha absoluter Waldboden sind. Der Staat besitzt 12,76, Gemeinden, Genossen- 
schaften etc. 206,49, Private 11 769,21 ha. Der Privatbesitz überwiegt also bei weitem. 

Es betrug nun die Zahl der mit einer Gröfse von 

bis 25 a 25 a bis 1 ha 1 ha bis 5 ha mehr als 5 ha 
einem Besitzer gehörigen 

Waldparzellen . . . 6787 7303 2232 104 
mehreren Besitzern ge- 
hörigen Waldparzellen . 1076 1152 590 18 

Summa 7863 8455 2822 122 

Wie eine von mehreren Besitzern ausgebeutete Waldparzelle unter 25 a aussieht, 
kann man sich im Osten Deutschlands kaum vorstellen. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 131 

arbeitung und den Vertrieb der Weine mit grofsem Geschick genossen- 
schaftlich organisiert und dadurch den Besitz der Genossen gerettet haben. 
An der oberen Mosel und an der Saar sind fast alle Weinberge besserer 
Lagen in den Besitz von Kapitalisten übergegangen und der Rest wird wohl 
bald nachfolgen. Wenn die Winzer sich nicht zur Genossenschaftsbildung 
entschliefsen wollen, so können sie der Charybdis des Preisdruckes durch die 
Weinhändler nur entgehen, um ihren Besitz in die Scylla des Kapitalismus 
zu stürzen. 

Ebenso ist es schliefslich mit dem Betrieb der Landtvirtschaft im 
engeren Sinne, Ackerbau und Viehzucht. Unter Umständen kann ein 
gröfseres Gut sich besser rentieren als ein kleines; die Bildung eines neuen, 
sich aus den Kreisen der Industrie rekrutierenden Landadels wäre von 
manchen Gesichtspunkten aus wünschenswert oder doch wenigstens ein Er- 
satz für den abbröckelnden Kleinbauernstand. Die Entwickelung vollzieht 
sich jedoch, wie mehrfach hervorgehoben, im Rheinland nicht in dieser 
Weise, sondern durch Umwandlung der Besitzer in Pächter. 



5. Einwandfreies und vollständiges statistisches Material über die Aus- 
dehnung der Pachtungen liegt nicht vor; immerhin giebt das Yorhandene 
doch einige Anhaltspunkte. 

Im Kreise Solingen war Anfangs der 30 er Jahre die Zahl der erwer- 
benden Familien, die ausschliefslich von der Landwirtschaft lebten, 3055. 
Davon wirtschafteten 2028 auf eigenem Grundstück, 1027 als Pächter; 2167 
Familien lebten von Gewerbe in Verbindung mit Landbau, während die 
Gesamtzahl aller Familien 9718 betrug. 1 ) Diese verhältnismäfsig frühzeitige 
grofse Ausdehnung des Pachtwesens erklärt sich wohl einmal aus den Folgen 
der Agrarkrisis des vorangegangenen Jahrzehnts. Dann aber hat hier wesent- 
lich die Ablösungsgesetzgebung mitgewirkt. Während auf der linken Seite 
des Rheins durch die Franzosen eine ziemlich radikale Aufhebung des Ober- 
eigentums in seinen verschiedenen Formen erfolgte, ist die Ablösung auf 
der rechten Rheinseite im vormaligen Grofsherzogtum Berg bedeutend später 
und langsamer erfolgt. Es hat sich noch niemand gefunden, um die Bauern- 
befreiung im Rheinland auf ihre soziale Bedeutung hin zu prüfen, wie das 
Knapp in seiner „Bauernbefreiung" für die östlichen Provinzen Preufsens ge- 
than hat; doch hat es, wie aus der zeitgenössischen Litteratur und gelegent- 
lichen Bemerkungen bei Rönne und Lette hervorgeht, den Anschein, als ob 
vielfach zu Ungunsten der kleineren Besitzer entschieden worden sei, indem 
zweifelhafte Rechtsverhältnisse als Pacht ausgelegt wurden. 2 ) 



*) v. Hauer, Statistische Darstellung des Kreises Solingen. Köln 1832. S. 29. 

2 ) Das Pachtwesen ist in der Rhemprovinz, wie Lamprechts Forschungen ergehen 
haben, stellenweise schon alt und reicht bis ins Mittelalter zurück. Dennoch kann man nicht 
ohne weiteres das jetzige Pachtwesen auf jene älteren Erscheinungen zurückführen. Yor 
allem kann dies nicht über das bedeutende Anschwellen der Pachtwirtschaft in neuerer Zeit 
hinwegtäuschen. 

9* 



132 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Die Lokalabteilung Krefeld des landwirtschaftl. Centralvereins hat ihrem 
neuesten Jahresberichte ein Yerzeichnis der gröfseren Höfe des Stadt- und 
Landkreises Krefeld beigefügt. 1 ) Dabei ist auch jedesmal angegeben, ob der 
Grundbesitz verpachtet ist. Als gröfsere Höfe sind dabei (nach Mitteilung 
des Herrn Winterschuldirektors Dr. Stetter in Krefeld) alle die aufgenommen, 
die noch einen landwirtschaftlichen Betrieb repräsentieren und den Besitzer 
und dessen Familie bei landwirtschaftlicher Nutzung noch zu ernähren im- 
stande sind; die durchschnittliche Gröfse beträgt 15 bis 30 ha. Der Umfang 
des Pachtverhältnisses ergiebt sich aus folgender Tabelle: 

Bürgermeisterei Zahl der Höfe Davon verpachtet 

(Stadt) Krefeld 24 2 

Anrath 16 3 

Bockum 87 24 

Fischein 39 7 

Lank 58 19 

Linn 9 8 

Osterath 29 3 

Ürdingen 3 — 

Willich 96 15 

Yon 361 gröfseren Höfen sind also in dieser wohlhabenden Gegend 
81 verpachtet. Die anscheinend starke Ausdehnung des Pachtverhältnisses 
findet nach den Angaben Dr. Stetter's gröfstenteils ihre natürliche Erklärung 
darin, clafs die Nachkommen der Besitzer der jetzt verpachteten Güter sich 
in öffentlichen Stellungen befinden oder geschäftlich verzogen sind, oder dafs 
der Sohn bezw. Schwiegersohn vom Vater bezw. Schwiegervater gepachtet 
hat. Einige Pachtgüter schienen früher von wohlhabenden Geschäftsleuten 
gekauft und in Pacht gegeben zu sein; in den letzten Jahren seien bis auf 
eine Ausnahme Aufkäufe von Gütern nicht vorgekommen. Bei kleineren 
Gütern dehne sich das Pachtverhältnis auf solchem Boden und in solcher 
Lage stetig aus, wo die Verhältnisse für Gemüse- und Gartenbau günstig 
seien, indem die sog. Hämer, d. i. Gemüsegärtner aus Harn bei Düsseldorf 
hierher verzögen und für gutes Land eben einen Pachtpreis zahlten, der durch 
landwirtschaftliche Nutzung nicht erzielt werden könne. Die Lage der Pächter 
sei im allgemeinen selbst unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine gute. 
Im Kreise Krefeld dürfte wohl das Maximum erreicht sein, bis zu dem 
die Ausdehnung des Pachtverhältnises keine sozialen Bedenken bietet. Wie 
die Verhältnisse im ganzen Rheinland aussehen, wissen wir nur aus der 
Berufszählung vom 5. Juni 1882. Deren Ergebnisse sind, soweit sie sich 
auf das Pachtverhältnis beziehen, in folgender Tabelle zusammengestellt und 
in Prozente umgerechnet. 



*) Bericht des Vorstandes der Lokal abteilnng Krefeld des landwirtschaftlichen Vereins 
für Bheinpreuisen über die Lage der Landwirtschaft im Stadt- und Landkreise Krefeld und 
die Thätigkeit des Vorstandes der Lokalabteilung während der Jahre 1893, 1894 und 1895. 
S. 169 ff. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



133 



Die Ausdehnung des Pachtverhältnisses im Bezirk des Ober- 
landesgerichtes Köln nach den Ergebnissen der Berufszählunj 

vom 5. Juni 1882. 
Preußische Statistik. LXXYI (Dritter Teü). Berlin 1885. 



1 



Kreis 



Zahl der 

Wirt- 
schaften 
mit Land- 
wirt- 
schafts- 
betrieb 



Davon haben 



kein 


teilweise 


Pacht- 


Pacht- 


land 


land 



nur 

Pachtland 
I °L 

/O 



Wirt- 
schafts- 
fläche 

ha 



Davon ist 
Pachtland 



ha 



J io 



Cleve 

Stadtkreis Crefeld 
Landkreis Crefeld 

Moers. 

Geldern 

Kempen 

Stadtkreis Düsseldorf 
Landkreis Düsseldorf 
Stadtkreis Elberfeld . 
Stadtkreis Barmen . 
Mettmann .... 

Lennep 

Solingen 

Neufs 

Grevenbroich . . . 
Gladbach. . . . . 
Wipperfürth . . . 
Waldbroel . . . . 
Gummersbach . . . 

Siegkreis 

Mülheim a. Rhein 
Stadtkreis Köln . . 
Landkreis Köln . . 
Bergheim .... 
Euskirchen .... 
Rheinbach .... 

Bonn 

Coblenz; 

St. Goar 

Kreuznach .... 
Simmern .... 
Zell .... . 

Kochern 

Mayen 

Adenau . . . . . 
Ahrweiler .... 
Meisenheim .... 

Daun 

Prüm . . 



6 767 


2744 


2538 


1485 


21,1 


785 


455 


63 


267 


34,0 


4 323 


1994 


1257 


1072 


24,8 


10156 


4368 


4116 


1672 


16,5 


8 668 


3404 


3209 


2055 


23,7 


11171 


4609 


3762 


2800 


25,1 


1729 


508 


459 


762 


44,1 


7 783 


2574 


1753 


3456 


44,4 


2104 


653 


60 


1391 


66,1 


4164 


832 


124 


3208 


77,0 


10 516 


4008 


605 


5903 


57,1 


12 692 


5816 


698 


6178 


48,7 


13 018 


5777 


2255 


4986 


38,3 


5 494 


1482 


3368 


644 


11,7 


6 472 


1792 


3957 


723 


11.2 


10 330 


4677 


3494 


2159 


20,9 


4 953 


2884 


526 


1543 


31,1 


4 409 


3090 


1051 


268 


6,1 


5 756 


3970 


1018 


768 


13,3 


15 538 


6567 


7346 


1625 


10,4 


8 912 


3519 


2736 


2657 


29,8 


170 


70 


59 


41 


24,1 


9 832 


2335 


5703 


1794 


18,2 


7 193 


2203 


4305 


685 


9,5 


6 472 


1958 


3963 


551 


8,5 


5 887 


2508 


2990 


389 


6,6 


8137 


2574 


4925 


638 


7,8 


7 602 


3883 


3267 


452 


5,9 


6 946 


4096 


2711 


139 


2,0 


9 470 


4765 


4406 


299 


31,6 


6 456 


3343 


3035 


78 


1,2 


6 206 


2331 


3679 


196 


3,1 


7 105 


3598 


3381 


126 


1,9 


9 537 


5000 


4292 


245 


2,6 


4 285 


3539 


693 


53 


1,2 


6 656 


3788 


2688 


180 


2,7 


2 530 


1126 


1348 


56 


2,2 


5 046 


2986 


1949 


111 


2,2 


6 200 


4684 


1424 


92 


1,5 



35 728 
1416 

13 764 
47 912 
42 571 
29 682 

2 621 

27 418 

1772 

1279 

22 334 

27 152 

22 482 

23 298 
19 557 

17 863 

26 936 
21668 
25 956 
56 016 

27 649 
946 

32 581 
29 719 
31620 
25 816 

19 173 

14 860 
16 919 

24 990 

33 637 
12 420 
25131 
35 857 

18 817 

20 307 
11403 

25 402 
55 538 



11659 
262 

3 892 

8 354 

9 884 
6 451 
1384 

11915 
632 
547 

5 116 
2124 

6 406 
9 630 

8 401 

4 022 
3 503 
1168 
1721 

9 810 

7 975 
251 

16 220 

11146 

10 601 

6 045 

5 742 
2 963 
1445 
2 416 
2 225 
1936 
2 535 
5 503 

636 
1872 

992 
2 380 
1931 



32,6 

18,5 

28,3 

17,4 

23,2 

21,1 

52,8 

43,4 

36,7 

42,8 

22,9 

7,8 

28,5 

41,3 

22,9 

22,5 

13,0 

5,4 

6,6 

17,5 

28,8 

26,5 

49,7 

37,5 

33,5 

23,4 

29,9 

19,9 

8,5 

9,6 

6,6 

15,6 

10,8 

15,3 

3,4 

9,2 

8,7 

9,4 

3,5 



134 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



1 



Kreis 



Zahl der 

Wirt- 
schaften 
mit Land- 

wirt- 
sehafts- 
betrieb 



Davon haben 



kein 
Pacht- 
land 



teilweise 
Pacht- 
land 



nur 
Pachtland 



% 



Wirt- 
schafts- 
fläche 

ha 



Davon ist 
Pachtland 



ha 



°/, 



Bitburg . . . 
Wittlich . . . 
Bernkastei . . 
Stadtkreis Trier 
Landkreis Trier 
Saarburg . . 
Merzig . . . 
Saarlouis . . 
Saarbrücken 
Ottweiler . . . 
Sankt Wendel . 
Erkelenz . . 
Heinsberg . . 
Geilenkirchen . 
Jülich. . . . 
Düren . . . 
Stadtkreis Aachen 
Eupen . . . 
Montjoie . . . 
Schieiden . . 
Landkreis Aachen 
Malmedy . . . 



7 549 
6 873 

8 717 
1477 

11018 

5 088 

6 529 

9 567 
11331 

7 915 
7 136 
7 039 
6 813 

4 597 

6 357 
9139 

233 
1615 
3 570 

7 747 
9 524 

5 269 



5371 
3166 
4248 

584 
6877 
2811 
3239 
4137 
6299 
6121 
3287 
2618 
1920 
1315 
1710 
3102 
93 

744 
1824 
5522 
3493 
3297 



2050 
3532 
4252 

726 
3897 
2192 
3003 
4815 
3208 
1376 
3644 
3890 
4440 
2904 
4207 
5080 
45 

257 
1440 
1873 
3244 
1667 



128 

175 
217 

167 
244 
85 
287 
615 

1824 
418 
205 
531 
453 
378 
440 
957 
95 
614 
306 
352 

2787 
305 



1,7 

2,5 

2,5 

11,3 

2,2 

1,5 

4,4 

6,4 

16,1 

5,3 

2,9 

7,5 

6,6 

8,2 

6,9 

10,4 

40,8 

38,0 

8,6 

4,5 

29,2 

5,8 



58120 
27 070 

22 692 
8 355 

42 258 

23 794 
25 831 
27 743 

16 554 

17 441 
34119 
23 687 

18 259 
14 357 
23 514 
36 675 

1252 
8 731 
10 660 
41533 
21104 
38 220 



3 890 


3 855 


1864 


677 


3 540 


2 257 


2 427 


4195 


2 111 


938 


3 407 


6 437 


4 703 


5 378 


10 500 


13 707 


830 


5 389 


1416 


2 506 


10 997 


3 034 



6,7 

14,2 

8,2 

8,1 

8,3 

9,5 

9,4 

14,8 

12,8 

5,4 

9,9 

27,2 

25,7 

37,5 

45,1 

37,3 

67,1 

63,9 

13,3 

6,0 

52,1 

7,1 



Wie grofs der Anteil des Pachtlandes an den Wirtschaften ist, die 
teilweise Pachtland haben, ist nicht zu ersehen. Mafsgebend ist also nur 
das Verhältnis des Pachtlandes zu der Gesamtwirtschaftsfläche. Das Ergebnis 
ist auch hier noch ein zu günstiges, da die Gesamtwirtschaftsfläche auch 
Waldland umfafst, dessen Verpachtung in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle ausgeschlossen ist. Aber selbst so ist das Bild, dessen graphische Dar- 
stellung versucht worden ist, überraschend. In einem grofsen Teil des Landes 
wird schon im Jahre 1882 mehr als ein Drittel des Landes von Pächtern 
bewirtschaftet. Dieser Teil liegt fast ganz im Freiteilungsgebiete und um- 
fafst die fruchtbarste Ackerbaugegend, die einstige „Kornkammer des heiligen 
römischen Reiches". Inzwischen haben sich die Verhältnisse noch bedeutend 
verschärft. 

Es soll selbstverständlich nicht behauptet werden, dafs die Pacht an 
und für sich zu verwerfen sei. Was gefährlich erscheint, ist nur eine über- 
grofse Ausdehnung. Bei andauernd sinkender Konjunktur bietet die Pacht 
dem Landwirt den Vorteil, den Ausfall ganz oder teilweise abwälzen zu 
können. Insofern steht der Pächter günstiger als der verschuldete Eigen- 
tümer. Aber ebenso steigt die Pacht bei günstigeren Preisen; wo die Pacht- 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 135 

Wirtschaft die Agrarverfassung durchdringt, ist die Grundrente dauernd den 
Landwirten entfremdet. Bei der enormen Höhe der Pachten im Rheinland 
sind die Kleinpächter vielfach nichts anderes als schlecht bezahlte Lohnarbeiter 
auf eigne Rechnung nach Art mancher Hausindustriellen. Vor allem ist der 
Pächter ein abhängiger Mensch. Wie weit die Abhängigkeit gehen kann, be- 
weist der in Anlage X beigefügte Pachtvertrag, der, nebenbei bemerkt, aus dem 
Norden der Provinz stammt. Wahrscheinlich ist der Verpächter selbst Land- 
wirt oder ist es gewesen. Um so mehr mufs es befremden, dafs die Wirt- 
schaftsweise innerhalb enger Grenzen vorgeschrieben ist; die Einführung von 
Gründüngung ist z. B. nicht gut möglich. Entscheidend ist jedoch Artikel 21, 
wonach Verpächter berechtigt ist, das Pachtverhältnis zu jeder Zeit mit nur 
halbjähriger Aufkündigung aufzuheben, wenn der Verpächter „auch nur eine 
der" — recht weitgehenden — „Verbindlichkeiten, die er übernommen hat, 
nicht pünktlich erfüllt". Mit diesem Kautschukparagraphen kann ein bös- 
williger Verpächter den Pächter fast in die Stellung eines wirklichen tenant 
at will herabdrücken. Nach Artikel 15 hat Verpächter sogar das Recht, 
einzelne Teile des verpachteten Ackerguts nach einer desfallsigen Anzeige für 
seine eigenen Zwecke zu verwenden oder auch einzelne Teile zu verkaufen oder 
zu vertauschen; es wird in diesem Falle der Pachtzins nach Verhältnis des vom 
Ackergute genommenen Terrains, unter ortsüblicher Vergütung der auf diesem 
Terrain zur Zeit der Wegnahme etwa aufstehenden Frucht verkürzt, oder es 
wird dem Anpächter ein gleich grofses Terrain wie das weggenommene aus 
dem anschliefsenden oder in der Nähe gelegenen Grundstücken der anderen 
Ackergüter des Verpächters zur Benutzung überwiesen. Ein Schutz des Pächters 
ist in keiner Weise vorgesehen, zumal er sich nach Artikel 22 der sofortigen 
Zwangsvollstreckung unterwirft. Der Verpächter kann ihm also die Hälfte 
des Gutes oder auch noch mehr wegnehmen; deswegen bleibt der Pächter 
nach Artikel 14 nach wie vor verpflichtet, eine bestimmte Anzahl Kühe und 
Rinder zu halten. Der Verpächter kann ihm gute Wiesenstücke in der Nähe 
des Hofes fortnehmen und ihm dafür schlechten Sandboden von irgend einem 
anderen seiner in der Nähe gelegenen Güter geben, ohne dafs eine Verringerung 
des Pachtzinses eintritt, da dieser nach Artikel 16 ausschliefslich pro Morgen 
Fläche ohne jede Berücksichtigung der Bodenqualität angesetzt ist und in 
Artikel 15 ebenfalls nur von Überweisung eines „gleich grofsen" Terrains 
die Rede ist. Es ist höchst wahrscheinlich, dafs der Verpächter nicht von 
diesem Rechte Gebrauch macht; vielleicht würde der Vertrag von den 
Gerichten gar nicht anerkannt werden. Aber dafs ein solcher Vertrag von 
einem Pächter überhaupt unterschrieben werden kann, wenn auch nur für 
6 Jahre, ist charakteristisch für die Gefahren des Pachtverhältnisses, zumal 
der Vertrag als typisch für das sich herausbildende Verhältnis zwischen grofs- 
kapitalistischen gewerb smäfsigen Verpächtern und ihren Pächtern angesehen 
werden kann. 

6. Endlich mufs noch eine hochwichtige Erscheinung auf ihren Zu- 
sammenhang mit dem Erbrecht untersucht werden, die Bevölkerungsbewegung. 



136 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Wünschenswert wäre natürlich, die Bevölkerungsbewegung- mindestens bis 
zum Anfang des Jahrhunderts zurückverfolgen zu können; doch ginge diese 
Aufgabe, da der gröfste Teil des diesbezüglichen Materials, wenn überhaupt, 
dann nur ungedruckt vorliegt, weit über den Rahmen dieser Skizze hinaus. Es 
war deshalb eine Beschränkung auf das letzte Viertel Jahrhundert notwendig. 
Festgestellt wurde der Gewinn oder Verlust durch Wanderungen, wie er 
sich aus der Differenz von absoluter Bevölkerungszunahme und Geburten- 
überschufs und umgekehrt ergiebt. Der Geburtenüb erschuf s ist aus den in 
der „Preufsischen Statistik" angegebenen Zahlen der Geburten und Sterbefälle 
berechnet; die noch nicht veröffentlichten Zahlen für 1895 teilte das König- 
liche Statistische Bureau mit. Die absolute Bevölkerungszunahme ist nur 
aus den alle fünf Jahr stattfindenden Volkszählungen zu entnehmen; des- 
halb sind die Resultate für Jahrfünfte berechnet. Als erster Zeitraum 
mufste jedoch ein Jahrviert gewählt werden, da die erste in Betracht 
kommende Volkszählung des Krieges halber nicht 1870, sondern 1871 statt- 
fand. Für die Volkszählung vom 2. Dezember 1895 mufste das vorläufige 
Ergebnis (veröffentlicht in der Sondernummer der „Statistischen Korrespondenz" 
vom 28. Februar 1896) zu Grunde gelegt werden. Die Jahrfünfte des Ge- 
burtenüberschusses gehen vom 1. Januar des ersten bis zum 31. Dezember 
des fünften Jahres, die der Bevölkerungszunahme vom 1. Dezember des vor- 
hergehenden bis zum 1. resp. 2. Dezember des fünften Jahres; der dadurch 
entstehende Fehler ist aber jedenfalls verschwindend. 

Zu der angehefteten Tabelle und Karte ist noch zu bemerken, dafs die 
Kreiseinteilung von 1872, nicht die von 1895 angenommen werden mufste, 
weil nur auf diese Weise fortlaufende Angaben für alle 24 Jahre zu er- 
halten waren. Die Stadtkreise Koblenz und Bonn wurden am 1. Oktober 1887 
aus den gleichnamigen Landkreisen, Remscheid aus dem Landkreis Lennep 
und München-Gladbach aus dem Kreise Gladbach am 1. Januar 1888, Ruhrort 
aus dem Kreise Mülheim a. Ruhr am 20. April 1887 und der Stadtkreis aus 
dem Landkreis Solingen erst jüngst ausgeschieden. 

Zur Ergänzung sei noch die jetzige absolute und relative Bevölkerung 
der einzelnen Kreise der Rheinprovinz mitgeteilt. 

(Siehe 'Tabelle S. 137.) 

a) Die Industriegegenden haben selbstverständlich den Löwenanteil an 
dem Bevölkerungszuwachs. Es würde dies noch stärker hervortreten, wenn es 
gelänge, die Fabrikzentren überall von den rein landwirtschaftlichen Teilen 
der Kreise zu scheiden. Das ist für das Ruhrrevier und das bergische Land 
z. B. schon deshalb unmöglich, weil die Industrie über das ganze Land 
zerstreut ist und sich nicht auf Städte und nicht einmal auf Dörfer kon- 
zentriert. Um nur ein Beispiel aus einer anderen Gegend herauszugreifen: 
Der Kreis Düren hat sich von 1890 bis 1895 um 5198 Personen oder 
6,48 °/o vermehrt. Der Geburtenüb erschufs betrug in der gleichen Zeit 
6001 Personen; also resultiert ein Wanderungsverlust von 803 Personen oder 
13,4% des Geburtenüberschusses. Von dem Bevölkerungszuwachs des Kreises 



























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Spalte 1—2) 


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Spalte 1 


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18011 bis 


Spalte 1-2) 


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1885 bis 




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1. Dezbr. 




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1. Dezbr. 




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Gebur- 






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2. Dezbr. 




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Kreis 




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1875 


1875 


Köpfe 


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Köpfe 


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1876 Ins 
, 1880 


1880 


Köpfe 


61,- 


Köpfe 


über- 


1881 bis 
1885 


1885 


Köpfe 


über- 


Köpfe 


ten- 


1880 bis 
1890 


1890 


Köpfe 


über- 


Köpfe 


ten- 


] 1801 bis 


1895 


Köpfe 


über- 


Köpfe 


,';.";. 


1872 bis 


1895 


Köpfe 


ten- 

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Köpfe 


1Z 






Köpfe 




J-Ii'ii~ 




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Köpfe 




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Köpfe 




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Köpfe 




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Köpfe 






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Köpfe 






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Köpfe 






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Köpfe 






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Köpfe 






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Köpfe 






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Köpfe 






S °seT 




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1 


2 


3 


1 


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6 


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2 


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5 


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1 


2 


3 


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5 


6 


1 


2 


3 


4 


5 


6 






1401 


424 


977 


69,7 


_ 


_ 


3211 


2591 


620 


19,3 


_ 


- 


3114 


650 


2464 


79,1 


- 


- 


3242 


1542 


1700 


52,4 


_ 


- 


3 482 


3 238 


244 


7,1 


_ 




14 450 


8 445 


6005 


41,6 


_ 




Kleve 


Rees 


3127 


1914 


1213 


38,8 


_ 


_ 


4283 


3709 


574 


13,4 


— 


- 


4354 


1369 


2985 


08,6 




— 


4188 


666 


3522 


84,1 


— 


— 


4 587 


2 821 


1766 


38,5 


— 


— 


20 530 


10 470 


10060 


13.0 


— 


_ 


Rees 


Crefeld (Stadt) 


3012 


5 800 




_ 


2788 


02,2 


5945 


10967 


— 


— 


5022* 


84,5 


6814 


6 364 


450 


6,6 




— 


8695 


15140 


— 


— 


6 445 


74,1 


7 888 


1902 


5086 


75,! 


— 


— 


32 354 


50 173 


— 




17 819 


55,8 


Crefeld (Stadt) 


Crefeld (Land) 


1554 


1561 


— 


— 


7 


0,4 


2042 


1931 


111 5,4 


— 


— 


2410 


2 043 


373 


15,3 


— 


— 


2537 


2 636 


- 


— 


99 


3,0 


2 665 


2 025 


640 


28.2 


— 


— 


11214 


10 196 


1018 


9.1 


— 


— 


Crefeld (Land) 


Duisburg (Stadt) 


3254 


6 853 






3599 
















6277 








41,2 


5573 


11 766 






6 193 


111,1 


6 588 


11002 
















15 270 


62.4 


Duisburg (Stadt) 


Mülheim a. Ruhr 


10391 


17 463 


_ 


— 


7072 


68,1 


IS 1 




6790 45,1 


- 


— 


154112 


18 636 


— 


— 


3234 


2(1,0 


18058 


27 152 


— 


- 


9 094 


50.3 


23 670 


35 603 


— 


— 


11924 50,3 




107 128 


— 


_ 


24 534 


29,7 


Mülheim a. Ruhr 


Essen (Stadt) 


6554 


3 277 


3277 


50,0 


— 


— 


5762 


2154 




— 


— 


5292 


8120 


— 


— 


2828 


53,1 


6503 


13 642 


— 


— 


7 1311 


109,8 


8 997 


17 547 


— 


— 


855(1 05.il 






- 


_ 


11 542 


34,9 


Essen (Stadt) 


Essen (Land) 


9908 


25 194 


_ 


— 


15286 


154..! 


14289 






— 


— 


i 3526 


18 238 


— 


— 


4712 


34,9 


17205 


26 861 


— 


— 


9 656 


56,1 


23 519 


34 004 


— 


— 


11475 18,8 




114 474 


- 


— 


36 027 


45,9 


Essen (Land) 






1997 


554 


21,7 


















2 135 


1955 


47,8 






4410 




25!-, 


57,4 






5 007 


4523 


484 










14H02 


6 484 


31,6 






Moers 


Geldern 


1622 


872 


750 


48,2 


_ 


— 


2635 


2090 


545 


20,7 


— 


— 


2714 


840 


1874 


69.0 


— 


— 


2887 


323 


2561 


88,8 


— 


— 


3 066 


1334 


1732 


56,5 


— 


— 


12 021 


5 459 


7 455 


57.7 


— 


_ 


Geldern 


Kempen 


3697 


3158 


539 


14,6 


_ 


— 


5196 


3804 


1392 


26,8 


— 


— 


5711 


2 846 


2865 


50,2 


— 


— 


5219 


-1704 


6923 


132,6 


— 


— 


5 090 


-1773 


0803 


134,8 


- 


— 


24 843 


6 331 


18 512 


74,6 


— 


_ 


Kempen 


Düsseldorf (Stadt) 


4214 


11330 


._ 


— 


7116 


168,8 


6968 


14760 


- 


— 


7792 


111,8 


7916 


19 732 


— 


— 


11816 


149,3 


10835 


29 452 


— 


— 


18 617 


160.0 


14311 


31382 


— 


— 


17071 


119,3 


44 2 1 1 


11(6 650 


— 


— 


62 115 


141,1 


Düsseldorf (Stadt) 


Düsseldorf (Land) 




2 573 






75 


3,0 


3771 


3805 






34 




3687 


4 466 








21,1 


4258 










00.1 


5 724 


8922 


















8 318 


41,7 


Düsseldorf (Land) 


Elberfeld (Stadt) 


5057 


!i 205 


_ 


_ 


4148 


82,0 


7060 


12949 


— 


— 


5889 


83,3 


8262 


12 961 


— 


— 


4699 


86,0 


9295 


19 400 


— 


— 


10105 


ins 7 


11441 


13 209 


— 


— 


1828 


15,9 


41 IIa 


67 7M 


— 


— 




64,8 


Elberfeld (Stadt) 


Bonnen (Stadt) 


6209 


12 055 


— 


— 


5786 


92,3 


9245 


9437 


— 


— 


192 


2,1 


7726 


7 127 


500 


',7 


— 


— 


9008 


13 076 


— 


— 


4 070 


15.2 


10183 


10 858 


— 


- 


675 








- 


— 


10124 


23,9 


Bannen (Stadt) 


Mettmann 


3218 


4 044 






826 


25,1 


5071 








180 


:!,;. 


5516 


6 151 






935 


16,9 


6309 


5 659 


650 


i".; 






6 740 






2",! 










129 


0,5 






Mettmann 


Lennep 


5374 


6 026 


_ 


_ 


652 


12,1 


7306 


6202 


1104 


15,1 


— 


— 


7465 


7 75(1 


— 


— 


255 


3,4 


7619 


11314 


— 


— 


3 695 


48.5 


8 401 


6 835 


1566 


18,0 


- 


— 


36 105 




_ 


— 


1 932 


5,3 


Lennep 


Solingen 


6063 


5917 


146 


2.4 


_ 


— 


8995 


8904 


31 


0,3 


— 


— 


8630 


8 147 


483 


5,6 




— 


9190 


12 203 


- 


— 


3 013 


32,8 


10815 


10961 


— 


— 


146 


i ; 


43 693 


46 192 


— 


— 


2 499 


5,7 


Solingen 


Neuts 


2129 


1577 










3498 


3084 




11,8 






3133 












3363 


3 268 




2,8 






3 806 


3 105 










15 1.J0 


13 763 


2 166 


13,0 






Neufs 


Grevenbroich 


1882 


320 


1562 


82,9 


_ 


_ 


21,17 


1600 


1017 


38,9 


— 


— 


2368 


796 


1572 


66.4 


- 


— 


2578 


1 151 


1127 


55,5 


_ 


— 


2 671 


1 422 


1240 


15,2 


— 


— 


12 116 


5 289 


6 827 


50,3 


— 


— 


Grevenbroich 


Gladbach 


6181 


10 498 


_ 


_ 


4317 


69,8 


9109 


12813 


— 


— 


3614 


39,2 


10183 


14 906 


— 


— 


4723 


46.4 


10301 


15 245 


— 


— 


4 854 


40,7 


12 714 


13 147 


— 


— 


433 


3,4 


48 668 


66 609 


— 




17 941 


5(1,0 


Gladbach 


Wipperfürth 


929 


-274 


1203 


120,2 


— 


— 


1553 


971 


582 


37,5 


- 


— 


1200 


— 208 


1408 


117,3 


- 


— 


1375 


- 110 


1485 


108,0 


— 


— 


1 752 


244 


1508 


86,1 


— 


— 


6 227 


623 


5 604 


30 


— 


— 


Wipperfürth 


Waldbröl 


1092 


715 


3Z7 


34,5 


— 


— 


1667 


637 


1030 


01,8 


— 


— 


1522 


— 64 


1586 


104,2 




— 


1588 


1215 


373 


23,5 


— 


— 


1948 


194 


1754 


90.1 


— 


— 


7 817 


2 697 


5 120 


65,5 


- 


— 


Waldbröl 


Gummersbach 


1302 


262 


1040 


79,9 


— 


— 


1385 


1414 


— 


— 


29 


2,1 


1591 


1755 


— 


— 


161 


10,3 


2192 


3 839 


— 


— 


1 047 


75.1 


2 727 


2 456 


271 


0.! 


- 


— 


9 197 


9 726 


— 


— 


529 


5,9 


Gummersbach 


Siegkreis 


3662 


2 389 


1273 


34,7 


— 


— 


5854 


4187 


1667 


28,4 


— 


— 


4564 


412 


4152 


90,9 


— 


— 


4304 


1775 


2529 


58,8 


_ 


— 


6 195 


7 062 


— 


- 


1767 


28 5 


24 579 


16 725 


7 804 


11,0 


— 


— 


Siegkreis 


Mülheim a. Rhein 


4037 


5 727 






1690 


41,1 


5671 


0081 






410 


7,2 


5697 


6 089 






392 


6,9 


5868 


8 579 












7 056 




0,0 






28 332 








5 200 


18,4 


Mülheim a. Rhein 


Köln (Stadt) 


6412 


6138 


274 


4,3 


— 


— 


Ü114 


9401 


— 


— 


287 




7710 


16 629 


— 


— 


8010 


115,9 


14886 


12(1280 




— 


105 304 


708,1 


23 415 


39 750 


— 


- 


16335 


09,7 


61537 


102 103 


— 


— 


130 601 


212,3 


Köln (Stadt) 


Köln (Land) 


6942 


22 668 


— 


_ 


15726 


226.5 


11076 


12010 


— 


— 


934 


8,* 


9784 


17 635 


— 


- 


7851 


80,3 


7170 


-73 220 


80399 


1110.0 


_ 


_ 


5 183 


5 019 


164 


3,2 


— 


— 


40164 


— 15 948 


56 112 


130.7 


— 


— 


Köln (Land) 


Bergheim 


16114 


-82 


1686 


105,1 


— 


— 


2388 


1296 


1092 


45,7 


— 


— 


2161 


405 


1756 


81,3 


- 


— 


2471 


1 147 


1324 


53,6 


_ 


— 




1257 


152( 


-.4,3 


— 


— 


11401 


4 023 


7 378 


64,7 


— 


— 


Bergheim 


Euskirchen 


1435 


-338 


1773 


123,6 


_ 


— 


2568 


3257 


— 


— 


689 


26.3 


2599 


1 100 


1499 


57,7 


— 


— 


2267 


1077 


110(1 


52,1 


_ 


— 


2 424 


1 551 


873 


36,i 


— 


— 


11 203 


6 647 


4 646 


41.1 


— 


— 


Euskirchen 


Rheinbach 


1303 


-525 


1828 


140,3 


— 


— 


1773 


1855 


— 


— 


82 


4,6 


1601 


-204 


1805 


112,7 


— 


— 


1377 


— 268 


1645 


119,5 


_ 


_ 


1 539 


137 


1402 


91,1 


- 


— 






6 598 


36.0 


— 


— 


Rheinbach 


Bonn 


3637 


4 654 


— 


— 


1017 


27.il 


5452 


7034 


— 


— 


1582 


2o.ii 


ls -1 


7 745 


— 


- 


2894 


50,4 


5288 


8 532 


_ 


_ 


3 244 


61 : 


7 276 


12 689 


- 


— 


5413 


74,4 


26.5(11 


43 67.4 


- 


— 




65,1 


Bonn 


Koblenz 


2966 


2 349 


617 


20,8 


_ 


_ 


3880 


6011 


— 


— 


2131 


54,4 


3330 


3 262 


68 


2,0 


— 


_ 


3894 


4 251 


_ 


_ 


357 


0,2 


5152 


5 450 


- 


— 


307 


5,0 


,,, S22 


21 332 


— 


— 


2 hu 


10,9 


Koblenz 


Sankt Goar 


1651 


418 


1233 


74,7 


_ 




2165 


1703 


482 


22,1 


— 


_ 


1784 


- 422 


2206 


123,7 


_ 


_ 


1900 


82 


1818 


95,1 


_ 




1947 


309 


1638 


84,1 


— 


— j 


467 


2 090 


7 377 


78 


— 


— 


Sankt Goar 


Kreuznach 


3189 


2 238 


951 


29,8 


_ 




.1251 


4106 


145 


3,4 


— 


_ 


3404 


1 075 


1429 


41,9 




_ 


4050 


2 826 


1230 


3H.3 


_ 


_ 


4 205 


2 638 


1567 


37,3 


— 


— 


19 105 


13 783 


5 322 


27,3 




— 


Kreuznach 


Simmern 


1316 


136 


11S0 


89,5 


_ 


_ 


1577 


367 


210 


13,3 


— 


_ 


1719 


- 523 


2242 


130,4 


— 


— 


1754 


172 


1582 


110,2 


_ 


— 


1577 


— 600 


2177 


l ;s.i 


— 


— 


7 943 


-448 


8 391 


105,6 


— 


— 


Sinunem 


Zell 


1070 


172 


898 


83,9 


— 


_ 


1804 


1427 


377 


20,9 


— 


_ 


1357 


— 410 


1767 


130.2 


— 


— 


1434 


514 


920 


63,5 


_ 


_ 


1561 


748 


813 


52.1 


— 




7 226 


2 453 


4 473 


61,9 


— 


— 


Zell 


Kochern 


1395 


1 667 


— 


_ 


272 


19,5 


2692 


1593 


1099 


10,8 


_ 


_ 


2286 


— 280 


2571 


112.5 


— 


— 


1 2097 


106 


1931 


92,1 


_ 


_ 


2 272 


1 1154 


1218 


5.;.< 


— 




10 741 


4 104 


6.547 


60.9 


— 


— 


Kochern 


Mayen 






1798 


83,1 








5227 












1808 


1507 








I 3883 


3 251 




10,3 






4 524 


3 000 


1524 


33.6 






17 335 




3 685 


21,2 








Adenau 


827 


282 


545 


0.5.H 


_ 


_ 


1255 


525 


730 


58,2 


_ 


_. 


078 


-257 


1235 


126.3 


_ 


_ 


1446 




1033 


71,4 


_ 


_ 


1222 


207 


955 


78,1 


— 


— 




1230 


4 408 


78,5 


— 


— 


Adenau 


Ah nv euer 


1017 


759 


258 


25,3 


— 


__ 


1413 


1449 


— 


— 


31 


2,2 


1737 


1734 


3 


0,2 


_ 


_ 


1979 


644 


1335 


62,3 


_ 


— 


2 263 


1167 


1096 


48,4 


— 


— 


8 414 


5 753 


2 661 


11.6 


— 


— 


Ahrweiler 


Neuwied 


3184 


2 633 


551 


17,3 








2621 


1872 


41,6 


















4355 


2 730 


1625 


37,3 








1 048 










20 163 


10204 


9 959 








Neuwied 


Attenkirchen 


5718 


3 742 


1976 


34,5 


— 


_ 


4687 


4866 


_ 


— 


179 


3,8 




:i 717 


1318 




— 


— 


5001 


955 


1040 


80.9 


_ 


— 


5 577 


516 


5061 


90,7 


— 


— 


26 048 


13 706 


12 252 


47,0 


— 


— 


Alteukircheu 


Wetzlar 




1673 


139 


7,7 






2978 


2281 


697 


23,4 


















2620 


1208 


1552 








3 096 






65,1 






13 007 


7 204 










Wetzlar 


Meisenheim 


523 


— 78 


601 


114,9 


_ 


_ 


624 


315 


309 


40,6 


_ 


_ 


524 


— 1711 


604 


152.-1 


_ 


_ 


503 


- 168 


691 


1374 


_ 


_ 


545 


212 


333 


61,1 


— 




2 719 


101 


2 618 


95,9 


— 


— 


Meisenheim 


Dann 


1201 


310 


882 


73,4 


— 


_ 


1544 


466 


1078 


69,1 


_ 


_ 


1357 


— 170 


1527 


1 1 2,5 


- 


_ 


1647 


177 


1470 


80.2 


_ 


— 


1699, 


1008 


601 


35,4 


— 




7 448 


1888 


5 560 


74,7 


— 


— 


Dann 






466 


1070 


69,6 






1993 


108 


1885 




















1701 


— 1 659 


3360 












1477 


106,8 








— 1145 


9 261 


114,1 








Bitburg 


1926 


— 1 006 


2932 


151,7 


— 


_ 


256(1 


1048 


1512 59.0 


_ 


_ 


2164 


— 1091 




151 U 


_ 


_ 


1913 






l; i7 i 


_ 


_ 


1 1861 


557 


1304 


70,1 


— 


— 


1H424 


— 1209 


11633 


111,6 


— 


— 


Bitburg 


Wittlioh 


1688 


528 


1160 


68,6 


_ 


_ 


2128 


1526 


602 ' 28,0 


_ 




1805 


— 1 081 


2866 


1588 


_ 


_ 


1717 


— 448 


2165 


1261 


_ 


_ 


1851 


791 


1060 


57.2 


— 


- 1 9189 


1336 


7 853 


85,5 


— 


— 


Wittlich 


Bernkastei 


1467 


-648 


2115 








2364 


1330 


1034 






3 
















- 780 


2677 


141,1 








937 


1287 


57,9 




1 9 781 


402 


9 379 


93,8 






Bern kastei 


Trier (Stadt) 


705 


1103 


— 


— 


398 


56,4 


1754 


4459 




_ 


2705 


154,2 


1526 


2 906 


_ 


J 


1440 


94,4 


1361 


- 4 231 


5502 


412.3 




— 


1200 


3 827 


— 


- 


2621 


217,3 1 6 552 


8124 


- 


— 


572 


8,7 


Trier (Stadt) 


Trier (Land) 


2449 


-847 


3296 


134,6 






4489 


3016 


1473 


32,8 






3820 


390 




89,8 






4727 


9 207 






4 480 


04.« 




3 967 


1709 


30,1 






21 107 


15 733 


5 434 


25,2 






Trier (Land) 


Saarburg 


1390 


175 


1215 


87,4 


- 


_ 


1900 




982 


51,7 


_ 


_ 


1516 


-340 


1856 




— 


_ 


1412 


332 


1080 


76.5 




_ 


1 716 


548 


1170 


68,1 


— 




7 036 


1 633 


6 303 


79,4 


~ 


— 


Saarburg 


Merzig 


20! «.1 




1921 


91,9 






2717 


1821 










2533 


155 


2078 








2539 


2141 


308 


15,7 






3129 


2 186 


943 


3(1,1 






1 - 


6 772 


6 236 


47,9 






Merzig 


Saarlouis 


4308 


1 124 


3244 


74,2 






5527 


3627 












3 323 


2752 


15,3 






6757 


7 367 










7 150 


6 931 


219 








21) 887 


22 372 


7515 


25,2 






Saarloiüs 


Saarbrücken 


9462 


14 908 


— 


— 


5446 


57,5 


11900 


8837 


3003 25,1 


_ 


_ 


12670 


12 885 






215 


1.7 


14658 


17 342 




_ 


2 684 


18,3 


18142 




— 


— 


6330 


11 


66 832 


7,3 450 


— 


— 


11618 


17,4 


Saarbrücken 
Ottweüer 




5292 


6 639 






1347 


25,5 


0822 


7093 






3,9 




6 8(18 


322 


4,5 






1 8055 




1709 


21.0 






9 841 




297 


3,0 






37 140 


36 370 


770 


2,1 






St. Wendel 


2568 


619 


1949 


75,9 


_ 




3407 




1217 35.7 


_ 




2949 


— 91 


3040 


103.1 


_ 




1 2923 


1 76'» 






_ 


3 306 


1769 


1537 


46,5 


— 




15 153 


6 249 


8 904 


58,8 


— 


— 


St. Wendel 


Erkelenz 




— 797 




168,6 






1432 




1018 ' 71,9 










2140 




















45 


1698 


97,5 






7 014 


-2852 


9 866 


140,6 






Erkelenz 


Heinsberg 


975 


-304 


1279 


131,2 


_ 


_ 


1479 


342 


1137 | 76,9 


_ 




1640 


112 


1528 


93,2 




_ 


1442 


-865 


•i.'i; 150'! 




_ 


1 825 


424 


1401 


76,8 


— 




7 361 


-291 


7 652 


103,0 


— 


— 


Heinsberg 


Geilenkirchen 


665 


91 


574 


86,3 


_ 


_ 


1072 


311 






_ 


1108 


— 264 


1372 


123,8 


__ 




940 




1 !. i 1511 1 




_ 


1 160 




034 


54,7 


— 




4 945 


134 


4811 


97,3 


— 


— 


Geilenkirchen 


Jülich 


1254 


-152 


1406 


112,1 


_ 




1847 


727 


1120 69,3 




_ 


1621 


— 205 




112,6 




_ 


2002 


- 445 


147 1 ■' ' ' 






2 357 


1170 


1187 


10,0 


— 




9 081 


1H0.5 


7 986 


87,9 


— 


— 


Jülich 


Ihnen 


3117 


1889 


1228 


39,4 


_ 


_ 


5037 


4639 




_ 


_ 






1180 


26,3 


_ 


_ 


5140 


4 !29 


oi; 17fl 






6 001 


5 108 


803 


13,4 


— 




23 782 


10 256 


4 256 


17.9 


— 


— 


Düren 


Aachen (Stadt) 


3283 


5 460 


— 


_ 


2177 


66,3 


5353 


5945 


_ 


_ 




11,1 


5800 


10 174 


_ 




4374 


73,7 


5882 


7 745 






1863 


31,5 


6 435 


7 019 


_ 


— 


584 


8 l 


26 7.5; 


36 343 


— 


— 


9 590 


35.8 


Aachen (Stadt) 


Aachen (Land) 


6085 


5 177 


908 


14,9 


_ 


_ 




5327 


3091 


36,7 


_' 


_' 


9101 


8 426 


675 


0,4 
73,9 






10215 


10 956 








772 


12 447 


10 023 


1524 


12,2 


— 




46 266 


40 809 


5 457 


11,8 


— 


— 


Aachen (Land) 


Eupen 


1421 


170 


1251 


88,0 


_ 


_ 


1578 




1167 


7370 


_ 


_ 




467 


1286 


_ 


_ 


1484 


777 


707 


47 6 




_' 


1 400 


-277 


1680 


110,5 


— 




7 645 


1556 


6 089 


70,8 


— 


— 


Montjoie 


Montjoie 


537 


— 271 




150,5 






865 














427 


509 


54,5 






887 


-120 










815 


140 


675 


62,8 


- - 4 040 1 






01.4 






Schieiden 


1664 


357 


1307 


78,6 


_ 


_ 




2569 


173 


6,3 


_ 


_ 


2026 




3287 


124,0 
143.6 




_ 


2407 




2501 


Mio 




_ 


2 657 




2833 


106.6 


1 12 <w 


1995 


10 101 


83,5 


— 


— 


Schleidea 


Malmedy 


1257 


106 


1151 


91,6 


- 


- 


1467 


697 




52,5 


- 


- 


1222 


-533 




- 


- 




86 


1401 


04,2 


- 


- 


1740 


480 


1260 


72,4 


— 


1 


7 173 1 


836 


337 


88,3 


- 


_ 


Malmedy 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



137 



Absolute und relative Einwohnerzahl der Kreise der Rheinprovinz 

nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung vom 

2. Dezember 1895. 

(Fläche 1890/91 nach dem Statistischen Handbuch für den Preufsischen Staat. 

Band IL 1893.) 



Kreis 



Fläche 
ha 



Ein- 
wohner 



Ein- 
wohner 
pro ha 



Kreis 



Fläche 
ha 



Ein- 
wohner 



Ein- 
wohner 
pro ha 



Kleve .... 
Eees .... 
Krefeld (Stadt) 
Krefeld (Land) 
Duisburg (Stadt) 
Mülheim a. Ruhi 
Ruhrort . . 
Essen (Stadt) 
Essen (Land) 
Mors . . . 
Geldern . . 
Kempen . . 
Düsseldorf (Stadt) 
Düsseldorf (Land) 
Elberfeld (Stadt) 
Barmen (Stadt) 
Mettmann . . 
Remscheid (Stadt) 
Lennep . . 
Solingen . . 
Neuss . . 
Grevenbroich 
M.-Gladbach(Stadt) 
Gladbach . . 
Wipperfürth 
Waldbröl . 
Gummersbach 
Siegkreis . . 
Mülheim a. Rhein 
Köln (Stadt u.Land) 
ßergheim . 
Euskirchen . 
Rheinbach . 
Bonn (Stadt) 
Bonn (Land) 
Koblenz (Stadt) 
Koblenz (Land) 



50.811 
52 382 

2 074 
16 520 

3 753 
10185 
32 956 

882 
18 959 
56 476 
54 303 
39 570 

4 864 
36 209 

3132 

2172 

25 248 

2 775 

27 549 
29 350 

29 352 

23 707 
1196 

22 828 
31157 

30 008 
32 541 
76 574 

38 842 
45 311 
36 347 
36 653 

39 712 
1594 

28 966 
2 512 

24 984 



55 962 
68 628 

107 278 
38 453 
70 287 

114 921 
99 169 
96163 

197 997 
72 135 

55 271 
89 923 

176 024 
74 872 

139 168 

127 002 
80 762 
47 285 
72 965 

138 676 
57 693 
44 045 
53 666 

113 117 
28 215 
24 240 

38 833 
99 812 
91353 

392 660 
43 963 

43 717 
32 294 

44 560 
65 742 

39 642 

56 492 



1,10 
1,33 

51,73 
2,33 

18,73 

11,28 

3,01 

109,03 

10,45 
1,28 
1,02 
2,27 

36,15 
2,07 

44,43 

58,47 
3,19 

17,08 
2,65 
4,72 
1,96 
1,86 

44,87 
4,95 
0,95 
0,88 
1,19 
1,33 
2,35 
8,66 
1,21 
1,19 
0,81 
2,79 
2,27 

15,78 
2,26 



Sankt Goar 
Kreuznach 
Simmern . 
Zell . . 
Kochern . 
Mayen . 
Adenau . 
Ahrweiler 
Neuwied . 
Altenkirchen 
Wetzlar . 
Meisenheim 
Daun . . 
Prüm . . 
Bitburg . 
Wittlich . 
Bernkastei 
Trier (Stadt) 
Trier (Land) 
Saarburg . . 
Merzig . . 
Saarlouis 
Saarbrücken 
Ottweiler 
Sankt Wendel 
Erkelenz . . 
Heinsberg . 
Geilenkirchen 
Jülich . . 
Düren . . 
Aachen (Stadt) 
Aachen (Land) 
Eupen . . 
Montjoie . . 
Schieiden 
Malmedy 



. 46 525 


. 55 727 


. 57 075 


. 37 186 


. 50 211 


. 57 627 


. 54 957 


. 37 117 


. 62 093 


. 63 752 


. 53 071 


. 17 633 


. 61 005 


. 91885 


. 78 052 


. 64 196 


. 66 767 


785 


. 101 089 


. 45 396 


. 41816 


. 44 375 


. 38 553 


. 30 659 


. 53 725 


. 28 896 


. 24 349 


. 19 679 


. 31 842 


. 56 331 


3 056 


. 33 893 


. 17 588 


. 36 153 


. 82 383 


. 81 302 



39 364 
74 554 
35173 
31543 
39 035 
66 938 
22195 
39 382 

78 398 
62 072 
52 117 
13 631 
28 580 
33 766 

43 334 

38 343 

44 540 

39 993 

79 745 
31826 
42 323 
82 424 

166 194 
88 344 
49125 
36 092 
35 364 

25 997 
42 527 
85 392 

110 489 
133 059 

26 855 
18 623 
44 633 
31007 



1,34 
0,62 
0,85 

0,77 
1,16 
0,44 



1,26 

0,97 



0,78 
0,47 
0,37 
0,56 
0,59 
0,67 

50,76 
0,79 
0,70 
1,01 
1,86 
4,31 
2,88 
0,91 
1,25 
1,45 
1,32 
1,34 
1,51 

36,15 
3,92 
1,53 
0,51 
0,54 
0,38 



entfällt jedoch mehr als die Hälfte, nämlich 2085 auf die Stadt Düren, 
obgleich diese nur etwas über y 4 der Einwohnerzahl des Kreises umfafst. 
Wahrscheinlich würde also für die Stadt allein sich ein Wanderungsgewinn 
ergeben. 



138 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Näher auf die Bewegung in den Industriegebieten einzugehen, ist hier 
nicht der Ort. Alle nötigen Zahlen enthält die Tabelle. Bemerkenswert ist, 
dafs bei dem ersten Aufschwung nach dem Kriege, in dem Jahrviert 1872 
bis 1875, die Stadt Essen einen Wanderungsverlust von 50% des Geburten- 
überschusses erleidet; dafür hat der Landkreis Essen einen Wanderungs- 
gewinn von 154,3%. Die Industrie geht, wie schon erwähnt, im Kohlen- 
und Eisenrevier auf das Land. So hat auch in dem ganzen Zeitraum von 
1872 bis 1895 der Landkreis Essen einen Wanderungsgewinn von 45,9%, 
der Stadtkreis nur einen solchen von 34,9% des Geburtenüberschusses. 
Allerdings hat Essen- Stadt mit 109,03 Einwohner auf den Hektar die bei 
weitem dichteste Besiedelung Rheinlands. Essen-Stadt und Essen-Land zei- 
gen auch, wie ungemein stark die Bevölkerung unter dem Einflufs der wirt- 
schaftlichen Konjunkturen fluktuiert; so hat Essen -Land 1872 bis 1875 einen 
Wanderungsgewinn von 154,3%, 1876 bis 1880 einen Yerlust von 35%, 
1881 bis 1885 wieder einen Gewinn von 34,9%. Einen ständigen und zwar 
ganz enormen Wanderungsgewinn hat Düsseldorf- Stadt (168,8, 111,8, 149,3, 
169,9, 119,3% in den 5 Jahrfünften). Mit 141,1% in dem ganzen Zeitraum 
hat es den stärksten Gewinn (62415 Personen), der allerdings nicht allein 
auf das Konto der Lidustrie, sondern ebenso wie im Kreise Bonn auch auf 
das der intensiven Landwirtschaft oder besser der Gemüsegärtnerei zu schrei- 
ben ist. In diesem Falle hat die Parzellierung entschieden die Bevölkerungs- 
vermehrung günstig beeinflufst. Die auffallend starken Yerschiebungen zwi- 
schen Stadt- und Landkreis Köln hängen nicht mit wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen zusammen, sondern sind die Folgen der Eingemeindung von Vor- 
orten. Die Kreise Düsseldorf- Stadt und Land, Essen -Stadt und Land und 
Duisburg haben allein zusammen einen Wanderungsgewinn von 160572 Per- 
sonen, während die ganze Eifel (d. h. die Kreise Montjoie, Schieiden, Malmedy, 
Adenau, Daun, Prüm, Bitburg, Kochern, Mayen, Ahrweiler) im gleichen Zeit- 
raum von 24 Jahren einen Bevölkerungszuwachs von 51293 Personen hatte. 
Der Bevölkerungsxutvachs der Eifel beträgt also noch nicht ein Drittel des 
Wanderungsgewinnes dieser fünf Industriekreise. Der Bevölkerungszuwachs 
der genannten fünf Industriekreise, um das auch noch zum Vergleich heran- 
zuziehen, betrug 333793 Personen, demnach das Sechsfache an dem der 
ganzen Eifel. 

b) Das Gebiet der geschlossenen Hofe fällt auf der rechten Rheinseite 
zum Teil mit dem der Industrie zusammen; soweit das der Fall ist, werden 
die Kreisdurchschnittszahlen wesentlich durch die Industrie bestimmt. Das- 
selbe dürfte der Fall in Kempen sein; der auffallend starke Wanderungs- 
verlust in den letzten 10 Jahren (1885 bis 1890 132,6%, 1891 bis 1895 
134,8%) ist wohl auf Rechnung des Rückganges der daselbst sehr ver- 
breiteten Textil- Hausindustrie zu setzen; ebenso der verstärkte Verlust des 
letzten Jahrfünfts in Krefeld-Land. Scheidet man die beiden letzteren Kreise 
aus, die schon durch ihre verhältnismäfsig dichte Besiedelung (2,27 und 
2,33 Einwohner pro Hektar) auf intensivere Durchsetzung mit Industrie hin- 
weisen, so bleiben noch Kleve, Mors und Geldern als agrarische, unter dem 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 



139 



Code stehende Kreise mit Hofbesiedelung. Sie seien mit einigen, ebenfalls 
rein agrarischen, Frei teil ungskreisen, zweien aus der Eifel und einem aus der 
Ebene im Norden der Eifel, verglichen, wo die Betriebe durchschnittlich sehr 
klein sind. 



Es betrugen 








im TTvpiqp 


der Wanderungs- 


die 


Einwohner- 


1111 XVlUlöU 


verlust 


zali 


pro Hektar 


Kleve . 


. . 41,6 % 




1,10 


Mors . 


. . 31,6,, 




1,28 


Geldern 


• • 57,7,, 




1,02 


Adenau 


. . 78,5,, 




0,44 


Montjoie . 


. . 91,4,, 




0,51 


Heinsberg 


. . . 103,9 „ 




1,45 



der Anteil der 


Betriebe 


über 10 ha an 


der Ge- 


samtwirtschaftsfläche 


76,0 




69,4 




62,8 




23,2 




14,3 




20,3 





Der Wanderungsverlust ist weit stärker in den Freiteilungskreisen, 
selbst wo, wie in Adenau und Montjoie, die Bevölkerung kaum halb so dicht 
ist wie am Niederrhein. Das ist nicht gerade wunderbar; die reiche Ebene 
vermag absolut und relativ mehr Menschen zu ernähren als die unfruchtbare 
Eifel; dagegen hilft die Parzellierung gar nichts. 

Nimmt man etwa 50°/ des Geburtenüberschusses als diejenige Summe 
an, die ein rein oder doch verhältnismäfsig rein landwirtschaftlicher Kreis 
naturgemäfs als Kontingent für die Industrie, für die zahllosen weiteren an 
anderen Orten des Yaterlandes zu bethätigenden wirtschaftlichen und aufser- 
wirtschaftJichen Zwecke und schliefslich für die Auswanderung stellt, so 
liegen die Verhältnisse am Niederrhein nicht ungünstig, zumal Industrie und 
Ausland in nächster Nähe ihre Hände den kräftigen Bauernsöhnen verlangend 
entgegenstrecken. 

c) Das Gebiet des überwiegenden Körnerbaues zeigt nicht diese gün- 
stigen Erscheinungen. Nur diejenigen Kreise, die zugleich Industrie beher- 
bergen (Aachen, Düren, Euskirchen), haben einen Wanderungsverlust unter 
50%; die überwiegend agrarischen wie Rheinbach, Bergheim, Jülich, Geilen- 
kirchen erleiden bei weitem höhere Yerluste; Erkelenz und Heinsberg haben 
sogar absolute Bevölkerungsabnahme. Die Freiteilung, die angeblich den 
Bauern sefshaft macht, hat hier ihre Kraft nicht bewiesen. 

d) Die Gebirgsgegenden haben, wie ein Blick auf die Karte zeigt, durch- 
weg, wo nicht Grofsindustrie vorhanden ist, enorme Yerluste. Am stärksten, 
wieder bis zur absoluten Bevölkerungsabnahme gehend, sind diese in den 
Kreisen Simmern, Prüm und Bitburg. Sie erklären sich zum Teil und an 
einzelnen Stellen durch das Verschwinden früherer Industrieen (Gerbereien, 
Tuchfabriken, auch Hüttenwerke). Seit die Steinkohle an die Stelle der 
Holzkohle, die Dampfmaschine an die Stelle der "Wasserkraft getreten ist, 
seitdem vor allem der Verkehr die alten Römerstrafsen der Eifel verlassen 
hat und den Schienenwegen der Ebene folgt, vollzieht sich dieser Prozefs, 
der Rückgang der Industrie in der Eifel, ohne Unterbrechung. Die . Frei- 
teilung, die jede rationelle landwirtschaftliche Kultur in der Eifel verhindert, 



140 I« Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

hat ihn nicht aufzuhalten vermocht. Die Verluste sind allerdings am stärksten 
in den Kreisen Prüm und Bitburg, wo noch verhältnismäfsig am meisten 
gröfsere Besitzungen vorhanden sind, aber man betrachte diese Besitzungen 
näher. Nach der Anbaustatistik von 1893 entfallen auf den Kreis Prüm 
bei einer Gesamtfläche von 91887,7 ha auf Acker- und Gartenländereien 
nur 22131,8 ha, auf Wiesen 8754,9 ha auf reiche Weiden 1710,2 ha, 
dagegen auf geringe Weiden und Hütungen 17253,1 ha, auf Forsten und 
Holzungen 26730,7 ha, auf Öd- und Unland 12853,4 ha. Die bei der Be- 
rufszählung vom 5. Juni 1882 ermittelte Gesamtwirtschaftsfläche von 55 538 ha 
umfafst die geringen Weiden und Hütungen und zum mindesten einen Teil 
der Holzungen und des Ödlands. x ) 



Überblickt man die Beivegnng des Grundeigentums im Rheinland im 
ganzen, so machen sich zwei Richtungstendenzen entgegengesetzter Art be- 
merkbar: die Arbeiterklasse steigt hinauf, der Bauernstand hinab. Und zwar 
sinkt der Bauer in den rein agrarischen Kreisen, die die eigentliche Quelle 
der Bevölkerungsvermehrung sind. Die Arbeiter der Grofsindustrie, die wie 
diese selbst erst in unserem Jahrhundert voll differenziert zu beobachten sind, 
suchen ihre soziale Position durch den Besitz von Grundeigentum zu stärken. 
Um die grofsen Werke herum breiten sich, oft bis in beträchtliche Entfernung, 
die Ansiedlungen der Arbeiter aus, von denen sie am Morgen zu der Fabrik 
oder ins Bergwerk zu Fufs, auf dem Zweirad, mit der Eisenbahn hineilen, um 
abends wieder zurückzukehren. Die Arbeiter führen ein doppeltes Leben, sie 
sind Parzellen- oder Kleinbauern und industrielle Arbeiter. Schliefst die Fabrik 
einmal, so halten sie es zur Not auch so eine Zeitlang aus, und in jedem 
Falle bieten die Kartoffeln, die Ziege und etwa auch der Erlös des auf den 
Markt gebrachten Gemüses einen annehmbaren Zuschufs. Das erst gepachtete, 
dann unter schweren Opfern gekaufte und weit überzahlte Stückchen Land ist 
wirklich eine „Sparkasse" des Arbeiters. Auf die Kehrseite des Bildes braucht 
man kaum hinzuweisen: der edle Ehrgeiz, auf eigenem Grund und Boden zu 
stehen, kostet den Arbeiter ein gutes Stück seiner Freiheit; er wird glebae 
adscriptus, obgleich er gewifs wegen der gröfseren Sicherheit seiner Existenz 
höher steht als der heimatlose Arbeiter der Grofsstadt. Diese Fesselung an 
Ort und Stelle mufs überall da, wo die Industrie auf das Land gezogen ist, 
wo wie in vielen Teilen Kheinlands nur ein oder wenige Arbeitgeber vor- 
handen sind, naturgemäfs eine Rückwirkung auf die Höhe des Lohnes ausüben. 

Der Bauer sinkt herab. Er vermag, geschwächt durch das geltende 
Recht und — in den körnerbauenden Distrikten — durch die Verflechtung 



*) Die Unterschiede zwischen geringer Weide und Ödland sind keine festen; deshalb 
ergiebt auch die von der Ansicht der örtlichen Zähler beeinflufste Statistik keine ohne weiteres 
vergleichbaren Zahlen. 

Das Ödland ist durchaus nicht überall ganz kulturunfähig. Da davon in vielen Eifel- 
kreisen noch weite Stücke, zumeist in Besitz von Gemeinden, vorhanden sind, ist eine plan- 
mäfsig geleitete innere Kolonisation . in der Eifel nicht unmöglich. 



IL Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 141 

mit dem Weltmarkt, der Konkurrenz des Grofskapitals um den Bodenbesitz 
keinen Widerstand zu leisten, er giebf das Eigentum ab und wird Pächter. 
Das ist die moderne commendatio, wie überhaupt die jetzige Zeit mit der 
der Karolinger mannigfache Ähnlichkeit hat. 

Vorläufig geniefst ein Teil der bäuerlichen Bevölkerung noch den Vor- 
teil, in den Industriegegenden einen ausgezeichneten Markt für seine Pro- 
dukte zu haben, wenn auch die landwirtschaftlichen Absatzgenossenschaften 
eigentlich erst jetzt beginnen, diesen Markt dem Zwischenhandel zu ent- 
reifsen. Tritt jedoch, wie es beinahe den Anschein hat, zu der erdrückenden 
landwirtschaftlichen Konkurrenz auch noch die industrielle des Auslandes, 
dann ist das Schicksal der kleinen Landwirte besiegelt. 

Aber auch ohne vorher die Frage zu erörtern, ob sich Europa kraft 
überlegener Kultur als „Workshop of the world" behaupten kann, mufs man 
den Kleinbauern der Rheinprovinz, falls sich nichts ändert, ein düsteres 
Prognostikon stellen. Die grofsen Errungenschaften der liberalen Zeit, auf 
die der Rheinländer mit Recht stolz ist, gehen verloren. Man schreibt, mit 
Recht oder Unrecht, der vom Yolke noch unvergessenen Säkularisation der 
Kirchengüter einen bedeutenden Anteil an der Entstehung des kleineren 
Grundbesitzes zu. Es war nicht möglich, vollständige Angaben über den 
Umfang der ehemaligen Kirchengüter zu finden; 1 ) bisher ist auch noch nicht 
untersucht worden, wie weit die Versteigerung der Nationalgüter im Rhein- 
land wirklich den Bauern oder nur den Zwischenkäufern und Kapitalisten zu 
gute gekommen ist. Wahrscheinlich war, wie meist in Frankreich, das letztere 
der Fall. Soviel ist aber sicher: geht die Aufsaugung des Bauernlandes im 
Tempo der letzten Jahre weiter, so wird ein Staatseingriff zur Neubildung 
eines Bauernstandes ähnlich demjenigen der Säkularisation nötig sein. Die 
englisch-irische Gesetzgebung ist damit schon vorausgegangen. Es mag zu- 
gegeben werden, dafs eine andere Entwickeiung möglich ist. Die Verhältnisse 
werden nicht allein vom Erbrecht beeinflufst; die Verschlechterung in den 
letzten Jahren ist vielmehr, wie mehrfach erwähnt, an vielen Stellen auf die 
Agrarkrisis zurückzuführen. Steigen die Preise, was ja nicht ausgeschlossen 
ist, so ist ein lokaler Stillstand in der Ausdehnung des Pachtwesens wenigstens 
nicht unwahrscheinlich. Bestehen bleibt aber das Bestreben des Grofskapitals, 
durch Landankäufe Sicherung zu suchen, und die immanente Tendenz des 
geltenden Rechts, den Grundbesitz zu zersplittern. Die mittleren Güter ver- 
schwinden immer mehr auch dort, wo sie wirtschaftlich nicht zu entbehren 



*) Nach einem Kataster von 1669 enthielt das Kurfürstentum Köln 347 792 altkölnische 
Morgen Äckerland. Davon waren 5030 Morgen kurfürstliche Tafelgüter, 7570 Morgen Grund- 
besitz dos Domkapitels. Die übrige Geistlichkeit, Stifter und Klöster, besafs 90758 Morgen, der 
Adel 92336 Morgen. 21122 Morgen waren Eigentum von Einwohnern der Städte des Erz- 
stifts; der Stand der Bauern und Hausleute in den Dörfern besafs 131119 Morgen. (Schenk, 
Prüfung des Vorschlags, die Parzellierung der ländlichen Grundstücke und die ländl. Erb- 
teilung aufzuheben. Köln 1858. S. 7.) — Dabei darf man nicht übersehen, dafs wohl der 
überwiegende Teil des Kirchengutes an Bauern ausgethan war, deren Rechtstellung- nicht 
schlecht und deren Lasten nicht erdrückend waren. 



142 • I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

sind; wo sie sich halten, unterliegen sie der dringenden Gefahr der Über- 
schuldung, und in den weiten Gebirgslandschaften des Rheinlands schreitet 
die Proletarisierung der Bauernschaft unaufhaltsam fort. Das Intestaterbrecht 
des neuen Bürgerlichen Gesetzbuchs bringt gegenüber den durch die preufsische 
Gesetzgebung fortgebildeten Bestimmungen des Code keinerlei Abänderung. 
Nach §§ 752 und 2041 erfolgt die „Aufhebung der Gemeinschaft" der Mit- 
erben „durch Teilung in Natur, wenn der gemeinschaftliche Gegenstand oder,, 
falls mehrere Gegenstände gemeinschaftlich sind, diese sich ohne Verminderung 
des Wertes in gleichartige, den Anteilen der Teilhaber entsprechende Teile 
zerlegen lassen". Die Teilung geschieht durch das Los. Ist die Natural- 
teilung ausgeschlossen, so erfolgt die Aufhebung der Gemeinschaft durch 
Verkauf, bei Grundstücken durch Zwangsversteigerung. Von einer etwaigen 
Änderung des Erbrechtes, die der Landesgesetzgebung offen gelassen ist, 
allein ist keine absolute Heilung aller Schäden zu erwarten, aber doch eine 
Möglichkeit, ihnen entgegenzuwirken. 

Der Widerstand gegen jede Änderung des Intestaterbrechts wäre frei- 
lich beträchtlich, zum Teil aus Unkenntnis über die Natur der etwaigen 
Änderungen. Es heilst in dem Berichte eines Amtsrichters aus dem Real- 
teilungsgebiet: „Jede Änderung dieses Intestatrechts, hinsichtlich des gleichen 
Rechts aller Erben, würde eine schwere Schädigung des in Fleisch und Blut 
übergegangenen Rechtsbewufstseins der Bevölkerung bedeuten. Es wäre eine 
solche Abänderung aber auch, insbesondere die Einführung des Anerbenrechts, 
ein ganz nutzloses Experiment, das einen Widerspruch gegen die neuere so- 
ziale Gesetzgebung bildete. Aber nicht blofs nutzlos und das Rechtsbewufstsein 
der rheinischen Bevölkerung verletzend würde es sein, sondern es würde die 
Existenz und den Wohlstand des Landvolkes in der Heimat- Provinz untergraben 
und zerstören. Statt der Dörfer, bevölkert von sefshaften Bauern mit selb- 
ständigen Wirtschaften, würden gröfsere Güter mit einem vagabundierenden 
Arbeiterproletariat sich bilden, welches letztere nur zu bald die Sozial- 
demokratie der Städte vermehren würde. Es dürfte dazu ein Irrtum sein, 
wenn man glaubt, dafs diese gröfseren Güter, die zwar mehr mit Maschinen 
als die kleinen Wirtschaften des Maifeldes mit ihrem patriarchalischen Be- 
triebe und mitunter auch mit mehr Mitteln, dafür aber auch mit Metkräften 
wirtschaften, einen gröfseren Ertrag erzielen als der kleine mit eigenen 
Kräften arbeitende Bauer, namentlich wenn man das Gesamtresultat im Auge 
behält. Man mufs nur schildern hören und beobachten, welche grofsartige 
Wandlung zum Besseren sich in denjenigen Ortschaften, wo der Grund- 
besitz zum gröfsten Teil bis in den Anfang dieses Jahrhunderts bei einzelnen 
Gütern und Klöstern war, vollzogen hat und teils noch vollzieht, seitdem 
derselbe parzelliert in die Hände von Kleinbauern übergegangen ist. Schon 
in ihrem Äufseren sind diese Ortschaften oft nicht mehr wiederzuerkennen. 
An Stelle der Reihe zerfallender Häuschen von Tagelöhnern und Bettlern 
sind wohnliche Bauernhäuser mit ihren Ökonomiegebäuden getreten; es reiht 
sich Gehöft an Gehöft, die, wenn auch gerade keinen Reichtum, so doch 
immer einen gewissen Wohlstand und Besitz verraten und auch heute noch 



i 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 143 

einen Fortschritt zweifellos erkennen lassen würden, wenn nicht die Ungunst 
der Zeit gar zu sehr den ganzen Ackerbau herabdrückte. Mit einer Änderung 
des bäuerlichen Erbrechts aber wird der Notlage sicher am wenigsten abzu- 
helfen sein und nicht im mindesten verhindert werden können, dafs nicht 
der ländliche Besitz dem Grofskapital der Städte und der Grofsindustrie an- 
heimfällt." Man fürchtet also, sagt der Landrat von Mayen, indem er sich 
auf diese Äufserungen des Amtsrichters, der seinen Bezirk im Kreise Mayen 
hat, bezieht, „eine Rückkehr zu den Zuständen, wie sie vor der Einführung 
des Code civil und vor der französischen Herrschaft auf dem Lande be- 
standen, Latifundienbildung, Verschwinden des mittleren Grundbesitzes und 
Herabsinken eines grofsen Teiles der mittleren Grundbesitzer zu Lohnarbeitern. 
Sucht man den Leuten klar zu machen, dafs es sich hier, wo der Klein- 
grundbesitz, der von seiner Ackernahrung nur kümmerlich existiert, viel zu 
sehr überwiegt, lediglich darum handelt, einen bleibenden Stamm von mitt- 
leren Gütern zu schaffen, auf denen die Parzellenbesitzer ausgiebigen Neben- 
verdienst und damit Gelegenheit zur Yerbesserung ihrer Lage finden, dafs 
das Anerbenrecht nur für Güter von bestimmter Mindestgröfse oder von einem 
bestimmten Mindestreinertrage eingeführt werden würde, während für die 
kleinen Besitzungen der alte Yererbungsmodus und die freie Beweglichkeit 
des Grundbesitzes bestehen bleibt, sonach jedem kleinen Besitzer auch ferner 
die Möglichkeit gegeben ist, sich emporzuarbeiten und seinen Grundbesitz 
zu vergröfsern, so wird das nicht geglaubt. Ein Yersuch, das Anerbenrecht 
in hiesiger Gegend zur Anwendung zu bringen, würde vorerst bei der Be- 
völkerung kein Entgegenkommen finden. Auch ich halte, da geschlossene 
Höfe mit arrondiertem Besitz hier fast gar nicht existieren, vielmehr die zu 
den einzelnen Gütern gehörigen Grundstücke meist durch die Flur zerstreut 
liegen, die Einführung des Anerbenrechts in nächster Zeit für undurchführbar. 
Ich vermag mich aber der Erkenntnis nicht zu verschliefsen, dafs die durch 
das Erbrecht des Code civil sehr geförderte Zersplitterung des Grundbesitzes 
immer schnelleren Fortgang nehmen wird, falls die ungünstige Lage der 
Landwirtschaft, wie sie gegenwärtig besteht, längere Zeit anhält. Bei solcher 
Entwickelung der ländlichen Besitzverhältnisse mufs aber der mittlere Besitz- 
stand immer mehr zusammenschwinden und schliefslich einer Anzahl kümmer- 
licher Parzellenbesitzer Platz machen. Kann der Parzellenbesitzer von seinem 
Besitz allein nicht mehr leben und fehlt es ihm — was in Bezirken mit wenig 
Industrie der Fall sein wird — an Gelegenheit zu Nebenverdienst, dann mufs 
eine bedeutende Entwertung des Grundbesitzes eintreten, welche den Über- 
gang desselben in die Hände des Grofskapitals und die Bildung von Lati- 
fundien zur Folge haben dürfte. Sollte eine solche Grundbesitzentwertung 
wirklich eintreten, so würde die Zeit gekommen sein, um im Wege der Aus- 
teilung von Rentengütern geschlossene Bauernwirtsclmften mit Anerbenrecht 
zu gründen. Bessert sich die Lage der Landwirtschaft, so wird der Zer- 
splitterungsprozefs beim Grundbesitz verzögert, aber schwerlich ganz gehemmt 
werden." Als vorläufige Mafsregel empfiehlt der Landrat die Einführung 
eines Parzellenminimums von bestimmtem Reinertrage. 



144 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Noch eines zum Kapitel der Mifsverständnisse. Als der Kampf um 
das inzwischen erlassene rheinische Konsolidationsgesetz am heftigsten ent- 
brannt war, brachte der Jahresbericht des landwirtschaftlichen Yereins für 
Kheinpreufsen (für das Jahr 1884, S. 7/8) folgende Mitteilung: „Die Agitation 
gegen den dem Landtage der Monarchie augenblicklich vorliegenden Gesetz- 
entwurf über die wirtschaftliche Zusammenlegung der Grundstücke wird in 
den bäuerlichen Kreisen fast der ganzen Provinz mit einem Eifer und mit 
Hilfsmitteln betrieben, als wenn es sich darum handelte, den armen Bauer 
von dem ihm durch dieses Gesetz bereiteten sichern Untergang zu retten. 
Gegen eine derartige Agitation wäre ja an sich gewifs nichts einzuwenden, 
wenn dieselbe vor allen Dingen auch darauf Bedacht nähme, das landwirt- 
schaftliche Publikum über das eigentliche Wesen des Gesetzes, vor allen 
Dingen über die Provokation des Yerfahrens genügend aufzuklären und dann 
die Unzweckmäfsigkeit desselben nachzuweisen. Dies scheint aber ganz und 
gar nicht der Fall zu sein, denn uns ist bis jetzt noch kein einziger von den 
vielen Petenten begegnet, dem hierüber auch nur ein Schimmer des Verständ- 
nisses aufgegangen war. Diese Thatsache wirft freilich ein eigentümliches Licht 
auf diese Agitation, welches nicht abgeschwächt wird durch die gegründete 
Vermutung, dafs von den aktiven Trägern derselben wohl kaum 1 °/ eine 
Konsolidation an Ort und Stelle durchgeführt gesehen und ihren wirtschaft- 
lichen Erfolg zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, obgleich hierzu die 
allerbeste Gelegenheit in Wetzlar gegeben ist. Man begnügt sich einfach 
damit, die Mafsregel als einen unleidlichen Zwang, der das hoch entwickelte 
Freiheitsgefühl des Rheinländers tief verletzen müsse, darzustellen. Aufserdem 
bestehen thatsächlich hier und da Gerüchte, dafs bei der Durchführung der 
Zusammenlegung alle Besitzer, die nicht eine bestimmte Anzahl von Morgen 
bewirtschaften, bei der Zusammenlegung überhaupt keinen Grund und Boden 
ausgewiesen erhalten, sondern auf andere Weise abgefunden werden. Dieses 
Minimum ist in verschiedenen Gegenden verschieden: es schwankt zwischen 
4 und 16 Morgen und „wer nicht die Petition gegen ein solches Gesetz mit 
unterzeichne, der habe es sich allein zuzuschreiben, wenn er seine kleine 
Besitzung verliere." Der Ursprung derartiger Gerüchte ist natürlich unbe- 
kannt, und wenn auch angenommen wird, dafs es lediglich die überreizte 
Phantasie der so arg bedrohten Bauern sei, so liegt darin doch schon ein 
annähernd sicherer Mafsstab für die Beurteilung der gegen das Gesetz ein- 
gegangenen Petitionen." 

Man würde freilich fehlgehen, wenn man die Abneigung gegen eine 
Änderung des Intestat-Erbrechts nur auf Mifsverständnisse zurückführen wollte. 
Es kann kein Zweifel darüber herrschen, dafs das geltende Erbrecht 
sowohl im Norden der Provinz, wo man es dem Geiste und manchmal so- 
gar auch dem Buchstaben nach umgeht, wie im Süden höchst populär ist. 
Die ganz überwiegende Mehrzahl der Berichterstatter, welche sich zu dieser 
Frage äufsern, hält deshalb eine Änderung des Erbrechts für unangebracht, 
selbst wenn die wirtschaftlichen Schäden nicht verkannt werden. Eine 
Einzelaufzählung dieser Urteile ist überflüssig ; sie betonen alle in erster 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 145 

Linie, dafs sich das Erbrecht des Code mit dem Rechtsbewufstsein des 
Yolkes decke. 

Schon in den zwanziger Jahren wurde ein vergeblicher Versuch ge- 
macht, ein anderes Erbrecht einzuführen. Der 6. rheinische Landtag von 
1841 lehnte einen Gesetzentwurf ab, x ) der die Teilbarkeit des Grundvermögens 
beschränken und ein Minimum bestimmen wollte, unter welchem fernere Teil- 
barkeit des Grundbesitzes nicht mehr gestattet sein sollte. Eine umfangreiche 
Litteratur über die Frage entstand, aus der besonders Peter Franz Reichen- 
spergers leidenschaftliche und glänzende Verteidigung der Freiteilbarkeit 
(„Die Agrarfrage aus dem Gesichtspunkte der Nationalökonomie, der Politik 
und des Rechts und mit besonderem Hinblicke auf Preufsen und die Rhein- 
provinz". Trier 1847) hervorragt. Auf der anderen Seite zeichnete sich 
namentlich der unermüdliche Regierungsrat Beck aus; doch beziehen sich 
seine Schriften zumeist auf die Zusammenlegung, die bis zum Erlafs des 
Zusammenlegungsgesetzes stets mit der Frage der Freiteilbarkeit im Erbgange 
zusammen behandelt wurde. 

Schliefslich verlangte die Regierung von dem 27. rheinischen Provinzial- 
landtage eine gutachtliche Äufserung darüber, „ob und in welcher Weise in 
der Rheinprovinz ein Bedürfnis nach anderweitiger Regelung der Erbfolge 
in den Bauernhöfen hervorgetreten ist und bejahendenfalls auf welche Art 
diesem Bedürfnis Rechnung getragen werden kann." Die vermutete Geneigt- 
heit der Regierung, den sog. ScHORLEMERSchen Gesetzentwurf über die Yer- 
erbung der Landgüter auf die Rheinprovinz auszudehnen, veranlafste die 
Lokalabteilung Düren des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen an 
das Präsidium des Vereins den Antrag zu stellen, einer Verwahrung gegen 
den Gesetzentwurf beizutreten. Die Lokalabteilung erklärte : „dafs sie die 
Ausdehnung eines solchen oder ähnlichen die Freiheit und Teilbarkeit des 
(Anerbenrechts-) Grundeigentums beschränkenden und dabei die hier zum Ge- 
meingut der ganzen Bevölkerung gewordenen Anschauungen über das natür- 
liche Erbrecht aufs tiefste verletzenden Gesetzes als ein Unglück betrachte, 
welches nicht allein volkswirtschaftlich von den nachteiligsten, sondern auch 
moralisch von den schrecklichsten Folgen begleitet sein werde." 2 ) Herr 
v. Heister, der Direktor der Sektion Volkswirtschaft des Vereins, empfahl, die 
Anwendbarkeit der Prinzipien des von ScHORLEMERSchen Gesetzentwurfes auf die 



x ) Verhandlungen des 6. rhein. Landtages. Koblenz 1841. S. 97. 

2 ) Diese Erklärung der Lokalabteilung datiert aus dem Jahre 1880. Nach den Er- 
gebnissen der Berufs- und Gewerbezählung von 1882 waren im Kreise Düren 9139 Wirt- 
schaften vorhanden ; davon hatten 3102 kein, 957 nur und 5080 teilweise Pachtland. Die 
Gesamtwirtschaftsfläche betrug 36675 ha, die Anbaufläche 32 720 ha. Pachtland war davon 
13 707 ha. Bei der bereits erwähnten Erhebung über die bäuerlichen Erwerbs- und Wohlstands- 
verhältnisse vom Jahre 1882 sagte die Lokalabteilung Düren (Jahresbericht des landw. Ver- 
eins etc. für 1882, S. 10): „Der zu teure Ankauf ist ebenso häufig Grund der starken Ver- 
schuldung, weil die Zinsen ihn (den Ankäufer) erdrücken und dieselben selbst unter nicht 
ungünstigen Verhältnissen kaum zu erschwingen sind. Es werden oft Preise gezahlt, die mit 
den Durchschnittsreinerträgen in keinem Verhältnisse stehen. Sagt man einem Manne, er 
soll z. B. für 1 Morgen 40 M Pacht und Steuern aufbringen, so wird er antworten : Das ist 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 10 



146 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Kheinprovinz zu verneinen, sich aber im Hinblick auf die bevorstehende Neu- 
ordnung des deutschen Erbrechts bei der Yererbung von Landgütern von 
Eltern auf die Kinder für eine Yergröfserung der disponiblen Quote, sowie 
für die Berechnung der Abfindung der Geschwister nach dem Ertragswerte 
der Güter auszusprechen. Nach längerer Diskussion nahm die Sektion folgende 
Eesolution an, welcher dann der Centralvorstand ohne Stellung positiver Ab- 
änderungsvorschläge zu dem v. ScHOßLEMERSchen Antrage seine Zustimmung 
gab : „In Erwägung, clafs für Mafsnahmen im Sinne des v. ScHORLEMEESchen 
Gesetzentwurfes über die Yererbung der Landgüter zur Zeit in der Khein- 
provinz ein Bedürfnis nicht hervorgetreten ist; in Erwägung ferner, dafs die 
gebundene Intestat- Erbfolge mit bedeutender Bevorzugung des Anerben dem 
Eechtsbewufstsein des gröfseren Teiles der rheinischen Landwirte wider- 
spricht, beschliefst der Vorstand, die Anwendbarkeit der Prinzipien des 
v. ScHORLEMERSchen Gesetzentwurfes auf die Bheinprovinz zu verneinen." 1 ) 
Der Provinziallandtag von 1881 selbst entschied sich dafür, das Bedürfnis 
für einen Teil des Grundbesitzes zu bejahen; er sprach sich jedoch nicht für 
den Schorlemerschen Entwurf aus, sondern für erweiterte Testierfreiheit und 
event. Erlafs eines den besonderen rheinischen Verhältnissen entsprechenden 
Gesetzes betreffend die Abschätzung von Landgütern zum Behufe der Pflicht- 
teilsberechnung auf Grund des Ertragswertes. 2 ) 

Wenn irgend eine agrarpolitische Frage individualisierend behandelt 



unmöglich, dabei mufs ich zu Grunde gehen. Dafs aber für denselben Morgen 1000 bis 
1200 M als Kaufpreis gezahlt wurden, hat schon mancher von uns erlebt, und das repräsentiert 
doch an Zinsen 50 bis 60 M. Dafs dies unwirtschaftliche Verhältnisse sind, dürfte wohl 
jedem klar sein. u 

x ) Havenstein, Der Landwirtschaftliche Verein für Rheinpreufsen und seine "Wirk- 
samkeit. Bonn, 1883. S. 370/71. 

2 ) AVährend des Druckes dieses Berichtes hat eine erneute Stellungnahme der Sektion 
Volkswirtschaft des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen zur Frage des Anerben- 
rechts stattgefunden. Bei Gelegenheit der Generalversammlung des Vereins in Jülich hielt Herr 
Landgerichtsdirektor Schmitz am 28. Septbr. in der Sektionssitzung einen Vortrag über „die 
Mängel des rheinischen Erbrechts, vom Standpunkte des landwirtschaftlichen Interesses aus 
betrachtet". In der darauffolgenden Diskussion, an der sich allerdings die anwesenden Land- 
wirte nicht beteiligten, aber auch nicht widersprachen, trat man mit einer Ausnahme für 
das Anerbenrecht ein. Professor Frhr. V. d. Goltz verlangte auf Grund seiner Kenntnis des 
Landes sogar obligatorisches Anerbenrecht. Schliefslich wurde folgende von dem Vortragenden 
vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen : „Im Interesse der Erhaltung des Grund- 
besitzes in der Familie ist die Einführung eines der Eigenart der Provinz angepafsten An- 
erbenrechtes auch für Rheinland erwünscht, indes nicht für den Kleinbesitz, sondern nur für 
den mittleren und gröfseren Besitz. Inzwischen ist zur Verhütung einer Veräufserung des 
Grundbesitzes beim Ableben des Eigentümers dringend darauf hinzuwirken, dafs der Grund- 
eigentümer durch Verfügung auf den Todesfall schon in seinen Lebzeiten auf die Regelung 
seines dereinstigen Nachlasses Bedacht nimmt. Zur Erleichterung der Teilung wird den Land- 
. wirten die Eingehung einer Lebensversicherung von Neuem aufs Angelegentlichste empfohlen." 
Es wird abzuwarten sein, wie sich der Zentral vorstand des landwirtschaftlichen Vereins zu 
dieser Resolution stellt. Das offiziöse Organ des Rheinischen Bauernvereins, die Rheinische 
Volksstimme, begrüfst in ihrer Nr. 229 vom 4. Oktober d. J. die Resolution zu Gunsten 
eines passenden Erbrechts und hofft, dafs allmählich auch in der Bevölkerung die Vorurteile- 
schwinden zum Wohle des sefstuaften Bauernstandes. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 147 

sein will, so ist es die des Erbrechts. An dieser Stelle wird es genügen, 
zunächst zwischen Norden und Süden der Provinz zu scheiden. 

1. Das Gebiet des geschlossenen Hof über ganges. Der Beschlufs des 
Provinziallandtages wurde gefafst im Wesentlichen im Hinblick auf die nörd- 
lichen Kreise der Rheinprovinz, in denen die wirtschaftlichen und speziell 
die landwirtschaftlichen Yerhältnisse die gleichen sind, wie in den dem west- 
fälischen Höferecht unterliegenden rechtsrheinischen Kreisen Rees, Essen, 
Duisburg, Ruhrort und Mülheim a. d. Ruhr. Was der Provinziallandtag er- 
strebte, ist heute durch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch erreicht, und 
es ist sicher, dafs diese Neuerung für den Norden der Provinz, die Gebiete 
des geschlossenen Erbüberganges der mittleren und gröfseren Landgüter, 
einen ebenso grofsen Fortschritt bedeutet, wie sie für die Mitte und den 
Süden ganz belangslos ist. 

Nach den §§ 2303 und 2305 des Bürgerlichen Gesetzbuches besteht 
der Pflichtteil jedes Erben stets in der Hälfte des Wertes des gesetzlichen 
Erbteiles, also kann der Erblasser unter allen Umständen über die Hälfte 
seines Yermögens frei verfügen. Da nach dem Code der Erblasser schon bei 
Hinterlassung von zwei Kindern nur über ein Drittel, bei Hinterlassung von 
drei und mehr Kindern nur über ein Viertel seines Yermögens frei dis- 
ponieren darf, ist jetzt die Testierfreiheit nicht unbeträchtlich erweitert. 

Ferner bestimmt § 2049 des Bürgerlichen Gesetzbuches: „Hat der Erb- 
lasser angeordnet, dafs einer der Miterben das Recht haben soll, ein zum 
Nachlafs gehörendes Landgut zu übernehmen, so ist im Zweifel anzunehmen, 
dafs das Landgut zu dem Ertragswert angesetzt werden soll. Der Ertrags- 
wert bestimmt sich nach dem Reinertrage, den das Landgut nach seiner bis- 
herigen wirtschaftlichen Bestimmung bei ordnungsmäfsiger Bewirtschaftung 
nachhaltig gewähren kann." Der Ertragswert ist nach § 2312 auch für die Be- 
rechnung des Pflichtteiles mafsgebend, wenn das hinterlassene Landgut nach 
Anordnung des Erblassers auf einen Erben übergeht und jene Bewertung 
nach dem vorerwähnten Paragraphen dem mutmafslichen Willen des Erb- 
lassers entspricht. Artikel 137 des Einführungsgesetzes giebt der Landes- 
gesetzgebung die Möglichkeit, eigene Grundsätze für die Feststellung des Er- 
tragswertes eines Landgutes aufzustellen. 

Wenn eine eingehende Taxordnung erlassen und für tüchtige Schätzer 
gesorgt wird, sind diese Bestimmungen durchaus geeignet, die niederrheini- 
schen Erbgewohnheiten nach einer Richtung hin zu festigen. Sie sichern 
die Yerfügungen der Eltern gegen die (S. 23 erwähnten) Angriffe der wei- 
chenden Erben wegen Verletzung des Pflichtteils. 

Ob aber die Beschränkung des Pflichtteilrechtes und jene Auslegungs- 
vorschrift genügen, um die Vererbungsgewohnheiten der niederrheinischen 
Hof guter gegenüber den Ansprüchen weiterhin aufrecht zu erhalten, welche das 
Intestaterbrecht den gesetzlichen Erben verleiht, mufs als höchst zweifelhaft 
gelten. Können sie doch nach wie vor Naturalteilung und Versteigerung ver- 
langen. Auf die daraus hervorgehenden Gefahren wurde mehrfach hingewiesen. 

Zur Frage der Reform des Intestaterbrechts äufsert sich das von dem 

10* 



148 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Landgerichtspräsidenten und dem Ersten Staatsanwalt zu Düsseldorf gemeinsam 
erstattete Gutachten wie folgt: „Die ländliche Bevölkerung sieht durchgängig 
das, was Gesetz ist, auch als Recht an. Die Berufung der eine Kürzung 
ihrer Interessen befürchtenden Kinder auf das Gesetz schwächt die etwaige 
Neigung der Eltern, dasjenige Kind, welches die elterliche Wirtschaft «weiter 
führen soll, so zu stellen, dafs die wirtschaftliche Lebensfähigkeit gesichert 
wird. Eine veränderte Gesetzgebung würde nach dieser Richtung einen Um- 
schwung in der vermeintlichen Rechtsanschauung der Bevölkerung um so 
leichter herbeiführen, weil es mehr und mehr zum Bewufstsein kommt, dafs 
das in ländlichem Grundbesitz angelegte Kapital sich der Regel nach un- 
gleich niedriger verzinst, als es bei irgend einem anderen Berufe der Fall ist. 
Im Erfolge wird die Gleichheit der Erbteilung beim ländlichen Grundbesitz 
zur Ungleichheit. Gleichwohl darf man mit dem Berichte des Amtsgerichts 
Ratingen von der Annahme ausgehen, dafs die Bevölkerung einer Änderung 
des Erbrechts bislang abgeneigt ist. *) Das jetzt mehr als 90 Jahre hindurch 
geübte rheinische Recht hat sich infolge seiner einfachen klaren Gesetzessprache 
in das Yolksbewufstsein einzuleben vermocht. Es erfreut sich deshalb un- 
geachtet seiner vielen und grofsen Mängel einer unleugbaren Beliebtheit. 
Die Mifserfolge einzelner Gesetze der Neuzeit haben das Vertrauen in die 
Gesetzgebungsfähigkeit der Gegenwart nicht gehoben. Man scheut den 
Sprung ins Dunkle. Deshalb wird ein geltendes, in die Gewohnheit über- 
gegangenes Gesetz ungeachtet seiner Mängel vorgezogen, selbst wenn Besseres 
geboten wird. Die seiner Zeit im Gebiet des rheinischen Rechts so nach- 
drücklich bekämpfte Einführung der vorzüglichen preufsischen Grundbuch- 
gesetzgebung liefert einen sprechenden Belag dafür. Ton der Allgemeinheit 
lassen sich Anregungen zu einer Änderung auf dem hier fraglichen Gebiete 
auch deshalb nicht erwarten, weil die Wirkungen der Schäden der hier ein- 
schlägigen Gesetzgebung den Laien weniger scharf in die Augen springen. 
Dazu bedarf es der längeren Beobachtung eines geübten Auges. Das je- 
weilige Erbrecht mufs den sozialpolitischen Anforderungen seiner Zeit ge- 
recht werden. Wenn der Code diese Erwartung zur Zeit seines Erlasses er- 
füllt hat, von der jüngeren Zeit läfst sich das nicht behaupten. Mehr und 
mehr erweitern sich die Kreise derer, welche sich dieser Auffassung an- 
schliefsen. Darüber kann kein Zweifel bestehen, dafs die vorhandene Ver- 
schuldung, abgesehen von der Ungunst der Lage der Landwirtschaft, sich 
auf die erbrechtliche Gleichteilung mit zurückführt. In denjenigen Gebiets- 
teilen Rheinlands, in welchen das hitestaterbrecht des Code die Regel bildet, 
darf eine höhere Verschiddung angenommen werden als in den anderen Be- 
zirken. 2 ) Schon 1881 hat der rheinische Provinziallandtag mit einer Zwei- 
drittelmehrheit unter Einschlufs der denselben angeliörigen rheinischen 



J ) Im gleichen Sinne spricht sich das Amtsgericht Lobberich (Landger. Cleve) aus. 
Die anderen Gerichtsbehörden des hier behandelten Gebiets berühren die Frage in ihren 
Berichten nicht. 

2 ) Ein exakter Beweis für oder gegen diese Behauptung läfst sich bei dem bereits ge- 
schilderten Stande der Verschuldungsstatistik in der Rheinprovinz allerdings nicht erbringen. 



]£. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 149 

Juristen sich im Interesse des gefährdeten Grundbesitzes für die Notwendig- 
keit ausgesprochen, das Yerfügungsrecht des Art. 913 Bügerlichen Gesetz- 
buchs zu erweitern. Der seitdem eingetretene Yerlauf der Dinge macht es 
nicht wahrscheinlich, dafs ein erweitertes Testier- und ein eingeschränktes 
Pflichtteilsrecht genügt. Wenn von der Befugnis des Art. 913 schon jetzt 
nur in einzelnen Bezirken Gebrauch gemacht wird, 1 ) dann ist nicht zu er- 
hoffen, dafs eine Erweiterung des Yerfügungsrechtes einer ausgedehnteren 
Anwendung desselben die Wege öffnet. Im Gegenteil liegt die Befürchtung 
nahe, dafs die realistische Kichtung der Zeitläufe die jetzt noch teilweise be- 
stehende Sitte verdrängen wird. Es wird darum wohl nur Abhilfe gesucht 
werden können durch ein den rheinischen Anschauungen möglichst angepafstes 
Anerbenrecht. Allerdings dürfte solches auszuschliefsen sein für den Klein- 
besitz, vorausgesetzt, dafs die Gröfse oder die Beschaffenheit des Grund- 
stückes einen landwirtschaftlichen Betrieb überhaupt nicht zuläfst. Die un- 
eingeschränkte Einführung des Anerbenrechts würde eine Yermehrung des 
besitzlosen Proletariats zur Folge haben. Der durch die gleiche Teilung des 
kleineren Besitzes beförderte Schollenbesitz verbündet dagegen den Eigen- 
tümer mehr oder minder mit den Zielen, Aufgaben oder Interessen des 
Staates. Eben das ist für die Gegenwart und Zukunft besonders nach- 
drücklich zu erstreben. Anders beim gröfseren Besitz. Eben dieser bietet 
für die Mchtanerben zumal mit Hilfe einer angemessenen Abfindung leicht 
die Brücke zu einer gesicherten anderweiten wirtschaftlichen Existenz. 
Würde dabei, wie solches von der Tyroler Gesetzgebung vorgesehen ist, für 
den eine gewisse Grenze überschreitenden Teil eines landwirtschaftlichen Be- 
sitzes das Anerbenrecht ausgeschlossen, so wäre der wohl zu beachtenden 
Gefahr, zu grofse Yermögen in einer Hand vereinigt und an die Stelle selbst 
landwirtschaftender Eigentümer Pächter mit nur vorübergehendem Interesse 
treten zu sehen, in sachgemäfser Weise begegnet. Auch ein beschränktes 
Anerbenrecht wird im Kheinland scharfen Einwänden begegnen. Diesen wird 
jede Unterlage entzogen, wenn das autonome Yerfügungsrecht des Grund- 
eigentümers gewahrt und ihm das Recht gesichert bleibt, letztwillig zu be- 
stimmen, dafs bezüglich seines Grundbesitzes das Anerbenrecht ausgeschlossen 
sein soll. Wird auf diesem Wege das gesetzliche Anerbenrecht als die Regel, 
der Ausschlufs desselben als die Ausnahme hingestellt, so wird sich mehr 
und mehr ein Umschwung der Rechtsauffassung vollziehen, der dann dem 
in seinen Yorzügen bald erkannten Anerbenrecht in den erwähnten Grenzen 
schliefslich allgemein Eingang verschafft." 

Es genüge hierzu die Bemerkung, dafs, abgesehen von dem Klein- 
grundbesitz, in dem oben näher umschriebenen „Gebiet des geschlossenen Hof- 
überganges" und in gewissen Teilen des ,,Übergangsgebietes", die ungeteilte 
Yererbung der Landgüter zu ihrem Ertragswert, soweit nach den vor- 
liegenden Berichten ein zutreffendes Urteil möglich ist, den Rechtsgewohn- 
heiten und dem mutmafslichen Willen der Erblasser entsprechen würde. Im 



*) Vergl. hierzu die Ausführungen S. 17, 23, 26. 



150 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Falle einer derartigen gesetzlichen Regelung würde mangels elterlicher Ver- 
fügung die Bestimmung des Gutsübernehmers durch die Miterben, event. 
einen Familienrat am meisten dem Herkommen entsprechen. 1 ) 

In ähnlicher Weise wie das Gutachten der Vorstände des Düsseldorfer 
Landgerichts fordert noch eine Reihe anderer Berichterstatter aus den 'nörd- 
lichen Kreisen eine Reform des gesetzlichen Erbrechts — meist im Sinne 
des indirekten Anerbenrechts, der freiwilligen Eintragung in eine Höferolle: 

„Meines Erachtens ist die Erhaltung oder auch Schaffung eines 
leistungsfähigen Grundbesitzes und Bauernstandes wie anderwärts so auch 
in der hiesigen Gegend von so grofser Bedeutung, dafs ich es für dringend er- 
wünscht erachten würde, wenn es sich ermöglichen liefse, im Wege einer 
schrittweise aber nachhaltig vorgehenden Gesetzgebung die gegenwärtig be- 
stehenden Zustände, wenn sie auch in das Rechtsbewufstsein des Volkes 
übergegangen sind, zu beseitigen." (Landrat von Solingen.) 

Der Ehrenbürgermeister von Büderich hält eine Änderung des geltenden 
Erbrechts für unbedingt nötig, „dahin gehend, clafs dem Testator gestattet 
sein mufs, unter allen Umständen über die Hälfte seines in Grundbesitz be- 
stehenden Vermögens schuldenfrei zur Vererbung in eine Hand zu verfügen. 
Daneben ist die fakultative Einführung der Höferolle nach westfälischem 
Muster zu empfehlen." 

Auch nach Ansicht des Landrats von Neufs wäre es ratsam, ent- 
sprechend den Bestimmungen des westfälischen und hannoverischen Höfe- 
gesetzes dem Erblasser die Befugnis zu geben, den Grundbesitz zu einer 
mäfsigen Taxe einem Kinde zuzuwenden. „Sache der landwirtschaftlichen 
und Bauernvereine würde es sodann sein, im Sinne dieser Gesetze auf die 
Grundbesitzer einzuwirken und den Zeitpunkt vorzubereiten, wo eine Grenze 
der Teilbarkeit und Belastung des Grundbesitzes gesetzlich festgestellt werden 
kann." Ähnlich äufsert sich der Direktor der Lokalabteilung Grevenbroich 
des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen : „Es will mir scheinen, 
als ob der Parzellenbesitz unter Hinzunahme des hier vorherrschenden Par- 
zellen-Pachtbetriebes die freie Teilung ohne wirtschaftliche Nachteile sehr 
wohl vertragen kann. Bei gröfseren Gütern dagegen hat die freie Teilung 
stets eine Verkleinerung des Betriebes im Gefolge, die einen Teil der Ge- 
bäulichkeiten wertlos macht und den Unternehmer in die Lage bringt, einem 
kleineren Betriebe als bisher vorzustehen. Dies ist vielleicht eine ebenso 
schwierige Aufgabe, als wenn ein Kleinbauer plötzlich ein gröfseres Gut be- 
wirtschaften soll. Wird an Stelle der Teilung der Verkauf gewählt, so ist 
dieses Verfahren im Parzellenbesitz deshalb unschädlich, weil der Nachbar 
sein Areal in gesunder Weise vergröfsert, während im Gutsbetriebe an Stelle 
des Eigentümers der Pächter tritt. Eine Änderung der Gesetzgebung in der 
Richtung einer Dispositionsbeschränkung der Landbevölkerung würde somit 
dem Rechtsbewufstsein der hiesigen Bevölkerung durchweg widerstreben, 
auch im Kleinbesitz nicht angezeigt sein. Es wäre nur zu erwägen, ob das 



l ) Vgl. das alte Bergische Erbrecht (oben S. 83 u. 84). 



IT. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 151 

Interesse des Staates so weit geht, den kleineren Teil der Bevölkerung, der 
heute noch im Besitze gröfserer Güter ist, zum Zwecke der Erhaltung dieser 
Güter zu nötigen, von seiner bisherigen Rechtsübung auch Descendenten 
gegenüber abzugehen. Eine fakultative Einführung der Höferolle würde viel- 
leicht erzieherisch wirken." 

„Eine Änderung des Erbrechts wird in der hiesigen Gegend nur all- 
mählich Eingang finden. Eine zu grofse Bevorzugung eines Kindes könnte 
dahin führen, dafs es später nach Antritt des Hofes, denselben zum Ver- 
kehrswerte veräufsert. Wenn eine Änderung des Intestaterbrechts eintreten 
soll, so möchte ich befürworten, dafs .... der Erwerber gehalten ist, bei 
einem etwaigen Verkaufe seinen Geschwistern das Vorkaufsrecht einzuräumen 
und dafs die Differenz zwischen Übernahme- und Verkaufspreis in irgend 
einer Weise unter die noch lebenden Erben des Vaters verteilt wird." 1 ) 
(Landrat von Krefeld.) 

2. Anders ist von vornherein die Aussicht einer Reform im Gebiete der 
Realteilung zu beurteilen. Handelt es sich im Hofgebiet darum, eine noch 
bestehende Sitte durch Unterstützung des Gesetzes neu zu kräftigen, so wären 
im Süden die schädlichen Wirkungen einer seit Jahrhunderten, in der West- 
eifel wenigstens seit Jahrzehnten herrschenden Sitte zu bekämpfen. 

Mehrere Berichterstatter des Südens befürworten die Einführung eines 
Parxellenminimum, so die Amtsrichter in Ahrweiler, St. Goar, Stromberg, 
Baumholder, der Landrat von Meisenheim u. s. w. 

Der Präsident der Generalkommission zu Düsseldorf, Herr Geheimer 
Oberjustizrat Küster tritt auf Grund der bei den Zusammenlegungen ge- 
machten Erfahrungen in der weiterhin (Anlage XII) im Auszuge abgedruckten 
Denkschrift entschieden für diesen Gedanken ein. Als Zweck der Einführung 
einer Minimalparzelle wird bezeichnet: „die Erhaltung der in den zusammen- 
gelegten Gemarkungen mit grofsem Kostenaufwand geschaffenen wirtschaft- 
lichen Zustände und erreichten Vorteile, und in den nicht zusammengelegten 
Gemarkungen die Verhütung der immer zunehmenden Zersplitterung, welche 
die zur Bewirtschaftung notwendige Gröfse, Form, Zugänglichkeit, die Möglich- 
keit von Meliorationen etc. den Grundstücken nimmt." Wünschenswert seien 
Minimalparzellen 



*) Die Lokalabteilung Krefeld des landwirtschaftlichen Vereins hat sich nach dem Be- 
richte des Vorstandes (S. 30/31) ebenfalls in jüngster Zeit mit dem Anerbenrecht befafst. 
Sie „übersieht nicht, dafs eine Änderung des Erbrechtes bei den freien Gewohnheiten der 
hiesigen Landwirte manchen Widerspruch finden wird. Eine mäfsige Erweiterung der 
Testierfreiheit würde unschwer Anklang finden. Aber das genügt nicht, die bisherige un- 
zweifelhaft glückliche Verteilung des Grundbesitzes zu sichern. Zu diesem Zwecke wird für 
erforderlich erachtet: 1. Einführung eines Anerbenrechts ; 2. Bildung von Höferollen mit zu- 
nächst fakultativer Eintragung; 3. Entschädigung nach dem Ertragswert-, 4. Das Recht des 
Anerben findet insoweit eine Einschränkung, als den Miterben für eine Reihe von Jahren 
■das Vorkaufsrecht gesichert wird und denselben beim Verkaufe des Hofes ein Teil des etwa 
erreichten Gewinnes sicher gestellt wird; 5. Eine Verschuldungsgrenze bis zu a / i des Er- 
tragswertes ist festzusetzen; 6. Bei aufzunehmenden Schulden ist eine geeignete Amortisation 
vorzusehen; 7. Eine gewisse Teilbarkeit des Besitzes ist nicht auszuschliefsen." 



152 !• Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

für Ackerland von 12,50 a wie im Kegierungsbezirk Wiesbaden 
„ "Wiesland „ 6,25 a „ „ „ „ 

„ Waldland „ 50 a wie in Hessen 
mit einer Anzahl gesetzlicher oder durch die Verwaltungsbehörden zu ge- 
nehmigender Ausnahmen; für Gartenland und Weinberge sei von der Be- 
stimmung einer Minimalparzelle abzusehen. Wie sich das gesetzliche Par- 
zellenminimum im Regierungsbezirke Wiesbaden als ein Mittel bewährt 
hat, die unwirtschaftliche Zerschlagung der Grundstücke zu verhindern, ist 
in dem Bericht über die Yererbung des ländlichen Grundbesitzes im Ober- 
landesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. (Heft II dieser Publikation) näher dar- 
gelegt. Freilich kann durch diese Mafsregel immer nur die fortschreitende 
Parzellierung der Grundstücke verhütet werden, die Zertrümmerung der 
Güter mit allen ihren Konsequenzen bleibt unbehindert. 

Für eine Änderung der Erb-Gesetzgebung im Sinne des Anerbenrechts 
treten einige Stimmen aus der Mitte und dem Süden der Provinz, wenn auch 
nur sehr bedingungsweise, ein: „Gesetzliche Bestimmungen, welche die 
Möglichkeit bieten, dafs der Grundbesitz ohne zu grofse Belastung des den 
Grundbesitz übernehmenden Erben ungeteilt übergeht, erscheinen wünschens- 
wert. Einen unmittelbaren Zwang nach dieser Richtung durch die Gesetz- 
gebung auszuüben, geht jedoch den eingebürgerten Rechtsanschauungen der 
Bevölkerung so sehr entgegen, dafs daran wohl kaum gedacht werden kann." 
(Landrat von Daun.) 

„Auf der anderen Seite werden auch immer mehr und mehr Stimmen 
laut, welche darauf hinweisen, dafs der Hauptgrund der landwirtschaftlichen 
Verschuldung gerade in der hier üblichen Erbfolge zu finden sei, und man 
betrachtet den Übergang zum Anerbenrecht als einen unvermeidlichen Aus- 
weg. Es wird nun eine Aufgabe der Zukunft sein, einen Weg zu finden, 
der einerseits zur Erhaltung des Grundbesitzes dient, andererseits das Rechts- 
gefühl der übrigen Erben nicht zu sehr kränkt." (Landrat von Köln.) 

Für die fakultative Einführung der Höferolle ist der Landrat von 
Aachen, ohne sich jedoch allzu grofsen Erfolg davon zu versprechen. 1 ) 

Der Amtsrichter von Neumagen hält es unbedingt für vorteilhaft, die 



l ) Prof. Gothein ist der Ansicht (Agrarpolitiscke "Wanderungen u. s. w.) dafs die Höfe- 
rolle trotz der ungünstigen Erfahrungen, die man aufserkalb Hannovers damit gemacht hat, 
eine Zukunft hat, auch im Rheinland. Die Bauern lernten jetzt recht gut, was ihnen zu- 
träglich sei. Eine Umwandelung ihrer Wirtschaft durch das Genossenschaftswesen vollziehe 
sich unter unseren Augen; die Verbreitung neuer Ansichten, die Lust an der Besprechung 
der Interessenfragen sei durch ihr blühendes Vereinswesen- in einer "Weise vorbereitet wie 
kaum in einem anderen Stande. Unsere Zeit sei also ganz wohl geeignet, neue Volks- und 
Rechtssitten zu schaffen, wenn nur ein Fingerzeig gegeben werde. — Ähnlich argumentierte 
Freiherr v. Loe auf dem 27. rheinischen Provinziallandtage zu gunsten vollständiger Testier- 
freiheit; auch er legte "Wert darauf, der sich bildenden neuen Rechtsanschauung die Hinder- 
nisse möglichst aus dem Wege zu räumen, damit sie sich unbeirrt entwickeln könnte. Ich 
vermag den Glauben an die Heilkraft des agrarpolitischen laisser passer nicht zu teilen ; doch 
ist es sehr beachtenswert, wenn ein Kenner der rheinischen Bauern wie Freiherr v. Loe 
solche Hoffnungen hegte. Auch Le Play wünschte bekanntlich nur: la liberte de fester.. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des rheinischen Erbrechtes. 153 

Abfindung eines oder mehrerer Kinder mit Geld oder Geldanspruch bei ein- 
getretener Selbständigkeit zu erleichtern. 

Der Landrat von Saarlouis meint: „Nach den bisherigen Erfahrungen 
entspricht das Intestaterbrecht dem Rechtsbewufstsein der hiesigen Be- 
völkerung, und es dürfte sich kaum empfehlen, Abänderungen des Gesetzes 
vorzunehmen. Wenn dadurch auch einer noch gröfseren Zersplitterung des 
ländlichen Grundbesitzes hemmend entgegengetreten werden könnte, so würde 
dies doch keineswegs, auch noch nicht innerhalb eines halben Jahrhunderts, 
eine Besserung der Schuldverhältnisse herbeiführen, wohl aber würde es zur 
Vermehrung des Broletariats und der Auswanderung beitragen: ersteres, da 
der in Geld umgesetzte Erbteil zum leichtsinnigen Hingeben desselben An- 
lafs böte, letzteres, da der Drang nach selbständigem Besitz in der Heimat 
unerfüllt bleiben müfste. Eine Besserung der Schuldverhältnisse steht über- 
haupt erst dann in Aussicht, wenn der Grundbesitz nicht mehr höher wert- 
geschätzt und bezahlt wird, als sich unter verständigem Ausgleich von Mühe 
und Auslagen einerseits und durchschnittlichem Ertrage andererseits ergiebt. ct 

Für die Westeifel erscheint ein Geschlossenbleiben der Güter wirt- 
schaftlich durchaus gerechtfertigt; da in den Gegenden des früheren Stock- 
erbenrechts die Besitzungen noch einen verhältnismäfsig bedeutenden Um- 
fang bewahrt haben, wäre ein derartiger Versuch an sich nicht aussichts- 
los. Auch in anderen Teilen des Südens der Provinz finden sich wohl noch 
Gemeinden mit gröfserem Grundbesitz, namentlich in den reichen Thälern 
der Nahe und ihrer Nebenflüsse, in denen der ungeteilte Übergang der 
mittleren Anwesen an ein Kind wirtschaftlich empfehlenswert wäre. 

Aber zwischen der klaren Erkenntnis des Nutzens einer Reform in 
diesem Sinne und ihrer Durchführung liegt ein weiter und schwieriger Weg. 

Noch am meisten Aussicht dürfte es bieten, der Anerbenfolge als 
sekundärer Mafsregel im Gefolge anderer Reformen Eingang zu verschaffen. 
Möglich ist es, dafs das Anerbenrecht in Verbindung mit dem fortschreiten- 
den Znsammenlegungsver fahren einige Bedeutung dort gewinnen wird, wo 
noch lebensfähige Betriebsgröfsen bestehen. Das Gesetz vom 11. Juli 1891 
hat bekanntlich den Generalkommissionen (für die Höferechtsgebiete) die Be- 
fugnis gegeben, die Erklärung, betreffend Eintragung in die Höferolle, aufzu- 
nehmen. Die Bevölkerung wird sich am ehesten zu solchem Schritt beim Ab- 
schlufs eines Verfahrens entschliefsen, welches die Landgüter erst zu wirt- 
schaftlichen Einheiten macht. 

Vielleicht käme später äufsere, jedenfalls jetzt innere Kolonisation in 
Betracht. Regierung und Gemeinden besitzen im Hohen Venn noch Land 
genug für tausende von Familien. Die unter Leitung des Generalsekretärs 
des landwirtschaftlichen Vereins, Ökonomierats Dr. Havenstein, veranstalteten 
Anbauversuche im Venn haben erwiesen, dafs technische Schwierigkeiten 
der Kolonisation nicht entgegenstehen. 1 ) Auch in anderen Eifelkreisen mag 



x ) Vgl. auch Jahresbericht des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen für das 
Jahr 1895. Bonn 1896. S. 85 ff. 



254 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

noch viel jetzt als Ödland oder Hutung bezeichnetes Land kultnrfähig sein. 
Für eine eigene Ansiedelungskommission, die Rentengüter austeilt, wäre ge- 
nügend Arbeit vorhanden. Auch damit wäre ein Punkt gewonnen, wo man 
den Hebel zur Reform einsetzen könnte. 

Alle diese Wege führen nur langsam, vielleicht überhaupt nicht • zum 
Ziel. Gefühle sind stärker als wirtschaftliche Überlegungen. Aber während 
man den Phantomen von Freiheit und Eigentum nachjagt, gehen diese selbst 
verloren. 






Anlage I. 1 ) 
Übergabevertrag aus dem Kreise Crefeld. 

Der Notar F. in Ürdingen teilt folgende in der sog. Grafschaft, d. h. 
der zum Amtsgerichtsbezirke Ürdingen gehörigen Bürgermeisterei Friemers- 
heim, gebräuchliche Übertragsakte mit: 

I. Die Übertragung eines gröfseren Gutes. 

Es erscheinen die Eltern und der Annehmer, ferner, wenn dies zu er- 
möglichen, auch die anderen Kinder; hierauf sucht der Notar behufs Ver- 
meidung späterer Prozesse nach Kräften hinzuwirken. Nach Beschreibung 
des Guts -Inventars etc. folgen die Bedingungen des Übertrags, nämlich: 

1. Das Vermögen geht mit allen Hechten und Lasten, in dem Zu- 
stande und Umfange, wie sich solches im Besitze der Eltern befunden, eigen- 
tümlich auf Annehmer über; die Immobilien werden übertragen mit allen 
Gerechtsamen etc., auch wird in betreff des Immobiliars nicht für Flächen- 
gröfse und in betreff des Mobiliars nicht für verborgene oder sichtbare Fehler 
gehaftet. 

2. Der Besitz- und Genufs- Antritt erfolgt sofort (oder 1. Mai 1895, 
oder, wie es vielfach heifst, mit dem Zeitpunkte, wo der Vater stirbt oder 
die ihm vorbehaltene sog. Meisterschaft freiwillig niederlegt). Auf eine ge- 
nauere Beschreibung des Mobiliars wird, da Annehmer solches genau kennt, 
beiderseits meistens verzichtet. 

3. Annehmer übernimmt eine auf dem Gute lastende Hypothekenschuld 
ad .... x M zur vollständigen Entlastung der Eltern als seine Alleinschuld 
nebst Berichtigung der laufenden Zinsen vom Antritt ab, ohne dafs dadurch 
eine Novation bewirkt werden soll; auch wird der Notar ermächtigt, dem 
Hypothekengläubiger eine vollstreckbare Ausfertigung des Aktes zu erteilen. 
(N. B. Da die meisten gröfseren Güter dort schuldenfrei sind, die Eigentümer 
vielmehr meistens noch ausstehende Forderungen haben, die den Eltern ver- 
bleiben und einschliefslich der ersparten Zinsen nach ihrem Tode von sämt- 
lichen Kindern gleichmäfsig geteilt werden, so findet sich die Nr. 3 der Be- 
dingungen nur ausnahmsweise.) 

4. Im übrigen wird, abgesehen von den besonderen unten beschriebenen 
Verpflichtungen den Eltern gegenüber, der Wert des Gutes angenommen auf 

x ) Zu S. 25. 



156 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

(z.B.) M 90000. Da mit dem Annehmer im ganzen 6 Kinder sind, so über- 
weisen die Eltern dem Annehmer von den 90000 M 1 / 6 = M 15000. 
als eigenes Erbteil, und bringt dieser jene Summe von dem Übertragspreise 
compensando in Abzug. 

Die den Abständern gebührenden je 15000 M, wodurch diese von den 
Eltern für ihre gesamten Ansprüche an dem Gute für abgefunden erklärt 
werden, hat Annehmer (wenn er das Gut sofort antritt), in nachstehender 
Art zu tilgen. Er zahlt 

1. an den ältesten Abständer ohne Zinsen am 1. Mai 1896 M 6000 — 

2. an den Zweitältesten ohne Zinsen am 1. Mai 1897 M 6000 — u. s. f. 
bis 1900 je 6000 M. 

6. An den Ältesten ohne Zinsen am 1. Mai 1901 M 9000 — 

7. an den Zweitältesten ohne Zinsen am 1. Mai 1902 M 9000 — u. s. f. 
Will einer der Abständer die Herausgabe bei Erbfall auf dem Gute 

stehen lassen, so beträgt der Zinsfufs 4°/ , und dann ist die Herausgabe 
gegen beiderseitige sechsmonatliche Kündigung zahlbar. 

(Vorstehende häufig sich wiederholende Bestimmung bezweckt im 
wesentlichen, dafs Annehmer, ohne Schulden kontrahieren zu müssen, aus den 
jährlichen Einnahmen, die bis 1. Mai gewöhnlich flüssig sind, und aus Er- 
sparnissen seine Schuld tilgt; er kann dann gewöhnlich noch auf das seiner 
Frau, die meistens von einem ähnlichen Gute stammt, im Laufe des Jahres 
zufliefsende Erbteil rechnen.) 

5. Zur schlief suchen Ausgleichung des Übernahmepreises ist Annehmer 
verpflichtet, seine mitkontrahierenden Eltern während deren ganzer Lebens- 
dauer vollständig zu verpflegen, und er ist in dieser Hinsicht zu folgenden 
Leistungen verbunden: 

Er hat bestimmte Zimmer den Eltern zur ausschliefslichen Benutzung 
zu überlassen, dieselben stets in gutem wohnlichen Zustande zu unterhalten 
und mit den nötigen Mobilien zu versehen, ferner den Eltern die Kost in 
Speise und Trank, wie es Küche und Keller vermag oder der Gesundheits- 
zustand der Eltern erfordert, nach ihrer Wahl entweder an seinem eigenen 
Tische oder auf deren Zimmer zu verabreichen, für Heizung und Licht zu 
sorgen oder sie an beiden bei sich auf dem besten Platze teilnehmen zu 
lassen, für Wäsche und Leinwand zu sorgen, den Eltern aufzuwarten, sie in 
gesunden wie in alten und kranken Tagen zu pflegen und sie nach ihrem 
Hinscheiden standesgemäfs auf eigene Kosten beerdigen zu lassen. 

Den Eltern soll übrigens auch stets der freie Gebrauch der Pferde 
und des Wagens zum Fahren und zum Keiten zustehen. 

Sollten die Eltern aus irgend einem Grunde das Gut verlassen und 
anderswo Aufenthalt nehmen wollen, so steht dies ihnen frei, und hat An- 
nehmer ihnen alsdann gQgen. Wegfall der Yerpflegungsverbindlichkeiten jähr- 
lich pränumerando eine Leibrente von 1000 M zu zahlen, die für den 
Längstlebenden sich auf 600 M herabmindert. 

6. Solange die Eltern leben, darf Annehmer von den übernommenen 
Immobilien weder etwas veräufsern noch verpfänden ohne deren Einwilligung. 



Anlage I. 157 

7. Sollte dem Annehmer durch gegenwärtigen Akt ein besonderer Vorteil 
zugewendet sein, so soll dieser bis zum verfügbaren Teile der Eltern dem 
Kückbringen nicht unterworfen sein, was Annehmer förmlichst acceptiert. 
(X. B. Diese Klausel dient zur Verhütung von Anfechtungen, die, falls die 
anderen Kinder nicht mitwirken, zu erwarten wären, da das Gut gewöhnlich 
zu einem mäfsigen Preise übertragen wird, der dem Annehmer ein gutes 
Fortkommen ermöglicht.) 

Vielfach finden sich besondere Bestimmungen für die abständischen 
unverheirateten Geschwister, die noch auf dem Hofe sind. Da heifst es: 

8. Abgesehen von der dem Abständer X hiervor zugedachten Erb- 
herausgabe behält derselbe, solange er unverheiratet ist, den freien Ein- und 
Ausgang auf dem Hofe, d. h. ihm verbleibt das bisher von ihm benutzte 
Zimmer, und er hat Anspruch auf freie Station, wogegen er sich auch an 
den vorkommenden Arbeiten beteiligt. Festsetzung besonderen Lohnes bleibt 
der freien Vereinbarung zwischen ihm und Annehmer vorbehalten. 

n. Übertrag einer kleinen Kathstelle. 

Im grofsen und ganzen sind die Bedingungen hier ähnliche, nur werden 

1. die Schulden, einschliefslich der Lappschulden, sämtlich aufgeführt 
und vom Annehmer übernommen. 

2. Die Herausgaben an Geschwister sind gering ; manchmal bekommen 
sie nichts. 

3. Die Hauptverpflichtung bildet aufser der Schuldübernahme die Ver- 
pflegung der Eltern, die sich aufserdem ein bestimmtes Taschengeld und 
eine bestimmte sog. Tucht vorbehalten, d. h. Anspruch auf Lieferung von 
z. B. je 2 Hemden jährlich für jeden der Eltern, Schürze für die Mutter, 
Hose, Rock u. s. w. für den Vater. 

4. Auch hier haben die abständischen Geschwister den Aus- und Eingang 
auf dem Erbe, d. h. sie haben Anspruch darauf, dafs, solange sie ledig sind, 
sie während des Dienst wechseis oder in Krankheitsfällen bis zu 6 Wochen 
im elterlichen Hause beim Annehmer Unterkommen und Kost finden, der 
sich gewöhnlich auch verpflichtet, während der militärischen Dienstzeit eines 
der Abständer diesem, wie sonst die Eltern, ab und zu Taschengeld und 
Viktualien zu schicken. — 

Der Amtsrichter von Dülken (Kreis Kempen) teilt folgenden Wort- 
laut des passus concernens der Übertragungsverträge als Regel mit: Den Wert 
und dementsprechend den Kaufpreis haben die Kontrahenten vereinbart und 

festgesetzt auf den Betrag von M Die Komparenten N. (Eltern) überweisen 

hierdurch diesen Kaufpreis an ihre X Kinder, die Komparenten X. X., als 
deren zukünftigen Erbteil, demnach jedem 1 /x. 1 /x. erhält der Ankäufer als 
seinen Anteil, wogegen er verpflichtet ist, jedem seiner Geschwister 1 /x mit 
M . . . (6) Monate nach dem Ableben des Letztlebenden der Eltern, mit 4 % 
Zinsen pro Jahr, vom Todestage an gerechnet — oder mit gleicher Ver- 
zinsung nach . . . monatlicher Kündigung, welche letztere bei Lebzeiten der 
Eltern nicht geschehen darf, — in deutschem Reichsgelde als deren Abfindung 



158 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

zu bezahlen. Für die Eheleute N. (Eltern) wird das freie Wohnungsrecht 
mit Mobiliar, freiem Aus- und Eingang — mitunter auch: vollständige freie 
Benutzung des ganzen Kaufobjekts — für deren Lebenszeit vorbehalten; 
aufserdem ist der Ankäufer verpflichtet, die Eltern vollständig zu alimentieren 
(in gesunden und kranken Tagen und standesgemäfse Beerdigung), .sowie 
wöchentlich . . . M Taschengeld zu verabreichen. Im Falle es die Eltern für 
gut finden, die Wohnung zu verlassen, ist Ankäufer verpflichtet, ihnen 
monatlich (oder vierteljährlich) . . . M zu bezahlen. Für den Fall der Nicht- 
erfüllung wird den Eltern das Kecht der Auflösungsklage vorbehalten. 

Anlag© II 1 ) 
Notarieller Verkauf eines kleinen Anwesens durch die Miterben 

aus dem Kreise Mettmann. 
Heute den .... 

erschienen 

vor dem unterzeichneten M. M., Königlich Preufsischem Notar, im Amts- 
und Wohnsitze der Stadt Mettmann, im Oberlandesgerichtsbezirke Köln: 

1. Die Eheleute Herr N. H., Maschinenmeister und Frau Gr. geborene E., 
diese ohne Geschäft und von ihrem Ehemanne zu Gegenwärtigem be- 
sonders ermächtigt, beide zu H. wohnhaft, 

2. Die Eheleute Herr H. S., Bahnwärter und Frau K. geborene R, diese 
ohne Geschäft und von ihrem Ehemanne zu Gegenwärtigem besonders 
ermächtigt, beide zu U. wohnhaft, 

3. Herr W. R., Telegraphist, zu E. wohnhaft. 

Komparenten erklärten: Ihr Schwiegervater bezw. Yater, der zu U. 
wohnhaft gewesene Ackerer Th. R. sei daselbst am ... April .... gestorben. 
Derselbe habe in zwei Ehen gestanden und zwar in erster Ehe mit der 
ebenfalls verstorbenen E. geborenen K. Aus dieser Ehe seien drei Kinder 
hervorgegangen, nämlich die Komparenten a) G. geborene R., Ehefrau N. H., 
b) K. geborene R., Ehefrau H. S. und c) W. R. In zweiter Ehe habe der- 
selbe gestanden mit der noch lebenden K. geborenen H., und seien aus 
dieser Ehe keine Kinder hervorgegangen. Sie versicherten nun an Eidesstatt, 
dafs der Erblasser gleich nahe oder nähere Erben nicht hinterlassen habe, 
keine andere Yorbehaltserben vorhanden seien und ihnen auch nicht be- 
kannt sei, dafs der Erblasser letzwillige Verfügungen getroffen habe. Sie 
beantragten demnach, dafs das zuständige Königliche Amtsgericht ihnen Erb- 
bescheinigung erteile zu Händen des fungierenden Notars. 

Komparenten erklärten sodann weiter: Zu dem Nachlasse des verlebten 
Ackerers T. R. gehöre das zu U. gelegene Immobiliar. Dasselbe ist einge- 
tragen im Grundbuche von E. Band drei, Artikel .... und den nachstehenden 
(17) Parzellen-Nummern, nämlich . . . . : zusammen 2 ha 43 a 50 qm. 

Die auf diesen Parzellen stehenden Gebäulichkeiten bestehen aus Wohn- 
haus, Scheune und Stall. 



Zu S. 25. 



Anlage IL 159 

Komparenten erklärten nun weiter zum Zwecke der Auseinandersetzung 
den nachstehenden Kaufvertrag miteinander vereinbart und abgeschlossen zu 
haben, welchen sie andurch beurkunden lassen wollten wie folgt: 

Die Komparenten Eheleute Herr N. H. und Herr W. K. verkaufen und 
übertragen hiermit den dies annehmenden Eheleuten Herr H. S. sämtliche 
Kechte und Erbansprüche, welche ihnen an den vorbeschriebenen Immobilien 
nur immer zustehen mögen, so dafs dieselben unter Hinzurechnung ihrer 
eigenen Beteiligung nunmehr die alleinigen Eigentümer dieser Immobilien 
werden. 

Verkäufer bewilligen die Eintragung der Ankäufer als nunmehriger Eigen- 
tümer im Grundbuche. Ankäufer beantragen diese Eintragung im Grundbuche 

Dem gegenwärtigen Yertrage werden im übrigen die folgenden Be- 
dingungen unterbreitet : 

1. Die Immobilien werden verkauft und übertragen mit allen denselben 
etwa anklebenden aktiven und passiven, sichtbaren und unsichtbaren 
Dienstbarkeiten und Gerechtigkeiten, überhaupt so, wie dieselben da ge- 
legen sind und seither besessen und benutzt wurden oder doch hätten 
besessen und benutzt werden können. 

2. Für das nach der Grundsteuermutterrolle angegebene Flächenmafs wird 
keine Garantie geleistet in dem Sinne, dafs jedes etwaige Mehr- oder 
Mindermafs, wie grofs der Unterschied auch immer sei, lediglich zum 
Yor- oder Nachteile der Ankäufer gereichen soll. 

3. Der Eintritt in den Besitz und Genufs erfolgt sofort mit Vollziehung 
dieses Aktes, von wo ab Ankäufer auch die die Immobilien treffenden 
Steuern, Lasten und Abgaben sowie die Feuerversicherungsbeiträge zu 
zahlen haben. 

4. Der gegenwärtige Kauf und Verkauf ist geschehen für den unter den 
Parteien vereinbarten Preis von 4575 M. 

In Anrechnung auf diesen Kaufpreis übernimmt Ankäufer als eigene 
und persönliche Schuld zur vollständigen Entlastung der Verkäufer das 
hypothekarisch auf den Immobilien haftende Kapital von 1650 M, 

zu gunsten der katholischen Kirchengemeinde zu Mettmann nebst 
den Zinsen zu vier und ein halb Prozent pro Jahr vom Besitzantritte 
angerechnet. 

Es verbleibt somit ein Kaufpreisrest von 2925 M, 
und sind hieran beteiligt die Komparenten Eheleute Herr N. H. resp. 
dessen Ehefrau G. geborene R. zu einem Drittel, also mit 975 M, die 
Komparentin K. R., Ehefrau H. S. ebenfalls zu einem Drittel mit 975 M, 
und der Komparent Herr W. R. auch zu einem Drittel mit 975 M. 

Die der Komparentin G. R. Ehefrau K H. und dem Komparenten 
Herrn W. R. zustehenden Anteile sind zahl- resp. einforderbar sofort 
nach dem erfolgten Besitzantritte. 

Den der Komparentin K. R. Ehefrau H. S. zustehenden Anteil kom- 
pensiert dieselbe in Anrechnung auf den Kaufpreis. 

5. Kosten und Stempel dieses Vertrages sind zu Lasten der Ankäufer 



1(30 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Eheleuten H. S., welche sich der sofortigen Zwangsvollstreckung aus 

dieser Urkunde unterwerfen. 
6. Zum Vollzüge des Gegenwärtigen wird für die Komparenten in deren 

bezüglichen "Wohnungen Domizil gewählt. 

In Urkunde wurde dieser Akt aufgenommen, vorgelesen und genehmigt. 

So geschehen 

Nach der den Komparenten geschehenen Vorlesung dieser Verhandlung 
haben dieselben mit dem Notar, welchem alle hierbei erschienenen Personen 
nach Namen, Stand und Wohnort bekannt sind, unterschrieben. 

Anlage III. 1 ) 
Übergabevertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Zell. 

Heute den 24. Januar 1880 ist zwischen den Ehe- und Ackersleuten 
A. A. und dessen von ihm besonders hierzu ermächtigten Ehefrau M. M. H. 
einerseits, und dem Schwiegersohn der letzteren, dem J. B. und dessen von 
ihm hierzu ermächtigten Ehefrau K. A. anderseits, alle wohnhaft zu B., die 
nachstehende käufliche Haus- und Gutsüberlassung verabredet, festgeschlossen 
und darüber diese Urkunde errichtet worden. 

§ 1. Die Eheleute A. A. und M. M. H. verkaufen und übertragen hiermit 
zum erblichen und freien Eigentum an ihren genannten Schwiegersohn, die 
Eheleute J. B. und K. A. und zwar a) Ein Wohnhaus zu B. an der Haupt- 
strafse bezeichnet mit der Orts -Hausnummer 23 nebst der dazu gehörigen 
Scheune, Stallung und Hofbering nebst Schweineställe, b) den Garten hinter 
dem Hause, ohne Angabe des Flächenraumes, einen Anteil betragend ein 
Zwölftel an der untersten Mühle — Gesellschaftsmühle — mit allen dazu 
gehörigen Hechten und Nutzungen gelegen im Banne und Bache B. 

§ 2. Die Gebäude und Zubehörungen gehen in dem Zustande, worin 
sie sich gegenwärtig befinden und Käufern bekannt sind, ohne Garantie für 
Güte und baulichen Zustand für deren Bestehen oder Nichtbestehen, jedoch 
frei von Schulden und Hypotheken, wie Verkäufer solche bisher besessen und 
benutzt haben, in den Besitz der Käufer über, und es wird ihnen weiter nichts 
als der richtige Besitz gegen etwaige Störungen von Verkäufern gewährleistet. 

§ 3. Der Kaufpreis für diese Immobilien ist zwischen beiden Teilen 
im ganzen zur Summe von 600 Thlr. oder 1800 M und jedem der drei übri- 
gen Geschwister 2 Thlr. Trinkgeld vereinbart und festgestellt worden und 
dabei bestimmt, dafs derselbe terminlich in folgender Weise, zwischen Ver- 
käufern und ihren 4 Kindern verteilt und ausbezahlt werden soll. 

§ 4. Von der Kaufsumme v. 600 Thlr. geht den Käufern der eigene 
Anteil mit einem Viertel oder 150 Thlr. ab, so dafs dieselben noch bar an. 
ihre drei übrigen Mitgeschwister zu zahlen haben im ganzen die Summe 
von 450 Thlr. Die drei übrigen Kinder resp. Geschwister der Käufer, Namens 
J., L. und C. erhalten ein jedes ein Viertel von der restenden Kauf summe, 
wie die Käufer mit 150 Thlr., und zwar terminlich in der Weise, dafs, so- 



*) Zu Seite 62. 



Anlage III. 161 

bald eines derselben, sei es durch Heirat, oder sonst freiwillige Entschliefsung 
die betreffende elterliche Wohnung gänzlich verläfst oder davon auszieht, ihm 
dann die Käufer ein Jahr nach dem Abzüge ein Viertel seines Anteils mit 
37 Thlr. 15 Sgr. — von da ab ein Jahr später und so fort bis zur Auszah- 
lung jedoch zinsenfrei mit Ausnahme der Verzugszinsen zu zahlen haben. 

§ 5. Den beiden jetzt noch unverheirateten Geschwistern der Käuferin 
Namens J. und C. bleibt das lebenslängliche Sitz- und Wohnungsrecht in 
fraglichen Gebäuden, im Falle sie oder eines von ihnen nicht heiraten sollte, 
vorbehalten, und müssen Käufer in diesem Falle dem- oder derselben die nötige 
Räumlichkeit für ihre Person und Effekten an gesunden und trockenen Orten 
in der Gebäulichkeit namentlich im Wohnhause einräumen und in Krankheits- 
fällen selbst noch verpflegen, wogegen dann aber auch den Käufern der dem- 
selben oder derselben zu zahlende Anteil am Kaufpreis ganz zu zahlen er- 
lassen bleibt, indem derselbe gleichsam verwohnt wird ; sollte aber eines von 
beiden Geschwistern vor seinem zurückgelegten dreifsigsten Lebensjahre ver- 
sterben, fällt dessen Anteil an der Kaufsumme alsdann der Masse sämtlicher 
Geschwister zu. 

§ 6. Den verkaufenden Eltern bleibt das Wohnungs- und Mitbenutzungs- 
recht bis zum Tode des Letztlebenden von ihnen mit folgender Bestimmung der 
Räumlichkeiten in den verkauften Gebäulichkeiten vorbehalten, und zwar 
a) zur Wohnung die Stube zweiter Etage und die daran stofsende Kammer 
und die gemeinschaftliche Mitbenutzung der Kleiderkammer, b) in der Küche 
der unteren Etage gemeinschaftliche Mitbenutzung des Feuerherdes, der 
sämtlichen Koch- und Küchengeräte, sowie des Kamins und des Kochofens, 
ebenso in der unteren Wohnstube den zeitweiligen Aufenthalt, c) im Keller 
der nötige Raum, die vordere Seite zum Hofe, zum Aufbewahren ihrer 
Kartoffeln und Kellergemüse etc., d) auf dem Speicher, auf dieser Seite dem 
Schornstein rechts und links, die Gemächer zum Lagern ihrer Früchte und 
Mehl und was sonst auf den Speicher gehört, e) in der Scheune, im untersten 
Stalle die beiden vorderen Gemächer zum Stellen ihres Viehes, die Räumlich- 
keit auf dem Stalle und das vorderste Gerüst über der Tenne, beide Räumlich- 
keiten bis zum Dache, sowie die gemeinschaftliche Benutzung der Tenne selbst, 
f) die beiden obersten Schweineställe auf dem Hofe, den nötigen Raum zum 
Lagern des Dunges und zwar zum Hofe. Im Garten die linke Seite und 
dann die Hälfte des Obstes im Garten. 

§ 7. Käufer sind verpflichtet und gehalten, den Verkäufern, ihren Eltern, 
nach erfolgter Teilung der Grundgüter unter ihre Kinder die zu bestellenden 
Aushaltsgüter gehörig gut und zur rechten Zeit zu bebauen, Saat und Ernte 
zu besorgen und, wo ihre (der Eltern) Kräfte nicht ausreichen, auch alle 
im Feldbau sowie beim Haus- und Fuhrwesen erforderliche Handarbeiten 
bereitwilligst zu leisten und auch das nötige Brennholz und Licht zu be- 
schaffen. 

§ 8. Solange die beiden ledigen Geschwister noch bei ihren Eltern 
wohnen, mufs ihnen für ihre Früchte und Heu, auch zum Stellen von Vieh 
Raum gelassen werden. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 11 



162 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

§ 9. Käufer sind verpflichtet, die Gebäude in gutem baulichen Zustande 
zu erhalten und auch gegen Feuersgefahr zu versichern. 

In der unteren Wohnstube bleiben der Tisch, zwei Bänke, der Ofen, 
und was wand-, band-, niet- und nagelfest ist. 

Heute den fünfundzwanzigsten Januar dieses Jahres treten Käufer in 
den Besitz der Gebäulichkeiten und Zubehörungen ein und haben auch von 
da ab alle darauf ruhenden und etwa kommenden Steuern und Abgaben zu 
tragen. In den vollen Alleinbesitz treten dieselben erst mit dem Tode des 
Letztlebenden der Verkäufer und der im Hause noch lebenden ledigen Ge- 
schwister, und zwar ohne Entgelt. 

Gegenwärtiger Kaufvertrag wurde nach deutlicher Vorlesung von beiden 
Teilen in allen seinen einzelnen Punkten genehmigt, darauf doppelt aus- 
gefertigt, von beiden Teilen und anwesenden Zeugen eigenhändig unter- 
schrieben und jedem Teile ein unterschriebenes Exemplar behändigt. 



Anlage IV. 1 ) 

Abstandsvertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Kreuznach. 
Aus den Vormundschaftsakten. 

Königreich Preufsen. 
Notarielle Urkunde. 
Heute, den ... 1887. 

Vor Justizrat C. S., Königlich Preufsischem Notar, zu S. im Land- 
gerichtsbezirke Coblenz wohnend, und im Beisein der beiden am Schlüsse 
genannten Zeugen erschienen: 

1. Die Eheleute Herr F. K., Ackerer und E. geborene P., ohne be- 
sonderes Geschäft, die Ehefrau von ihrem Ehemann hierzu speziell autorisiert 
beide zu K. wohnend, als Verkäufer einerseits und 2., der Herr K. K., 
Ackerer zu R. wohnend, handelnd hierbei in seiner Eigenschaft als ge- 
richtlich ernannter Pfleger des zwanzig Jahre alten Sohnes der genannten 
Eheleute F. K., des zu R. wohnenden Tagelöhners G. K. und in dieser seiner 
angegebenen Eigenschaft als Ankäufer anderseits. 

Die Komparenten, handelnd wie besagt, erklärten, den nachstehenden 
Kaufvertrag miteinander verabredet und abgeschlossen zu haben, und zwar 
die Komparenten Eheleute F. K. und E. geborene P. verkaufen und übertragen 
hierdurch unter solidarischer Haftverbindlichkeit ihrem durch den Komparenten 
K. K. hier rechtsgiltig vertretenen Sohne G. K. die nachbeschriebenen, in 
der Gemeinde R. gelegenen Immobilien, sowie die noch ausgeführten 
Mobilien und Moventien, und zwar: 
A. Folgende Immobilien: 
1. Das zu R. an der Dorfstrafse gelegene mit Nummer 24 bezeichnete 
Wohnhaus mit Hofraum, Hausgarten, Scheune und Stall und allen sonstigen 



l ) Zu Seite 65. 



Anlage IV. 163 

unbeweglichen An- und Zubehörungen ohne Ausnahme noch Vorbehalt, ein- 
getragen in der Gebäudesteuerrolle der Gemeinde K. unter Nummer 24 und 
im Grundsteuerkataster dieser Gemeinde unter Artikel 55 in Flur 2, Par- 
zelle 179 mit einem Flächenraume von 2 Ar 10 Meter und in Flur 2, Par- 
zelle 178 mit einem Flächenraume von 170 Meter, gelegen neben H. L. and 
dem Wege, 

2. Flur 2, Nummer 76, hinter den Gärten, Ackerland, 3 a 6 m, neben 
M. H. und G. D. modo J. E., 

B. Folgende Mobilien und Moventien als: 

Einen vollständigen Wagen mit Bord und Ernteleitern, einen Pflug, 
eine eiserne und eine hölzerne Egge, drei Joche, verschiedene Ketten und 
Riemen, überhaupt das vorhandene Fuhrgeschirr. 

Bezüglich der Eigentumsverhältnisse bemerken die Verkäufer folgendes : 

Die verkauften Immobilien seien ursprünglich Eigentum der Eltern 
des Verkäufers F. K., der zu R verlebten Eheleute M. K., zeitlebens Ackerer 
und 0. geborene P, gewesen und seien von diesen beziehungsweise dem 
verlebten M. K. allein, dessen Sondergut die Parzellen gewesen, dem Ver- 
käufer F. K durch notariellen Act im Jahre 1858 verkauft worden. 

Gestützt hierauf leisten die Verkäufer ihrem genannten Sohne G. K. 
alle Gewähr Rechtens, insbesondere für Eviktionen und Störungen jeder 
Art im ruhigen Besitze der Kaufobjekte sowie dafür, dafs dieselben frei sind 
von Schulden, Privilegien, Hypotheken, Grundzinsen und Renten. 

Die Kontrahenten haben diesem Vertrage zu Grunde gelegt folgende 

Bedingungen: 

1. Die Immobilien werden verkauft und gehen auf den Ankäufer über mit 
allen denselben anklebenden Rechten und Gerechtsamen, aktiven und passiven, 
sichtbaren und nicht sichtbaren üienstbarkeiten, wie dieselben bisher be- 
sessen und benutzt worden sind oder hätten besessen und benutzt werden 
können oder doch müssen, die Gebäulichkeiten insbesondere mit Allem, was 
in und an denselben wand-, band-, niet-, mauer-, erd- und nagelfest ist, und 
mit allen vorfindlichen Sachen, welche ihrer Natur nach oder vermöge ihrer 
Bestimmung oder wegen des Gegenstandes, auf welchen sie sich beziehen, 
unbeweglich sind, namentlich mit den vorhandenen Öfen, Kochherd mit 
Töpfen, Krippen, Raufen, Trögen, den Gerüstreideln und der Scheune- 
leiter, aber ohne Garantie für das angegebene Flächenmafs, dessen etwaiges, 
selbst ein Zwanzigstel übersteigendes Mehr oder Weniger dem Ankäufer 
zum ausschliefslichen Vorteile oder Nachteile gereicht. 

Die zu verkaufenden Mobiliargegenstände gehen auf den Ankäufer über 
so und in dem Zustande, worin sie sich gegenwärtig befinden, ohne dafs 
demselben für Beschaffenheit und etwaige Fehler und Mängel der Verkaufs- 
objekte irgend eine Garantie seitens der Verkäufer geleistet wird. 

2. Den Verkäufern resp. dem Längstlebenden derselben bleibt bis zu 
deren Lebensende das ausschliefsliche unentgeltliche Wohnungsrecht in dem 
im untern Stockwerke des Hauses rechts beim Hauseingange gelegenen 

11* 



Iß4 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Zimmer, der dahinter gelegenen Kammer, sowie die unentgeltliche Mit- 
benutzung des ganzen Hauses nebst Zubehörungen ganz nach ihrer freien 
Wahl und Bedarf ausdrücklich vorbehalten. 

Den noch unverheirateten Geschwistern des Ankäufers, nämlich der 
K. K, ohne Geschäft, J. K., Tagelöhner, A. und E. K., beide ohne Geschäft 
und sämtlich zu K. wohnend, bleibt das ausschliefsliche Wohnungsrecht 
in dem auf dem Speicher des Hauses befindlichen sogenannten „Speicher- 
zimmer'' ausdrücklich bis zu ihrer dereinstigen Verheiratung vorbehalten. 

Im übrigen gelangt der Ankäufer sofort mit Vollziehung dieses Aktes 
in den Besitz und Genufs respektive Mitbesitz und Genufs seines Erwerbs 
und je nach Erlöschen der vorstipulierten Vorbehalte in den ausschliefslichen 
Besitz und Genufs des Ganzen. 

Der Ankäufer hat die Grund- und Gebäudesteuern, sowie alle anderen 
Staats- und Gemeindelasten und Abgaben, auch die Feuerversicherungs- 
beiträge vom Todestage des Längstlebenden der Verkäufer an zu tragen. 

3. Die Kontrahenten haben den Kaufpreis auf die Summe von 1320 M 
untereinander festgesetzt und vereinbart. Diesen Kaufpreis haben die Ver- 
käufer zur gleichmäfsigen Verteilung unter ihre 6 Kinder bestimmt. Diese 
Kinder sind: a) die Komparentin M. K., geschäfstlose Ehefrau des Ackerers 
J. E. und mit diesem zu R. wohnend und b) die genannten K. K., J. K., 
G. K., A. K. und E. K. 

Die Verkäufer überweisen sonach ihrem genannten Sohne G. K. 1 / 6 
des Kaufpreises im Betrage von 220 Mark als sein zukünftiges Erbteil von 
den Kaufobjekten, erteilen demselben hierüber Quittung und verpflichten 
ihn, an jedes seiner vorgenannten fünf Geschwister M. K, Ehefrau E., K. K., 
J. K., A. K. und E. K. 1 / 6 des Kaufpreises im Betrage von 220 M zu be- 
zahlen. 

Diese Herauszahlungen erfallen in vier gleichen aufeinander folgenden 
jährlichen Terminen, nämlich jedesmal zu ein Viertel, und zwar der erste 
Termin ein Jahr nach dem Tode des Längstlebenden der Verkäufer, der 
zweite Termin ein Jahr später und so verfolglich von Jahr zu Jahr. 

Sollte das eine oder das andere der zahlungsberechtigten Geschwister 
K. erst nach dem Tode des Längstlebenden der Verkäufer sich verheiraten 
und bis dahin von seinem Wohnungsrechte Gebrauch machen, so erfällt der 
erste Termin der an diese zu leistenden Herauszahlungen ein Jahr nach 
ihrer Verheiratung, respektive, falls sie vor ihrer Verheiratung auf ihr 
Wohnungsrecht verzichten, ein Jahr nach Aufgabe ihres Wohnungsrechtes, 
der zweite Termin ein Jahr später und so verfolglich von Jahr zu Jahr. 

Bei pünktlicher Berichtigung an den festgesetzten Verfallstagen bleiben 
die Kaufschiliinge zinsenfrei, bei Zahlungssäumigkeit aber tragen dieselben 
sofort von dem jedesmaligen Verfallstage an gerechnet bis zur Zahlung 
Zinsen zu fünf Prozent pro Jahr, ohne dafs es dieserhalb einer vorherigen 
gerichtlichen oder aufsergerichtlichen Aufforderung oder Inverzugsetzung 
bedarf. 

Alle Zahlungen geschehen kostenfrei ohne Abzug und Kompensation 



Anlage IV. 165 

in guter deutscher Reichsmünze zu Händen und gegen Quittung, sowie in 
der Wohnung der berechtigten Empfänger. 

4. Der Ankäufer ist verpflichtet, die angekauften Gebäulichkeiten bis zur 
gänzlichen Ausbezahlung bei einer soliden vaterländischen Feuerversicherungs- 
gesellschaft ununterbrochen gegen Feuerschaden versichert zu erhalten und 
sich hierüber den zum Empfange der Kaufschillinge berechtigten Personen 
jederzeit auf Yerlangen auszuweisen, widrigenfalls zur Strafe für den An- 
käufer der ganze restierende Kauf Schilling sofort, auf einmal in einer un- 
geteilten Summe fällig, einforderbar ist, ohne dafs es dieserhalb einer vor- 
herigen gerichtlichen oder aufsergerichtlichen Aufforderung oder Inverzug- 
setzung bedarf. 

5. Der genannte G. K. hat aufser dem Kaufpreise und ohne Anrechnung 
auf denselben noch die Verpflichtung zu folgenden unentgeltlichen Leistungen 
an seine Eltern als ein weiteres Äquivalent für die ihm geschehene Eigen- 
tumsübertragung übernommen : 

Derselbe mufs die Ausenhaltsfelder seiner Eltern bauen und beackern, 
die Felder mit dem von den Eltern zu stellenden Dünger düngen und mit 
der von denselben zu liefernden Saatfrucht einsäen, die Wiesen kultivieren, 
das Heu und den Grummet mähen und nach Hause schaffen, das Obst 
brechen und dasselbe sowie alle übrigen Früchte nach Hause bringen, die 
häuslichen Arbeiten seiner Eltern ohne Ausnahme verrichten, denselben die 
Wäsche und die Flickereien besorgen und sie in gesunden und kranken Tagen 
und bei Arbeitsunfähigkeit liebreich pflegen und bedienen und sie zu jeder 
Zeit so behandeln wie es einem braven und rechtschaffenen Sohne wohl an- 
steht und gebührt. Kost, Kleidung, ärztliche Behandlung, Medikamente, 
Brennmaterial und Licht haben sich die Verkäufer aus eigenen Mitteln zu 
stellen; ihre Beerdigung ist Sache ihres Nachlasses. 

6. Der Komparent K. K. unterwirft den durch ihn vertretenen G. K. 
der sofortigen Zwangsvollstreckung aus dieser Urkunde. 

7. Bis zur vollständigen Ausbezahlung des Kaufpreises und bis zur 
gänzlichen Abführung aller dem genannten G. K. obliegenden Leistungen 
bleiben das Privilegium auf die verkauften Immobilien und die Resiliations- 
klage gegen den genannten G. K. ausdrücklich vorbehalten. 

8. Der Ankäufer ist verpflichtet, seinem Schwager J. E., Ackerer zu R., 
von der Parzelle Flur 2, Nummer 76, hinter den Gütern, 3 a 6 m, einen 
längs des Hauses des E. gelegenen Streifen in der Breite von einer und in 
der Länge von 4 Ruten zum Preise von 30 M abzutreten, der Zugang zu 
dem alsdann verbleibenden Reste der Parzelle soll für den Ankäufer G. K. 
von dem an E. abzutretenden Streifen aus stattfinden, der Ankäufer also das 
Recht haben, den an E. abgetretenen Streifen zu begehen und zu befahren, mit 
anderen Worten, es soll der abzutretende Streifen mit einer Wegegerechtigkeits- 
servitut zu gunsten des übrigen Teiles der Parzelle belastet werden. 

9. Die Kosten dieses Aktes, der Genehmigung desselben durch das 
Yormundschaftsgericht, der Ausfertigungen und der Transskription werden 
von den Yerkäufern einseitig getragen. Die Komparenten Eheleute F. K. 



Ißg I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

und E. geborene P. erklärten hierauf : Für den Fall, dafs der gegenwärtige 
Vertrag wegen des besagten Kaufpreises von 1320 M von einem Miterben 
ihres genannten Sohnes G. K. dereinst angefochten und dieser Kaufpreis als 
zu niedrig erachtet werden sollte, so schenkten und übertrügen sie hierdurch 
ihrem Solme G. K. alles dasjenige zum voraus und aufser seinem Erbteile, 
um welches der wirkliche Wert der Kaufobjekte den besagten Kaufpreis von 
1320 M etwa übersteigen möchte. Der Komparent C. K. erklärte hierauf, 
dafs er namens des durch ihn vertretenen G. K. alles Vorstehende, nament- 
lich die event. Schenkung dankbarst und in bester Form Kechtens acceptiere. 
10. Die Genehmigung dieses Kaufgeschäftes seitens des Königlichen 
Vormundschaftsgerichtes zu St. bleibt ausdrücklich vorbehalten, so dafs, 
wenn diese Genehmigung nicht erfolgen sollte, der abgeschlossene Kauf 
nichtig und wirkungslos ist. Schliefslich acceptierten die Komparenten 
wechselseitig alles Obige als wahr und rechtsverbindlich, wählten zur Voll- 
ziehung dieses Aktes in dem oben verkauften Hause zu R. Domizil und er- 
suchten den fungierenden Notar, dem Königlichen Vormundschaftsgerichte zu 
St. eine Ausfertigung dieses Aktes mit dem Antrage auf Genehmigung einzu- 
reichen. 

Anlage V. 1 ) 

Schenkungs- und Teilungsurkunde über ein Anwesen im Kreise 

Kreuznach. (Abschrift aus Vormundschaftsakten). 

Königreich Preufsen. 

Notarielle Urkunde. 

Heute, den . . . 1887. 

Vor Justizrat C. S., Königlich Preufsischer Notar zu St. im Land- 
gerichtsbezirk Coblenz wohnend, und im Beisein der beiden am Schlüsse ge- 
nannten Zeugen erschienen: 

1. Die Frau E. geborene P., ohne besonderes Geschäft zu R. wohnend. 
Witwe des daselbst verlebten Ackerers F. K., als Schenkgeberin einerseits; 

2. die Frau M. geborene K., geschäftslose Ehefrau des hierbei an- 
wesenden und sie hierzu speziell autorisierenden Ackerers J. E. und mit 
diesen zu R. wohnend; 

3. die ledige R. K., ohne Geschäft daselbst wohnend; 

4. J. K., Ackerer daselbst wohnend; 

5. der Herr K. K., Ackerer daselbst wohnend, handelnd hierbei als 
gerichtlich bestellter Pfleger der noch minderjährigen, geschäftslosen, zu R. 
wohnenden Kinder der sub eins genannten Witwe F. K. aus deren Ehe 
mit ihrem genannten verlebten Ehemanne, Namens G. K., A. K. und E. K, 
auf Grund Pflegerbestellung des Königlichen Amtsgerichts zu St. vom 25. Mai 
1887, die sub zwei bis einschliefslich fünf genannten Komparenten, handelnd 
wie besagt, als Schenknehmer anderseits. 

Die Komparentin Witwe F. K. erklärte zunächst folgendes: 



*) Zu Seite 65. 



Anlage V. 167 

Zu der zwischen ihr Komparentin und ihrem genannten verlebten Ehe- 
manne bestandenen ehelichen Gütergemeinschaft gehörten die nach beschrie- 
benen, in den Gemeinden R, W. und St. im Kreise Kreuznach belegenen, 
im Kataster auf den Namen ihres verlebten Ehemannes eingetragenen Immo- 
bilien, nämlich: 

A. Belegen in der Gemeinde R. und eingetragen im Kataster unter 
Artikel 55. 

1. Flur 1, Nummer 88, in den Langwiesen, Wiese, 6 a 31 m, neben 
J. M. und J. F. der Zweite. 

(Folgen 21 weitere Parzellen von 1,61 — 12,84 a, meist von 9,75 a 
belegen in 3 Gemeinden). 

Sie, Komparentin, schenke und übertrage nun hierdurch unter dem 
Titel einer Schenkung unter Lebenden die ihr zustehende unabgeteilte Hälfte 
an den voraufgeführten Immobilien ihren sechs obengenannten, mit ihrem 
genannten verlebten Ehemanne F. K. erzeugten Kindern, nämlich den Kom- 
parenten Ehefrau E., M. geborene K., R K. und J. K. und den genannten 
Minorennen G. K., A. K. und E. K. und zwar jedem derselben zu einem 
Sechstel zum vollen Eigentume unter folgenden 

Bedingungen. 

1. Die Immobilien gehen auf die Schenknehmer über so und in dem Zu- 
stande, in welchem sich dieselben gegenwärtig befinden mit allen denselben 
anklebenden Rechten und Gerechtsamen, aktiven und passiven, sichtbaren 
und nicht sichtbaren Dienstbarkeiten, wie dieselben bisher besessen und 
benutzt worden sind oder hätten besessen und benutzt werden können oder 
doch müssen, aber ohne Garantie für das angegebene Flächenmais, dessen 
etwaiges selbst ein Zwanzigstel übersteigendes Mehr oder Weniger den 
Schenknehmern zum ausschliefslichen Yorteile oder Nachteile gereicht. 

2. Der Schenkgeberin Witwe K. bleibt an den sub zwei, drei, vier, fünf, 
sechs, zwölf bis fünfzehn einschliefslich und zweiundzwanzig aufgeführten 
Parzellen und an den unten sub eins, drei und vier der Sonderimmobilien 
des F. K. aufgeführten Parzellen die lebenslängliche Nutzniefsung ausdrück- 
lich vorbehalten. 

Den Schenknehmern wird alle Gewähr Rechtens geleistet, insbesondere 
für Eviktionen und Störungen jeder Art im ruhigen Besitze der Schenk- 
objekte, sowie dafür, dafs dieselben gänzlich frei sind von Schulden, Privi- 
legien, Hypotheken, Grundzinsen und Renten. 

Die Schenknehmer Ehefrau E., M. geborene K., R. K., J. K. und 
K. K., dieser handelnd wie besagt, erklärten hierauf: 

Sie acceptierten hierdurch die ihnen respektive den genannten Mino- 
rennen G. K., A. K. und E. K. vorstehend von der Komparentin, Witwe 
K. zugewandte Schenkung unter Lebenden unter den vorstehenden Be- 
dingungen dankbarst und in bester Form Rechtens. — 

Die Schenknehmer erklärten sodann weiter: Zum Nachlasse des ver- 
lebten Vaters der Geschwister K., des genannten verlebten F. K. gehörten 



168 



I. Oberlaudesgerichtsbezirk Köln. 



die nachbeschriebenen, in den Gemeinden R und G. belegenen, im Kataster 
auf den Namen des verlebten F. K. eingetragenen Immobilien, nämlich: 

A. Belegen in der Gemeinde R und eingetragen im Kataster, wie 
oben angegeben: 

1. Flur 1, Nummer 254, im Reitenacker, Ackerland, 13 a 60 m, neben 
A. K. und J. D. der Erste, — (folgen 4 weitere Parzellen in der Gemarkung 
R und 1 Parzelle in der Gemarkung G. je von 10 — 18 a Fläche). 

Diese vorauf geführten, sowohl die ihnen, beziehungsweise den genannten 
Minorennen durch den gegenwärtigen Akt schenkungsweise übertragenen 
als auch die den Geschwistern K. durch den Tod ihres Täters erblich an- 
erfallenen Immobilien hätten sie unter Zusicherung sachverständiger, mit 
den örtlichen Wertverhältnissen vertrauter Personen in sechs dem Werte 
nach möglichst gleiche Lose gestellt, die sie hiermit als integrierende Teile 
zu diesem Akte übergäben, ausgeschlossen sei jedoch hierbei die vorletzt 
aufgeführte Parzelle an dem Zollstock. 

Diese Lose seien je auf einen Bogen weifsen Papiers niedergeschrieben 
und enthalte: 

a) Das erste Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 43 a 



7 m, taxiert zu 



b) Das zweite Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 48 a 
13 m, taxiert zu 

c) Das dritte Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 44 a 
25 m, taxiert zu 

d) Das vierte Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 49 a 
50 m, taxiert zu 

e) Das fünfte Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 45 a 
17 m, taxiert zu 

f) Das sechste Los Immobilien in einer Gesamtgröfse von 42 a 
27 m, taxiert zu • 



M 

908 

908 
855 
870 
906 
921 



5368 



Summa der Taxe 

Yon diesen sechs Losen sollen jedem der sechs Teilungsinteressenten 
Geschwister K. ein Los überwiesen werden. 

Die Komparenten ersuchten daher den fungierenden Notar, die Ziehung 
dieser Lose vorzunehmen, welchem Gesuche der fungierende Notar in folgen- 
der Weise entsprochen hat: 

Es wurden sechs gleich grofse weifse Papierstreifen, der erste mit Los 
Nummer eins, der zweite mit Los Nummer zwei, der dritte mit Los Nummer 
drei, der vierte mit Los Nummer vier, der fünfte mit Los Nummer fünf, 
der sechste mit Los Nummer sechs beschrieben, zusammengefaltet, in einen 
Hut gelegt, der Hut umgerüttelt und in die Höhe gehoben, und zog hierauf 
im allseitigen Einverständnisse der Komparent K. K. : 

a) den mit „Los Nummer eins" beschriebenen Papierstreifen für die 
Minorenne E. K., (u. s. w. alle 6 Lose). 

Die durch die Losziehung vorbewirkte Eigentumsübertragung solle 
stattfinden unter folgenden 



Anlage V. 169 

Bedingungen. 

1. Die neuen Alleineigentümer erhalten die ihnen anerfallenen Immobilien 
in das alleinige volle Eigentum übertragen mit allen anklebenden Rechten 
und Gerechtsamen (etc. wie oben S. 167, „Bedingungen", Ziffer 1). 

2. Der Besitz und Genufsantritt der Immobilien erfolgt, soweit bei ein- 
zelnen derselben nicht etwa anderes angegeben ist, sofort mit der Vollziehung 
dieses Aktes. Jeder Teilungsinteressent hat die sein nunmehriges Alleineigen- 
tum treffenden Steuern, Lasten und Abgaben vom 1. April 1887 an zu tragen. 

3. An obiger Gesamttaxe im Betrage von 5368 M ist jedes der 6 Ge- 
schwister K. zu einem 1 / 6 mit 894 M eigentümlich beteiligt. 

Demnach müssen zur vollständigen Gleichstellung heraus erhalten der 



Eigentümer des dritten* Loses einen Betrag von . . . . 
und der Eigentümer des vierten Loses einen Betrag von 



Zusammen erhalten dieselben heraus einen Betrag von . . 

Zur Herauszahlung sind verpflichtet : 

I. An den Eigentümer des vierten Loses der Eigentümer 

des sechsten Loses mit einem Teilbetrage von 

IL An den Eigentümer des dritten Loses: 

a) der Eigentümer des sechsten Loses mit dem Restbetrage von 

b) der Eigentümer des fünften Loses mit einem Betrage von . 

c) der Eigentümer des ersten Loses mit einem Betrage von . 

d) der Eigentümer des zweiten Loses mit demselben Betrage 



M 

39 
24 



Pf. 

67 
66 



64 33 



Macht gleiche Summe mit der obigen mit 



24 

1 
11 
13 
13 



66 

68 
33 
33 
33 



64 33 



Die voraufgeführten Herauszahlungen sind zahlbar ohne Zinsen, vor- 
behaltlich der Verzugszinsen, in ungeteilten Beträgen am 11. November 1888 
und müssen alle Zahlungen geschehen kostenfrei ohne Abzug und Kompen- 
sation in guter deutscher Reichsmünze zu Händen und gegen Quittung der 
zahlungsberechtigten Personen. 

Die unter den Sonderimmobilien des verlebten F. K. sub vier be- 
schriebene Parzelle Ackerland am Zollstock, Flur 2, Nummer 28 in der 
Gröfse von 10 a 18 m ist in den Loszetteln nicht mit enthalten, also von 
der Teilung ausgeschlossen. 

Diese Parzelle soll dem Wunsche des verlebten Vaters der Geschwister 
K., des genannten F. K. gemäfs der genannten minorennen E. K. als 
Alleineigentum im voraus überwiesen werden, weil diese körperlich gebrech- 
lich ist, und schenkten die übrigen Beteiligten derselben daher ihre Anteile. 

Die Komparenten erklärten hierauf weiter: Von den voraufgeführten 
Immobilien seien mehrere nur Teile aus früheren Parzellen. Über solche 
Parzellen hätten sie unterm 26. Mai dieses Jahres von dem Königlichen Ka- 
tasteramte zu St. drei Handzeichnungen anfertigen lassen, die sie hierdurch 
als integrierende Teile zu diesem Akte übergäben. 

Nach diesen Handzeichnungen seien zerlegt: 



170 



1. Oberlaüdesgericktsbezirk Köln. 



a) die frühere Parzelle Flur 1 ... in die beiden jetzigen Parzellen . . . 
Gröfse von je 9 a 75 resp. 74 m; 

b) die frühere Parzelle ... in die beiden jetzigen Parzellen . . . mit 
einem Flächenraum von je 1 a 62 bezw. 61 m; 

c) die frühere Parzelle ... in die drei jetzigen Parzellen . . . mit einem 
Flächenraum von je 9 a 53 bezw. 52 m; 

d) die frühere Parzelle ... in die beiden jetzigen Parzellen . . . mit 
einem Flächenraum von 12 a 81 m; 

e) die frühere Parzelle ... in die vier jetzigen Parzellen ... in der 
Gröfse von je 12 a 77 resp. 78 m; 

f) die frühere Parzelle ... in die beiden jetzigen Parzellen . . . mit 
einem Flächenraum von je 9 a 2 m; 

g) die frühere Parzelle ... in die beiden jetzigen Parzellen . . . mit 
einem Flächenraum von 10 a 48 bezw. 49 m; 

Schliefslich erklärten die sämtlichen Komparenten, dafs sie gegenseitig 
den ganzen Inhalt der vorstehenden Verhandlung als richtig anerkannten, 
sich zur Zahlung der Kosten dieses Aktes gemeinschaftlich verpflichteten 
und zur Vollziehung dieses Aktes in ihren respektiven Wohnungen ein Domizil 
wählten. 

Die Komparenten ersuchten hierauf den fungierenden Notar, dem 
Königlichen Yormundschaftsgerichte zu St. eine Ausfertigung dieses Aktes 
mit dem Antrage auf Genehmigung einzureichen. 

Die sechs erwähnten Loszettel wurden von den Komparenten zu diesem 
Akte übergeben, von den Komparenten dieses Aktes, den Zeugen und dem 
fungierenden Notar zur Vermeidung einer Verwechslung unterschrieben 
und vom fungierenden Notar dieser Urschrift als integrierende Teile bei- 
gefügt. 

(Es folgen die bezogenen Loszettel, von denen einer als Beispiel an- 
gefügt ist.) 

Los Nr. 1 für E. K. 



t-l 










1 


Nummer 


Kulturart, 


Gröfse 


Taxe 




der 


Distrikt und Nebenlieger 






CD 




der Parzellen 




i 


-: 


Flur 


Parz. 




Hekt. 


Ar 


Mtr. 


Mk | Pf. 



459/033 



88 



A. Belegen in der Gemeinde R 
in der Bornwies, Wiese, neben 

A. M. 0. und Eigentümer . . 
in den Langwiesen, Wiese, neben 

J. M. und J. F. II 



62 
31 



53 
225 



181/81 



B. Belegen in der Gemeinde St 
am Hahn, Ackerland, neben F. W. 
und Eigentümer . . . . . . 



9 53 150 



Anlage VI. 



171 



Nummer 
der 

Flur Parz. 



Kulturart, 

Distrikt und Nebenlieger 

der Parzellen 



Gröfse 



Hekt. Ar Mtr. 



Taxe 



Mk Pf. 



217/25 
348/121 



C. Belegen in der Gemeinde W 
hinter der Wust, Ackerland, neben 

Gebrüder Sp. und Eigentümer 
der Krummacker, Ackerland, neben 

J. K. und Eigentümer .... 



Sa. 



12 



12 



43 



77 

77 
07 



07 



240 



240 



Paraphiert zur Schenkungs- und Teillingsurkunde vor Notar 
Seh. zu St. vom . . . Mai .... in Sachen Witwe und Erben K. zu 
gez. Witwe K., M. E., J. E., R K., J. K, K. K., W. Seh., J. 



908 I . 
Justizrat 
R. 
B., Seh. 



Anlage VI. 1 ) 
Übergabevertrag über ein kleines Anwesen im Kreise Kreuznach. 

Königreich Preufsen 
Notarielle Urkunde. 

Heute den 4. Januar 1890. 

Yor Justizrat C. S., Königlich Preufsischem Notar, zu S. im Land- 
gerichtsbezirke Coblenz wohnend, und in Beisein der beiden am Schlüsse 
genannten Zeugen erschienen: 

1. Der Herr M. L. der Zweite, Ackerer zu Seh. wohnend, als Verkäufer 
einerseits und 2. die Eheleute Herr P. H., Klempner und K. geborene L., 
ohne besonderes Geschäft, die Ehefrau von ihrem Ehemanne hierzu besonders 
ermächtigt, beide zu Seh. wohnend und beide als Yerkäufer anderseits, 
Ehefrau H. eine Tochter des Verkäufers — . 

Die Komparenten erklärten den nachstehenden Kaufvertrag miteinander 
verabredet und abgeschlossen zu haben, und zwar : der Komparent Herr M. L. 
der Zweite verkauft und überträgt hierdurch den dies annehmenden Kom- 
parenten Eheleute P. H. und K. geborene L. zum vollen Eigentum das nach- 
beschriebene, in der Gemeinde Seh., im Kreise K. belegene Immobiliar, 
nämlich. 

Das im Dorfe Seh. an der Dorfstrafse belegene mit Nummer 50 
bezeichnete Wohnhaus mit Hofraum, Hausgarten, Scheune und Stall und 
allen sonstigen unbeweglichen An- und Zubehörungen ohne Ausnahme noch 
Vorbehalt, eingetragen in der Gebäudesteuerrolle der Gemeinde Seh. 
unter Nummer 53 und im Grundsteuerkataster in Flur 7, Parzelle 108 mit 
einem Flächenraum von 5 a 59 m, in Flur 7, Parzelle 109 mit einem 
Flächenraum von 3 a 50 m und in Flur 7, Parzelle 110 mit einem Flächen- 



*) Zu S. 65. 



172 I- OberlandesgerichtsBezirt Köln. 

räum von 48 m, alles zusammengehörig und gelegen neben K. W. und 
K. P. K 

Der Verkäufer hat das Kaufobjekt im ledigen Stande vor mehr als 
dreifsig Jahren von seinem Yater, dem zu Seh. verlebten Ackerer P. L. 
käuflich übernommen und den Erwerbspreis vollständig und längst bezahlt. 

Gestützt hierauf leistet der Verkäufer den Ankäufern alle Gewähr 
Eechtens, insbesondere für Entwährungen und Störungen jeder Art im 
ruhigen Besitze des Kauf Objektes, sowie ciafür, dafs dasselbe gänzlich frei 
ist von Schulden, Privilegien, Hypotheken, Grundzinsen und Renten. 

Die Kontrahenten haben im übrigen dem gegenwärtigen Vertrage 
folgende Bedingungen zu Grunde gelegt: 

1. Das Immobiliar wird verkauft und geht auf die Ankäufer über mit 
allen demselben anklebenden Rechten und Gerechtsamen etc. (wie oben S. 163 
Ziffer 1). 

2. Dem Verkäufer bleibt bis zu seinem Lebensende das jetzige, rechts 
vom Hauseingange belegene Wohnzimmer beziehungsweise nach dem von 
den Ankäufern beabsichtigten Umbaue des Hauses das neben der jetzigen 
Wohnstube zu errichtende, durch eine Thür mit derselben zu verbindende 
Zimmer zur ausschliefslichen Benutzung, sodann im Stalle Platz für eine 
Kuh und aufserdem die Mitbenutzung der Küche, des Speichers, des Kellers, 
der Scheune, der Treppen, des Hofraums, der Dungkaul und des Abtrittes 
ausdrücklich vorbehalten. 

Im übrigen gelangen die Ankäufer sofort mit Vollziehung dieses Aktes 
in den Besitz und Genufs respektive Mitbesitz und Mitgenufs ihres Erwerbes 
etc. (wie oben S. 164, Abs. 2 und 3). 

3. Die Kontrahenten haben den Kaufpreis auf die Summe von 1200 M 
unter einander festgesetzt und vereinbart. 

Der Verkäufer hat diesen ganzen Kaufpreis zur gleich mäfsigen Ver- 
teilung unter seine beiden Kinder aus seiner Ehe mit der verlebten K. L. 
bestimmt. Diese Kinder sind: 1. die Ankäuferin Ehefrau H, K. geborene 
L. und 2. K L., Ackerer zu Seh. 

Demnach weist der Ankäufer seiner Tochter Ehefrau H. die Hälfte 
des Kaufpreises mit 600 M in Anrechnung auf deren zukünftiges Erbteil be- 
züglich des Kaufobjektes an und erteilt derselben hiermit Quittung und Ent- 
lastung. Der Verkäufer verpflichtet sodann die Ankäufer, an den Sachen 
des Verkäufers, dem besagten N. L. die andere Hälfte des Kaufpreises mit 
600 M herauszuzahlen und bewilligen die Erteilung einer vollstreckbaren 
Ausfertigung an denselben. 

Diese Herauszahlung erfällt in drei gleichen aufeinanderfolgenden jähr- 
lichen Terminen nämlich jedesmal zu ein Drittel des Ganzen am 11. No- 
vember 1890 und am selbigen Tage der beiden unmittelbar darauf folgenden 
Jahre und zwar mit Zinsen von heute an, welche den einzelnen Raten bei- 
gefügt werden müssen. 

Alle Zahlungen geschehen kostenfrei ohne Abzug und Aufrechnung 



Anlage VI. 173 

in guter, deutscher Reichsmünze zu Händen, gegen Quittung und in der 
Wohnung des besagten N. L. 

4. Die Ankäufer unterwerfen sich der sofortigen Zwangsvollstreckung 
aus diesem Kaufakte. 

5. Die Ankäufer sind verpflichtet, die angekauften Gebäulichkeiten bis 
zur gänzlichen Ausbezahlung bei einer soliden vaterländischen Feuer-Ver- 
sicherungsgesellschaft ununterbrochen gegen Feuerschaden versichert zu er- 
halten und sich hierüber dem genannten N. L. jederzeit auf Verlangen, 
regelmäfsig aber bei den jährlichen Terminzahlungen durch Vorlegung der 
Quittungen über die geleisteten Jahresbeiträge auszuweisen. 

Dieselben gestatten dem wohnungsberechtigten N. L. ferner jeden 
statutgemäfsen Vermerk seines Privilegiums im betreffenden Brandkataster 
und subrogieren denselben im Falle eines Brandunglückes in alle der Ver- 
sicherungsgesellschaft gegenüber ihnen zustehenden Rechte. 

6. Aufser dem Kaufpreise haben die Ankäufer auch noch die Ver- 
pflichtung zu folgenden unentgeltlichen Leistungen an den Verkäufer M. L. 
übernommen. 

Dieselben müssen die Ausbehaltsländereien des Verkäufers bebauen, 
die Felder mit dem ihnen von dem Verkäufer zu stellenden Dünger düngen 
und mit der ihnen von dem Verkäufer zu liefernden Saatfrucht einsäen, die 
Früchte schneiden, aufbinden, nach Hause schaffen, ausdreschen und auf- 
speichern, das Heu und den Grummet machen, die Trauben lesen und aus- 
keltern, den Most in die Fässer füllen, alle häuslichen Arbeiten des Ver- 
käufers verrichten, ihm die Wäsche und die Flickereien besorgen, das Wasser 
holen, den Stall ausmisten, ihn in gesunden und kranken Tagen liebreich 
pflegen und bedienen und ihn zu jeder Zeit so behandeln, wie es braven 
und rechtschaffenen Kindern den Eltern gegenüber wohl ansteht und ge- 
bührt. Der Wert dieser Leistungen wird auf 100 M pro Jahr veranschlagt. 
Kost, Kleidung, Brand und Licht, ärztliche Behandlung und Medikamente 
hat sich der Verkäufer aus eigenen Mitteln zu stellen, seine Beerdigung ist 
eine Sache seines Nachlasses. 

7. (Wie oben S. 165, Ziffer 7). 

8. Die Kosten dieses Aktes, des Stempels und der Ausfertigungen für 
beide Teile sowie der Einschreibung des Kaufpreisprivilegiums sind zu 
alleinigen Lasten der Ankäufer. 

Der Verkäufer erklärte hierauf: 

Falls der gegenwärtige Vertrag von einem Miterben seines dereinstigen 
Nachlasses wegen des besagten Kaufpreises von 1200 Mark angefochten und 
dieser Kaufpreis als zu niedrig erachtet werden sollte, so schenke er hier 
durch seiner Tochter, der Komparentin Ehefrau P. H. zum voraus und mit 
Befreiung von der Kollation in seine, des Verkäufers, dereinstige Erbmasse 
alles dasjenige, um welches der wirkliche Wert den besagten Kaufpreis von 
1200 M etwa übersteigen möchte. 

Die Ehefrau H. erklärte, dafs sie diese eventuelle Schenkung dankbarst 
und in bester Form Rechtens acceptiere. 



174 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Schliefslich wählen die Komparenten zur Vollziehung dieses Aktes in 
dem verkauften Hause Domizil und acceptieren gegenseitig alles Obige als 
wahr und rechtsverbindlich. Worüber Urkunde aufgenommen und vom fun- 
gierenden Notar den Komparenten vorgelesen in Gegenwart von "W. Seh., 
ohne Geschäft und W. B., Kappenmacher, beide zu St. wohnend, als Zeugen. 

Nach der Yorlesung haben die Komparenten, die Zeugen und der 
fungierende Notar, dem alle hierbei erschienenen Personen nach Namen, 
Stand und Wohnort bekannt sind, unterschrieben. 



Anlage VII. 1 ) 
Schenkungsweise Verteilung eines Anwesens im Kreise Ottweiler 

an vier Kinder. 

Heute den 27. November 1887. 

Vor F. E. H., Königl. Preufs. Notar, Wohn- und Amtssitze N. im Land- 
gerichtsbezirke Saarbrücken im Beisein der beiden am Schlüsse genannten 
Instrumentszeugen erschienen : 

Die zu W. wohnhaften Eheleute K. B. pens. Bergmann und K. K. 
ohne Geschäft von ersterem hierzu ermächtigt. 

Die Komparenten erklärten: 

Sie beabsichtigen, sich zur Kühe zu setzen, da sie sich bereits im vor- 
gerückten Lebensalter befänden und der Ackerbaubetrieb ihnen eine zu 
grofse Last sei. 

Sie hätten aus dem angeführten Grunde und um spätere Teüungs- 
streitigkeiten unter ihren vier einzigen grofsj ährigen Kindern K. B. ohne 
Geschäft, Ehefrau von C. S., Bergmann, J. B., L. B. und F. B., diese drei 
Bergleute, alle zu W., schon jetzt bei ihren Lebzeiten ihre sämtlichen Immo- 
bilien mittelst Schenkung unter Lebenden zu übertragen und unter die- 
selben zu verteilen. 

Unter Zuziehung ihrer genannten vier Kinder hätten sie aus ihren sämtlich 
im Gemeindebezirk W. im Kreise 0. gelegenen Immobilien vier Teile gebildet. 

Es enthalte nun an Grundstücken: 

I. der erste Teil. 
Artikel -Nummer 14 der Grundsteuer -Mutterrolle. 

1. Flur 7 Nummer 118 im Kuhstalloch, Acker, 22 a 3 m, be- M 
grenzt von J. E. IL und J. J. S 50 

2. Flur 8 Nummer 57 auf den Retten, Acker, 18 a 94 m, be- 
grenzt von F. L. und J. N. L. Wert . . . 100 

3. Flur 14 Nummer 15 rechter Hand dem Winterflofs, Acker, 

27 a 2 m, begrenzt von J. H. und Aufstöfser. Wert 150 

Gesamtwert Summa: 300 

(Folgen ebenso Teil II, III und IV, jeder im Wert von 300 M.) 






l ) Zu Seite 78. 



Anlage VIII. 175 

Mittelst Verlosung dieser vier Immobilienteile unter ihren Kindern 
hätten sie entscheiden lassen, welchen Teil ein jedes derselben erhalten solle. 

Entsprechend nun der mittelst erwähnter Yerlosung getroffenen Ent- 
scheidung schenkten und übertrügen sie nun hiermit mittelst Schenkung 
unter Lebenden unter solidarischer Haftverbindlichkeit und rechtlicher Ge- 
währleistung für alle Eviktionen und Störungen und gänzliche Privilegien- 
und Hypothekenfreiheit ohne Garantie für die Richtigkeit der angegebenen 
Katasterbezeichnung und Gröfse die vier voraufgeführten Immobilienteile, 
resp. die Bestandteile derselben bildenden Grundflächen mit allen Rechten, 
Gerechtsamkeiten und Dienstbarkeiten ihren vier genannten Kindern zum 
vollen rechtsmäfsigen, unbeschränkten, unwiderruflichen Eigentume und zwar: 

a) den ersten Teil ihrem Sohne L. B., 

b) den zweiten Teil ihrer Tochter K. B., Ehefrau von C. S., 

c) den dritten Teil ihrem Sohne J. B., 

d) den vierten Teil ihrem Sohne F. B. 

Dieser Schenkung legten sie die nachstehenden Bedingungen zu Grunde : 

1. Die beschenkten Kinder kommen sofort in den Besitz und Genufs 
der geschenkten Immobilien und müssen alle darauf lastenden Steuern und 
Abgaben vom ersten April nächsten Jahres an tragen. 

2. Da die vier geschenkten Immobilienteile ganz gleichmäfsig sind, so 
hat keines der beschenkten Kinder irgend welche Herausgabe zu leisten. 

3. Die Kosten dieses Aktes, des Stempels der Ausfertigungen und 
eventuell zu bewirkender Transkription müssen die beschenkten vier Kinder 
gemeinsam zu gleichen Teilen tragen. 

Es erschienen hierbei noch die vier beschenkten Kinder, nämlich: 
1. C. B., ohne Geschäft, Ehefrau des hierbei miterschienenen sie hierzu 
autorisierenden C. S., Bergmann, 2. J. B., 3. L. B. und 4. E, B., diese drei 
Bergleute alle zu W. wohnhaft und erklärten, dafs sie die vorstehende von 
ihren Eltern zu ihren Gunsten gemachte Schenkung bestens acceptierten und 
sich zur Erfüllung der an dieselbe geknüpften Bedingungen verpflichteten. 
Zur Vollziehung dieses Rechtsgeschäfts und aller darauf bezüglichen 
Verhandlungen wählen sämtliche Komparenten Domizil in ihren respektiven 
Wohnungen zu W. 

Anlage VIII. 1 ) 
Urkunde über Schenkung und Verteilung eines Anwesens im 
Kreise Ottweiler an zwei Kinder bei Vorbehalt des Niefsbrauchs 

an bestimmte Parzellen. 
Heute, den 13. Oktober 1889. 

Erschienen: 
Vor dem unterzeichneten zu 0. im Landgerichtsbezirke Saarbrücken 
wohnenden Königlich Preufsischen Notar in Gegenwart der beiden nach- 
genannten Zeugen: 



') Zu Seite 78. 



176 I- Oberlaudesgerichtsbezirk Köln. 

Die zu F., Kreis 0. wohnenden Eheleute J. N. T., zweiter, Ackerer 
und M. geborene Seh., ohne Geschäft, letztere von ersterem hierzu gehörig 
ermächtigt. 

Dieselben erklärten: Da wir alt und infolgedessen nicht mehr imstande 
sind unseren ganzen Ackerbau bewirtschaften zu können, sowie auch um unsern 
bereits verheirateten Kindern Mittel zu ihrem Fortkommen an die Hand zu 
geben, haben wir bereits früher unsern verheirateten Kindern einen Teil 
unseres Immobilar-Vermögens abgetreten, ohne dafs diese Yermögens-Ab- 
tretung in authentischer Form beurkundet worden sei. 

Sie — Eheleute T. — seien nun hier erschienen um diese Yer- 
mögensabtretung notariell beurkunden zu lassen und schenkten nun hiermit 
in der Form einer Schenkung unter Lebenden kraft dieses Aktes ihren nach- 
genannten verheirateten Kindern zum Eigentum frei von Kückbringen in 
Natur jedoch in Anrechnung auf ihren zukünftigen Erbanteil die nach- 
bezeichneten Immobilien und zwar: 

A. ihrer Tochter K. T., ohne Geschäft, Ehefrau von H. E., beide zu S. 
bei N. wohnend, 

Gemeinde F. 
1. Flur 1 Nummer 8, Acker im Zähling, grofs 7 a 15 m, neben J. 
J. N. und G. Seh.; (— folgen weitere 12 Parzellen in der Gemarkung F., 
2 Parzellen in der Gemarkung W. und 1 Parzelle in der Gemarkung S., 
im ganzen also 16 Parzellen von je 8 — 24 a Fläche). 

B. unserer Tochter M. T., Ehefrau des Bergmanns J. "W., beide zu F. 
wohnend. 

Gemeinde F. 

1. Flur 7 Nummer 26, Wiese im Brühl, grofs 7 a 27 m, neben J. 
B., Yorbehaltsstück ; ( — folgen weitere 14 Parzellen in der Gemarkung F. 
und 1 Parzelle in der Gemarkung S. Im ganzen 16 Parzellen von je 2 
bis 22 a.) 

Die Schenkgeber garantieren den Beschenkten für ihr volles unbe- 
schränktes Eigentumsrecht an den vorbeschriebenen verschenkten Immobilien, 
sowie auch für deren Freiheit von allen Hypotheken und Privilegien. 

Dieser Schenkung werden folgende Bedingungen zum Grunde gelegt. 

1. Die verschenkten Parzellen gehen so und in dem Zustande auf die 
Beschenkten über, worin dieselben gegenwärtig sich befinden, mit allen an- 
klebenden Beehren und Gerechtsamen, Dienstarbeiten und Lasten, überhaupt 
gerade so, wie die Schenkgeber oder deren Rechtsv orgänger dieselben bisher 
besessen und benutzt haben oder doch rechtlich hätten besitzen und benutzen 
können. 

2. In den Besitz und Genufs der verschenkten Parzellen treten die 
Beschenkten sofort und übernehmen alle darauf ruhenden Steuern, Staats- 
und Gemeinde- Abgaben und Lasten vom ersten April nächsten Jahres ab. 

3. Für die Richtigkeit der angegebenen Katasterbezeichnung und 
Flächengröfse der Schenkobjekte leisten die Schenkgeber den Beschenkten 
keine Gewähr. 



Anlage IX. 177 

4. Die Verkäufer behalten sich und zwar auch für den Letztlebenden 
derselben die lebenslängliche unentgeltliche Benutzung der vorstehend mit 
„Vorbehaltsstücke" bezeichneten Parzellen vor. 

Der Wert der, der K. P. zugeteilten Parzellen beträgt 4200 M und 
der Wert der, der M. T. zugeteilten Parzellen beträgt 3600 M. Es hat somit 
die K. T. noch an ihre Schwester herauszuzahlen 300 M, welcher Betrag sich 
mit der Hälfte des Steigpreises für das Ackerstück auf W. aus der Versteige- 
rung vom 16. März dieses Jahres kompensieren soll. 

Hierauf erklärten die Schenkgeber die sämtlichen Parzellen, welche sie 
jetzt noch eigentümlich besitzen, sollen bei der späteren Teilung ihres Nach- 
lasses sämtlich mit Ausnahme der kleinen Wiese in der Kitzwies dem 
Chr. T. ihrem Sohn zugeteilt werden, zum Anschlagspreis von 3900 M. 

5. Es waren hierbei auch anwesend die beiden beschenkten Ge- 
schwister T., Namens: 

a) K. T., ohne Geschäft, handelnd hier im Beisein und unter Er- 
mächtigung ihres Ehemannes des Steigers Herrn H. E., beide zu S. bei N. 
wohnend. 

b) M. T., ohne Geschäft, handelnd hier im Beisein und unter Ermächtigung 
ihres Ehemannes des Bergmanns J. W., beide zu F. wohnend. 

Dieselben acceptierten die vorstehende Schenkung ihrer Eltern mit 
Dank. 

6. Schliefslich acceptierten die Komparenten alles Vorstehende gegen- 
seitig und wählten zum Vollzuge dieses Aktes Domizil in ihren bezüglichen 
Wohnungen. 

Anlage IX. 1 ) 

Schenkungsweise Verteilung eines Anwesens im Kreise Ottweiler 
an sieben Kinder bei Vorbehalt des Niefsbrauchs an bestimmten 

Parzellen. 

Verhandelt zu T. in der Wohnung des Ackerers J. B., am 1892. 

Vor dem zu T. wohnenden Königlich Preufsischen Notar S. 

Erschienen : 

Die zu T. wohnenden Ehe- und Ackersleute J. B. und M. geborene 
H., letztere von ihrem Ehemann gehörig ermächtigt, 

Und erklärten: 

Aus unserer Ehe stammen sieben Kinder (folgen die Namen). 

Die auf dem hierzu genommenen Auszuge aus der Grundsteuer-Mutter- 
rolle des Gemeindebezirks T., welcher Auszug ne varietur nach geschehener 
Vorlesung von dem Komparenten und dem Notar unterschrieben und als inte- 
grierender Bestandteil hierzu genommen wurde, unter den laufenden Num- 
mern (folgen 56 Nummern) aufgeführten Immobilien, sowie die Parzelle 
Bannes Marpingen Flur 1 Nr. 677/109 bei Freiwäldchen, Acker 15 a 68 m. 



!) Zu Seite 78. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 12 



178 



I. Oberlandesgericktsbezirk Köln. 



gehören zum Sonder- resp. Erbgute der Ehefrau J. B. Die auf demselben 
Auszuge unter den laufenden (1 3) Nummern . . . verzeichneten Parzellen ge- 
hören zum Erbgute des Komparenten J. B. und die übrigen auf dem be- 
zogenen Auszuge verzeichneten, noch nicht erwähnten Immobilien gehören 
zu der zwischen uns bestehenden ehelichen Gütergemeinschaft. 

Die sämtlichen vorbezogenen Immobilien haben wir nun zwecks Zutei- 
lung an unsere Kinder in sieben Lose aufgestellt unter Zuziehung und Mitwir- 
kung von : a) A. S., Waisenrat, b) J. H., beide Ackerleute zu Th. wohnend, 
als Sachverständige. Diese Lose haben unsere Kinder, resp. deren Repräsen- 
tanten und Vertreter unter sich bereits gezogen. Einen Teil der erwähnten 
Immobilien liefsen wir durch den Katasterbeamten von T. vermessen und 
berechnen, wodurch neue Parzelleimummern entstanden, wie solche in dem 
hierzu genommenen Auszuge aus den vorläufigen Fortschreibungsverhand- 
lungen des Gemeindebezirks T. unter der Bezeichnug „neuer Bestand" auf- 
geführt sind. 

Auf Grund der stattgehabten Loseaufstellung resp. Loseziehung schen- 
ken resp. teilen wir hierdurch zum Eigentum zu, unter Garantie für Eigen- 
tum und Schuldenfreiheit, ohne Garantie für die angegebene Flächengröfse 
mit allen anklebenden Gerechtigkeiten und Dienstbarkeiten und mit der 
Steuerlast vom 1. April dieses Jahres ab. 



a) Der M. B., Tochter von P. B. als Erbin und Repräsentantin 
ihres Vaters, die in dem hierzu genommenen Schriftstück, bezeichnet: 
„Immobiliarverteilung zwischen den Ehe- und Ackersleuten J. B. 
und M. B. geborene H. und deren Kinder, resp. deren Repräsen- 
tanten", welches Schriftstück ne varietur nach geschehener Vor- 
lesung von den Komparenten und dem Notar unterschrieben und 
als integrierender Bestandteil hierzu genommen wurde, unter der 
Bezeichnung „L Los" verzeichneten 12 Parzellen, mit einem Tax- 
wert von 

b) unserm Sohne M. B. die im selben Schriftstücke unter der 
Bezeichnung „IL Los" verzeichneten 10 Parzellen mit einem Tax- 
wert von 

c) unserm Sohne F. B. die im selben Schriftstücke unter der 
Zeichnung „III. Los" verzeichneten 15 Parzellen mit einer Taxe von 

d) unserer Tochter M. B., die daselbst unter der Bezeichnung 
,,IV. Los" verzeichneten 14 Parzellen, taxiert zu 

e) unserer Tochter E. B., die daselbst unter der Bezeichnung 
„V. Los" verzeichneten 13 Parzellen, taxiert zu 

f) unserer Tochter M. B., Ehefrau T., die daselbst unter der 
Bezeichnung „VI. Los" verzeichneten 13 Parzellen, taxiert zu . . 

g) unserer Tochter B. B., Ehefrau H., die daselbst unter der 
Bezeichnung „VII. Los" verzeichneten 13 Parzellen, taxiert zu . . 



M 



1270 



1263 



1285 



1267 



1270 



1281 



1270 



Wir behalten uns jedoch die lebenslängliche unentgeltliche bürgschafts- 
freie Nutznießung vor an den im ersten Lose unter den laufenden Nummern 



Anlage X. 179 

1 und 6, an den im zweiten Lose unter den laufenden Nummern 1 und 6, 
an den im dritten Lose unter den laufenden Nummern 1, 2, 7 und 8, im 
vierten Lose unter den laufenden Nummern 1, 6, 7 und 8, im fünften Lose 
unter den laufenden Nummern 1 und 6, im sechsten Lose unter den laufen- 
den Nummern 1 und 7 und im siebenten Lose unter den laufenden Num- 
mern 1 und 6 aufgeführten Parzellen. 

Bezüglich der übrigen nicht zur Nutzniefsung vorbehaltenen Parzellen 
treten die einzelnen Erwerber sofort in den Besitz und Genufs. Auf Grund 
dieser Zuteilung sind folgende Herausgaben zu leisten: 1. F. B. hat je 7 M 
herauszuzahlen an M. B. und an die M. B., Tochter von P. B. ; 2. M. B. an 
M. B., Tochter von J., 7 Mark. 

Diese Beträge sind' sofort fällig. 

Sonstige Herausgaben sind keine zu leisten . . . 

Es erklärten sich schliefslich noch: a) die M. B., Ehefrau T. P., b) die 
B. geborene B., Ehefrau J. H.: Für den Fall, dafs eines unserer ledigen 
Geschwister E., F. und M. B. auf die uns oben zugeteilten Parzellen Bannes 
T., auf den Höfen katastriert unter Flur 14 No. 1175/11 und 1176/11 bauen 
will innerhalb der nächsten fünf Jahre, räumen wir den betreffenden ein 
Vorkaufsrecht ein. 

Die E. B. besitzt daselbst ebenfalls eine Parzelle, katastriert unter 
Flur 14 Nr. 1177/11, dieselbe räumt ebenfalls ihren genannten zwei ledigen 
Geschwistern, wenn dieselben innerhalb der nächsten fünf Jahre auf die 
oben besagten drei Parzellen bauen wollen, bezüglich ihrer Parzelle ein 
Vorkaufsrecht ein; das ältere dieser drei ledigen Geschwister hat vor dem 
Jüngern ein Vorkaufsrecht. Der Preis beträgt für diesen Fall für jede Par- 
zelle je 225 Mark. Die genannten E. und M. B. acceptierten dies ausdrücklich. 

Anlage X. 
Pachtvertrag über einen mittelgrofsen Bauernhof. 

Heute den .... Vor dem unterschriebenen Notar .... mit dem Wohn- 
sitze zu N. im Oberlandesgerichtsbezirke Köln waren zugegen: 

A. Herr Gutsbesitzer und Rentner X zu Haus .... nächst N. in der 
Gemeinde und Bürgermeisterei R. im Kreise N. wohnhaft 

als Verpächter einerseits, und 

B. Herr Y, Ökonom, zu ... . wohnend 

als Anpächter andererseits, 
welche den nachfolgend beurkundeten Pachtvertrag mit einander beredet 
und abgeschlossen zu haben erklärten: 

Artikel 1. Genannter Herr X verpachtet hierdurch dem vorgenannten 
Herrn Y den in der Gemeinde Z. in der Landbürgermeisterei N. belegenen . . . 
Ackerhof mit allen dazu gehörigen Wohn- und Ökonomiegebäuden und Grund- 
stücken zur ungefähren Gesamtgröfse von .... (etwa 30 ha). Die nähere 
Bezeichnung der einzelnen Bestandteile des Ackerhofes in gegenwärtiger Ur- 
kunde wurde von den Kontrahenten für unnötig erklärt, da solche ihnen, 
den Kontrahenten, bekannt seien. 

12* 



1$0 I. Oberkindesgerichtsbezirk Köln. 

Artikel 2. Die Verpachtung geschieht auf sechs feste Jahre, welche 
vom 15. Oktober dieses Jahres ab ihren Anfang nehmen und am 15. Oktober 
des Jahres .... ohne alle Kündigung enden. 

Bezüglich derjenigen Grundstücke jedoch, deren Früchte im laufenden 
Jahre bereits vor dem Antrittstage eingeerntet werden, erfolgt der Antritt 
schon sofort nach Einerntung der Früchte der betreffenden Grundstücke 
stoppelblofs. 

Dagegen hat der Anpächter aber auch die Ackergrundstücke, welche 
im letzten Pachtjahre mit Halmfrüchten bestellt sind, schon sofort, nachdem 
die Früchte eingeerntet worden sind, stoppelblofs abzutreten. 

Artikel 3. Dem Anpächter werden auch schon vor dem Antrittstage 
für die Zeit der Bestellung der Wintersaat die zur Unterbringung der Pferde 
nötige Stallung und für die Leute die erforderlichen Wohnungs- und Schlaf- 
räume ohne alle Vergütung eingeräumt und liegt deshalb diese Verpflichtung 
im letzten Pachtjahre dem Anpächter gegenüber dem Verpächter und respek- 
tive gegenüber dem späteren Anpächter ob. 

Artikel 4. Der Anpächter übernimmt die angepachteten Immobilien 
in dem Zustande, worin sich solche zur Antrittszeit befinden, samt allen 
damit verbundenen aktiven und passiven Servituten. 

Für die im Artikel 1 angegebene Flächengröfse der Pachtimmobilien 
wird seitens des Verpächters, da die Flächengröfse bis auf einige Are der 
Katasterfläch engröfse entspricht, keine Gewähr geleistet, und ist ein etwaiges 
Mehr- oder Mindermafs zum Vorteile oder Nachteile des Anpächters, selbst 
wenn die Differenz ein Zwanzigstel übersteigen sollte. 

Artikel 5. Der Anpächter mufs die angepachteten Grundstücke als 
guter Ackerwirt benutzen und bewirtschaften, demnach in einem durchaus 
guten Kulturzustande erhalten und namentlich völlig ausreichend düngen. 
Somit werden Fruchtverkäufe auf dem Halme dem Anpächter hiermit streng- 
stens untersagt. Anpächter mufs sämtlichen Dünger ausschliefslich auf den 
Grundstücken des Ackerguts verwenden, und darf Pächter während der ganzen 
Pachtzeit kein Stroh verkaufen. 

Der Anpächter, welcher bei dem Antritte von dem Verpächter für 
vorzunehmende Einfriedigungs- Reparaturen und Anschaffung von künst- 
lichem Dünger eine einmalige nicht zu erstattende Entschädigung von 
.... Mark erhält, mufs bei seinem Abzüge alles dann vorhandene Stroh, 
sowie Dünger und Kaff, auf dem Gute ohne Vergütung zurücklassen. 

Artikel 6. Anpächter darf auf den Grundstücken keine Grabungen 
nach Sand, Lehm und Steinen u. s. w. vornehmen; auch darf er auf den 
Pachtgrundstücken nicht ziegeln. 

Artikel 7. Die Wiesen müssen von dem Anpächter gehörig im Stande 
gehalten und die schau- und nicht schaubaren Wasser und Wassergräben 
in guter Ordnung erhalten und zur gesetzlichen Zeit nach den darüber be- 
stehenden gesetzlichen resp. polizeilichen Bestimmungen gereinigt werden, 
insoweit sie innerhalb der Pachtgrundstücke sich befinden bezw. an solche an- 
schlief sen und zwar ohne dafs er, der Pächter, eine Entschädigung dafür erhält. 



Anlage X. 181 

Anpächter, welcher keine Bäume fällen lassen darf, hat die abständigen 
Obstbäume durch neue zu ersetzen und zwar nach Anweisung des Ver- 
pächters, wogegen ihm das Holz der abständigen Obstbäume zukommt. 

Artikel 8. Für Hagelschlag, Mifswachs, Dürre, Nässe, Überschwemmung, 
Schneckenbifs , Mäuse- und Elfenfrafs, ferner für Kriegsverderb, Seuchen, 
Brand und sonstige vorhergesehene und nichtvorhergesehene widrige Zufälle 
und Ereignisse wird vom Verpächter dem Anpächter durchaus keine Gewähr 
geleistet und kann der Anpächter wegen der dadurch gehabten Verluste 
weder Nachlafs am Pachtzinse noch sonst eine Vergütung beanspruchen. 

Anpächter verzichtet vielmehr hiermit ausdrücklich auf jede desfallsige 
Vergütung. 

Artikel 9. Anpächter mufs ferner während der Pachtzeit: 

a) seine im Felde stehenden Körnerfrüchte wenigstens zur Hälfte bei 
einer soliden Gesellschaft gegen Hagelschlag versichern, 

b) sein Gutsinventar, sowie seine Früchte in der Scheune und auf 
dem Speicher, sowie seine im Felde stehenden Fruchthaufen bei einer soliden 
Gesellschaft gegen Feuerschäden und zwar zu entsprechendem Werte ver- 
sichern. 

Artikel 10. Anpächter, welcher während der ganzen Pachtzeit das 
Ackergut selbst bewohnen und bewirtschaften mufs, darf die angepachteten 
Immobilien weder ganz noch teilweise unterverpachten; ebensowenig ist er be- 
rechtigt, das Pachtrecht ganz oder teilweise an einen anderen zu über- 
tragen. 

Artikel 11. Anpächter hat bei eigener Verantwortlichkeit darüber zu 
wachen, a) dafs die Ackerhofsgrundstücke in ihren Grenzen und resp. 
Steinen und Einfriedigungen und bei ihren etwa bestehenden Gerechtsamen 
erhalten werden, und b) dafs keine Wege und sonstigen Dienstbarkeiten sich 
einschleichen. 

Anpächter mufs ferner von jedem Eingriffe dritter Personen in das 
Eigentumsrecht oder in den Besitzstand des Verpächters diesem unverzüglich 
und zwar bei eigener Haftbarkeit für den Unterlassungsfall Anzeige machen. 

Artikel 12. Anpächter ist verpflichtet, die Gutsgrundstücke und Guts- 
gebäulichkeiten in wenigstens ebenso gutem Zustande wieder abzuliefern, 
wie er solche bei dem Antritte vorgefunden hat. 

Auch hat er die Thüren und Fensterrahmen des Wohnhauses und die 
Treppen in demselben und etwaige sonstige Holzteile im Innern des Hauses 
einmal im Beginn des 4. Pachtjahres inwendig, also nicht an der Aufsen- 
seite des Wohnhauses, ordentlich in üblicher Weise auf eigene Kosten an- 
streichen zu lassen. 

Artikel 13. Ferner hat Anpächter die während der Pachtzeit etwa 
notwendig werdenden Reparaturen zu jeder Zeit sofort vorzunehmen bezw. 
zu veranlassen und zwar jede Reparatur, welche einzeln 75 M und weniger 
beträgt, für eigene Rechnung. 

Gröfsere Reparaturen stehen dagegen dem Verpächter zur Last, jedoch 
mit der Mafsgabe, dafs bei solchen der Anpächter die nötigen Fuhren be- 



182 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

züglich der Herbeischaffung der Materialien zu leisten hat, und zwar zur 
Hälfte unentgeltlich. 

Sollte während der Pachtzeit ein Brandunglück entstehen, so hat An- 
pächter auch die Fuhren zu leisten und zwar gleichfalls zur Hälfte un- 
entgeltlich, wenn das Brandungiück durch Yerschulden des Pächters oder 
eines seiner Dienstleute entstanden ist. 

Artikel 14. Anpächter mufs auf dem Ackergute während der Pachtzeit 
wenigstens . . . Kühe und . . . Rinder fortwährend halten vom zweiten Pacht- 
jahre ab. 

Artikel 15. Anpachter darf keine neuen Wege anlegen oder die vor- 
handenen Wege verlegen; dagegen ist dem Verpächter gestattet, sowohl die 
über die Gutsländereien führenden Wege zu verlegen, als auch neue darüber 
anzulegen, falls er solches für zweckmäfsig erachten sollte. Yerpächter hat 
das Recht, einzelne Teile des verpachteten Ackergutes nach einer desfallsigen 
Anzeige für seine eigenen Zwecke zu vewenden oder auch einzelne Teile 
zu verkaufen oder zu vertauschen, und wird in diesem Falle der Pachtzins, 
nach Verhältnis des vom Ackergute genommenen Terrains, unter ortsüblicher 
Vergütung der auf diesem Terrain zur Zeit der Wegnahme etwa aufstehenden 
Frucht verkürzt, oder es wird dem Anpachter ein gleich grofses Terrain 
als das weggenommene aus den anschliefs enden oder in der Nähe gelegenen 
Grundstücken der anderen Ackergüter des Verpächters zur Benutzung über- 
wiesen. 

Artikel 16. Der jährliche Pachtzins ist zwischen den Kontrahenten pro 

Morgen oder fünfundzwanzig Ar dreiundfünfzig Meter zwei Dezimeter zu 

Mark deutscher Reichsmünze bestimmt und festgesetzt worden. Der ganze 
Pachtzins beträgt sonach für die im Artikel 1 angeführte Gesamtflächengröfse 
des Ackerhofes pro Jahr Mark deutscher Reichsmünze. 

Dieser Gesamt] ahrespachtzins mufs von dem Anpachter in deutschem Gold- 
oder Silber -Reichsgelde frei und ohne Abzug oder Aufrechnung zu Händen und 
in der Wohnung des Verpächters oder dessen Rechtsinhaber mit Ausschlufs 
einer jeden Einrede und zwar in zwei Hälften gezahlt werden, nämlich zur 
einen Hälfte am 1. April und zur anderen Hälfte am 1. Oktoker eines jeden 
Pachtjahres; die Zahlung der ersten • Pachthälfte des ersten Pachtzinses mufs 
demnach am 1. April erfolgen. 

Sollte zur Verfallzeit der halbjährigen Pachtzinse Verpächter auf längere 
Zeit verreist sein, ohne jemandem schriftliche Vollmacht zur Empfangnahme 
des Pachtzinses erteilt zu haben, so hat Anpachter den Pachtzins für Rech- 
nung des Verpächters bei der T er Bank zu T. zu zahlen und zwar 

portofrei. 

Bei verspäteter Zahlung müssen die rückständigen Beträge vom Verfall- 
tage an mit 5% fürs Jahr bis zur Zahlung von dem Anpachter an den 
Verpächter verzinset werden. 

Artikel 17. Sollte Anpachter wider Verhoffen mit einer halbjährigen 
Pachtzahlung länger als 4 Wochen nach Verfall im Rückstande bleiben, so 
soll Verpächter berechtigt sein, gegenwärtigen Pachtvertrag ohne alle Kündi- 



Anlage X. 183 

gung und Inverzugsetzimg sofort aufzuheben und mufs Pächter auf eine des- 
fallsige schriftliche Aufforderung des Verpächters den Ackerhof ohne Rück- 
sicht auf den Abiauf des Wirtschaftsjahres sofort räumen; aufserdem bleibt 
der Anpächter, wenn Verpächter den Ackerhof weiter verpachtet, während 
der bestimmten Pachtjahre des gegenwärtigen Vertrages für den Ausfall an 
dem Pachtzinse haftbar, ohne etwa einen zu erzielenden Mehrpachtzins oder 
eine Entschädigung für Düngung und die etwa aufstehende Frucht bean- 
spruchen zu können; auch wird hierdurch das Recht des Verpächters, den 
rückständigen Pachtzins auf jedem Wege Rechtens einzuziehen, nicht auf- 
gehoben. 

Artikel 18. Alle Grund- und Kommunalsteuern sowie Deich- und 
sonstige öffentliche Lasten und Abgaben, welche auf die verpachteten Immo- 
bilien umgelegt werden, bleiben zu Lasten des Verpächters. Dagegen hat 
Anpächter die etwaigen Hand- und Spanndienste und sonstigen Gemeinde- 
dienste, Einquartierungen in Friedens- und Kriegszeiten, Kriegslasten, Kriegs- 
Brandschatzungen, Kontributionen und Erpressungen, Naturallieferungen und 
alle Verwendungen zu Kriegs- und Transportfuhren u. s. w., die die Pacht- 
Immobilien treffen könnten und möchten, ohne allen Anspruch auf irgend 
eine Entschädigung, zu tragen. 

Die Feuerversicherungsbeiträge bezüglich der Gutsgebäude trägt Ver- 
pächter, wogegen der Anpächter die sämtlichen übrigen Jahresversicherungs- 
beiträge pünktlich zu zahlen hat. 

Artikel 19. Das Jagdrecht auf den Pachtgrundstücken bleibt dem Ver- 
pächter im ganzen Umfange vorbehalten, welcher auch selbstredend bei einer 
etwaigen Jagd Verpachtung die Pachtgelder bezieht. 

Artikel 20. Verpächter hält sich für sich und jedes Mitglied seiner 
Familie ausdrücklich das Recht des jedesmaligen freien Zutritts zu dem 
ganzen verpachteten Ackerhofe, namentlich zu den Räumlichkeiten der Acker- 
hofgebäude, bevor, um sich von der ordentlichen Bewirtschaftung resp. In- 
standhaltung des Ackerhofes überzeugen zu können. 

Artikel 21. Der Anpächter verpflichtet sich hiermit zur pünktlichen 
Erfüllung aller ihm auf Grund des gegenwärtigen Aktes obliegenden Ver- 
bindlichkeiten, und soll Verpächter berechtigt sein, das Pachtverhältnis zu 
jeder Zeit aufzuheben, wenn der Pächter auch nur eine der Verbindlichkeiten, 
die er übernommen hat, nicht pünktlich erfüllt; einer solchen Aufhebung des 
Pachtverhältnisses durch den Verpächter mufs jedoch eine halbjährige Auf- 
kündigung seitens des Verpächters, wenn nicht die desfallsigen Bestimmungen 
des Artikels 17 zutreffen, vorhergehen. 

Artikel 22. Anpächter unterwirft sich hierdurch der sofortigen Zwangs- 
vollstreckung aus dem gegenwärtigen Akte. 

Artikel 23. Die von dem Anpächter aufser der Zahlung des Pacht- 
zinses in diesem Akte übernommenen Leistungen werden hiermit sämtlich 
zum Zwecke der Stempelberechnung, jedoch ohne allen Einflufs auf das 
gegenwärtige Vertragsverhältnis, von den Kontrahenten zu jährlich . . .'. Mark 
veranschlagt. 



184 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Artikel 24. Die Kosten dieses Acktes nebst Stempel und Ausferti- 
gung werden getragen zur einen Hälfte vom Verpächter und zur anderen 
Hälfte vom Anpächter. 

Der Anpächter Herr Y verpflichtete sich schliefslich noch, dem Ver- 
pächter Herrn X binnen 10 Tagen von heute ab die Ausfertigung einer 
notariellen oder gerichtlichen Urkunde per Post -Einschreibebrief portofrei 
und kostenfrei zu übermitteln, wodurch sein, des Anpächters Vater, Herr 

Y senior .... zu wohnhaft, dem Verpächter gegenüber bis zu einem 

Betrage von Mark die Solidarbürgschaft dafür übernimmt, dafs er, der 

Anpächter, alle ihm auf Grund des gegenwärtigen Vertrages obliegenden 
Verbindlichkeiten pünktlich erfüllen wird, namentlich was die Zahlung der 
Pachtzinsraten betrifft. 

Nachdem der Anpächter Herr Y auch noch bezüglich der zuletzt 
aufgeführten Verpflichtung sich der sofortigen Zwangsvollstreckung aus ge- 
genwärtiger Urkunde unterworfen hatte, acceptierten und genehmigten die 
Komparenten gegenseitig alles Vorstehende, und wählten bezüglich dieses 
Aktes Domizil Herr X zu .... und Herr Y im Wohnhause des angepachteten 
Ackergutes. 

In Urkunde dessen wurde dieser Akt, zu dessen Anfertigung die 

Zeit erforderlich gewesen ist, aufgenommen und den Komparenten vorgelesen 
zu N. auf der Amtsstube des fungierenden Notars, am Tage wie eingangs. 

Nach geschehener Vorlesung haben die Komparenten und der Notar, 
dem die Komparenten nach Namen, Stand und Wohnung bekannt sind, diesen 
Akt unterschrieben. 

Anlage XL 
Berufsgliederung und Grundbesitzverteilung im Bheinland. 
Ihrem Hauptberuf nach verteilten sich die Erwerbsthätigen der Rhein- 
provinz auf die Hauptberufsgruppen wie folgt: 

1882 1895 

A. Bodennutzung und Tierzucht 37,62 30,64 

B. Bergbau, Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen 52,13 56,22 

C. Handel und Verkehr 10,25 13,14 



100,00 100,00. 

Dazu kommen die im häuslichen Dienst, in wechselnder Lohnarbeit, 
öffentlichem Dienst und freien Berufen Thätigen sowie die Berufslosen, die 
hier nicht interessieren. 

Der industrielle Charakter der Provinz tritt deutlich zu Tage. Im 
ganzen Staatsgebiet verhielten sich die 3 Berufsgruppen A, B, C im Jahre 
1895 wie 43,90 : 43,66 : 12,44. 

Die einzelnen Bezirke der Provinz weisen allerdings bedeutende Unter- 
schiede auf. Von je 100 in einer der genannten Hauptgruppen Erwerbs- 
thätigen entfielen 1895 in den. einzelnen Regierungsbezirken auf die Gruppen: 



Anlage XI. 



185 



Koblenz . 
Düsseldorf 
Köln . . 
Trier . . 
Aachen . 



A 


B 


C 


54,04 


35,31 


10,65 


16,03 


69,52 


14,45 


29,99 


52,40 


17,61 


47,98 


43,94 


8,08 


36,80 


52,48 


10,72 



Diejenigen erwerbstätigen Personen, deren Hauptberuf die Landwirt- 
schaft im engeren Sinne ist, gliedern sich ihrerseits folgendermafsen : 





Eheinprovinz 


Staats- 




Anzahl 


% 


gebiet. 

% 




1882 


1895 


1882 


1895 


1895 




1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


1. Selbständige, auch leitende Beamte . 

2. Verwaltungs-, Aufsichts- und Bureau- 
personal 

3. Familienangehörige, welche in der 
Landwirtschaft ihres Haushaltungs- 
vorstandes thätig sind 

4. a) Knechte und Mägde 

b) Landwirtschaftliche Tagelöhner mit 
eigenem oder gepachtetem Land . 

c) Landwirtschaftliche Tagelöhner ohne 
eigenes oder gepachtetes Land . . 


196 287 
606 

170 238 
55 969 

101 117 


209 025 
1179 

179 763 
62 801 

28 866 

38 411 


37,44 
0,12 

32,47 

10,68 

\ 19,29 


40,19 
0,23 

34,57 

12,07 

5,55 
7,39 


29,38 
1,31 

20,61 
19,30 

5,22 

24,18 


b und c Tagelöhner überhaupt . . 


101117 


67 277 


19,29 


12,94 


29,40 


Summe der landwirtschaftlichen Erwerbs- 
thätigen 


524 217 


520 045 


100 


100 


100 



Über die Erwerbs- und Besitzverhältnisse der selbständigen Landwirte 
sind die Erhebungen von 1895 noch nicht publiziert. Im Jahre 1882 hatten 
von denjenigen Personen (unter 1. der Tabelle), welche selbständig, ch h. 
aivf eigene Rechnung, (oder in leitender Stellung) die Landwirtschaft betrieben, 
ohne zugleich landwirtschaftliche Tagelöhner zu sein, einen Nebenerwerb 
28408 (darunter 15222 in Industrie und Bergbau, 12 435 in Handel, Verkehr 
und Gastwirtschaft). 

Neben diesen standen 240 674 Personen, d. h. über 20% mehr, welche 
einem anderen Hauptberuf angehörten und die Landwirtschaft als Neben- 
erwerb „selbständig" trieben, ohne zugleich in derselben zu tagelöhnern. 
Nur in Westfalen, Sachsen und der Provinz Brandenburg unter Einrechnung 
von Berlin findet sich eine analoge Erscheinung. 

Ihrem Hauptberuf nach gehörten von jenen als „Selbständige" der 
Forstwirtschaft und Fischerei, namentlich aber der Industrie, dem Bergbau, 
Handel und Verkehr 109415 Personen an. 97525 Personen waren in den 
gedachten Berufsarten als Gehilfen und Arbeiter, sowie in Lohnarbeit wech- 
selnder Art und 9814 im Staats-, Gemeinde- und Kirchendienst oder in libe- 
ralen Berufen beschäftigt. Einschliefslich derjenigen selbständigen Landwirte, 



186 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



die zugleich auf landwirtschaftlichen Tagelolm gingen, betrug die Zahl aller 
im Haupt- oder im Nebenberuf auf eigene Rechnung Landwirtschaft Treiben- 
den 485 328. Dieser Zahl entsprach naturgemäfs annähernd diejenige der 
landwirtschaftlichen Betriebe, deren 485 532 gezählt wurden. 

Die landwirtschaftlichen Betriebe nach Gröfsenklassen ' 
am 5. Juni 1882. 





Preußischer Staat 


Eheinprovinz 


Gröfsenklassen 


Anzahl 


Gesamte "Wirtschafts- 
f lache 


Anzahl 


Gesamte Wirtschafts- 
fläche 




ha 


% 


ha 


% 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


0—2 ha 

2-5 ha 

5—20 ha 

20-100 ha 

über 100 ha 


1 842 332 

495 199 

490 822 

191 197 

20 646 


1 207 861 
1 973 375 
6 207 356 
8 729 393 
8 812 993 


4,49 

7,33 

23,05 

32.41 

32,72 


318 838 

84 266 

72 569 

9 313 

346 


209 498 
341 764 
805 715 
389 933 
56 375 


11,62 
18,95 
44,68 
21,62 
3,13 


zusammen 


3 040 196 


26 930 978 


100,00 


485 332 


1 803 285 


100,00 



Danach treten die Grofsbetriebe (über 100 ha) in der Rheinprovinz 
ganz zurück, die meist im Norden gelegenen Grofsbauern wirtschaften (20 bis 
100 ha) nehmen 1 / 6 der Wirtschaftsfläche ein, während im ganzen Staats- 
gebiet der Schwerpunkt des landwirtschaftlichen Betriebes mit je 1 / 3 der 
Wirtschaftsfläche bei den vorgenannten Kategorieen liegt. Im Rheinland sind 
dagegen 3 / 4 der Wirtschaftsfläche (75,25%) m Betrieben bis zu 20 ha, 
30,57 % m solchen unter 5 ha aufgeteilt. 

Scheidet man die Nebenbetriebe aus, d. h. diejenigen, die von An- 
gehörigen der städtischen Bevölkerung, Industrie -Arbeitern, Handwerkern, 
Förstern oder Pfarrern bewirtschaftet werden, oder deren Inhaber in erster 
Linie Tagelöhner sind, so erhält man die „landwirtschaftlichen Haupt- 
betriebe". 

Die landwirtschaftlichen Hauptbetriebe nach der Zählung 

vom 5. Juni 1882. 





Preufsischer Staat 


; Rheinprovinz 


Gröfsenklassen 


Anzahl 


Gesamte Wirtschafts- 
fläche 


Anzahl 


Gesamte Wirtschafts- 
fläche 




ha 


% 


ha 


/o 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


0-2 ha 

' 2-5 ha 
5—20 ha 
20—100 ha 
über 100 ha 


270 965 
338 300 
422 606 
180 246 
20 051 


365 768 
1 402 115 
5 482 439 
8 239 240 
8 634 171 


1,52 

5,81 
22,73 
34,15 
35,79 


64 199 

65 394 
58 490 

7 492 
234 


83 428 
272 913 

653 854 

318 648 

40 212 


6,09 
19,94 

47,75 

23,28 

2,94 


zusammen 


1 232 168 


24 123 733 


100- 


195 809 


1 369 055 


100- 



Anlage XI. 187 

Yon den 485 332 Betrieben der Kheinprovinz sind demnach nur 195 809 
oder rund 40% als Hauptbetriebe zu bezeichnen. Das Bild der Betriebsgrup- 
pierung ist seinem Wesen nach von dem vorigen nicht verschieden, nur 
tritt der Anteil der untersten Gröfsenklasse zurück. 

Die landwirtschaftliche Betriebsstatistik zeigt, in wie grofsen Stücken 
der Boden zu einheitlichen Wirtschaften zusammengefafst wird. Über die 
Verteilung des land- und forstwirtschaftlichen Grundeigentums geben die 
Feststellungen der Katasterbehörden Auskunft. 

Zur Zeit der Grundsteuer-Einschätzung im Anfang der 60er Jahre war 
eine Fläche von 658258 ha in der Kheinprovinz in den Händen nicht pri- 
vater Besitzer. Neuere Erhebungen über den Umfang des öffentlichen Landes 
fehlen. Es ist aber nicht wahrscheinlich, dafs seitdem starke Verschiebungen 
stattgefunden haben. Von der bezeichneten Fläche gehörten 

1. dem Staat und der Königl. Familie .... 149 090 ha 

2. den städtischen und ländlichen Kommunen . 554 270 ha 

3. den Kirchen, Pfarren, Schulen und Stiftungen 54 898 ha 

zusammen nicht privater Besitz 658 258 ha — 25,6 % 

der ertragsfähigen Liegenschaften. 

Hingegen umfafst der private Besitz 1908 195 ha == 74,4% 

der ertragsfähigen Liegenschaften. 

Der ausgedehnte öffentliche, namentlich kommunale Besitz wirkt als 
bedeutsames Gegengewicht gegen die Zersplitterung des privaten Boden- 
Eigentums. 

Die Verteilung des letzteren ist anläfslich der Gebäudesteuer -Revision 
im Jahre 1878 für das platte Land ermittelt worden. Dabeisind nicht blofs 
die Städte sondern auch solche Landgemeinden ausgeschieden, in denen eine 
überwiegende Anzahl von Gebäuden regelmäfsig durch Vermieten benutzt 
wird. In derartig städtischen und stadtartigen Gemeinden liegen aber in 
der Rheinprovinz weit über 100000 Besitzungen von Kleinbauern, Gärtnern, 
Handwerkern, Industrie -Arbeitern. Die Statistik der ländlichen Privatbe- 
sitzungen erstreckt sich infolge der bezeichneten Ausscheidung nur auf 56% 
der grundsteuerpflichtigen Bodenfläche (gegen 81% im Staatsgebiet). 

(Es folgt die Tabelle S. 188 oben.) 

Unter „Besitzung" versteht die Statistik 1 ) eine „wirtschaftliche Einheit", 
d. h. „ein einzelnes Gebäude oder eine als wirtschaftliche Einheit sich dar- 
stellende Mehrheit von Gebäuden in Verbindung mit den wirtschaftlich zu 
ihnen gehörenden, im selben Eigentum stehenden nutzbaren Flächen". Dabei 
ist es gleichgiltig, ob die Teile derselben in einem oder in mehreren selb- 
ständigen Gemeinde- oder Gutsbeznken belegen sind." Auch sind — im 
Gegensatz zur Betriebsstatistik — zufällige Vereinigungen mehrerer Be- 
sitzungen und Besitzstücke in der Hand eines Pächters oder Be Wirtschafters 
unberücksichtigt geblieben. 



l ) Bd. 103 der preufs. Stat., S. XXI und XXII. 



188 



I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 



Die ländlichen Privatbesitzungen mit nutzbaren Grundstücken 
nach Grundsteuer-Reinertragsklassen im Jahre 18 78. 





Preufsischer Staat 


Rheinprovinz 


Reinertrags- 
Klassen 


Anzahl 


Nutzbare 


Fläche 


Anzahl 


Nutzbare Fläche 




ha 


/o 


ha 


% 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


bis 10 Thlr. 


649 454 


950 630 


3,97 


140 966 


139 169 


10,4 


10-30 Thlr. 


385 595 


2 124 984 


8,87 


81976 


297 843 


22,2 


30—50 Thlr. 


151571 


1 689 341 


7,06 


28 630 


182 693 


13,7 ' 


50-100 Thlr. 


158 194 


2 983 151 


12,46 


23 245 


212 276 


15,9 


100—500 Thlr. 


182 410 


7 112 149 


29,73 


17 217 


312 249 


23,4 


über 500 Thlr. 


32 488 


9 073 187 


37,91 


2 543 


192 921 


14,4 


zusammen 


1 559 712 


23 933 442 


100,— 


294 577 


1 337 152 


100 — 



Zum Vergleich mit der obigen Betriebsstatistik sei bemerkt, dafs der 
Grundsteuer -Reinertrag in der Rheinprovinz durchschnittlich 21,15 M pro 
Hektar beträgt. 

Daher entspricht die 
Gröfsenkl. v. 10 Thlr. Reinertrag einer Fläche mittl. Bodens von etwa l 1 / 2 ha 



11 


„ 30 


11 


11 


11 


11 


11 


?' 


11 


ii 


*V. 


11 


11 


„ 50 


V 


v 


11 


11 


11 


11 


r 


ii 


7Vs 


11 


11 


„ wo 


11 


11 


11 


11 


11 


11 


ii 


ii 


15 


11 


11 


„ 500 


11 


11 


11 


11 


11 


11 


ii 


ii 


75 


11 



Der Anteil der gröfsten Besitzungen (über 500 Thlr. Reinertrag) an der 
Gesamtfläche erscheint hier wesentlich gröfser, derjenige der selbständigen 
Kleinbauerngüter (30—100 Thlr.) geringer, als nach der Betriebsstatistik zu er- 
warten gewesen wäre. Der Grund für diese Differenz ist in der oben (S. 131 ff.) 
hervorgehobenen Thatsache zu erblicken, dafs die grofsen Grundbesitzungen 
vorwiegend in Form von Kleinpachten, nicht im Regiebetriebe verwertet 
werden. Da nicht feststeht, wie viele „Privatbesitzungen" in dem oben de- 
finierten Wortsinn je in einer Hand vereinigt sind, da ferner Grundstücke, 
welche Grofsgrundbesitzern gehören, aber ohne Gebäude verpachtet werden, 
in der Statistik überhaupt nicht erscheinen und endlich, die städtischen oder 
stadtartigen Gemarkungen ganz ausgeschieden sind, erscheint der Anteil des 
grofsen Grundbesitzes in unserer Statistik als viel zu gering. 

Die Familienfideikojnmisse. 
Am Ende des Jahres 1895 umfafste der fideikommissarisch gebundene 
Besitz in der Rheinprovinz 71616 ha oder 2,65% der Gesamtfläche. Davon 
im Reg.-Bez.-Koblenz 23 905 ha = 3,85 % der Gesamtfläche des Bezirks 
„ „ Düsseldorf 21659 „ =3,96,, „ „ ,, „ 

Köln 10949 „ = 2,75 „ „ 

Trier 7 981 „ = 1,11 „ „ 

'„ „ Aachen 7123 „ = 1,71 „ „ „ „ „ 



Anlage XII. 189 

Von den 71616 ha Fideikommisbesitz der Provinz sind 40830 ha = 
57,02 % Waldland (4,9 % der gesamten Waldfläche der Provinz). Der 
Grundsteuerreinertrag der Provinz beträgt 53392 387 M, der des Fideikommis- 
besitzes 1384 602 M = 2,59%. — 14550 ha gehören zu solchen Fideikom- 
missen, deren Hauptstock in anderen Provinzen gelegen ist. Die 36 rhei- 
nischen Fideikommisse im engern Sinne umfassen 57 066 ha. Davon entfallen 
288 ha = 0,50 % auf 6 Fideikommisse unter 100 ha 
503 „ = 0,88 „ „ 4 „ von 100- 200 ha 

2070 ha = 3,63 % auf 6 Fideikommisse von 200— 500 ha 
2405 „ = 4,21 „ „ 4 „ „ 500— 1000 „ 

10973 „ = 19,23 „ „ 8 „ „ 1000— 2000 „ 

12 905 „ = 22,61 „ „ 4 „ „ 2000— 5000 „ 

27 922 „ = 48,93 „ „ 4 „ „ 5000—10000 „ 

10 Fideikommisse mit 24205 ha liegen im Keg.-Bez. Koblenz, 
14 „ „ 19589 „ „ „ „ Düsseldorf, 

8 „ „ 6945 „ „ „ „ Köln, 

1 „ „ 5461 „ „ „ „ Trier, 

3 „ „ 866 „ „ „ „ Aachen. 

Yon den 36 Fideikommissen bestanden 20 mit 37 836 ha bereits vor 
dem Jahre 1850, darunter waren zwei in Fideikommisse umgewandelte ehe- 
malige Lehnsgüter mit 8207 ha. Zu jenem Bestände kamen in den 3 fol- 
genden Jahrzehnten 1851—1880 je 3 mit 5683, 3068 und 3843 ha hinzu, 
1881 bis 1890 4 mit 2530 ha, 1891—1895 wieder 3 mit 4108 ha. Der 
Zuwachs in der Zeit von 1851—1895 umfafste demnach 16 Stiftungen mit 
19230 ha, d. s. 33,7 % des heutigen Bestandes. 

Anlage XII 
(Vergl. S. 151). 

Denkschrift über die Einführung einer Minimalparzeile in der 

Rheinprovinz. 
1. Als der Gesetzentwurf, betreffend die Zusammenlegung der Grund- 
stücke im Geltungsbereiche des rheinischen Rechts, in der Sitzung des 
30. Provinziallandtages der Rheinprovinz im Jahre 1884 beraten wurde, ver- 
neinten einzelne den Eintritt des von dem Gesetze zu erwartenden Nutzens 
mit der Behauptung, dafs die Zusammenlegung so lange kein dauerndes 
Heilmittel gegen die grofse Zersplitterung des Grundbesitzes abgeben könne, 
als nicht das Teilungsrecht des rheinischen Rechts beschränkt, oder wenig- 
stens eine der Kulturart der Parzellen entsprechende Minimalgröfse als Vor- 
aussetzung einer giltigen Eigentumsübertragung oder Zuteilung von dem 
Gesetzgeber bestimmt werde. Der Provinzialverwaltungsrat fafste die Reso- 
lution: „Hoher Landtag möge die Königliche Staatsregierung ersuchen, Be- 
stimmungen zu erlassen, welche geeignet sind, die wirtschaftlichen Vorteile 
der Zusammenlegung auch für die Zukunft zu erhalten, sei es durch Fest- 
setzung von Normalparzellen, sei es durch Beschränkung der Teilung in der 



190 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Art, dafs in Zukunft die Teile nur auf die bei der Zusammenlegung fest- 
gesetzten Wege ausgelegt werden dürfen." Der Regierangskommissar er- 
klärte, dafs, wenn auch die Einführung einer Normalparzelle auf Schwierig- 
keiten stofsen würde, die Staatsregierung indessen entscheidende prinzipielle 
Bedenken gegen einen derartigen Antrag nicht zu erheben habe uno" ihm, 
wenn er angenommen werden sollte, eine wohlwollende Prüfung zu teil 
werden lassen würde. Darauf fand in dem 30. rheinischen Provinzialland- 
tage die Resolution in der allgemeinen Fassung, dafs die Königliche Staats- 
regierung Bestimmungen erlassen möge, welche geeignet seien, die wirt- 
schaftlichen Yorteile der Zusammenlegung auch für die Zukunft zu ei halten, 
allseitige Zustimmung. 

Bei der Beratung über das rheinische Teilungsgesetz im Jahre 1886 
kam wiederum die Notwendigkeit der Festsetzung einer Minimalparzelle zur 
Sprache, und in dem 32. Provinziallandtage wurde ein Ajitrag dahin gestellt, 
dafs eine Naturalteilung nicht statthaft sei, „wenn sie Grundstücke zum 
Gegenstande habe, welche nach dem Kataster nur eine Gröfse von 25 a oder 
eine geringere Gröfse hätten, ausgenommen seien jedoch Weinberge, Gärten, 
Haus- und Bauplätze". Der damalige Referent bemerkte, dafs auch der Pro- 
vinzialverwaltungsrat die Einführung einer Minimalparzelle für wünschens- 
wert gehalten, aber von einem desfallsigen Antrage Abstand genommen 
habe, weil eine solche allgemein auszudehnende Bestimmung in den Rahmen 
eines das Teilungsverfahren des rheinischen Rechts regelnden Gesetzes nicht 
hineinpasse ; dieser Ausführung stimmte der Provinziallandtag zu. 

Schon fünfzig Jahre vor diesen in den rheinischen Provinziallandtagen 
von 1884 und 1886 stattgehabten Verhandlungen hatte die Kömgliche Re- 
gierung die Einführung einer Minimalparzelle in Verbindung mit einem 
Zusammenlegungsgesetz für die Rheinprovinz ins Auge gefafst, um der stets 
weiter um sich greifenden Zerstückelung vorzubeugen. Ein über die Zweck- 
mäfsigkeit dieser gesetzlichen Mafsregel im Jahre 1836 eingezogener Bericht 
ging dahin: „dafs der vorgeschlagenen Zusammenlegung der zerstreut liegen- 
den Bestandteile der Bauerngüter und der gesetzlichen Bestimmung der 
kleinsten noch teilbaren Fläche für jede Kulturart in der That so wenig im 
Wege stehe, dafs solche vielmehr höchst wahrscheinlich überall mit Dank 
entgegengenommen würden". In einem am 31. Januar 1838 von der König- 
lichen Regierung zu Koblenz erstatteten Berichte wurde ausgeführt: „Die 
Feststellung eines Minimums bei Zerstückelungen und die Begünstigung der 
Konsolidation der zerstreuten Parzellen wird aber nicht allein auf den Wohl- 
stand der ländlichen Gemeinden vorteilhaft einwirken, sondern es stellen 
sich diese Mafsregeln als dringend notwendig dar, um etc." 

Aus dem Erwähnten folgt, dafs der Wunsch nach der Einführung einer 
Minimalparzelle in der Rheinprovinz seit länger wie ein halbes Jahrhundert 
bis in die neueste Zeit immer wieder zum Ausdruck gebracht ist. 

2. Die Zusammenlegungsgesetze vom 5. April 1869 für den Bezirk 
des Justizsenats zu Ehrenbreitstein und vom 24. Mai 1885 für den Geltungs- 
bereich des rheinischen Rechts enthalten keine Bestimmungen über Minimal- 



Anlage XII. 101 

parzellen; und zwar wohl deshalb, weil zuerst die Wirkungen dieser Ge- 
setze abgewartet werden sollten, bevor mit einer so wichtigen Mafsregel, 
wie die der Einführung der Minimalparzelle ist, vorgegangen würde. In der 
That haben auch die Zuammenlegungsgesetze Erfolge zu verzeichnen, welche 
die erwarteten bei weitem übertroffen haben. In den Jahren 1886 — 1894 sind 
in dem Geschäftskreise der Generalkommission zu Düsseldorf 161 Gemarkungen 
zusammengelegt, welche ein Areal von 28427 ha in 28 762 Besitzständen 
umfassen, und in diesen Gemarkungen sind für 295 651 alte Katasterpar- 
zellen 80781 Pläne ausgewiesen, so dafs nach den Auseinandersetzungsplänen 
214870 alte Parzellen untergegangen sind. Die Möglichkeit aber einer er- 
neuerten Zersplitterung in die kleinsten Parzellen ist nach Lage der Gesetz- 
gebung für die Kheinprovinz nicht ausgeschlossen; den Beteiligten ist nicht 
einmal untersagt, in jeder beliebigen Weise und ohne Rücksichtnahme auf 
die wirtschaftlichen Verhältnisse jede Parzelle und jeden in dem Zusammen- 
legungsverfahren ausgewiesenen Plan zu teilen Die bestehenden Gesetze 

aber machen nicht allein die erneuerte Zersplitterung nicht unmöglich, son- 
dern es existieren sogar noch Y erordnungen, welche zu einer unwirtschaft- 
lichen Teilung oft Veranlassung geben. Nach § 29 der Kataste ranweisung 
VIII vom 25. Oktober 1881 mufs jedes Stück Land, welches von der näm- 
lichen Kulturart ist und durch feste Grenzen bestimmt wird, eine besondere 
Katasterparzelle bilden, es sei denn, dafs es von einer so minimalen Gröfse 
ist, dafs es als ein besonderes Grundsteuerobjekt nicht dargestellt werden 
kann; daher kommt es sehr häufig, dafs ein einzelner Plan in verschiedene 
Katasterparzellen zerfällt, ja clafs ein einzelner Plan von derselben Kultur- 
art, beispielsweise eine Wiese, durch welche ein ausgewiesener Be- oder 
Entwässerungsgraben führt, zwei, oft mehrere Katasternummern erhält. Die 
Wirtschaftlichkeit ist für diese Bezeichnung von keiner Bedeutung; und, da 
die Selbständigkeit einer Parzelle lediglich von dem Ermessen der Kataster- 
behörde abhängt, jede Katasterparzelle aber nach § 1 der Grundbuchord- 
nung als selbständige Parzelle ins Grundbuch übernommen wird, so können 
solche Absplisse ohne weiteres den Gegenstand eines Kaufvertrages bilden- 
Dasselbe trifft auch für den Geltungsbereich des Gesetzes vom 20. Mai 
1885 zu. 

Die durch das Zusammenlegen erzeugten Vorteile der gröfseren Pläne 
der Zugänglichkeit der Grundstücke, der Entwässerungsanlagen etc. kommen 
allerdings den Besitzern nach der Ausführung immermehr zum Bewufstsein 
und es streben deshalb die Eigentümer häufig durch testamentarische Be- 
stimmungen oder Verträge der Übertragung ganzer Besitzstände oder ganzer 
Parzellen an. In denjenigen Fällen, in welchen die Erben die Übertragung 
des ganzen Immobiliarbesitzes oder ganzer Parzellen auf einen Erben nicht 
verabreden und eine Naturalteilung vorziehen, geschieht, sobald einsichts- 
vollere Eigentümer beteiligt sind, die Teilung in wirtschaftlicher Weise auf 
die Wege. 

3. Dieser teils unmittelbare, teils mittelbare Erfolg der Zusammen- 
legung ist gewifs nicht zu unterschätzen. Aber nichtsdestoweniger beginnt, 



192 I. Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

wie unten nachgewiesen wird, in manchen Gegenden allerdings nur in ver- 
einzelten Fällen, eine allzu grofse Parzellierung von neuem einzutreten und 
auch wohl in unwirtschaftlicher Weise ohne Rücksicht auf Form und Zu- 
gänglichkeit der Teilparzellen. Wenn auch der Zeitraum, für welchen jeden- 
falls infolge der Zusammenlegung die Zersplitterung verhütet wird/ hin- 
reichend grofs ist, um schon hierdurch allein einen die aufgegangenen Kosten 
und Arbeiten der Zusammenlegung aufwägenden Vorteil selbst in den un- 
günstigsten Fällen herbeizuführen, so würde es doch Aufgabe der Gesetz- 
gebung sein, Mittel und Wege zu finden, um die Erfolge, welche durch die 
Zusammenlegung angestrebt und erreicht werden, für immer sichern zu 
können. Um so weniger kann sich der Gesetzgeber dieser Verpflichtung 
entziehen, als die reale Teilung sich in der Vorstellung der rheinischen Be- 
völkerung als der angeblich allein richtige Teilungsmodus so tief eingewurzelt 
hat, dafs in vielen Gegenden eine durchgreifende Veränderung der Zustände 
und eine dauernde Beseitigung der aus der traditionellen Zerstückelung für 
den landwirtschaftlichen Betrieb erwachsenden Gefahren nicht von dem Er- 
blicken der erzielten Vorteile, sondern nur von einem gesetzlichen Eingreifen 
zu erwarten ist. Diese traditionelle Zerstückelung ergiebt sich schon aus 
der Thatsache, dafs auf die 646 900 ha betragenden Acker- und Wiesen- 
parzellen der Kegierungsbezirke Trier und Koblenz 7 588400 einzelne Par- 
zellen fallen, sodafs ein Hektar sich in 12 Teile zerteilt; und wenn man be- 
denkt, dafs unter allen Umständen die Hälfte mindestens Y 8 ha ( l / 2 Morgen) 
grofs ist, so kann jedes Grundstück der anderen Hälfte mit 3 794200 Par- 
zellen kaum eine Gröfse von 5 a erreichen. 

Ein übersichtliches Bild, wie in dem südlichen und mittleren Teile 
der Rheinprovinz die Zerstückelung um sich gegriffen hatte und noch hat, 
und wie die kleinen Besitzstände unter derselben gelitten haben müssen und 
noch leiden, giebt die folgende Zusammenstellung, welche einzelne zusammen- 
gelegte Gemarkungen aus den verschiedensten Gegenden der obigen Bezirke 
umfafst; sie beweist aber auch, worauf gegenwärtig besonders Gewicht zu 
legen ist, dafs einer weiteren, ohnehin schon grofsen Zersplitterung und da- 
mit der Wiederkehr der mit nicht geringem Kostenaufwand beseitigten Übel- 
stände vorgebeugt werden mufs. 

(Es folgt eine statistische Aufstellung: a) für 18 Westerwald-Gemeinden 
(Koblenz linksrheinisch), b) für 6 Gemeinden der Regierungsbezirke Koblenz 
(rechtsrheinisch) und Trier, c) für 2 Gemeinden des Regierungsbezirks Aachen. 

Danach betrug die in a in b in c 

Gesamtzahl der Besitzstände 1 769 1 345 427 

Gröfse derselben ha ....... . 3 229 2 302 1031 

Anzahl der alten Parzellen 49 512 14 934 2144 

Anzahl der neuen Pläne 11610 4 663 771 

Durchschnittsgröfse einer alten Parzelle ar 6,50 15,40 48,10 

„ eines neuen Planes ar 27,80 49,35 133,70 

Auch die Gröfsenklassen der Parzellen werden mitgeteilt:) 



Anlage XII. 193 

Das Ergebnis der vorstehenden Übersicht ist, dafs durch die Zusammen- 
legung die einzelnen Parzellen um 2 Klassen gröfser geworden sind, so dafs 
in 18 Gemeinden des Westerwaldes, in welchen vor der Zusammenlegung 
die gröfste Anzahl der Grundstücke 25 922 (c. 50% der alten Parzellen) 
sich in der Klasse mit der Gröfse von 1 — 5 a befand, nach der Zusammen- 
legung die Klasse 12,50 — 25 a die gröfste Anzahl mit 3026 aufweist, und 
die folgende Klasse 25 — 50 a 2655, beide zusammen ebenfalls 50% a U er 
Abfindungen. Dieselbe Verschiebung findet sich in den Zusammenlegungen 
Kelz und Golzheim (Aachen), nur in höheren Klassen, vor ; in den Regierungs- 
bezirken Trier und Koblenz (linksrheinisch) hatten in 6 Gemarkungen vor 
der Zusammenlegung von 14934 Grundstücken 9197 also 61°/ eine Gröfse 
von 1 — 12,50 a, und nach der Zusammenlegung von 4663 Plänen 2516 also 
54% eine Gröfse von 12,50 — 50 a und nur c. 24% eine solche von 1 bis 
12,50 a. 

Der Yerringerung der Parzellenanzahl im allgemeinen entsprechend 
ist auch eine solche für jeden einzelnen Besitzstand eingetreten, selbst- 
redend in den gröfseren Besitzständen in erheblicher Weise, als in den 
kleineren. . . . 

Die Erfahrung, welche über die weitere Zerteilung der ausgewiesenen 
Pläne hat gesammelt werden können, umfafst noch einen zu kurzen Zeit- 
raum, als dafs ein ziffermäfsig sicher abzuschliefsendes Urteil gefällt werden 
könnte ; allein schon die folgende Zusammenstellung zeigt, dafs, obgleich die 
Spezialkommissare in der energischsten Weise sich bemühen, eine Zersplitterung 
zu verhindern und die Naturalteilung, wenn sie überhaupt nicht vermieden 
werden kann, durch Überweisung ganzer Pläne herbeizuführen, eine Zunahme 
der Parzellierung eintritt. (Folgt eine Tabelle, welche für 13 Gemarkungen 
die seit der Zusammenlegung eingetretenen Parzellierungen nachweist.) 

Es haben sich mithin die 7214 Pläne (von 3459 ha durch Auflösung 
von 283 Plänen in 791 Teilstücke in 1 — 5 Jahren) um 508 oder pro Jahr um 
265 Pläne, also um 3,7 % vermehrt, wobei 2,8 % aller Pläne pro Jahr aufge- 
teilt wurden. Diese Zahl, welche an sich bei Berücksichtigung aller Umstände 
nicht bedeutend erscheint, wird sich vergröfsern, sobald der Einflufs der Spezial- 
kommissare verloren geht, und je länger die Zeit rückwärts liegt, in welcher 
die offenbaren Nachteile der Zersplitterung zum Bewufstsein gekommen waren 
und sich damals dem Gedächtnis eingeprägt hatten. Hervorgehoben mag 
noch werden, dafs, um einige der schlimmsten und unwirtschaftlichsten Tei- 
lungen anzuführen in: 

Oberwambach 1 Parz. von 20 a in 5 T. = ä 4 a 

1 n ii 20 „ ., 10 „ — „ 2 „ 
& „ „ je 15 „ „ je o „ = „ 5 „ 

1 11 » 15 11 11 4 „ = „ O / 4 „ 

Etzbach 3 „ . „ je 5 „ „ je 2 „ = „ 2y 2 „ 

5 „ „ je 15 ,, „ je 2 „ = „ 7 / 2 „ 

4 „ „ je 30 „ „ je 5 „ = „6 „ 

Harschbach 1 „ „ 4 '„ „ 2 ,, = „ 2 ., 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. I. Köln. 13 

y 



[94 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Birnback 2 Parz. von je 20 a in je 4 T. = ä 5 a 

3 „ „ je 25 „ „ je 6 ,, = „ 4y 6 „ 
Wiesenzusanimenlegung 

Bettenfeld 1 „ „ 6 „ „ 2 „ = , f 3 „ 

1 4 2 — 9 

-■- ?■? ■?? ^ 71 77 ^ 77 *5 ^ n 

^ 71 )5 J e " » 77 J e " 5? ==:: 77 ^ /2?) 

Wederath 1 „ „ 5 „ „ 3 „ — „ 1%» 

2 7? 1? J e ^ 17 il J e ^ ,, = „ 2V2 

1 10 4 = 21/ 

x 77 77 xv/ 77 77 ^ 77 77 " /2 77 

4 77 77 ] e 10 „ „ je 2 „ = „ 5 „ 
11 77 ,7 je 15 „ „ je 2 „ = „ l% n 

nach der Zusammenlegung geteilt worden sind. Die Vermehrung der Par- 
zellen tritt fast ausschliefslich in den 3 Klassen 1 — 5a, 5 — 12,50a und 12,50 
25a ein. Will man einige, allerdings die auffallendsten Beispiele hervor- 
heben, so sei bemerkt, dafs in den Jahren 1889 — 1895 die zusammen- 
gelegten Pläne sich vermehrt haben in Puderbach in der 

Gröfse von 5 —12,50 a von 350 auf 416 

„ „ 12,50-25 „ „ 332 „ 418 

in Grofs-Maischeid, Klein-Maischeid und Stebach in der 

Gröfse von 1 —5a von 507 auf 768 

5 —12,50 a „ 748 „ 1172 
„ 12,50-25 a „ 696 „ 1117. 

In anderen Gemarkungen ist dagegen jahrelang keine einzige Auf- 
teilung vorgekommen, und jahrelang hat die Anzahl der einmal ausgewie- 
senen Pläne sich nicht vermehrt, ein erfreuliches Zeichen dafür, dafs der 
Sinn der Landbewohner für die Wirtschaftlichkeit ihres Besitzes durch die 
Zusammenlegung geweckt ist und sich erhalten hat. 

Der Schlufs aus dem Yorgesagten ergiebt sich dahin: Es ist nicht zu 
leugnen, dafs in einzelnen Gegenden die offenbaren Vorteile der Zusammen- 
legung nicht immer die Gewähr dafür bieten, dafs die zusammengelegten 
Grundslücke zusammengehalten werden und die beseitigten Nachteile der zu 
grofsen Zersplitterung zum Teil nicht wieder eintreten. Dafs sie aber nicht 
eintreten und die mit Hilfe von Staatsmitteln erlangten Vorteile erhalten 
werden, liegt im allgemeinen Interesse der Landeskultur, und dafür zu sor- 
gen, dafs dies Interesse gewahrt werde und die Staatsmittel nicht umsonst 
zur Verwendung gelangen, ist als Pflicht des Staates anzusehen. 

4. Dafs in den nicht zusammengelegten Gemarkungen die unzweck- 
mäfsigen und nachteiligen Zerstückelungen immer weiter um sich greifen, 
und zwar in einer Weise, dafs je länger, um so sicherer der Untergang 
der kleineren Besitzstände herbeigeführt wird, ist eine unbestreitbare 
Thatsache. 

Der Bauer in der Rheinprovinz hängt nicht so, wie in den anderen 
Provinzen, an seinem Besitztum, das in den meisten Fällen aus einer Menge 
zusammenhangloser Parzellen besteht und bei einem jeden Todesfall in so 



Anlage XII. 195 

viele Teile, ja sogar in so viel Absplisse der einzelnen Parzellen, als Erben 
vorhanden sind, auseinanderfällt. Jedes Katasteramt kann eine Reihe von 
Fällen aufweisen, in welchen kleine Besitzstände in 5, ja bis zu 11 Teile 
geteilt werden und nicht allein die Besitzstände, sondern sogar die Parzellen ; 
noch kürzlich ist eine Parzelle im Wester wald in einer Gröfse von 74,96 a 
in 8 Teile geteilt und zwar so, dafs 3 Teile wegen der gröfseren Beteiligung 
je 20 a, dagegen von 5 Teilen 2 je 3,29 und 3 je 2,79 a grofs wurden 
und 4 von den letzteren sogar eines jeden Zugangs entbehrten. 

5. An zweiter Stelle würde die Frage, welche Grundsätze, ob in den 
zusammengelegten und nicht zusammengelegten Gemarkungen gleichmäfsige, 
gegen die Yerhütung weiterer Zersplitterung anzuwenden, ob und welche 
Bedenken gegen diese geltend zu machen sind und wie sich die zu wählen- 
den Mittel in einzelnen Bestimmungen auszugestalten haben, einer näheren 
Erörterung bedürfen. 

Durch eine Änderung des Erbrechts das erwähnte Ziel zu erreichen, 
ist aussichtslos mit Rücksicht auf das Rechtsgefühl der gesamten rheinischen 
Bevölkerung, die es nicht verstehen würde, wenn zwangsweise die Gleich- 
berechtigung der Erben desselben Grades aufgehoben würde, um so weniger, 
als die bestehenden Gesetze den Eltern das Recht an die Hand geben, den 
Immobiliarbesitz ganz oder teilweise einem Kinde zu vererben oder zu über- 
tragen, sogar unter Zuwendung erheblicher Vermögensvorteile. Die Ände- 
rung des Erbrechts allein würde aber auch den erwünschten Erfolg nicht 
einmal haben können; denn einesteils existieren in dem südlichen und mitt- 
leren Teile der Rheinprovinz nur wenige geschlossene Güter, und nur auf 
diese würde sich das abgeänderte Erbrecht, welches vielleicht die Gestalt 
eines Anerbenrechts annehmen müfste, beziehen können, und andernteils 
würde durch erbrechtliche Bestimmungen die Befugnis des Eigentümers, 
durch Rechtsgeschäfte unter Lebenden die Abverkäufe und Zersplitterungen 
vorzunehmen, nicht aufgehoben werden. Der Erlafs eines Gesetzes, durch 
welches eine obligatorische oder fakultative Eintragung in eine Höferolle 
nach Mafsgabe der für andere Provinzen bestehenden ähnlichen Bestimmun- 
gen angeordnet werden sollte, würde schon aus dem erwähnten Umstände, 
dafs nur sehr wenige geschlossene Güter vorhanden sind, einen praktischen 
Erfolg nicht haben. 

Es bleibt nur das Mittel übrig, durch Festsetzung einer Minimal- 
parzelle der weiteren Zersplitterung vorzubeugen. 

6. Was zunächst die Bedenken anlangt, welche grundsätzlich der Ein- 
führung der Minimalparzelle entgegenstehen sollen, so wird zunächst hervor- 
gehoben, dafs die Eigentümer trotz der im Gesetze anzudrohenden Nichtig- 
keit die Teilung in Parzellen geringerer Gröfse und deren Abverkauf den- 
noch thatsächlich vornehmen würden. Ein ähnliches Bedenken ist geäufsert 
worden, als die notarielle oder gerichtliche Beurkundung oder als die Auf- 
lassung als Erfordernis für die Gütigkeit einer Zuteilung oder eines Ver- 
kaufes von Grundstücken gesetzlich vorgeschrieben wurde; man glaubte, dafs 
ohne Erfüllung dieses Erfordernisses der Giltigkeit Verkäufe und Zuteilungen 

13* 



196 !• Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

stattfinden, und heillose Verwirrungen eintreten würden. Die Erfahrung hat 
das Gegenteil ergeben, und ebenso wird, wenn einmal eine Minimalparzelle 
gesetzlich festgelegt ist, ein dem Gesetze zuwiderlaufender Zustand nicht ein- 
treten ; solche an sich nichtige Verkäufe werden schon mit Rücksicht auf 
die unausbleiblichen gefährlichen Folgen nicht abgeschlossen werden, .und 
um so weniger kann das Bedenken als begründet angesehen werden, als die 
allgemeine Giltigkeit der Grund buchgesetze und mit ihnen die Notwendigkeit 
der zum Eigentumserwerb vorgeschriebenen strengen Formalitäten der Ver- 
wirklichung in der Rheinprovinz entgegensieht. Die Erfahrung, welche in 
anderen Provinzen und Ländern mit der Einführung der Minimalparzelle 
gemacht worden ist, hat auch die Befürchtung nicht bestätigt. Es mag viel- 
mehr der Umstand erwähnt werden, dafs die Einführung der Minimalparzelle 
für die ordnungsmäfsige Führung und Fortschreibung des Katasters und für 
die Anlegung und Fortführung der Grundbücher von der gröfsten Wichtig- 
keit ist, und dafs durch sie, wie jeder Grundbuchrichter und Katasterbeamte 
aus den Gegenden mit zerstückeltem Besitz bezeugen wird, die Übereinstim- 
mung mit der Örtlichkeit erst herbeigeführt, jedenfalls erleichtert wird. 

Das zweite gegen die Einführung der Minimalparzelle geltend gemachte 
Bedenken ist bereits oben berührt und widerlegt; es geht dahin, dafs durch 
diese Einführung das System der freien Teilung, welches mit dem Wesen 
der rheinischen Bevölkerung auf das innigste verknüpft sei, durchbrochen 
werde. Richtig ist, dafs die freie Teilbarkeit durch diese Mafsnahme be- 
schränkt wird ; allein die Beschränkung ist nicht der Zweck des zu erlassen- 
den Gesetzes, sondern das Mittel zur Erreichung eines anderen Zwecks: 
„Die Erhaltimg der in den zusammengelegten Gemarkungen mit großem 
Kostenaufiuand geschaffenen wirtscliaftlichen Zustände und erreichten Vor- 
teile, und in den nicht zusammengelegten Gemarkungen die Verhütung der 
immer zunehmenden Zersplitterung, icelche die zur Bewirtschaftung not- 
wendige Größe, Form, Zugänglichkeit, die Möglichkeit von Meliorations- 
anlagen etc. den Grundstücken nimmt" Die freie Teilbarkeit bleibt be- 
stehen, es wird nur gestrebt, sie mit den eben erwähnten Zwecken zu 
vereinigen. Aufserdem bezieht sich die Beschränkung nur auf einen Teil 
des Grundbesitzes und auf diesen auch wiederum nur in eingeschränkter 
Weise. 

AJs ferneres Bedenken w r ird der Einführung der Minimalparzelle ent- 
gegengehalten, dafs sie ein sozialpolitischer Fehler sei; denn ein Tagelöhner 
würde nicht mehr so leicht wie früher eine kleine Parzelle erwerben und 
sich einen Teil des für ihn und seine Familie notwendigen Unterhaltes auf 
derselben verdienen; der Erwerb eines auch noch so kleinen Grundstücks 
rufe das Gefühl für die Richtigkeit dauernder Zustände hervor und ver- 
hindere den Drang nach dem Wechsel, der die Unzufriedenheit mit be- 
stehenden Verhältnissen erzeuge. Wenn dieser Einwurf auch namentlich 
unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen richtig erscheint, so ist doch 
andererseits wohl zu berücksichtigen, dafs durch die Zersplitterung der Grund- 
stücke in die geringfügigsten Teile die kleinen ländlichen Wirtschaften ver- 



Anlage XII. 197 

nichtet werden, dieser für den Staat ebenso wichtige Stand verarmt, in die 
Klasse der landwirtschaftlichen Tagelöhner oder industriellen Arbeiter gerät, 
und dafs dann bei ihnen der die Unzufriedenheit hervorbringende Wechsel, 
das Wegziehen und Auswandern die unabweisbare Folge sein wird. Neben 
diesem sozialpolitischen Fehler, der durch die Mchtverhütung der Zer- 
splitterung hinsichtlich der Landbevölkerung begangen werden dürfte, wird 
auch das Nationalvermögen in der erheblichsten Weise geschädigt; denn bis 
zu einer gewissen Gröfse ist die vorteilhafte Ausnutzung eines Grundstücks 
möglich; unter dieser Gröfse nimmt dieselbe nicht allein im Verhältnis der 
Kürzung ab, sondern, wie die Erfahrung beweist, reduziert sich die Produktions- 
fähigkeit um eine weitere Quote des abgetretenen Teiles; einesteils wachsen 
die Kosten der Bewirtschaftung unverhältnismäfsig, und anderenteils bleiben 
die Durchschnittserträge der zerkleinerten Grundstücke quantitativ mehr als 
verhältnismäfsig hinter den Erzeugnissen der gröfseren Stücke zurück. Die 
Ansicht, dafs der Bodenwert erhalten bleibe und nur die Bodenrente bei 
unwirtschaftlicher Zerstückelung sinke, dafs die Thorheit dieser Handlungs- 
weise nur der Eigentümer und seine Kinder büfsten, und niemand das Kecht 
habe, dem Eigentümer sein Thun zu verwehren, ist unrichtig. Wenn auch 
die Kegierung nicht die Yerpflichtung hat, überall die Bolle der Vorsehung 
zu übernehmen, so hat sie es doch, wenn sie das Verderben verhüten und 
den Schaden, der durch eine unvernünftige Handlungsweise erzeugt wird, 
abwenden kann, zumal wenn dieser Schaden eine Wirkung auf das all- 
gemeine Wohl äufsert. Buft der landwirtschaftliche Stand, wie dies jetzt in 
der eindringlichsten Weise geschieht, nach Staatshilfe, so mufs er anderer- 
seits ein Staatsrecht anerkennen, die Fälle zu verringern und zu verhüten, 
in welchen die Staatshilfe verlangt wird. — Das erwähnte Bedenken zerfällt 
jedenfalls angesichts des Umstandes, dafs der Möglichkeit, auch kleinere 
Parzellen zu erwerben, in weitgehender Weise Bechnung getragen werden 
soll, denn die Einführung der Minimalparzelle wird hauptsächlich bei den 
der Feldkultur unterliegenden Grundstücken beabsichtigt, eine geringere für 
Wiesen vorgesehen, eine noch geringere oder sogar keine für Gemüseland; 
für den Ortsbering, zu welchem die Häuser der Arbeiter mit den anliegenden 
Gärten gehören, wird sie unter allen Umständen ausgeschlossen. Von den 
der Feldkultur unterliegenden Grundstücken kann aber ein in der Industrie 
beschäftigter Arbeiter eine mit Vorteil zu beackernde Parzelle schwerlich 
erwerben, sie gewifs nicht ohne Vergeudung von Arbeit, Zeit und Geld aus- 
nutzen ; sollte er aber auch ein Stück Ackerland kaufen wollen und können, 
so ist es auch für ihn wirtschaftlich besser, ein Stück von mindestens 
der Gröfse der Minimalparzelle zu kaufen und dann auch ungeteilt zu 
behalten. 

7. Endlich kann der Zweifel erhoben werden, ob die Einführung der 
Minimalparzelle in gleicher Weise in den nicht zusammengelegten Ge- 
markungen, wie in den zusammengelegten Gemeinden anzuordnen sei. 
Wollte man letzteres beabsichtigen, so würde man einen Zustand sanktionieren, 
der trotz der anerkannten und der Begierung zum Bewufstsein gekommenen 



1 98 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Kachteile durch weiter gehende unwirtschaftliche Zerstückelung, also mit 
dem Wissen der Regierung, sich verschlimmern mufs, eine Verschlimmerung, 
welche, abgesehen von dem unmittelbaren Schaden, die Folge haben wird, 
dafs die Zusammenlegung, zu welcher schliefslich immer übergegangen werden 
mufs, nicht diejenigen ausgedehnten Wirkungen haben kann, welche sie bei 
gröfseren Besitzständen thatsächlich hat. Es ist aber auch die Besorgnis 
nicht von der Hand zu weisen, dafs die Beschränkung der Teilbarkeit in 
den zusammengelegten Gemarkungen gegenüber der unbeschränkten Befugnis 
zu teilen, in den nicht zusammengelegten Gemarkungen die weniger ein- 
sichtsvollen Eigentümer der letzteren bestimmen könnte, von einem Antrage 
auf wirtschaftliche Zusammenlegung abzusehen. Die dagegen angeführte 
Meinung, die einsichtsvolleren Eigentümer würden noch eher ihrer Neigung 
zum Zusammenlegen folgen, weil infolge der durch die Zusammenlegung 
verhinderten fortgesetzten Teilbarkeit die Vorteile der Zusammenlegung ge- 
sichert würden, ist schon deshalb nicht als richtig anzuerkennen, weil der 
Nutzen der Zusammenlegung an sich den einsichtsvolleren Grundbesitzern 
einleuchten mufs, und sie diesen Nutzen sich verschaffen können, sobald 
sie wollen. 

8. In vielen deutschen Ländern ist die Minimalparzelle eingeführt, und 
überall hat die Landbevölkerung mit den sie einführenden Gesetzen sich 
nicht allein befreundet, sondern in einzelnen Gegenden eine Erhöhung des 
Minimums gewünscht. 

Von den die Minimalparzelle einführenden Gesetzgebungen sollen nur 
diejenigen, welche für die Rheinprovinz von besonderem Interesse sind, 
einer näheren Erörterung unterzogen werden. 

(Folgen die gesetzlichen Bestimmungen für die Grofsherzogtümer Baden, 
Hessen und Sachsen -Weimar -Eisenach, sowie für den Regierungsbezirk 
Wiesbaden und für Hohenzollern-Sigmaringen.) 

9. Wenn man die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen nebeneinander- 
stellt, so erscheinen die im Regierungsbezirk Wiesbaden geltenden und dort 
allgemein als richtig anerkannten als diejenigen, welche auch für die Rhein- 
provinz sich eignen. Die hervortretende Verschiedenheit mit den übrigen 
Gesetzen beruht fast ausschliefslich auf der Verschiedenheit der örtlichen 
Verhältnisse, welchen Rechnung zu tragen war. Die Feststellung der nach 
den Kulturarten der Grundstücke sich richtenden Klassen ist naturgemäfs 
dieselbe, und die Bestimmung, ob das einzelne Grundstück unter die eine 
oder andere Gattung zu rechnen ist, entscheidet nicht die im Kataster oder 
Grundbuch oder Stockbuch eingetragene Kulturart, sondern diejenige, zu 
welcher sich das Grundstück dauernd eignet und benutzt wird. 1 ) 

a) Die Minimalgrenze für das Ackerland in Baden ist 9 a, welche 
Bestimmung in Baden selbst als zu niedrig angesehen wird, 2 ) in Hessen 10 a, 
in Sachsen- Weimar -Eisenach für zusammengelegte Gemarkungen 30 a, in 



J ) cfr. Reg. Verf. für Wiesbaden 6. April 1868. Holzapfel S. 8. 
2 ) Schlitte Zusammenleg. II. S. 442. a. 3. 



Anlage XII. 199 

Sigmaringen 11,72 a und im Begier angsbezirk Wiesbaden 12,50 a. Die 
beiden letzten Bestimmungen gehen nicht weit auseinander und treffen auch 
für die Verhältnisse der Kheinprovinz zu. Bei Festsetzung der Gröfse waren 
zu berücksichtigen die Bevölkerung, die Beschaffenheit des Bodens, die Acker- 
geräte, welche gebräuchlich sind, und die Zeit, in welcher eine bestimmte 
Wirtschaftsarbeit verrichtet werden kann. Sollte in einzelnen Gegenden eine 
gröfsere Fläche als Minimum wünschenswert erscheinen, so wäre dies kein 
Grund, die geringere von der Hand zu weisen. 

b) Die Minimalgrenze für Wiesenparzellen ist in Baden 9 a, in Hessen 
6 a, in Sachsen -Weimar -Eisenach 15 a, in Sigmaringen 11,72 a, und im 
Kegierungsbezirk Wiesbaden 6,25 a. Auch hier entspricht das Nassauische 
Mals, welches mit dem Hessischen übereinstimmt, dem Wirtschaftsbetrieb in 
der Rheinprovinz; das höhere Hohenzollernsche findet in dem dortigen, auf 
Wiesenkultur und Viehzucht beruhenden Wirtschaftsbetriebe seine Er- 
klärung. 

c) Die Gartenparzellen und Weinberge unterliegen in Baden nur dann 
einer Minimalgrenze, wenn Gemeinderat und Bürgerausschufs eine solche 
beantragen, in Hessen überhaupt nicht, ebensowenig die Obstbaumstücke und 
Krautländereien, in Sachsen -Weimar -Eisenach und in Hohenzollern sind 
ebenfalls Gemüse-, Kartoffel- und Gartenland ausgeschlossen; nur in dem 
Regierungsbezirk Wiesbaden werden die Gartenparzellen und die Grünfutter- 
wiesen in geschlossenen Distrikten einer Minimalgrenze von 5 a und die 
Kraut- und Gemüsefelder in geschlossenen Distrikten einer solchen von 3,75 a 
unterworfen. Die nassauischen Bestimmungen erscheinen für die Rhein- 
provinz nicht geeignet, es dürfte vielmehr für diese Grundstücke von der 
Bestimmung einer Minimalparzelle überhaupt abzusehen sein, selbstverständlich 
ist dabei, dafs, sobald Grünfutterfelder, Kraut-, Gemüse- und Kartoffel- 
ländereien nicht in geschlossenen Fluren liegen, sie unter a) fallen. Auch 
der Gang der Gesetzgebung in Nassau beweist, dafs bei diesen Kulturarten 
die Regierung sich immermehr zu einer Reduzierung des Minimalmafses ge- 
drungen gefühlt hat. 

d) Waldparzellen, Reutfelder und Weiden unterliegen in Baden dem 
Minimalmafs von 3,60 ha, die Waldparzellen in Hessen einem solchen von 
50 a. Wünschenswert wäre die Einführung eines Minimalmafses auch für 
die Rheinprovinz, zumal wenn man bedenkt, dafs die Waldparzellen mit 
Ausnahme von einigen Komplexen in kleinen Absplissen zwischen Gemeinde- 
und Staatswaldungen zerstreut liegen. Die nachstehende Ausstellung ist für 
die im Westerwald befindlichen Privatwaldungen bezeichnend. 

(Es folgt eine Tabelle für 4 Westerwaldgemeinden. Die dortigen 
Privat Waldungen umfassen 1041,2532 ha mit 1659 Parzellen, von denen sich 
1269, also 76% unter der Gröfse von 50 a befinden.) .... In dem Kreise 
Ahrweiler ist die Zerstückelung fast ebenso grofs. 

Für den Kreis Lennep giebt die nachstehende Aufstellung ein anschau- 
liches Bild der Zerstückelung des Privatwaldbesitzes. 

(Folgt eine Tabelle für 13 Gemarkungen mit 11769,21 ha Privatwald.) 



200 I- Oberlandesgerichtsbezirk Köln. 

Yon den 19102 Parzellen^ in welche sich der Privatwald zerteilt, sind 
nur 15% gröfser als 1 ha, 85% unter 1 ha und 40% unter 25 a. Bei 
einem so zersplitterten Besitz ist an eine forstmäfsige Bewirtschaftung nicht 
zu denken, und thatsächlich wird auf den kleinen Parzellen das aufstehende 
Holz abgehauen, eine Wiederaufforstung nicht vorgenommen, und die kahlen 
Hänge bringen in wasserwirtschaftlicher, klimatischer und landeskultureller 
Beziehung die gröfsten Schäden; zugleich verringert sich das Yermögen des 
Eigentümers dadurch, dafs der abgeholzte Waldboden ihm keinen oder nur 
sehr geringen Ertrag liefert. Wenn auch nicht immer an eine forstmäfsige 
Bewirtschaftung nach den Kegeln der Porstwirtschaft bei einer jeden Par- 
zelle gedacht werden kann, so dürfte doch der stets weiter um sich greifenden 
Zersplitterung durch die Pestsetzung einer Minimalparzelle Einhalt zu ge- 
bieten sein, um eine Bepflanzung und Ausnutzung zu ermöglichen und 
andererseits die dem allgemeinen Wohl erwachsenden Schäden möglichst zu 
verhüten. Ist die Richtigkeit dieses Standpunktes nicht zu verneinen, so würde 
die Bestimmung der Gröfse lediglich von der Annahme abhängig sein, ob 
eine nach den strengen Regeln der Forstwirtschaft auszuübende Nutzung, 
Anpflanzung etc. ins Auge zu fassen ist, oder nicht, und je nach der Be- 
antwortung würde dem badischen oder dem hessischen Gesetze der Vorzug 
zu geben sein. Unter Berücksichtigung der rheinischen Verhältnisse, welche 
den hessischen gleichen, dürfte auch die in Hessen angenommene und dort 
bewährte Minimalparzelle von 50 a den Vorzug verdienen. 

Was die Fälle anlangt, in welchen die gesetzlichen Bestimmungen über 
die Minimalparzelle nicht zur Anwendung kommen, so kann 

a) in Baden, Hessen und Nassau in einem jeden einzelnen Falle von 
der zuständigen Verwaltungsbehörde eine Teilung auch unter dem gesetz- 
lichen Mafse ausnahmsweise gestattet werden; die geeignetste Behörde wäre 
bei der gegenwärtigen Verwaltungsorganisation für die Rheinprovinz die 
Generalkommission wegen ihres über die ganze Provinz sich erstreckenden 
Wirkungskreises, ihres grofsen sachverständigen Personals und ihrer Stellung 
als eigentliche landwirtschaftliche Fachbehörde, zu deren Zuständigkeit die 
Ausstellung der Unschädlichkeitsatteste bei Abverkäufen und Austauschungen 
und die Bestimmung der Zulässigkeit der Teilung gemeinschaftlicher Holzungen 
schon jetzt gehört, welche also gewifs auch die Notwendigkeit und Nützlich- 
keit von Verkäufen und Teilungen unter der Minimalgröfse zu beurteilen, 
berufen sein dürfte. 

b) Bei Ausführung einer Zusammenlegung ist. im Regierungsbezirk 
Wiesbaden der Generalkommission gestattet, aus besonderen Gründen eine 
geringere Gröfse als das Minimum eintreten zu lassen; selbstredend bezieht 
sich dies nur auf den Auseinandersetzungsplan, so dafs bei zukünftigen 
Teilungen die Eigentümer einer zusammengelegten Flur das gesetzliche Mini- 
mum zu berücksichtigen, verpflichtet sind. Eine solche Ausnahme ist bei 
allen Zusammenlegungen notwendig. 

c) Auf folgende Fälle findet die Minimalbegrenzung fast übereinstimmend 
in allen Gesetzen keine Anwendung: 



Anlage XII. 201 

1. auf die Fälle der Zwangsenteignung, 

2. die Abtretung eines Teiles mittelst freiwilliger Vereinbarung zum 
Zweck von Landesmeliorationen, Bewässerungs-, Entwässerungsanlagen, Flufs- 
regulierungen, oder sonst in öffentlichem Interesse zu Staats-, Gemeinden-, 
Verkehrs- und Kirchenzwecken, 

3. zur Erbauung von Wohnhäusern, oder Gebäuden, welche landwirt- 
schaftlichen oder industriellen Zwecken dienen, 

4. auf Grundstücke im Ortsbering, 

5. auf Weinberge, Gärten, Obstbaumstücke, Setzlings- und Pflanzen- 
beete, Bleichplätze, sowie auf Gemüse-, Kartoffel- und Futterfelder, die 
letzteren drei unter der Voraussetzung, dafs sie in geschlossenen Distrikten 
liegen, 

6. auf eine Teilung zwecks Vereinigung der abgeteilten Parzelle mit 
einer angrenzenden zu einem Grundstücke, falls das Keststück den gesetz- 
lichen Erfordernissen entspricht. 

Die erwähnten sechs Ausnahmefälle dürften auch auf die Rheinprovinz 
Anwendung finden. Dagegen scheint es überflüssig zu sein, die in einigen 
Gesetzen angenommene Ausnahme auch für die Rheinprovinz gesetzlich be- 
sonders festzustellen, dafs in Zusammenlegungen die reale Absonderung eines 
Teiles aus einem für mehrere alte Grundstücke ausgewiesenen Gesamtplane 
für ein besonders verpfändetes Grundstück zwecks Zwangsvollstreckung auch 
unter der Minimalgröfse zu erfolgen habe; denn es ist selbstredend, dafs die 
vorhandenen Grundstücke, welche diese Gröfse nicht erreichen, von dem zu 
erlassenden Gesetze nicht berührt werden, und der real ausgesonderte Teil 
ist nur das Surrogat des alten Grundstücks; dasselbe trifft zu, wenn der 
ausgesonderte Teil des Planes das Aequivalent eines die Minimalgrenze über- 
steigenden Grundstücks ist. 

Endlich ist noch die Bestimmung zu erwähnen, welche in mehr oder 
weniger positiver Weise in Baden, Hessen und Sachsen-Weimar-Eisenach 
eingeführt ist, dafs die Ackerländereien nur auf die Wege geteilt werden 
dürfen, und wenn dies nicht möglich ist, dafs ein besonderer Weg für die 
abgesonderten Teile angelegt werden mufs, dafs auch jeder Teil einer Wiese 
zugänglich zu machen ist, und dafs den Beamten, welche an den Teilungs- 
und Verkaufsurkunden mitwirken, die Verpflichtung auferlegt wird, auf die 
Beobachtung dieser Bestimmung zu halten und eventuell die Aufnahme des 
Aktes und die Eintragung zu verweigern. Eine gleiche Bestimmung ist auch 
für die Rheinprovinz von grofser Bedeutung und kann weder im Geltungs- 
bereich der Grundbuchgesetze, noch des Gesetzes vom 20. Mai 1885 auf 
Schwierigkeiten stofsen. 

Düsseldorf, den 14. Dezember 1895. 



Druck von Hermann Beyer <fc Söhne in Langensalza. 



Druckfehler. 

Auf S. 6, Anmerkung, lies statt Anhang I: Anhang XI. 
„ ,, 98, Zeile 25, lies statt altverbreitete; allverbreitete. 
„ „ 133, Spalte 6 der Tabelle, ist der Prozentsatz für Grevenbroich nicht 22,9 sondern 42,9. 



fcrerbiwff des Itwdtühat Grundbesitzes Ik'oln 



Die Vererbung des selbständigen bäuerlichenUrundbesitzes 

im Bezirk 
\ des (Tberlandesgeriehtes Köln. 





lEtirirujs/uuUBl 



fesdilussrne Vererhu/Uf ha 



r— — -\ Oese/Uossr/ie \ ererlut 



Geschlossene Vcrcrbunu.Bemertung < {,:•>■ 

I -i Grundbesitzes ohne b'ücksicht auf die 

| Elilülhuiti der Leistung* fubujkeii des 

lehcrneftmers. 



_| Xa Iura Rettung. 



Das Vorkommen verschiedener Vererüu 
arten in demselben Bezirk ist durch en 
cbend gefärbte Streifen angedeutet. 



Zeichen - Erklärung. 
-iwv^A^. Wdsserläu/e. 

■ Grenze des iiberltindcsaericlils 

Bezirks Köln. 
■ — '-----•. /i c<p cit t lu/sbc v.i it. si/ren 7.en. 

■■■■- •*■■■"-■- Kreisgrcnic/i . 

Zelt Kreisstadt 

Trcu'bcuh Amtsgerictdss iL?. 



: IViill'irfY MiHorhti MV H-.1--H, , 



Vererbung des JändEdun Grundbesitzes tkoln 



\nteil der Kleinbetriebe (bis 10ha) an der Gesanihvirtschaftsflürhe 
in der Rheinprovinz 

naJi ttcn i>-.i|cl'»iiij.vn c(<'i 'i'Dfiiij'.xaljl'iuKj «n« 5.@lu 




Zeiditn ErJdärang 

^ WcLsserliiu/c . 

,/< -5 Oberltmäesgerklits 
Bezirks Köln . 
—'-»-—-. /li'c/K'iniK/rJi.'/.ir/.-si/rerizc/i 
.. — -v., ■-..-. grasffpenzen*. 
Zell Kreisstadt 

'(rarbaeh AmtsgcrüSdssU. ?■ 



V.>rl.n4-I.iirlihnndlimj I'juIK.t 



rrrrrbtuu) den landtiehai liriuidbc.iily.es 1 Köln. 



Aul fit des Pachtlandes an derWirtschaffsfläche 
in der Rheinprovinz 

•j&m) ,carli dn,J'. i ,| f ['.i llM ü dei^Tuj'^.ljfuuc, ,.<„,, .") t 't„,u 1882 




V.'1'l.i^l.n..-hli.imllinifi l'.ml I'.it -.■■,• in Berlin . 



t't-rerfai/iff des lundtidicn GrundticsH7.cs I h'olri 



BevölkeningsbewciiiMiii inier Rh einprovinz 
7? -1895. 




Bis /0"o I I 

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WasserläiiA. 
Grenze des OberUndesgeriäas 

Bezirks Köln . 

..--,_—. H,yierunijsbezu-1iS/imiY.ai- 

...- v.-- ß-eUffrenzen . 

ZM Kreisstadt 

Trarbarlt AmtsgClÜlltssit?. 



Verlagsbuchhandlung Paul l'arevmBerlin ^ W !(.■• I,-, 






II. 

Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

unter Ausschlufs der Hohenzollernschen Lande, 
bearbeitet von 

Dr. K. Hirsch, 

in Wiesbaden. 



Vererbung des ländlichen Grundbesitzes, n. Frankfurt a. M. 



Einleitung. 



Der Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. zerfällt in die Land- 
gerichtsbezirke Frankfurt a. M., Wiesbaden, Limburg a. d. L., Neuwied und 
Hechingen. Gegenstand dieser Darstellung ist das Gebiet der vier ersten 
Landgerichte; 'der Landgerichtsbezirk Hechingen (Hohenzollern) wird ge- 
trennt für sich folgen. — Nach politischen Grenzen umfafst jenes Gebiet 
den Regierungsbezirk Wiesbaden mit Ausnahme des Kreises Biedenkopf 1 ) 
(d. i. das ehemalige Herzogtum Nassau, das einst landgräflich hessen- hom- 
burgische Amt Homburg, die früher freie Stadt Frankfurt a. M. mit den zu 
ihr gehörenden Dorfschaften sowie vormals grofsherzoglich-hessische Gebiets- 
teile) und den rechtsheinischen Teil des Regierungsbezirkes Coblenz 2 ) (Bezirk 
des ehemaligen Justizsenates Ehrenbreitstein). 

Im Süden und Westen vom Main und Rhein umflossen, grenzt es im 
Osten an die Provinz Oberhessen des Grofsherzogtums Hessen und an das 
frühere Kurfürstentum Hessen, im Norden an die Provinz Westfalen und 
das Gebiet des Rheinischen Rechts. 

Im äufsersten Süden und Westen begleiten Main und Rhein ein frucht- 
bares und sonniges, durchgehends hügeliges Thalgebiet, welches vom Rheingau 
aus sich allmählich nach Osten hin erweitert und zwischen Frankfurt und 
Hattersheim zu einer fast ebenen Fläche wird. An diese Ebene schliefst 
sich, nordöstlich gerichtet, erst flachwellig abgedacht, dann steiler abfallend, 
der Taunus mit seinen zahlreichen Heilquellen und Brunnen an, dem Rhein 
als Rheingauer Bergland mit ausgezeichneten Rebenhügeln näher tretend. 
Der steilere südöstliche Abfall bietet der Bearbeitung des Kulturbodens grofse 
Hindernisse. Auch die nördliche Abdachung ist in den höheren Teilen 
infolge der heftigen und rauhen Winde und des meist flachgründigen, 
leichten Bodens unwirtlich. Der Taunus senkt sich nördlich, in den tieferen 
Lagen mit fruchtbaren kalkhaltigen Böden zum Lahnthal hinab, das in den 
meisten Teilen eng und nur dem Waldbau zugänglich, am mittleren Flufs- 
lauf sich erweitert und hier einen höchst ergiebigen milden Lehmboden be- 
sitzt. Auf der Nordseite erhebt sich stufenartig das Gebiet des Westerwaldes, 



*) Er gehört zu dem Oberlandesgerichtsbezirke Cassel. 

2 ) Mit Ausnahme der Bürgermeistereieo Friesenhagen und Wissen rechts der Sieg 
(Kreis Altenkirchen). 



4 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

ein flachwelliges, weitausgedehntes Hochplateau mit einem vielfach recht 
günstigen, namentlich graswüchsigen Basaltboden. Aber in den höheren, 
rauhen und waldarmen Teilen kann die Landwirtschaft nur mit unsicherem 
Erfolg betrieben werden. Das Gebirge fällt im Norden steil zur Sieg ab 
und tritt westlich meist hart an den Khein heran, nur an zwei Stellen e^n 
breiteres Flachland frei lassend: das sog. Neuwieder Becken und eine kleine 
Ebene zwischen den Bahnstationen Eheinbrohl und Hönningen. 



Im Gebiete der vier Landgerichte gilt subsidiär das gemeine Kecht, und 
der früheren politischen Gestaltung entspricht eine beträchtliche Mannigfaltig- 
keit der Partikularrechte. Zwar hat das ehemalige Herzogtum Nassau seit 
der 1816 erfolgten politischen Konsolidation die Privatrechts -Gesetzgebung 
einheitlich gestaltet und den älteren Landrechten fast alle Bedeutung ge- 
nommen — es kamen hier hauptsächlich die Nassau -Catzenellenbogische 
Landesordnung von 1616, das Trierer Landrecht von 1668, das Mainzer 
Landrecht von 1755 imd das Pfälzische Landrecht von 1582 in Betracht. 
Nach wie vor gelten aber in der früheren Landgrafschaft Hessen -Homburg 
die landgräflichen Verordnungen, in Frankfurt a. M. die Frankfurter Befor- 
mation von 1611, in den vormals grolsherzoglich hessischen Dörfern die 
hessischen Gesetze und die Solmser Gerichts- und Landesordnung von 1571. 
Auch im Bezirke des ehemaligen Justizsenates Ehrenbreitstein sind die ur- 
sprünglichen Statuten der einzelnen Landesteile erhalten geblieben, jedoch 
grofsenteils antiquiert. Es sind dies aufser den erwähnten Trierer und 
Mainzer Landrechten, der Nassau - Catzenellenbogischen Landesordnung 
und der Solmser Gerichts- und Landesordnung die Kurkölnische Rechts- 
ordnung von 1663, das sog. Lamprecht'sche Statut von 1743, das Bendorf er 
Gewohnheitsrecht und das Hachenburger Statut von 1764. 

Die Grundzüge des geltenden ehelichen Güterrechts und Intestat-Erb- 
rechts stimmen indessen in allen diesen Gebietsteilen überein. 

Das gesetzliche Erbrecht ist das der Novelle 118, die Berufung der 
4 Klassen, die Teilung zu gleichen Quoten nach Stämmen. Pflichtteils- 
berechtigt sind die Descendenten, Ascendenten und gegenüber den personae tur- 
pes auch die vollbürtigen Geschwister. Im weiteren Sinne Noterbin ist auch 
die arme Wittwe hinsichtlich ihrer Quart. Der Pflichtteil beträgt beim Vor- 
handensein von 1—4 Kindern für jedes von ihnen y 3 , sind 5 und mehr 
Kinder hinterblieben, 1 / 2 der Instestatportion. 

Das eheliche Güterrecht interessiert für die Zwecke dieser Darstellung 
nur insoweit, als es Antwort auf die Frage giebt: Wie wird der Nachlafs 
bei dem Tode des einen oder beider Ehegatten behandelt? In dem Gebiete 
des. vormaligen Appellationsgerichtes Wiesbaden 1 ), dem ehemaligen Herzog- 
tum Nassau und der früheren Landgrafschaft Hessen-Homburg gilt die 



x ) Die folgende Darstellung nach Neubauer ,,Das in Deutschland geltende eheliche 
Güterrecht''. 2. Aufl. Berlin 1889. 



Einleitung. 5 

reine Errungen schaftsgemeinschaft. Bei Trennung der Ehe durch den Tod 
eines der Ehegatten wird jedoch das Auseinanderfallen des Errungenen 
in zwei Teile und das Anfallen des Einbringens des verstorbenen Teiles 
an seine Erben durch ein selbst im Wege testamentarischer Disposition 
nicht entziehbares, sehr ausgedehntes Nutzungsrecht des überlebenden Ehe- 
gatten am gesamten Nachlasse des verstorbenen Teiles gehindert, welches 
als „Leibzucht" bezeichnet wird. Die Leibzucht endet mit dem Tode des 
Berechtigten; der Leibzüchter hat aber die Verpflichtung, die hinterblie- 
benen Kinder zu alimentieren und ihnen bei der Verehelichung bezw. Grün- 
dung einer separata oeconomia eine angemessene Ausstattung aus dem ein- 
gebrachten und errungenen Vermögen des Verstorbenen zu gewähren. Die 
Gröfse dieses herauszugebenden Vermögensteiles wird durch richterliches 
Ermessen bestimmt, wobei als Regel die Pflichtteilsquote angenommen wird. 
Nicht wesentlich verschieden hiervon ist das Recht des vormaligen Frankfurter 
Appellationsgerichtes. Es wird ebenfalls als Errungenschaftsgemeinschaft be- 
zeichnet. Wie das eingebrachte Vermögen dem Gebrauche nach, so wird das 
Erworbene dem Eigentum nach gemeinsam. Aufser der Hälfte der Errungen- 
schaft erbt der überlebende Ehegatte auch noch die Hälfte aller Mobilien und 
den Niefsbrauch an dem auf die Kinder fallenden Vermögen. Nicht minder 
gilt die Errungenschaftsgemeinschaft mit kleinen, unwesentlichen Abweichungen 
im Gebiete des ehemaligen Justizsenates Ehrenbreitstein. 

Im Endziele laufen alle Systeme auf dasselbe Prinzip hinaus: Die 
Kinder können bei dem Tode eines der Eltern die ihnen zustehende Intestat- 
portion nicht kraft Rechtens zur freien Verfügung verlangen; ihr römisch- 
rechtlicher Intestaterbanspruch ist überall durch die Rechte des überlebenden 
Ehegatten für dessen Lebensdauer wirtschaftlich aufser Wirkung gesetzt. 

Das eheliche Güterrecht scheint den Bedürfnissen der bäuerlichen Be- 
völkerung zu entsprechen; denn in keinem unserer Berichte wird erwähnt, 
dafs es durch Eheverträge aufer Kraft gesetzt würde. 



I. Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des 

Grundbesitzes. 

Man kann das Gebiet der vier Landgerichte der obigen Darstel- 
lung entsprechend nach seinem natürlichen Aufbau, seinen dadurch wesent- 
lich bedingten Produktions- und Absatzverhältnissen in 5 Bezirke teilen: 
Kreise Amtsgerichtsbezirke 

I. Bezirk (Westerwalcl) 
Koblenz (Land). Ehrenbreitstein. 

Neuwied. Neuwied, Linz, Dierdorf, Asbach. 

Altenkirchen. Altenkirchen, Wissen, Kirchen, Daaden. 

Unterwesterwald. Grenzhausen, Selters, Montabaur. 

Oberwesterwald. Hachenburg, Marienberg. 

Westerburg. Rennerod, Wallmerod. 

Dill. Dillenburg, Herbon. 

IL Bezirk (Bahngebiet). 
Wetzlar. Ehringshausen, Braunfels, Wetzlar. 

Oberlahn. Weilburg, Runkel. 

Limburg. Hadamar, Limburg, Kamberg. 

Unterlahn. Diez, Katzenelnbogen, Nassau, Ems. 

III Bezirk (Taunus). 
Obertaunus. Homburg, Königstein. 

Untertaunus. Langenschwalb ach, Wehen, Idstein. 

Ein Teil d. Kr. St. Goarshausen. Niederlahnstein, Braubach, Nastatten. 
Usingen. Usingen. 

IV. Bezirk (Rheingau). 
Rheingau. Rüdesheim, Eltville. 
Ein Teil d. Kr. St. Goarshausen. St. Goarshausen. 

V. Bezirk (Maingebiet) . 
Wiesbaden (Stadt). Wiesbaden. 
Wiesbaden (Land). Hochheim. 
Höchst Höchst. 
Frankfurt (Stadt). Frankfurt. 
Frankfurt (Land). Bockenheim. 

In allen fünf Bezirken nehmen die Forsten gröfsere Flächen ein als 
das Ackerland. Im Jahre 1893 entfielen von der Gesamtfläche auf: 



) 49,78 ) 

\ 37,77 38,97 ' ?4 | 50,52 



Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes. 7 

Im In Im 

Regierungbezirk den 4 rheini- Königreich 

"Wiesbaden 1 ) sehen Kreisen 2 ) Preufsen 

% % % 

Ackerland 37,05 

Gartenland 0,72 

Wiesen 10,82 6,84 9,39 

Weiden und Hutungen 3,68 2,06 6,33 

Weinberge . 0,65 0,79 0,06 

Die landwirtschaftlich benutzte Fläche 52,92 48,66 66,30 

Forsten und Holzungen 41,24 44,37 23,50 

Sonstige Fläche . . '. 5,84 6,97 10,20 

Yon allen preufsischen Regierungsbezirken hat nur Arnsberg eine gleich 
starke Bewaldung (41,9%). 

Der erste (Westerwald-) Bezirk erhält sein Gepräge durch die Hochebenen 
und Abhänge des Westerwaldes, der ihn fast in seinem ganzen Umfange 
durchzieht, und durch die Nachbarschaft des industriereichen Siegerlandes. 

In den echten Gebirgskreisen (Oberwesterwald, Westerburg und Unter- 
ivesterwald) tritt wie im Dillkreise der Anbau von Brotgetreide stark zu- 
rück, Hafer und Kartoffeln sind die Hauptfeldfrüchte. Wiesen und Weiden 
nehmen grofse Teile von der Gesamtfläche ein. 

Im Jahre 1893 umfafsten in Prozenten der Gesamtfläche: 

die "Wiesen die Weiden und Hutungen 

in den Kreisen Oberwesterwald, Wester- 
burg, Unterwesterwald und Dill . . 15,62 8,13 
im Regierungsbezirk Wiesbaden . . . 10,82 3,68 
im Königreich Preufsen 9,39 6,33 

Auch im Kreise Altenkirchen ist das Weideland noch stark vertreten. 
In den Grenzgebieten nach dem Siegerlande zu, hauptsächlich im Dillkreise, 
tritt die Haubergswirtschaft charakteristisch hervor, in den Kreisen Koblenz 
(Land) und Neuwied findet sich einiger Weinbau, in dem letzteren Kreise 
auch etwas Rübenbau. Durchweg überwiegt der kleinbäuerliche Besitz; ob- 
wohl auf der Hochfläche des Westerwaldes etwas umfangreicher als in der 
Nähe des Rheins, ist er doch auch hier sehr zersplittert. 

Bequeme Gelegenheit zum Nebenerwerbe giebt es nur in einzelnen 
Kreisen des Bezirks für die kleinbäuerliche Bevölkerung. Im nordwestlichen 
Teile, in dem Kreise Altenkirchen, weniger im Kreise Neuwied findet seit 
alter Zeit Bergbau auf Eisenerze statt. Derselbe giebt in Verbindung mit 
Hüttenwerken und industriellen Unternehmungen einer gröfseren Anzahl von 
Kleinbauern und ihren Angehörigen Gelegenheit, das für den Haushalt be- 
nötigte bare Geld zu verdienen. Die mittlere Belegschaft betrug im Jahre 
1894 auf den Bergwerken des Bergreviers Hamm 2156, auf denen des Berg- 



x ) Der Kreis Biedenkopf ist hier miteinbegriffen. 
2 ) Koblenz (Land), Neuwied, Altenkirchen, "Wetzlar. 



8 

reviers Daaden-Kircken 3623 Köpfe. Von den Arbeitern wurden im ersteren 
Reviere 4585, im letzteren 8692 Angehörige ernährt. 1 ) Auch im Dillkreise 
ist die Eisensteinproduktion nicht unbedeutend; sie beschäftigte im Jahre 1894 
1650 Arbeiter, 2 ) und ihr gliedern sich Hochofenbetriebe und zahlreiche 
Eisengiefsereien an. In der Umgegend von Linz finden die Besitzer der 
kleinen Ackerwirtschaften in der Basaltindustrie, bei Neuwied, Engers 
u. s. w. in der Schwemmstein-Industrie Nebenbeschäftigung. In den Amts- 
gerichtsbezirken Montabaur und Grenzhausen, dem Heimatlande der nas- 
sauischen Thonindustrie, sind Kannen- und Krugbäckerei sowie Pfeifen- 
anfertigung häufig mit der Bauernwirtschaft verbunden. 

Den echten Gebirgsgegenden hingegen fehlt jegliche Industrie; der 
Braunkohlenbergbau auf dem hohen Westerwalde ernährt kaum noch 200 
Arbeiter. Der Parzellenbauer, der von seiner Wirtschaft nicht zu leben 
vermag, ist gezwungen, anfangs der Woche auf die Gruben zu wandern, 
um erst Ende derselben wieder nach Hause zurückzukehren. In vielen 
abseits von den Verkehrsadern gelegenen Dörfern hat der Hausierhandel, 
die „Landgängerei u , stark Eingang gefunden. Während der Mann draufsen 
Erwerb sucht, besorgen Frau und Kind im Heimatsdorfe den Ackerbau. — 
Die kleineren Städte am Rhein bieten den Landleuten auch nur spärlichen 
Nebenverdienst. So giebt es neben den eigentlichen Gebirgsgegenden noch 
einzelne Amtsgerichtsbezirke, in denen die Bevölkerung fast ausschliefslich 
auf den Verdienst aus der Landwirtschaft angewiesen ist; dahin gehört im 
Kreise Neuwied der Amtsgerichtsbezirk Asbach, im Kreise Unterwesterwald 
Selters. — 

Im Laknbexirke überwiegt der Körner- und Kleebau, stellenweise wie 
im Unterlahnkreise kommt Weinbau vor. Der Bezirk ist bei weitem frucht- 
barer als der erste. Der grofse Thalkessel um die Städte Diez, Limburg, 
Hadamar und Runkel war die Kornkammer des ehemaligen Herzogtums 
Nassau. Die Viehzucht wird ziemlich stark betrieben, tritt jedoch verhältnis- 
mäfsig mehr zurück als auf dem Westerwalde. Überall an der Lahn blüht 
der Obstbau. Zuckerrübenbau findet sich nur vereinzelt. Industrie, Berg- 
und Hüttenbau sind über den ganzen Bezirk gleichmäfsig verbreitet. „Der 
Kleinbauer sucht die Bewirtschaftung seines Besitzes mit dem Erwerbe 
als Bergmann zu verbinden. Wenn die Feldarbeit seine Arbeitskraft in An- 
spruch nimmt, verläfst er die Grubenarbeit und kehrt zu ersterer zurück; 
diese wieder, wenn er bei der Landwirtschaft entbehrlich geworden, Frau 
und Kindern überlassend." 3 ) Der Bergbau auf Eisenerze sowie auf Blei und 
Silber, auch die Arbeit in den Dachschiefergruben beschäftigen Tausende 
von Händen. 

Zahlreiche Bauhandwerker wandern von hier allsommerlich rheinab- 
wärts und nach Westfalen. Dank der Badeindustrie findet die Landwirtschaft 
bessere Verkaufsgelegenheit als im vorigen Gebiet. — 

1 ) „Jahresbericht der Handelskammer zu Koblenz für 1894". 2. Teil, S. 33. 

2 ) „Jahresbericht der Handelskammer zu Dillenburg für 1894", S. 43. 

3 ) „Jahresbericht der Handelskammer zu Limburg für 1872", S. 8. 



Die Pruduktioiisbedinguugen und die Verteilung des Grundbesitzes. 9 

Der dritte, Taunus-~Bez&rk, betreibt gleichfalls überwiegend Körnerbau. 
Hier finden sich ausgezeichnete Wiesengründe wie bei Schwalbach, rauhere 
Gegenden wie im Kreise Usingen und mildes Klima wie bei Königstein, wo 
das edelste Obst und die zahme Kastanie gedeihen. Die Zuckerrübenkultur 
hat im Obertaunuskreise seit einigen Jahren Eingang gefunden und gewinnt 
von Jahr zu Jahr an Areal. Im Untertaiinaskreise sind gröfsere Weideflächen 
anzutreffen. Weinbau findet sich bei Braubach und Lahnstein. Die Obst- 
ausfuhr ist bedeutend. Die ländliche Bevölkerung strömt von hier stark in 
die Städte ab, in die Fabriken und auf die Bauten von Wiesbaden, Frank- 
furt a. M., Höchst. Der Bezirk des Amtsgerichtes Niederlahnstein wird als 
ein völlig industrieller bezeichnet. Hier wie im Maingebiete sichert der 
starke Fremdenzuflufs in den Taunusbädern der bäuerlichen Bevölkerung 
günstigen Absatz ihrer Produkte. — 

Die wirtschaftliche Eigenart des vierten Bezirkes, des Rheingmis, wird 
durch den Weinbau bestimmt. Nach der Anbaustatistik vom Jahre 1893 
umfafste das Rebland 

im Rheingaukreise 7,93 °/o der Gesamtfläche 

im Regierungsbezirk Wiesbaden 0,65 „ „ ,, 

im Königreich Preufsen . . . 0,06 „ „ „ 

Damit hängt es zusammen, dafs hier nächst den Stadtkreisen die Be- 
sitzungen unter 1 ha am stärksten vertreten sind; alle andern Besitzkategorieen 
treten hiergegen zurück. — Von dem ganzen mit Weinreben bepflanzten Ge- 
biete des ehemaligen Herzogtums Nassau entfielen i. J. 1876 auf die rechte 
Rheinseite (Strecke Biebrich-Lahnstein) 9572 Morgen, auf die Lahngegend 
125 Morgen, auf einzelne abseits von Main, Rhein und Lahn gelegene Orte 
bei Höchst, Königstein und Wiesbaden 136 Morgen 1 ). — 

Innerhalb des Jfam-Gebietes wird ein ziemlich starker Zuckerrüben- 
bau betrieben, ferner Weinbau (Bezirk Hochheim) und in der Nähe der 
grofsen Städte wie in der Umgebung von Höchst Spatenkultur. Die Vieh- 
zucht beschränkt sich wegen des Absatzes in den nahen Städten mehr auf 
Haltung von Milchvieh. Die städtischen Fabriken üben hier die stärkste 
Anziehungskraft auf die ländliche Bevölkerung aus. — 

Man sieht: In den meisten Bezirken ist die ländliche Bevölkerung nicht 
allein auf den Verdienst aus der Landwirtschaft angewiesen; überall, im Süden 
jedoch reichlicher und leichter erreichbar als im Norden des Gebietes, 
findet der Erwerb aus der Landwirtschaft auf die eine oder andere Weise 
seine Ergänzung durch industrielle, kommerzielle und sonstige Neben- 
beschäftigung. Aus den höher und von der Industrie weiter abgelegenen 
Teilen wandern die kleinen Grundbesitzer und ihre Angehörigen stunden- 
weit zu deren Standorten oder gehen als Hausierer ins Land. Einige finden 
auch Erwerb in der Hausindustrie. 

Im höheren Taunus herrscht die Knopffabrikation, Nagelschmiederei, 
Verfertigung von Drahtgeflechten, Perlkränzen, Haarnadeln, die Häkel- und 



*) „Jahresbericht der Handelskammer zu Wiesbaden für 1876", S. 64. 



10 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Filetindustrie, und neuerdings ist dort eine Schule für Korbflechten gegründet 
worden, um diese Hausindustrie einzuführen; auch auf dem Westerwalde, 
in den Kreisen Oberlahn und Usingen giebt es hausindustrielle Korb- und 
Drahtflechter, sowie Besenbinder. Die Töpfer des Westerwaldes wurden schon 
erwähnt. Keste des alten Hausfleifses (Spinnen und Weben) finden sich "im 
Norden unseres Gebietes; auf dem Westerwalde und im Dillkreise werden 
noch bei Beginn jeden Winters die Spinnräder von der Kammer geholt und 
die Webstühle aufgeschlagen; gegen Süden hin wird der Hausfleifs seltener 
und hört im Kheingau und Maingebiet ganz auf. 

Im Winter arbeitet ein grofser Teil der männlichen Bevölkerung in 
den ausgedehnten Waldungen. Nach dem Berichte der Königlichen Re- 
gierung zu Wiesbaden („Resultate der Forstverwaltung") waren im Jahre 
1894 in den Staatsioisten 6803 Arbeiter an ungefähr 266270 Arbeitstagen 
beschäftigt. 

Die Lebenshaltung der bäuerlichen Bevölkerung ist im Gebiete der 
vier Landgerichte durchweg eine genügsame, ja in verschiedenen Gegenden 
spärlich und ärmlich. Allerdings kommt Fleisch bei den wohlh abender e?i 
Bauernfamilien der Main-, Rhein- und Lahngegend fast täglich wenigstens 
einmal auf den Tisch, aber in den rauheren Gebirgsgegenden des Taunus 
und Westerwald besteht die Hauptnahrung aus Milch und besonders Kar- 
toffeln, welch' letztere zu einer grofsen Reihe von Speisen zubereitet werden; 
auch spielt der Kaffee eine bedeutende Rolle im ländlichen Haushalt, während 
Fleischspeisen — in der Regel von einem selbstgeschlachteten Schwein — 
dort nur an Sonntagen oder sonstigen Festtagen, wie Kirmes u. s. w. auf 
dem Tische erscheinen. — 

Die Ergebnisse der Berufszählung von 1895 sind bisher erst zum Teil 
und nur bezirksweise veröffentlicht x ). Im Regierungsbezirk Wiesbaden kamen 
von je 100 Erwerbstätigen der 3 wirtschaftlichen Haupt -Berufsgruppen: 

A. Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht, Forstwirtschaft, Jagd, Fischerei; 

B. Bergbau, Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen; C. Handel und Verkehr 

einschl. Versicherungswesen auf die 

~ Im Jahre 

Gmppe X882 1895 

A 41,11 34,30 

B 43,58 46,66 

C 15,31 19,04 

Das Anwachsen der Gruppen B und C auf Kosten der Landwirtschaft 
tritt klar zu Tage. 

(Folgt die Tabelle S. 11 oben.) 
Die Tabelle zeigt im Vergleich mit dem Staatsgebiet einen sehr hohen 
Prozentsatz der Selbständigen und der mitarbeitenden Angehörigen und eine 
entsprechend geringe Vertretung der bezahlton fremden Hilfskräfte aller Art. 
Diese Eigentümlichkeit prägt sich 1895 noch schärfer aus als 1882. 

Unter Einrechnung der wenig zahlreichen häuslichen Dienstboten und 

*) Statistische Korrespondenz 1896, Nr. 37. 



Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes. 



11 



Yon den im Hauptberuf Erwerbstätigen der Landwirtschaft i. e. S. 
(also ausscbliefslich Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei) waren 





im Reg.-Bez. Wiesbaden 


Im Staatsgebiet 




absolute Zahlen 


Prozent 


Prozent 




1882 


1895 


1882 


1895 


1882 


1895 




1 


2 


3 


4 


5 


6 


a) Selbständige, auch leitende Beamte . 

b) Verwaltungs- Aufsichts- u. Rechnungs- 
personal 

c) 1. Familienangehörige in der Wirtschaft 
des Haushaltungsvorstandes thätig . 

c) 2. Landwirtschaftliche Knechte und 
Mägde 

c) 3. Landwirtschaftliche Tagelöhner mit 
eigenem oder gepachteten Lande . . 

c) 4. Landwirtschaftliche Tagelöhner ohne 
eigenes oder gepachtetes Land . . . 


41201 
114 

31190 

6 725 

(18 041 


46 155 
215 

35 627 
7 025 
4 032 
9 937 


42,36 
0,12 

32,06 
6,91 

' 18,55 


44,82 

0,21 

34,59 

6,82 

13,56 


26,92 

0,91 

18,50 

18,52 

35,16 


29,38 

1,31 

20,61 

19,30 

29,40 


Hauptberufsthätige überhaupt . . . 


97 271 


102 991 


100 


100 


100 


100 



% der Gesamt- 
bevölkerung 
33,82 



der nicht erwerbstätigen Angehörigen umfafste i. J. 1882 die gesamte im 
Hauptberuf landwirtschaftliche Bevölkerung: 

Personen 

im Kegierungsbezirk Wiesbaden 1 ) . . . 248166 
in den Kreisen Koblenz (Land), Neuwied, 

Altenkirchen und Wetzlar . . . . 101290 43,55 

im Gebiete der 4 Landgerichte 349456 36,24 

Im Haupt- oder Nebenberufe betrieben — unter Einschlufs der grundbe- 
sitzenden Tagelöhner — selbständig die Landwirtschaft, Gärtnerei und Züchterei 

im Regierungsbezirk Wiesbaden 2 ) 85 935 Personen 

in den Kreisen Koblenz (Land), Neuwied, Alten- 



kirchen, Wetzlar : 



36171 



im Gebiete der 4 Landgerichte 122 106 Personen. 
Die letzteren Zahlen sind annähernd gleich denjenigen der landwirtschaft- 
lichen Betriebe. Ihre Gröfsenverhältnisse (5. Juni 1882) sind aus folgenden 
Tabellen ersichtlich: 

(Folgen die Tabellen S. 12 oben.) 
Diese Tabellen schliefsen auch solche Betriebe ein, in welchen die 
Landwirtschaft als blofser „Nebenbetrieb" oder nebensächlich ausgeübt wird. 
Erst wenn man die Nebenbetriebe ausscheidet, erhält man ein Bild von 
der Besitz Verteilung innerhalb der selbständig im Hauptberuf Landbau 
treibenden Bevölkerung. 

*) Der Kreis Biedenkopf ist auch hier mit inbegriffen. 

2 ) Preufsische Statistik. Heft 76 (Erster Teil). S. 200 ff. 

3 ) a. a. 0. S. 407 ff. 



12 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 
Regierungsbezirk Wiesbaden. x ) 



Besitzklassen 
von ha 


landwirtschaftliche Betriebe 


landwirtschaftlich benutzte 
Fläche 


Durchschnitts- 

gröfse eines 

Betriebes 












Anzahl 


/o 


ha 


% 


ha 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


0—1 
1—2 


34 789 
14 745 


4 °' 7 l57 9 
17,21 °'' y 


14 183 
23 219 


sw 


0,75 


2—10 


33 037 


38,6 


163 303 


62,9 


4,9 


10—50 


2 856 


3,4 


49 308 


19,0 


17,2 


50—100 


53 


0,1 


5 077 


1,9 


95,8 


100 u. mehr 


28 


0,0 


4 705 


1,8 


168,0 




85 508 


100 


259 795 


100 


3,0 



Kreise Koblenz (Land), Neuwied, Altenkirchen und Wetzlar. 2 ) 



Besitzklassen 
von ha 


landwirtschaftliche Betriebe 


landwirtschaftlich benutzte 
Fläche 


Durchschnitts- 

gröfse eines 

Betriebes 

ha 


Anzahl 


°/o 


ha 


% 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


0—1 

1—2 

2—10 
10—50 
50—100 
100 u. mehr 


17 449 

6 069 

11596 

724 

14 

6 


32,4 

2,0 
0,0 

0,0 


8 336 

11336 

63 309 

18 004 

1 105 

4 419 


!0> 5 

59,5 

16,9 

1,0 

4,1 


0,83 

5,4 

24,8 

78,9 

736,15 




35 858 


100 


106 509 


100 





Die folgende Tabelle 3 ) zählt als „Hauptbetriebe" alle solche, deren In- 
haber bei der Berufsstatistik vom 5. Juni 1882 als selbständige Landwirte 
im Hauptberufe verzeichnet waren. Sie beschränkt sich auf den Eegierungs- 
bezirk Wiesbaden, weil das Material für die einzelnen Kreise nicht ver- 
öffentlicht ist. 

Landwirtschaftliche Hauptbetriebe im Regierungsbezirk Wiesbaden 

Wirtschaftsfläche 



Besitzklassen von 


Anzahl 


% 


% 


0-1 ha 


4835 


11,76 


1,36 


1-2 „ 


6 639 


16,14 


5,46 


2-10 „ 


26954 


56,53 


68,20 


10—50 „ 


2629 


6,39 


20,99 


50—100 „ 


44 


0,12 


1,77 


100 ha und mehr 


27 


0,06 


2,22 




41128 


100 


100 



1 ) Statistik des deutschen Reiches. N. F. Bd. 5. S. 34. 

2 ) Preußische Statistik. Heft 76 (Dritter Teil). S. 210 ff. 

3 ) Zeitschrift des Kgl. preufs. statist. Bureaus. 35. Jahrg. Berlin 1895 S. 173 ff. 



Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes. 



13 



Obwohl hier fast sämtliche Betriebe der untersten Besitzklasse und der 
gröfste Teil der Besitzklasse 1—2 ha weggefallen sind, bleibt doch der Schwer- 
punkt der Grund besitzverteiJung bei den Betrieben von 2 — 10 ha. 

Selbständig (im Haupt- oder Nebenberuf) Landwirtschafttreibende, die 
aufser der Landwirtschaft noch eine oder mehrere Erwerbsthätigkeiten haben, 
waren im Regierungbezirke Wiesbaden 1 ) vorhanden: 



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► 

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1 

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Unter den Personen in Spalte 2 sind 


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solche, welche selbständig treiben 


Tagelöhner 


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1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


12 


13 


14 


15 


16 


17 


0— l 
1-2 

2-10 
10—50 
50-100 

100 u. 
mehr 


27913 

9482 

12784 

730 

14 

7 


— 


9 

5 

22 

8 


38 
33 
69 
19 
1 


4 

8 

24 

4 


76 
134 
622 

78 
1 

3 


1 


2 


35 
18 
83 
11 


17 

5 

146 
76 

7 

3 


266 

226 

522 

58 


784 

391 

1424 

201 

1 


5989 

1389 

740 


871 

162 

161 

2 


8666 
2621 

1774 
4 


6130 

2432 

3457 

66 

2 


Summe 


50930 


- 


44 


160 


40 


914 


i 


2 


147 


254 


1072 


2801 


8118 


1196 


13065 


12087 



Danach sind % YOn allen Landwirten noch anderweitig (im Haupt- 
oder Nebenberuf) beschäftigt, und zwar vorwiegend in 4 Gruppen: 1. als 
Handwerker, Hausindustrielle oder Händler ohne Gehilfen; 2. als Industrie^ 
Arbeiter; 3. als landwirtschaftliche oder sonstige Tagelöhner und 4. als Gast- 
wirte, Fuhrleute, Müller etc. 

Für die einzelnen Bezirke des Berichtsgebiets giebt die Betriebsstatistik 
vom 5. Juni 1882 folgendes Bild der Grundbesitzverteilung, wozu bemerkt 
werden mufs, dafs sich die heutige Kreiseinteilung, auf Grund deren die 
obige Gliederung vorgenommen wurde, nicht überall mit derjenigen vom 
Jahre 1882 deckt. 

(Folgen die Tabellen S. 14 oben.) 

Danach ist die Besitzverteilung in den verschiedenen Bezirken annähernd 
die gleiche. Jedoch treten im Rheingau die Parzellenwirtschaften der Zahl und 
Fläche nach, dem hohen Wert und der Ergiebigkeit des dortigen Bodens ent- 
sprechend, besonders stark hervor, und dieser Prozentsatz wird noch von den 
Kreisen Frankfurt Stadt (70,5%) und Wiesbaden Stadt (67,5% der Gesamt- 



J ) Auch diese Statistik konnte für die nicht zum Regierungsbezirk Wiesbaden gehörigen 
Kreise nicht aufgestellt werden. 



14 



IL Oberland esgeriehtsbezirk Frankfurt a. M. 



Es entfallen von den landwirtschaftlichen Betrieben 





Im Westerwald- 


Im Lahn- 


Im Taunus - 








auf die Be- 
sitzklassen 


gebiete 


gebiete 


gebiete 


Im Rheingau 


Im Maingebiete 


von ha 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


Im 1 „ 
0/ 

ganzen /0 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


0—1 


21891 


42,7 


11575 


41,0 


5 832 


37,7 


5 809 


59,2 


5 038 


52,1 


1—2 


9 634 


18,9 


4 473 


15,5 


2 567 


16,5 


1652 


16,8 


1314 


13,3 


2—10 


18 710 


36,3 


11440 


40,4 


6 551 


42,3 


2 120 


21,7 


2 838 


29,3 


10—50 


1048 


2,1 


938 


3,0 


564 


3,5 


220 


2,3 


489 


5,1 


50—100 


25 


0,0 


14 


0,1 


5 


0,0 


5 


0,0 


16 


0,1 


100 u. mehr 


7 


0,0 


5 


0,0 


6 


0,0 


3 


0,0 


12 


0,1 




51315 


100 


28 445 


100 


15 525 


100 


9 809 


100 


9 707 


100 





Es 


entfallen von der landwirtschaftlich benutzten Fläche 






auf die Be- 
sitzklassen 


Im Westerwald- 
gebiete 


Im Lahn- 
gebiete 


Im Taunus- 
gebiete 


Im Rheingau 


Im Maingebiete 


von ha 


ha 


°/o 


ha 


°/o 


ha 


% 


ha 


K 


ha 


% 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


0—1 


10 411 


6,9 


4 358 


4,7 


2 422 


5,1 


2 284 


11,2 


1956 


6,5 


1—2 


17 667 


11,7 


6 580 


7,0 


3 927 


8,5 


2 467 


12,7 


1993 


6,6 


2—10 


97 992 


64,9 


61092 


66,3 


30 357 


66,1 


9188 


46,9 


13 431 


44,5 


10—50 


20 987 


13,9 


16 825 


17,0 


8160 


17,8 


4 436 


22,7 


8 799 


29,1 


50—100 


2 472 


1,6 


982 


1,0 


296 


0,9 


660 


3,5 


1611 


5,4 


100 u. mehr 


1377 


1,0 


3 889 


4,0 


749 


1,6 


578 


3,0 


2 390 


7,9 




150 906 


100 


93 726 


100 


45 911 


100 


19 613 


100 


30180 


100 



zahl) übertroffen. In den eigentlichen Gebirgskreisen des Westerwaids ist der 
kleinbäuerliche Besitz (2 — 10 ha) stärker vertreten, als die in der Tabelle 
genannten Durchschnittsziffern ersehen lassen, so im Oberwesterwaldkreise 
mit 55,5% der Betriebe, 71,4 % der Fläche, im Unterwesterwaldkreise mit 
44,1 bezw. 75,9%. Die Betriebsklasse 10 — 50 ha gewinnt nur im Main- 
gebiete mit 5,1 % d ßr Betriebe und 29,1 % der Fläche einige Bedeutung; 
hauptsächlich beteiligt ist hierbei der Kreis Wiesbaden Stadt mit 6,7 % der 
Betriebe und 59,8% der Fläche. Der eigentliche Grofsbetrieb (über 100 ha) 
tritt überall ganz zurück. 

Wenig unterscheidet sich von dem vorigen das Bild, welches bei der 
Gebäudesteuerrevision im Jahre 1878 von den Gröfsenverhältnissen der 
ländlichen Privatbesitz ringen gewonnen wurde. 1 ) 



l ) Preufsische Statistik, Heft 103. Die Statistik umfafst in der Prov. Hessen -Nassau 
nur 51% der steuerpflichtigen Liegenschaften, da das öffentliche Eigentum, alle Städte und 
die (stadtartigen) Landgemeinden mit zahlreichen Mietswohnungen ausgeschlossen, mutmafslich 
auch die privaten Forst- und Weideflächen nicht vollständig erfafst sind. 



Die Produktionsbediuguügen und die Verteilung des Grundbesitzes. 



15 



Es entfallen 


von den landwirtschaftlichen Besitzungen 






auf die Klassen 


Im "Wester- 
waldgebiete 


Im Lahn- 
gebiete 


Im Taunus- 
gebiete 


Im Rheingau 


Im Main- 
gebiete 




Im 1 % 

ganzen /0 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


Im 
ganzen 


% 


1 


2 3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


1. Unselbständiger (Par- 
zellen-) Besitz . . 

2. Kleinbesitz (selbstän- 
diger Besitz mit einem 
Reinertrage von unter 
100 Thlr.) .... 

3. Mittlerer Besitz (Rein- 
ertrag von 100 bis 
500 Thlr.) .... 

4. Grofsgrundbesitz 
(Reinertrag von über 
500 Thlr.) .... 


26 567 

5 094 

487 

32 


82,6 

15,7 
1,6 
0,1 


15 690 

3 680 

702 

19 


78,0 

18,4 
3,5 
0,1 


8 418 

1607 
211 

5 


81,5 

16,3 
2,2 

0,0 


2 627 

597 

54 

3 


80,1 

18,2 
1,6 
0,1 


3 049 

971 

755 

17 


63,2 

20,0 

16,8 

0,0 


1 


32 180 


100 


20 091 


100 | 


10 241| 


100 


3 281 


100 


4 792 


100 



Es entfallen von der landwirtschaftlich benutzten Fläche 



auf die Klassen 


Im Wester- 
waldgebiete 


Im Lahn- 
gebiete 


Im Taunus- 
gebiete 


Im Rheingau 


Im Main- 
gebiete 




ha 


°/o 


ha 


% 


ha 


°/o 


ha 


% 


ha 


7o 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


1. Unselbständiger (Par- 
zellen-) Besitz . . 

2. Kleinbesitz (selbstän- 
diger Besitz mit einem 
Reinertrage von unter 
100 Thlr.) .... 

3. Mittlerer Besitz(Rein- 
ertrag von 100 bis 
500 Thlr.) .... 

4. Grofsgrundbesitz 
(Reinertrag von über 
500 Thlr.) .... 


57 133 

39 439 

8157 

16 611 


46,9 

32,5 

6,7 
13,9 


21304 

19 507 
7 902 
3 876 


40,0 

37,2 
15,6 

7,2 


15 955 

11 550 

2 908 
621 


51,0 

37,0 
9,3 

2,7 


4 034 

3 757 
1172 

510 


42,8 

39,8 

12,3 

5,1 


3 326 

3 916 

6 773 

704 


22,5 

26,9 

46,3 

4,3 




121340 


100 


52 589 


100 


32 234 


100 


9 473 


100 


14 719 


100 



Der hohe Anteil des Parzellenbesitzes an der Gesamtzahl der Be- 
sitzungen im ersten Gebiete ist hauptsächlich durch den Dillkreis veranlafst 
(91,4%), der geringere Anteil des Rheingaus an dieser Besitzklasse rührt 
von der Zuziehimg eines Teiles des Kreises St. Goarshausen her; das eigent- 
liche Rebgelände ist auch nach dieser Statistik am stärksten zersplittert. 

Ein erheblicher Teil des Landes, namentlich der gröfseren Besitzungen 
wird von Pächtern bewirtschaftet. In dieser Hinsicht wird über den Re- 



16 IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

gierungsbezirk Wiesbaden geschrieben 1 ): „Eigentlicher landwirtschaftlicher 
Grofsbetrieb, bei welchem der Besitzer selbst die Oberleitung führt, kommt 
im Regierungsbezirk Wiesbaden nicht vor, dagegen besteht eine gröfsere 
Anzahl von landwirtschaftlichen Grofsbetrieben auf mehr oder weniger ge- 
schlossenen Pachtgütern, bei welchen sich der Pächter lediglich auf die 
Oberleitung beschränkt. Solche gröfsere Pachtgüter sind zum Teil im Privat- 
besitz, meist aber Domänengüter. Sie liegen vereinzelt über den Regierungs- 
bezirk Wiesbaden zerstreut, vorwiegend im südlichen Teil des Bezirkes, in 
der Maingegend, dem Landkreis Wiesbaden, dem Kreise Höchst und dem 
Landkreise Frankfurt a. M. mit Einschlufs des vormaligen Amts Homburg. Das 
gröfste Pachtgut, die Domäne Mechtilshäuser Hof bei Wiesbaden, umfafste 
früher 375 ha, ist aber jetzt auf ca. 200 ha verringert und der Rest in 

Parzellen verpachtet worden Während der Grofsbetrieb fast aussen liefs- 

lich von Pächtern ausgeübt wird, sind die mittleren und kleineren bäuer- 
lichen Betriebe meist in den Händen von Eigentümern. Neben dem eigenen 
Grundbesitz bewirtschaften aber sowohl mittlere wie Kleinbauern Pachtland, 
vielfach in grofser Ausdehnung. Das Pachtland bildet nur in wenigen Aus- 
nahmen ein geschlossenes Gut. Der überwiegend gröfste Teil besteht aus 
einzelnen, in den Gemarkungen zerstreut zwischen anderen Grundstücken 
liegenden Grundstücksparzellen, und werden die einzelnen Pachtgrundstücke 
meist auf 8 — 12 Jahre im öffentlichen Ausgebot an die Meistbietenden ver- 
pachtet Bei zusammenhängenden Wiesengrundstücken wird in der Regel 

nur die jährliche Kreszenz öffentlich versteigert, während den Bau der Wiese 
der Grundeigentümer besorgen läfst. 

Eigentümer der Pachtländereien, Ackerland und Wiesen sind in erster 
Linie der Königliche Domänenfiskus, eine grofse Anzahl von staatlichen Fonds- 
verwaltungen, gröfsere Standesherrschaften, wie die Standesherrschaft Schaum- 
burg-Holzappel, die von Wiedsche Standesherrschaft Runkel, die Gräflich 
Leiningen-Weste rburg'sche Standesherrschaft Westerb urg, ferner die Gräflich 
Wald erdorff 'sehe, Freiherrlich von Dungern'sche Gutsverwaltung u. a. m., sowie 
Civil- und Kirchengemeinden, Pfarreien u. s. w. In manchen Gemarkungen 
überwiegt das Pachtland den eigenen Grundbesitz der Landleute. Das par- 
zellierte Pachtland des Domänenfiskus beträgt nach den neuesten Erhebungen, 
in runden Zahlen angegeben, mehr als 7000 ha und besteht aus mehr als 
39 000 Parzellen, welche an etwa 12 000 Pächter verpachtet sind." 

Am 5. Juni 1882 2 ) betrug der Anteil des Pachtlandes an der land- 
wirtschaftlich benutzten Fläche in den 



Kreisen Prozent 


Kreisen Prozent 


Kreisen Prozent 


Westenvaldgebiet 


Westenvaldgebiet 


Lahngebiet 


Coblenz (Land) . 19,9 


Unterwesterwald . 16,1 


Wetzlar . . 8,0 


Neuwied . . . 16,1 


Oberwesterwald . 7,1 


Oberlahn . 14,7 


Altenkirchen . . 14,5 


Dill 3,6 

„Schriften des Vereins für Sozialpol 


Unterlahn . 22,7 


l ) Julius Kessler in den 


itik" „Der Personalkredit 



des ländlichen Kleingrundbesitzes in Deutschland^'. Bd. 74. (1896) S. 2 ff. 
■) Preufsische Statistik, Heft- 76 (Dritter Teil), S. 202 ff. 



Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes. 



17 



Kreisen Prozent Kreisen Prozent 

Taunusgebiet Maingebiet 

Obertaunus . . . 11,6 Wiesbaden, Stadt . 24,0 

Untertaunus. . . 15,7 Wiesbaden, Land . 17,1 

Rheingau . . . 19,6 Frankfurt, Stadt . 56,5 

Der hohe Prozentsatz in der Nähe von Frankfurt und Wiesbaden 
erklärt sich zur Genüge aus der meist auf Pachtland betriebenen Spaten- 
kultur städtischer Marktgärtner. Auch der Fabrikarbeiter, der auf dem Lande 
sein Häuschen besitzt, zieht wie der Bergmann im Unterlahnkreise auf einem 
gepachteten Stückchen Land seine Kartoffeln und Gemüse. 

Die Besitzverteilung, bei der der kleinste und kleine Besitz, auf 
Eigentum und Pachtland begründet, in dem einen Kreise mehr, in dem 
anderen weniger überwiegt, wird, abgesehen vom industriellen Erwerb, da- 
durch erträglicher, dafs der Kleingütler in der Nutzung des Gemeindever- 
mögens einen unentziehbaren wirtschaftlichen Rückhalt besitzt. Der Umfang 
des Gemeindelandes im Berichtsgebiete ist aus den folgenden Zusammen- 
stellungen zu ersehen. Gleichzeitig ist hier der — wie erwähnt, grofsenteils 
in Parzellen bewirtschafte — Grundbesitz der Domänen, Kirchen und Pfarren 
nachgewiesen. Nach dem Ergebnis der Vermessungen zwecks Veranlagung der 
Grundsteuer auf Grund des Gesetzes vom 11. Februar 1870 war im Regierungs- 
bezirk Wiesbaden mit Ausnahme des Kreises Biedenkopf der Anteil der be- 
zeichneten Korporationen an dem Flächeninhalt der ertragsfähigen Liegen- 
schaften folgender: 1 ) 



Q 


Anzahl der Gemeinde-, Flur- 
buchs- und selbständigen 
Gutsbezirke 


Fläche der ertragsfähigen 
Liegenschaften einschl. J§ 
Hofräume u. Hausgärten 


In den ertragsfähigen Liegenschaften (Sp. 3) sind enthalten 


CD 

B 
p" 

PS- 
CD 
CT - 
CD 
tS3_ 

& 

CD 


<! W I- 1 
CD O m: 
H Ö p 

B p £ 

CD P P^ 
M P CD 

ha | o /o 


cß 2 

a p 
p B 

i 

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CD 
ÜB 

% 


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o 

3 

SM 

P 
CD 
P 

ha 


% 




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ff cf 

U p 

CD 

P p 

ha 


\3i 

CD 

P_ 
P~ 
P 
P- 

CD 

hl 
% 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


Städtische 
Ländliche 
Zusammen 


68 
770 
838 


85 682 
384 128 
469 810 


2 580 
130 845 
133 425 


3,01 

34,65 

28,28 


35 218 

696 

35 914 


41,10 
0,19 
7,64 


3 564 
10 068 
13 632 


4,16 
2,62 
2,90 


578 
3454 
4032 


0,67 
0,98 
0,92 



In den gemeinrechtlichen Kreisen der Rheinprovinz stellte sich bei 

der Katastrierung der 60 er Jahre das Verhältnis wie folgt: 2 ) 

(Siehe die Tabelle S. 18 oben.) 

Der Anteil des ländlichen Kommunalvermögens an dem Flächeninhalt 

der Liegenschaften sämtlicher Gemeindebezirke ist von den einzelnen Kreisen 

des Regierungsbezirks Wiesbaden am geringsten im Kreise Frankfurt a. M. 



1 ) Meitzen, „Der Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des preufsischen 
Staates" Band V, Berlin 1894 S. (115) und (125). 

2 ) Meitzen, a. a. O. Band IV, Berlin 1869, Anlage K. S. 450—453. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. M. 2 



18 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 









In den ertragsfähigen (eingeschätzten) Liegenschaften (Sp. 3) 






1 & 


sind enthalten 




Q 


5? '-d 
cd ö: 

g CD 


e der ertragsfä 

schätzten) Li 

Schäften 






CD 

B 

CD 

B' 

(^ 

CD 

er 1 

CD 


Ländlich 
Kommun 

vermöge 


Städtisch 

Kommun 

vermöge 


ö 

o 

B 
W 




Eigentum 
Kirchen i 
Pfarrer 


£ 




cd tr 1 
Cfo &. 


p ^ g 


P ^ CD 


B 




B & 


CD 




cd cn? 
B 2 
i P 










*~" >-i 




Anzahl 


Morgen 


Morgen 


% 


Morgen | % 


Morgen 


% 


Morgen 


/o 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


Städtische 


8 


35 034 


7 


0,02 


11260 


32,14 


8 


0,02 


196 


0,56 


Ländliche 


385 


730 678 


194 695 


26,92 


560 


0,08 


57 


0,01 


14 748 


2,02 


Zusammen 


393 


765 712 


194 702 


25,43 


11820 


1,41 


65 


0,01 


14 944 


1,95 



(7,2 °/ ), am höchsten (45,9 °/ ) im Kreise Untertaunus. In den vier rhei- 
nischen Kreisen schwankt der Prozentsatz zwischen 17,2 (Altenkirchen) 
und 39,1 °/ (Wetzlar). Der gröfste Teil des Immobiliarvermögens der Ge- 
meinden besteht in Waldungen. 1 ) 

Die nassauischen Gemeinden besafsen im Jahre 1857 133 269 Morgen 
Feldgüter und 575 195 Morgen Holzungen. Für die vierziger Jahre unseres 
Jahrhunderts, seit welchen sich jene Yerhältnisse nicht wesentlich verschoben 
haben, teilt Sartorius folgende Zusammenstellung über die Nutzung des Almend- 
landes dieser Gemeinden mit: „Es waren den Ortsbürgern durchschnittlich 
jährlich 18 051 Morgen Weide unentgeltlich und 29027 Morgen gegen eine 
Abgabe von durchschnittlich 25 kr. pro Morgen zur Benutzung überlassen, 891 
Morgen Gemeindefelder unentgeltlich und 2204 Morgen gegen eine Pacht von 
durchschnittlich 3 fl. hingegeben, 21790 Klafter Losholz, 3 207 869 Stück Wellen 
und 3467 Klafter Leseholz und Erdstöcke unentgeltlich und 989 Klafter Losholz 
und 102 952 Wellen gegen eine ganz geringe Abgabe jährlich verteilt worden. 1 ' 

Die neun Gemeinden des ehemaligen Amtes Homburg besafsen im Jahre 
1871 125,4 ha Feldgüter und 1974,9 ha Waldungen, durchweg Gemeinde- 
nutzungen, an denen alle Ortsbürger in gleicher Weise berechtigt waren. Die 
fünf Landgemeinden des Kreises Frankfurt a. M. besafsen zufolge „Nach- 
weisungen aus der neuesten Zeit" — wie es an der citierten Stelle heifst — 
zusammen 115,7 ha Feldgüter und 245,5 ha Wald. 

Im Jahre 1893 nahmen von der grofsen Gesamtfläche unseres Berichts- 
gebietes an Forsten und Holzungen 2 ) ein: 

In den 4 nicht zum 
Reg.-Bez. "Wiesbaden 
gehörigen Kreisen 
Kronforsten .... — 0,8% 

Staatsforsten (einschl. 
Staatsanteilsforsten) . . 21,3 % 4,7 % 30,1 „ 



Im Regierungs- 
bezirk Wiesbaden 



Im Königreich 
Preufsen 



x ) Nach „Statistische Beschreibung des Regierungs-Bezirks Wiesbaden" herausgegeben 
von der Kgl. Regierung zu Wiesbaden. Heft III. „Die öffentlichen Korporationen u. s. w. u 
von O. Saktoritjs. Wiesbaden 1877 passim. 

2 ) Siehe oben S. 7. 



Die Produktionsbedingungen und die Verteilung des Grundbesitzes. 19 



Im Königreich 
Preufsen 





Im Regierungs- 




bezirk Wiesbaden 


Gemeinde forsten . . 


69,0% 


Stiftungsforsten . . . 


0,4 „ 


Genossenforsten (ausschl. 




Staatsanteilsforsten) 2 ) . 


1,1 ,, 3 ) 


Privatforsten .... 


8,2 „ 



In den 4 


nicht zum 


Eeg.-Bez. 


Wiesbaden 


gehörigen Kreisen 


40,5 


V) 


0,8 


77 


19,5 


4 ) 

71 / 


34,5 


7i 



12,5% 
1,0 „ 



2,7 „ 
52,9 „ 

Der Fideikommifsbesitz ist im Regierungsbezirk Wiesbaden ohne gröfsere 
Bedeutung. Ende des Jahres 1895 5 ) waren nur 2,63% der Gesamtfläche. 
4,17% des Grundsteuerreinertrages des Regierungsbezirkes fideikommissarisch 
gebunden. Von dieser Fläche war fast die Hälfte, — 43,74 % — Wald ; 
er umfafste 2,78 % der Waldfläche des Regierungsbezirks. Yon der Ge- 
samtfläche der 29 Fideikommisse, welche mit ihrem Hauptstock dem Re- 
gierungsbezirk angehörten, entfielen 

446 ha =- 3,68 % auf 9 Fideikommisse unter 100 ha 

2 „ von 100—200 ha 
11 „ „ 200—500 „ 

4 „ „ 500—1000 „ 

3 „ „ 1000—2000 „ 

*) Hauptsächlich sind hieran beteiligt die Kreise Neuwied und Wetzlar. In den 
Kreisen Coblenz (Land) und Altenkirchen treten die Gemeindeforsten zurück. 

2 ) Die Anbaustatistik rechnet als Genossenforsten ,. Privatwaldungen von altherge- 
brachten deutschrechtlichen oder von anderen gesetzlich gebildeten Genossenschaften mit 
Gemeinschaft des Waldeigentums oder der Waldwirtschaft". IL a. sind dies Waldungen 
von Markgenossenschaften, Märkerschaften, Erbengenossenschaften etc., Haubergsgcnossen- 
schaften, Gehöferschaften u. s, w. 

3 ) Die Zahl ist fast ausschliesslich auf den Dillkreis zurückzuführen. 

4 ) Es ist hieran fast allein beteiligt der Kreis Altenkirchen, gering der Kreis Neuwied, 
gar nicht Koblenz (Land) und Wetzlar. 

5 ) „Die Fideikommisse in Preufsen am Ende des Jahres 1895", Sonderabdruck aus 
der „Zeitschrift des Kgl. preuis. staust. Bureaus", Berlin 1896. 



290 


,, = 2,39 


3769 


,, = 31,07 


2816 


„ = 23,21 


4810 


„ = 39,65 



2* 



IL Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch 

die Gesetzgebung. 

Die Bodenzersplitterung. 

Unser Gebiet ist fast durchweg mit Gewanndörfern besiedelt, und der 
Kleinheit der landwirtschaftlichen Betriebe entspricht deshalb eine starke 
Parzellierung und Gemengelage des Grundbesitzes. 

Die Anzahl der Besitzer und der Besitzstücke innerhalb der Land- 
gemeinden ist kreisweise für den Regierungsbezirk Wiesbaden in nach- 
stehender Tabelle enthalten. Die Ziffern in Spalte 4 und 7 geben jedoch 
kein ausreichendes Bild von der Bodenzersplitterung, da in ihnen auch die 
nicht von Bauern und sonstigen Privatleuten bewirtschafteten Forsten und 
Weiden mit inbegriffen sind. 







Anzahl der Besitzer 








in zahl der ländlichen 

Gemeinde- 
und Flurbuchsbezirke 


einschl. Forensen 


Anzahl 

der 

Besitzstücke 


* P 


Kreise 


von ertrags- 
^ fähigen 
Liegenschaften 


ö 

? 

ha 


b) 

< 

CD P 
CD V? 


P o 

£. p 

c-t- tr - 

s K 

O Hb 

*? P = 

ha 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


1. Unterwesterwald . . . 


126 


25045 


1,89 


926 


236191 


0,20 


2. Oberwesterwald . 




112 


20534 


2,05 


635 


280254 


0,15 


3. DiU ... . 






68 


16555 


2,74 


477 


282497 


0,16 


4. Oberlahn . . 






83 


21886 


1,95 


923 


293 762 


0,15 


5. Unterlahn 






109 


24010 


2,04 


889 


309569 


0,16 


6. Obertaunus . 






73 


15435 


2,73 


649 


221592 


0,19 


7. Untertaunus . 






95 


14755 


3,63 


553 


289970 


0,18 


8. Rheingau . . 






56 


13576 


2,38 


675 


181 147 


0,18 


9. Wiesbaden (Land) 




42 


12371 


2,27 


733. 


179773 


0,16 


10. Frankfurt a. M. 






6 


1379 


1,20 


. 287 


13184 


0,13 



Erst die Einzelangaben, welche sich in den Berichten und in der 
Litteratur finden, führen den bestehenden Zustand deutlich vor Augen. 
Sie lassen ersehen, dafs nur sehr wenige geschlossene Besitzungen, Hof- 
güter bestehen. 

Das Amtsgericht Rennerod, zu dem der unwirtlichste Teil des Wester- 
waldes gehört, hat eine eingehende Statistik der Bodenbesitzverteilung auf- 
gestellt. In den 39 Gemeinden des Gerichsbezirkes sind vorhanden: 



Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 



21 



Grundbesitzer mit einer Morgenzahl von 1 ) 
unter 15 15—20 20—25 25—30 30—40 40—60 
4818 348 170 71 56 25 

Offensichtlich ist die Zahl der Grundbesitzer bis 15 Morgen zu hoch, 
weil die die Aufstellung besorgenden Bürgermeister vielfach auch die 
Forensen als Grundbesitzer mitgezählt haben, also Doppelzählungen statt- 
fanden. Immerhin tritt das Übergewicht der Kleingüter hervor, die weniger 
als 4 ha bewirtschaften. Die Angaben des Amtsgerichts über die Parzellen- 
zahl in einzelnen Gemeinden schliefsen die Viehweiden und den Wald aus. 
„Es sind hier ohne Auswahl einzelne Gemeinden herausgegriffen und bei 
diesen einzelne Grundbesitzer mit ihrer über den ganzen Gemeindebezirk 
zerstreuten Gesamtparzellenzahl angegeben, wobei aufserdem noch zu be- 
merken ist, dafs mit der Gröfse des Gesamtbesitzes auch die Durchschnitts- 
gröfse der einzelnen Parzellen steigt und umgekehrt." Auch in dieser 
Statistik wird wohl die Gesamtzahl der Besitzer in einigen Gemeinden zu 
hoch sein, so dafs auf den einzelnen Besitzer in Wirklichkeit noch mehr 
Parzellen entfallen, als die Tabelle angiebt. 



Gemeinden 









tel 



'-' CO 03 

5? ET ffi 

CD P p 



Parzellen 



Es entfallen 
auf einen 
gröfseren Be- 
sitzer 



o 

CO 





- M" CO 

CD ^ 

ha 



O CO 
P CD 



CD g? 



Er f 

CD I 



ha 



6 



Rennerod ..... 
Hellenhahn-Schellenberg 
Neunkirchen .... 

Oberrod 

Pottum 

Seck 

"Waigandshain . . . 
"Westernohe .... 
Westerburg .... 
Gemünden 



235 
356 
236 
179 

83 
169 

52 
254 
406 
327 



14788 
7878 
9815 
8322 
4856 



3906 

10289 

8616 

6621 



62,9 
22,1 
41,5 
46,4 
58,5 
41,1 
75,1 
40,5 
21,2 
20,2 



49 
54 
48 
42 
51 
46 
53 
50 



217 

215 
270 
165 
205 
146 
184 
320 



838 
507 
453 
315 
337 
485 
298 
355 
447 
356 



0,06 
0,06 
0,05 
0,04 
0,07 
0,07 
0,08 
0,03 
0,05 
0,05 



Aus Hadamar wird berichtet, dafs arrondierte Höfe in privatem 
Besitze fast gar nicht vorkommen, dafs die Parzellen durchschnittlich eine 
Gröfse von 8 — 15 a haben und demzufolge ein Landmann, der für 1 Pferd 
oder 2 Paar Ochsen volle Beschäftigung im Ackerbau hat, nicht weniger als 
60 — 100 einzelne Parzellen sein eigen nennt. 

Das Amtsgericht Limburg schreibt, dafs gröfserer Besitz nur als Be- 
standteil von Fideikommissen existiere; von der im Kreise Limburg ge- 



*) 1 Morgen == 1 / A ha. 



22 



IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 



legen en Gemeinde Mensfelden wird berichtet: 1 ) „Die Grundstücke des hier 
vorhandenen Fideikominifsbesitzes sind alle parzellenweise und zwar zum 
weit gröfsten Teile an Landwirte, zum kleinsten Teile an Handwerker des 
Gemeindebezirkes verpachtet Ebenso hat die Domäne sämtlichen Grund- 
besitz parzellenweise an Landwirte des Gemeindebezirks verpachtet. Auch 
die Pfarrei bat fast sämtlichen Grundbesitz parzellenweise verpachtet, und sind 
als Pächter alle Klassen der Bevölkerung vertreten." Die Gemarkung von 
Mensfelden 2 ) „besteht aus 10 259 Parzellen (1036 ha) und ist bei Ackerland 
die Maxiinalgröfse 50 a und die Minimalgröfse 4 a. Bei Wiesen und 
Gemüseland verringert sich die GröTse der einzelnen Parzellen noch ganz 
bedeutend. Der Besitz der gröfseren Grundeigentümer verteilt sich auf etwa 
150 Parzellen, welche in allen Teilen des Gemeindebezirkes verteilt sind." 
Das Amtsgericht Wetzlar kennt in seinem Bezirke von Grofsgrundbesitzern 
nur die beiden fürstlichen Linien Sohns: „Besitzungen von 10 und mehr 
Hektar sind nur vereinzelt vorhanden, dagegen werden nicht selten 300 bis 
500 Parzellen von einem Besitzer bewirtschaftet." Die Parzellierung des 
Grund und Bodens des Kreises Wetzlar hat an anderer Stelle folgende 
Schilderung erfahren: 3 ) „Die DurchschnittsgröTse des kleinen Grundbesitzes 
beträgt 4 bis 8 Morgen. Der Besitz von 15 bis 25 Morgen Acker gilt schon 
als Wohlhabenheit, und eine Fläche von 30 bis 40 Morgen in einer Hand 
ist bei den ländlichen Grundbesitzern hiesiger Gegend eine Seltenheit. Das 
Gesamtareal des Kreises zerfällt in 564 781 Parzellen; es kommen auf die 
Parzelle im Durchschnitt 66,36 Quadratruten. Wird das dem Fiskus und 
den Gemeinden gehörende Areal in Abzug gebracht und nur der Privat- 
besitz ins Auge gefafst, so ergiebt sich für die einzelne Parzelle eine Gröfse 
welche hinter jenem Durchschnitte weit zurückbleibt. 

Die nachfolgenden Angaben werden dies darthun. 

Der Privatbesitz an Ackerland, Gärten, Wiesen, Wald, Weide etc. um- 
fafst nämlich: 











Zur Durch- 


Bürgermeisterei 


in der Gemeinde 


Morgen 


in Parzellen 


schnittsgröfse 










von Euten 


1 


2 


3 


4 


5 


Afslar 


Katzenfurt 


1276 


9065 


257, 


Atzbach 


Garbenheim 


1116 


5300 


377 2 


Braunfels 


Tiefenbach 


1292 


8179 


28 


Greifenstein 


Holzhausen 


877 


6146 


26 


Hohensolms 


Bermoll 


523 


3415 


27V 2 


Launsbach 


Salzböden 


915 


4215 


39 


Rechtenbach 


Dornholzhausen 


1333 


6501 


37 


Schöffengrund 


Laufdorf 


1806 


13205 


25 



*) Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen. Teil I. 
Berlin 1890. S. 495. 

2 ) a. a. 0. S. 484. 

3 ) „Statistische Nachrichten über den Kreis Wetzlar bis zur Volks- und Gewerbezählung 
im Jahre 1875. Gesammelt und zusammengestellt vom Kgl. Landratsamt Wetzlar." Wetzlar 
1876. S. 29 u. 30. 



Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 



23 



Der Besitz je eines nach den hiesigen Verhältnissen wohlhabenden Ein- 
gesessenen der vorgenannten Gemeinden stellt sich nach Gröfse und Par- 
zellen wie folgt: 







Gröfse 




hj es 

es & 

N £—• 
<V 

CD CD 


Flächeninhalt der kleinsten 


Gemeinde 






Ackerparzellen 


"Wiesenparzellen 




Morgen 


Ruten 


Fufs 


Ruten 


Fufs 


Ruten 


Fufs 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


Katzenfurt 


30 


6 


90 


222 


3 


40 


7 


70 


Garbenheim 


40 


86 


70 


148 


17 


— 


1 


— 


Tiefenbach 


31 


21 


60 


239 


3 


70 


1 


90 


Holzhausen 


18 


52 


70 


122 


13 


70 


10 


80 


Bermoll 


26 


— 


— 


180 


7 


30 


4 


80 


Salzböden 


35 


76 


80 


136 


2 


30 


9 


— 


Dornholzhausen 


28 


— 


— 


191 


11 


70 


9 


40 


Laufdorf 


45 


140 


20 


306 


5 


40 


1 


30 



Die übergrofse Parzellenzahl erschwert den Betrieb und die Entwicke- 
lung der Landwirtschaft des hiesigen Kreises in hohem Grade, denn der 
Durchschnitt dieser Parzellenzahl, in welche der Besitz eines geringen Bauern, 
also eine Gesamtfläche von etwa 5 Morgen geteilt ist, beläuft sich auf nicht 
weniger als 30 — 40. Ein Grundbesitzer mit 15 Morgen besitzt diese durch- 
schnittlich in 100 — 130, der reichere Landwirt mit 35 — 40 Morgen in 250 
bis 300 Parzellen." 

Eine ähnliche Besitzzersplitterung herrschte früher in dem zur Rhein- 
provinz gehörigen Teile des Landgerichtsbezirkes Neuwied. Aber dank der um- 
fassenden Anwendung, welche das eingreifende Zusammenlegungsverfahren 
gefunden hat, ist heute in vielen der dortigen Gemeinden, obgleich ein 
Parzellenminimum nicht bestellt, die Parzellierung doch wesentlich geringer 
und der Umfang der einzelnen Parzellen gröfser als in den anderen Teilen 
unseres Gebietes. Wir kommen später darauf zurück. Hier mögen noch 
einige aus diesem Gebiet vorliegende Schilderungen der Grundeigentums- 
Yerhältnisse folgen. 

In den 18 Gemeinden des Amtsgerichtes Linz „kann das durchschnitt- 
liche Besitztum eines lediglich mit Ackerwirtschaft sich nährenden Bauern 
an Fruchtland, Wiesen und Weinbergen (also exkl. Waldungen) nicht auf 
mehr als zehn preufsische Morgen (ca. 2 1 / 2 ha) angenommen werden." 1 ) 
,Es ist auch eine Anzahl gröfserer Güter vorhanden, zum Teil im Besitz 
altsässiger Adelsfamilien, von denen am meisten begütert ist Graf von 
Westerhelt-Gysenberg auf Schlofs Arensfels bei Hönningen. Diese Güter be- 



x ) Bericht des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen, Anlage: Bericht des 
Kgl. Amtsrichters Dussel über die Verhältnisse im Amtsgerichtsbezirke Linz in „Verhand- 
lungen des Kgl. Landesökonomiekollegiums" (III. Session, II. Sitzungsperiode). Berlin 1883. 
S. 458 ff. 



24 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

stehen aber nicht selten in ihren besten Partieen aus kleineren Parzellen, die 
im Gemenge mit denen anderer Eigner liegen. In vielen Fällen wirtschaften 
die Grofsbesitzer nicht selbst, sondern verpachten ihre Besitzungen in kleineren 
Abschnitten an sog. Halbwinner nach einem eigentümlichen Rechtsverhält- 
nisse, dem zufolge der Halbwinner zu einer gewissen Fläche Weingärten, 
Ackerland und Holzung (seltener Wiesen) bekommt und als Pachtzins die 
Hälfte des Traubenertrages giebt." 

Die im Bezirke Wissen in gröfserer Anzahl vorhandenen, dem Fürsten 
Hatzfeld-Wildenburg gehörigen Höfe gelangen als solche zur Verpachtung. Beim 
Ableben eines Pächters geht die Pacht gewöhnlich an ein Familienglied des 
Yerstorbenen über. Ebenso bleiben die zu Fideikommissen gehörigen Höfe im 
Bezirke des Amtsgerichtes Asbach beim Ableben des jeweiligen Pächters in 
der Familie des Yerstorbenen. Im übrigen herrscht auch dort eine bedeu- 
tende Parzellierung. Es finden sich auf 9560 Seelen 85 802 Parzellen. 
Rechnen wir die Familie zu 5 Köpfen, so erhalten wir pro Familie 45 Par- 
zellen, immerhin noch wenig gegenüber der aus dem Kreise Wetzlar ge- 
meldeten Zahl. — 

Aber nicht allein da, wo es in den Berichten besonders hervorgehoben 
ist, findet sich diese Bodenzersplitterung. Sie ist, abgesehen von den neu 
zusammengelegten Gemarkungen des Rheinlandes, charakteristisch für den 
ganzen Bezirk, und auf den Höhen des Taunus (Gemarkung Schmitten: 
Fläche von 407 ha in 1943 Parzellen zerlegt, von denen die Hälfte unter 
5 a) 1 ) ebenso zu finden wie auf denen des Westerwaldes, in den Thälern 
der Lahn ebenso wie in der Rhein- und Mainebene. 

Die Bodenzersplitterung findet auch in der Art der öffentlichen Buch- 
führung über das Eigentum und die dingliche Belastung der Immobilien ihren 
Ausdruck. Die für das ehemalige Herzogtum Nassau geltende Stockbuchs- 
gesetzgebung fafst die einem Eigentümer gehörigen, in der Gemarkung ge- 
legenen Grundstücke je unter einem Artikel zusammen, indem sie die Par- 
zellen des einzelnen Besitzers unter näherer Beschreibung ihrer Art und 
Lage nach laufenden Nummern geordnet aufführt. In denjenigen Bezirken 
aber, wo die preufsische Grundbuchordnung vom 5. Mai 1872 eingeführt 
ist (Amtsgerichtsbezirke Bockenheim, Wetzlar, Ehringshausen und Braun- 
fels, Landgerichtsbezirk Neuwied) kommt das entsprechend angeordnete For- 
mular H dieses Gesetzes fast ausschliefslich zur Anwendung Nur in 126 
Gemeinden des Landgerichtsbezirkes Neuwied findet sich Formular I, bei 
dem jedes Grundstück ein eigenes Grundbuchblatt erhält, und zwar in 10 
Gemeinden des Amtsgerichtsbezirkes Daaden, wo jedoch aufserdem For- 
mular II benutzt wird, und in 116 Gemeinden des Amtsgerichtsbezirkes 
Kirchen. Jenen 126 Gemeinden stehen aber 301 Gemeinden mit Grund- 
büchern nach Formular II im Neuwieder Bezirke gegenüber (Bericht des Ober- 
landesgerichtspräsidenten). 



l ) Schriften des Vereins für Sozialpolitik XXII, Bäuerliche Zustände in Deutschland, 
Bd. 1, S. 152. 



Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 25 

Versuche zur Einführung des Güterschlusses. 

Die Agrargeschichte des ehemaligen Herzogtums Nassau ist ein fast 
unbeschriebenes Blatt, eine Litteratur über die Verhältnisse des dortigen 
Bauernstandes, über die verschiedenen Besitzrechte und Beleihungsarten 
existiert nicht. Es können daher nur einige Notizen Platz finden, die in 
keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. 

Die Entwickelung scheint nach ihren Grundzügen die gleiche gewesen 
zu sein wie im Rheinland überhaupt (vgl. Heft I dieser Publikation S. 95 ff.); 
d. h. die hofrechtliche Verfassung ist schon früh vollkommen erstarrt, die 
Bauern verfügen mehr oder weniger frei über ihren Besitz, die Realteilung 
im Erbgang ist schon im Mittelalter üblich. 

Arnoldi schreibt in seiner Geschichte der Oranien- Nassauischen Län- 
der 1 ) vom 13. und 14. Jahrhundert: ,,Der gröfste Teil der Landesbewohner 
war zwar noch in der Leibeigenschaft (Hörigkeit) seines eigenen oder 

eines fremden Landesherrn, oder des adeligen Güterbesitzers. Doch 

läfst sich aus mehreren Umständen schliefsen, dafs der Bauernstand in 
diesem Zeitraum schon einen grofsen Teil seiner Ländereien als Eigentum 
besafs. Hauptsächlich gelangte er hierzu dadurch, dafs ihm vom Landes- 
oder Grundherrn Wüsteneien und Waldungen zum Anrotten erblich hin- 
gegeben wurden, wogegen jener sich einen gewissen Zins, den Zehnten 
oder den sehr häufig vorkommenden Waldmedum, den 6. Teil des Ertrages 
der urbar gemachten Ländereien, vorbehielt." Von den beiden folgenden 
Jahrhunderten bemerkt derselbe Verfasser 2 ): „Unter der Klasse der Bauern 
herrschte in den einzelnen Länderteilen noch immer eine grofse Verschieden- 
heit. Von der ehemaligen Leibeigenschaft waren in dem Dillenburgischen 
und Siegenschen kaum noch Spuren vorhanden. Zwar waren die Bauern 
noch bede- und dienstpflichtig, doch persönlich frei. Jm Dietzischen, 
Hadamarischen und in der Herrschaft Beilstein dagegen bestand die Leib- 
eigenschaft noch in ihrer vollen Ausdehnung: Die Luft machte leibeigen". — 

Von den in der Einleitung erwähnten Landrechten enthalten nur die 
Nassau - Katzenelnbogische Landesordnung, das Mainzer und Pfälzische 
Landrecht und die Solmsische Landesordnung Rechtsbestimmungen über 
bäuerliche Besitzrechte ; soweit sie die Vermögensübergaben betreffen, werden 
sie weiter unten mitgeteilt. Die drei erstgenannten Landrechte behandeln 
die Materien nur in den Titeln über Landsiedel- Leihe und Erbzinsgut und 
nur die Katzenelnbogische Landesordnung von 1616 sucht der Zersplitterung 
des Grundbesitzes wenigstens bei den Erbleihegütern entgegenzuwirken: 
„Wiewohl nun bis anhero gebräuchlich gewesen, dafs solche Erb-Leihe- 
Gilther weniger nicht, als andere, des verstorbenen eigenthümliche Güter 
unter seine Erben, dieselben seyen gleich Kinder oder andere Anverwandte, 
zu gleichen Theilen seyend getheilet tvorden: Jedoch aber und dieweil 

*) „Geschichte der Oranien-Nassauischen Länder und ihrer Regenten" Hadamar 1799, 
Bd. 1, S. 240. 

2 ) a. a. 0. Bd. 3, Abtig. 2, S. 15. 



26 IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

durch diese Zerstückelung, sowohl Uns selbsten, als auch dem Guthherrn, 
allerhand Nachtheil an den Diensten, Renthen und Entrichtung der Erb- 
zins zugezogen worden, auch ohne dafs eine solche Zerspliessung fast nach- 
theilig, und den Erben für sich selbsten gar nicht nützlich: So setzen, ordnen 
und wollen Wir, dafs inskünfftig all' solche Erb-Zins-Güther, wie auch die 
Erb -Zinsen, ohne Unsere, oder des Guth-Herrns aufsgetruckte schriftliche 
Yerwilligung, nicht sollen vertheilet, sondern einem unter des verstorbenen 
Erb-Zins-Mannes Erben allein zugewiesen, und den anderen Erben billiche 
Erstattung dagegen gethan werden" (Kap. VIT, Z. X). Die Auswahl des 
Erben sollte dem Erblasser aus der Zahl seiner Kinder oder Erben über- 
haupt überlassen bleiben. Fand keine Bestimmung zu Lebzeiten des Erb- 
lassers statt, so sollte das Los entscheiden. — Das Mainzer Landrecht sieht, 
je nach der Verleihung, billigen Anschlag vor, ohne jedoch geschlossene 
Vererbung anzuordnen. 

Auch aus dem Bezirke des Kreises Altenkirchen ist eine Verordnung 
vom 1. Februar 1742 erhalten, „dafs die dem Landesherrn zinspflichten 
Güter fernerhin, ohne dessen Spezialerlaubnis, nicht mehr zersplittert werden 
dürfen" 1 ), andere Verordnungen suchen diese wieder in Erinnerung zu brin- 
gen und die schon vielfältig in kleine Teile zerissenen Güter wiederum nach 
und nach zusammen zu bringen. 2 ) 

Es ist anzunehmen, dafs ursprünglich ein festerer Zusammenhalt der 
Erbleihegüter bestanden hat. In den Rheingauischen Erbleihebriefen aus 
dem 13. Jahrhundert wird bestimmt, dafs das Leihgut „nicht verstückelt 
werden, sondern unverteilt von einem Erben auf den andern übergehen 
soll". 3 ) Die Zahl der Erbleihen wird als gering bezeichnet. 

Einer ähnlichen Verleihungsart wie der Erbleihe wird noch im An- 
fange dieses Jahrhunderts Erwähnung gethan, der „Herren- oder schlechten 
Zins-Güter, die in den nassauischen Ländern häufig, aber auch in einigen 
anderen gefunden werden." 4 ) 

Als ihr "Wesen wird an der angezogenen Stelle u. a. folgendes hervorgehoben: „Der 
Besitzer hat kein Eigentumsrecht. Nach seinem Tode giebt die Fürstliche Eentkammer die 
Herrengüter dem ältesten Kinde oder demjenigen seiner Erben, welcher dafür der schicklichste 
geachtet wird, oder wenn kein tauglicher da ist, giebt sie solche einem Fremden. Diese Herren- 
guter dürfen nicht zerstücket, und ohne Erlaubnis der Fürstlichen Rentkammer dürfen die 
beisammen befindlichen Güter nicht unter mehrere verteilt werden." In der Praxis scheinen 
aber diese Vorschriften umgangen worden zu sein. Nachdem durch eine ältere Re- 
solution vom 12. Juli 1569 die Veräuiserung und Zersplitterung der Herrengüter untersagt 
worden war, ergingen 1742, 1744, 1750 stets wieder Verordnungen in derselben Richtung 
und 1806 mufste nochmals darauf hingewiesen werden, da man „mifsfällig hat wahrnehmen 
müssen, dafs seit neueren Zeiten in einigen Gemeinden die Besitzer solcher Herrengüther die- 



*) Scotti, „Sammlung der Provinzialgesetze. 2. Teil. 3. Abt. Grafschaft Sayn-Alten- 
kirchen." Düsseldorf, 1836, S. 657. 

*) Verordnung vom 6. Februar 1743, a. a. 0., S. 684. 

3 ) F. J. Bodmann „Rheingauische Altertümer". Mainz 1819, S. 768. 

4 ) „Von den Herrschaftlichen gemeinen Lehngüthern: Medum, Herrengüter, Höfegüther 
genannt" in „Dillenburgische Intelligenz-Nachrichten" Jahrg. 1801. Dillenburg. S. 705 ff. 



Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 27 

selbe nach Wülkühr unter ihre Kinder vertheilt, oder auf andere Art darüber disponirt haben, 
ohne vorher die dazu erforderliche Erlaubnis auszuwirken' 1 . 1 ) 

Jedenfalls war aber die Zahl der auf die eine oder andere Weise ver- 
liehenen, beschränkt vererbbaren Güter im Verhältnisse zu den eigentümlich 
besessenen und frei teilbaren Parzellen nicht grofs; und wo sie bestanden, 
sind sie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in Eigentum verwandelt 
worden. 

In den auf Veranlassung des „Landwirtschaftlichen Vereins im Herzogtum Nassau" 
in den 30 er und 40 er Jahren unseres Jahrhunderts vorgenommenen landwirtschaftlichen 
Beschreibungen der Amtsbezirke wird nur noch einer kleinen Gemeinde Erwähnung gethan, 
in der der elterliche Grundbesitz infolge des Erbleihverhältnisses im Erbfalle auf ein Kind 
übergeht: „Durch Erbschaften kommt zuweilen ein Bauerngut ungeteilt an einen andern, 
öfter aber geteilt an mehrere. Nur in dem Dorfe Wallenfels behält von allen Geschwistern 
der älteste Sohn, oder bei Übereinkünften auch ein anderes der Kinder, das ganze Gut. 
Die übrigen Geschwister werden durch bares Geld schadlos gehalten; doch werden Wagen 
und Ackergeräte nicht angerechnet, sondern der Hofbesitzer erhält sie, ohne die anderen 
dafür zu entschädigen. Nur ein Einwohner hat freies Eigentum, alle übrigen Besitzungen 
sind Erbleihe." 2 ) 

Auf einigen Zusammenhalt der liegenden Güter in der Familie mögen 
die in den Landrechten enthaltenen Bestimmungen über das Abtriebs- (Re- 
trakt) Recht hingewirkt haben. 

Es kamen solche vor in dem Solmser-, Trierer- und Mainzer Landrecht sowie in der 
Nassau-Katzenellenbogischen Landesordnung. Als Verwandte, die den Retrakt geltend machen 
können, werden in der Solmsischen Landesordnung, die nur die Zinsgüter ausnimmt, auf- 
geführt: „Erstlich alle diejenigen, so in absteigender, und in mangel derselben, die in der 
aufsteigender linien befunden werden, zum andern, wo dieselben auch nicht vorhanden, als 
dann die nechstgesipte in der zwerch oder beseits linien, bifs inn das fünfft glied einschliefs- 
lich (dem Keyserlichen Rechte nach zu rechnen), das ist Brüdern, Geschwistern, Brüder und 
Geschwister kindern, und fürter derselben kindern, Weither soll sich die nechste Bluts- 
verwandschaft, soviel den Abtrieb belangt, nicht erstrecken". Etwas weiter geht die Nassau - 
Katzenellenbogische Landesordnung: „Defsgleichen sollen nicht alle und jede Bluts- Verwandte, 
abzutreiben befugt sein, sondern in absteigender Linie, allein die Kinder und Kinds-Kinder 
und in aufsteigender Linie, allein die Eltern und Ober-Eltern, und zum Dritten in der Zwerch- 
Linie, allein diejenige, welche nach Computirung der Canonischen Rechten im dritten Glied 
gleicher Linie, oder nach Computirung der allgemeinen Kayserlichen Rechten, im sechsten Glied 
einander verwandt und zugethan seynd". Trierer und Mainzer Landrecht nennen nur die 
nächsten Blutsverwandten. Das erstere schliefst u. a. auch die Ordens-Leute und Regulier- 
Canonici aus, letzteres führt aufser dem Familienretrakte für den Fall, dafs der Käufer aufser- 
halb des Erzstiftes wohnt, ein Retraktrecht für jeden aus der Gemeinde oder dem Erzstifte 
ein. — Die Fristen zur Geltendmachung des Abtriebes bewegen sich zwischen 6 Wochen 
und 4 Monaten. 

Für unser Gebiet ist mir nur eine Bestimmung bekannt geworden, 
die, wie es scheint, für alle Güter unter einem bestimmten Mafse aus volks- 
wirtschaftlichen Gründen Erbteilungen untersagte. Es ist eine Verordnung 
des Fürsten zu Nassau vom 2. Mai 1707. Sie soll bestimmt haben 3 ), „dafs 



x ) „Dillenburgische Intelligenz-Nachrichten" Jahrg. 1806 S. 198. 

2 ) „Beschreibung des Amtes Herborn" (Dillkreis) in „Jahrbücher des landwirtschaft- 
lichen Vereins im Herzogtum Nassau" Band IX, Wiesbaden 1836. S. 182. 

3 ) „Über die Zerstückelung der Güter oder die sog. Dismembrations-Frage" im „Wochen- 
blatt des Vereins nassauischer Land- und Forstwirte" Wiesbaden. Jahrg. 1852, S. 130. 



28 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

die Hofraite und Feldgüter in dem Falle, wenn nur eine Fuhre darauf 
gehalten werden könne, im ganzen dem jüngsten Kinde, wenn es zur Über- 
nahme im stände war und nicht andere Ursachen ein anderes anrieten, wo- 
rüber die Regierungskanzlei zu erkennen hatte, überlassen werden sollten, 
welches seine Geschwister nach billigem Ermessen oder gerichtlichem Er- 
kenntnisse mit Geld oder in anderer Weise abfinden mufste. Nur wenn 
die Eltern mehr als eine Hofraite oder mehr als 6 Morgen Äcker auf 
einem Felde und daneben 4 1 / 2 Morgen Wiesen hinterliefsen, durfte bis zu 
diesem Mafse geteilt werden, weil derjenige Unterthan, welcher eine Hof- 
raite und auf jedem Felde 6 Morgen Acker und daneben 4^ Morgen 
Wiesen besitze, sich darauf notdürftig ernähren könne." Diese Verordnung 
hatte — wie es an der angezogenen Stelle heilst — früher in den Alt- 
Nassau-Usingenschen Landesteilen Geltung, ist aber längst aufser Anwendung 
gekommen. 

Eine Nachwirkung der älteren Bestimmungen auf die bäuerliche Erb- 
sitte ist, bis auf eine, noch zu erwähnende Ausnahme, nirgends zu be- 
obachten. Ja schon im vorigen Jahrhundert mufs die Bodenzersplitterung 
in grofsen Teilen unseres Berichtsgebietes fast so stark gewesen sein wie 
heute. 

In den siebenziger Jahren desselben trug sich die Nassau-Dillenburgische Regierung, 
wie es scheint, hauptsächlich auf Betreiben des Geh. Reg.-Rates Eberhard mit der Absicht, 1 ) 
die Unteilbarkeit eines Bauerngutes im Erbfalle einzuführen, um durch Konsolidation der 
Güterzerstückelung abzuhelfen und nach ihrer Beseitigung zu verhüten, dafs sie immer 
wieder durch Erbfall erneuert werde. Der „ackerverständigste'' sollte das Bauerngut er- 
halten, das nicht unter 12 Morgen in den 3 Feldern sein sollte, und weiter nicht verteüet 
noch zerrissen werden dürfte. Die ausfallenden Kinder müfsten um eine billige Taxe mit 
Geld abgelegt werden. Dieses könnten sie teils zu Kapital auf den Gütern stehen lassen, 
oder es würde ihnen nach Notdurft und terminsweise, wie es den Schuldner am wenigsten 
beschränke, entrichtet. Jedoch dürfte das übernehmende Kind nicht gezwungen werden, bei 
Anfang seiner Haushaltung sich ins Verderben zu stürzen. So könnten die Geschwister 
vielleicht erst Abfindung verlangen, wenn sie aufser Landes wollten, selbst heirateten u. s. w. 
Die Geschwister gäben wohlfeile und vorteilige Bauern - Knechte und -Mägde, Handwerks- 
leute und Gesinde in den Städten, Soldaten und dergleichen ab. All' dieses würde dem Bauern- 
stande nicht neu und zuwider sein, da es schon in gewissem Mafse vor Zeiten die Land- 
siedeley- Verfassung, wovon man in hiesigem Lande noch häufig Spuren habe, gewesen sei. 
Etwas anders stellt Schütz 2 ) dieses Projekt dar und knüpft in seinem im amtlichen Auf- 
trage erstatteten Berichte Bemerkungen für die 30er Jahre dieses Jahrhunderts an: „Schon 
oben ist das Mafs von Gütern angegeben worden, wovon in verschiedenen Orten des Wester- 
waldes eine Familie ihren Unterhalt finden kann (25 Morgen für 6 Personen; in anderen 
Gemeinden 107 2 Morgen (8 Personen), oder 15 Morgen). Aber es ist auch gezeigt worden, 
wie tief dasselbe in manchen Dörfern herunter gegangen war. Hierbei wird es keinem 
aufmerksamen Leser entgehen können, dafs, wenn ein so geringer Güterbesitz in andern 
von der Natur begünstigten Gegenden zum kärglichen Unterhalt genügen mag, ein gleicher 



*) Nach Dillenburgischen Regierun gs- Akten die Verbesserung des Nahrungsstandes 
und Finanzwesens betr. 4 Vol. 1772, 1773, 1774, 1775 L 629 im Königlichen Staatsarchive 
zu "Wiesbaden. 

2 ) „Schilderung der landwirtschaftlichen Verhältnisse des hohen Westerwaldes und 
Vorschläge zu ihrer Verbesserung von Freiherrn von Schutz zu Camberg in „Jahrbücher 
des landwirtschaftlichen Vereins im Herzogtum Nassau" Band VII. Wiesbaden 1837, S. 355 ff. 



Die Bodenzersplitterung und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 29 

nicht, und um so weniger auf dem Westerwalde, genügen könne, wo es, aufser der Vieh- 
zucht, beinahe an allem Nebenverdienst fehlt. Und welcher Vorteil kann auf so geringer 
Besitzung aus der Viehzucht erwartet werden? Diesen Mifsstand bemerkte schon längst die 
Fürstlich Orauische Regierung in Dillenburg, und wenn gleich sie hauptsächlich das weite 
und bunte Auseinanderliegen der Grundstücke eines und desselben Eigentümers vor Augen 
habend, dieses durch Konsolidation zu beseitigen sich angelegen sein liefs, so übersah sie 
dennoch nicht, dafs auch eine progressive Verminderung des Grundeigentums nur schädliche 
Folgen nach sich ziehen werde. Von dem Gesichtspunkte ausgehend, dafs 18 Morgen Acker- 
land und 7 Morgen Wiesen hinreichend für eine Familie seien, äufserte die Fürstliche Re- 
gierung in ihrem Bericht vom 11. Januar 1775: „„Eben dieselbe Zerstückelung macht die 
vornehmste Ursache der Armut der deutschen Bauern, und insonderheit der nassauischen 
aus, wo sie seit Jahrhunderten, ohne dafs ihr Widerstand geschah, eingerissen, und nun 
auf den höchsten Gipfel des Verderbens gestiegen ist. Nur der kleinste Teil der Unter- 
thanen besitzt kaum so viel, um ein Pferd oder ein Paar Zugochsen darauf halten zu können. 
Das ist ein guter Bauer! Stirbt er, und es kommt unter seinen Kindern zur Teilung, so 
werden seine Ländereien, die er nur sehr selten zu vergröfsern Gelegenheit gehabt, aufs 
neue zerrissen und so sehr wieder ins Kleine gebracht, als sich die Zahl der armen Unter- 
thanen vermehrt. Welch' eine traurige Aussicht in die Zukunft !"" Die fürstliche Regierung 
stellte deshalb den Antrag, alle fernere Verteilung der Grundstücke zu verbieten, und zu 
verordnen, dafs bei Erbteilungen der Wert des in der Teilung zu wenig erhaltenen Landes 
den Miterben in Geld vergütet werden solle, mit dem ferneren Antrag „ein solchergestalt 
vereinigtes Gut müsse zusammengehalten werden, und es dürfe nicht in der Willkür des 
Eigentümers stehen, es wieder zu trennen, sondern solle bei der Hofraithe bleiben, und 
gegen billige Abfindimg der Miterben einem Kinde allein zufallen. Der Überschufs eines 
Guts über das vorgeschriebene Mafs müsse gleichfalls der neuen Verstückelung entzogen 
werden, weshalb 1. alles, was in einem Felde beisammen liege und 2. in den drei Feldern 
eine Proportion habe, beisammen verbleiben solle, und die Anlage zu einem neuen Bauern- 
gute werde, welches durch verschiedentliche Acquisitionen vermehrt, und wieder zu einem 
Ganzen gemacht werden könne. Auf die Frage, ob des gemeinen Bestens wegen, dem 
Eigentümer so schlechterdings die freie Disposition über das Seinige beschränkt werden 
dürfe, wird unter andern zur Rechtfertigung angeführten Gründen bemerkt, dieses Inkon- 
venient sei lange nicht so grofs, als das Unwesen der Zerstückelung, und der Schaden, der 
aus unbeschränkter Teilung erwachse, überwiege im ganzen weit denjenigen, der besondere 
Interessen treffe. 

Wie es scheint, sind diese in Antrag gebrachten Verordnungen nicht ins Leben ge- 
treten, oder doch wieder aufgehoben worden, indessen die Voraussicht der Fürstlich Ora- 
nischen Regierung ist leider an vielen Orten in Erfüllung gegangen." 

In einzelnen Teilen unseres Gebietes scheint im vorigen Jahrhundert 
sogar die Teilung der Gebäude häufig vorgekommen zu sein. Hierauf weisen 
wenigstens mehrfache Verordnungen aus den Grafschaften Sayn-Altenkirchen 
und Sayn-Hachenburg *) hin, die das Teilen der Gebäude in Erbfällen ver- 
bieten. Andererseits ergingen in denselben Gebieten Verordnungen, 2 ) die 
„die Landesgewohnheit, das Haus mit dessen zugehörigen Gebäuden dem 
ältesten Kinde zu übergeben", verallgemeinern oder es demjenigen Kinde 
oder Erben zuweisen wollten, „der die Gebäude am nötigsten hat und einen 
tüchtigen Unterthanen abgeben kann". 3 ) Nach den Berichten scheint nur 
im Bezirke des Amtsgerichtes Daaden erstere Verordnung noch heute nach- 
zuwirken. 



*) Scotti a. a. 0. passim. 

'-) Scotti a. a. 0. S. 682. Verordnung vom 6. Februar 1743 für Sayn- Altenkirchen. 

3 ) Scotti a. a. 0. S. 1018. Verordnung vom 25. Juni 1782 iür Sayn-Hachenburg. 



30 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Was die Privatrechtsgesetzgebung vergeblich erstrebte, suchte man früh 
auf dem Wege der Landeskulturgesetzgebung zu erreichen. 

Beschränkung der Teilbarkeit und Konsolidation der 

Grundstücke. 

Beide Mafsnahmen gelangten schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts im Hauptteile des späteren Herzogtums Nassau zur Geltung. Und 
zwar war die Einführung eines gesetzlichen Parzellenminimum vornehmlich 
durch die Giiterzersplitterung bei Erbteilungen veranlafst. In der hierauf 
bezüglichen Verordnung der Fürstlich Nassau -Weilburgschen Regierung von 
26. Juni 1777 x ) heifst es: „Nachdem wahrzunehmen gewesen, welchergestalten 
die bei Erb -Teilungen bisher beschehene allzukleine Verstückelung derer 
Güter dem Ackerbau, somit dem Nahrungsstand derer Unterthanen, in 
mancherlei Betracht, zu grofsem Schaden gereichet, als wird auf Serenissimi 
gnädigsten Spezial-Befehl hiermit verordnet, dafs u. s. w." Die Bestimmungen 
dieser und der analogen Usingenschen und Oranischen Verordnungen von 
1777 und 1776 wurden nach Vereinigung aller Nassauischen Landesteile in 
einer Hand durch diejenigen vom 12. September 1829, die Güterkonsolidation 
betreffend, aufgehoben. 

Die neue Verordnung schreibt (§ 11) allgemein, nicht blofs für die 
konsolidierten Gemarkungen vor, „um die Ordnung der Lagerbücher und 
der Karten zu erhalten und ihre Fortführung zu erleichtern, sowie aus 
Rücksichten für die bessere Kultivierung der Ländereien", dafs jede künftige 
Teilung des Frucht- und Ackerlandes, mit Ausnahme der Gärten und der 
diesen ähnlichen Felder, in Flächen unter 12,5 ar, der Wiesen in Stücke 
unter 6y 4 ar, der Gartenparzellen in solche unter 5 ar verboten, und jede 
dieser Vorschrift zuwider geschehende Güterverteilung oder Veräufserung 
nichtig sei. Ebenso ist nach Reskript vom 16. August 1839 die Teilung der 
— nicht mit dem Spaten bearbeiteten — Kraut- und Gemüsefelder, wenn sie 
besondere geschlossene Distrikte in der Gemarkung bilden, unter 3 3 / 4 ar 
untersagt; wenn sie parzellenweise zerstreut in einer Gemarkung liegen, so 
fallen sie unter die Bestimmungen für Acker und Fruchtland. 

Auch im Grofsherzogtum und in der Landgrafschaft Hessen wurde 
(1811 bezw. 1862) ein gesetzliches Parzellenminimum eingeführt. Die 
preufsische Verordnung vom 2. September 1867, betreffend die Güter- 
konsolidation im Regierungsbezirk Wiesbaden, ersetzte diese Bestimmungen 
durch die nassauischen von 1829. Diese gelten deshalb jetzt für den ganzen 
Regierungsbezirk Wiesbaden (mit Ausnahme des Kreises Biedenkopf), je- 
doch mit der Mafsgabe, dafs die Teilungsbeschränkungen in dem ehemals 
nassauischen Gebiete allgemein, im übrigen nur für solche Gemarkungen 
gelten, welche zusammengelegt oder in der Zusammenlegung begriffen sind. 

Die Minimalmafse finden keine Anwendung auf Grundstücke üinerhalb 
der Ortsberinge, wo bauliche Zwecke in Frage kommen etc.; Dispensationen 
werden vom Landratsamt erteilt. 



x ) Scotti a. a. 0. 3. Teil.. Abt. 8, S. 1574. 



Die Bodenzersplitteriing und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 31 

Nach dem Reiseberichte einer von dem landwirtschaftlichen Yerein 
für Rheinpreufsen im Jahre 1861 entsandten Kommission 1 ) sind in „un- 
bedeutenden Distrikten des ostrheinischen Teiles des Regierungsbezirkes 
Koblenz" ähnliche Beschränkungen zur Geltung gelangt. In der Grafschaft 
Sayn- Altenkirchen setzte eine Verordnung vom 6. Februar 1743 das später 
modifizierte Mindestmafs auf y 2 Morgen für Wiesen, 1 Morgen für Felder fest, 
ebenso in der Grafschaft Solms-Braunfels eine Verordnung vom 12. Juni 1789 
auf y 2 Morgen für alle Grundstücke. 2 ) Alle diese Bestimmungen sind nach 
den Berichten der Amtsgerichte als antiquiert anzusehen. — 

In den Fürstlich Nassau -Saarbrückischen Ländern 3 ) wurden schon in 
den Jahren 1764 — 1768 mehrere Verordnungen über die Konsolidation der 
Grundstücke erlassen. Zur selben Zeit ging man ebenso im Fürstlich Weil- 
burgischen Landesteile vor; seit 1784 wurde die Güterzusammenlegung dort 
sogar ohne Einivilligung der Gutsbesitzer und auf Kosten des Fürsten vor- 
genommen. Im Gebiete der oranischen Herrschaft fand die erste Konsolidation 
i. J. 1783 statt, und am 2. Mai 1784 erliefs Fürst Wilhelm von Oranien 
eine Verordnung, nach der „an allen Orten, wo die Rentkammer nach ge- 
nauer und reiflicher Untersuchung der Lokalumstände die Zusammenlegung 
der Güter nötig und thunlich erachten wird, auf den ungegründeten Wider- 
spruch der sämtlichen oder eines Teils der Gemeindsglieder, nicht iveiter Rück- 
sicht genommen, sondern dennoch mit der Konsolidation vorgeschritten tuerden 
solle." 4 ) Über die Erfolge berichtet ein damaliger Schriftsteller: 5 )] „Das 
Dorf Pottuni" (Kreis Westerburg) „liefert einen überzeugenden Beweis, wie 
wohlthätig die Konsolidation ist. Durch das aufserordentliche Zersplittern 
der Felder waren die Bauern nachlässig und dadurch so arm geworden, dafs 
sie fast alle am Bettelstab gingen. Die zu diesem Dorfe gehörenden Felder 
und Wiesen wurden konsolidiert, und nun bekam jeder neuen Antrieb sein 
Gut zu kultivieren. Dieses prosperierte so sehr, dafs nach dem gewifs kurzen 
Zeiträume von 3 Jahren sämtliche Einwohner schon so wohlstehend waren, 
dafs sie einen eigenen Seelsorger halten und besolden konnten und nicht 
mehr nach Rennerod, wo sie eigentlich eingepfarrt sind, gehen mochten." 

In wesentlich milderer Form wurde die Grundstücks - Konsolidation 
durch die schon erwähnte Verordnung von 1829 einheitlich geregelt und 
deren Geltungsbereich durch das Gesetz vom 2. September 1867 auf den 
ganzen Reg. -Bezirk Wiesbaden (ohne den Kreis Biedenkopf) ausgedehnt. 6 ) 

Zur Konsolidation einer Gemarkung oder Gemarkungsabteilung ist die 



1 ) Abgedruckt in Wissmann, „Konsolidationsbuch". Berlin 1874, S. 256. 

2 ) Scotti a. a. 0. 

3 ) Die folgenden Notizen nach Schenck: „Die bessere Einteilung der Felder und die 
Zusammenlegung der Grundstücke", "Wiesbaden 1867, S. 24 und 25. 

4 ) „Dillenburgische Intelligenz-Nachrichten" Jahrg. 1784, S. 417 ff. 

5 ) F. H. Hatzfeld, „Über die Konsolidation der Feldgüter" 1795, abgedruckt bei 
Schenck a. a. 0. S. 18. 

6 ) Das altpreufsische Verfahren ist durch letzteres Gesetz nur für gewisse seltenere 
Fälle (Servitutablösung) als anwendbar erklärt worden. 



32 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Zustimmung der Besitzer von mehr als der Hälfte der beteiligten Grund- 
stücke erforderlich. Das Verfahren besteht in Kürze darin, „dafs man in 
einer Gemarkung die landwirtschaftlichen Meliorationen, Kulturumwandlungen, 
Wiesen-, Be- und Entwässerungsanlagen, Ackerfeldwege, Überbrückungen so 
projektiert und ausführt, als gehöre die ganze Feldmark einem Besitzer, . dafs 
man die Fluren so in Bezirke abteilt, wie die Ertragsfähigkeit solche ergiebt, 
in diesen Bezirken (Zuteilungsbezirken) gartenbeetartige Abteilungen (Ge- 
wanne) zur bequemen Bearbeitung bildet, die Parzellen der einzelnen nach 
Tagewerksstücken (Normalstücken) zusammenlegt und sie so in die für die 
Gemarkung projektierten Anlagen einfügt." 1 ) Es bleibt also der Plan des 
alten Gewanndorfes und damit die Gemengelage im wesentlichen bestehen. 
Man erstrebt und erzielt zwar eine Verringerung der Parzellenzahl; die 
Hauptsache aber ist ihre bessere Gestaltung und die allgemeine Feldregu- 
lierung. 

Das altpreufsische Separations- und Zusammenlegungsverfahren greift 
bekanntlich viel energischer in die überkommene Besitzverteilung ein, indem 
es nach freiem Ermessen die dem einzelnen Besitzer gehörigen Ländereien 
in möglichst grofse Pläne zusammenlegt. Dieses Verfahren ist durch das 
Gesetz vom 5. April 1869 im Gebiet des Justizsenats Ehrenbreitstein zur 
Einführung gekommen. Es hat in den dortigen Gebirgsdörfern eine erstaun- 
liche Umwälzung der Agrarverfassung herbeigeführt. 

Im Kreise Altenkirchen wurden bis Ende 1894 65 Gemarkungen mit 
8836 ha und 10608 Besitzern umgelegt, 25 weitere Gemarkungen mit 3310 ha 
waren damals in der Vorbereitung begriffen; im Kreise Neuwied wurden 
37 Gemarkungen mit 6994 ha und 7000 Besitzern umgelegt, 4 Gemarkungen 
mit 509 ha waren in Vorbereitung. Die Zahl der Parzellen sank infolge des 
zum Abschlufs gebrachten Verfahrens im Kreise Altenkirchen von 95 967 auf 
31519, im Kreise Neuwied von 115 261 auf 22 447, also auf i/ 3 bezw. y 5 . 2 ) 

Nach einer dem Berichte der Generalkommision beigefügten Übersichts- 
karte vom Jahre 1894 verschwinden in manchen Gebirgsgegenden (wie in 
den Amtsgerichtsbezirken Dierdorf und Asbach) die nicht bereinigten Ge- 
markungen schon fast zwischen denjenigen, deren Fluren sich noch im alten 
Zustande befinden. 

Hingegen hat die Zusammenlegung in den wohlhabenderen, am Rhein 
gelegenen Amtsgerichtsbezirken Neuwied und Linz ebenso selten Eingang ge- 
funden wie in den nach dem Siegerland zu neigenden Amtsgerichtsbezirken 
Kirchen und Daaden, wo die Bergarbeiterbevölkerung zahlreicher ist. 

Auch im Kreise Wetzlar sind die Erfolge gering. Dort wurden nur 
9 Gemarkungen mit 1334 ha und 2546 Besitzern zusammengelegt. 

Daraus scheint hervorzugehen, dafs die im Gefolge der Realteilung ein- 
tretenden Übelstände am schwersten auf dem Gebirge empfunden werden, 



*) Wissmann a. a. O. EM. S. XIV. 

2 ) „Übersicht über die bis zum Ende des Jahres 1894 anhärigig gewordenen Grund- 
stückszusammenlegungen u. s. w." Herausgeg. von der Egl. Generalkommission in Düssel- 
dorf, 1895. 



Die Bodenzersplitterimg und ihre Bekämpfung durch die Gesetzgebung. 33 

wo ausreichender Nebenverdienst mangeJt und wo die natürlichen wie wirt- 
schaftlichen Faktoren einem intensiveren Wirtschaftsbetriebe entgegenstehen. 
Dem entsprechen auch durchaus die einst im Herzogtum Nassau gesammel- 
ten Erfahrungen: „Die Güterkonsolidation hat sich keineswegs gleich- 
mäfsig über das Land erstreckt. In dem ärmsten Teile desselben, dem 
Westerwald, hat sie die gröfste, in dem reichsten, dem Rheingau und der 
Maingegend, die geringste, und in dem Lahngrund eine ziemliche Ausbreitung 
gefunden. Die Erscheinung ist leicht erklärlich. Auf dem nassen Höhenboden 
des Westerwaldes müssen die Konsolidationen durch ihre Meliorations- Anlagen 
gröfsere Resultate erlangen können, als in Gegenden, wo die Kultur schon 
zu hoher Blüte gediehen ist, und dami freilich wird man sich immer ungern 
entschliefsen , einen wertvollen, fleifsiger Kultur unterworfenen und einen 
reichen Düngerschatz bergenden Boden gegen andere Grundstücke, die man 
nicht kennt, umzutauschen 1 )." 



x ) Th. Wilhelmt, „Über die Zusammenlegung der Grundstücke in der preußischen 
Rheinprovinz". Berlin 1856, S. 44. 



Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. M. 



III. Das Erbrecht und die Erbsitte. 

Wie die im vorigen geschilderte Besitzverteilung und Bodenzersplitterung 
grofsenteils eine Folge der Erbsitte ist, so macht sie umgekehrt die Erbsitte 
selbst wirtschaftlich verständlich. Im ganzen Bezirk der vier Landgerichte 
entspricht sie durchaus dem geltenden Intestaterbrecht: Der Nachlafs fällt 
an die Stämme zu gleichen Quoten, und die teilbaren rTachlafsstücke werden 
in natura geteilt. Der bäuerliche Grundbesitz setzt sich aus Dutzenden über 
die Flur zerstreuten Einzelparzellen zusammen, die mit Leichtigkeit aus dem bis- 
herigen wirtschaftlichen Zusammenhang gelöst und zu neuen Betriebseinheiten 
vereinigt werden. Der Besitz ist in einem fortwährendem "Wechsel begriffen. 

Ansiedelung in Gewann -Dörfern, Parzellenwirtschaft und Kealteilung 
des Grundbesitzes im Erbgang sind die Stammesgewohnheiten der das Gebiet 
okkupierenden wesentlich fränkischen Bevölkerung. Gröfsere Betriebe, ge- 
schlossene Höfe, deren Kealteilung mit den empfindlichsten Yermögens- 
verlusten, insbesondere Entwertung der Wirtschaftsgebäude verbunden sein 
würde, sind in unserem Gebiete verschwindende Ausnahmen. Nur ein kleiner 
Abschnitt der Kreise Neuwied und Altenkirchen ist überwiegend mit Einzel- 
höfen besiedelt. Es ist ein Stück des grofsen, vor der germanischen Ansiedelung 
keltischen Gebietes der Einzelhöfe, welches hier von Norden und Osten her 
hineinragt. Daneben finden sich zahlreiche Weiler. Aber auch hier hat 
sich die Erbsitte ganz den benachbarten Parzellierungsgebieten angeschlossen. 

Eine nähere Schilderung dieser Grenzgebiete findet sich in den landrätlichen Kreis- 
beschreibungen aus den letzten Jahrzehnten. Während in den benachbarten Gebieten die 
Flecken und Dörfer (Wohnplätze von 8 und mehr "Wohngebäuden) ihrer Zahl nach weitaus 
die Weiler (Wohnplätze von 3 bis 8 Wohngebäuden) und die „einzelnen Etablissements" 
oder Gehöfte überwiegen, hatte der Kreis Altenkirchen im Jahre 1800 160 Dörfer und 
403 Weiler und Gehöfte. Die Verteilung der Wohnplätze des Kreises Neuwied wird 
1863 so beschrieben: 1 ) „Der Kreis zählt 2 Städte, 9 Flecken, 206 Dörfer, 78 Weiler, 
161 einzelne Etablissements mit besonderen Namen, in der Entfernung von 100 Ruten und 
mehr von den geschlossenen Ortschaften erbaut. Von den drei letzten Arten der Wohn- 
plätze fallen 224 auf die Bürgermeistereien Asbach, Neustadt und Waldbreitbach, in denen 
das Getrenntwohnen vorherrschend ist, mit 14180 Seelen, während die übrigen 221 Orte 
auf die anderen 9 Landbürgermeistereien mit 31288 Seelen sich verteilen. Bald nach 
dem Verlassen des Rheinthaies, etwa nach 1 bis iy 2 Meilen verschwinden in den ge- 
nannten Bezirken die geschlossenen Dörfer mit wenigen Ausnahmen, und sind genau wie in 
Westfalen die einzelnen Gehöfte in der Nähe der dazu gehörigen Grundstücke erbaut. Diese 
Gehöfte bilden die Gemeinde und einige der letzteren das Kirchspiel. Solche Gemeinschaft 
der Gehöfte heifst noch im Munde der Bewohner eine Hunschaft". 

Der Landrat glaubt den Grund für die verschiedene Besiedelungsweise in der Stammes- 
eigentümlichkeit der Sachsen und Franken sehen zu sollen, die hier angeblich nebeneinander 



*) Statistische Übersicht für den Kreis Neuwied für die Jahre 1859, 1860 und 1861 
von v. Runkel, Kgl. Landrat, datiert Heddesdorf, im März 1863, S. 7 u. 8. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 35 

hausen. ,,Das sächsische Erbrecht, nach welchem der ländliche Grundbesitz sich nur auf einen 
Erben vererbte, hat sich dagegen nicht erhalten, vielmehr scheint die Teilbarkeit des Grund- 
besitzes dort schon seit mehreren Generationen, wahrscheinlich durch den Einflufs des an- 
stofsenden Frankenstammes, zu bestehen, denn mit der Zeit sind bei vielen Gehöften 
Wohnungen für mehrere Familien errichtet, wahrscheinlich infolge der ersten Teilungen." 

Der Amtsrichter von Kirchen schreibt: „Einzeln liegende GebäuJichkeiten waren viel- 
leicht früher Höfe, worauf die Bezeichnungen wie Brühlhof, Lacherhof, Strathof u. a. m. 
hindeuten mögen. Infolge der Vermehrung der Bevölkerung, insbesondere durch den Zuzug 
von Fabrik- und Bergarbeitern haben sich jedoch dort gröfsere Ansiedelungen gebildet, und 
bestehen für diese Distrikte keine besonderen Eigentümlichkeiten mehr." Auf die starke, auch 
im Amtsgerichtsbezirke Asbach herrschende Parzellierung ist oben (S. 24) hingewiesen worden. 
In keinem Teile unseres Beobachtungsgebietes, handle es sich um die 
letzterwähnten Gegenden, um die von den Standorten der Industrie ent- 
fernten kleinen Dörfer des rauhen Westerwaldes oder des milderen Taunus, 
um die gröfseren Gemeinden des fruchtbaren Lahnthaies, um die Weinbauern 
des Rheingaues oder um die in den Industriegegenden gelegenen Ortschaften, 
macht sich demnach das Bestreben geltend, durch Verfügungen unter 
Lebenden oder von Todeswegen auf die Erhaltung des elterlichen Grund- 
besitzes in der Hand eines leistungsfähigen Unternehmers hinzuwirken. Bei 
jedem Erbfalle wird mechanisch der Grundbesitz der Eltern in so viel Teile 
zerlegt, als Interessenten vorhanden sind, das Immobiliarvermögen wird 
ebenso behandelt wie die „fahrende Habe". 

Nur ganz verschwindend wenige Ausnahmen kommen vor. Das Amts- 
gericht Katzenelnbogen berichtet von einem Falle, in dem ein gröfseres Hof gut 
(zu 44000 M taxiert) dem ältesten Sohne zum bei weitem gröfseren Teile 
(34700 M) gegen Abfindung dreier Geschwister mit dem kleineren Teile und 
mit barem Gelde übertragen worden sei. Das Amtsgericht Ekrenbreitstein 
meldet mehrere derartige Fälle. Es hat für 6 Höfe seines Bezirkes aus den 
allerdings nicht weit zurückreichenden Grundakten Notizen gesammelt, die 
auf das Bestreben der Inhaber hindeuten könnten, die Höfe in der Familie 
zu erhalten. Sie sind der Rest von einst zahlreicheren, schon seit Jahr- 
hunderten bestehenden geschlossenen Höfen, die zum Teil in neuerer Zeit 
parzelliert worden sind, ihre Gröfse ist 8, 25, 34, 40, 56 und 72 ha. Sie 
sind seit 15 bezw. 25, 43, 60 und 65 Jahren im Eigentum der betreffenden 
Familien, die sie durch Kauf erworben haben. Yon den Eigentümern sind 
ihrer sozialen Stellung nach 4 bäuerliche Besitzer, 1 Militär und 1 adeliger, 
gröfserer Grundbesitzer. Einer der Höfe ist schon wieder verpachtet und 
wird wohl bald wieder aus der Familie herausfallen, während bei zwei 
anderen Höfen die Abfindung der Geschwister, die in der Höhe des ganzen 
Verkauf swertes stattfand, durch Abstofsung der am entferntesten liegenden 
Grundstücke ermöglicht wurde. 

Endlich ist noch die kleine Gemeinde Wallenfels zu nennen, in der 
das Erbleiheverhältnis besonders lange bestanden hat und noch heute die 
Erbsitte beeinflufst. Die S. 27 mitgeteilte Notiz l ) veranlafste den Referenten 

x ) Auch Schenck („Über die Folgen der Güterzersplitterung", Wiesbaden 1853, S. 5 
Anm. 2) führt Wallenfels als die einzige Gemeinde des Herzogtums Nassau an, in der die 
Unteilbarkeit der Güter als Gewohnheitsrecht gelte. 



36 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

zu einer Anfrage beim Ortsbürgermeister. Er antwortete: „Auch nach Ab- 
tragung der Erbleihe hat sich die Sitte erhalten, dafs das älteste oder ein 
anderes Kind den gesamten Grundbesitz der Eltern übernimmt. Nur zwei 
Fälle sind mir bekannt geworden, in denen eine Teilung unter den Geschwi- 
stern stattfand, aber auch bei diesen wurden 4 /ö °der 5 /e des Immobiliar- 
vermögens von einem Kinde übernommen, das sich mit den Geschwistern 
durch einen Yergleich einigte. Infolgedessen beträgt der Besitzstand der 
hiesigen Bauern zwischen 20 und 50 Morgen, während in den Nachbar- 
gemeinden der gröfste Teil der Bevölkerung zwischen 5 und 10 Morgen be- 
sitzt." Was die Wohlstandsverhältnisse der Gemeinde Wallenfels im Yer- 
gleich zu den benachbarten Dörfern betrifft, so meint der Bürgermeister, 
trotz ungünstiger klimatischer Yerhältnisse und einsamer Lage könnten 
sich die Bauern seiner Gemeinde infolge ihres gröfseren Grundbesitzes 
an die Seite ihrer gleichfalls nur Landbau treibenden Nachbarn stellen. 
Dagegen ständen sich die kleinen Bauern der anderen Dörfer, die mit 1 — 2 
oder 3 Söhnen im Bergwerk arbeiteten und bei denen der Ackerbau Neben- 
betrieb sei, (infolge der Agrarkrisis) besser als der Landmann mit einem 
Grundbesitze von 40 Morgen. Er halte daher Teilung des Grundbesitzes 
zwischen den Miterben unter der Yoraussetzimg, dafs ausreichender Neben- 
verdienst in der Nachbarschaft vorhanden sei, für das beste; Anlage von 
Eisenbahnen und Fabriken in entlegenen Gegenden sei zu empfehlen. Aus 
Wallenfels gingen zwar auch einige Leute über 1 1 / 2 Stunden weit ins Berg- 
werk, doch reiche dieser Nebenverdienst nicht hin, und so zögen die Ge- 
schwister, die keinen Grundbesitz erhielten, dauernd in die Städte und In- 
dustriebezirke. 

Einige andere Fälle, in denen trotz der herrschenden Teilungssitte der 
Grundbesitz im Erbgange geschlossen zu bleiben pflegt, werden später zu 
besprechen sein. 

Abgesehen von derartigen Ausnahmen, ist die Sitte der Natural- 
teilung durchaus in Fleisch und Blut der Bevölkerung übergegangen. 
Sie setzt sich auch da durch, wo die Yerhältnisse auf die Abtretung des Im- 
mobiliarvermögens an einen Erben hinweisen, wo z. B. von mehreren Söhnen 
nur einer die Landwirtschaft im Heimatsorte betreibt, die übrigen aber 
andere Berufsarten erwählt oder die Heimat verlassen haben. 

„Die Idee der Gleichheit der Yererbung des beweglichen und un- 
beweglichen Vermögens ist so sehr mit dem Bewufstsein der hiesigen Be- 
völkerung verwachsen, dafs selbst dann, wenn von vornherein ganz bestimmt 
feststeht, dafs ein Teil der Erben ihren Grundbesitz zu verkaufen gezwungen 
ist, dennoch der Grundbesitz gleichmäfsig (nach dem Lose) verteilt wird, ja 
dafs es gar nicht selten vorkommt, dafs in solchen Fällen, trotzdem der 
Übergeber von der Unwirtschaftlichkeit dieser Mafsregel überzeugt ist, die 
Grundstücke noch reell geteilt werden. Gerade dieser Fall dürfte wohl am 
deutlichsten zeigen, wie sehr es dem Bechtsgefühl der hiesigen Bevölkerung 
widerspricht, einen wesentlichen Unterschied in der Yererbung des beweg- 
lichen und unbeweglichen Yermögens zu machen". (Amtsgericht Bierdorf.) 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 37 

Nicht minder bringt man in dem seltenen Falle, dafs ein mittlerer 
Grandbesitz in einer Hand vereinigt und genügend Kapitalvermögen vor- 
handen ist, die Grundstücke entsprechend der Anzahl der Kinder auf die 
Loszettel. (Amtsgericht Rurikel.) 

Das Interesse richtet sich daher nur noch auf die Frage, welche Rechts- 
formen der Besitzübergang vom Erblasser auf die Erben annimmt, wie die 
Übernahme der an sich unteilbaren Wohn- und Wirtschaftsgebäude geregelt 
ist, wie die alten Eltern versorgt werden, welche sozialen und wirtschaft- 
lichen Wirkungen der Erbsitte zuzuschreiben sind. 

A. Die Rechtsformen des Erbübergangs im Allgemeinen. 

Die Formen des Besitzwechsels im Erbgange sind: 

1. die Intestaterbfolge, 

2. der Vermögensübergabevertrag (Losgabevertrag), 

3. der Kaufvertrag, 

4. der Yerpflegungsvertrag, 

5. der Erb vertrag, 

6. die letztwillige Verfügung. 

Im Falle der Intestaterbfolge bestimmen die Eltern nichts über ihre 
Verlassenschaft, mittels der unter 2 — 5 genannten Verträge setzen sie sich 
mit ihren Erben schon zu Lebzeiten über die Kegulierung ihres Nachlasses 
unwiderruflich ins Einvernehmen, dessen Folgen in den Fällen 2 — 4 regel- 
mäfsig sofort nach Abschlufs des Vertrages eintreten, während der Erbvertrag 
erst mit dem Ableben der Eltern eine Wirkung erzielt. Durch die letztwillige 
Verfügung bestimmen sie widerruflich über ihr Vermögen. 

Kauf-, Verpflegungs- und Erbvertrag werden in den Berichten über- 
haupt nicht oder als äufserst selten aufgeführt. Die Angaben der Amts- 
gerichte über das Vorkommen der übrigen Rechtsformen sind im folgenden 
tabellarisch zusammengefafst. 

(Siehe Tabelle S. 38—39.) 

Es ist anzunehmen, dafs die Tabelle nach zwei Richtungen nicht genau 
mit den thatsächlichen Vorgängen übereinstimmt. In vielen Bezirken ist es 
üblich, dafs die Eltern, wenn ihre Kinder ein gewisses Alter der persönlichen 
Selbständigkeit, und sie selbst ein gewisses Alter des Verfalles erreicht haben, 
ihr Vermögen „provisorisch übergeben u ; d. h. lediglich durch mündliche Ver- 
einbarung oder mit Hilfe einzelner Notizen wird das stipuliert, was als Ver- 
mögensübergabe später auf dem Amtsgerichte protokolliert werden soll; die 
Wirtschaftsführung geht von nun an auf die Kinder über. Naturgemäfs pflegt 
dieser Fall am häufigsten dann einzutreten, wenn sich ein Kind verheiraten 
will. Ob die jungen Eheleute dann den Betrieb der Landwirtschaft einem 
der Elternpaare vollständig abnehmen, ob sie nur einzelne Grundstücke zum 
Niefsbrauch erhalten, oder ob sie zunächst noch wirtschaftlich abhängig bleiben 
und nur in den Haushalt der Eltern des Mannes oder der Frau mitarbeitend 
eintreten, darüber läfst sich keine allgemeine Regel aufstellen; entscheidend 
hierfür sind lediglich die individuellen Verhältnisse, Sterben nun die Eltern, 



38 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 





Zahl der 
be- 


Besitz Wechsel im Erbgange nach 




Bezirk 










und 


obachteten 


Intestat- 


Vermögens- 


Letzt williger 


Bemerkungen 


Amtsgericht 


Jahre 


erbfolge 


übergabe- 
vertrag 


Verfügung 


• 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


Bezirk I. 












(Westerwald) 












Ehrenbreitstein . 




die Regel 


wenige Fälle 


selten 




Neuwied . . . 




die Regel 


relativ selten 


selten 




Linz 




die Regel 


überaus selten 






Dierdorf . . . 




häufig 


sehr häufig 


kommt vor 




Asbach .... 




die Regel 


sehr häufig 


bei der Ge- 
schwisterwirt- 
schaft, sonst 
nicht 




Altenkirchen . . 




die Regel 


kommt vor 






Wissen .... 




die Regel; ca. 
15 im Jahre 


seltener; nur 
b. wohlhaben- 
den Bauern; 
ca. 4 — 5 im 
Jahre 


selten 




Kirchen . . . 




die Regel 


14 in 2 Jahren 


122 in 10 Jahr. 




Daaden .... 




Ungefähr gleichmäfsig nach 
beiden Arten 


selten 
40 in 6 Jahren 




Grenzhausen . . 


14 




109 


162 


Unter Spalte 5 auch 

Testamente von 

nicht bäuerlichen 

Personen 


Selters .... 


14 




176 die Regel 


60 




Montabaur . . 




70% 


30% 






Hachenburg . . 








selten 




Marienberg . . 








selten 




Eennerod . . . 




am häufigsten 


bei wohl- 
habenden 
Bauern 


selten 




Wallmerod . . 




selten 


die Regel 


selten 




Dillenburg . . . 






fast ausnahms- 
lose Regel 






Herborn . . . 


3 


pro Jahr 103 


pro Jahr 41 


ausnahms- 








(71,5%) 


(28,5%) 


weise 




Bexirk II. 












(Lahngebiet) 












Ehringshausen . 




die Regel 


nicht selten 


selten 




Braunfels . . . 




die Regel 


nicht selten 


selten 




Wetzlar . . . 




nicht selten 


die Regel 


selten 




Weilburg . . . 




regelmäfsig 


häufig 






Runkel .... 






regelmäfsig 
(20—25 i. J.) 






Hadamar . . . 






häufig 


selten 




Limburg . . . 












Camberg . . . 




fast regel- 


vereinzelte 


vereinzelte 








mäfsig 


Fälle 


FäUe 




Diez . . . 






ganz allgem. 
die Regel 







Das Erbrecht und die Erbsitte. 



39 





Zahl der 

be- 
obachteten 


Besitzwechsel im Erbgange nach 




Bezirk 










und 


Intestat- 


Vermögens- 


Letztwilliger 


Bemerkungen 


Amtsgericht 


Jahre 


erbfolge 


übergabe- 
vertrag 


Verfügung 




1 


2 


3 


4 


5 


6 


Katzenelnbogen . 


10 


am häufigsten 


110 


55 




Nassau .... 


2 


66 (55,4%) 


19 (16,0%) 


9 (7,6% 


Dazu 25 Kaufver- 
träge (21,0%) 


Ems 




meistens 


häufig 


selten 




Bezirk III. 












(Taunus) 












Homburg . . . 




am häufigsten 


nicht 
ungewöhnlich 






Königstein . . . 




(35-45 o/o) 


sehr häufig, 
jedoch meis- 
tens nur bei 
ausgedehntem 
Grundbesitze 


höchst selten 




Langenschwalbach 




meistens 


häufig 


selten 




Wehen .... 


3 


in den bei 
weitem meis- 
ten Fällen 


in 3 Jahren 
15. Ausnahme 


Ausnahme 




Idstein .... 




regelmässig 


öfter 


vereinzelt 




Braubach . . . 




meistens 


sehr häufig 


selten 




Niederlahnstein 












Nastätten . . . 


10 


(50%) 


(42%) 


8% teilen 
sich in Ver- 
pflegungsver- 
trag und 

Testament 




Usingen . . . 


3 


regelmäfsig 


nicht selten; 
in 3 Jahren 85 






Bezirk IV. 












(Rheingau) 












Rüdesheim . . 


*V. 


regelmäßig 


vielfach (68 in 
4% Jahren 






Eltville .... 




regelmäfsig 


wenig (2 — 3 
im Jahre) 


selten 




St. Goarshausen . 




meistens 


häufig 


selten 


Die Vermögensüber- 
gaben werden im Ge- 
biete des Pfälzischen 


Bezirk V. 










und Kurtrierschen 


(Maingebiet) 










Landrechtes höchst 
selten protokolliert 


Wiesbaden . . . 




regelmäfsig 


in letzter Zeit 

seltner (5 — 6 

im Jahre) 


sehr selten 




Hochheim . . . 












Höchst .... 


8 


132 (47,8%) 


130 (47,1%) 


14(5,1%) 


Es wurden nur die 
bäuerlichen Besitz- 
wechsel im Erbgange 


Frankfurt . . . 




regelmäfsig 






ermittelt 


Bockenheim . . 




weitaus 
meiste Fälle 


häufiger als 
durch Testa- 
ment und 
Erbvertrag 


sehr selten 





40 U. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

ehe es zur amtsgerichtlichen Protokollierung gekommen ist, so wird der 
Fall unter der Spalte „Intestaterbfolge" vermerkt, während sich in Wirk- 
lichkeit die Eltern schon zu ihren Lebzeiten über die Art der Teilung des 
Nachlasses mit ihren Kindern geeinigt haben. Aus diesem Grunde wird fast 
überall die nach juristischen Grundsätzen richtige Ziffer der Intestat- 
erbfälle thatsächlich zu hoch und die Ziffer der Vermögensübergaben 
zu niedrig sein. Ferner werden nicht selten Kaufverträge übersehen worden 
sein, welche zwischen Eltern und Kindern abgeschlossen wurden, weil diese 
Form des Erbüberganges sehr schwer als solche erkennbar ist. So haben z. B. 
die Amtsgerichte Montabaur und Limburg sie nicht erwähnt, bezw. berichtet, 
dafs sie selten vorkomme, während aus zwei in den „Ermittelungen über die 
allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen" enthaltenen Berichten her- 
vorgeht, dafs kauf weise Erb üb ertragungen in ihren Bezirken häufig anzu- 
treffen sind. 

Nach der Tabelle nimmt hinsichtlich der Häufigkeit des Vorkommens 
die Intestaterbfolge die erste, die Yermögensüb ergäbe die zweite, das Testa- 
ment die dritte Stelle ein. Diese Reihenfolge ist in fast allen Bezirken gleich- 
mäfsig zu bemerken. Die vorhandenen Abweichungen lassen sich weder auf 
die Yerschiedenartigkeit der Produktionsverhältnisse noch der Verkehrslage 
noch der rechtsgeschichtlichen Entwickelung ohne weiteres zurückführen. 

Ohne jede Ausnahme wird in den Berichten die Seltenheit der Testa- 
mentserrichtung betont, auch dort, wo die bäuerliche Bevölkerung in engster 
Beziehung mit städtischer Sitte und Gewohnheit steht. Die Amtsgerichte 
stimmen darin überein, dafs sie meistens nur von ledigen Personen und 
kinderlosen Ehegatten errichtet werden. Die letzteren pflegen den über- 
lebenden Ehegatten, oder in Erwartung der Yerpflegung für ihre alten Tage 
einen ihnen nahestehenden Seitenverwandten als Erben einzusetzen. Häufig 
ist der Inhalt der Testamente auch Enterbung in guter Absicht, um bei 
schlechtem Lebenswandel von Söhnen und Schwiegersöhnen das Eigentum 
am Grundbesitze direkt den Enkeln zu verschaffen und erster en nur den 
Niefsbrauch der Grundstücke zu belassen. Diese „exheredatio bona mente" 
wird übrigens nach dem Berichte eines Amtsgerichtes (Hachenburg) nicht 
selten in frauduloser Absicht zur Benachteiligung der Gläubiger vorgenommen. 
Auch Beschränkungen auf den Pflichtteil, Zuwendungen ad pias causas, Be- 
stimmungen darüber, was die Kinder zu konferieren haben u. dgl. kommen 
vor. Aber niemals werden Testamente zu dem Zwecke errichtet, den Grund- 
besitz in der Hand eines leistungsfähigen Unternehmers zu erhalten. 

Über den Erbvertrag wird in keinem der Berichte näheres erwähnt. 

Auf den Verpflegungsvertrag gehen nur die Amtsgerichte Wissen und 
Walmerod näher ein: Sämtliches Grundeigentum wird ungeteilt — meist an 
eines der Kinder — zu Eigentum mit der Yerpflichtung übertragen, den 
Übergeber lebenslänglich zu verpflegen. Meist kommt dieser Yertrag nur bei 
kleinen, ziemlich verschuldeten Anwesen in Anwendung (Wissen). Er wird 
abgeschlossen, weil „die Eltern, wenn die. älteren Kinder auswärts etabliert 
oder verheiratet sind, ohne thatkräftige Unterstützung einer jüngeren Kraft 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 41 

die Wirtschaft nicht mehr fortführen können und eine solche Kraft ohne 
Gegenleistung nicht gebunden werden kann". Eine Bevorzugung des 
Übernehmers vor den Miterben ist auch hier nicht beabsichtigt. 

Die Kaufverträge enthalten in den meisten Fällen nur die Übertragung 
der Gebäulichkeiten an eines der Kinder mit oder ohne Hinzunahme eines 
Teiles der Ländereien, niemals aber des ganzen Grundbesitzes. Im Amts- 
gerichtsbezirke Nassau ist ein einziger Fall in 2 Jahren vorgekommen, in 
welchem der ganze Grund- und Gebäudebesitz an eines von 2 Kindern gegen 
angemessene Entschädigung des anderen Kindes übertragen wurde. Da 
der Kaufvertrag in seinen Wirkungen der Yermögensüb ergäbe gleichsteht, 
ist es natürlich, dafs früher die Vermögensübergaben häufig in die Form 
mehrerer solcher Verträge eingekleidet wurden {Katzenelnbogen und Wehen). 
In neuerer Zeit wird aber strenger ciarauf gesehen, dafs alle Verträge, die 
sich materiell als Vermögensübergaben darstellen, auch formell als solche 
vor Gericht aufgenommen werden (Katzenelnbogen). 

Das Amtsgericht Marienberg giebt eine nähere Schilderung der im Ge- 
biete des Stockbuches bei der kaufweisen Übertragung der Immobilien an 
einen Descendenten nötigen gerichtlichen Yerhandlungen, die analog auch 
bei Übertragungen an mehrere Erben erforderlich sind: „Sei es beide As- 
cendenten, sei es der Überlebende, verkauft seinen gesamten Grundbesitz 
an einen Descendenten. Ist der überlebende Ehegatte der Verkäufer und 
handelt es sich um ehegemeinschaftliche Grundstücke, so müssen sämtliche 
Descendenten, als Erben des vorverstorbenen Ehegatten, bei dem Kaufvertrage 
(als Verkäufer) mitwirken. In einem solchen Falle wird, da der kaufende 
Descendent nicht seinen eigenen Anteil kaufen kann, der ideelle Anteil 
des Käufers an den gekauften Grundstücken, welcher ihm als Erben des 
vorverstorbenen Ehegatten zusteht, im Stockbuche, nachdem eine darauf be- 
zügliche Verhandlung auf dem Amtsgerichte stattgefunden, unter der Er- 
werbsart „Erbschaft" eingetragen. Der Kaufpreis wird je nach der Verein- 
barung entweder an die Ascendenten oder an die Geschwister, welche letztere 
in dieser Weise in betreff ihres Erbteiles abgefunden werden, gezahlt, so- 
weit der Kaufpreis nicht durch die vorhandenen Schulden absorbiert wird. 
Die Schulden werden in der Regel in dem Kaufvertrage genau festgestellt 
und von dem Käufer als eigene Schulden übernommen. — Bilden den Ge- 
genstand des Kaufvertrages auch Gebäude, so behalten sich die verkaufenden 
Ascendenten in der Regel das Insitzrecht vor." 

Ein wesentlicher Unterschied in den einzelnen Amtsgerichtsbezirken 
besteht nur hinsichtlich der Häufigkeit der Vermögensübergaben. Die all- 
gemeine Regel bilden sie in 6 Amtsgerichtsbezirken des Westerwald- und 
Lahngebiets, während in den drei anderen Bezirken kein Amtsgericht von 
einem Überwiegen der Yermögensüb ergaben spricht. Ihr seltenes Vorkommen 
heben im ersten Bezirke nur die am Rheine gelegenen Amtsgerichte Ehren- 
breitstein, Neuwied und Linz ausdrücklich hervor — ebenso Wissen. Es 
läge nahe zu vermuten, diese Erscheinung hänge damit zusammen, dafs in 
diesen Bezirken reichlichere Gelegenheit zum Nebenverdienst im Gewerbe, 



42 n. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Bergbau und Hüttenwesen gegeben ist, während in den benachbarten Amts- 
gerichtsbezirken Asbach, Altenkirchen und Dierdorf eine rein bäuerliche 
Bevölkerung lebt und die Naturalwirtschaft eine gröfsere Rolle spielt. Mehr- 
fach werden aber auch entgegengesetzte Gewohnheiten aus einander benach- 
barten Amtsgerichtsbezirken mit ganz ähnlichen Wirtschaftsbedingungen, ge- 
meldet. So heben Camberg im Lahn-, Wehen im Taunus-, Eltville im Rhein- 
gau-Bezirke die Seltenheit der Yermögensüb ergaben hervor, während das 
Gegenteil von Runkel, Langeiischwalbach und Rüdesheim gilt. 

Unerwartet hoch ist die Zahl der Vermögensübergaben (47,1%) i m 
Bezirke des Amtsgerichtes Höchst, in dem gerade die Industrie die Land- 
wirtschaft schon stark verdrängt hat, während die Vermögensübergaben aller- 
dings in den Dorfschaften der Amtsgerichtsbezirke Frankfurt a. M. und 
Bockenheim mehr zurücktreten und auch aus Wiesbaden gemeldet wird, 
dafs sie in neuerer Zeit selten geworden sind. Im Amtsgerichtsbezirke Wetzlar 
scheinen sie nach den Berichten häufig vorzukommen, weniger oft in Ehrings- 
hausen und Braunfels. Man kann hierfür nur die einmal eingebürgerte 
bäuerliche Sitte in Anspruch nehmen. 

Das Amtsgericht St. Ooarshausen macht den Einflufs des Rechtes 
geltend: die Üb ergäbe vertrage seien im Gebiete des Pfälzischen und Kur- 
trierschen Landrechtes (von denen das erstere Bestimmungen über sie ent- 
hielt) höchst selten, würden aber im Gebiete des gemeinen Rechtes ohne 
Landrecht häufig protokolliert. 

Aus den Berichten scheint ferner hervorzugehen, dafs die bäuerliche 
Bevölkerung in dem Mafse häufig schon bei Lebzeiten über den Nach- 
lafs Verfügung trifft, als sie aus wirklichen Bauern besteht und je 
weniger sie zu Landwirtschaft treibenden Tagelöhnern herabgesunken ist. 
Dafs nur relativ wohlhabende Bauern von der Vermögensübergabe Gebrauch 
machen, wird vom Amtsgerichte Nassau statistisch belegt. Das Gericht hat 
die in zwei Jahren (1892 und 1893) erfolgten Besitzwechsel nicht nur der 
Zahl, sondern auch der Fläche nach zusammengestellt, übrigens bei den 
Kaufverträgen selbstverständlich nur die zwischen Eltern und Kindern ge- 
schlossenen und sowohl bei diesen als auch bei den Vermögensübergaben 
nur solche Fälle berücksichtigt, die eine Regulierung des gesamten Ver- 
mögens herbeiführten, daher die Erbfolge zu vertreten bestimmt waren. Das 
Resultat waren folgendes: 

Fälle (%) Morgen (<y ) 
Besitzwechsel im Erbgange üerhaupt . . 119 (100) 775 (100) 

Kaufverträge 25 (21) 78 (10) 

Vermögensübergaben 19 (16) 247 (32) 

Instetaterbfolge 66 (55) 398 (51) 

Letztwillige Verfügungen 9 (8) 52 (7) 

Danach entfielen im Durchschnitte auf einen Besitzwechsel im Erb- 
gange mittelst: 

Kaufvertrages ... 3,1 Morgen 
Vermögensübergabe .13 „ 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 43 

Instetaterbfolge ... 6 Morgen 
Letztwilliger Verfügung 5,8 „ 
Hauptsächlich machen also wohlhabendere Besitzer von der Ver- 
mögensübergabe, Parzellenbesitzer von. der Form des Kaufvertrages Ge- 
brauch, während die Intestaterbfolge (und das an sich seltene Testament) vor- 
wiegend für Kleinbauernstellen Platz greift. Dies gilt nicht nur für die 
hier berechneten Durchschnittszahlen, sondern auch thatsächlich für die von 
dem Amtsgerichte mitgeteilten einzelnen Fälle. 

Dieselbe Erscheinung wird auch von anderen, in ganz verschiedenen 
Teilen des Gebietes gelegenen Amtsgerichten beobachtet, so von Wissen und 
Renner od im Westerwaldgebiete, Königstein im Taunusbezirke. Es dürfte 
hierbei die Möglichkeit mitspielen, die der gröfsere Bauer hat, seinen Kindern 
durch Aufteilung seines Besitzes eine gesicherte Existenz und Heirats- 
gelegenheit, sich selbst eine Altersversorgung zu verschaffen. Der kleine 
Bauer dagegen kann seine Nachkommen kaum mit einem Aushalte belasten, 
entäufsert sich vielmehr seines Hausbesitzes ohne solchen Vorbehalt, be- 
dient sich also des Kaufvertrages oder verschiebt die Teilung seines Nach- 
lasses auf den Todesfall, so dafs dann die Instetaterbfolge eintritt. 

Das Amtsgericht Höchst berechnet aus seinen Akten für die Jahre 
1885 bis 1893, dafs bei der Teilung des Grundvermögens in 132 Instetaterb- 
fällen vorhanden waren: 

in 34 Fällen Erben 1 

„30 , „ 2 

„ 24 „ „ 3 

i.-18-ii r 4 

11 *> 

ii xx ii ii ,J 

ii * ii ii ö 

4 7 

ii ^ ii ii ' 

ii 3 „ ,, 8 

„ 1 Falle „11 

Dagegen erfolgte die Vermögensübergabe unter 130 Fällen 12 mal an 
1 Erben (wovon in 9 Fällen an den einzigen), 

24 mal an 2 Erben 

30 „ „ 3 „ 

24 „ „ 4 „ 

^ ii ii •■ 5 „ 

8 ii ii 6 *j 

6 „ „ 7 „ 

3 ii ii 8 „ 

x ii ii v ii 

^ ii ii 10 „ 

„Während also in 34 von 132 Fällen das Gebäude auf einen und den 
einzigen Erben fällt, also immerhin bei gut x / 4 der Erbschaften die- Im- 
mobilien ohne Eingreifen der Besitzer nur in eine Hand übergehen, ergiebt 



44 n. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

vorstehende Aufstellung, wonach die Vermögensübergabe nur in 12 Fällen 
von 130 an einen Nachkommen erfolgte, dafs die amtseingesessene bäuerliche 
Bevölkerung gerade umgekehrt viel eher geneigt ist, wenn thatsächlich nur 
ein Erbe vorhanden ist, weil eine Regelung nicht nötig, die gesetzliche Erb- 
folge eintreten zu lassen, dagegen bei mehreren Erben, um sich des 'Ein- 
verständnisses und der Zufriedenheit ihrer Nachkommen zu versichern, ihre 
Immobilien schon zu Lebzeiten an ihre demnächstigen Erben gleichheitlich 
zu verteilen." 

Es bleiben noch im einzelnen die Modalitäten der Instetaterbfolge und 
der Yermögensüb ergäbe zu erörtern. 



B. Die Intestaterbfolge. 

Im Falle, dafs mehrere Berufene erben, werden sie nach gemeinem 
Rechte Miteigentümer. Der Erbteilungsvertrag wird aufsergerichtlich ab- 
geschlossen und nur bei Uneinigkeiten der Parteien die gerichtliche Ent- 
scheidung im Prozefswege herbeigeführt. Nur in dem Teile des Oberlandes- 
gerichtsbezirkes Frankfurt a. M., der früher zu dem Herzogtum Nassau ge- 
hörte, kann, wenn minderjährige oder sonstige dispositionsunfähige Personen 
als Miterben beteiligt sind, von jedem Vertreter einer solchen Person die Ver- 
mittelung der Erbteilung durch den für die Erbschaft kompetenten Beamten 
der freiwilligen Gerichtsbarkeit in Antrag gebracht werden. Dies geschieht 
auch thatsächlich in den meisten Fällen, wie z. B. das Amtsgericht Marien- 
berg mitteilt, sofern eine genügende Masse vorhanden ist. Dafs die aufser- 
gerichtliche Teilung des Nachlasses nicht zu lange hinausgezogen werde, 
dafür bietet, soweit Immobilien in Frage kommen, die nassauische Stock- 
buchsgesetzgebung eine Handhabe. Der Bürgermeister reicht beim Tode 
des letztlebenden Ehegatten einen Sterbebericht ein, worauf das Amts- 
gericht die Erben durch Ordnungsstrafen anhalten kann, die Überschreibung 
vornehmen zu lassen. Auch die Frankfurter Verordnung am 10. März 
1825, die Transkription der Immobilien und Bestellung der Hypotheken 
auf dem Lande betreffend, kennt derartige Ordnungsstrafen gegen die Erben. 

Während die Parzellen regelniäfsig in die einzelnen Teil-(Los-)zettel 
so verteilt werden, dafs sie im Werte sich gleich stehen, die geringen Wert- 
unterschiede durch Geld ausgeglichen werden, somit die Verlosung dieser 
Zettel weiter keine Schwierigkeiten bietet, stehen der Übernahme der unteil- 
baren Hofraite sowie der Regulierung der Nachlafsschulden häufig Schwierig- 
keiten im Wege. 

Die Schulden des Erblassers werden von den Miterben meist verhältnis- 
mäfsig übernommen bezw. ihnen zugeteilt, die Baulichkeiten einem oder, 
wenn mehrere zusammenwirtschaftende ledige Geschwister vorhanden sind, 
diesen gemeinschaftlich zu einem vereinbarten Preise übergeben. Die Ge- 
bäudeübernehmer verpflichten sich dann eventuell, einen gröfseren Schulden- 
teil zu übernehmen und den hiernach etwa verbleibenden Rest des Anschlags- 
preises an die Miterben herauszuzahlen. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 45 

Die einzelnen Punkte dieser Kegelung sollen im Zusammenhang mit 
der nun zu schildernden Yermögensübergabe behandelt werden. 

C. Die Vermögensübergabe. (Der Losgabevertrag.) 

1. Yon den oben (S. 4) erwähnten Partikularrechten enthalten die folgen- 
den besondere Bestimmungen über die Gläsübergabe. 

Die Nassau - Katzenelnbogische Landesordnung von 1616 bestimmt in 
ihrem dritten Teile, Kap. X: „Von den Übergaben auf den Todesfall, zu 
Latein donationes causa mortis genannt", unter Nr. X: 

„Es hat sich auch bis anhero zugetragen, dafs die Eltern ihren Kindern 
bey ihrem Leben, entweder alle ihre Güther, oder je den mehreren theil, erb- 
lich übergeben, und allein einen geringen Aufsbehalt gethan haben, doch 
mit der Bedingnufs, dafs die Kinder eins umb das ander, sie, die Eltern, mit 
Kost und Tranck, die Zeit ihres Lebens versorgen, und sie mit dem Aufs- 
behalt ihres Gefallens sollten gewähren lassen. Wiewohl nun zu Zeiten et- 
liche Kinder ihre Eltern der Gebühr unterhalten, so hat sichs doch befunden, 
dafs auch viel das Gegenspiel gethan, und gleichwol hernachher den Eltern 
ihre Güther nicht wiederumb zustellen, vielweniger aber andere Gebühr ver- 
richten wollen. Dieweil dann hieraus grofs Klagens und viel Unwillens ent- 
standen, auch zu Zeiten die Eltern bey ihrem Leben erfahren, dafs die Kinder 
und ihre Enkel alle vor ihnen verstorben, ihre Güther aber in fremden 
Händen gewesen, und mit Hunger und Kummer des Nachsehens haben müssen: 

So setzen, ordnen und wollen Wir, dafs all' solche Übergifften und gleich- 
sam Todt-Teilungen inskünfftig eher nicht biss nach der Eltern Todt, für kräfftig 
sollen geachtet noch gehalten werden, sondern den Eltern bevor- und frei 
stehen soll, dieselbige Güter jederzeit, und wenn es ihnen gefällt, aber doch 
mit Yorwissen Unserer oder Unser Beampten, wieder zu sich nehmen, und 
ihres Gefallens damit zu schalten und zu walten." 

Diese Vorschriften wurden durch eine Verordnung von 1778 wieder 
aufser Kraft gesetzt. Sie legt das Hauptgewicht auf die Klarstellung der 
Verhältnisse bei den Vermögensübergaben, beseitigt das unbedingte Wider- 
ruf srecht der Übergeber und macht die Rechtsgiltigkeit jener Verträge von 
einem gerichtlichen Akte abhängig. 

Das Pfälzische Landrecht von 1582 (Ausgabe von 1698) enthält in 
Teil I. Tit. 14 ebenfalls Bestimmungen über das Widerrufsrecht der über- 
gebenden Eltern. Beide Landrechte regeln die Vermögensübergabe also 
hauptsächlich in der Richtung des Schutzes der alten Eltern. 

Die Nassau - Usingische Kontrakten- und Hypotheken - Ordnung vom 
21. März 1774, die samt den späteren Berichtigungen und Erläuterungen 
durch Edikt vom 4. Juni 1816 auf das ganze nassauische Staatsgebiet für 
anwendbar erklärt und auch in einem Teile des Justizsenates Ehrenbreitstein, 
dem Amte Altenkirchen, durch die nassauische Verordnung vom 13. Mai 
1815 eingeführt wurde, 1 ) ordnet dagegen die Vermögensübergaben nur in 

x ) Scotti, „Provinzialgesetze u 4. Teil. Düsseldorf 1836, S. 1921. 



46 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

der Absicht, späteren Streitigkeiten zwischen den Yertragschliefsenden vor- 
zubeugen: „Keine Güter- Übergabe der Eltern an ihre Kinder soll von 
rechtlicher Wirkung sein, am wenigsten aber das Eigentum der übergebenen 
Güter an letztere übergehen, wofern nicht dieselbe von den übergebenden 
Eltern in Gegenwart der Kinder (und wenn unter diesen minorenne« oder 
abwesende sind, der ihnen ad hunc actum zu bestellenden Kuratoren) bei 
denen (§ 1) benannten Amtspersonen angezeigt und von diesen dem darüber 
zu haltenden besondern Protokoll einverleibt worden sind" (§ 51). Weiter- 
hin werden die Punkte genannt, welche von den Interessenten „umständlich 
zu erfragen und in dem Protokoll genau zu bestimmen sind." Es ist nament- 
lich auf eine genaue Pestsetzung des Aushaltes hinzuwirken. „Sodann ist 
denen das Gut übernehmenden Kindern ein Extractus huius Protocolli mit 
darunter gesetzter amtlicher Confirmation nach Yorschrift zu erteilen." 

Eine Bestimmung der Nassau-Usingischen Verordnung vom 2. Mai 1707, 
welche die Minimalgrenze des 60. Lebensjahres für den Gutsübergeber fest- 
setzte, wurde durch Ministerial Verordnung vom 5. Juni 1816 auf das ganze 
Herzogtum Nassau ausgedehnt, jedoch durch die preufsische Gesetzgebung 
aufgehoben. 

Die von der herzoglich nassauischen Eegierung unter dem 28. März 
1808 publizierte „Neue Kontrakten- und Hypotheken-Ordnung für die Graf- 
schaft Hachenburg" J ) enthielt eine aufseror deutlich sorgfältige Kegelung der 
Üb ergäbe vertrage; obwohl auch diese Bestimmungen nicht mehr in Kraft 
sind, bilden sie doch ein so bemerkenswertes Stück der alten fürsorglichen 
Justizpflege, dafs es richtig schien, sie im Wortlaut wiederzugeben (vgl. An- 
lage I). Auch für die Kenntnis der heutigen Rechtsgewohnheiten sind sie 
nicht unwichtig. — 

2. Die Art und Weise der Aufnahme und des Abschlusses der Vermögens- 
übergabeverträge hängt eng mit der Verfassung der für Akte der freiwilligen 
Gerichtsbarkeit kompetenten Behörden zusammen. Da diese durch Umbildung 
der bäuerlichen Schöffengerichte des Mittelalters entstandene Verfassung in 
unserm Gebiete manche Eigentümlichkeit aufweist und auch für den Inhalt 
der Erbübertragungen von Bedeutung ist, sei sie kurz geschildert. 

Bei der Justizorganisation des Jahres 1879 sind im Bezirke der vier 
Landgerichte folgende bäuerliche Gerichte bestehen geblieben bezw. re- 
formiert worden: 

1) Im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Nassau, im Landbezirk der 
Stadt Frankfurt und im Kreise Wetzlar die Feldgerichte. 

2) In den ehemals grofsherzoglich hessischen Gebietsteilen die Orts- 
gerichte. 

3) Im Bezirke des Landgerichtes Neuwied die kollegialischen Schöffen- 
gerichte, in dem zu diesem Bezirk gehörigen Kreise Altenkirchen die Schult- 
heifsen und Feldgerichte und in den Bürgermeistereien Daaden, Gebhards- 
hain und Kirchen die Schöffen. 



*) Abgedruckt bei Scotti „ Pro vinzi algesetze". 4. Teil. Düsseldorf 1836. S. 1685 ff. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 47 

In Nassau ist das Sockbuchsgesetz vom 15. Mai 1851 nebst einigen 
dazu ergangenen näheren Bestimmungen mafsgebend. Das unter dem Vor- 
sitze des Ortsbürgermeisters stehende, aus 3 — 9 bäuerlichen Feldgerichts- 
schöffen zusammengesetzte Feldgericht dient wie zur Abschätzung der Liegen- 
schaften so überhaupt zu Hilfsdiensten für das Amtsgericht in Sachen der 
freiwilligen Gerichtsbarkeit. Die Mitglieder werden auf Vorschlag der Ge- 
meinde von dem Präsidenten des Landgerichtes auf Lebenszeit ernannt. 

Die Feldgerichte für die Dorfschaften der ehemals freien Stadt Frank- 
furt a. M. beruhen auf der schon erwähnten Verordnung, betr. die Bildung 
der Feldgerichte, vom 10. März 1825. In ihr ist als Wirkungskreis des in 
jeder Ortschaft bestehenden Feldgerichts, dessen Mitglieder vom Landrats- 
amte ernannt werden, u. a. vorgesehen: „Die Schätzung der Grundstücke, 
der Gebäude und der fahrenden Habe" sowie die „vorläufige Untersuchung 
der näheren Verhältnisse bei Veräufserungen , Verteilungen, auch Ver- 
pfändungen liegender Güter." 

Die Ortsgerichte der früher grofsherzoglich hessischen Gebietsteile be- 
wahren die Grundbücher der Gemeinde auf und führen die Hypotheken- 
bücher nach Anweisung des Gerichtes. 

Die Verhältnisse der unter 1 und 3 genannten Behörden der freiwilligen 
Gerichtsbarkeit im Landgerichtsbezirk Neuwied und im Kreise Wetzlar 
wurden durch die Verordnungen vom 22. und 23. September 1879 neu ge- 
regelt. Danach blieben zunächst die kollegialischen Schöffengerichte in 
Funktion, welche aus dem Amtsrichter des Bezirkes als Vorsitzendem, aus 
1 Schultheifsen und den Schöffen bestanden. Schultheiis und Schöffen 
wurden auf Vorschlag der Schöffengerichte durch den Präsidenten des Land- 
gerichts ernannt. Zur Zuständigkeit der Schöffengerichte gehörten u. a. die 
Geschäfte der Nachlafsregulierungen und Erbteilungen, die Aufnahme von 
Verträgen und die Aufnahme von Taxen. Die Einzelschöffen und die Feld- 
gerichte, deren Verfassung dieselbe wie früher blieb, waren gleichfalls u. a. 
zuständig zur Aufnahme von Taxen und Inventarien sowie zur Anfertigung 
von Los- und Teilzetteln. 

Mit Anlegung des Grundbuches wurden die Schöffengerichte allmählich 
durch besondere Verfügungen gemäfs dem Fortschreiten der Grundbuch- 
regulierung einzeln aufgehoben und fast regelmäfsig für den Bezirk des ehe- 
maligen Schöffengerichtes ein Schultheifs und die erforderliche Zahl von 
Schöffen als Hilfsbeamte des Amtsgerichtes bestellt. Sie werden vom 
Landgerichtspräsidenten ernannt nnd vom Amtsgerichte eidlich verpflichtet. 
Sie sind nur noch im Auftrage des Amtsgerichtes u. a. zuständig, Taxen 
und Inventuren, einschliefslich der Anfertigung von Los- und Teilzetteln 
vorzunehmen. — Die Feldgerichte im Kreise Wetzlar sind bestehen ge- 
blieben. 

Mit Durchführung des Gesetzes vom 19. August 1895, betr. die Ein- 
führung des Grundbuches für das Gebiet der vormals freien Stadt Frank- 
furt a. M. sowie für die vormals grofsh. hessischen Gebietsteile und den 
vormals Landgräflich hessischen Amtsbezirk Homburg werden die in diesen 



48 H- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Gebieten bestehenden bäuerlichen Gerichte wohl gleichfalls einer Umbildung 
entgegengehen. — 

Die amtsgerichtliche Protokollierung der Vermögensübergaben ist für 
das Gebiet des ehemaligen Herzogtums Nassau und einen Teil des Kreises 
Altmlärchen nach der Kontrakten- und Hypothekenordnung vom 21. «März 
1774 yorgeschrieben. Hingegen existieren für den übrigen Teil des Berichts- 
Gebietes, soviel mir bekannt ist, keine einschlagenden Bestimmungen mehr. 

Vor dem amtsgerichtlichen Abschlufs des Vertrages fertigt der Bürger- 
meister als Vorsitzender des Feldgerichtes nach Anweisung der Interessenten 
die sog. Loszettel, d. h. die Verzeichnisse der Grundstücke, welche die einzelnen 
Übernehmer erhalten sollen, sowie den Aushaltszettel, die Zusammenstellung 
der den Eltern in Nutzniefsung verbleibenden Parzellen, an. Das Feld- 
gericht bescheinigt auf jedem Loszettel, dafs bei der Teilung keine Zer- 
splitterung von Liegenschaften den Bestimmungen der Verordnung vom 
12. September 1829 zuwider vorgekommen ist, und fügt die Taxen der Par- 
zellen bei. Nach Beendigung der Vorarbeiten reicht der Bürgermeister diese 
Verzeichnisse sowie einen Auszug aus dem Duplikatstockbuche dem Amts- 
richter ein, welcher die Interessenten, d. h. die Eltern und sämtliche Des- 
zendenten, zur Protokollierung vorladet. 

Im vormals Frankfurter und grofsherzoglich hessischen Gebiete werden 
die Gutsübergabeverträge durch den Schultheifsen bezw. die Ortsgerichte 
abgefafst und unmittelbar bei dem Amtsgerichte eingereicht; dort wird nur 
die Überschreibung vorgenommen. (Amtsgericht Frankfurt IL) 

Im Kreise Wetzlar geschieht nach den Mitteilungen des dortigen Land- 
ratsamtes die Anfertigung der Teilzettel in der Kegel durch das Feld- 
gericht, bezw. den Schultheifsen des Ortes. Nach ihrer Fertigstellung und 
Verlosung wird die solchergestalt bewirkte Teilung durch eine gerichtliche 
Verhandlung rechtskräftig gemacht. 

In dem zum Landgerichtsbezirke Neuiuied gehörigen Teile des früheren 
Justizsenates Ehrenbreitstein wurde vor Einführung des Grundbuches, zur 
Zeit, da die erwähnten kollegialischen Schöffengerichte noch in ihrer alten 
Gestalt bestanden, der Vermögensübergabevertrag in öffentlicher Sitzung 
des mit Kichter, Schöffen und Gerichtsschreiber besetzten Schöffengerichtes, 
das die Verhältnisse seiner Eingesessenen genau kannte, und die Indivi- 
dualität der einzelnen Fälle berücksichtigen konnte , aufgenommen. Mit 
der Anlegung des Grundbuches ist dies Stück bäuerlicher Selbstverwaltung 
weggefallen. Heute scheint die Sitte der ländlichen Bevölkerung eine ver- 
schiedene zu sein. Nach den eingezogenen Erkundigungen wird der Ver- 
trag im Bezirke des Amtsgerichts Asbach durchgängig privatschriftlich ab- 
geschlossen. Dasselbe scheint im Amtsgerichtsbezirk Ehrenbreitstein der 
Fall zu sein. „Das Amtsgericht bekommt von ihm nur Kenntnis, soweit 
es die vormundschaftliche Genehmigung zu erteilen hat. Vor der Auf- 
lassung werden meist die einzelnen Losteile unter Angabe der Grund- 
stücke an das Amtsgericht gesandt, um die Auflassung entsprechend vor- 
zubereiten." (Asbach) „Die privatschriftlich abgefafsten Verträge bezwecken 



Das Erbrecht imd die Erbsitte. 49 

in der Regel nur die Ersparung von Stempelkosten. Über die eigentlichen 
Abmachungen unter den Interessenten geben sie ein höchst unvollständiges 
Bild. Vielfach mag auch die Absicht mitgespielt haben, dritten keinen klaren 
Einblick in die Yermögensverhältnisse zu gewähren. Dieses Bestreben er- 
klärt sich aus der starken Verschuldung der Dierdorfer Bevölkerung." (Dier- 
dorf.) Hingegen meldet das Landratsamt Neuwied, dafs die Übergabever- 
träge fast immer gerichtlich abgeschlossen werden. — 

3. Die Vermögensübergabe (im Bezirke des Landgerichts Neuwied auch 
Losgabe vertrag genannt) wird naturgemäfs durch eingehende Verhandlungen 
der Eltern oder des überlebenden Ehegatten mit den Kindern und unter 
den Kindern selbst vorbereitet. Ein Amtsgericht, Altenkirchen, bemerkt, dafs 
sich diese Verhandlungen zwischen den Geschwistern oft monatelang hin- 
ziehen, wenn einige derselben glauben, dafs der Hausübernehmer etwa rech- 
nungsmäfsig günstiger als sie selbst gestellt werden solle. Häufig haben die 
Eltern, wie oben erwähnt, schon jahrelang vor der gerichtlich aufgenom- 
menen Vermögensübergabe, wie es im Bauernmunde heifst, „provisorisch 
übergeben". Die Übergabe geschieht, wie verschiedene Amtsgerichte her- 
vorheben, häufiger von Witwern oder Witwen — unter Verzicht auf ihr 
Eigentum an dem einen Teile, auf den lebenslänglichen Mefsbrauch an dem 
anderen Teile des Gesamtvermögens — als von beiden lebenden Eltern, weil 
es für den alleinstehenden Elternteil (insbesondere die Witwe) schwer ist, 
allein zu wirtschaften. 

Über das übliche Lebensalter, in dem die Bauern zur Vermögens- 
übergabe schreiten, äufsern sich weder die Amtsgerichte noch die Land- 
ratsämter. In dem Berichte über die allgemeine Lage der Landwirt- 
schaft im Gemeindebezirke Horressen (Amtsgerichtsbezirk Montabaur, 
Kreis Unterivestenvald) heifst es: 1 ) „Solange die Eltern noch arbeiten 
können, ziehen sie sich von dem Betrieb ihrer Wirtschaft hierorts nicht 
zurück, nur hohes Alter und Kränklichkeit oder der Sterbefall eines 
Ehegatten geben Veranlassung zur Übergabe ihres Besitztums an ihre 
Kinder." Ein gleiches ist dem Verfasser von den Bauern des hohen 
Westerwaldes bekannt, und dasselbe wird ihm von einem Sachkenner 2 ) 
als Sitte und Gebrauch für den Kleingütler des ganzen Gebietes bezeugt: 
„Das statutarische Alter (60 Jahre) ist jetzt aufgehoben; ungeachtet dessen 
sind die Leute noch daran gewöhnt und übergeben erst, wenn der Ehe- 
mann das 60. Lebensjahr erreicht hat, wenn auch die Ehefrau noch einige 
Jahre jünger ist ... . Nach der gerichtlich protokollierten Übergabe arbeitet 
der alte Bauer, soweit solches seine Kräfte gestatten, noch mit; er bebaut 
die Aushaltsitem und hilft auch dem Kinde, bei welchem er wohnt, bei der 
Bestellung seiner Güter. Die alte Frau macht sich nach Mafsgabe ihrer 
Kräfte bei den Enkeln und im Haushalte nützlich. Die Übergeber führen 



1 ) Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen. Teil I. 
S. 468. Berlin 1890. 

2 ) Brieflich seitens des Herrn Amtsgerichtsrats Roth. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. M. 4 



50 

nach der Übergabe ihr Leben so weiter, wie sie es vorher gewohnt waren; 
kann der Alte nicht mehr arbeiten, so setzt er sich hinter den Ofen, nament- 
lich im Winter, und raucht Tabak." — Nach anderen Mitteilungen pflegt 
der Bauer am Ende der 50er, anfangs der 60er Jahre, aber auch selten 
später sein Vermögen zu übergeben. Bei der überaus genügsamen, ja in 
den höher gelegenen Teilen des Gebietes dürftigen Lebensweise der länd- 
lichen Bevölkerung und infolge der in frühster Jugend beginnenden 
harten Arbeit des Bauern stellt dieses Lebensalter die Grenze seiner 
vollen Arbeitsfähigkeit dar. Wenn vom Bauern neben der Landwirtschaft 
noch ein Handwerk betrieben wird, ist es eher möglich, dafs er früher 
übergiebt und den Best seiner Arbeitskraft nur noch auf sein Handwerk 
verwendet. — Geht der Familienvater nach auswärts auf Erwerb, so 
bleiben für die Arbeiten in der Landwirtschaft überhaupt nur der Aus- 
hälter und die Frauen übrig. „Die Kosten für den Lebensunterhalt werden 
aus dem Arbeitsverdienst bestritten, welcher durch Berg- und Fabrikarbeit 
von den arbeitskräftigen Familienmitgliedern erzielt wird, während der Aus- 
hälter und die Frauen die Feldarbeit leisten müssen." (Amtsgericht Wetzlar.) 
4. Der regelmäfsige Inhalt des Vertrages ist nun folgender: 

a. Wie bei der Teilung des Nachlasses im In testaterb wege werden 
die Parzellen in Teihettel gebracht und entweder (was die Regel ist) aufser- 
gerichtlich — durch Übereinkunft oder Los — den einzelnen Teilnehmern 
zugewiesen, oder von dem Amtsrichter bei Protokollierung des Vertrages 
ausgelost. Wer die Hofraite erhält, übernimmt mit ihr die wenigen land- 
wirtschaftlichen Maschinen und Geräte, das Fuhrgeschirr, den Wagen, den 
Pflug, die Egge und ähnliches. 

b. Meist sind für die Übernahme des Hauses die individuellen Familien- 
und Wirtschaftsverhältnisse der Kinder entscheidend. In der Regel wird es 
demjenigen Erben überlassen, der sich in das elterliche Haus schon ver- 
heiratet und in der Wirtschaft mitgeholfen hat. Es kommt aber auch vor, 
dafs die Hofraite dem zufällt, welcher am meisten dafür an die Miterben 
herauszahlen kann; ist keines der Kinder im stände, sie zu übernehmen, 
so bleibt sie gemeinschaftliches Eigentum. Das Amtsgericht Asbach hebt 
hervor, dafs hier nicht wie bei . der Regulierung im Intestaterbfalle der 
Zufall (das Los), sondern die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entscheide. 
Die Amtsgerichte Königstein, Wehen und Hochheim berichten, dafs in 
der Regel der älteste Sohn Wohnhaus und Hofraite erhält. Diese Sitte 
scheint im Bezirke des Amtsgerichtes Daaden eine etwas festere Gestalt an- 
genommen zu haben: „Nach der Gewohnheit der hiesigen Bewohner wird 
lediglich das Wohnhaus nebst engerem Zubehör (wie Garten, Backhaus- 
anteil und zuweilen wenigen am Hause gelegenen oder seit undenklichen 
Zeiten zum Hause gehörigen Wald-, Feld- und Wiesengrundstücken) dem 
ältesten Kinde (ob Sohn oder Tochter) zugewiesen. Gewissermafsen wird 
dem ältesten Kinde ein indessen gesetzlich keineswegs begründeter Anspruch 
darauf zugestanden .... Nur in einem Falle seit 6 Jahren ist es vor- 
gekommen, dafs das älteste Kind das Wohnhaus nicht übernehmen konnte 






Bas Erbrecht und die Erbsitte. 51 

und dafür eine Geldentschädigung erhielt." Die hierauf hinwirkende, aus 
dem Gedächtnisse der Bevölkerung, wie es scheint, entschwundene Verordnung 
von 1743 ist oben (Seite 29) erwähnt worden. 

Ob eine Teilung der Gebäude, die nach der Vermögensübergabe nur 
noch für einen Bruchteil des bisherigen Grundbesitzes dienen sollen, vor- 
genommen wird, darüber schweigen die Berichte. Fach brieflichen Mit- 
teilungen aus den verschiedensten Bezirken des Gebietes der vier Land- 
gerichte ist dies nicht der Fall. Als Grund wird hierfür allgemein die Klein- 
heit derselben angegeben. Sind die Wirtschaftsgebäude zu grois für die Auf- 
nahme der Ernte des Übernehmers, so werden sie meist von den Geschwis- 
tern gegen Miete mitbenutzt. Ein Einmieten in Wohngebäude kommt da- 
gegen seltener vor. In den meist nur Wohnstube, Küche und Kammern 
enthaltenden Häuschen ist schlecht Platz für zwei Familien, die sich gleich- 
berechtigt gegenüberstehen; da ist ewiger Streit die Folge eines Miet- 
verhältnisses. Für das Gebiet des ehemaligen Herzogtums Nassau ist 
eine Teilung der Gebäude durch die Verordnung vom 28. März 1827 
sehr erschwert. Sie macht jede Teilung einer Hofraite, eines Wohn- oder 
Ökonomiegebäudes unter verschiedene Eigentümer von der Genehmigung 
des vorgesetzten Amtes (jetzt Landratsamtes) abhängig. Die Genehmigung 
ist nur dann zu geben, wenn die zu teilenden Wohn- und Ökonomie- 
gebäude durch eine senkrechte Scheidewand vom Dache bis in den Keller 
in der Art geschieden werden, dafs jeder Eigentümer einen gänzlich ab- 
gesonderten Besitz erhält. Nur die Scheuertennen dürfen gemeinschaftlich 
bleiben. Die meisten Bauernhäuser lassen aber die vorgeschriebene Schei- 
dung nicht zu. 

Da bei der Vermögensübergabe Herauszahlungen in Geld für die von 
einem Erben übernommenen Grundstücke in dem Gebiete der vier Land- 
gerichte bei der enormen Parzellierung des Bodens fast nie vorkommen, 
solche vielmehr nur bei Übernahme des Wohnhauses nebst Hofraite statt- 
finden, so kann die Frage, welches die Vorschriften über das Taxwesen 
sind und wie sie gehandhabt werden, nur bezüglich der Gebäude gestellt 
werden. Die Amtsgerichte geben hierüber nur ganz vereinzelt Auskunft wie 
auch darüber, ob der Gebäudeübernehmer durch niedrige Taxe der Hofraite 
irgendwie bevorzugt werde. Eine Instruktion für die Feldgerichte im ehe- 
maligen Herzogtum Nassau bezüglich der Abschätzung der Liegenschaften 
besteht nicht. Sie sollen nach der Ministerial Verordnung vom 31. Mai 1854 
den Wert der Grundstücke festsetzen, den sie zur Zeit der Ausstellung des 
Attestates unter Berücksichtigung aller einschlagenden Verhältnisse haben. 
Einem vor längerer Zeit bei deren Ankaufe vom Eigentümer bezahlten Preise 
sollen sie hiernach ebensowenig, wie einer vor längerer Zeit einmal von dem 
Feldgerichte vorgenommenen Abschätzung oder einer zu irgend einer Zeit 
von anderen Personen und zu anderen Zwecken, z. B. dem der Brandasse- 
kuranz vorgenommenen Abschätzung ein entscheidendes Gewicht beilegen. 
Viel ist hiermit jedenfalls nicht gesagt; anscheinend sollen die Feldgerichte 
auf den Verkaufswert als Taxe hingewiesen werden; in dem durch die er- 



52 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

wähnte Ministerialverordnung eingeführten Formulare für Auszüge aus dem 
Stockbuche hat das Feldgericht zu bescheinigen, „dafs der wahre Wert der 
Immobilien besteht in dem beigesetzten Betrage von u. s. w." 

Zwei Amtsgerichte, Hachenburg und Katzenelribogen, berichten, dafs 
zuweilen der Hausübernehmer durch „niedrige Taxe" oder „mäfsigen. An- 
schlagspreis" begünstigt werde, und das erstere Amtsgericht fügt hinzu, dafs 
die Taxen bei Teilungen regelmäfsig der Kostenersparnis wegen niedrig ge- 
griffen werden. Das Landratsamt Laiigeiischivalbach spricht von einem 
„niedrigeren als dem ortsüblichen Preise." Auch der Erhebungskommissar, 
der die allgemeine Lage der Landwirtschaft des Gemeindebezirkes Mens- 
f eklen (Kreis Limburg) schildert, schreibt, l ) indem er den Grund für den 
niedrigen Anschlagspreis hervorhebt: „Dasjenige der Kinder, welches die 
Gebäude erhält, wird mit dem Anschlagspreis etwas begünstigt, hat aber da- 
für den Eltern, sowie den noch unverheirateten Geschwistern kostenlose 
Wohnung zu gestatten, sowie bei Krankheitsfällen der Eltern die Pflege zu 
besorgen." Ebenso kennt das Amtsgericht Hadamar diese Art, dem Haus- 
übernehmer seine übernommenen Gegenleistungen erträglich zu machen : 
„Der Übernehmer der Hofraite mit den Gebäuden wird in der Regel nicht 
begünstigt, indem ihm vielmehr diese Immobilien zu ihrem wahren Werte 
angerechnet werden. Wenn demselben dennoch bei Festsetzung des An- 
schlagspreises und bei Bestimmung der Zahlungsbedingungen Vergünstigungen 
gewährt werden, so geschieht dieses nicht aus dem Gesichtspunkte einer Bevor- 
zugung als Haupterbe (Anerbe), sondern nur, um demselben die übernommenen 
schweren Gegenleistungen erträglich zu machen. Regelmäfsig hat nämlich 
der Übernehmer der Gebäude aufser der baren Herauszahlung seinen Eltern 
Insitz im Wohnhause und, sofern nicht der Niefsbrauch (Leibzucht) von be- 
stimmten Grundstücken vorbehalten wird, auch einen Naturalaushalt nebst 
Notpfennig zu gewähren." In demselben Sinne schreibt das Amtsgericht 
Altenkirchen: „Die Gebäulichkeiten werden einem Kinde zu einem mit sämt- 
lichen, erbberechtigten Kindern vereinbarten Werte unter Berücksichtigung 
des lebenslänglichen Insitzes der Eltern übergeben", und auch aus anderen 
Teilen unseres Gebietes (hoher Westerwald, Amtsgericht Langenschiual- 
bach) wurde dem Verfasser mitgeteilt, dafs der mäfsige Preis der Ge- 
bäude auf diesen Grund zurückzuführen sei. Nach dem Berichte des Amts- 
gerichtes Nastätten pflegt häufig der Mehrempfang des Übernehmers der 
Hofraite vollständig durch die von ihm den Eltern gegenüber übernommenen 
Verbindlichkeiten ausgeglichen zu werden. Dagegen heilst es in einer 
Nachricht aus dem Unterwesterwaldkreise : 2 ) „Als Wert gilt der Taxwert 
und nicht der eventuelle Verkaufswert, und es ist zu bemerken, dafs be- 
sonders die Gebäulichkeiten durchweg zu hoch taxiert sind." Zwei Amts- 
gerichte berichten von einer „bisweilen eintretenden unerheblichen Er- 



J ) „Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen" Teil I, 
S. 514. Berlin 1890. 

2 ) Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band XXII, S. 170. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 53 

höhung der Erbportion des die Hofraite übernehmenden Sohnes" (Wehen); 
„derjenige-, welcher das Wohnhaus übernimmt, erhält regelmäßig eine größere 
Anzahl der Grundstücke. Hierdurch soll offenbar derjenige, welchem die 
Heranszahlung obliegt, in den Stand gesetzt werden, durch Aufnahme eines 
hypothekarischen Darlehns die Zahlungen leisten zu können." (Marienberg.) 
Die Bevorzugung wird denselben Motiven entspringen wie der vorher er- 
wähnte mäfsige Anschlagspreis der Gebäude ; hinzu tritt wohl noch die Er- 
wägung, dafs das Gehöft, welches für einen gröfseren Besitz bestimmt war, 
grofsenteils entwertet wird, wenn ganz wenig oder kein Land dazu gegeben 
wird, und vielleicht der Umstand, dafs die miterbenden Geschwister, in 
anderen Gemeinden verheiratet, sich doch des Grundbesitzes wieder ent- 
äufsern müfsten. Im Gegensatze zu jenen Fällen berichtet das Amtsgericht 
Frankfurt, dafs Herauszahlungen von dem Übernehmer der Hofraite seltener 
geleistet werden, dafs vielmehr häufiger die Miterben durch andere Grund- 
stücke entschädigt werden, so dafs also der Gebäudeübernehmer weniger 
Immobiliarbesitz erhält als die anderen Erben. 

Der Hausübernehmer hat die erwähnten Herauszahlungen an die Ge- 
schwister zu leisten, wenn der auf sie entfallende Teil des Anschlagpreises 
nicht durch die von ihm übernommenen Schulden oder den noch zu be- 
sprechenden „Notpfennig" kompensiert wird. Während in verschiedenen 
Amtsgerichtsbezirken {Wallmerod, Wetzlar, Rennerod) die Herauszahlungen 
gewöhnlich in 3 Jahresraten von der Zeit der Yermögensübergabe ab (zu 
Petri, Martini, oder Weihnachten und dergl.) ohne Zinsen erfolgen und die 
Gleichstellungsgelder erst, wenn sie nach dieser Zeit noch nicht herausbezahlt 
worden sind, verzinslich zu werden beginnen, berichtet das Amtsgericht 
Alienkirchen, dafs schon sofort von der Zeit der Übergabe ab 5% Zinsen 
laufen. 

Dagegen weifs das Amtsgericht Camberg von einem ganz anderen 
Modus zu berichten, nach dem der Anschlagspreis erst nach dem Tode des 
oder der Übergeber ohne Zinsen herausbezahlt zu werden braucht; hier hat 
also der Übernehmer des Hauses länger Zeit, etwas aus seinem Besitze her- 
auszuwirtschaften. Auch im Bezirk des Amtsgerichts Asbach „kommt es vor, 
dafs bei der mit der Übernahme des Hauses zumeist verbundenen Heraus- 
zahlung der sog. Gebäude -Gleichstellungsgelder von den übrigen Kindern 
Zinsfreiheit auf die Lebensdauer des Losgebers, welcher einen Insitz in den 
Gebäuden behält, für den Übernehmer des Hofes stipuliert wird". Über 
diesen Punkt berichtet noch das Amtsgericht Homburg, dafs ausreichende 
Fristen zur Herauszahlung an die Geschwister vorhanden sind, während von 
einigen Amtsgerichten auf die Möglichkeit der Aufnahme von Amortisations- 
Hypotheken hingewiesen wird (im Kegierungsbezirke Wiesbaden bei der 
„Nassauischen Landesbank" in Wiesbaden, in der Rheinprovinz bei der 
„Landesbank der Rheinprovinz" in Düsseldorf). 

c. Sind, was die Regel ist, hypothekarische Schiäden vorhanden, so blei- 
ben sie selbstverständlich auf den Grundstücken haften, jedoch verpflichtet 
sich häufig derjenige, welcher Herauszahlungen zu leisten hat, den anderen 



54 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Yertragschliefsenden gegenüber, die Schulden in einem bestimmten Zeitraum 
abzutragen; in der Regel übernimmt er auch die Chirographarschulden — in 
einzelnen Teilen des Gebietes, wenn sie klein sind, „Gliederschulden" genannt, 
d. s. Schulden an Krämer, Bäcker, Metzger u. s. w. — als eigene Schulden; 
sie werden genau bei der Übergabe festgestellt und summiert. Übersteigen 
die Schulden die Summe der Herauszahlungen, so werden sie anteilsweise 
von sämtlichen Kindern übernommen. 

Eine besondere Regulierung findet hierbei weder mit den Hypothekar-, 
noch mit den Personalgläubigern statt. Allerdings mufs nach der nassaui- 
schen Ministerial -Verordnung vom 31. Mai 1854, § 7 der Eigentümer der 
für eine Forderung verhypothezierten Immobilien zu ihrer freiwilligen Ver- 
äufserung im allgemeinen die Zustimmung des Hypothekargläubigers ein- 
holen und hat diese dem Amtsrichter in glaubhafter Form nachzuweisen. 
Doch sind hiervon folgende drei Ausnahmen zugelassen: 

a. wenn nur ein Immobile für die Forderung verbypotheziert ist und 
die Yeräufserung desselben ohne Teilung geschieht, 

b. wenn die sämtlichen für die Forderung verhypothezierten Stücke 
zusammen an eine Person veräufsert werden, 

c. bei Eigentumswechseln, welche im Wege einer Vermögensübergabe 
der Eltern an ihre Descendenten oder im Wege einer Erbteilung unter Mit- 
erben geschehen. 

Wie im Gebiete des Grundbuchrechtes bleibt auch in dem unter c. ge- 
nannten Falle der Naturalteilung jedes Trennstück nach wie vor für die 
ganze Schuld verpfändet. „Wollen aber die übrigen Erben von der Hypo- 
thek liberiert sein, was zuweilen auch vorkommt, wenn sie ihr Losgrund- 
stück verkaufen wollen oder wenn sie selbst ein Hypothekendarlehen auf- 
nehmen müssen, so stöfst der Übernehmer gewöhnlich die betreffende 
Hypothek ab, und diese kommt dann überall zur Löschung. Er wendet sich 
dann an ein Kreditinstitut, um dort ein neues Darlehen gegen Verpfändung 
seiner Losgrundstücke zu erlangen." 1 ) 

Ebenso wird von anderer Seite mitgeteilt: „Wird ein verpfändetes 
Grundstück unter die Erben verteilt, so übernimmt gleichfalls in der Eegel 
ein Erbe die Hypothek in der Weise, dafs er dem Gläubiger eine neue 
Hypothek bestellt, worauf dieser die alte Hypothek löschen läfst." 2 ) Dabei 
ergeben sich naturgemäfs leicht Schwierigkeiten. „Die Eltern verpfänden 
daher — so schreibt das Landratsamt Wetzlar (im Gebiete des Grund- 
buchs) — für Darlehen viel lieber die Hofraite als die Grundstücke, denn 
mit der Hofraite geht gleichzeitig auch die Hypothek ungeteilt auf den 
Erben über, während dies bei den Grundstücken nicht stattfinden kann. 
Man entschliefst sich nur ungern zu Belastungen der Grundstücke, nimmt 
aber gern Hypotheken auf Hofbereitschaften." Thatsächlich scheuen sich 
die Bauern unseres Gebietes, ihren Grundbesitz aufser dem Gehöft hypothe- 



t ) Briefliche Mitteilung des Herrn Landrichters Clostermann für Asbach. 
2 ) Herr Amtsrichter Bingel für Bierdorf. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 55 

karisch zu belasten und ziehen den Personalkredit vor. 1 ) „Wenn sich nun 
auch nicht verkennen läfst, dafs die Entwickelung, die die Teilbarkeit der 
Grundstücke und das Erbrecht in Nassau genommen hat, auf die Hebung 
der Landwirtschaft nicht günstig eingewirkt hat, so bleibt doch zu berück- 
sichtigen, dafs diese Entwickelung den Personalkredit recht wesentlich ge- 
hoben hat. Wenn der Bauer in die Lage kommt, kleinere Dahrlehen auf- 
nehmen zu müssen, so verpfändet er seinem Gläubiger einige kleine Par- 
zellen ohne Errichtung einer Hypothek, lediglich gegen Handschein. 2 ) Ist er 
nicht in der Lage, das Darlehen zurückzahlen zu können, so verkauft er die 
einzelnen, meistens unbequem gelegenen Parzellen und befriedigt mit dem 
Erlös seinen Gläubiger, ohne dafs seine Gesamtwirtschaft wesentlich dadurch 
beeinflufst wird und ohne dafs ihm durch den Verkauf besondere Kosten 
entstehen. Dieser überall ausgebildete Personalkredit ist bei der armen Be- 
völkerung des Westerwaldes von nicht zu unterschätzender Bedeutung und 
ist nur möglich infolge der Parzellenwirtschaft." (Landrat von Westerburg.) 
Verhältnismäfsig selten scheinen die sämtlichen Liegenschaften der einzelnen 
Besitzer verpfändet zu werden. Die starke Bodenzersplitterung und die ihr 
angepafste Stockbuchs- bezw. Grundbuchseinrichtung begünstigt das Frei- 
bleiben eines gröfseren oder kleineren Teiles der Parzellen. Ist der gesamte 
Besitz verschuldet, so wird oft nichts anderes übrig bleiben als der Verkauf 
des Ganzen an Dritte oder ein besser situiertes Kind und Teilung des 
Erlöses unter allen, bezw. den übrigen Erben. 

Wie erwähnt findet auch mit den Chirographargläubigern eine beson- 
dere Regulierung nicht statt. Die Schuldübernahme wird nur durch Vertrag 
zwischen dem Übergeber und dem Übernehmer der Hofraite vereinbart, falls 
nach Tilgung der Pfandschulden und Aussetzung des Notpfennigs noch ein 
Rest von dem Anschlagspreise der Gebäude bleibt; ist dies nicht der Fall, 
so wird sie durch Vertrag zwischen dem Übergeber und den einzelnen 
Kindern so vereinbart, dafs entweder jedes einen bestimmten Schuldposten 
oder einen Teil eines solchen oder einen entsprechenden Teil der gesamten 
Personalschuldensumme übernimmt. Die Stellung des Gläubigers, der zu 
diesem Vertrage nicht zugezogen wird, wird hierdurch nicht geändert; der 
Vertrag schafft nur Recht zwischen den Kontrahenten, und Schuldner bleibt 
nach wie vor der Übergeber. 3 ) 

In einzelnen Fällen verschafft man sich auch durch Verkauf von 
Grundstücken die Mittel zur Tilgung der Chirographarschulden. (Dierclorf.) 

d. Das Altenteil. Die Übergeber behalten sich das sog. Aushalts- 
und Insitzrecht sowie einen „Notpfennig" vor, Rechte, welche die vor- 



*) Vergl. weiter unten (Folgen der Eealteilung) die hohe Personal Verschuldung einzelner 
Gemeinden. 

2 ) d. h. er räumt dem Gläubiger ein Recht auf Bestellung einer Hypothek (Pfand- 
rechtstitel) ein. 

3 ) Die ältere nassauische Praxis (Bertram „Das nassauische Privatrecht" Wiesbaden 
1873, §§ 988, 2017, 1317) hatte alleidings dem Gläubiger unter gewissen Voraussetzungen 
ein unmittelbares Klagerecht gegen die Schuldübernehmer gegeben, 



56 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

sichtigeren in das Grund- oder Stockbuch eintragen lassen, um den per- 
sönlichen Anspruch gegen die Belasteten in eine dingliche Belastung der 
Immobilien zu verwandeln. Auch diese Rechte sind in den wesentlichsten 
Bestimmungen überall dieselben. Ob sie genauer bis ins einzelne schriftlich 
fixiert werden, oder ob sich die Eltern mehr auf die Liebe ihrer Kinder 
verlassen, hängt von dem guten oder schlechten "Verhältnisse ab, in dem 
sie zu ihnen stehen. Hieraus ergeben sich auch zum Teil die verschiedenen 
Abweichungen von dem typischen Inhalte dieser Rechte. Ihre charakte- 
ristischen Bestandteile sind die folgenden: 

Das Anshaltsrecht besteht regelmäfsig in dem lebenslänglichen Mefs- 
brauchsrechte der Übergeber an mehreren, aus den verschiedenen Loszetteln 
entnommenen ländlichen Grundstücken, und zwar, wie das Amtsgericht Wetzlar 
hinzufügt, meist an den besten derselben, und einem Teile des beim Hause be- 
findlichen Gartens. Diese Parzellen werden in dem sog. „Aushaltszettel" den 
Eltern zusammengestellt. Um einen Begriff davon zu geben, wie die Aus- 
hälter leben und wie wenig hier von einem bequemen Dasein auf Kosten der 
Kinder die Rede sein kann, ist im Anhange ein den Akten des Amtsgerichtes 
Rennerod entnommenes Nachlafsverzeichnis eines relativ wohlhabenden Aus- 
hälters beigefügt (Anlage YI.) Dasselbe stammt allerdings aus einer der 
ärmsten Gemeinden des ganzen Beobachtungsgebietes und ist schon älteren 
Datums, doch trifft das daraus zu gewinnende Bild noch heute für sehr viele 
Fälle zu. So wird denn auch aus dem Unterwesterwaldkreise berichtet 1 ), dafs 
,,die Aushälter sich durchweg in beschränkter Lage befinden". Früher scheint 
es (nach Durchsicht vieler Akten des Amtsgerichtes Rennerod) bei weitem 
häufiger gewesen zu sein, dafs die Übergeber sich einen sog. „trockenen 
Aushalt", d. h. die Leistung bestimmter Naturalien vorbehielten, während 
heute die Reservierung des Niefsbrauchsrechtes an verschiedenen Grund- 
stücken die Regel sein dürfte. Doch kommt auch heute noch das erstere 
nicht selten vor; auch findet sich beides nebeneinander (vergl. Anlage II 
und IV) oder nach Wahl des Übergebers (Anlage V). 

Die Anlage YII enthält einen trockenen Aushalt eines Wittwers der 
Gemeinde Salzburg aus dem Jahre 1860. — 

Die zum Aushalte vorbehaltenen Grundstücke gelangen erst nach dem 
Tode des Längstlebenden der Übergeber in Besitz und Benutzung der 
betreffenden Loszettelinhaber. Die letzteren müssen die Bebauung und 
Einerntung auf ihre Kosten vornehmen. Da sich die Arbeitslast für die 
Eltern hier auf alle Kinder gleichmäfsig verteilt, so kann von einer Ent- 
schädigung derselben nicht die Rede sein. In dem Berichte über die 
Gemeinde Mensfelden heifst es: 2 ) „Die Gespannarbeiten besorgen die 
Kinder alle, ohne eine Vergütung von den Eltern zu erhalten, und 
wenn die Eltern arbeitsunfähig sind, auch noch die Handarbeiten. Die 
Ernten verwerten die Eltern zu ihrem Lebensunterhalt." In anderen Be- 



») Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Bd. XXII, S. 170. Anm. 1. 
2 ) „Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preulsen" Teil I. 
S. 514. Berlin 1890. 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 57 

zirken ist es dagegen Sitte, dafs das Kind, welches das Haus übernimmt, 
die Aushaltsgrundstücke bebaut. Einer besonderen Entschädigung wird 
auch hier nicht Erwähnung gethan. Sie liegt dann wohl in dem mäfsigen 
Anschlagspreis der Gebäude oder in einer Erhöhung der Erbportion oder 
darin, 1 ) dafs die Aushaltsgrund stücke mehr Ertrag geben, als die Eltern ge- 
brauchen, und der Überschurs in den gemeinsamen Haushalt fliefst. Auch 
sei daran erinnert, dafs die Alten, solange es geht, in Haus und Hof des 
Kindes mitarbeiten. Bei der Übergabe wird vielfach bestimmt, dafs die 
Crescenz der „Aushaltsitem" (Parzellen), welche bei dem Tode des Längst- 
lebenden der Übergeber bereits abgeerntet oder besaamt seien, dem Bearbeiter 
derselben verbleiben solle u. dergl. mehr. In Anlage V ist ein Teil eines vor 
dem Amtsgerichte Marienberg geschlossenen Vermögensübergabevertrages 
beigefügt, in dem noch eine besondere Entschädigung für die von dem Haus- 
übernehmer zu tragenden Lasten ausgeworfen ist. 

Das Insitxrecht der Übergeber besteht in dem Rechte, bestimmte 
Teile der Gebäude (im Wohnhause eine Stube oder Kammer, in der 
Scheuer und im Keller gewisse Stellen) lebenslänglich zu benutzen, Yieh 
(meist eine Kuh, die sog. Aushaltskuh und 1 oder 2 Schweine) an einem 
bestimmten Platz im Stalle einzustellen, Hühner im Hühnerstalle zu halten, 
in der Küche Kaffee zu kochen etc. 

Der dritte Vorbehalt, den sich die Eltern regelmäfsig ausbedingen, 
der „Notpfennig", ist eine kleine Summe Geldes (etwa 100 oder 150—200 M, 
wohl selten mehr als 300 M), die ihnen jederzeit zur beliebigen Verfügung 
bereit stehen mufs. Meist ist es der Übernehmer des Gebäudes, der auch 
diese Prästation auf sich nimmt, soweit es die von ihm übernommenen Schulden 
gestatten. Seltener wird der Notpfennig von den Kindern gemeinschaftlich 
getragen. 

In denjenigen Teilen des Berichtsgebietes, welche ein milderes Klima 
haben, tritt zu den vorbehaltenen Rechten regelmäfsig noch die Obstnutzung 
gewisser Bäume. — 

Zwei Berichte erwähnen Abweichungen von diesem regelmäfsigen In- 
halte der Übergabeverträge, den auch sie im übrigen bestätigen. ,,Ist der 
Grundbesitz ein kleiner — so schreibt das Amtsgericht Diez — , so behalten 
sich die Eltern ein Niefsbrauchsrecht nicht vor. Die übernehmenden Kinder 
verpflichten sich dann den Eltern gegenüber zu Geld- oder Naturalleistungen." 
Dies wird überhaupt bei kleinerem Grandbesitze häufiger vorkommen. Ähn- 
lich lautet der Bericht des Amtsgerichtes Asbach: „Mitunter tragen auch die 
sämtlichen Kinder zur Alimentation des „Losgebers" durch Zahlung einer 
bestimmten Jahressumme bei, und der Losgeber zahlt dann an dasjenige 
seiner Kinder, bei welchem er wohnen bleibt, ein Kostgeld. Der gewöhn- 
liche Fall ist aber der, dafs ein Aushalt des erwähnten Inhaltes stipuliert 
wird." 



x ) Nach brieflichen Mitteilungen. 



58 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Neben diesen „ Grundrechten " der Altsitzer gehen noch zahlreiche 
einzelne Eechte der Alten und Pflichten der Jungen einher, die schriftlich 
in dem Vertrage niedergelegt werden. Hier wird geregelt, wer den Samen 
für die Aushaltsgrundstücke zu stellen, wer den Dung zu liefern hat, wie 
die Einerntung der Crescenz und wie das Dreschen zu geschehen hat,' wo- 
hin die Kartoffeln und wohin die Frucht zu bringen ist. Verpflegung in 
gesunden und kranken Tagen, Bezahlung an Doktor und Apotheker, Klei- 
dung und Wäsche, Flicken und Kochen, Feuerung und Licht und zuletzt 
die Tragung der Kosten eines anständigen Begräbnisses werden auf's ge- 
nauste geregelt. 

Bares Geld, sowie Ausstände und Mobilien werden regelmäfsig nicht 
gerichtlich übergeben. — 

In einer Anzahl von Gemeinden des hohen Westerwaids führten die 
vom Verfasser aufgestellten Berechnungen zu dem Ergebnis, dafs der Ver- 
mögenswert des ganzen Altenteiles, der Grundstücke, des Notpfennigs, des 
Viehs und der Mobilien im grofsen Durchschnitte ungefähr ein Drittel des 
gesamten, von den kleinbäuerlichen Eltern übergebenen Vermögens beträgt. 

Welche Bestimmungen aber immer über die Verpflegung der Eltern 
getroffen werden, stets bleiben sie, wenn sich nicht ganz aufsergewöhn- 
liche Mifsstände herausstellen, im Hause des die Gebäude übernehmen- 
den Kindes wohnen. Meist wird dann ein Haushalt geführt, wie dem Re- 
ferenten aus den verschiedensten Gebieten des Bezirkes mitgeteilt wurde, und 
die Aushälter tragen ihren Anteil zu dem gemeinsamen Unterhalte beider 
Familien bei. Sie nehmen die Mahlzeiten mit der Familie des Kindes, wie es 
schon vorher geschehen war; wenn es ihre Kräfte noch erlauben, so kocht 
die Schwiegermutter, während die junge Frau auf dem Felde arbeitet, das 
Essen, und noch im höchsten Alter läfst sie sich nicht nehmen, wenigstens 
den Kaffee zu kochen, der bei den Mahlzeiten neben den Kartoffeln und der 
Milch eine grofse Rolle spielt. Bei Zwistigkeiten tritt wohl auch getrennte 
Wirtschaftsführung ein, namentlich dann, wenn beide Aushälter noch leben 
und wenn sie sich noch im Besitze einer Kuh oder einer Ziege befinden. 

Prozesse über den Altenteil kommen in Nassau bei der genauen und 
aktenmäfsigen Feststellung der verschiedenen Verpflichtungen der Kinder, 
aber auch im übrigen Teile unseres Gebietes nicht oft vor. Weder Richter, 
die lange dasselbe ländliche Amtsgericht verwaltet haben, noch Bürger- 
meister, die die Verhältnisse ihrer Gemeinde gründlich kennen, können 
sich derselben erinnern. Dagegen fehlt es nicht an Klagen der alten 
Leute über schlechte Behandlung seitens ihrer Kinder, hauptsächlich von 
Seiten der Schwiegertöchter. . „Leider sind Streitigkeiten zwischen den 
Aushältern und den Kindern nicht selten, und das alte Sprichwort im 
Volksmund: „Eine Mutter ernährt eher 10 Kinder, als 10 Kinder eine 
Mutter" kommt bei vernünftigen Bauern immer mehr zur Beherzigung und 
bewegt sie dazu, ihr Vermögen nicht erblich an ihre Kinder zu über- 
geben, sondern ihnen nur ein Nutzungsrecht an demselben unter solchen 
Bedingungen einzuräumen, dafs die eigene Bewirtschaftung des Gutes von 



Das Erbrecht und die Erbsitte. 59 

seiten des Gutsübergebers wieder eintreten oder eine Verpachtung desselben 
erfolgen kann." 1 ) 

e. Häufig wird auch den minderjährigen oder ledigen Geschwistern des 
Haiisübernehmers, der selbst fast stets verheiratet ist, ein Insitzrecht im Wohn- 
hause bis zu ihrer Grofs jährigkeit oder Verheiratung vorbehalten. Werden 
sie wie der Yater Bauern im Heimatsdorf e, so bleiben sie bis zu ihrer Ver- 
heiratung in dem Haushalte des Hausübernehmers, und ihre Ländereien 
werden dann meist im selben Betriebe mit bewirtschaftet. Solange sie 
das Insitzrecht benutzen, wird ihnen kein Gebäudegeld ausbezahlt. Später 
heiraten sie vielleicht in eine andere Ackerwirtschaft hinein, ziehen bei Grün- 
dung des Haushaltes in das Haus der Schwiegereltern und erhalten bei der 
Übergabe der Schwiegereltern deren Gebäude, oder sie kaufen sich solche oder 
bauen sich im Dorfe neu an. Einmieten in fremde Wohnhäuser kommt sehr 
selten vor, da die Häuschen meist nur Platz für eine Familie bieten. Auch 
wenn die Geschwister den Heimatsort verlassen und auswärts Erwerb 
suchen, wird ihnen doch hie und da ein Insitzrecht im Hause des Über 
nehmers vorbehalten, damit die Söhne im Winter und die Töchter, wenn sie 
einmal nach Hause kommen, Obdach haben. Sie können sich dann in der 
Wohnstube aufhalten und in einer Kammer schlafen. Ein Anspruch der Ge- 
schwister auf Verpflegung in Krankheitsfällen oder im Alter nach Art mancher 
Gegenden mit geschlossenen Hofgütern kommt regelmäfsig nicht vor. Da- 
gegen lassen sich manchmal ledige Geschwister im Alter von der Familie 
ihres Bruders oder ihrer Schwester auf Grund besonderer Vergütung ver- 
pflegen. 

Ihre Grundstücke erhalten auch die auswärts wohnenden oder in 
einen anderen Beruf eingetretenen Geschwister, wie schon oben erwähnt, 
stets in natura zugeteilt und verwerten sie wieder meist durch öffentliche 
Versteigerung, seltener durch freihändigen Verkauf, Verpachtung oder Ver- 
steigerung der jährlichen Crescenz. „Zur Zahlung der Kaufgelder werden 
dann" — wie das Landratsamt Wetzlar des näheren ausführt — „ge- 
wöhnlich 2-, 3- oder 4jährige zinsfreie Termine gesetzt, je nachdem der 
Verkäufer dabei gut zu fahren glaubt. Bedarf er des Geldes, so sucht er 
die Kaufschillinge an eine der zahlreich im Kreise vorhandenen Kredit- und 
Vorschufskassen, gewöhnlich gegen Abzug von 5 °/ Zinsen und entsprechenden 
Hebegebühren zu verhandeln; fehlt es ihm nicht an Mitteln, so hebt er die 
Termine selbst. Bei diesen Verkäufen treten meistens auch die im Orte 
verbliebenen Miterben als Käufer auf." 

Nur selten wird von vornherein das ganze Anwesen oder die Hofraite 
allein zur Versteigerung gebracht, da sich fast stets einer der Erben findet, 
der das Haus übernimmt; nur im Gebiete des Weinbaues schreiten eher ein- 
mal, aber auch dort nur in relativ wenigen Fällen, die Intestaterben eines 



x ) Briefliche Mitteilung des Herrn Eentmeisters Hieber (Montabaur, Unterwesterwald- 
kreis), nach Besprechung der Frage in einer Vorstandssitzung des landwirtschaftlichen Be- 
zirksvereines. 



60 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

kleinen Weingutes, dessen reale Teilung Schwierigkeiten bietet, zur frei- 
willigen Versteigerung, um den Erlös gleichheitlich unter sich zu teilen 
(Amtsgericht Rüdesheim). 

Das bei dem Tode des oder der Übergeber vorhandene Vermögen 
an Mobilien, Geld und Vieh wird unter die Erben zu gleichen Teilen geteilt 
Auch der etwaige Rest des vom Hausübernehmer zu prästierenden Not- 
pfennigs wird unter die Geschwister gleichheitlich verrechnet. — 

Wie oft nun doch thatsächlich die Vermögensübergabe an einen Erben 
erfolgt, ohne dafs übrigens damit irgendwelche Bevorzugung beabsichtigt 
wäre, ergiebt die oben (S. 43) schon mitgeteilte Statistik des Amtsgerichtes 
Höchst, wonach die Vermögensübergabe in 12 Fällen von 130 an einen 
Erben, hiervon in 9 Fällen an den einzigen erfolgte, und der Bericht des 
Amtsgerichtes Grenxhausen, nach dem in 109 Fällen der Vermögensübergabe 
12 Fälle vorkamen, in denen die vorhandenen Immobilien einem von mehreren 
Kindern übergeben worden sind. Ähnlich hat das Amtsgericht Usingen 
seinen Akten entnommen, dafs von den in den Jahren 1891, 92 u. 93 statt- 
gefundenen 85 Vermögensübergaben, bei denen mehrere Kinder vorhanden 
waren, 60 mal das Immobiliarvermögen an sämtliche Kinder übergegangen 
ist, 11 mal nur an eines dieser Kinder und in 14 Fällen an mehr als 
eines, aber nicht an sämtliche. Es bemerkt hierzu dafs „die an Grund- 
stücken leer ausgegangenen Kinder entweder auswärts wohnten oder ein 
anderes Gewerbe betrieben, oder aber bereits früher mit Geld abgefunden 



IV. Die Folgen der Realteilung. 

Die vorhergehende Darstellung hat ergeben, dafs unter sehr ver- 
schiedenartigen Produktionsbedingungen und bei grofser, erst durch die moderne 
Privatrechtsgesetzgebung ausgeglichener Rechtszersplitterung der ländliche 
Grundbesitz doch im ganzen Berichts-Gebiete nach wesentlich gleichen Grund- 
sätzen von den Eltern auf die Kinder vererbt wird. Der Versuch, die 
sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Sitte für das ganze Gebiet oder 
einzelne Gemeinwesen zu skizzieren, kann leider nicht zu abschliefsenden 
Resultaten führen. Es fehlt für unser Berichtsgebiet an umfassenden Unter- 
suchungen und selbst an öffentlichen Diskussionen über jene Frage. Der 
kurze „Kommissionsbericht des nassauischen Komunallandtages in Sachen der 
anderweiten Regelung des Erbrechtes" vom Jahre 1888 beschränkt sich dar- 
auf, die gesetzlichen Bestimmungen aufzuzählen und eine ablehnende Hal- 
tung gegenüber allen Abänderungsvorschlägen einzunehmen, ohne des näheren 
auf die Folgen der Naturalteilung einzugehen. Auch die Berichte der Amts- 
gerichte und Landratsämter sind in jener Hinsicht wenig ausgiebig. 

1. Die Verkleinerung der Grundbesitzeinheiten. 

Die Intensität, mit welcher die Verkleinerung der ländlichen Besitzungen 
infolge der geschilderten Erbgewohnheiten um sich greift, hängt theoretisch ab 
von der Raschheit der Bevölkerungsvermehrung, dem Mafse der Abwanderung 
vom Lande, der bäuerlichen Heiratspolitik und der Möglichkeit, durch Zukauf 
wieder eine Vergröfserung des Besitzes zu bewirken. Wie sich die Ent- 
wickelung thatsächlich gestaltet, ist mit den vorhandenen Hilfsmitteln der 
landwirtschaftlichen Statistik nicht im grofsen zu erfassen, da bisher nur die 
Ergebnisse einer Betriebszählung (von 1882) vorliegen und diejenigen von 
1895 noch der Veröffentlichung harren. Wenn jedoch von 1882 — 95 die 
Zahl der im Hauptberuf selbständig Landwirtschaft Treibenden im Regierungs- 
bezirk Wiesbaden um 4954 oder 12% gewachsen ist (vgl. oben S. 11), so 
läfst dies um so mehr auf eine entsprechende Vermehrung der Kleinbauern- 
und Zwerggüter schliefsen, als von einer umfangreichen Parzellierung gröfserer 
Besitzungen in diesem Gebiete keine Rede sein kann. Die fast ebenso starke 
Zunahme der in der Wirtschaft ihres Haushaltungsvorstands thätigen Familien- 
angehörigen (4437 = 14%) dürfte zum Teil auf eine genauere Zählung 
zurückzuführen sein, zugleich spielt aber, abgesehen von der natürlichen 
Vermehrung der Bevölkerung und wachsenden Betriebs-Intensität, gewifs auch 
das Aufsteigen landwirtschaftlicher Tagelöhner in die Klasse der Selbständigen 
mit hinein. Die Zahl der Tagelöhner ist um 4072 gesunken. Dazu hat 
natürlich mitgewirkt das Abströmen von Landarbeitern in die Industrie- und 
Badeorte, in die Städte und Bergwerke. Auch die nassauischen gröfseren 



62 iL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Landwirte klagen über Arbeitermangel und haben vereinzelt schon Hilfs- 
kräfte aus den östlichen Provinzen herangezogen. 1 ) 

Eine genauere Vorstellung vom Einflufs des Erbgangs auf die Grund- 
besitzverhältnisse gewähren einige vom Amtsgericht Höchst mitgeteilte Zahlen 
(vgl. oben S. 43). Sie beziehen sich auf einen Zeitraum von 8 Jahren, und 
lassen erkennen, wie oft eine Teilung des Immobiliarvermögens bei Intestat- 
erbfolge und Vermögensübergaben im dortigen Bezirk eingetreten ist. In 
262 Erbfällen wurde der Grundbesitz in 882, durchschnittlich also in je 
3,36 Teile zerlegt. Nimmt man an, dafs jeder Erbe im Bezirk und im 
bäuerlichen Berufe verbleibt und durch Heirat wieder ebensoviel hinzu er- 
wirbt, wie er selbst besitzt, läfst man also die Wanderungen, die Fälle des 
Cölibates und mehrerer Heiraten aufser acht, so ergiebt sich eine Ver- 
mehrung der Besitzeinheiten um das 1,68 fache. Die Fälle, in denen bei 
dem Tode des Erblassers nennenswertes Barvermögen vorhanden ist, also 
sofort Land hinzugekauft werden könnte, sind sehr selten. Ebenso führt 
der Landerwerb aus den Ersparnissen der neuen Besitzer-Generation sicher- 
lich nur ausnahmsweise zum früheren Besitzstande der Eltern. 

Allerdings war, wie oben erwähnt, schon im vorigen Jahrhundert der 
Grundbesitz stark zersplittert. Für einzelne Gegenden steht das gleiche sogar 
für das Mittelalter fest. Bücher entwirft für 8 Dorfschaften, deren sozialer, 
wirtschaftlicher und zum Teil auch politischer Mittelpunkt Frankfurt a. M. 
war, folgende Schilderung ihres Zustandes im 16. Jahrhundert: 2 ) 

„Bei der dorfweisen Besiedelung der ganzen Gegend ist das Vorhandensein von 
grofsen geschlossenen Gütern nicht vorauszusetzen. Soweit wir zu erkennen vermögen, 
herrschte überdies auf dem Lande sowohl wie in der Stadt schon im Mittelalter die freie 
Teilbarkeit und Veräufserlichkeit des Grund und Bodens und gestattete mit fortschreitender 
Intensität des Anbaues eine Vermehrung der Wirtschaften. Namentlich mufste der im 15. 
und 16. Jahrhundert hier allgemein verbreitete Weinbau die Existenz einer Bauernfamilie 
schon auf verhältnismäfsig sehr beschränkter Bodenfläche ermöglichen," 3 ) „wird doch das 
Verhältnis des Weinbaues zu den übrigen Kulturen, welches die Frankfurter Dörfer im 
16. Jahrhundert aufweisen, selbst in den eigentlichen Weinbau-Gegenden jetzt nur noch ver- 
einzelt erreicht". 4 ) 

Aus einer aus dem Jahre 1542 stammenden Aufzeichnung des gesammten, von den 
einzelnen Haushaltungen in 8 Frankfurter Dorfschaften 5 ) genutzten Grund und Bodens hat 
Bücher durch Addition folgende Zahlen gewonnen: „Es kamen, wenn man von den Haus- 
haltungen ohne Grundbesitz absieht, im Durchschnitte aller Dörfer auf je 100 Wirtschaften: 

Zwergwirtschaften (bis zu 5 Morgen) ' . . 31,9 

Kleinwirtschaften (5—30 Morgen) 35,7 

Wirtschaften mittlerer Gröfse (30—100 Morgen) .... 21,9 
Grofse Wirtschaften (über 100 Morgen) ........ 10,5 



*) Jahresberichte über den Zustand der Landeskultur im Gebiete des Vereins nassauischer 
Land- und Forstwirte für die Jahre 1892—95. (Wiesbaden). 

-) Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrhundert. Sozialstatistische 
Studien. Bd. I. Tübingen 1886. 

3 ) a. a. O. S. 678 und 679. 

4 ) S. 688. 

5 ) Bonames, Bornheim, Dortelweil, Hausen, Nieder-Erlenbach, Nieder -Ursel, Soden, 
Sulzbach. 



Die Folgen der Realteilung. 63 

Auf den ersten Blick fällt uns dabei die bedeutende Zahl der Zwerg- und Klein- 
wirtschaften auf. Mehr als der vierte Teil aller Landwirtschaft treibenden Haushaltungen 
mufs sich mit Flächen bis zu 3 Morgen begnügen, fast ein Drittel bewirtschaftet unter 
5 Morgen. Das ist nur zu verstehen, wenn wir beachten, dals diese Zwergwirtschaften fast 
ganz auf dem "Weinbau beruhten. Höchstens dafs unsere Steuerkataster für sie neben den 
Weinbergen noch etwas Kraut- und Gartenland oder eine Wiese verzeichnen. Darum müssen 
diese Wirtschaften doch nicht durchaus ärmliche gewesen sein. Zur Ergänzung dessen, was 
Eigentum und Pachtland boteu, dienten bei diesen wie bei allen anderen Wirtschaften die 
Gemeindeweide, die Nutzung von Almendland und etwaige Rechte auf Waldnutzungen. Den 
Umfang solcher gemeinen Berechtigungen hat man sich für diese Zeit noch als bedeutend vor- 
zustellen. Sie ermöglichten vor allem auch der geringsten Wirtschaft die Viehhaltung.' 11 ) 
„Die Frankfurter Dörfer zeigen uns im Jahre 1542 bereits ein agrarisches System von 
moderner Färbung: vorherrschende Kleingüterwirtschaft, auf Pachtland und Eigentum zu- 
gleich begründet. Die Bodenzersplitterung ist allerdings noch nicht so weit vorgeschritten 
wie in den Hauptgebieten der modernen Kleinkultur. u 2 ) 

Aus dieser Statistik ohne weiteres Schlüsse auf die agrarischen Ver- 
hältnisse anderer weniger städtisch entwickelter, nicht weinbautreibender 
Landesteile unseres Berichtsgebietes im Mittelalter zu ziehen, wäre selbst- 
verständlich unangebracht. Die weiter unten (S. 71) verzeichnete, von Arnoldi 
bezeugte Thatsache starker Pferdehaltung im 15. und 16. Jahrhundert weist 
auf einen gröfseren landwirtschaftlichen Betrieb in anderen Landesteilen hin. 
Die städtische Entwicklung, wie sie schon im Mittelalter am Zusammen- 
flusse des Rheins und Mains anzutreffen ist, und die damit zusammen- 
hängende Bodenaufteilung steht vereinzelt da. Nur der im Rheingau und 
an der Lahn früh nachweisbare Weinbau hat auch dort schon im Mittel- 
alter eine starke Verkleinerung der Besitzeinheiten bewirkt. 

Zahlenmäfsig ist die Abnahme des Umfangs der Besitzeinheiten aus 
folgender Tabelle zu ersehen, die der Referent für 3 Gemeinden des Ämts- 
gerichtsbezirles Rennerod im hohen Westerwalde aufgestellt hat. 3 ) 

(Siehe Tabelle S. 64.) 

Die Zahlen für 1822 bezw. 1823 sind dem nassauischen Feld-Grundsteuerkataster, 4 ) 
die für 1876 und 1895 dem preufsischen Grundsteuerkataster entnommen. Die Anzahl der 
Grundbesitzeinheiten ist im Kataster stets bedeutend gröfser als in Wirklichkeit, da in ihm 
einerseits thatsächlich Zusammenwirtschaftende (ledige Geschwister, Kinder und Eltern) häufig 
als Inhaber besonderer Wirtschaftseinheiten geführt werden, andererseits schon lange aus der 
Gemeinde weggezogene Personen oft noch nicht gestrichen sind. 5 ) So ist auch die unten in dem 
Abschnitte über die Verschuldung aufgeführte Zahl der Grundbesitzer der drei Dörfer, die sich 
auf eine Haushaltungsstatistik von 1895 stützt, bei weitem kleiner als die hier wiedergegebene 
Zahl der Grundbesitzeinheiten. Trotzdem sind die dem Kataster entnommenen Zahlen ein- 



J ) a. a. 0. S. 690. 

2 ) S. 694. Wie viel stärker die Bodenzersplitterung heute durchschnittlich im Main- 
gebiete ist, zeigt die Tabelle oben S. 14. 

3 ) Das Material für die 4 Dorfgemeinden Waigandshain, Halbs, Salzburg und Irm traut 
wird im folgenden häufiger herangezogen. Es beruht auf persönlichen Erhebungen des Ver- 
fassers im Jahre 1895. Der gröfste Teil desselben ist, als nicht unmittelbar mit der Frage 
der Erbfolge zusammenhängend, einer späteren Veröffentlichung vorbehalten. 

4 ) Akten des Amtsgerichtes Rennerod. 

5 ) Die nähere Begründung hierfür, für die hier kein Raum ist, findet sich bei 
Schnapper- Arndt „Fünf Dorfgemeinden auf dem hohen Taunus' 1 in „Staats- und sozialwissen- 
schaftliche Forschungen 1 ', herausgegeben von Gustav Schmoller, Band IV, Heft 2, S. 44 ff . 



64 



IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 







Zahl der Besitzungen in 




Halbs 


Salzburg 


Irin traut 


B 


1823 


1876 


1895 


1822 


1876 


1895 


1823 


1876 


1895 


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1 


2 


3 


4 


5 


6 | 7 


8 


9 


10 


11 


1 12 


13 


14 


15 


16 


17 


18 


19 


0-1 


10 


37,1 


22 


52,4 


1 
32 


57,2 


12 


30,0 


21 


31,8 


1 
40 


47,1 


33 


36,3 


93 


53,3 


112 


59,6 


1—2 


7 


25,9 


7 


16,7 


11 


19,6 


7 


17,5 


16 


24,3 


21 


24,7 


15 


16,5 


38 


20,7 


28 


14,9 


2-3 


7 


25,9 


5 


11,9 


7 


12,5 


6 


15,0 


13 


19,7 


7 


8,2 


11 


12,1 


20 


10,9 

3,8 


15 


8,0 


3-4 


2 


7,4 


5 


11,9 


4 


7,1 


6 


15,0 1 6 


9,1 


11 


12,9 


9 


9,8 


7 


8 


4,3 


4—5 


— 


— 


— 




1 1,8 


2 


5,0 8 12,1 


3 3,5 


6 6,6 


11 


6,0| 5 2,6 


Unter 






































5 ha 


26 


96,3 


39 


92,9 


55 


98,2 


33 


82,5 


64 


97,0 


82 


96,4 


74 


81,3 


174 


94,7 


168 89,4 


5—6 


— 


_ 


2 


4,7 


1 


1,8 


— 


_ 


— 


_ 


1 


1,2 


2 


2,2 


3 1,6 


5 


2,6 


6-7 


1 


3,7 


1 


2,4 


— 


— 


1 


2,51 


2 


3,0 


1 


1,2 


3 


3,3 


3 


1,6 


6 


3,2 


7-8 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


2 


5,0 


— 


— 


— 


— 


3 


3,3 


1 


0,5 


6 


3,2 


8-9 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


1 


2,5 


— 


— 


1 


1,2 


1 


1,1 


— 


— 


2 


; 5 


9-10 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


2 


5,0| 


— 


- 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


5-10 


1 


3,7|| 3 | 7,l|| 1 


1,8 


6 |15,0|| 2 


3,0|| 2 


3,6 


9 


M| 7 | 3,7 


19 


9,5 


10—11 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


3 | 3,3 


— 


— 


1 


1,1 


11—12 
12—13 
13-14 
14—15 
16-17 


— 


- - 




— 


- 


— 


1 


2,5 


- 


= 


: 


: 


3 


3,3 


2 
1 


1,1 
0,5 




— 


— 


— 


— 


— 


— 


- 


— 


: 


— 


: 


z 




1 
1 


1,1 
1,1 


— 


— 


10-17 


— 


- 


— 




— — 


1|2 


— — 


— 1 — 


8 | 8,8 


3 


1,6 


il i 


Im gauzen 


27 


100 


42 


100 


56 


100 


40 


100 


66 


100 


85 


100 


91 


100 


184 


100 


188 


100 


Ver- 






































meh- 






































rung 
der Be- 






































sitz- 






































ein- 






































heiten 






































1823 
—1876 


(53 
Jahre) 




15 


55 














26 


65 














93 


102 








1876 


(19 




































-1895 


Jahre) 




— 


— 


14 


33 


— 


— 


— 


- 


19 


28 


— 


— 


— 


— 


4 


2 


1823 


(72 




































—1895 


Jahre) 




— 


— 


29 


107, 


— 


— 


— 


— 


45 


112 


" — 


— 


— 


- 


97 


106 



gesetzt worden, weil sonst auch für die Jahre 1822 (23) und 1876 der Fehler hätte be- 
seitigt werden müssen, was nicht möglich war. Da die soziale Bewegung der Bevölkerung 
vor 70 Jahren der heutigen nicht gleichkommt, insbesondere die später eintretende Aus- 
wanderung viele Fehler im heutigen Kataster veranlafste, so ist die Vergleichbarkeit jedoch 
nur eine bedingte, und man mufs sich für die Jahre 1876 und 1895 geringere Zahlen eingesetzt 
denken. In der Besitzklasse 0—1 ha sind auch die Hausbesitzer und die Inhaber von Aus- 
hälter-Parzellen einbegriffen. Die Forensen sind nirgendwo mitgerechnet worden. Eine Er- 
weiterung des Kulturlandes hat im Laufe dieses Jahrhunderts nicht stattgefunden. 



Die Folgen der Realteilung. 65 

Auch anter Berücksichtigung dieser Vorbehalte ersieht man aus der 
Tabelle das allmähliche Verschwinden der mittleren und die Zunahme der 
kleinen und der Zwerg-Güter. Die Anzahl der Besitzeinheiten hat sich überall 
im Laufe der letzten 72 Jahre ungefähr verdoppelt, ihre Durchschnittsgröfse 
demnach auf die Hälfte verringert. Nur in der Gemeinde Irmtraut hat die 
Zahl der nach den heutigen Verhältnissen einigermafsen lebensfähigen Stellen 
(5 — 9 ha) zugenommen. In diese Gemeinde bringt der Hausierhandel viel 
Geld von aufsen herein, das in Grundstücken angelegt wird. Weniger 
stark, als man nach der Vermehrung der Grundbesitzeinheiten annehmen 
sollte, ist die Bevölkerung von 1823 bis 1895 gestiegen. Es betrug die 
ortsanwesende Bevölkerung 1823 in Halbs 106, in Salzburg 174, in Irm- 
traut 389 Köpfe; sie erreichte 1851 bezw. 1843 und 1844 ihren Höhe- 
punkt mit 153, 212 und 529 Einwohnern, 1895 wurden nur noch 144, 
146 und 466 ortsanwesende Personen gezählt. Es hat also in den letzten 
50 Jahren überall eine Abnahme und gegen 1823 in Halbs eine Ver- 
mehrung um 35 °/ , in Irmtraut eine solche von 19 °/ , in Salzburg eine 
Abnahme um 16 °/ stattgefunden. Der hierin liegende anscheinende 
Widerspruch rührt besonders daher, dafs sich zur Zeit der Zählungen 
viele Gemeindegenossen ihres Erwerbs wegen auswärts befanden und dafs 
solcher Aufsen er werb heute viel mehr verbreitet ist als im Anfange unseres 
Jahrhunderts. Ferner haben viele Leute, die sich in den 70er Jahren 
z. B. nach dem Siegen'schen wandten, ihren Grundbesitz behalten; sie ver- 
pachten ihn oder lassen die Crescens ihrer Wiesen versteigern oder kommen 
selbst zur Heuernte in ihre frühere Heimat zurück. 

Eine ähnliche Statistik hat Schnapper- Arndt für 3 Gemeinden des hohen 
Taunus zusammengestellt. 1 ) Dort betrug die Zahl der Grundbesitzer 

in den Jahren 
in den Gemeinden 

Arnoldshain 

Seelenberg 

Oberreifenberg \ U1 m 

Niederreifenberg J 
„Es scheint hiernach in Seelenberg und Reifenberg eine erhebliche 
Zunahme der Grundbesitzer, mithin, da in der fraglichen Periode Neuanbau 
von Kulturland nur in sehr geringem Umfang erfolgt ist, eine fortschreitende 
Zersplitterung eingetreten zu sein. Aus Arnoldshain dagegen, welches zwar 
auch ansehnlichen Bevölkerungszuwachs, aber einen geringeren (effektiven) 
als die anderen Dörfer zeigt, kann keinesfalls eine nennenswerte Zunahme der 
Grundbesitzer zu verzeichnen sein." 2 ) 

Steht nach dem Vorigen für mehrere Gebirgsgemeinden eine fort- 
schreitende Verkleinerung der Betriebe fest, obwohl aus jenen Distrikten 
eine überaus starke Abwanderung stattfindet, so ist die allmähliche Ab- 
nahme des Durchschnittsbesitztums um so wahrscheinlicher für die Ge- 

') a. a. 0. S. 45 und 49. 
-) a. a. 0. S. 49. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. M. 5 



1821 


1881 


123 


123 


34 


61 



66 Ü- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

meinden in den fruchtbaren Gegenden, wo ausreichend Erwerbsgelegen- 
heiten vorhanden sind, um die Mehrzahl des nachwachsenden Geschlechts 
am Orte ihrer Geburt festzuhalten. Die vorhandenen Einzel beobachtungen 
und die daraus zu ziehenden Schlüsse bestätigen also die oben mitgeteilten 
Ergebnisse der Berufszählungen von 1882 und 1895. A ) 

Andererseits tritt aber auch die Wirksamkeit von Gegentendenzen 
deutlich zu Tage. 

Der Bericht über die „allgemeine Lage der Landwirtschaft" des im 
Lahnthale gelegenen Gemeindebezirkes Mensfelden hebt einige der letzteren 
besonders hervor: „Obgleich aus der hier bestehenden Sitte der freien 
Güterteilbarkeit gefolgert werden müfste, dafs sich die Zahl der Grund- 
eigentümer von Jahr zu Jahr mehrte, so ist dies in Wirklichkeit doch 
kaum der Fall. Bei Angabe der ortsanwesenden Bevölkerung und Haus- 
haltungen ist schon gesagt worden, dafs sich diese infolge Wegzuges ver- 
mindert hätten. Ebenso übt die Vererbungssitte auch einen nicht zu ver- 
mutenden Einflufs auf den Eigentum sumfang der einzelnen Grundeigentümer. 
Hat ein solcher nur ein Kind, so erlangt dasselbe durch Heirat schon einen 
gröfseren Grundbesitz wie die Eltern, und bei zwei Kindern wird derselbe 
selten kleiner. Sind allerdings mehr Kinder vorhanden, so stellt sich die 
Sache anders ; allein auch hier sind Fälle bekannt, wo die Kinder nach einer 
Keine von Jahren so viel Grundeigentum käuflich erworben hatten, dafs sie 
dem Besitz ihrer Eltern, wenn auch nicht gleich, so doch ziemlich nahe 
kamen. Bei den kleineren Grundeigentümern hält allerdings solches schwer, 
daher sorgen die Eltern dafür, dafs die Kinder ein Handwerk erlernen, und 
ziehen diese dann vielfach in die umliegenden Orte oder auch in entfernte 
Gegenden, wo ihnen hinreichend Gelegenheit zum Erwerb geboten ist." 

2. Gegentendenzen. 

a) Die Wanderungen. 

Stärker als alles andere wirkt der Verkleinerung der Betriebe die Ab- 
wanderung vom Lande in die Stadt entgegen. Die folgende Tabelle stellt 
den Umfang der Wanderungen kreisweise in Prozenten der natürlichen 
Volkszunahme dar. 2 ) 

Der Verlust ( — ) oder Gewinn (-{-) durch Wanderungen betrug in den 
einzelnen Kreisen des Berichtsgebietes in Prozenten der natürlichen Be- 
völkerungszunahme (d. h. des Überschusses der Geburten über die Sterbefälle) : 



x ) Das nassauische Konstitutions-Edikt vom t J 2 September 1814 hatte das aktive Wahl- 
recht der Landeigentümer zu den Landesdeputierten an einen -Beitrag zum Grundsteuersimplum 
von 7 fl., das passive an einen solchen von 21 fl. geknüpft. Schon durch Edikt vom 26. Mai 
1821 wird, da die Zahl der Wahlberechtigten iufolge der fortgeschrittenen Verkleinerung der 
Besitzungen abgenommen habe, dieser Wahlmodus beseitigt und, um eine neue Verminderung 
der Wahlberechtigten zu verhindern, schlechthin einer bestimmten Zahl der begütertesten 
Grundeigentümer Wahlrecht und Wahlfähigkeit eingeräumt, ein Verfahren, das auch 18.51 
beibehalten wurde. 

2 ) Vergl. die absoluten Zahlen in Anlagen VIII und IX und die graphische Darstellung 
auf Karte II am Schlufs. 





















BevoLkerungsbcwetrui 


g in den Kreisen der Landgeriektsbeziike Frankfurt a. 31.. Wiesbaden. Limburg. KTeuwle 


d Ton 1872 bis 1895. 
























Über- 




Verlust 


Gewinn 


Über- 




Verlust 


Gewinn 


Über- 




Verlust 


Gewinn 


Über- 




Verlu 




Gewii 


- 1 


Über- 




Verlu 




Gewi 




Über- 




Verlust 


Gewinn 






mIiIII'* lImI 


Bevöl- 


durch Wanderung 


durch Wauderung 


■ '.Hl- der 


Bevöl- 


dm, h WLi.id.'niuu dun 1 \Y:,iidHimm 


suhufs de. 


Bevöl- 


..lnp.1] AV.iii.lii im- diu.'h Waud'-ruii^ 


srl.uls de. 


Bevöl- 


'luii 1, Wiiud.'Miriu dm 1, W.uid.'iin,;; 




Bevöl- 


durch Wanderung 


durch Wanderung| 




Bevul- 


durch Wanderung durch Wanderung 






Geburten 


1. : : . . - 


(Diffe 




(Differenz 


li.-l.lllt.'ll 


ki'.u.i-s- 


(Differenz 


(Differenz 


lirdlUltL'.l 


kerungs- 


(Differenz 


(Differenz 


licl.urten 


kemngs- 


(Differ 




(Differenz j 


i.fUiitt'i) 


ki.'riuiL's- 


(Differ 




(Differ 




iddiinr,,.. 


kenlii'js- 


(Differenz 


(Differenz 






stcil..-f;il!. 


1. Dezbr. 


Spalte 


-2. 


Spalte 2—1) 


■■' ■'"■ 


1. Dezbr. 
1875 bis 


Spalte 1—2) 


Spalte 2—1) 


iiliri die 


zunahme 


Spalte 1—2) 


Spalte 2—1) 


"'"■'■ ''"■ 


/i.u.'diiii'.' 

1. Dezbr. 


Spalte 


-2) 


Spalte ' 


-1) 


NtrrMntl. 


1. Dezbr. 
1890 bis 


Spalte 


-2) 


Spalte 2 


-1) 


über die 


1. Dezbr. 


Spalte 1 


-2) 


Spalte 


-1) 




Kreis 




7. 




"o 


,„ de. 




% 




% 


w dm 


1880 Ins 




7« 




»„ 


,n ,1,-n 








% 




% 




% 


St,,.l„d:ill. 




% 




\ 




Jahren 


1. Dezbr. 




st 

II 






Jahren 


1. Dezbr. 




3 | 






Jahren 


1. Dezbr. 




II 




'-. '■ 




1. Dezbr. 








li 


JaUrea 


2. Dezbr. 




%■ 1 
\ i 




1 1 




2. Dezbr. 




% f 






Kreis 




1872 bis 

1875 


1875 


Kopte 


Köpfe 


^ssü" 


1880 


Köpfe 


Köpfe 


18 tm S 


1885 


Köpfe 


Köpfe 


1890 


1890 


Köpfe 


Köpfe 


1895 


1895 


Köpfe 


Köpfe 


1895 


1895 


Köpfe 


Köpfe 


r ; 
11 






Köpfe 


Köpfe 




: 




Köpfe 


Köpfe 




I! 




; = 


Köpfe 


Köpfe 




u 

S § 




!! 


Köpfe 


Köpfe 




5 f 




1 


Köpfe 


Köpfe 




f 1 
8 f 




Köpfe 

1 


Köpfe 






11 






1 


2 


3 


i 


5 


6 


1 


2 


3 


4 


5 


., 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


2 


3 


4 


5 


6 




Koblenz 


28GG 


2349 


517 


18,0 






396S 


6011 






2043 


51,5 


3330 


3262 


68 




2,0 






3894 


4251 






357 


9,2 1 


3271 


-1519 


4790 


146,4 




. 


7165 


2732 


4433 


61,87 


_ 




Koblenz 


Neuwied 


322!) 


2633 


596 


iss 


— 


— 


4495 


2621 


1H74 


41,7 


_ 


_ 


3582 


1172 


2410 




67,3 


_ 




4358 


2730 


1628 


37,4 


_ 


_ 


4529 


1048 


3481 


76,8 


— 


— 


8887 


3778 


5109 


57,5 


— 


— 


Neuwied 


Altenkirchen 


3718 


3732 


— 


— 


14 


0,4 


4687 


4866 


— 


_ 


179 


3,8 


5065 


3717 


1348 




26,0 


- 


_ 


4091 


955 


4036 


80,9 


_ 


_ 


5577 


516 


5061 


00,7 


- 


— 


10568 


1471 


9097 


86,08 


— 


— 


Altenkirchen 


Onterwesterwald 


2778 


1253 


1525 


54,9 


— 


— 


3707 


2812 


805 


24,1 


_ 




2686 


-335 


3021 


1 


12,5 


_ 


_ 


2308 


367 


1941 


84.1 


_ 


_ 


2567 


988 


! 579 


61,5 


— 


— 


4875 


1355 


3520 


T.'J 


— 


— 


Unterwesterwald 


Obenvesterwald 


1832 


1252 


580 


31,7 


— 


— 


2187 


-145 


2332 


106,6 


_ 


_ 


1685 


596 


1089 




04,6 


- 


_ 


1441 


36 


1405 


97,5 


_ 


— 


1606 


. 205 


1341 


83,4 


— 




3047 


301 


2746 


90,1 


— 


— 


Oberwesterwald 


Westerburg 








































1597 


-560 


2157 


135,1 


_ 


— 


1506 


-260 


1766 


117.2 


_ 




3103 


-820 


3923 


126,4 


— 


— 


Westerburg 


Dill 


1488 


1132 


356 


23,9 


— 


— 


2260 


1832 


428 


18,9 


_ 


_ 


2097 


1213 


884 




42,2 


_. 


_ 


1765 


864 


901 


51,0 


_ 


_ 


2583 


961 


1622 




— 


— 


4348 


1825 


2523 


58,0 


— 


— 


Dill 


Wetzlar 


1812 


1673 


139 


7,7 


— 


— 


2078 


2281 


697 


23,4 


_ 




2301 


902 


1399 




10,8 


_ 




2820 


1268 


1552 


55,0 


_ 


_ 


3096 


1080 


2016 


65,1 


— 




5916 


2348 


3568 


60,3 


— 


- 


Wetzlar 


Oberlabn 


3172 


781 


2391 


75,4 


— 


— 


3261 


1707 


1554 


47,7 


_ 




2798 


186 


2612 






_ 


_ 


1670 


-65 


1735 


103.9 


_ 




1822 


- 1392 


3214 


176,3 


— 


— 


3402 


-1457 


4949 


141,7 


— 




Oberlabn 


Limburg 








































2052 


-148 


2200 


107,2 


_ 


— 


2476 


318 


2158 


87,1 


— 


— 


4528 


170 


4358 


06.25 


— 




Limburg 


Unterlabn 


3339 


1450 


1889 


56,6 


— 


— 


3843 


9558 


_ 


_ 


5715 


ms ; 


3015 


— 1416 


4431 




46,8 


_. 


_ 


1663 


-1 


1064 


100,1 


_ 




2143 


-76 


2219 


li.;.:, 


— 


— 


3806 


-77 


3883 


102.0 


— 


— 


Unterlahn 


Obertaunus 


2129 


1692 


437 


20,5 


— 


_ 


2960 


1443 


1517 


51,3 


_ 




2308 


299 


2009 




87,1 


_ 


_ 


l-'SO 


1513 


_ 


_ 


227 


15.0 


1969 


2371 


— 


— 


402 


20.4 ! 


3255 


3884 


— 


— 


629 


19,3 


Ol.ertauuus 


Untertaunus 


1967 


2083 


— 


— 


116 


5,9 


2689 


178 


2511 


93,4 


_ 




1935 


— 1258 


3193 




,:..(. 


— 


_ 


1771 


435 


1336 


75,4 


_ 


— 


1754 


768 


986 


50.2 


— 




3525 


1203 


2322 


65.9 


— 


— 


Uutertaunus 










































731 






75,8 






1133 


466 


667 


58,8 






1864 


643 


1221 


65,5 








Rheingau 


2587 


1711, 


871 


33,7 


_ 


_ 


3542 


3406 


136 


3,8 


_ 




2619 


2043 


576 




22 


_ 




1303 


155 


1238 


8S,9 


_ 


_ 


IS 


1458 


108 


6,8 


— 




2959 


1616 


1346 


45,5 


— 


— 


Rheingau 


St Goarshausen 








































1803 


153 




91,5 






1050 


1617 










3753 


1770 


1983 


52,8 








Wiesbaden (Land) 


3562 


7031 


— 


_ 


3469 


97,4 


5097 


4452 


645 


12,7 






4601 


7509 


_ 






2848 


61,1 


2540 


2854 


_ 




314 


12.4 


3384 


3721 




- 


337 


9,9 


5924 


6575 


— 


— 


651 


11,0 


Wiesbaden (Land) 


Höchst 








































2349 


5127 






2778 


118,3 




6t .67 






3271 


SS". 


6045 


12094 








100,1 




Wiesbaden (Stadt) 


2283 


8224 


— 


— 


5941 


260,1 


2895 


6564 


_ 


_L_ 


3060 


126,7 


1662 


5216 








3554 


213,8 


2078 


9216 








343,5 | 


2835 


9452 






0617 


.'3 1.4 


4013 


18668 


— 


— 


13755 


280,0 


Wiesbaden (Stadt. 


Frankfurt a. M. 












































































Frankfurt a. M. 


(Und) 








































3370 


4537 






1167 


34,6 


4324 


3794 


530 




_ 




7694 


8331 


— 


— 


637 


s .'s 


.Und) 


Frankfurt a. M. 












































































Frankfurt a. M. 


(Stadt) 


4995 


18306 


- 


- 


13311 


266,5 


8967 


24885 


" 


- 


15918 


177,5 


7519 


19539 


- 




" 


12020 


159,9 


6274 


25472 


- 




19198 


306,0 


9585 


30494 




- 


20909 


218.1 


15859 


55988 


~ 


_ 


40107 


252,9 


(Stadt) 



Die Folgen der Realteilung. 



67 





Von 


Von 


Von 


Von 


Von 


Einwohner 


Kreise 


1872 bis 


1875 bis 


1880 bis 


1885 bis 


1890 bis 


pro qkm 




1875 


1880 


1885 


1890 


1895 


i. J. 1890 


Koblenz 


— 18 


+ 51 


—2 


+ 9 


(-146)') 


226 *) 


Neuwied 


— 19 


— 42 


— 67 


— 37 


— 77 


126 


Attenkirchen 


+ 0,4 


+ 4 


— 27 


— 81 


— 91 


97 


Unterwesterwald .... 


— 55 


— 24 


— 112 


— 84 


-61 


111 


Oberwesterwald .... 


- 32 


— 107 


— 65 


-97 


— 83 


73 


Westerburg 








— 135 


— 117 


89 


Dül 


— 24 


— 19 


— 42 


— 51 


— 62 


80 


Wetzlar 


-8 


— 23 


— 61 


— 55 


— 65 


98 


Oberlahn 


— 75 


— 48 


— 93 


— 104 


— 176 


99 


Limburg 








— 107 


— 87 


140 




-57 


+ 149 


— 147 


— 100 


— 103 


110 


Usingen 








— 76 


— 59 


61 


Untertauns 


+ 6 


— 93 


— 165 


— 75 


— 56 


66 


Obertaunus 


— 20 


— 51 


— 87 


+ 15 


-1-20 


180 


Rheingau 


— 34 


— 4 


— 22 


— 89 


— 7 


128 


St. Goarshausen .... 




• 




— 91 


— 17 


106 


Wiesbaden Land .... 


+ 97 


— 13 


+ 61 


+ 12 


+ 10 


215 


Höchst 




• 




+ 118 


+ 88 


294 


Wiesbaden Stadt .... 


+ 260 


+ 127 


+ 214 


+ 343 


+ 233 


2029 


Frankfurt Land .... 








+ 35 


— 12 


607 


Stadt .... 


+ 267 


+ 177 


+ 160 


+ 306 


+ 218 


3098 



Die Perioden, in welche sich die Statistik gliedert, sind durch die 
Jahre der Volkszählungen bestimmt. Der »Überschufs der Geburten über die 
Sterbefälle« wurde aus den vom preulsischen statistischen Bureau publizierten 
bezw. direkt mitgeteilten Zahlen berechnet. 

Die Differenz zwischen dem Überschufs der Geburten über die Sterbe- 
fälle und der thatsächlichen Bevölkerungszunahme ergiebt den Gewinn oder 
Verlust durch Wanderung. 

Infolge der Neueinteilung der Kreise im Jahre 1886 konnte die Be- 
völkerungsbewegung der damals erst neu geschaffenen Kreise Westerburg, 
Limburg, Usingen, St. Goarshausen, Höchst und Landkreis Frankfurt a. M. 
nur für die beiden letzten Jahrfünfte festgestellt werden. Alle übrigen durch 
24 Jahre verfolgten Kreise des Kegierungsbezirks Wiesbaden sind, den Dill- 
kreis und die Stadt Wiesbaden ausgenommen, damals verkleinert worden. 

Am 1. April 1895 wurde Bockenheim aus dem Landkreise Frankfurt a. M. 
der Stadt Frankfurt a. M. einverleibt. Es ist deshalb schon für 1890 die ent- 
sprechend höhere bezw. niedrigere Bevölkerungszahl der Berechnung zu Grunde 
gelegt worden; dasselbe konnte allerdings für den Geburtenüberschufs nicht 
geschehen, so dafs der Wanderungsgewinn der Stadt wie der Wanderungs- 
verlust des Landes etwas zu hoch erscheinen. Endlich wurde der Kreis 
Koblenz (Stadt) am 1. Oktober 1887 aus dem gleichnamigen Landkreise aus- 
geschieden. In der Tabelle wurde für die 4 ersten Jahrfünfte der ganze 



l ) Koblenz Land. 



68 IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Kreis, für das letzte Jahrfünft dagegen, um das Abwandern vom Lande zum 
Ausdrucke zu bringen, nur der Landkreis eingesetzt. — 

Das Centrum der Zuwanderung bildet der dichtbesiedelte und industrie- 
reiche Mainbexirk. Er hat von 1872—1895 121284 Einwohner durch 
Wanderung gewonnen, das ganze übrige Gebiet 88470 verloren.' Am 
stärksten ist die Zuwanderung naturgemäfs in den Städten Wiesbaden und 
Frankfurt; sie wächst aufs höchste in den Zeiten des industriellen Auf- 
schwungs nach dem französischen Kriege und anfangs der 80 er Jahre, wäh- 
rend sie in Perioden der wirtschaftlichen Stagnation beträchtlich nachläfst. 

Aufser dem Maingebiet hat nur der benachbarte Oberiaunuskreis 
periodenweise einen Zuwachs durch Wanderung erfahren, der jedoch lediglich 
auf das Anwachsen der Badeorte und Landstädtchen Homburg v. d. Höhe, 
Ober-Ursel, Kronberg, Königstein und Friedrichsdorf zu setzen ist. 

Die Abicanderung ist am geringsten in den Rebgegenden (Rheingau, 
St. Goarshausen) ; sie schwillt nur infolge schlechter Weinjahre vorüber- 
gehend (1885/90) erheblich an. Geringe Verluste hat auch der stark indu- 
striereiche Kreis Attenkirchen nebst Neuwied gehabt. Aber das neuerliche 
bedeutende Anwachsen der Abwanderung läfst den Einflufs des Rückgangs 
des siegerländischen Bergbaus und Hüttenwesens erkennen. 

Die Lahnkreise {Oberlahn, Limburg, Unterlahn) mit dem benachbarten 
Untertaunuskreis zeigen trotz ihrer meist günstigen Bodenverhältnisse und 
gleichmäfsig verteilten industriellen Erwerbsmöglichkeiten (Fabriken, Erz- 
bergwerken und Hütten) seit dem Anfang der 80 er Jahre so grofse W^anderungs- 
verl uste, dafs seitdem im Ober- und im Unterlahnkreise, 1885/90 selbst im 
Kreise Limburg eine absolute Abnahme der Volkszahl eingetreten ist — ein 
prägnantes Zeichen für den Niedergang des Bergbaus und Hüttenwesens, der 
auch im Lahnthal zu beklagen ist und eine grofse Anzahl von Arbeitskräften 
brotlos gemacht hat. 

Die gleiche Erscheinung der Bevölkerungsabnahme zeigt sich sonst nur 
für die beiden letzten Jahrfünfte, bezw. je. für ein früheres Jahrfünft in 
den echten Gebirgskreisen Westerburg, Ober- und Unterivestenualcl. 

Im übrigen ist die Abwanderung aus den rauhen und entlegenen, an 
Erwerbsgelegenheit armen Gebirgsgegenden des Wester wa kies und Taunus 
(Usingen!) zwar beträchtlich; die Wanclerungs Verluste stehen etwa auf der 
Höhe der ostdeutschen Grofsgüter- Distrikte. Grofse Schaaren verlassen 
jahraus jahrein die heimischen Dörfer, um an der höheren Lebenshaltung 
der Industriebevölkerung teilzunehmen Aber nirgendwo führt dieses Ab- 
strömen zu einer absoluten Minderung der Einwohnerzahl, zur Erweiterung 
des Nahrungsspielraumes des ansässig bleibenden Grundstocks der Be- 
völkerung. — 

Die vorangehende Statistik erfafst in der Hauptsache nur diejenige Be- 
völkerung, die sich für immer von dem Heimatsclorfe abgewandt hat. Viele ver- 
lassen aber auch nur für einen Teil des Jahres ihre Familien, um den aus der 
kleinen Landwirtschaft gewonnenen, zur Ernährung nicht hinreichenden Unter- 
halt durch baren Verdienst in der Fremde zu ergänzen. Diese Erscheinung, auf 



Die Folgen der Realteilung. 69 

welche wir noch späterhin zurückkommen, wirkt zwar in manchen Fällen 
der Verkleinerung der Betriebe entgegen, weil die draufsen gewonnenen 
Ersparnisse zum Landkauf benutzt werden, anderseits ermöglicht sie aber 
gerade einer gröfseren Zahl von kleinbäuerlichen Erben die Ansiedelung 
in der Heimat, hat also im ganzen die Wirkung, die vorhandene Besitz- 
zersplitterung aufrecht zu halten und zu verstärken. 

b) Die Kommunhausung. 

Von einem Bestreben der ländlichen Bevölkerung, bei prinzipieller 
Anerkennung der Gleichberechtigung sämtlicher Kinder am elterlichen 
Grundbesitz die Verkleinerung der Besitzeinheiten hintanzuhalten, kann nur 
in wenigen Gegenden gesprochen werden. 

Ein Amtsgericht, Asbaclu dessen Bezirk zu dem oben (S. 34) geschilderten 
Grenzgebiete zwischen den Gewanndörfern und Einzelhöfen gehört, berichtet 
jedoch, dafs sich unter der bäuerlichen Bevölkerung infolge ihrer An- 
hänglichkeit an die heimatliche Scholle eine Wirtschaftsgemeinschaft aus- 
gebildet habe, die zwar geeignet sei, die Folgen der gleichen Teilung des 
Grundbesitzes zeitweilig abzuwenden oder hinauszuschieben, die aber keines- 
falls die Grundlage zur Schaffung leistungsfähiger bäuerlicher Wirtschaften 
werden könne. Die Landwirtschaft bildet die einzige Einnahmequelle der 
dortigen Bevölkerung, die Parzellierung ist ziemlich stark vorgeschritten; 
da der Boden bei rauhem Klima durchgängig minderwertig ist, so gehört 
ein verhältnismäfsig gröfserer Grundbesitz zur Ernährung einer Fa- 
milie als in den meisten anderen Teilen unseres Beobachtungsgebietes. 
Freilich kommen „25 ha Ackerland in der Hand eines Ackerbautreibenden 
nicht vor, 8 — 12 ha mit einem Viehinventar von 10 — 18 Stück Kindvieh 
und einem Pferde oder der entsprechenden Zahl Ochsen bilden die Regel". 
Das Amtsgericht berichtet nun weiter: „Besondere Erwähnung ver- 
dient die hier zu Lande häufig vorkommende „ „Geschwisterwirtschaft" u , d. h. 
die gemeinschaftliche Fortführung der Haus- und Ackerwirtschaft seitens 
mehrerer unverheirateter Geschwister, welche eine der Ehe ganz konforme 
Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft bilden. Sie beruht auf der Erkenntnis 
der Beteiligten, dafs eine Teilung des Grundbesitzes die Einzelnen wirtschaft- 
lich so schwächen würde, dafs die Garantieen für den nötigen Lebensunter- 
halt wohl fehlen würden, während die Existenzbedingungen im Falle der 
Vereinigung ihrer Wirtschaftskräfte in einem Haushalte und einem Acker- 
betriebe vollkommen gegeben sind. 

• So sind hier die Fälle nicht selten, dafs 3, 4 ja 5 Geschwister zeit- 
lebens ledig in dieser Gemeinschaft verbleiben. Dieses Societätsverhältnis 
regelt sich zu Lebzeiten meist nach mündlichen Satzungen der Beteiligten. 
Bei geringeren Betrieben hat derjenige, welcher aus der Gemeinschaft aus- 
treten will oder heiratet, gewöhnlich nur das Anrecht auf einen im voraus 
fixierten Entschädigungsanspruch in bar; er verwirkt dabei jegliche Eigen- 
tumsansprüche an Mobiliar- und Immobiliarvermögen. Bei gröfseren Be- 
trieben teilen aber auch die Geschwister ihren jährlichen Gelderwerb und 



70 H. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

im Falle des Austritts (freiwillig oder Heirat) eines von ihnen findet eine 
vollständige Auseinandersetzung statt. 

Auf den Todesfall errichten solche Geschwister allemal gemeinschaft- 
liche Testamente (deren Rechtsgiltigkeit durch die Praxis der kurkölnischen 
Gerichte sanktioniert ist), entsprechend denen der kinderlosen Ehegatten'. Sie 
setzen sich gegenseitig zu Erben ein, so dafs sich schliefslich die ganze 
Gemeinschaft in der Hand des Letztlebenden konzentriert. Ihm wird dann 
in der Regel auf den Todesfall die gesetzliche Erbfolge zur Pflicht gemacht; 
es kommt aber auch vor, dafs ihm das freie Verfügungsrecht durch Testa- 
ment zugestanden wird". 

Aufser dieser Kommunhausung, die ein in weiteren Kreisen herrschen- 
des Cölibat voraussetzt, dem Überführen der Kinder in einen anderen Beruf 
und dem Wegzuge aus dem Heimatsdorfe bleibt nur ein Radikalmittel, um 
die ansässige Bevölkerung auf demselben Stande zu erhalten und eine Ver- 
kleinerung der Grundbesitzgröfsen zu vermeiden: 

c) Die Beschränkung der Kinderzahl. 

In den Berichten findet sich kein darauf bezüglicher Hinweis. Dem 
Verfasser ist aber bekannt, dafs in wohlhabenderen Bauernfamilien des 
Westerwaldes das Zweikindersystem häufig vorkommt. W. H. Riehl, einer 
der besten Kenner nassauischer Volkszustände und selbst geborener Nassauer, 
schreibt 1 ), allerdings gestützt auf vor bereits 40 Jahren gemachte Beobach- 
tungen: „Im unteren Maingrunde, wo die Güterzersplitterung längst in voller 
Blüte steht, liegen ein paar vereinzelte Dörfer, welche mit aller Macht ihrer- 
seits gegen die Güterteilung ankämpfen. Es ist aber auch in diesen Dörfern 
unerhört, dafs einer Ehe mehr als zwei Kinder entsprossen. Um die Sitte 
aufrecht zu erhalten, hat man die Moral geopfert; die Gemeinden sind reich 
und blühend, und die Pfarrer predigen — gegen die Abtreibung der Leibes- 
frucht." In den „Schriften des Vereins für Sozialpolitik", „der Wucher auf 
dem Lande", heifst es: 2 ) „Der gröfsere Bauernstand wird hervorragend nur 
in einzelnen Gemeinden unseres Regierungsbezirkes gefunden, wo es fast 
scheint, als sei systematisch das Zweikindersystem eingeführt, und wo durch 
gegenseitige Verheiratung dafür gesorgt wird, dafs das ganze elterliche Be- 
sitztum ungeteilt fortbesteht. So sehr auch solche Einrichtungen lokal günstig 
auf den materiellen Wohlstand einer Gemeinde einwirken, so wenig lassen 
sie sich als geeignetes Mittel zur Hebung der Verhältnisse allgemein 
empfehlen." — 

3. Betriebstechnische Wirkungen der Besitz -Verkleinerung. 

Die fortschreitende Verkleinerung der ländlichen Besitzungen hat in 
den fruchtbaren Niederungen, den weinbauenden Distrikten, den Verkehrs- 






J ) „Die bürgerliche Gesellschaft", 2. Aufl., S. 54, Stuttgart und Tübingen, 1854. 
2 ) Bd. XXXV, S. 214. Lehrer Schardt „Der Wucher auf dem Lande im Regierungs- 
bezirk Wiesbaden", Leipzig 1887. 



Die Folgen der Realteilung. 71 

und industriereichen Gegenden, in der Nähe der Städte hingewirkt auf die 
Ausbildung einer höchst arbeitsintensiven Bodenkultur, welche, wenn auch 
oft unter beträchtlicher Vergeudung von Arbeitskraft, durch gestiegene Er- 
träge die Schmälerung des Besitztums bis zu einem gewissen Grade wett- 
macht. 

In den Gebirgsdistrikten aber fehlen meist alle Voraussetzungen 
für solche Wirtschaftsweise. Dort kommen die eigentümlichen Vorzüge der 
bäuerlichen Wirtschaft nur für die Aufzucht von Vieh zur Geltung, für die 
der Boden, das Klima, die beträchtliche Ausdehnung der Gemeindeweiden 
vielfach günstige Bedingungen bieten. Von einem intensiven Ackerbau kann 
hier meist keine Bede sein. Wenn daher im Westerwald- und Taunusgebiet 
mehr als 80% aller Betriebe auf den unselbständigen Parzellenbesitz ent- 
fallen (s. o. S. 15), wenn 83,5 bezw. 79,7% der landwirtschaftlich benutzten 
Fläche in Wirtschaften aufgeteilt sind, die kleiner sind als 10 ha (s. o. S. 14) 
und vielfach ausreichende Gelegenheit zum industriellen Erwerb fehlt, so ist 
von vornherein wahrscheinlich, dafs die fortgesetzte Teilung dort zahlreiche 
ganz- oder halb-proletarische Existenzen geschaffen hat. 

Die betriebstechnischen Wirkungen der Realteilung erhalten einige 
Beleuchtung durch die Nachrichten über die Verschiebungen, die sich in der 
Tierhaltung vollzogen haben, und jene Verschiebungen bestätigen ihrerseits 
wieder die Annahme, dafs die Verkleinerung der Besitzeinheiten ununter- 
brochen, wenn auch nur allmählich fortschreitet. 

Veränderungen in der Tierhaltung. 

Arnoldi 1 ) schreibt für das 15. und 16. Jahrhundert: „Die vornehmsten 
Nahrungszweige der Einwohner waren Ackerbau und Viehzucht. Jener 
ward dem Ansehen nach mehr mit Pferden als mit Ochsen getrieben, zum 
Teil vielleicht auch mit Kühen. In den Viehlisten der Dillenburgischen Ge- 
richte von 1447 und 1578 kommen noch keine Ochsen vor, Pferde dagegen 
in weit stärkerer Anzahl, als sich deren heutigen tages in den Dörfern 
finden. Meistens übersteigt ihre Zahl die der Haushaltungen, zum Beweise, 
dafs mancher Landmann mehrere Pferde gehalten haben müsse, obgleich der 
Pflug in hiesigen Gegenden meistens nur mit einem Pferde bespannt wird." 

Über den heutigen Zustand äufserte sich der frühere Direktor der land- 
wirtschaftlichen Akademie Poppeisdorf im Landes-Ökonomie-Kollegium 2 ) wie 
folgt: „Die Hauptursache des Niedergangs der ländlichen Bevölkerung beruht 
unzweifelhaft in der fortwährenden Zersplitterung des Grundeigentums und in 
dem Kleinerwerden der Teile, die jedes einzelne Kind von seinen Eltern erhält 
und immer wieder unter seine Kinder aufs neue verteilt. . . . Ein Moment 
zur Beurteilung der Frage entnehme ich meiner engeren Heimat Nassau. Es 
würde zu weit führen, statistische Mitteilungen zu machen, ich will nur all- 



x ) „Geschichte der Oranien-Nassauischen Länder und ihrer Kegenten" ßd. III, Ab- 
teilung 2. Hadamar und Koblenz 1816, S. 9. 

2 ) Vgl. Rede des Geheimrat Dünkelberg in den „Verhandlungen" der 3. Session der 
2. Sitzungs-Periode, Berlin, 1883, S. 671. 



72 

gemein konstatieren, dafs meines Gedenkens früher, und selbst bis auf den 
Westerwald hinauf, eine sehr gute Pferdehaltung in den bäuerlichen Kreisen 
bestand und daraus auch eine entsprechende Zucht abgeleitet worden ist. 
Aber die Zeiten zahlreicher Pferdebauern sind längst vorüber. An ihre Stelle 
traten die Bauern, die nur mit Ochsen pflügen konnten, und auch jetzt hat 
dieses Verhältnis in der Weise gewechselt, dafs die Zahl der Spannkühe 
ganz aufserordentlich zugenommen hat, was aus betriebswirtschaftlichen 
Gründen als ein Zeichen für den Niedergang der bäuerlichen Verhältnisse an- 
gesehen werden mufs." 

In der folgenden Tabelle ist versucht worden, die Zahlen für dieses 
Jahrhundert zuzammenzustellen. Für die fünf ersten Jahrzehnte sind sie 
den „Beiträgen zur Statistik des Herzogtums Nassau" 1 ), für die drei letzten 
Jahrzehnte den deutschen Viehzählungen (Preufsische Statistik Heft 31, 77, 
129) entnommen. Dabei wurde der Begierungsbezirk Wiesbaden ohne die 
Kreise Frankfurt a. M. Stadt und Land und ohne den Kreis Biedenkopf dem 
Herzogtum Nassau gleichgestellt, obwohl er um einen Teil des früheren Amtes 
Homburg gröfser ist. In Spalte 1 sind die Bezeichnungen der preufsischen 
Zählungen aufgenommen; wo die nassauischen von ihnen abweichen oder 
wo die eine oder die andere Statistik noch besondere hier interessierende 
Kategorieen aufweist, sind sie in Klammern beigefügt. 

(Siehe Tabelle S. 73.) 
Die Züge des Bildes, das die Tabelle giebt, sind überaus charakteristisch : 
Die Tierarten, die dem Mittelbetriebe eigen sind, gehen zurück, alle die- 
jenigen aber, die den Klein- und Zwergbesitz und den landwirtschaft- 
lichen Nebenbetrieb kennzeichnen, vermehren sich stetig. So nehmen in 
grofsen Proportionen ab vor allem die Ochsen, die Tiere der begüterten 
Bauern, besonders die Zugochsen, die für das frühere Herzogtum Nassau 
gesondert nachgewiesen sind. An ihre Stelle treten die Kühe, die nütz- 
lichen Tiere des Kleingütlers; und zwar sind es die Zugkühe, deren 
Zahl in starker Progression wächst, von 1821 — 1861 um mehr als 
200 °/ , während die Zahl der Stallkühe die frühere Höhe, vom Jahre 
1821 — 1861 wenigstens, nicht wieder erreicht. Erst die neuzeitliche 
Verschiebung der Preisverhältnisse dürfte auch ihren Bestand etwas 
gesteigert haben. Hingegen zeigt sich zwischen den beiden letzten Zähl- 
perioden eine beträchtliche Vermehrung des Jungviehs. Man hat offenbar 
in der Ausdehnung des Kälberverkaufs einen Ersatz für den Bückgang der 
Körnerpreise gesucht. Die Pferde (einschliefslich der städtischen, der Militär- 
pferde etc.) nehmen an Zahl zwar zu, aber kaum mehr als auf Bechnung 
der Verkehrssteigerung zu setzen ist. Die Fohlenzahl sinkt in dem Jahrzehnt 
1821/31 um fast ein Drittel und ist seitdem ganz unbedeutend geblieben. 

Während der Begierungsbezirk Wiesbaden (1892) mit einer Binderzahl 
von 41,7 pro Quadratkilometer unter allen Bezirken des preufsischen Staats 



x ) Otto Saetorius „Beiträge zu Statistik des Herzogtums Nassau", Wiesbaden 
1863, S. 21. 



Die Folgen der Realteilung. 



73 



Viehart 


Im Herzogtum Nassau 


Im Regierungsbezirk 
Wiesbaden mit Aus- 
nahme der beiden Kreise 
Frankfurt a. M. und des 
Kreises Biedenkopf 




1821 
Stück 


1831 
Stück 


1841 
Stück 


1851 
Stück 


1861 
Stück 


1873 

10. Jan. 

Stück 


1883 
1. Jan. 
Stück 


1892 
1. Bez. 
Stück 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


I. Pferde 
3 Jahre alt und mehr . . 
(Hiervon wurden vorzugs- 
weise zu landwirtschaft- 
licher Arbeit benutzt) . . 

Fohlen 

IL Rindvieh. 

Bullen (Fasselochsen) . . 

Sonstige Stiere und Ochsen 

(Mast- und Zugochsen) . 

(Zugochsen allein) .... 

( Zug- und Stallkühe . 

Kühe<j (Stallkühe allein) . . 

1 (Zugkühe allein) . . 

Jungvieh und Kälber . . 

III. Schafe .... 

IV. Schweine . . . 
V. Ziegen .... 


8 859 

1270 
1 176 

31582 

(28840) 
89 647 

(75373) 

(14274) 
54 999 

182 619 
63 408 

9 476 


8 619 

440 
1226 

30141 
(26926) 

90 604 
(68386) 
(22218) 

50 594 
126 403 

54 461 

9 607 


10 727 

536 
1455 

25 213 

(21 743) 
99 248 

(68815) 

(30433) 
53 288 

140 981 
59 998 
16114 


10 897 

510 
1304 

18 277 
(15 595) 
103 225 
(62 136) 
(41089) 

61747 
138 684 

50 563 

27 377 


12 457 

598 
1526 

17 214 
(13854) 
110131 
(73974) 
(46157) 

73 820 
156 954 

56167 

31939 


15 236 

(10392) 
369 

982 

14 091 

109 560 

60 017 

106 364 

50 958 

40 620 


14 712 

(9 480) 
564 

2 098 

12 085 

112 377 

61577 
86 798 
57 941 
45 644 


16 032 

(11 339) 
351 

1644 

11030 

121 791 

73 197 

67 234 

104 375 

54 379 



an fünfter Stelle steht (hinter Aurich, Schleswig, Düsseldorf und Köln), 
rangiert er hinsichtlich der Besetzung seiner Landgemeinden mit Pferden 
(13 856 = 2,7 pro qkm gegen 8,2 im Durchschnitt aller Landgemeinden des 
Staats) in allerletzter Linie. Auf je 10000 Pferde kamen 1892 in den 
Zählgehöften geborene Fohlen: im Reg.-Bez. Gumbinnen 877, in Cassel 306, 
in Wiesbaden 47 — d. i. etwa halb so viel wie in dem nächststehenden 
Bezirk (Liegnitz). Im Verhältnis zur Yolkszahl nimmt der Regierungsbezirk 
Wiesbaden hinsichtlich seines Rinderbestandes unter den 35 Regierungs- 
bezirken mit 278 pro 1000 Einwohner die 31., mit seinem Pferdebestand e 
(29 pro 1000 Einwohner) wieder die letzte Stelle ein. 

Der Ersatz der kräftigen Arbeitstiere, der Pferde und Ochsen, durch 
Kühe bedeutet eine Verringerung der Produktivität der Landwirtschaft, weil 
die Leistungen der Kühe des Kleinbauern zwar vielseitige, aber nach keiner 
Richtung sonderlich gute sind. 

Das im letzten Jahrzehnt hervortretende Steigen der Schweinezahl, vor 
allem aber die enorme und stetige Zunahme der Ziegen während des ganzen 
Zeitraumes sind die deutlichsten Anzeichen einer steten Vermehrung der 
kleinsten Parzellenbetriebe und des erheblichen Anwachsens einer Be- 



74 IT. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

völkerungsschicht, für die Ackerbau und Viehhaltung nur noch Neben- 
erwerb sind. 

Die Abnahme der Schafhaltung entspricht der allgemeinen Erscheinung 
und ist, wie Sartorius 1 ) hervorhebt, auf die „fortwährend eintretende Ver- 
minderung der ständigen Weiden und der reinen Brache oder die Zunahme 
des Anbaues der Brachäcker" sowie auf das Sinken der Weltmarktpreise 
zurückzuführen. 

Nach der relativen Anzahl seiner Ziegen steht der Kegierungsbezirk 
Wiesbaden mit 10,7 pro Quadratkilometer und 71 pro 1000 Einwohner be- 
trächtlich über dem Staatsdurchschnitt (5,6 bezw. 66), während der Besitz- 
stand an Schweinen mit 21,5 pro Quadratkilometer, 143,5 pro 1000 Ein- 
wohner den Durchschnitt (22,2 bezw 258) nicht erreicht. 



4. Die Zunahme der Parzellierung. 

Es wurde oben (S. 20 ff.) die enorme Parzellierung geschildert, welche 
die Realteilung in den Gemarkungen unseres Berichtsgebietes zur Folge 
gehabt hat. Das durchgreifende preufsische Zusammenlegungsverfahren hat 
in manchen zur Rheinprovinz gehörenden Gebirgsgegenden allerdings gründ- 
lichst mit jenem Zustande aufgeräumt, der eine rationelle Wirtschafts- 
führung unmöglich macht. Aber viele Gemeinden widersetzen sich nach 
wie vor der Anwendung jenes Yerfahrens, und das nassauische Konsolidations- 
gesetz hat — wenngleich seine nützlichen Wirkungen nicht verkannt werden 
sollen — doch das Hauptübel, die Gemengelage der Grundstücke, bestehen 
lassen (vergl. oben S. 32). 

Um so gröfsere Bedeutung hat das im Regierungsbezirk Wiesbaden 
seit langem zur Einführung gelangte gesetzliche Parzellenminimum ge- 
wonnen. Es scheint in der That den Erfolg gehabt zu haben, eine 
stärkere Zunahme der Parzellierung zu verhüten. Aber auch die schon 
jetzt vorhandene, überaus starke Bodenzersplitterung erschwert in Ver- 
bindung mit der Gemengelage der Grundstücke und dem häufig be- 
stehenden thatsächlichen Flurzwang alle durchgreifenden Fortschritte der 
Bodenkultur. Das herrschende Wirtschaftssystem ist fast überall die ver- 
besserte, ja in manchen Gegenden noch die reine Dreifelderwirtschaft; sie 
ist meist nur da verschwunden, wo an die Stelle des Pfluges der Spaten 
getreten ist. 

Kein Amtsgericht oder Landratsamt aus dem Gebiete des ehemaligen 
Herzogtums Nassau berichtet von wachsender Bodenzersplitterung, und 
einzelne exakte Untersuchungen zeigen, dafs der Grundbesitz schon im 
Anfange dieses Jahrhunderts in eine etwa ebenso grofse Zahl von Parzellen 
zerfiel wie in der Gegenwart. In den nachbenannten Gemeinden des Amts- 
gerichtsbezirks Rennerod 2 ) gab es Parzellen: 



x ) a. a. O. S. 22. 

*) Vergl. Anm. 3 auf S. 63. 



Die Folgen der Realteilung. 75 



Jahr 


Halbs 


"Waigandshain 


Salzburg 


Quelle 


1823 


1928 


4255 


1980 


Altes nassauisches Kataster 


1854 


2073 


3900 


2321 


Stockbuch 


1895 


2083 


3908 


2327 


Stockbuch 



Die Zunahme der Parzellen ist eine minimale. Das Resultat bleibt 
dasselbe, wenn man die Zusammensetzung der einzelnen gröfseren, mittleren 
und kleineren Besitzungen der 3 Gemeinden im Anfange des Jahrhunderts 
mit der heutigen vergleicht. Die in der Gemeinde Waigandshain von 1823 
bis 1854 eingetretene Abnahme der Parzellenzahl erklärt sich dadurch, 
dafs einzelne private Grundstücke zur Anlage einer Gemeindeviehweide 
angekauft und zusammengelegt wurden. 

Schnapper-Arndt kommt für die Feldbergdörfer Schmitten und Arnolds- 
hain 1 ) zu demselben Ergebnis. Die nassauische Verordnung vom 12. Sep- 
tember 1829 untersagte bekanntlich eine Teilung des Ackerlandes in Flächen 
unter 50 Quadratruten (== 12 1 / 2 a) und der Wiesen in Stücke unter 
25 Quadratruten (6 1 / i a). Der genannte Schriftsteller hat nun festgestellt, dafs 
zur Zeit seiner Erhebung (1881) von den 945 Ackerparzellen der Gemarkung 
Schmitten 814, von den 1205 Ackerparzellen der Gemarkung Arnoldshain 
1066 nicht das Mafs von 10 a erreichten. Yon den 548 Wiesenparzellen 
der ersteren Gemeinde waren 284, von den 990 der letzteren Gemeinde 
255 kleiner als 5 a. Die nicht das Minimalmafs haltenden Parzellen, 
d. h. von den Ackerparzellen der weitaus gröfste Teil, müssen also schon 
aus dem Anfange dieses Jahrhunderts herrühren. — Auch die oben (S. 21) 
wiedergegebene Durchschnittsberechnung für Acker-, Garten- und Wiesen- 
parzellen einzelner Gemeinden des Amtsgerichtsbezirkes Rennerod weist auf 
die analoge Erscheinung hin. 

Die Thatsache, dafs selbst sehr kleine Besitzungen in zahlreiche Teil- 
stücke zerfallen, die meist kleiner sind als die vorgeschriebenen, recht ge- 
ringen Minimalmafse, macht es verständlich, dafs die Gesetze über das Par- 
zellenminimum kaum irgendwo zu einem Güterschi ufs geführt haben. Sie 
hindern nicht die Realteilung der Besitzungen, sondern nur die Yermehrung 
der schon vorherrschenden unternormalen Parzellen. — 

Aus dem Coblenzer Bezirk, wo das gesetzliche Parzellenminimum fehlt, 
berichten dagegen zwei Behörden über die fortschreitende Yerkleinerung der 
Grundstücke : 

Das Amtsgericht Kirchen schreibt: „Die Parzellen selbst werden oft 
wieder in einer Weise geteilt, dafs eine Bewirtschaftung derselben teilweise 
schlecht möglich erscheint. 1 ' Das Landratsamt Wetzlar bemerkt: „Läfst sich 
die annähernde Gleichstellung der Teilzettel nach den vorhandenen Grund- 
stücksparzellen nicht gut bewirken, so kommt es auch vor, dafs einzelne 
Stücke entweder der Länge nach geteilt oder in der Mitte quer durch- 
schnitten (getrumpft) werden, was freilich als ein Übelstand bezeichnet 
werden mufs, besonders dann, wenn sie ohnehin schon einen geringen 



l ) a. a. O. S. 49 und Tab. VII, S. 215, Tab. IX, S. 216. 



76 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Flächengehalt haben." Ebenso klagt die Lokalabteilung Wetzlar des land- 
wirtschaftlichen Vereins für Kheinpreufsen über die fortschreitende Parzel- 
lierung 1 ): „Die Erbteilbarkeit schafft zu kleine Besitzungen, deren Bestand 
bei Mifsernten etc. in Frage kommt; gesetzliche Bestimmung der Minimal- 
teilflächen wird daher für notwendig erachtet .... Die starke Parzellierung 
ist mit Schuld an irrationeller Bewirtschaftung." 

In der Denkschrift der Königlichen Generalkommission in Düsseldorf 
über die Einführung einer Minimalparzelle in der Rhein pro vinz 2 ) heifst es 3 ) : 
„Jedes Katasteramt kann eine Reihe von Fällen aufweisen, in welchen kleine 
Besitzstände in fünf, ja bis zu elf Teile geteilt werden und nicht allein die 
Besitzstände, sondern sogar die Parzellen; noch kürzlich ist eine Parzelle im 
Westerwald in einer Gröfse von 74,96 a in 8 Teile geteilt worden und zwar 
so, dafs 3 Teile wegen der gröfseren Beteiligung je 20 a, dagegen von 
5 Teilen 2 je 3,29 und 3 je 2,79 a grofs wurden, und 4 von den letzteren 
sogar eines jeden Zugangs entbehren." Auch dort, wo das im rheinländischen 
Westerwald so erfolgreiche Zusammenlegungs verfahren stattgefunden hat, be- 
ginnt wiederum eine Parzellierung Platz zu greifen. 4 ) Allerdings streben 
viele Eigentümer in derartigen Gemarkungen durch testamentarische Be- 
stimmungen oder Verträge die Übertragung ganzer Besitzstände oder ganzer 
Parzellen an, und „in denjenigen Fällen, in welchen die Erben die Über- 
tragung des ganzen Immobiliarbesitzes oder ganzer Parzellen auf einen Erben 
nicht verabreden und eine Naturalteilung vorziehen, geschieht, sobald ein- 
sichtsvollere Eigentümer beteiligt sind, die Teilung in wirtschaftlicher Weise 
auf die Wege. Aber nichtsdestoweniger beginnt in manchen Gegenden 
eine allzu grofse Parzellierung von neuem einzutreten und auch wohl in 
unwirtschaftlicher Weise ohne Rücksicht auf Form und Zugänglichkeit der 
Teilparzellen". Die Denkschrift belegt dies durch statistische Nachweisungen 
und spricht die Befürchtung aus, dafs solche Fälle in dem Mafse häufiger 
eintreten würden, als der Einflufs der Spezialkommissare verloren gehe, und 
je länger die Zeit rückwärts liege, in welcher die offenbaren Nachteile der 
Zersplitterung zum Bewufstsein gekommen wären und sich dem Gedächtnis 
eingeprägt hätten. 5 ) 

Die Forderung, nach dem Yorbilde der nassauischen Gesetzgebung 
auch für die Rheinprovinz der übergrofsen Zersplitterung vorzubeugen, wird 
durch deren Erfolge durchaus gerechtfertigt. 

5. Boden-Preise und Besitzwechsel. 

Hohe Orunclstückspreise, die nicht im Yerhältnisse zum erzielten Rein- 
ertrage stehen, und ein lebhafter Besitxwechel sind wie in allen Klein- 



J ) Verhandlungen des Kgl. Landes-Ökonomie-Kollegiums, III. Session der II. Sitzungs- 
Periode. Berlin 1883 S. 449. 

2 ) Düsseldorf 1895, im Auszuge abgedruckt in Heft I dieser Publikation. Anl. XII. 

3 ) ib. S. 195. 

4 ) Vergl. Heft I, S. 191 ff. 
6 ) S. 193, 



Die Folgen der Realteilung. 77 

guter di strikten so auch in unserm Bezirk als unmittelbare Wirkungen der 
Kealteilung zu beobachten. 

In den schon öfters erwähnten Berichten über die Lage der Landwirt- 
schaft in den Gemeinden Horressen (Unterwesterwaldkreis) und Mensfelden 
(Kreis Limburg) heifst es 1 ): „Bei der dichten und jedes Jahr in der Zunahme 
begriffenen Bevölkerung ist ein stetiges Verlangen nach Grundeigentum vor- 
handen und kann die Grundrente bei den hohen Güterpreisen gar nicht in 
Berechnung gezogen werden, namentlich, wenn man die von den Familien- 
gliedern auf die Wirtschaft gerichtete Thätigkeit noch in Anschlag bringen 
wollte/' Und an anderer Stelle : „Die Preise sind im Verhältnis zu der er- 
zielten Grundrente viel zu hoch. Die Gründe hierfür sind mehrfacher Art: 

1. Besteht hier die Sitte, dafs die Eltern ihr sämtliches Grundeigentum, 
und wenn es noch so gering ist, zu gleichen Teilen an ihre sämtlichen Kinder 
vererben. Infolgedessen wird manche Besitzung so klein, dafs sie dem Eigen- 
tümer und seinen Familiengliedern nicht hinreichend Beschäftigung gewährt. 
Giebt es keine Gelegenheit zum Pachten, so wird Gelegenheit zum Kaufen 
wahrgenommen, und werden alle Ersparnisse und manchmal noch viel darüber 
dazu verwendet. 

2. Giebt die Kleinheit der Parzellen auch dem weniger Bemittelten 
die Möglichkeit an die Hand, ein Grundstück käuflich zu erweiben: diesem 
wird damit aber noch mehr entgegen zu kommen gesucht, indem alle Ver- 
käufer von Grundstücken 3—4 Terminzahlungen in Zeitabschnitten von ebenso 
vielen Jahren und zwar ohne Zinsberechnung einrichten. 

3. Haben die Anlieger eines zum Verkauf kommenden Grundstückes 
immer den Wunsch, dasselbe käuflich zu erwerben, um damit ihr Grundstück 
zu vergröfsern bezw. auch zu verschönern. Treten zu diesen noch andere 
Liebhaber auf, so wird der Preis manchmal unverhältnismäfsig in die Höhe 
getrieben." 

In der Gemeinde Horressen 2 ) gab es 1888 223 Grundbesitzer mit einer 
Fläche von 159 ha; während der Jahre 1868 bis 1888 kamen infolge frei- 
williger Veräufserungen und Erbteilungen 272 Veränderungsfälle vor, die 
sich auf eine Fläche von 91,3 ha erstreckten. In 20 Jahren wechselten also 
8 / 5 des in privatem Besitze befindlichen Teiles der Gemarkungsfläche die 
Hand, und es kamen in demselben Zeiträume mehr Fälle des Besitzwechsels 
vor, als im Jahre 1888 Grundbesitzer vorhanden waren. „Auffallend gering 
ist hierbei die Zahl der Erbgänge, es sind nur 12 mit einer Fläche von 
16 ha 97 a 56 qm gegen 260 freiwillige Verkäufe mit einer Fläche von 
74 ha 35 a 30 qm. Der Grund ist in der Gewohnheit der Eltern zu finden, 
die Grundstücke an die Kinder zu verkaufen." 

Aus den für die Gemeinde Mensfelden mitgeteilten Tabellen 3 ) ergiebt 



1 ) Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Preufsen. Berlin 
1890. S. 468 und 502. 

2 ) a. a. O. S. 471. 

■) a. a. 0. S. 504 ff. u. 511. 



78 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

sich für die Jahre 1868 bis 1887 folgende Übersicht bezüglich des Besitz- 
wechsels Ton bäuerlichem Grundeigentum: 

Freihändiger Öffentliche Zwangs- . Andere Erb- 

Verkauf Versteigerung Versteigerung Kindskaufe Schaftsübergänge 

Fälle ha Fälle ha Fälle ha Fälle ha Fälle .ha 

388 54,59 109 95,55 5 10,08 35 54,59 101 253,50 

Im ganzen sind hier also innerhalb eines Zeitraumes von 20 Jahren 
und in 638 Fällen 418,31 ha in anderen Besitz übergegangen. 1888 wurden 
in Mensfelden einschliefslich der 10 Hausbesitzer ohne Grundsteuer und der 
204 Forensen, jedoch ohne den öffentlichen, Fideikommiß- und standes- 
herrlichen Besitz 468 Grundeigentümer mit einem Grundbesitze von 746,83 ha 
gezählt. Barnach hätte in 20 Jahren mehr als die Hälfte der in freiem 
Besitz befindlichen Fläche den Eigentümer geivechselt, ein Ergebnis, das un- 
gefähr mit der Berechnung des Berichterstatters für Horressen übereinstimmt. 
Hierbei sind selbstverständlich überall solche Besitzübergänge mitgezählt, 
die mehrmals dasselbe Grundstück ergriffen. 

Ein noch bedeutend stärkerer Besitzwechsel ergiebt sich für die Jahre 
1875 — 1878 im Bezirk des Amtsgerichts Rennerod auf dem hohen Wester- 
wald. 1 ) Der Bezirk umfafste damals 33 Gemeinden, deren Gemarkungs- 
flächen in 168910 Parzellen zerfielen. Es wurden fortgeschrieben 1875: 
11509 Parzellen, 1876: 11929, 1877: 12888, 1878: 12844. Demnach würde 
durchschnittlich in je 13 Jahren die Anzahl der Besitzübergänge derjenigen 
alier Parzellen gleichkommen. Zieht man noch in Betracht, dafs jährlich ca. 400 
Schuld- und Pf and v erschreib ungen mit zusammen 6000 .,Item" (Parzellen) 
neu aufgenommen werden und fast die gleiche Zahl an Löschungen statt- 
findet, so ist zu ermessen, welche Summen von Gerichtsgebühren — 
abgesehen von allen anderen Folgen — jenes wie Ebbe und Flut sich 
wiederholende Auseinanderfallen und Zusammenfassen des Grundbesitzes 
mit den Begleiterscheinungen der zahlreichen Verkäufe und Versteigerungen 
im Gefolge hat. Die Höhe der Kosten der freiwilligen Gerichtsbarkeit ist 
denn auch Gegenstand stetiger, aus jenen kleinbäuerlichen Kreisen wieder- 
kehrender Klagen. In einem der erwähnten Berichte heilst es : „Zieht 
man zusammen, was dieser Gemeindebezirk (Mensfelden) in 20 Jahren im 
geringsten Falle für Errichtung von Hypotheken und Überschreibungen von 
Grundeigentum an Gerichtskosten bezahlt hat, so macht das die hübsche 
Summe von 21646 M, welche in Wirklichkeit jedenfalls noch um einige 
tausend Mark überschritten werden wird. In Anbetracht dessen, dafs bei dem 
Kleingrundbesitz der Wechsel von Grundeigentum nicht allein ein häufiger 
ist, sondern auch mit höheren Taxen bezw. Werten pro Hektar vor sich 
geht als beim Grofsgrunclbesitz, wäre zu wünschen, dafs das Gerichtskosten- 
gesetz eventuell gemildert würde". 

Diese Milderung ist nun durch das Gesetz vom 25. Juni 1895 einge- 
treten. Die Verkehrssteuer (1%) ist allerdings unverändert geblieben. 



*) Vergl. Anm. 3 auf S. 63. Nach den nur in jenen Jahren geführten Bureau- 
revision sakten des Königl. Amtsgerichtes zu Rennerod. 



Die Folgen der Realteilung. 



79 



6. Die Verschuldung der Grundbesitzer. 

Hohe Bodenpreise und starker Besitzwechsel führen, wie auf der Hand 
liegt, leicht zu einer starken Verschuldung der Grundbesitzer. Trotzdem 
weist unser Bezirk nach der vorliegenden, allerdings nicht sehr ausgiebigen 
Verschuldungsstatistik scheinbar sehr günstige Verhältnisse auf. 

Die Erhebung von 1883 über den Stand der Hypothekenschulden er- 
gab für die in Betracht gezogenen Teile des Oberlandesgerichtsbezirks Frank- 
furt a. M. folgendes Resultat: 







Die Grundschulden betragen 








Vielfaches des Grundsteuer- 








reinertrages bei den Besitzun- 




Bezirk 


Amts- 
gerichts bezirk 


gen mit einem Grundsteuer- 
reinertrage von 


Bemerkungen 




mehr als 
500 Thlr. 


100 bis 
500 Thlr. 


30 bis 100 
Thlr. 


CO 

O 




1 


2 


I 
3 4 


5 6 


7 


I. 




| 


i 


Die Bevölkerung treibt fast 


(Westenvald) 


Selters 


0,0 0,7 


0,1 32,3 


nur Landwirtschaft 


II. 












(Lahn) 


Hadamar 


0,0 


1,9 


5,5 


30,8 


— 


IL 














(Lahn) 


Diez 


— 


1,9 


3,1 


36,8 


— 


V. 












Als Großgrundbesitz sind 


(Main) 


Höchst 


14,5 


5,8 


9,9 


30,9 


nur 3 Hofgüter zu zählen 


Monarchie 


42 Amtsgerichts- 
bezirke 


28,1 


18,0 


18,7 


46,0 





Gegenüber den anderen 38 preufsischen Amtsgerichtsbezirken, auf die 
sich die Erhebung erstreckte, stehen die drei zuerst genannten Bezirke, ein- 
schliefslich des an mangelndem Nebenerwerb leidenden Amtsgerichtsbezirks 
Setters fast durchweg und in jeder Besitzklasse zu unterst. Der Amtsgerichts- 
bezirk Höchst weist eine gröfsere, wenn auch nicht sonderlich hohe Ver- 
schuldung auf; die Ursache hierfür dürfte in der Beteiligung industrieller 
Grundstücke und Baustellen zu finden sein. 

Auch die Ergebnisse der Hijpothekcnbeicegung sind für den Oberlandes- 
gerichtsbezirk Frankfurt a. M. im Vergleiche zu den anderen preufsischen 
Oberlandesgerichtsbezirken günstig. Die Mehr- (+) oder Minder- ( — )beträge 
der hypothekarischen Eintragungen waren in den ländlichen Bezirken des 
Oberlandesgerichtsbezirkes in Millionen Mark: 1886/87: +0,28, 1887/88: 
— 0,36, 1888/89: +4,08, 1889/90: +0,97, 1890/91: —2,66, 1891/92: 
+ 5,22, 1892/93: +4,29, 1893/94: +1,55, 1894/95 : + 3,59. 

Sieht man von dem kleinen Bezirk des preufsischen Teiles des Ober- 
landesgerichtsbezirkes Jena ab, so rangierte Frankfurt in dieser Zeit 



80 n. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt ä. M. 

zweimal an der günstigsten, fünfmal an zweiter, je einmal an dritter und 
vierter Stelle. 

Die Stockbuch- bezw. Grundbuchbehörden des Oberlandesgerichtsbezirkes 
heben allerdings hervor, dafs die Löschungen der Hypotheken meist 
höher als die thatsächlichen Abtragungen sind : „Auch im Bezirke Frank- 
furt a. M. wird der Überschufs der Löschungen gewöhnlich auf diejenigen 
alter, längst abgezahlter Hypotheken und auf Eigentumsvorbehalt beruhen- 
der, zum Betrage der rückständigen Kaufgelder eingetragener Pfandrechte 
in den Stokbüchern der vormals herzoglich nassauischen Gebiete zurück- 
geführt. Stellenweise ist auf eine solche Löschung von amtlicher Seite be- 
sonders eingewirkt worden." *) Auch kommen rückständige Kaufgelder (Steig- 
gelder) oft deshalb buchmäfsig nicht zur Erscheinung, weil die Steigerer für 
die Zahlung ohne Eintragung des in Nassau vielfach üblichen „Eigentums- 
vorbehaltes" Sicherheit bieten. 

Andererseits ist aber auch zu berücksichtigen, dafs die „Eigentums- 
vorbehalte" häufig viel höhere Summen, als die thatsächlich geschuldeten, 
nämlich jeweils den ganzen Kaufpreis umfassen. 

Die Hypothekenbewegung gestaltet sich allerdings in den einzelnen 
Bezirken höchst verschiedenartig. Die nachfolgende Tabelle berücksichtigt 
wiederum nur die von den Amtsrichtern als „ländliche Bezirke" bezeichneten 
Teile. 

(Siehe Tabelle S. 81.) 

In 14 von 18 Amtsgerichtsbezirken des Westerwaldes übersteigen die 
Eintragungen die Löschungen, und gerade in diesem Gebiete ist ein beträcht- 
licher Teil der Löschungen nicht durch Rückzahlung der Schuld, sondern 
durch Zwangsversteigerungen herbeigeführt worden. 2 ) Während der Jahre 
1889/90 3 ) bis 1893/94 wurden infolge von Zwangsversteigerungen gelöscht 
in den Amtsgerichtsbezirken: 

Ehrenbreitstein Neuwied Linz Dierdorf Asbach Attenkirchen Wissen Kirchen Daaden 
M M M M M M M M M 

113748 752311 93816 131517 108703 297 679 84325 342069 45675 

Scheidet man diese Summen aus, so bleibt nur für die Bezirke Kirchen 
und mit geringen Beträgen für Montabaur und Rennerod ein Überschufs der 
Löschungen über die Eintragungen bestehen, und die wirtschaftliche Lage der 
anderen Bezirke, insbesondere des Amtsgerichtes Neuwied, erscheint in ent- 
sprechend ungünstigerem Licht. 



*) „Zeitschr. des königl. preufs. stat. Bureaus". 29. Jahrg. Berlin 1889, S. 3 ; ähn- 
lich 32. u. 36. Jahrg., S. 110 bezw. 122. 

-) Der hohe Betrag der infolge von Zwangsversteigerungen stattgefundenen Löschungen 
im Westerwaldbezirke, soweit er zum Geltungsbereiche des Grundbuches gehört, dürfte auch 
zum Teil auf die vom nassauischen Rechte abweichend geregelte Zwangsvollstreckung in 
das unbewegliche Vermögen zurückzuführen sein. 

8 ) Die Ausscheidung dieser Summen ist in der preufsischen Statistik erst von diesem 
Jahre ab erfolgt. 



Die Folgen der Realteilung. 



81 



Die Resultate der Hypothekenbewegung während der Jahre 1886/87 
bis 1893/94 nach Amtsgerichtsbezirken. 





Es wurden in den Jahren 




Es wurden in den Jahren 




1886/87 bis 1893/94 




1886/87 bis 1893/94 


Bezirk und 


Hypotheke 


mschulden 


Bezirk und 

Amtsgericht 


Hypothekenschulden 


Amtsgericht 


mehr 


mehr 


mehr 


mehr 




eingetragen 


gelöscht 




eingetragen 


gelöscht 




M 


M 




M 


M 


1 


2 


3 


1 


2 


3 


/. Bezirk. 






A.-G. Diez .... 





437 744 


(Westerwald) 






„ Katzenelnbogen 


— 


96 537 


A.-G. Ehrenbreitstein 


868 817 




„ Nassau . . . 


— 


72 020 


„ Neuwied . . 


1 857 135 


— 


„ Ems .... 


4 709 


— 


„ Linz .... 
„ Dierdorf . . 
„ Asbach . . . 


521 156 
157 204 


43 399 


III. Bezirk. 
(Taunus) 






„ Altenkirchen . 


481 286 


— 


A.-G. Homburg . . 


— 


22144 


„ Wissen . . . 


86 079 


— 


„ Königstein . . 


— 


21 368 


„ Kirchen . . . 





2 101011 


„ Langenschwal- 






„ Daaden . . . 


313 201 





bach . . . 


— 


239 229 


„ Grenzhausen . 


49 516 





„ Wehen . . . 


108 220 


— 


„ Selters . . . 


234 067 


— 


,, Idstein . . . 


260 643 


— 


„ Montabaur . . 


— 


22 543 


„ Braubach . . 


114 381 


— 


„ Hachenburg . 
„ Marienberg 
„ Rennerod . . 


173 658 
195 756 


7 790 


„ Niederlahnstein 
„ Nastätten . . 
„ Usingen . . . 


— 


18 079 

27 021 

278 309 


„ Wallnierod . . 
„ Dillenburg . . 
„ Herborn . . 


276 521 

343 442 

36818 


— 


IV. Bezirk. 
(Rheingau) 












A.-G. Rüdesheim . . 


6 421595 


— 


II. Bezirk 






„ Eltville . . . 


2 613 502 


— 


(Lahn gebiet) 






„ St. Goarshausen 


— 


559 179 


A.-G. Ehringshausen . 


50 293 


— 








„ Braunfels . . 


— 


616 963 


V. Bezirk. 






„ Wetzlar . . . 


366 637 


— 


(Maingebiet) 






„ Weilburg . . 


603 163 


— 


A.-G. Wiesbaden . . 


1 439 867 


— 


„ Runkel . . . 


— 


472 080 


„ Hochheim . . 


142 211 


— 


„ Hadamar . . 


143 764 


— 


„ Höchst . . . 


— 


394 622 


„ Limburg . . 


— 


399 441 


„ Frankfurt a. M. 


215 085 


— 


„ Kamberg . . 


— 


270 582 


„ Bockenheim 


950 163 


— 



Wesentlich besser stehen das Lahn- und das Taunusgebiet. Dort hat nur 
in 5 von 12, hier in 3 von 9 Amtsgerichtsbezirken eine Schuldzunahme 
stattgefunden. Freilich mufs es dahin gestellt bleiben, inwieweit diese 
Differenz gegenüber den rheinischen Westerwaldkreisen nicht auf die an- 
gedeuteten Änderungen der Stockbuch-Eintragungen zurückzuführen ist. 

Mit Sicherheit ist hingegen die ungemeine Steigerung der Schuldenlast 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. M. 



Eltville 
fl. 


St. Goarshausen 
fl. 


Hochheim 
fl. 


50081 


111965 


63 325 



82 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

in den Rheingaubexirken Rüdesheim und Eltville festzustellen. Der Bezirk 
von St. Goarshausen ist nur zum Teil zum Weinbaugebiet zu rechnen. Wohl 
und Wehe des Winzers sind von dem Ausfalle der Traubenernte abhängig. 
Die zu zahlenden Hypothekenzinsen steigen und fallen je nach der Qualität 
des „Herbstes". Der hier behandelte Zeitabschnitt hatte fast durchweg 
schlechte oder geringe Wein jähre und zeigt eben deshalb jenes rasche Wachs- 
tum der Schulden. Einer Statistik der Hypothekenbewegung für die Jahre 
1860, 61 und 62, l ) die städtische und ländliche Bezirke ungetrennt umfafst 
und sonst nicht zum Yergleiche geeignet erscheint, ist zu entnehmen, dafs 
damals in sämtlichen anderen Ämtern des Herzogtums Nassau eine Yermeh- 
rung der Hypothekenschulden um zusammen 3,364,707 fl. eintrat, während 
gerade in den Weinbau treibenden Ämtern infolge der vorzüglichen Ernten 
folgende bedeutende Mehrabtragungen stattfanden: 

Rüdesheim 

fl. 

93 005 

Eine starke Verschuldungszunahme zeigen endlich auch die Amtsgerichts- 
bezirke des wesentlich städtischen Maingebietes aufser Höchst. Dem steht jedoch 
eine entsprechende Erhöhung des Bodenwertes gegenüber. „An den neuen 
Eintragungen ist hauptsächlich die Stadt Frankfurt a. M. beteiligt; hier wie 
auch in den Nachbargegenden, einschliefslich der ländlichen Bezirke, wird 
die Mehrbelastung lediglich durch das Steigen des Bodenwertes und fort- 
gesetzte Bebauung erklärt." 2 ) 

Die Statistik macht wahrscheinlich, dafs, abgesehen von den städtischen 
und Kebgegenden, die Yerschuldungsverhältnisse am ungünstigsten dort liegen, 
wo die Natur mit ihren Gaben am meisten kargt und die Industrie am spär- 
lichsten vertreten ist, d. h. im Westerwald. Wenn im Lahn- und Taunus- 
bezirk die Hypothekenbewegung thatsächlich eine günstigere als im Wester- 
wald ist, läfst sich dies umgekehrt aus der gröfgeren Fruchtbarkeit und der 
stärkeren Durchsetzung mit industriellen Städten und Badeorten hinlänglich 
erklären. — 

Indessen ist aus allgemeinen Durchschnittszahlen, die sich noch dazu 
ausschliefslich auf Hypothekenverhältnisse beziehen, 3 ) kein Mafsstab für die 
wirtschaftliche Lage der bäuerlichen Besitzer und am wenigsten in KeaJ- 
teilungsgebieten zu entnehmen. Denn erstens spielt dort der Personal kredit 
eine weit gröfsere Rolle als anderwärts, und zweitens ist der Grundbesitz für 
die grofse Mehrzahl aller bäuerlichen Wirte derart gering, dafs auch die 
unverschuldeten oder mäfsig belasteten Güter gröfstenteils nur bei hinzu- 



*) Sartorius „Beiträge znr Statistik des Herzogtums Nassau" S. 14. 

2 ) „Zeitschrift des kgl. preufs. stat. Bureaus" 34. Jahrg., Berlin 1894, S. 224. 

3 ) Die Einkommensteuerstatistik ist für unser Gebiet nicht verwertbar, da sie die 
Schulden nur für die gröfseren Einkommen (über 3000 M) feststellt, also alle Kleinbauern 
unberücksichtigt läfst. 



Die Folgen der Realteilung. 83 

tretendem Verdienst aufserhalb der Landwirtschaft ihren Mann zu ernähren 
vermögen. 

Exakte Untersuchungen über Schulden-Stand und -Bewegung, welche 
auf jene Verhältnisse Rücksicht nehmen, liegen nur für einige wenige Ge- 
meinden des Berichtsgebietes vor. 

Wir übergehen einige ältere Angaben für die einzelnen Teile des 
Amtsgerichtsbezirks Linz. 1 ) Sie beziehen sich nur auf die Hypotheken- 
bewegung und gipfeln in der Betrachtung, dafs die sehr rasche Zunahme 
der Verschuldung in den Jahren 1872 — 1881 auf den Rückgang der In- 
dustrie und ungünstige Weinjahre ziuTickzuführen sei. 

Die nachfolgenden Schilderungen für die Gemeinden Horressen (Amts- 
gerichtsbezirk Montabaur) und Mensfelden (Amtsgerichtsbezirk Limburg) 
sind den ,, Ermittelungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in 
Preufsen" entnommen 2 ) : 

Die relativ kleine Gemeinde Horressen (1882 : 538 ortsanwesende 
Personen, 127 Haushaltungen) liegt auf der untersten Terrasse des Wester- 
waids. 44 Haushaltungen betreiben die Landwirtschaft im Hauptberuf, 75 
gehören Taglöhnerfamilien an. 3 ) Die Bevölkerung hat von 1878/79 bis 
1886/87 nur um 45 Köpfe zugenommen. Die Gemarkungsfläche umfafst 
nur 280 ha mit einem Grund steuerreinertrage von 1682 M (darunter 104 ha 
Ackerland und 71 ha Wiesen). Nicht weniger als 101 ha (darunter 80 ha 
Holzimg) sind Gemeindeland. Die klimatischen Verhältnisse werden gekenn- 
zeichnet durch ein ziemlich spätes Frühjahr, durch kurze Sommer und frühe 
Winter. In den 60 er Jahren hat die Güterkonsolidation die Zugänglichkeit 
der Parzellen sehr erleichtert und einen bedeutenden Aufschwung der Land- 
wirtschaft zur Folge gehabt. Obstbau wird ziemlich stark betrieben. Als Spann- 
vieh werden meistens Kühe benutzt, deren Milcherträgnis infolge der An- 
strengung naturgemäfs nur gering ist. Die gröfseren Landwirte kaufen im 
Frühjahr ausgewachsene Ochsen, verwenden sie zur Feldarbeit und verkaufen 
sie ausgemästet ein Jahr später. Gewinn aus der Viehzucht findet meistens 
durch Mast statt. In der ganzen Gemeinde wird nur ein Pferd gehalten. 
In den letzten 20 Jahren hat eine Vermehrung des Viehstandes uni ca. 50 % 
stattgefunden. Industrielle Verhältnisse üben keinen Einflufs auf die wirt- 
schaftliche oder soziale Lage der Dorfgenossen aus, auch aus dem Lohn- 
fuhrgewerbe ist kein Verdienst zu ziehen, nur das Holzfällen bringt einigen 
Nebenerwerb. Von eigentlicher Rentabilität des landwirtschaftlichen Be- 
triebes kann man nach dem Berichte nicht sprechen, die Leute finden 



1 ) Bericht des Kgl. Amtsrichters Dussel i. d. ., Verhandlungen des Kgl. Landesök.- 
Kollegiums" (TU. Session, 2. Sitzungsperiode), Berlin 1883, S. 458 ff. 

2 ) Bd. I, Berlin 1890, S. -453 ff. u. 483 ff. 

3 ) Unter Taglöhnerfamilien müssen hier solche Familien verstanden sein, deren Grund- 
besitz zu ihrer Ernährung nicht hinreicht und deren Mitglieder daher bei den anderen Bauern 
taglöhnern. In der Schilderung der Gemeinde Mensfelden sind sie wohl in den Familien 
enthalten, die Landwirtschaft als „Nebenberuf- betreiben. 

6* 



84 



IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 



gerade ihr kärgliches Auskommen, ohne dafs grofse Gegensätze zwischen arm 
und reich bestehen. — 

Die gröfsere Gemeinde Mens felden (1882 : 1023 ortsanwesende Personen, 
209 Haushaltungen) liegt unweit Limburg. 120 Haushaltungen betreiben 
Landwirtschaft als Haupt-, 79 als Nebenberuf, 10 haben keine Landwirtschaft. 
Die Einwohnerzahl geht langsam zurück. Die Gemarkungsfläche hat 1036 ha 
mit einem Grundsteuerreinertrage von 11529 Thlr.; die Gemeinde besitzt ein- 
schliefslich des Waldes 106 ha mit 307 Thlr. Grundsteuerreinertrag. Das Klima 
ist milder als in der ersteren Gemeinde. Alle Getreidearten und auch Obst- 
bäume gedeihen. Das Betriebssystem ist wie in Horr essen die Dreifelder- 
wirtschaft. Die Gemarkung ist nicht konsolidiert. Weidegang des Viehs findet 
nicht statt. Gemüse wird wie in Horressen nur für den eigenen Bedarf an- 
gepflanzt. An landwirtschaftlichen Nebengewerben sind 5 bäuerliche Korn- 
brennereien zu erwähnen. Wenn auch keine Pferdezucht im Dorfe betrieben 
wird, so sind doch 56 Pferde vorhanden, neben denen Ochsen, aber auch 
Kühe als Arbeitstiere verwandt werden. Die Schweinehaltung ist sehr be- 
deutend. Die ausgedehnte Industrie der Nachbarschaft übt einen sehr 
wohlthätigen Einflufs aus und verschafft den Einwohnern während des 
gröfsten Teils des Jahres Nebenbeschäftigung. U. a. arbeiten 28 männliche 
Personen als Bauhandwerker in Limburg. Im Winter zieht der ärmere Teil 
der Bevölkerung Nebenverdienst aus Wegebauten und Holzfällen. 

Die Grundbes Umverteilung in beiden Gemeinden — mit Ausschi ufs 
des Gemeinde- und sonstigen gebundenen Besitzes, der Hausbesitzer ohne 
Grundsteuer und der Forensen — sowie der Stand der Hypothekenschulden 
ergiebt sich aus den folgenden, nach den Berichten zusammengestellten 
Tabellen. 

Horressen. 



Grundsteuer- 
reinertragsklassen 


Zahl 

der 

Besitzer 


Gesamt- 
fläche 

ha 


Von der Gesamt- 
fläche sind 


Betrag der Belastung 


unver- 

pfändet 

ha 


verpfändet 
ha 


Im ganzen 
M 


pro Hektar der 

belasteten Fläche 

M 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


100—30 Thlr. 
30—20 „ 
unter 20 „ 


3 

6 

119 


16 
17 

87 


10 
16 
50 


6 

1 

37 


6200,00 

2736,00 

96 980,75 


1033,33 

2736,00 
2621,10 




128 


120 


76 


44 


105 916,75 





Von den im bäuerlichen Besitze befindlichen 120 ha ist also nur etwa 
Ys mit Hypotheken belastet, der Rest pfandfrei. Am günstigsten ist das 
Verhältnis beider Kategorieen zu einander in der Reinertragsklasse von 30 bis 
20 Thlr., am ungünstigsten bei dem kleinsten Parzellenbesitz. Leider liefs 
sich die Tabelle nicht für verschuldete und unverschuldete Besitzer auf- 
stellen. 



Die Folgen der Realteilung. 



85 



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Gebäudesteuernutzungswerts 


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den verschuldeten Besitzer S 


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Zahl der Besitzer 


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CM 


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CO 










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Zahl der Besitzer 




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8(3 IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Von Hypotheken frei sind demnach Besitzungen mit 348,4 ha, ganz 
oder teilweise verpfändet hingegen Besitzungen von 326,5 ha Fläche. Würde 
man, wie es für Horressen geschehen ist, die nicht verpfändeten Parzellen 
der verschuldeten Besitzer ausscheiden, so würde das die schuldenfreie Fläche 
noch erweitern. Die unbelasteten Besitzer überwiegen jedoch der Zahl und 
Fläche nach nur in der obersten Besitzklasse. 

Der bäuerliche Besitz ist, auf den Hektar und die Mark Grundsteuer- 
reinertrag berechnet, um so mehr verschuldet, je niedriger die Keinertrags- 
klasse ist, der er angehört (vgl. Spalte 16 und 17). Ebenso sind in 
Horressen die Besitzungen unter 30 Thaler wesentlich stärker als die 
gröfseren Güter belastet. Zu berücksichtigen ist allerdings, dafs hier- 
bei der Gebäudewert nicht in Betracht gezogen ist, der gerade bei dem 
kleinsten Parzellenbesitz den Hauptteil des bäuerlichen Vermögens ausmacht. 
Auf die Mark Gebäudesteuernutzungswert berechnet (Spalte 18 der letzten 
Tabelle) verschieben sich die Zahlen daher wieder zu gunsten der untersten 
Besitzklasse. 

Die Personalschulden werden für Horressen auf 20000 M geschätzt; 
in dem Berichte für Mensfelden heifst es: 

„Die Personalschulden betragen mit rückständischen Steiggeldern für 
Grundstücke jedenfalls nicht weniger als die Hypothekenschulden, stehen 
also in einem Yerhältnis zu diesen wie 1:1. Yon beiden Schuldenarten be- 
steht ein grofser Teil schon seit langen Jahren, doch ist in den beiden letzten 
Jahrzehnten ein sehr grofser Teil hinzugekommen, und zwar hauptsächlich 
infolge Ankaufs von Grundstücken. In einigen Fällen haben die betreffenden 
Grundeigentümer ältere baufällige Gebäude neu aufgeführt, wozu Bargeld 
nicht vorhanden war, und in nicht wenigen Fällen sind auch Privatschulden 
in Hypotheken umgewandelt worden. — Die Bevölkerung besitzt nur wenig 
bare Kapitalien." 

Ein sehr grofser Teil der Besitzungen (in Horressen nicht weniger als 
125 von 128, in Mensfelden 158 von 254) ist jedoch von so geringem Um- 
fange und Ertrag (unter 30 Thalern Grundsteuerreinertrag), dafs sich auch 
die meisten schuldenfreien Besitzer in sehr beschränkten Verhältnissen befinden, 
wenn sie von ihrem Anwesen leben sollen. Thatsächlich fehlt aber in 
Horressen jeglicher Nebenverdienst. Der Rückgang der Preise für die ver- 
schiedenen Fruchtgattungen mufste hier besonders schwer empfunden werden, 
und so kann es nicht Wunder nehmen, wenn der Erhebungskommissar be- 
merkt : „Jeder Landwirt fühlt den fast haltlosen Zustand seiner Existenz. . . . 
In vielen Jahren genügte ... die Grundrente zur Deckung der von den 
Grundeigentümern übernommenen Verpflichtungen nicht, und mufste in 
denjenigen Familien, in welchen erwachsene arbeitsfähige Söhne oder Töchter 
waren, deren auswärtiger Verdienst noch in Anspruch genommen werden, 
während die anderen Haushaltungen, bei denen diese Zuschüsse fehlten, 
jedes Jahr Schulden kontrahieren mufsten." 

Es wurden in den Jahren 1868 bis 1887 in Horressen; 



Die Folgen der Realteilung. 87 



Eingetragen 


Gelöscht 


Mehr eingetragen 


Mehr gelöscht 


M 


M 


M 


M 


166093,62 


102 503,87 


69530,75 

5941,00 

63 589,75 


5941,00 



Abgesehen von den Jahren 1880 und 1887 überstieg fortgesetzt die 
Summe der Eintragungen die der Löschungen. „Besonders auffallend grofse 
Zahlen zeigt die Übersicht in den Jahren 1873 — 1879 unter der Rubrik „mehr 
eingetragen". Die Gründe davon sind darin zu suchen : Als die Landwirtschaft 
infolge der hohen Frucht- und Yiehpreise einen bedeutenden Aufschwung 
nahm, wurden für das Grundeigentum ganz enorme Preise bezahlt in der 
Hoffnung, dafs diese gute Zeit immer so bleiben würde. Als einige Jahre 
später aber ein Rückschlag eintrat und die bisher bestandenen hohen Frucht- 
uncl Yieh- Preise fast um die Hälfte zurückgingen, mufste bei den Land- 
wirten eine verhängnisvolle Katastrophe eintreten. Die zu zahlenden hohen 
Güterpreise konnten nicht mehr aus dem Erlöse der Produkte des landwirt- 
schaftlichen Betriebes gedeckt werden, und mufste zur Aufnahme neuer und 
gröfserer Kapitalien geschritten werden." 

In der Umgegend von Mensfelden ist, wie gesagt, reichlicher Neben- 
verdienst zu finden, auch ist der Ackerboden fruchtbar und infolge der sehr 
starken Abwanderung eine beträchtliche Anzahl von selbständigen Besitzungen 
erhalten geblieben, die, wenn unverschuldet oder nur gering belastet, zur 
Ernährung je einer Familie hinreichen und bei besonderem Fleifs und Spar- 
samkeit sogar kleine Ersparnisse gestatten. 

Yon den als selbständig zu betrachtenden (82) Kleinbauern ist indessen 
eine innnerhin grofse Zahl (45) und, einschliefslich der Personalschulden, so 
hoch belastet, ferner ist der unselbständige Besitz (unter 30 Thlr. Reinertrag) 
mit 158 Stellen (darunter 88 hypothekarisch verschuldeten) so stark vertreten, 
dafs auch hier die Verhältnisse doch als recht knapp bezeichnet werden müssen. 
Die Lebenshaltung ist kärglich. 1 ) „Die Grundrente genügt in vielen Fällen nicht, 
die von den Grundeigentümern übernommenen und denselben auferlegten Ver- 
pflichtungen zu decken." „Der Erhebungskommissar ist auf Grund seiner Er- 
hebungen und früheren Beobachtungen der Überzeugung, dafs es einem Teil der 
kleinen Grundeigentümer recht schwer wird, für den täglichen Unterhalt auf- 
und den anderweitigen Verpflichtungen nachzukommen." Er erblickt einen 
Hauptgrund dafür in der Thatsache, dafs der kleine Landwirt sich nur schwer 
entschliefst, die Stellung des selbständigen Landwirts aufzugeben, sowie in den 
hohen Kauf- und Pachtpreisen. „Hat ein Grundeigentümer so wenig eignen 
Besitz, dafs derselbe nur bei einer gröfseren Pachtung von Grundstücken 
den Familiengliedern hinreichend Beschäftigung gewährt, so steht die Sache 
bei den hohen Pachtpreisen etc. schon nicht ganz gut, sind nun aber noch 
Schulden, vielleicht in hohem Betrage vorhanden, so steht die Sache erst 



') Vergl. a. a. O. S. 512, 



88 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

recht schlimm. Hier verschlechtern sich die Yermögensverhältnisse von Jahr 
zu Jahr selbst bei gröfstem Fleifs und Sparsamkeit. 1 ' 
Es wurden in Mensfelclen von 1867 bis 1887 
Eingetragen 

M 
336122,47 



Gelöscht 


Mehr eingetragen 


Mehr gelöscht 


M 


M 


M 


172044,72 


183229,53 
19151,78 


19151,78 




164077,75 








Die Mehrlöschungen rühren nur aus den Jahren 1870 (2149,75 M), 
1884 (4095 M), 1886 (8851,73 M) und 1887 (4055,30 M) her, während in 
allen anderen Jahren auch hier eine Schuld- Zunahme stattfand. Die 
Schwankungen sind fast dieselben wie in der Schuldenbewegung der Ge- 
meinde Horressen und dürften auch im wesentlichen auf dieselben Gründe 
zurückzuführen sein. 



In möglichst eingehender Weise hat der Eeferent die Schuldverhältnisse 
in vier Dorfgemeinden des hohen Westerivaides : Waigandshain, Salzburg, 
Halbs und Irmtraut untersucht. 1 ) 

Die vier Dörfer liegen von den grofsen Yerkehrsstrafsen und den 
Sitzen der Industrie entfernt. Waigandshain hat 210 ortsanwesende Per- 
sonen, Salzburg 146, Halbs 144, Irmtraut 466. 

Die Zahlen der Haushaltungen 2 ) sind 61, 42, 40, 85. In Waigandshain 
leben fast sämtliche Familien von der Landwirtschaft als ihrem Hauptberuf, 
nur 3 Familienvorstände wandern allwöchentlich als Bergleute 2 — 4 Stunden 
Weges ins Siegerland, 3 Bauernsöhne sind als Maurer und Hüttenarbeiter 
ebendort beschäftigt. Aus Salzburg ziehen jeden Sonntag Abend 16 Familien- 
väter (über Yb) nacn den entfernten Gruben, und einige Bauernsöhne 
gehen wie in Waigandshain auswärts ihrem Erwerbe nach. Auch in 
Halbs findet 1 / 3 der Familienväter Verdienst in den Gewerben: 6 sind 
Schieferdecker, 5 gehen als Maurer und Stuckateure für den Sommer nach 
Westfalen, 3 Bergarbeiter leben im Dorfe. Tier Familien nähren sich von 
der Tagelöhnerei. Irmtraut ist ein gröfseres Händlerdorf. Im Hauptberuf 
treiben 43 Familien die Landwirtschaft, 42 ein anderes Gewerbe, nämlich 
11 das Hausieren, daneben Landwirtschaft, 6 Haushaltungsvorstände sind 
Maurer, 3 Tagelöhner mit eigner, von den Angehörigen besorgter Land- 
wirtschaft. Drei Hausierer-, 2 Arbeiterfamilien, 2 Familien ohne bestimmten 



A ) Vgl. Anm. 3 auf S. 63. 

2 ) Die im folgenden wiedergegebenen Berufsangaben stimmen nicht ganz mit den 
unten in den Verschuldungstabellen eingesetzten überein. Es kommt dies daher, dafs letztere 
auf Erhebungen des Referenten beruhen, bei denen die thatsächlich zusammenwirtschaftenden 
auch als eine Familiengemeinschaft zusammengefafst wurden, während erstere der später 
vorgenommenen amtlichen Berufszählung entnommen sind. Die in den Verschuldungstabellen 
eingesetzten Zahlen kommen der Wirklichkeit näher. Eine Ausgleichung beider war dem 
Referenten bei der räumlichen Entfernung und infolge des grofsen Umfanges des Urmateriales 
nicht mehr möglich. 



Die Folgen der Realteilung. 89 

Beruf und 5 — zur Zeit unbekannt wo — abwesende Hausiererfamilien 
besitzen kein Ackerland. 9 Familienvorstände sind ansässige Dorfhandwerker, 
Gastwirte etc. Im ganzen widmen sich der Landgängerei 21 Ehemänner, 
29 Ehefrauen, 29 ledige Töchter. 20 Söhne suchen auswärts Verdienst. Im 
ganzen wandern 100 Personen Anfangs Februar in die Fremde und kehren 
kurz vor Weihnachten zurück. 

Die Gemarkungsfläche von Waigandshain umfafst 405 ha, von Salz- 
burg 229, von Halbs 213, von Irmtraut 452 ha. Die Gemeindeviehweide 
besteht in Waigandshain aus 49, in Halbs aus 52, in Irmtraut aus 53 ha; 
Salzburg ist fast die einzige Gemeinde des höheren Westerwaldes, die keine 
besitzt. Das Klima ist der Lage entsprechend rauh. Kartoffeln und Hafer 
nehmen den gröfsten Teil der Anbaufläche ein. Von Obst- und Gemüsebau 
kann kaum die Rede sein. Das Betriebssystem ist die Dreifelderwirtschaft. 
Waigandshain liegt geschützt in einer Mulde. Salzburg ist allen Unbilden 
der Witterung ausgesetzt, Halbs und Irmtraut haben ein etwas milderes 
Klima. Die Gemarkungen sind am Ende des vorigen oder Anfang dieses 
Jahrhunderts konsolidiert worden. Als Arbeitstiere werden fast ausschliefs- 
lich Kühe gehalten. Die Haupteinnahme wird durch Aufzucht von Vieh 
erzielt. Im Winter sind in Waigandshain 18, in Salzburg ein, in Irmtraut 
6 Webstühle im Gange. W r aigandshain ist als wohlhabende Gemeinde, 
Salzburg als fleifsige, jedoch arme, Halbs und Irmtraut sind als mittelgute 
Gemeinden bekannt. 



Es betragen 


nun die 










Hypotheken- Eigentum s- 


Personal- 




in 


schulden vorbehalte 1 ) 


schulden 2 ) 


Summa 




M 


M 


M 


M 


Waigandshain 


. . 12310 


2776 


6 595 


21681 


Salzburg . . 


. . 19396 


? 


14 958 


34 354 


Halbs . . . 


. . 9711 


635 


13 470 


23 816 


Irmtraut . . 


. . 96436 


? 


72 250 


168 686 


137 853 




107 273 


248 537 


Den Schulden steht ausgeliehenes Kapital gegenüber: 

in "TV/T 






Waigandshain 


20050 








Salzburg 


13150 








Halbs 


14000 








Irmtraut 


76300 
123500 







*) Yergl. über die Eigentums vorbehalte unten S. 98. In den beiden oben erwähnten 
Gemeinden, in denen der Stand der Eigentumsvorbehalte noch nicht ermittelt werden konnte, 
wird nur selten gegen „Vorbehalt des Eigentums' 1 verkauft; infolgedessen wird das Resultat 
durch jenes Fehlen nicht wesentlich beeinflufst. 

2 ) Die Angabe der Personalschulden kann auf ziemliche Genauigkeit Anspruch machen, 
da mit den ortskundigen Bürgermeistern und anderen Auskunftspersonen die Summe für 
jede einzelne Familie von dem Referenten festgestellt wurde. 



90 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 



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3- 
CD 
03 



Die Folgen der Realteilung. 91 

Danach umfassen wie in Mensfelden die Personalschulden annähernd 
den gleichen Betrag wie die Hypotheken. Der Schuldsumme steht ein etwa 
halb so grofser Posten ausgeliehenen Kapitals gegenüber; die erstere ist 
gleich dem 22-fachen des Grundsteuerreinertrages, *) während sie in Mens- 
felden (ebenfalls einschliefslich der Personalschulden) etwa seinen 18 -fachen 
Betrag ausmacht. Auch in den vier Westerwaldgeineinden scheinen also 
auf den ersten Blick die Verhältnisse au fser ordentlich günstig zu liegen. 
Das Bild verändert sich jedoch sehr bei näherer Betrachtung. 

Die nebenstehende Tabelle giebt zunächst Auskunft über die Verteilung 
der Gesamtverschuldung und des Kapitalbesitzes auf die verschiedenen Besitz- 
kategorieen. 

Unter 188 Haushaltungsvorständen sind 60 = 32% der Gesamtzahl 
schuldenfrei — davon 33 mit, 27 ohne Kapitalvermögen — , 128 oder 68% 
der Gesamtzahl sind mit Schulden belastet. 

Yon allen Haushaltungen haben nur 23 = 12% einen Besitz von mehr 
als 30 Thlr. Grundsteuer -Reinertrag. Nur diese Wirtschaften können nach 
Lage der Verhältnisse als selbständig in dem Sinne gelten, dafs sie ihren 
Inhabern ausreichende Beschäftigung und sicheres Auskommen gewähren. 

19 Wirtschaften (10%) haben zwischen 20 und 30, 136 (72%) 
unter 20 Thlr. Grund Steuerreinertrag. Dazu kommen 10 (6%) Hausbesitzer 
und Grundbesitzlose. Die grofse Menge der Wirtschaften sind also un- 
selbständige Parxellenbetriebe. Sie reichen auch unter Zuhilfenahme der 
nur in Salzburg fehlenden Gemeindeweide nicht hin, um ihre Besitzer und 
deren Angehörige ordentlich zu ernähren und vollständig zu beschäftigen. 
Die Lage dieser Leute hängt ganz von der Möglichkeit ab, einen Erwerb 
aufserhalb der Landwirtschaft zu finden. Dies gilt in verstärktem Mafse, 
wenn sie Schulden haben. Die Zinsen müssen aus dem Aufsenerwerb 
bestritten werden, oder die Lebenshaltung wird zu einer äufserst kümmer- 
lichen. Bei fehlendem Nebenverdienst mufs bereits eine Verschuldung von 
mehr als 30% des sehr hohen Verkehrswerts der Besitzungen als Über- 
schuldung gelten. 

Von den 23 selbständigen Besitzern hat nur einer, ein Bauer in 
Irmtraut, von dessen Familie Handel betrieben wird, einen Nebenerwerb; 
von den 165 andern Haushaltungsvorständen hingegen suchen 66 — meist 
in der Fremde — ihre Nahrung. Indessen liegen die Verhältnisse in den 
drei erstgenannten Dörfern und im Händlerdorf Irmtraut verschieden. Dort 
haben von 93 unselbständigen Wirten nur 20, hier von 72 : 46 einen Aufsen- 
erwerb. 

Die folgende Übersicht kennzeichnet die wirtschaftliche Lage der 
Einzelnen unter den angedeuteten Gesichtspunkten. 

(Siehe Tabelle S. 92.) 

Es sind demnach von den Verschuldeten (128) 76 ohne Nebenerwerb, 
und von ihnen müssen 33 als überschuldet gelten, davon sind 17 mit mehr 



x ) einschliefslich des Gemeindelandes und des Grundbesitzes der Forensen. 



92 



IT. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 



In drei Dörfern 



Selb- Unselb- 
ständige I ständige 



In Irmtraut 



Selb- Unselb- 
ständige ständige 



In allen 4 Dörfern 



Selb- lünselb- Zu- 
ständige ständige i sammen 



I. Kapitalbesitzer 



Besitzer 


7 


13 


2 


1 " 


9 


24 


33 


Ohne Nebenerwerb . . . 
Mit Nebenerwerb .... 


7 


11 
2 


1 
1 


1 
10 


8 
1 


12 
12 


20 
13 



II. Unverschuldete ohne Kapital 



Besitzer 


3 


17 


2 


5 


5 


22 


27 


Ohne Nebenerwerb . . . 
Mit Nebenerwerb .... 


3 


17 


2 


3 
2 


5 


20 
2 


25 

2 



III. Verschuldete 



Besitzer 


3 


63 


6 


56 


9 


119 


128 


Ohne Nebenerwerb . . . 
Mit Nebenerwerb .... 


3 


45 
18 


6 


22 
34 i) 


9 


67 

52 


76 
52 



IV. Von den Verschuldeten ohne Nebenerwerb sind mit mehr als 30% verschuldet 



Besitzer 

Das sind: 
Prozent der Verschuldeten 
ohne Nebenerwerb. . . 
Prozent der Verschuldeten 



1 - 


19 


i 2 


12 


2 


31 




42 


33 


54 


22 


46 


— 


30 


33 


22 


22 


26 



33 



43 
25 



als 50% des Yerkehrswerts ihres Grundbesitzes belastet, 7 über 70, 4 sogar 
über 100%. Es sind ebensoviel Überschuldete wie Kapitalbesitzende vor- 
handen. Jene machen etwa 1 / i aller Verschuldeten aus — sie sind nur 
unter den äufsersten Entbehrungen oder überhaupt nicht regelmäfsig im 
stände, die Zinsen für ihre Schuld zu erschwingen, es sei denn, dafs sie, 
wie es in mehreren Fällen vorkommt, von ihren auswärts thätigen Kindern 
unterstützt werden. 

Rechnet man, wie es den Verhältnissen entsprechen wird, zu den Über- 
schuldeten noch diejenigen unselbständigen Besitzer, welche zwar einen 
Nebenerwerb haben, aber stärker als zur Hälfte des Gutswerts verschuldet 
sind, d. s. 29, so steigt deren Anzahl auf 62 oder 32 % aller Haushaltungs- 
vorstände. Hierbei ist immer noch die untere Grenze der Überschuldung 
weit gezogen, denn nicht wenige der Kleinstellenbesitzer, die mit weniger 
als 30% des Gutswertes verschuldet sind, müfsten schon als höchst ge- 
fährdet angesehen werden. 

Folgende Übersicht zeigt im einzelnen die Höhe der Verschuldung der 
Grundbesitzer im Verhältnis zum Verkehrswert ihrer Liegenschaften. 2 ) 



*) Darunter 4 Kleinbauern, 23 grundbesitzende Hausierer, Handwerker, Tagelöhner, 
6 solche mit blofsem Hausbesitz, 1 ohne Grundbesitz und Wohnhaus. 

2 ) Als „Verkehrswert" wurde der in den Schätzungsbogen der Steuerveranlagungs- 
kommission enthaltene Grundwert angenommen; wo diese Quelle versagte, wurden die Bogen 
durch Umfragen ergänzt. 



Die Folgen der Realteilung. 



93 



Unter 30% 



30—50% 50-70% 



70-100% 



über 100% 



Drei Dörfer 
Irmtraut 



I. Selbständige Besitzer ohne Nebenerwerb 
3 

1 



zusammen 



Drei Dörfer 
Irmtraut 



IL Unselbständige ohne Nebenerwerb 
26 12 5 

10 3 4 



zusammen 



15 | 9 I 

III. Unselbständige mit Nebenerwerb 



Drei Dörfer 
Irmtraut 



2 

11 



zusammen | 11 12 7 6 16 

Selbständige Grundbesitzer, die ein Nebengewerbe treiben, sind unter 
den Verschuldeten nicht vorhanden. 

Betrachten wir die Verhältnisse der Bestsituierten in den 4 Dörfern! 

Zu ihnen sind zunächst die meisten gröfseren Besitzer (im ganzen 23) 
zu zählen. Von ihnen sind 14 schuldenfrei (9 Kapitalbesitzer), von den 9 ver- 
schuldeten ist nur je einer mit einigen 30 und 50 % verschuldet. 

Der Kapitalbesitz verteilt sich ganz ungleichmäfsig. Gröfseren Bauern 
gehören von den in der Tabelle (S. 90) genannten Beträgen in Waigandshain 
8000 und 2000, in Salzburg 4000, in Halbs 13 000 M. Dazu kommt ein 
früherer Chausseeaufseher in Salzburg mit 7000 M. Die übrigen 15 Kapital- 
besitzer dieser Dörfer haben nur kleine Beträge von meist anter 1000 M, 
mehrfach von nur einigen hundert Mark. Darunter befinden sich 11 Klein- 
grundbesitzer ohne Nebenerwerb. Es handelt sich bei ihnen um Erspar- 
nisse, die bei jedem Unglücksfall, jedem Viehsterben rasch zusammenschmelzen. 
In Irmtraut leitet sich der Kapitalbesitz aus den verschiedensten Quellen, 
namentlich aus dem Hausierhandel her. Wie dieser aber auf der einen 
Seite die Kapitalanhäufung, so hat er auf der anderen das Versinken ins Prole- 
tariat begünstigt. Die „Landgängerei" hat die Gegensätze verschärft, die Inter- 
essengemeinschaft, wie sie in anderen Landgemeinden herrscht, abgeschwächt. 
Die Quellen des Kapitalbesitzes in Irmtraut ergeben sich aus der folgenden 

Tabelle: 

(Siehe Tabelle S. 94.) 

Der Kapitalbesitz in einer Hand steigt hier bis zu 20 000 M, und mehr- 
fach ist ein Vermögen von 5000 bis zu 15 000 M zu finden. Aber der Händ- 
ler, der die erstere Summe erworben hat, hauptsächlich durch einen bei 
der günstigen Konjunktur der 70er Jahre organisierten Grofsbetrieb , hat 
längst aufgehört, Bauer zu sein, er ist Gutsbesitzer geworden, der das Acker- 
land von anderen bestellen läfst. 

Zu den besser Stehenden kann man endlich noch diejenigen Klein- 
bauern rechnen, welche, ohne Kapital zu besitzen, ein Nebengewerbe be- 
treiben und entweder keine Schulden haben (2) oder doch nicht über . die 
Hälfte des Gutswerts hinaus verschuldet sind (d. s. 23). 



94 



II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 











Kapitalbesitz aus 








Landwirtschaft 


Handel 


Handwerk 


Verdienst alsBeamter 


Besitzkategorieen 


Br.g 

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M 




M 




M 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


30-100 


1 


4000 


1 


8 000 


— 


— 


— 


__ 


20—30 


— 


— 


3 


23 800 


— 




— . 


— 


unter 20 


1 


500 


2 


19 000 


1 


1000 


1 


8 000 


Ohne Grundbesitz 


— 


r — 


1 


7 000 


— 


— 


2 


5 000 




2 


4500 


1 7 


57 800 


1 


1000 


3 


13 000 



Der Kreis umschliefst also 23 gröfsere Bauern, 24 kapitalbesitzende 
Parzellenbauern und die 25 zuletzt erwähnten Kleinstellenbesitzer mit Neben- 
gewerben. Das sind zusammen 72 oder 38% a ^ er Haushaltungsvorstände. 

Genau genommen müfste eine Anzahl der hier aufgeführten Besitzer 
ausgeschieden werden. Denn das Einkommen aus dem Nebengewerbe ist 
zwar für die Bergleute, Maurer, Stuckateure nicht unbedeutend, für die dorf- 
ansässigen Handwerker jedoch überaus spärlich; und wo es aus dem Klein- 
hausierhandel gewonnen werden soll, wie für 20 Familien in Irmtraut, da 
kann von einiger Sicherheit und Regelmäfsigkeit der Nebeneinnahme nicht 
die Rede sein. Auf den die Hälfte des Jahres in der Fremde umherwandern- 
den Hausierer pafst das Wort: „Wie gewonnen so zerronnen." Hier sind 
echte Proletarierexistenzen entstanden, bei denen Zwangsvollstreckungen an 
der Tagesordnung sind; von einem gesunden Bauernstande kann nicht mehr 
die Rede sein. 

Jenen 72 Wohlhabenden oder doch einigermafsen Gesicherten stehen 
aber 116, d. s. 62% der Gesamtzahl gegenüber, denen gerade das fehlt, 
was die wertvolle Eigenart der Bauern begründet, die Sicherheit der Ein- 
nahmen. Yon ihnen sind, wie gesagt, ungefähr 62 (32%) als überschuldet 
anzusehen. — 

Im folgenden sind die Ursachen der Verschuldung für die 4 Wester- 
walddörfer tabellarisch dargestellt. Die Erhebungen sind ebenso wie die im 
vorigen benutzten Wertangaben von dem Verfasser zusammen mit orts- und 
sachkundigen Männern an Ort und Stelle vorgenommen worden und können 
als der Wahrheit sehr nahe kommend gelten. 

(Siehe TabeUe S. 95.) 

Die Tabelle zeigt, dafs trotz der Realteilung der Liegenschaften die 
eigentlichen Erbschaftsschulden in Form von Gebäudeherauszahlungsgeldern 
an die Miterben eine beträchtliche Rolle spielen, sie machen 9, 11 und 24 % 
der Gesamtverschuldung aus, nehmen übrigens einen gröfseren Teil der 
hypothekarischen als der Personal Verschuldung ein. Da die Wohn- und 
Wirtschaftsgebäude, wie oben (S. 51) ausgeführt, fast niemals zur Teilung 



Die Folgen der Realteilung. 



95 



Die Verteilung der gesamten (Hypotheken- und Personal-) Schulden 
in den vier Westerwalddörfern auf die Verschuldungsursachen. 





Waigandshain 


Halbs 


Salzbuig 


Irmtraut 


Summe 


Verschuldungsursachen 


fa- 
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Summe ^ 
der Schulden 


Prozent sämt- 
licher Schulden 


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Prozent sämt- 
licher Schulden 


er 1 

CD 

1 


3 

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CD 

g- 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


11 


I. Hauskauf 


4 508 


24 


400 


2 


7 117 


20,5 


24 455 


15 


36 480 


14,8 


IT. Neubau, Umbau oder 






















Reparatur von Wohn- und 






















Nutzgebäuden 


4 689 


25 


8 442 


36 


4 216 


12,5 


27 658 


16 


45 005 


18,3 


III. Gebäudeheraus zah- 






















lungs- (Gleichsteliungs-)gel- 






















• der an Miterben .... 


2 209 


11 


5 669 


24 


3 286 


9 


15 080 


9 


26 244 


10,7 


60 


62 


42 


40 


43,8 


. IV. Ankauf von Grund- 






















stücken zu hohen Preisen 






















mit geringen Barmitteln *) . 


139 


1 


4 530 


19 


— 


— 


10 351 


6 


15 020 


6,1 


V. Zur Deckung von klei- 






















neren Schulden des täg- 






















lichen Bedürfnisses bei an- 






















deren Bauern, Krämern, 






















Bäckern u. dergl. . . . 


2 891 


15 


600 


3 


7 843 


22 


4 722 


3 


16 056 


6,6 


VI. Schlechte Wirtschaft 


2 455 


13 


1655 


7 


2 922 


8 


25 780 


15 


32 812 


13,4 


VII. Besondere Unglücks- 






















fälle (schlechte Ernten, 






















Krankheit, Brand, grofse 






















Familie) 


1011 


6 


855 


4 


6 870 


22 


22 409 


13 


31145 


12,7 


VIH. Aus d. Viehhandel 


620 


3 


150 


1 


550 


1,5 


1328 


1 


2 648 


1,1 


IX. Schlechter Geschäfts- 






















gang im Hausierhandel 


— 


— 


180 


1 


— 


— 


28 946 


17 


29 126 


11,9 


X. Diverse Gründe . . 


383 


2 


700 


3 


1550 


4,5 


7 957 


5 


10 590 4,4 


18 905 


100 


23 181 


100 


34 354 


100 


168 686 


100 


245 126 


100 


J ) Dazu Eigentumsvor- 






















behalte (Restkaufgelder) . 


2 776 




635 




p 




? 




3 411 




21681 


23 816 


248 537 





kommen, entsteht auch für die Miterben, welche keinen anderen Beruf er- 
greifen konnten und auch nicht in der Lage waren, die Hofraite der 
Schwiegereltern zu übernehmen, in unmittelbarer Folge der Erbgewohnheiten 
ein Verschuldungszwang, der in den Tabellen -Kubriken „Hanskauf" und 
„Neubau von Wohn- und Nutzgebäuden" ziffermäfsig zu Tage tritt. In der 
That giebt es keine ergiebigere Quelle der kleinbäuerlichen Verschuldung, 
als die Notwendigkeit, für das geringste Besitztum eine eigene Hofraite 
herzustellen. Mag sie noch so dürftig sein, so folgt daraus gegenüber den 



96 II- Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

mittleren und grofsen Betrieben meist ein arges Mifsverhältnis des Gebäude- 
kapitals zum Grundwert. Auch der öfters erwähnte Bericht über die all- 
gemeine Lage der Landwirtschaft in der Gemeinde Mensfelden hebt diese 
übrigens allbekannte Thatsache hervor: 1 ) „Der Kleingrundbesitz hat haupt- 
sächlich mit einem grofsen Übel zu kämpfen, dem Mifsverhältnis zwischen 
Grund- und Gebäudekapital. Letzteres ist gegenüber dem ersteren vielfach 
zu hoch. Die Folge ist entweder eine zu hohe Belastung mit Schulden oder 
doch eine Zehrimg an der Grundrente/' 

So kommt es, dafs in den beiden erstgenannten Gemeinden 3 / 5 , in der 
ärmsten Gemeinde Salzburg und der Händlergemeinde — wo noch andere 
Verschuldungsgründe besonderes Gewicht besitzen — immerhin 2 /s a ^ er 
Schulden auf Ausgaben für Gebäude zurückzuführen sind. 

Dies ist der Fall, obwohl die oben (S. 68) erwähnte starke Abwanderung 
und im Laufe der letzten 40 — 70 Jahre eine positive Abnahme der orts- 
anwesenden Bevölkerung stattgefunden hat. Die Wanderungen haben nur 
bewirkt, dafs verhältnismäfsig wenig Neubauten erforderlich waren und die 
Gebäudeschulden hauptsächlich auf Hauskauf, Umbauten, Reparaturen und 
Gebäudegleichstellungsgelder zurückzuführen sind. 

Yerhältnismäfsig gering sind die Schulden aus dem Ankauf von Land. 
Sie machen einschliefslich der nur für 2 Gemeinden bekannten, lediglich durch 
Landkauf entstandenen Eigentumsvorbehalte vielleicht 10 — 20 °/ der Gesamt- 
verschuldung aus. Man sollte annehmen, dafs die Realteilung im Erbgang auf die 
Verschuldung in den Gegenden mit starker Abwanderung wie der unsrigen genau 
ebenso wirken müfste wie die geschlossene Yererbung unter Abfindung der 
Geschwister nach dem Kaufwert. Denn die zurückbleibenden Übernehmer 
oder Käufer der Gebäude sind durch die Kleinheit ihres Erbes gezwungen, 
das Land der Abwandernden zu recht teueren Preisen zu kaufen oder zu 
pachten. Der einzige Unterschied von dem System der geschlossenen Ver- 
erbung liegt darin, dafs jede Wirtschaft bei jedem Todesfall, wenn mehrere 
Erben vorhanden sind, zertrümmert wird und die Grundstücke der „weichenden 
Erben" nicht demjenigen zufallen, der die elterlichen Gebäude übernimmt, 
sondern einer beliebigen andern Wirtschaft im Wege des Kaufs zuwachsen. 

Wenn thatsächlich daraus in unseren 4 Gemeinden — übrigens 
im Gegensatz zu anderen — nur in geringem Mafse Schulden hervor- 
gehen, so liegt dies gerade an den irrationell hohen ßodenpreisen. Die 
Meisten tragen Scheu, Land auf Kredit zu kaufen, weil es ganz unmöglich 
sein würde, die Zinsen aus dem daraus zu erzielenden Mehrertrage zu decken; 
meistens wird in 3 Zielen das Kaufgeld bezahlt. Man kauft deshalb regel- 
mäfsig nur, wenn Ersparnisse dies ohne Gefahr zulassen. Deshalb sind 
auch in den Händlerdörfern, in die viel barer Verdienst von aufsen herein- 
fliefst, durch die daraus entstehende starke Landnachfrage die Kaufpreise 
durchweg höher als in den rein landwirtschaftlichen Gemeinden. 

Die Mehrzahl der nachwachsenden Generation verläfst zwar dauernd 



x ) a. a. 0. S. 501. 



Die Folgen der Kealteilung. 97 

die Heimat, aber nicht wenige lassen sich nach Jahre langer Abwesenheit 
mit dem, was sie draufsen erübrigt haben, im Heimatsdorfe nieder. So ist 
der Zuwachs der oben erwähnten kapitalbesitzenden oder doch schuldenfreien 
Kleinbauern „ohne Nebenerwerb" zu erklären. Andere, Familienväter und 
junge Burschen, ziehen Jahr aus Jahr ein füi den Sommer von den An- 
gehörigen weg und verbringen nur den Winter daheim, die Burschen etwa 
bei ihren Eltern oder Geschwistern, in deren Häuschen ihnen vom Yater bei 
der Vermögensübergabe ein Insitzrecht vorbehalten worden ist. Haben sie 
genug draufsen verdient, so heiraten sie und lassen sich vielfach zu Hause 
nieder. 

Der Postverwalter von Kennerod teilt mit, dafs in seinem Bezirke 
während der Monate Mai bis September auf ca. 5000 Einwohner monatlich 
ca. 25 000 M zur Auszahlung gelangen, die von auswärts arbeitenden männ- 
lichen Familiengliedern erspart sind. Hauptsächlich sind es Hausierer, Maurer, 
Kaminbauer, Stuckateure, Zimmerleute u. dgl., die im Sommer in der Fremde 
sind. Rechnet man die Familie zu 5 Köpfen, so kommen im Durchschnitt 
25 M monatlich auf die Familie, in 5 Monaten 125 M; eine immerhin be- 
trächtliche Summe, die freilich durch die, weiter unten zu besprechenden, 
schädlichen sozialen und sittlichen Folgen dieses Nomadentums teuer er- 
kauft sind. 

In ganz analoger Weise werden die Verhältnisse im Dillkreise geschildert: „Der öst- 
liche Teil des Dillkreises sendet in so grofser Anzahl Arbeiter vom Frühjahr bis zum Spät- 
herbst in das Siegerland, dafs in einzelnen Gemeinden zeitweise ein Arbeitermangel eintritt 
und fremde Arbeiter herangezogen werden müssen. Der westliche Dillkreis, der "Wester- 
wald und der an den Westerwald grenzende nordwestliche Teil des Oberlahnkreises haben 
einen grofsen Überflufs an Arbeitskräften; deshalb gehen aus diesen Kreisen viele Arbeiter 
in die Industriebezirke des Rheinlandes und bleiben dort vom Frühjahr bis in den "Winter 
hinein, andere gehen als Händler ins Land 1 )." 

Über die Landgängerei macht ein Berichterstatter aus dem Unter- 
westerwalclkreise anläfslich der Landarbeiterenquete des Vereins für Sozial- 
politik folgende Mitteilungen: 2 ) „In der Regel kehren die Händler gegen 
Weihnachten mit bedeutenden Barschaften in ihre Heimat zurück. Man 
macht schon lange die Beobachtung, dafs in den Orten, aus welchen sich 
eine Anzahl solcher Hausierer rekrutiert, nach und nach bessere wirtschaft- 
liche Verhältnisse eintreten, da der Verdienst von den Kindern den Eltern 
zur allgemeinen Verwendung übergeben wird. Er wird benutzt zur besseren 
Herrichtung der Wirtschaft, wie zum Ankauf von Vieh, namentlich Kühen, 
zur Beschaffung von künstlichen Düngemitteln, zur Erhöhung der Ernten, 
zur Vergröfserung des Besitztums, auch zur Anlage bei Sparkassen." 

Nicht wenig trägt zu dem verhältnismäfsig günstigen Stande der Ver- 
schuldung auch die oben beschriebene ungemein genügsame Lebensweise 
der Bevölkerung bei. Die Dürftigkeit ihrer Gesamtlage tritt aber in dem 
grofsen Umfang des Konsumtions- und Notkredits zu Tage (Ziffer V und VII der 



x ) „Schriften des Vereins für Sozialpolitik 1 ' LIY. Die Verhältnisse der Landarbeiter 
in Deutschland. Bd. H, S. 27. 
2 ) a. a. O. 

Vererbung des ländlichen Grundbesitzes. II. Frankfurt a. IL « 



98 IL Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

letzten Tabelle) — in der ärmsten dieser Gemeinden (Salzburg) gehören nicht 
weniger als 44% der Gesamtverschuldung in diese Rubrik! Der Notkredit 
tritt meist in Form der Personalschuld auf. 

In der nachfolgenden Tabelle ist die Bewegung der' Hypotheken für 
die Jahre 1818 bis 1895, die der Eigentumsvorbehalte nur für die Jahre 
1850 bis 1895 gegeben worden. 

(Siehe nebenstehende Tabelle.) 

Nur die Hypothekenbücher reichen bis zum Anfang dieses Jahrhunderts zurück, 
während die Stockbücher, in denen neben den Hypotheken auch die Eigentunisvorbehalte 
verzeichnet werden, erst mit dem Anfange der 50er Jahre beginnen. Das dem nassauischen 
Rechte eigentümliche Institut der Eigentumsvorbehalte stellt ein mit dem Betrag des rück- 
ständigen Kaufgeldes zum Eintrag gelangtes Pfandrecht dar. Ob in einer Gemeinde, in Fällen, 
wo der Verkäufer seines Geldes nicht sofort bedarf, gegen „Vorbehalt des Eigentums" ver- 
kauft wird oder nicht, hängt von der Sitte ab. Aber auch wo sie besteht, beschränkt sich 
der wirtschaftliche Begriff der „Restkaufgelder" nicht auf die Eigentumsvorbehalte. Da in 
unseren Gemeinden ein Zwischenhandel in Grundstücken nicht üblich ist, sondern der Bauer 
meist selbst der Verkäufer von Land ist und sein Geld in der Regel bald braucht, so verkauft 
er gegen baar und verlangt die volle Summe, also ohne sein „Eigentum vorzubehalten", und 
der Käufer nimmt, wenn er nicht hinreichend vermögend ist, um den Kaufpreis decken zu 
können, von anderer Seite her eine Hypothek auf. Der gröfsere Teil der „Restkaufgelder" 
besteht daher nicht aus „Eigentunisvorbehalten", sondern aus Hypotheken im engeren Sinne. 
— Leider müssen trotz aller Vorsicht bei der grofsen Summe von Posten einzelne bezahlte, 
aber noch nicht gelöschte Posten übersehen worden sein, so dafs in einzelnen Gemeinden 
für den ganzen von der Tabelle umschlossenen Zeitraum eine höhere Verschuldungs^wwaÄme 
zu verzeichnen ist, als dem oben wiedergegebenen Stand der Verschuldung für das Jahr 1895 
entspricht. Indessen berühren diese Fehler nicht die Grundzüge des Bildes 

Aus den Schwankungen der Schuldeintragungen, die hier nicht ins 
einzelne verfolgt werden können, scheint folgendes hervorzugehen: Die Schuld- 
zunahme ist eine rasche bei steigenden Konjunkturen (hohen Bodenpreisen, 
starkem Besitz Wechsel) und erreicht in den 70 er Jahren ihren Höhepunkt. 
Bei sinkenden Preisen ist die Zunahme eine langsamere und verwandelt sich 
selbst in das Gegenteil (1820/30, 1880/90, 1890/95); die Ursachen sind starke 
Abwanderung und geringer freihändiger Besitzwechsel. In letzterer Hinsicht 
sind bekanntlich analoge Erscheinungen auch in den Grofsgüterdistrikten zu 
beobachten. Der Kleinbesitzer palst, sich aber in besonders beweglicher Weise 
den Marktverhältnissen an. Er kauft sich an und erwirbt Land in guten 
Zeiten, dagegen wird er vorsichtiger im Bodenankauf und schickt seine Kinder 
in die Industrie oder wandert selbst als Hausierer ins Land, wenn der Er- 
trag des Grundbesitzes sinkt und der Ausfall in der Landwirtschaft durch 
Nebenerwerb gedeckt werden mufs. 

Immerhin ist eine Abnahme der Verschuldung nur in einer der auf- 
geführten Perioden eingetreten. Das mit Schwankungen fortschreitende An- 
tvßchsen der Eealverschuldung durch einen Zeitraum, der mehrere Generationen 
umschliefst, scheint nicht durch eine Umwandlung der Personal- in Hypotheken- 
schulden veranlafst zu sein, so dafs also auch von einer entsprechenden Ver- 
minderung der ersteren nicht gesprochen werden kann. Vielmehr ist nach- 
zuweisen, dafs die Zunahme, der Personalschulden eine noch stärkere war 



Die Folgen der Realteilung. 



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100 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

als die der Hypotheken, was bei der fortgesetzten Erleichterung des Per- 
sonalkredits nicht weiter verwunderlich ist. 

Es erübrigt, an dieser Stelle näher auf die Art und Weise der Kredit- 
beschaffung einzugehen. Folgende Bemerkungen mögen genügen: 

Die verhältnismäfsig starke Entwicklung des Personalkredits ist« dem 
ganzen Gebiet eigentümlich und hängt, abgesehen von den oben S. 54 — 55 
hervorgehobenen Einflüssen, einerseits mit der Verquickung von Industrie 
und Landwirtschaft, andererseits mit der geringen Beleihungsfähigkeit der 
kleinsten Stellen zusammen, deren Wert überwiegend im Hausbesitz besteht 
und bedeutenden Schwankungen unterliegt. 

Die Kleinbauern sind wie in allen Parzellierungsdistrikten überwiegend 
Schuldner fremder Personen. Das von Verwandten entliehene Geld macht 
einen minimalen Bruchteil der Gesamtsumme aus. 

Die Hypothekenschulden sind meist bei der Nassauischen Landesbank 
in Wiesbaden und öffentlichen Fonds, zum Teil auch bei Kreditgenossen- 
schaften kontrahiert. Von Nachbarn sind, abgesehen von der reichsten Ge- 
meinde Waigandshain (33 °/ der Gesamt-Hypothekenschuld dieses Dorfes) nur 
geringe Posten auf Hypotheken entliehen, wesentlich mehr auf Handschein. 
Von den Personalschulden sind in den 4 Dörfern 21, 39, 14 und 29°/ bei 
Bauern, Gastwirten, Privatbeamten des Ortes und der Umgebung kontrahiert, 
40, 22, 38 und 59% bei Genossenschaften und Sparkassen, 21, 31, 39 und 
1 1 °/o bei Kaufleuten, Krämern und Viehhändlern. 

Der Zinsfufs beträgt für Hypothekenschulden meist 4 und 5 %> für 
Personalschulden ganz überwiegend 5 °/ . 

Die noch heute thatsächlich bestehenden Hypothekenschulden sind über- 
wiegend in den letzten 25 — 30 Jahren zur Eintragung gelangt, 



Die wirtschaftlichen Verhältnisse der 4 Gemeinden konnten an dieser 
Stelle nur skizzenhaft wiedergegeben werden. Aber die Darstellung dürfte hin- 
reichend gezeigt haben, wie falsch es ist, die Verschuldungsverhältnisse der 
Landwirte nach grofsen Durchschnittszahlen zu beurteilen, wie wenig ver- 
gleichbar eine Schuldenstatistik aus dem Gebiete des Parzellenbesitzes mit 
einer solchen aus grofsbäuerlichen Distrikten ist, und wie traurige Wir- 
kungen die Kealteilung im Gebirge gehabt hat. Bauernwirtschaften, die 
ihren Besitzern eine auskömmliche Nahrung gewähren, sind nur noch in 
geringer Zahl vorhanden, 4 / 5 aller Güter stehen unterhalb dieser Grenze, 
rund 1 / 3 aller Familienväter sieht sich gezwungen, auf Wochen und Monate 
alljährlich die Familie zu verlassen, um Brot zu schaffen, ganze Dörfer 
haben sich dem in sittlicher und sozialer Hinsicht wenig erfreulichen Hausier- 
handel ergeben. 

Trotz mangelnden Nahrungsspielraums in der Heimat schreitet die Ver- 
kleinerung der Besitzungen ununterbrochen fort, die Verschuldung wächst, 
etwa 1 / 3 aller Besitzer ist als überschuldet anzusehen und kann sich nur 



Die Folgen der Realteilung. 101 

dadurch halten, dafs sie von ihren auswärts thätigen Angehörigen unterstützt 
werden. 

Die Darstellung kann als typisch für weite Gebirgskreise angesehen 
weiden; denn sie umschliefst neben einem Händlerdorf je eine der besten, 
der mittelguten und der besonders armen Landgemeinden. 

Die Besitzverteilung ist die allgemeine des Westerwaldes (vergl. oben 
S. 15), und die Gelegenheit zu Nebenverdienst dort überhaupt spärlich. 

Selbstverständlich steht es in den frachtbaren, Verkehrs- und industrie- 
reichen Gegenden wesentlich besser. Schon die allgemeine Verschuldungs- 
statistik (vergl. oben S. 81) deutet darauf hin. Das Amtsgericht Bocken- 
heim schreibt : „Die bäuerliche Bevölkerung ist im allgemeinen als wohl- 
habend zu bezeichnen. Sie zeichnet sich durch Fleifs und Sparsamkeit aus 
und ist eifrig bemüht, nicht nur den Grundbesitz zu erhalten, sondern auch 
zu vermehren. Anstatt, dafs die Landbewohner ihre Ersparnisse auf einer 
Sparkasse oder sonstigen Bank unterbringen, verwenden sie dieselben zum 
Ankauf von Grundstücken, so dafs geradezu ein Wettbewerb im Erwerbe 
von Grundbesitz herrscht". Immerhin bezeichnet ein so sachkundiger Be- 
obachter wie das Direktionsmitglied der Nassauischen Landesbank J. Kessler 1 ) 
den „gesamten Kleingrundbesitz" des Regierungsbezirks Wiesbaden als „über- 
aus stark verschuldet". „Wenn der Hypothekenkredit erschöpft ist, mufs häufig 
noch Personalkredit in Anspruch genommen werden, um ererbte Schulden, 
fällige Güterziele zu zahlen. Auch zur Zahlung von Hypothekenzinsen wird 
häufig Personalkredit in Anspruch genommen, um diese Schuld nach und 
nach aus Yerdienst abtragen zu können. Das landwirtschaftliche Versiche- 
rungswesen ist . . . bei der kleinbäuerlichen Bevölkerung zumal in den 
ärmeren Gegenden sehr wenig ausgebildet; man hat in der That vielfach 
kein Geld für regelmäfsige Prämien und nimmt lieber Notkredit in Anspruch, 
wenn durch Viehseuchen, Feuer und Hagel Schäden entstanden sind." 

Allerdings ist dank der ausgezeichneten Kredit-Organisation „der ge- 
werbsmäfsige Wucher, unter welchem die Bevölkerung in den 50 er Jahren 
schwer gelitten hat, aus einer Reihe von Bezirken gänzlich verschwunden, 
in andern auf Ausnahmefälle beschränkt." 

7. Die Wohnungsverhältnisse der Kleinbauern. 

Ein charakteristisches Merkmal für die Gesamtlage der Kleinbauern 
in unserm Gebiet bildet die Art und Weise ihrer Behausung. Neuere Er- 
hebungen über diesen Gegenstand fehlen. Aber in der schon erwähnten 
nassauischen landwirtschaftlichen Enquete der 30 er und 40 er Jahre findet 
der „Zustand der ländlichen Gebäude" eine eingehende Darstellung, die noch 
heute im ganzen zutrifft. Die Beschaffenheit der kleinbäuerlichen Wohnungen 
wird als gut nur für das wohlhabendere Lahn- und Maingebiet bezeichnet, 
dagegen werden aus den Gebirgsgegenden aus dem Taunus und Westerwald, 
Zustände mitgeteilt, die an die der grofsstäd tischen Arbeiterquartiere erinnern. 



l ) Schriften des „Vereins für Sozialpolitik", Bd. 74, S. 14. 



102 II. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

Eine kurze Skizze des Innern eines Wohnhäuschens aus dem Teile des ehe- 
maligen Herzogtums Nassau, in dem sich die wohlgebautesten Dörfer finden (ehemaliges 
Amt Limburg), sei hier wiedergegeben : x ) „Der untere Stock enthält die Hausflur, die Wohn- 
stube oft mit Kammer und die Küche. Eine mehrere Stufen hohe Treppe führt aus 
derselben in die Stube, welche auch in den wohlhabendsten Dörfern kein Luxus verratendes 
Mobiliar enthält. Em Tisch von Eichen- oder Tannenholz, oft aus dem vorigen Jahrhundert, 
Stühle von gleicher Beschaffenheit, längs der Wände Bänke, in den Ecken verschliefsbare 
Schränke und in der Höhe einfache Schafte zum Aufstellen kleiner Hausgeräte sind die Aus- 
stattung einer solchen ländlichen Stube . . , Der zweite Stock des Hauses enthält neben einer 
der Wohnstube entsprechenden Oberstube mehrere Kammern, die zu Schlafstätten und zum 
Bewahren des Hausgerätes dienen." 

Anders lauten die Schilderungen aus den Gebirgsgegenden. Schon die ganze Bau- 
weise ist anders. Die Gebäude und Hofraiten liegen unregelmäfsig neben-, vor- und hinter- 
einander. Nur eine Feuersbrunst, die meist das ganze Dorf niederlegt, veranlafst eine regel- 
mäfsigere Bauart und ein freundlicheres Ansehen der Dörfchen. Und wie die Gesamtanlage 
so auch das Innere: „Die Häuser sind, bis auf ganz wenige Ausnahmen, zweistöckig, ge- 
wöhnlich nur mit zwei Stuben versehen, von welchen die untere Wohn-, Schlaf-, Arbeits- 
und Speisezimmer zugleich ist, die obere hingegen zum Aufbewahren derjenigen Hausgerät- 
schaften dient, die man nicht jeden Tag in Benutzung hat u (Amt Herborn, Westerwald- 
gebiet). 2 ) „Die Eltern schlafen fast überall in der Wohnstube oder in der an dieselbe an- 
grenzenden Kammer, wenn sie nicht zu feucht und dumpf ist, die jüngeren Hausbewohner 
in dem im zweiten Stocke befindlichen Zimmer." (Amt Dillenburg, Westerwaldgebiet). 3 ) 
Ebenso lauten die Mitteilungen aus den rauheren Teilen des Taunus: „In einem kleinen, 
niedrigen, schwarzen und feuchten, wie auch nicht luftdichten Zimmer wohnt und schläft 
eine zahlreiche Familie beisammen. Hier liegt der Grofsvater und die Grofsmutter mit ein 
paar Enkeln in einem Bette, dort im andern der Vater und die Mutter mit erwachsenen 
Söhnen und Töchtern in Krankheitsfällen wie bei guter Gesundheit, während überdies bei 
durchdringender Kälte verschiedene Haustiere beim warmen Ofen hausen." 4 ) In der Be- 
schreibung des Amtes Königstein, das milde fruchtbare Thäler und rauhere Gebirgslagen um- 
fafst, werden die verschiedenen Zustände beider Teile gegenüber gestellt : 5 ) „Gröfsere Bauern- 
häuser haben im unteren Stocke gewöhnlich rechts und links von der Hausthüre zwei Stuben, 
die meisten aber nur eine, die in der Taunusgegend oft so niedrig ist, dafs die Gesundheit 
dabei leiden muls. In der Mainebene hingegen sind die Stuben verhältnismäfsig höher, heller 
und daher freundlicher. Überall wird auch die Wohnstube als Schlafstätte benutzt, und oft 
sind im gebirgigen Teile des Amtes zwei Betten darin anzutreffen, was bei den Ärmeren 
aus Mangel an Raum fast immer statt hat . . . Am öftesten ist in der Berggegend nur eine 
Stube des oberen Stockes wohnlich und leidlich eingerichtet, die anderen Gemächer sind 
manchmal nur mit Läden verschlossen. Im ebenen Teile des Amtes ist in der Regel 
der obere Stock freundlicher beschaffen; vielleicht verursacht dies die Nähe der Stadt, welche 
aber auch manches zur Folge hat, was weniger zusagt." 

Die Wohnungs Verhältnisse mögen sich seit Mitte des Jahrhunderts durch 
Anlage von Neubauten zum bessern geändert haben, grofs ist die Veränderung 
seit Abfassung der Schilderungen nicht gewesen. 

Auch in den kürzlich erschienenen Berichten der Geistlichen über 



*) Jahrbücher des landwirtschaftlichen Vereins im Herzogtum Nassau, Bd. XIV, Wies- 
baden 1847, S. 84 ff. 

2 ) a. a. 0. Bd. IX, S. 171, Wiesbaden 1836. 

3 ) a. a. 0. Bd. XII, S. 139, Wiesbaden 1842. 

4 ) a. a. 0. Bd. XHI, S. 78, Wiesbaden 1844. 
6 ) a. a. 0. Bd. XIII, S. 208, Wiesbaden 1844. 



Die Folgen der Realteilung. ■ 103 

die Sittlichkeitsverhältnisse der Landbewohner *) wird über den ungün- 
stigen Einflufs der schlechten Wohnungen geklagt. Aus dem ehemaligen 
Herzogtum Nassau liegen 14 Referate vor, davon äufsern sich acht über die 
Wohnungsverhältnisse, und von sieben wird „die Wohnungsnot als eine 
Hauptursache der Unsittlichkeit angesehen". „Oft ist nur ein einziger Schlaf- 
raum für Eltern und Kinder vorhanden; die kleinen Wohnungen lassen das 
Anstandsgefühl nicht aufkommen." 

Aber freilich haben die Bewohner der nassauischen Kleingüter-Distrikte, 
einschließlich der Berg- und Industriearbeiter, den Vorzug, meist im eignen 
Haus zu wohnen. 

Schi u fsbetraeh t ung. 

Bas Endurteil über die Wirkungen der Erbsitte mufs nach den vor- 
hergehenden Darlegungen verschieden lauten für die rauhen und unwirtlichen 
Gebirgslagen, für die Rebgegenden und für die fruchtbaren Niederungs- 
distrikte, in denen bei vorzüglichen Absatzverhältnissen der Unterhalt für 
eine Familie schon auf sehr geringer Bodenfläche gewonnen werden kann und 
Bergbau und Industrie mit der Landwirtschaft aufs innigste verknüpft sind. 
Wie die frühe städtische Entwickelung am Main die Zersplitterung des 
Grundbesitzes begünstigt hat, so hat sie die Nachteile der Zerstückelung 
vollständig ausgeglichen. Gröfsere Betriebe sind für die in der Nähe der 
Städte angebrachte Spatenkultur eher hinderlich als förderlich. Der mächtige 
industrielle Aufschwung, den Handel und Industrie in Frankfurt a. M„ Höchst, 
Wiesbaden und den kleinen Fabrikorten dieses Gebiets in neuerer Zeit ge- 
nommen haben, ist der Landwirtschaft unmittelbar zu gut gekommen. — 

Das gleiche gilt, jedoch in stark abgeschwächtem Mafse, vom Lahngebiet 
und den milderen Teilen des mit Badeorten durchsetzten Taunusgebiets. In 
dem schon öfters erwähnten Bericht über die allgemeine Lage der Land- 
wirtschaft des im Lahnthale gelegenen Gemeindebezirks Mensfelden, wo 
alle Getreidearten gedeihen, ein starker Gemüse- und Obstbau betrieben 
wird, und in deren Nachbarschaft sich eine ausgedehnte Industrie be- 
findet, heilst es: 1 ) „Die hier schon seit alten Zeiten eingeführte Yer- 
erbungssitte hat allerdings ihre Nachteile, aber auch ihre grofsen Vor- 
teile. Erstere bestehen darin, dafs der Grundbesitz aufser ordentlich par- 
zelliert und von geschlossenen Ortschaften aus bewirtschaftet wird. Alles 
dies erfordert nicht allein einen grofsen Zeit- und Arbeitsaufwand, sondern 
macht auch eine freiere Bewirtschaftungsweise des Bodens und die An- 
wendung von manchen verbesserten Kulturgeräten und Maschinen fast un- 
möglich. Die Vorteile sind verschiedener Art. Es mufs vor allen Dingen 
hervorgehoben werden, dafs die Güterteilung mehr dem Gerechtigkeitssinne 
entspricht, welches auf Sitten und Betragen der Bevölkerung von günstigem 
Einflüsse ist. Die sozialen Verhältnisse bewegen sich hier in weniger 



J ) Dithmar „Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse der evangelischen Landbewohner 
in der Provinz Hessen-Nassau." Leipzig 1896. S. 57. 
a ) a. a. 0. S. 511 und 512. 



104 n. Oberlandesgerichtsbezirk Frankfurt a. M. 

schroffen Gegensätzen. Der Grundeigentümer arbeitet mit seiner Familie 
ebenso gut wie der Handwerker und letzterer ist in den meisten Fällen 
wieder Grundeigentümer. Ist der Besitz desselben auch nur gering, so giebt 
dieser der Familie recht oft Gelegenheit zu nützlicher Nebenbeschäftigung. 
Die verschiedenen Klassen der Bevölkerung sind von einander abhängig und 
leben deshalb verträglich. Aufserdem ist die Landbevölkerung stets zu Fleifs 
und Sparsamkeit gezwungen und kann der Gröfsendünkel daher nicht auf- 
kommen. Wer aber diesem verfällt, dessen Vermögensverhältnisse sind bald 
zerrüttet, Schliefslich ist hier reichlich Gelegenheit geboten, selbst für kleine 
Ersparnisse Grundstücke zu erwerb